schwarzem Vollbarte und Haupthaare auf dem rohen Steinsitz seiner
Zelle, und hofft auf die Stunde der Freiheit, die doch nicht schlagen
sollte. Er grübelt und knirscht in verzweifelter Wut. Mächtige Freunde
hat er, die nicht dulden werden, daß einer ihres Standes dem Schwerte
verfallen soll, weil er sich selbst sein Recht gesucht. Den jungen
Prinzen ist kein Leid geschehen, das etwa mit Leib und Leben zu büßen
wäre. Das Fehderecht in seiner gerechten Sache gegen den Kurfürsten
ist gutes ritterliches Recht. Was gilt ihm das Freiberger Stadtrecht!
Die Tat geschah nicht im Banne des Freiberger Stadtrechtes! Kann
der Kurfürst als Kläger sich Recht und Richter selber wählen? Wird
der Kurfürst, welcher der Sanftmütige genannt wird, das Schwert
gebrauchen, obschon er einst sein treuer Diener war, will er die
Tat sühnen oder will er einen Feind vernichten? -- -- Er grübelt und
grübelt und dazu diese rabenschwarze Finsternis, diese Totenstille,
in welcher er lebendig begraben sich glaubt. Ist es Nacht, ist es
Tag, ist es Zeit oder ist es schon schaurige Ewigkeit? Er stöhnt in
verzweifeltem Grimm und schlägt die Faust sich blutig an den eichenen
Bohlen der schmalen Tür, doch nur die unbarmherzigen Ketten klirren. Er
brüllt wie ein verwundeter Bär, doch niemand hört ihn, niemand kommt,
ihn in die Freiheit zu führen. Vier Tage und Nächte vergehen so in
Nacht und Grauen, und als man ihn zum Lichte führt mit der Last seiner
Ketten, da führt man ihn zum Tode, da blitzt über seinem Nacken das
Schwert, sein Haupt rollt in den Sand. Die Tat hat ihre Strafe, die
Schuld ihre Sühne gefunden. Gerechtigkeit und Staatsklugheit reichen
sich die Hand und die Bänkelsänger ziehen durch die Märkte des Landes
und singen das Lied von Kaufungens Glück und Not und Ende, und später,
im Kasperletheater, erregt das Spiel vom Prinzenraub das Grauen und
Entzücken der Kinder. Ein altes Lied singt von ihm:
»Was blast dich, Kunz für unlust an,
daß du ins Schloß neinsteigest
und stiehlst die zarten Herren raus,
als der Kurfürst eben war net zu Haus,
die zarten Förstenzweige?
So geht’s, wer wider die öberkeit
sich unbesonnen empöret.
Wer es nicht meint, der schau an Kunzen
sin Kop tut zu Freiberg noch herußen schmunzen
und jedermann davon lernt.«
Ein schwarzer Stein mit verwischtem Kreuz liegt an der Stelle, wo sein
Haupt fiel, und ist seit Jahrhunderten eines der Wahrzeichen der
alten Bergstadt, die jeder wandernde Handwerksbursche und Zunftgenosse
als Ausweis seiner Ortskenntnis kennen und nennen mußte. Heute noch
speit auf den Stein jeder Schulbube, der vorübergeht: Er meint nach
alter Sage, es ginge ihm besonders in der Schule gut, wenn er zuvor
als braver Knabe dem Andenken des bösen schwarzen Raubritters und
Prinzenräubers seine Nichtachtung bezeigt hätte. 123 Jahre später, im
Jahre 1578, wurde das Rathaus von Andreas Lorentz »des Rats Steinmetz«,
mit einem Erker geziert. Aus dem Giebel schaut weit herausgereckt das
Haupt eines Geharnischten mit Eisenhaube mit trotzigen Mienen hernieder
auf den schwarzen Stein. Es soll Kunz von Kaufungen sein, der nach
seiner Richtstätte schaut und keine Ruhe findet, bis ihm Gerechtigkeit
nach seinem Sinne geworden.
Noch ein anderes Erinnerungsstück hält das Gedächtnis an Kunz
von Kaufungen den wechselnden Geschlechtern lebendig. Es ist die
Steigeleiter, welche er zur Tat benutzt hatte und welche seit jenen
Tagen im Rathause zu Freiberg aufbewahrt wird. Der untere kürzere Teil
befindet sich im Schlosse zu Altenburg. Die Beschaffenheit der Leiter
zeigt, daß es sich nicht um eine rasche Tat handelte, sondern mit
welcher kalten Überlegung und Sorgfalt lange vorher die Tat vorbereitet
und geplant war. In diesem Sinne mag sie in den Augen der Richter
besonders belastend und für das Urteil mit entscheidend gewesen sein.
Sie ist aus doppelt genähten, starken Ledergurten mit Holzsprossen
hergestellt und hat eine Länge von 7,50 ~m~ mit 30 Sprossen. Jede
Sprosse ist mit hölzerner Mutter sorgfältig von außen an den seitlichen
Gurten befestigt und gesichert. Mit jeder achten Sprosse sind fest zwei
Stützhölzer von etwa 20 ~cm~ Länge verbunden, durch welche die an der
Mauer hängende Leiter eine ziemliche Steifigkeit erhielt, so daß sie,
sich fest gegen die Wand stützend, genügend Abstand halten und auch ein
Hin- und Herschwanken und Pendeln vermeiden konnte. Drei Paare solcher
festen Sprossenstützen sind vorhanden.
Das obere Ende der Leiter ist durch ein Dreieck von Rundeisen an einem
eisernen Bügel oder Überwurf befestigt, der ähnlich einer festen
Klammer über die Fenstersohlbank des zu ersteigenden Fensters geworfen
wurde und sich dort fest einbiß. Dieser Klammerbügel ist jedoch lang
genug, daß das obere Leiterende entsprechend den Sprossenstützen im
Abstand von der Mauer gehalten wurde, um ein bequemes Steigen mit Hand
und Fuß zu ermöglichen. Es ist eine Arbeit raffinierter Überlegung und
Erfahrung, an welcher lange gearbeitet ist, um nur nicht etwa an einem
technischen Mangel den kühnen Plan scheitern zu lassen. -- --
An den gotischen Spitzbögen der oberen Ratsdiele befinden sich noch
zwei andere Zeichen mittelalterlicher Rechtspflege. Es sind zwei große,
schwärzliche Steine von halbkugeliger Form mit einem scharfkantigen
Eisenringe. Auf dem Stein ist das Bild zweier zänkischer Weiber zu
erkennen, die sich gegenseitig die Haare raufen. Sie stehen in steifer
Haltung mit erhobenem Arm nebeneinander in ihrer Renaissancetracht, --
roter, langer Rock, weißem Mieder und schwarzer Jacke mit Puffärmeln
-- und rollen mit den Augen. Im Bautzener Stadtmuseum befindet sich
ein ähnlicher Stein in Form einer runden Pilgerflasche und daher
»Büttelflasche« oder auch »Graue Suppe« genannt. Sie trägt die
Umschrift: »Mägde und Weiber, die sich schlagen, müssen diese Flasche
tragen.« Dieser Widmungsspruch erklärt auch unsere Steine dort oben.
Mit ihnen, den Prangersteinen, am Halse wurden vom Stockmeister
oder Büttel zänkische Weiber auf dem Markte an den Pranger gestellt.
Der eiserne Ring von 29 ~cm~ Durchmesser konnte bequem über den
Kopf gestreift werden. Der Stein ist aus Granit zurechtgehauen und
glatt bearbeitet. Auf der Rückseite ist eine Höhlung für den Busen
der Delinquentin herausgearbeitet. Das Gewicht beträgt 25 Pfund. In
der rückwärtigen Höhlung des einen Steines ist, von grünen Zweigen
eingerahmt, folgende Inschrift angebracht: Renoviret im Jahre Christi
1769 auf Anordnung Tit. Herrn Stadtr. Gottlob Hieron. Waegers durch
Joh. Gottlob Blöden. Stockmeister.
Dieser Stein war also schon vor mehr als 150 Jahren durch fleißigen
Gebrauch so abgenutzt im Laufe von vielleicht 200 Jahren, daß er im
Anstrich und Malerei neu aufgefrischt werden mußte. Der Stockmeister
hat sich mit großer Liebe und Sorgfalt, wie die saubere Inschrift
beweist, dieser Aufgabe unterzogen und sich selbst dabei mit verewigt.
Er glaubte wohl sicher, daß dieses drastische Erziehungsmittel
holder Weiblichkeit zur Friedfertigkeit, das zugleich eine derbe
Volksbelustigung von Rechtswegen war, noch lange sich seiner
Beliebtheit erfreuen würde. Abgesehen von der demütigenden Wirkung
und moralischen Pein, bedeutete diese Strafe auch körperlich eine
Qual, denn der Druck des scharfkantigen Ringes im Nacken und auf den
Schultern, dazu das schwere niederziehende Gewicht des Spottsteines,
mehrere Stunden hindurch die Roheit und Gehässigkeit und niederen
Leidenschaften des Pöbels dazu, mochten fast unerträglich gewesen sein.
Es mochte ein eigenartiges für unser heutiges Empfinden abstoßendes
Volksschauspiel abgegeben haben, wenn solche unholde Unglückliche
entweder allein oder paarweise sich gegenüberstehend, mit ihrem
schweren Halsschmuck geziert, mit Schimpf und Schmutz, faulen Eiern
und anderen übelriechenden Dingen beworfen wurden, und wenn sie dann
ihre losen, scharfen, schimpffertigen Zungen mit mittelalterlicher
Deutlichkeit und Schlagkraft gegeneinander und gegen ihre Angreifer
rücksichtslos gebrauchten, ein Wettkampf der Bosheit und giftiger
Leidenschaften, der wohl schwerlich zur Hebung und Läuterung des
sittlichen Empfindens beitragen konnte. Der derbe Volkswitz wird dabei
manche kräftige Blüte getrieben haben, die unserem heutigen Empfinden
vielleicht etwas zu urwüchsig erscheinen würde. Der erzieherische
Wert der Strafe für die Gestraften und das Volk mag nur gering
gewesen sein. Zweifellos sind diese echten alten Prangersteine im
Freiberger Rathause wichtige und interessante Zeugen alter Rechtspflege
und Strafauffassung. Was könnten diese Zeugen wohl berichten von
menschlicher Schuld, Tücke und innerer und äußerer Qual! -- --
Das Obergeschoß des Rathauses war einst eine einzige große Halle,
an deren Westende das Archiv und die alte Gerichtsstube, jetzt
Stadtverordnetensaal, am Ostende die frühere Kommissionsstube, jetzt
Ratssitzungszimmer sich befanden. Alle anderen Räume und Flure,
vierzehn an der Zahl, welche jetzt die alte Halle einnehmen, sind erst
später durch Einziehen von Wänden und Decken eingerichtet worden. Diese
einstige große Ratshalle hatte eine Breite von 16½ ~m~ und war von
der Marktseite und Burgstraßenseite her durch stattliche Fenster gut
beleuchtet. Die hohe, buntbemalte, hölzerne Balkendecke wurde durch
sechs gotische Spitzbögen auf fünf kräftigen, kurzen Pfeilern von
Grillenburger Sandstein getragen, so daß die mächtige Halle in zwei
gleich breite Schiffe getrennt wurde. Das Schiff an der Marktseite
zwischen Kommissionsstube und Gerichtsstube hatte 28½ ~m~ Länge,
während das nördliche Schiff an der Burgstraße die ganze Ausdehnung des
Rathauses mit 50 ~m~ Länge einnahm. Dieser gewaltige Saal, in dessen
Mitte die Spitzbögen mit ihren starken Pfeilern wie im wuchtigen Gange
einherschritten und den aufstrebenden elastischen Schwung ihrer Linien
zur Decke emportrugen, mit seinen bunten Farben, Gemälden und dem
Schmucke von Waffen, Schilden, Panzern, Sturmhauben, Harnischen, Fahnen
u. dgl. muß eine starke Raumwirkung gehabt haben, die anderen berühmten
Rathaussälen wohl gleich kam, oder sie vielleicht gar übertraf.
Hier vereinte sich das ganze festliche Leben der reichen Silberstadt
und brachte glanzvolle Tage und Nächte, deren malerische Wirkung und
derbe Fröhlichkeit wir uns nur schwer vorzustellen vermögen.
Hier hielt 1512 Herzog Heinrich seine Hochzeit und den Hochzeitstanz
ab. Welche Pracht der Gewänder, kostbarer Stoffe und herrlicher
Schmuckstücke mag da entfaltet worden sein. Hier gab der Rat den
Fürsten, die in Freiberg residierten oder zu Gaste waren, üppige
Prunkmähler, hier feierten die stolzen Patrizierfamilien ihre
Feste, weswegen der Saal auch das »Tanzhaus« hieß, hier fanden die
Bergknappschaftsfeste statt, welche alle Männer vom Leder, den
Oberberghauptmann mit Berggeschworenen und Knappen, den reichen
Silberherren und den armen Bergjungen zu gemeinsamer Feier bei reichem
Mahle, gutem Trunke und schließlich fröhlichem Tanze vereinten.
Hier fanden auch Theateraufführungen fahrender Künstler und die
Festspiele des Gymnasiums statt. Längst sind die Feste verklungen, die
Fröhlichkeit verrauscht, die Blumen verwelkt und Nelkenkränze verdorrt.
Andere Zeiten kamen, nüchtern, sachlich, kalt und sorgenschwer,
in denen die Fröhlichkeit andere Stätten suchte, der Sinn der
Zusammengehörigkeit auch in der Freude wie bei der Arbeit zersplitterte
und sich nach hie und da verkroch. Die Handwerker kamen, nahmen die
Waffen und allen Zierrat von den Wänden und bauten in den herrlichen
Saal Zimmer auf Zimmer ein, mauerten drei Bogenöffnungen zu, so daß aus
dem fröhlichen Tanzhaus, aus dem ernsten Rüsthaus mit seinen Waffen zu
Schutz und Trutz, ein nüchternes Geschäftshaus oder Verwaltungsgebäude
wurde. Nur die Feder und das Wort sind die Waffen, die hier noch
geführt werden. An die Stelle von Tanz und lauter Fröhlichkeit ist
stille Emsigkeit, treue Arbeit und unermüdliche Pflichterfüllung im
Dienste der Allgemeinheit getreten.
Nur die Ratsdiele ist vom alten fröhlichen Saale noch übrig geblieben.
Durch zwei Fenster wird sie beleuchtet mit tiefen Nischen der starken
Mauern, in denen Banksitze Platz gefunden haben. Eine schwere,
spätgotische Sandsteinbrüstung grenzt die Öffnung der von unten
aufsteigenden Treppe ab. Stumm schauen die Gestalten der sächsischen
Fürsten in Lebensgröße von den Wänden hernieder.
Mit Panzer oder seidenen Prachtgewändern bekleidet, mit Hermelinmantel,
mit Schwert oder Feldherrnstab in der Rechten, sind diese stolzen
Herren und Herrscher charakteristische Vertreter ihrer Zeit mit
allen ihren Vorzügen und Schwächen. Mag einzelnen Bildern die letzte
Meisterschaft fehlen, so sind sie doch ein künstlerisch und historisch
wertvoller Besitz und Schmuck des Rathauses, welchen die Jahrhunderte
seit Herzog Heinrich d. Frommen (1505 bis 1544) zusammengetragen und
sorgfältig bewahrt, gehegt und gepflegt haben. Vierzehn Fürstenbilder
hängen auf der Rathausdiele, sechs im Stadtverordnetensaale. Es ist
ein gutes Stück sächsischer und deutscher Geschichte, die an uns
vorüberzieht, wenn wir der Zeiten und Geschicke jener Männer und
Frauen gedenken. Dort Johann Georg I. und seine Gattin, die Kurfürstin
Sibylla Magdalena, haben die furchtbare Prüfung des dreißigjährigen
Krieges über ihr Land dahinbrausen sehen. In ganzer Figur am Tische
stehend trägt er ein grünseidenes Prachtgewand. Dunkel ist sein Haar
und Spitzbart. Drei Jahre vor Ausbruch des großen Krieges hat ihn
und auch seine Gattin, eine blonde anmutige Frau mit schönem weißem
Spitzenkragen, gleichfalls mit einem grünen, prachtvoll geschmückten
Seidengewand angetan, sein Hofmaler Johann Gerhardt, in voller
jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt.
Dort das Bild des Kurfürsten Johann Georg III., des Türkensiegers mit
rötlichblondem, lockigem Haar und Schnurrbart, der an der Befreiung
Wiens durch die Schlacht am Kahlenberge am 12. September 1683 so
ruhmreichen Anteil hatte. Zur großen Siegesbeute jener Schlacht
gehörten bekanntlich große Mengen Kaffee. Der Genuß des Kaffees, die
Entwicklung des »Wiener Kaffees« datiert aus jener Zeit, und auch die
besonderen engen Beziehungen des Sachsen zum Kaffee mögen in jenem
Siege ihres Kurfürsten ihren Ursprung gehabt haben. Er ist in Rüstung
mit malerisch zusammengefaßtem Hermelinmantel dargestellt und weist mit
dem Feldherrnstab auf den Feind. Eine Kanone mit dunklem, drohendem
Rohr spricht von seinen Schlachten.
Dort ist August der Starke in dunkler Rüstung mit blauem Samtmantel
und dem Bande des Weißen Adlerordens. Welche Fülle von Bildern,
Vorstellungen und Geschichten tritt uns vor das geistige Auge, wenn wir
seinen Namen hören und ihn im Bilde in seiner etwas theatralischen
Haltung betrachten. Mag er ein großer Egoist gewesen sein, ein
Genießer von besonderem Ausmaß, so ist doch seine Prachtliebe, sein
Sammlungseifer, seine Kunstfreude, seine Baulust für die Entwicklung
und Befruchtung der Kunst in Sachsen und insbesondere Dresden
von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Durch ihn wurde Dresden zum
Elbflorenz. --
Dort fällt uns ein Bild ganz anderer Art durch seine Farbenpracht in
die Augen, das Bild des Königs Anton, der 1827--1836 regierte, ein
König der Biedermeierzeit. Er ist ein kleiner Mann mit gemütlichem
aber doch ernsthaftem Gesicht, dem man glaubt, daß er kein Feind des
Schnupftabaks und eines guten Rotspohns, aber mit Maßen und gehöriger
Würde und Herablassung ist. Er trägt einen scharlachroten Frack mit
schwefelgelber Weste und breitem, grünem Ordensband und dazu hübsche,
enge, mattblaue Hosen und hält in der Hand einen großen zweispitzigen
Federhut mit mächtiger Feder. Er sieht aus wie der König im Bilderbuch,
und, hätte er den schönen Federhut auf, würde er einem der schönsten
Papageien mit großem Schopfe im Zoo gleichen. -- Ist es erst wirklich
hundert Jahre her, daß sich ein König so verewigen ließ? oder ist es
nicht doch etwa ein König aus Biedermeiers buntem Bilderbuch? Das
fröhliche gemütliche Bild lacht als lustiger Farbenfleck in die ernste
Ratsdiele so leuchtend herunter, wo so viel Sorgen und schwere Gedanken
hin- und hergetragen werden, daß mancher mit Lächeln zu ihm aufsieht,
ihm zunickt und denkt: Du bunter Vogel, wie kamst du hierher aus dem
lustigen Märchenbuch. »Es war einmal ein König, der hatte einen ...?« --
Die wertvollsten Gemälde der Fürstengalerie hängen im
Stadtverordnetensaale. Es sind die Bilder Herzog Heinrichs des
Frommen, des Kurfürsten Moritz, des Kurfürsten August und seiner
Gemahlin Anna.
Herzog Heinrich der Fromme, der Freund und Gönner Freiberger Art und
Bürgertums, der Gründer Marienbergs, zeigt sich in seiner waffenfrohen,
ja waffenklirrenden Art. Es ist eine feste Mannesgestalt, der Herzog
Heinz, der da vor uns steht, mit braunem Vollbart und Haupthaar. Er
ist schwer gepanzert mit Kettenringkragen, Brust- und Beinharnisch.
Die Panzerschuh und Panzerschilde an den Knien sind vergoldet. Im
rechten Arm liegt ihm ein gewaltiges, bloßes, zweihändiges Schwert,
mit großem, goldenem Griff hoch an der Brust, das fast so groß wie der
Herzog selbst ist. Die linke Hand hält er am Griff eines zweiten, an
der linken Seite hängenden Schwertes, und an der rechten Seite trägt
er noch einen Dolch. Waffen und Kanonen waren seine Leidenschaft, und
im Zeughaus des Schlosses Freudenstein unter seinen schönen blanken
Bronzekanonen mit ihren Bildwerken und anzüglichen Sprüchen sein
liebster Aufenthalt. Einen kräftigen Trunk unter seinen ehrenfesten
Bürgern in der Ratstrinkstube, oder auch ein fröhliches Schützenfest
mit eigenhändigem Armbrustschießen nach der Scheibe, eine weidgerechte
Jagd in den Wäldern des Gebirges verschmähte er jedoch nicht. Sein
Mohr und sein großer englischer Windhund durften jedoch nicht fern
sein. Dafür hatte jedoch sein Kanzler Freydiger desto mehr Mühe, ihn
zum Schreiben zu bringen, und wenn es nur eine einfache Unterschrift
war. Lieber ein zweihändiger Riesenflamberg in beiden Händen, als einen
Gänsekiel zwischen den Fingern einer Hand! -- Heinrich hatte jedoch
mehr noch als kriegerischen Mut, er hatte Bekennermut und seelische
Kraft. Trotz des grimmigen Drohens und Schnaubens seines mächtigen
Bruders Georg schaffte er Luthers Lehre freie Bahn in Freiberg
und ließ sich auch durch Versuchungen nicht in seiner Treue und
Festigkeit erschüttern. Als Herzog Georg mit Zorn und Gewaltdrohungen
nichts bei ihm erreichte, versuchte er’s mit schlauer Überredung und
Bestechung: Er schickte Gesandte an Heinrich, um ihm sein Herzogtum
als Erbe anzubieten, falls er wieder zur alten päpstlichen Lehre
sich wenden wollte. Der Chronist sagt: »Die Gesandten wiesen auf
die Fürtrefflichkeit des Landes und großen vorhandenen Vorrates an
Silberkuchen, baren Gelde, Golde, Kleinodien und vielen köstlichen
Zierrathe hin ohne ihn bewegen zu können.« Heinrichs Antwort lautete:
»Es gemahne ihm ihr fürbringen nichts anders, als da der Satan dem
Herrn Christo alle Reichthume und Herrlichkeiten der Welt zeigete und
zu ihm sagete, dieses alles will ich dir geben, so du niederfällest und
mich anbetest, welches er nimmermehr thun, noch seinen Herrn Christum
um des Zeitlichen willen verraten würde, wenn er auch gleich mit seiner
Gemahlin an einem Stäblein betteln aus dem Lande gehen sollte!«
Er liebte sein Freiberg, in dem er seit 1506 fast 35 Jahre Hof gehalten
und ließ in sein Testament als letzten Willen schreiben, »er hette die
Freyberger in aller Trew und Gehorsam gegen Gott und ihm befunden,
drumb wolte er auch bey denselben ruhen und schlaffen«. Unter ihm und
seiner milden aber starken Hand hat Freiberg wohl seine glücklichste
Zeit erlebt.
Unruhige Jahre kamen unter der Herrschaft seines Sohnes, des Kurfürsten
Moritz, dem Sachsen viel zu enge war, der mit hochfliegenden Plänen
sich trug, und dem Religion mehr ein Mittel der Politik und hohen
Ehrgeizes war. Vielleicht wären seine Pläne zum Wohle des Reiches
gewesen, wäre er nicht zu früh, erst 32 Jahre alt, dahingerafft.
Welchen Lauf hätte wohl ohne den heimtückischen Schuß die
Weltgeschichte genommen? Vielleicht wäre Deutschland der dreißigjährige
Krieg erspart geblieben.
Dort aus dem Bilde neben seinem Vater schaut uns im Schmucke seines
rötlichen Vollbartes sein edler, ernster, länglicher Kopf mit klugem,
festem Blicke an. Man fühlt, daß hier ein Besonderer steht und den
Feldherrnstab in der Hand trägt. Er ist mit einem Panzer von dunkler
Farbe und gelber Feldbinde darüber gerüstet. Ist es derselbe schwarze
Panzer, den er in der Schlacht von Sievershausen trug, als ihn am
9. Juli 1553 der meuchlerische Schuß von hinten traf, der Panzer, der
nun schon Jahrhunderte im Dome zu Freiberg sich befindet? Die bei
Sievershausen erbeuteten Fahnen dort im Dom, von denen fast nur die
Schäfte noch mit wenig Resten, Fetzen und Fasern übrig sind, wissen
zu erzählen von jener Schlachtennot und frühem Schlachtentod, durch
den Deutschland seiner besten Hoffnung mit beraubt wurde. Der uralte
deutsche Mythos vom blinden Hödur, der den lichten Baldur durch
heimtückischen Schuß tötet, wird immer wieder neu und wahr bis in die
neueste Zeit. Dieser Mythos ist der Mythos von Deutschlands Schicksal
und Leid. --
Die Bilder des Kurfürsten August und seiner Gattin Anna stammen von
Lukas Cranach d. Jüngeren. Sie sind in schwarzer, spanischer Tracht
mit vollendeter Kunst gemalt. August trägt ein reiches, mit Gold
gesticktes Wams mit schwarzem, goldgesticktem Mantelkragen darüber
und enganliegende hohe, schwarze Strümpfe. Die Hand hält er links am
Degengriff. Nichts Kriegerisches liegt in dieser Erscheinung, sondern
mehr von einem eleganten Hofmann. Sein rötlichblonder Vollbart ist kurz
geschnitten und gepflegt. Auf seinem Haupte trägt er eine eigenartige
Kopfbedeckung, die etwa einer weichen, hohen Bergmannskappe gleicht.
Seine Gattin ist auch in Schwarz gekleidet. Das ganze untere Drittel
des Kleides, die Puffärmel und der Latz, sind reich in Gold gestickt.
Ihr helles, rötlichblondes Haar legt sich glatt gescheitelt über Haupt
und Schläfen und ein kleines Barettchen mit Feder deckt rechts den
Scheitel. Mit rührend schlichter, steifer Haltung steht sie da, hat die
Hände zusammengelegt und schaut mit blassem, kindlichem Blick auf den
Beschauer, wie eine Konfirmandin, die auf ihren Pfarrer lauscht.
Der Hintergrund beider Bilder, die als Gegenstücke gemalt sind, ist
ein großer hellgehaltener Fensterbogen, durch welchen der helle Himmel
hineinschaut, vor dem die schwarzen Gestalten stehen.
Das also ist »Vater August« und »Mutter Anna«, der kluge Volkswirt und
Haushalter seines Volkes und die treue Landesmutter neben ihm! Wie so
ganz anders stellt man sich dieses Fürstenpaar vor, als hier auf diesen
Cranachbildern! Nicht modisch elegant mit sattem, zufriedenem, geistig
unbedeutendem Antlitz wie er es zeigt, nicht geistig so unentwickelt
und schüchtern und leer, wie sie sich stellt, nein, als tatkräftige,
geistig bedeutende Persönlichkeiten, denen der geistige Adel und
das tüchtige Wollen und Können von der Stirne und aus den Augen
leuchtet. Nein, da sind die Bronzedenkmäler von Carlo de Cesare in der
Begräbniskapelle des Domes doch schöner, überzeugender und vielleicht
auch trotz aller Steigerung doch noch wahrer als hier, wo mehr der
körperliche als der geistige Mensch gegeben ist. --
Neben dem Stadtverordnetensaale, dessen alte Holzdecke von zwei
gewaltigen gotischen Unterzugbalken mit reicher Profilierung getragen
wird, liegt das alte gewölbte Urkundenarchiv. Durch einen gotischen
Türbogen mit tiefen Kehlen und Rundstäben, durch eine wuchtige
eiserne Plattentür mit schönen durchbrochenen Beschlägen und alter
kunstvoller, mehrfacher Verriegelung, die nur durch Drehung des
prachtvollen messingnen Löwenkopfes in der Mitte gelöst werden kann,
ein Meisterwerk der Schmiedekunst, und dann durch eine zweite, mit
Eisenplatten beschlagene Tür mit mächtigem, altem Kunstschloß treten
wir in diesen altertümlichen Raum, in dem wie in einer weltentrückten
Klause das Leben draußen schweigt und die Jahrhunderte zu uns zu
reden und lebendig zu werden scheinen. Eine andere Luft und anderer
Duft ist in diesem Raum wie in den übrigen Räumen des Rathauses. Ein
schönes Kreuzgewölbe spannt sich über uns. Der Boden ist mit roten
Ziegelplatten belegt, die dem Raume eine warme Farbstimmung geben.
Wir sind in der alten Silberkammer des Rathauses, dem feuer- und
diebessicheren Ort, wo die Kostbarkeiten und die Geldvorräte der Stadt
in schweren eisernen Truhen mit kunstreichen Schlössern und Riegeln
einst aufbewahrt wurden. Im dreißigjährigen Kriege 1632 brachte
man hier die städtischen Urkunden und kostbaren Stadtbücher unter.
Das große Fachwerk dort mit seinen vielen bunten Kästchen, das uns
anschaut wie die Wand einer altertümlichen Apotheke, wurde 1635 von
dem Tischler Georg Köhler hergestellt und nahm in seinen sogenannten
»Kammerkästchen« wohlgeordnet alle Urkunden, Verträge, Briefe usw. auf
bis auf den heutigen Tag, welche für die Stadt von besonderem Werte
und Wichtigkeit sind. Jedes Kästchen kann an einem hübschen, hängenden
Handgriff herausgezogen werden und ist mit fröhlichem Blattornament
in bunten Farben bemalt. Den Sockel dieser Kammerkästchenwand bilden
vorspringende Truhen, die für die Aufbewahrung von Bücherschätzen
ebenso wie als Sitze dienen können.