glaubten an das Wort: »Eine feste Burg ist unser Gott!« Täglich wurden
in jeder Kirche drei bis vier Betstunden abgehalten und als der Feind
Bresche geschossen hatte, hat der Vesper-Prediger Glaser jeden Tag
zweimal »und zwar offters mitten unter der Gefahr, und zunächst bey
den geschossenen ~brechen~, in mit anhörung der Feinde, die Betstunden
gehalten und verrichtet«. Das Gebet war ihr Harnisch, das Gebet war
ihre Mauer, die sie bauten, wo die Stadtmauer in Trümmer ging, im Gebet
überwanden sie die Schrecken und Verzagtheit, als strömten immer wieder
neue Kräfte ihnen zu und verzehnfachten die Zahl, die Kraft und den Mut
der Verteidiger. Die starken Kräfte der Seelen, die in unergründlichen
Tiefen des Glaubens wurzelten und daraus emporwuchsen, waren die
silbernen Türme der Stadt, welche keine feindliche Übermacht erstürmen
oder in Trümmer legen konnte. Wenn unser deutsches Volk im tiefsten
Innern seiner Seele sich solche silbernen Türme erst wieder baut,
dann hat noch heute die deutsche Not ihr Ende, denn stärker als das
Schicksal ist doch der Mut, der’s unerschüttert trägt. --
Die Führer in diesem Heldenkampf waren der tapfere Kommandant von
Schweinitz und der Bürgermeister Jonas Schönlebe. Als v. Schweinitz
zur Übergabe aufgefordert und gefragt wurde, ob er sich wehren wolle
angesichts der Übermacht, antwortete er, »der Feldmarschall solle
nicht fragen, er würde einen Soldaten an ihm finden.« Er hat dieses
Wort eingelöst und dem furchtbaren Ansturme des Feindes getrotzt.
Als schwedische Hauptstellung, die stark mit Geschützen besetzt war,
war die Johanniskirche und das alte Johannishospital mit seinem
Garten ausgebaut. Wo die alten Hospitaliten beteten oder ihre Ruhe
genießen wollten, brüllten die Kanonen, wieherten und stampften die
Pferde, heulten die glühenden Brandkugeln ihrer Vaterstadt entgegen
und donnerten an die Mauer des starken Petersturmes. Der Friedhof
um das alte Spittelkirchlein herum war von Schanzen und Laufgräben
durchwühlt. Den Toten war ihre Ruhe geraubt, um von dort Tod und
Verderben zu säen. Heute noch rauscht dort der grüne Wipfel der
mächtigen, ehrwürdigen Spittellinde, der Torstenssonlinde, unter der
Torstensson sein Zelt hatte, von wo er, durch die Gicht oft an den
Stuhl gefesselt, die Angriffe und wilden Sturmläufe auf das Peterstor
leitete, ein lebendiger Zeuge schwerster und großer Tage, ein Natur-
und Geschichtsdenkmal von besonderer heiliger Bedeutung.
50 Tage dauerte die Belagerung und Bestürmung, vom 27. Dezember 1642
bis zum 17. Februar 1643, während harter Winterkälte. Immer wieder
richtete sich der Sturm mit ungeheurer Wucht gegen das Peterstor.
Das Rondell, das starke, im Halbkreis vor den eigentlichen Torturm
vorgeschobene Mauerwerk, wurde von den Schweden erobert und bildete nur
noch einen Trümmerhaufen. Der Turm selbst war fast ganz zerschossen.
Von Stockwerk zu Stockwerk wurden die Geschütze tiefer gestellt,
weil Mauern und Gewölbe zusammenbrachen unter dem Gehämmer der aus
nächster Nähe feuernden Geschütze. Die vordere Hälfte des Turmes wurde
schließlich ganz in Trümmer gelegt, so daß nur noch die Rückwand als
zerschossene Ruine in die Lüfte ragte.
Neben dem Turm wurde die Mauer zerschmettert, so daß eine Bresche von
20 Ellen Breite offenen Eingang in die Stadt verhieß. Offenen Eingang
-- wenn nicht der Wall tapferer Männerherzen als eiserne Wehr die
Bresche geschlossen hätte, so daß kein Feind eindringen konnte!
»Als zerbrochen war der Stein,
Stellten Bürger sich zu Mauern.
-- -- -- -- -- -- -- -- --
Und aus allen offenen Lücken
Tritt hervor manch Angesicht,
Brust an Brust zusammenrücken,
Und die Mauer selber ficht.«
In jenen Tagen war mancher Bürger vier, fünf oder mehr Tage und Nächte
auf seinem Posten mit der Waffe in der Hand, das Gesicht zum Feind.
Mit Laufgräben und Mörsern, mit Handgranaten und Minen und Gegenminen
wurde gekämpft. Wie ein Bericht aus dem Schützengrabenkriege im
Weltkrieg klingt es zuweilen in der Chronik, wenn man liest, wie die
Bergleute den Feind beim Bau seiner Laufgräben und Minen belauschten
und ihre Gänge dagegen trieben, Wasser hineinschlugen oder mit
Feuer und Pulver entgegenarbeiteten. Der Feind suchte den Mut der
Verteidiger, der tapferen Bürger, vor allem dadurch zu lähmen und zu
brechen, sie von den Mauern wegzulocken und die Verteidigungskraft zu
zersplittern, daß er ihre Straßen und Häuser immer wieder in Brand zu
schießen unternahm. Wenn ihre Häuser brennen und von ihren Dächern
die Brunst zum Himmel lodert, so war seine Rechnung, sucht jeder das
Seine zu retten. Die gierige Flamme im Rücken der Verteidiger sei der
Bundesgenosse. Feuerballen und Granaten wurden in die Stadt geworfen.
Pechkränze und brennende Lunten zusammengebunden, mit Schwefel
untermischt und dergleichen Mittel der Brandstiftung fielen auf Straßen
und Dächer tagaus tagein, fielen und entzündeten manche Feuersbrunst,
fielen auch und verlöschten. Was aber nicht fiel und verlöschte war
der Mut der Verteidiger. Da versuchte es der Feind mit Drohung und
mit Verheißung: Wenn die Stadt sich nicht ergeben wolle, ließ er dem
Woledlen, Vest- und Mannhaften Herrn Obrister Leutenant und Commandeur
und durch ihn der ganzen Bürgerschaft sagen, so habe sie »sich dieses
gäntzlich zu versehen, daß nicht allein die Stadt und Bürgerschaft mit
Fewer und Schwerd zu grund gerichtet, sondern auch Weib und Kind nicht
verschonet, und also verfahren werden, daß andere ~obstinate~ Örter
ein Exempel daran haben sollen«. Der Kommandant würde selbsten, »weil
er einig und allein ursache an dem unschuldigen Blut, so vergossen
werden möchte, und keine gütliche Offerten annehmen will, nicht als ein
~cavallier tractiret~ werden.«
Welche schwere Versuchung für ein schwaches, ängstliches Herz, für
friedliche, stille Gemüter, die nur in Ruhe ihrer Arbeit, ihrem stillen
Berufe leben und verdienen wollten, jetzt nachzugeben, schwach zu
werden, die Tore zu öffnen und den so freundlichen Feind, der so viel
versprach, einzulassen! Dem aussichtslosen Kampfe, dem doch keine
Märtyrerkrone winkte, diesem Schrecken ohne Ende, ein glimpfliches
Ende zu bereiten, ein glimpfliches, nicht ein schimpfliches, denn der
»Ehre« war schon genug getan, mehr als in andren deutschen Städten
mit stärkeren Mauern und Türmen! -- Doch nein, in Freiberg schlugen
Heldenherzen unter dem Bürgerrock wie unter der bunten Jacke des
Soldaten. Die Stadt hielt stand, weil kein Verräter sich fand. Die
Stadt hielt stand, weil in der Bresche Männer als lebendiger Wall
todesmutig den Angriffen wehrten, die Stadt hielt stand, denn ihr
Spruch lautete »~urbis salus est civium concordia~«, das Heil, die
Rettung der Stadt ist die Eintracht der Bürger! ~concordia~ bedeutete
hier mehr als nur Eintracht, es war das Zusammengeschmiedetsein der
Herzen, zusammengeschmiedet durch Not und Tod zur Einheit für Leben und
Sterben. Nur solche ~concordia~ konnte die Rettung sein.
Die Antwort auf die Drohung und Verheißung des Feindes war, daß man dem
Kurfürsten die Treue halten müsse, und im übrigen »dahin es lassen muß,
was Gottes Allmacht schicken wolle«.
Ähnliche tapfere Worte klingen noch mehr herüber. Auch auf die
furchtbarsten Drohungen »es würde keines Menschen, auch des Kindes
im Mutterleibe nicht verschonet«, merkt man kein Schwanken in der
mannhaften Sprache, keine Übergabe: »Der Feind solle erfahren, daß so
viele redliche ehrliche Leute in der Stadt finden würde, die ihr Eyd
und Pflicht in acht haben, und biß auff den letzten Blutstropffen
ritterlich fechten, ja auch lieber sterben als zugeben würden, daß
diese freye Bergstadt und die ihrigen unter das schwedische Joch
gelangen solten«.
Torstensson war es jedoch Ernst mit seinen Drohungen. Er unternahm
den Generalsturm auf die unglückliche Stadt, indem er zunächst durch
eine furchtbare Beschießung sie sturmreif zu machen suchte. Zwei Tage
lang hat er sie bombardiert und 2500 Stück Schüsse in ihre Mauern
geschleudert. Dann kam der eigentliche Sturm »mit unaussprechlicher
furi und Geschrey« zugleich auf das Peterstor, Erbische Tor und Meißner
Tor. Der Hauptangriff galt dem Peterstor, »da zugleich mit und unter
den stürmen die Feuerwerker, theils aus Mörseln, große schreckliche
Hauffen Steine, Ballen und Granaten in die Stadt geworffen, theils aus
groben Stücken auf die ~breche~ gespielet, und sonsten Creutzweiß und
also hefftig durch die Häuser ~flanquiret~, daß alles erbebet, und ein
solcher lerm in der Stadt worden, als wenn Himmel und Erden ineinander
gingen«.
Während dieses furchtbaren Sturmes lag alles Volk, das nicht Waffen
führte, in den Kirchen betend auf den Knien und alle Glocken läuteten
und trugen mit ihrem Dröhnen den Notschrei der Stadt zum Himmel empor,
um schließlich mit dem Sange des ~Te Deum laudamus~ den Dank der
Erretteten emporzujubeln.
Auch dieser furchtbare Angriff wurde zurückgeschlagen, so daß die
Feinde unter großem Verlust sich zurückziehen mußten »in großer
~confusion~«, wobei »aus Stücken mit Hagel und Kardetzschen, wie auch
aus Doppelhacken, gezogenen Röhren und Musqueten, noch großen schaden
unter ihnen gethan, ohne was durch ihr eigenes hefftiges schiessen
wider die ~brechen~ und Thürme geschehen, dadurch sie selbst von zurück
schlagenden Stückkugeln nicht wenig verletzet, theils auch mit Steinen
verfallen, und übel beschädigt worden«. Bei diesem Kampfe hat jeder,
der kämpfen konnte, die Waffe geführt. Der Kommandant Georg Hermann
von Schweinitz an der Spitze, nicht nur in Worten tapfer, hat »sich
tapffer und rühmlich sehen lassen, indem er nicht allein in allen gute
anstellung gemacht, und stets bey der höchsten Gefahr sich funden,
sondern auch selbst aus einem Schießloch am Thurme, zeit wehrenden
Sturms, Fewer gegeben, und Granaten außgeworffen, daß er dadurch vom
Pulver im Gesichte verletzet, und ihm der eine Schenkel ~blaissiret~
worden«. Seinem Beispiele der persönlichen Tapferkeit folgten die
Offiziere, Soldaten, Ratsherrn und Beamten, Bürgerschaft und Bergleute.
»Ist auch jedermann darby unerschrocken, mutig und frewdig gewesen,
also daß etliche Mußquetirer, ungeschewet aller Gefahr, und des so
grimmigen Schiessens, auff die ~brechen~ gesprungen, mit Morgenstern
und Schlachtschwerdten ~agiret~ und Fewer auff den Feind im Graben
gegeben. Die eine Seite des Zwingers, da die ~breche~ am niedrigsten
und gefährlichsten gewesen, haben die Bürger, welche unter die
~Defension~ Fahne gehören, innen gehabt, und männlichen beschützt,
dabey sich der Stadt Leutenant Peter Schmol befunden, und tapffere
Gegenwehre gethan.«
An diesen wackeren Peter Schmohl erinnert uns heute noch der letzte
Rest des Stadtmauerturmes am Peterstor, der uns an jener Stadtseite
erhalten geblieben ist aus der Heldenzeit der Stadt. Es ist der
letzte Stumpf des alten Rotgießerturmes, den Schmohl verteidigte.
Wenig beachtet und kaum verstanden steht er im grünen Rasen und über
ihm rauschen die hohen Bäume. Was könnte er wohl erzählen aus jenen
Tagen des Sturmes, als die weiße und die blaue schwedische Brigade
heranrückte mit fliegenden Fahnen und vollem Spiel, mit Leitern und
Sturmgerät, und des kleinen Häufleins todesmutige Tapferkeit dennoch
den Sieg errang! Diese wenigen Steine, dieser schlichte Mauerrest
verkörpert Geschichte, die mit der stolzesten Heldensage aller Zeiten
sich messen kann. Noch ein anderes schlichtes Zeichen, das sich im
Altertumsmuseum befindet, erinnert an den tapferen Peter Schmohl. Es
ist der Ehering, den er einst seiner Gattin Catharina am 3. Februar
1635 in der Nikolaikirche an den Finger gesteckt. Sie mag in den Tagen
der Belagerung und des Krieges besonders schwer getragen und gelitten
haben, da sie ihren Helden kannte, der sich nicht schonte, den sie
stets an dem gefährlichsten Posten wußte. Sie mag durch Seelenstärke
ihm eine starke Stütze gewesen sein. Eine treue Gattin und Mutter
war sie, und ihre Ehe war ein glückliche und kinderreiche, denn es
entstammten ihr 7 Söhne und 7 Töchter. -- Beim Bau der 3. Bürgerschule
auf dem Gelände der alten Nonnen- oder Jakobikirche stieß man im Jahre
1902 auf die Schmohlsche Gruft und fand außer den Resten eines braunen
Sammetkleides den Trauring. Der künstlerisch schöne goldene Reif, wohl
eine Arbeit Samuel Klemms, zeigt äußerlich ein zierlich gestaltetes
Sternenmuster, innerlich die Inschrift: »~Peter Schmol~ den 3. Febru.
1635« auf schwarzer Emaille. Nicht ohne Rührung schaut man diesen
Ring, der für das Leben des alten Freiberger Helden von so großer
Bedeutung war, und damit vielleicht auch für das Schicksal der Stadt in
schweren Tagen wichtige innere Werte umschloß. Seine Sterne haben nicht
getrogen. -- Auch das Wappen Peter Schmohls erzählt von seiner Art und
entsprach seinem Leben und seinen Taten. Es zeigte einen bewehrten Arm
mit einem Säbel in der Faust, die Helmzierde trägt drei Straußenfedern.
Er war ja der tapfere Arm seiner Vaterstadt, ein Kriegsmann, der
schon in der Schlacht bei Lützen und bei Nördlingen unter den Schweden
gekämpft hatte, ehe er heimkam und der Heimat diente. Am alten
Zinnpokal der Freiberger Defensionerschaft im Museum mit der Jahreszahl
1639, der auf dem Deckel einen alten Defensioner in Eisenrüstung trägt,
ist dieses Wappen im Lorbeerkranz an bevorzugter Stelle angebracht mit
der Inschrift:
~PETTER SCHMAL. LEUTENAMPT.~
Er war der erste Vorsteher der Gesellschaft und hat vermutlich den
Pokal mit anderen Mitgliedern unmittelbar nach seiner Ernennung zum
Defensionerleutenant gestiftet. Die schöne Form des Pokals mit dem
Schmuck der angehängten Münzen und den Gravierungen zeugt ebenso
wie der künstlerisch feine Ring dafür, daß Schmohl nicht ein roher,
ungebildeter Kriegsmann war, sondern daß lebhaftes Schönheitsempfinden
in ihm lebendig war.
Drei Dinge erinnern so an Peter Schmohl, drei Dinge, die viel sagen
und zu deuten vermögen: Der Turm, der Ring, der Pokal, der mannhaft
erfüllte Beruf, die glückliche Ehe und die Geselligkeit mit wackeren
Männern, welche wie Sinnbilder die Summe seines Lebens, die Sinnesart
und die Taten dieses echt deutschen Mannes und Kämpfers für die Heimat
erklären, eines Mannes, dessen Freiberg dankbar gedenkt. Er stand
auf schwerstem Posten bei der Belagerung und mit wenigausgebildeten
Leuten, die sonst nur gewöhnt waren, ihren friedlichen Beschäftigungen
nachzugehen, denen er erst seinen Heldengeist einhauchen mußte durch
Wort und Beispiel und rücksichtsloses Einsetzen seiner Person. Seinem
Namen begegnen wir in den Berichten auf Schritt und Tritt und können
ihn noch zwischen den Zeilen vielfach lesen: Peter Schmohl einer der
besten Söhne Alt-Freibergs in schwerster Zeit!
50 Tage dauerte die Belagerung, 50 Tage, von denen jeder mit neuer
Not und Gefahr, mit neuen Leiden, Sorgen und Ängsten blutigrot am
Morgenhimmel emporstieg und blutig in der Nacht versank. Der Mut
der Verteidiger blieb unerschüttert. In immer neuen Ausfällen und
tapferster Gegenwehr taten sie dem Feinde Abbruch, wenn auch der
Entsatz und die Hilfe, welche der Kurfürst versprochen hatte, und das
kaiserliche Heer, welches sie von Böhmen erwarteten, länger und länger
auf sich warten ließen.
Die Not in der Stadt stieg immer höher, und sehnsuchtsvoll schaute
man von den Türmen in die Ferne nach Frauenstein, wo die Straße zu
den Höhen des Gebirges sich emporzieht, ob nicht die Kaiserlichen
nahten. Jede ungewöhnliche Bewegung bei den schwedischen Belagerern
wurde als hoffnungsreiches Zeichen nahender Hilfe gedeutet und brachte
doch immer wieder Enttäuschung. Am 23. Januar hatte ein wackerer
Bergmann, der sich bis zum Feldmarschall _Octavio Piccolomini_ nach
Böhmen durchgeschlagen und heimkehrend von den Schweden vor der Stadt
aufgefangen, ihnen aber wieder entwischt und in die Stadt zurückgelangt
war, Briefe des Feldmarschalls gebracht, daß er in wenig Tagen die
Stadt entsetzen werde und daß sie bis dahin, »wie bishero zu ihrem
unsterblichen Ruhm geschehen, dem Feinde noch mehrere gute Resistenz
erweisen, und zu keinem ~accord~ sich einlassen« solle. Dieses
Schreiben ist »der Stadt sehr tröstlichen gewesen«, aber 25 Tage lang
wurde jeder Tag eine neue Enttäuschung, denn das kaiserliche Heer
kam nicht. Immer wieder sandte man Botschaft an den Kurfürsten nach
Dresden und nach Böhmen an Piccolomini. Aus allerlei Zeichen des
Himmels suchte man Trost und Hoffnung zu gewinnen. Bald war es ein
schwarzes Kreuz, das am Himmel stand und sich zum Feinde hin bewegte,
bald war es brausender Sturm mit Donner gleich einem Erdbeben, ein
Ungewitter, das mit Feuer und Wasser den Feinden schadete, die Stadt
aber verschonte, bald waren es feurige Kugeln am nächtlichen Himmel,
welche rotfeurige Strahlen von sich gaben, bald hat es beim Feinde Blut
und Feuer geregnet, ohne daß die Stadt etwas davon verspürte, bald sind
Kinder und Bürger der Stadt in wunderbarer Weise vor Schüssen, die ihre
Umgebung zerschmetterten, unverletzt bewahrt geblieben, bald sind Minen
und Schüsse, welche der Stadt galten, den Feinden selbst verderblich
geworden. Alle diese tröstlich ausgelegten und empfundenen Zeichen
änderten aber nichts daran, daß täglich die Lage der Stadt schlimmer
wurde und der Grimm der Feinde, die Gewalt der Angriffe mit allen
Mitteln, namentlich mit Minen, Handgranaten und Feuer von Tag zu Tag
furchtbarer wurden. Am 9. Februar geriet das Peterstor in die Gewalt
der Schweden, und ihre Schüsse fegten von dort in die Petersgasse
und ihre Häuser, auf die Mauern und Türme, welche von dort im Rücken
oder Flanke beschossen werden konnten. Doch grimmig wehrte sich der
Freiberger Löwe: War auch das Tor gebrochen, die Straße, den Weg gab
er nicht frei. Eine starke Batterie wurde in der Petersstraße gebaut,
welche das jetzt feindliche Tor unter wirksames Feuer nahm, so daß der
Feind sich in die unteren Torgewölbe zurückziehen mußte. Alle Häuser
der Petersstraße wurden durchbrochen, so daß sie wie ein Wehrgang
untereinander verbunden und mit Musketieren stark besetzt zu feuer- und
verderbenspeienden Mauern werden konnten, falls der Feind hätte weiter
vordringen wollen. Der Schwede erkannte wohl, daß dieser Weg in die
Stadt, den nicht mehr Mauern, sondern eine eiserne Wehr von Männern
verriegelte, ein Todesweg für ihn sein würde und wagte sich nicht
weiter vor zwischen die grimmigen Tatzen des Löwen.
Der letzte wilde Verzweiflungskampf der Stadt schien heranzunahen.
Doch auch bei den Feinden machte sich Unruhe bemerkbar, da sie wohl
Kunde hatten vom Heranrücken des kaiserlichen Heeres. Am 10. Februar
langten Boten in der Stadt an, daß in längstens acht Tagen die
kaiserliche Armee Freiberg befreien werde und ihre Ankunft durch ein
oder zwei brennende Häuser in Lichtenberg und durch Kanonenschüsse
von der Höhe melden würde. Diese Frist war noch eine harte Probe für
die Verteidiger, denn der Feind setzte alles daran, die Stadt noch zu
gewinnen. Tag und Nacht dauerte das Schießen und das Granatenwerfen.
Granaten von 1 Zentner Gewicht fielen in die Straßen und auf den
Obermarkt, töteten Bürger und richteten manchen schweren Schaden an.
Mit Minen wurde ein unterirdischer Kampf geführt: »Abends sind des
Feinds Minirer und die Bergleute in der Stadt unter der Erden so nahe
zusammen kommen, daß die Bergleute den Feind hören reden.« Auch durch
Verhandlungen und Versprechungen suchte nochmals der Schwede die
Stadt zu gewinnen. Alles vergeblich, alle Versuche prallten an der
todesmutigen, stahlharten Treue wirkungslos ab.
Man glaubte mit allen Fasern des Herzens an die baldige Erlösung, und
als in der Nacht vom 15. zum 16. Februar die verabredeten Zeichen
die Nähe des kaiserlichen Heeres kündeten, konnten weder Drohungen
noch glatte Worte, noch alle Wut des Ansturmes den tapferen Mut mehr
erschüttern.
Das Morgenrot des 17. Februars 1643 brachte die Befreiung aus der
furchtbaren Not. Der Feind rückte ab, die Stadt war frei. Staunend
sahen die kaiserlichen Offiziere, an ihrer Spitze Oktavius
Piccolomini, was die Stadt geleistet, und man hat sich verwundert, »wie
man gegen einen dermaßen mächtigen und grimmigen Feind solchen Ort also
lange halten können; deßwegen auch die Standhafftigkeit, Fleiß und
tapffere Gegenwehr der redlichen Guarnison und trewen Bürgerschafft
hoch gerühmet«.
Der Feind aber hat die »Stadt Freybergk verwüntschet und verfluchet,
und das schöne Volk beklaget, so dafür sitzen blieben«. Man hätte
Nachricht, »daß über dreytausend Mann für der Stadt sich verlohren:
Man hette ingemein die Stadt nur die Hexenstadt genennet, und dafür
gehalten, es gienge mit zaubern zu, daß man bey so überaus grossem
Ernste eine Landstadt nicht gewinnen könte«. »Der General Torstensohn
were darüber so erzürnet gewesen und hette ihm gäntzlich fürgesetzet,
außzutawren, und die Stadt sambt aller Zubehör ohne Schonung einiges
Menschen in grund zu schleiffen«.
4500 Schüsse aus großen Kanonen, etliche hundert Würfe aus Mörsern,
14 Minen hat er angebracht und hat dennoch, trotzdem er »schon den
Stadtgraben, Zwinger, und das eine Thor, sambt den beygelegenen Thurm
in seiner Macht gehabet, und die Ringmawer auff etliche zwantzig Ellen
also niedergefüllet, daß er ebenes Fusses in die Stadt lauffen können,
sich doch derselben nicht vollends bemächtigen mögen«. Wohl nie zuvor
war das ~Te Deum laudamus~ so »mit hertzlicher Freude und Andacht«
gesungen und im jubelnden Dankgottesdienst das Jauchzen der Erlösten
zum Himmel gestiegen, und auch nach den Predigten so froh »mit allerley
~instrumenten~ lieblich ~musiciret~« worden, um den Dank emporzutragen,
als bei dem Dankfeste am 26. Februar 1643. Der Feind hatte gar übel
draußen gehaust. Die Hospitalkirche war verwüstet und entweiht,
Gestühl, Kanzel, Emporen, Bilder usw. verbrannt und zerstört. Häuser
waren abgebrochen, verbrannt und vernichtet, Balken ausgeschnitten,
Tür und Tore ausgerissen, die Obstbäume nah und fern abgehauen. In
den Bergwerken waren »die Fahrten verderbet, der Vorrath an Ertzen
verschüttet, die Wercke, Glethe, Herd und anders in Hütten weggenommen,
die Räder und Wellen zerhawen, die Öfen eingerissen, die Künste und
Zeuge verbrennet und solcher schade geschehen, der nicht genugsam kan
geschätzet noch beschrieben werden.«
Die festen Mauern, die festen Tore und Türen haben nicht dem Ansturm
des Feindes standgehalten, die festen Herzen blieben unerschüttert, sie
blieben stärker als das Schicksal! -- -- -- --
Im Albert-Museum zu Freiberg liegt im Kleinodienschranke eine
schimmernde, kunstvoll aus massivem, goldenem Bande geflochtene Kette.
Kaiser Ferdinand III. hat sie als Lohn und Dank für die tapfere
Verteidigung nach der Belagerung dem wackeren Bürgermeister Jonas
Schönlebe verliehen und ihm zugleich den Adel angeboten. Für die Stadt
hatte Schönlebe seine ganze Kraft und Leben, seine ganze Persönlichkeit
eingesetzt und mit ihm seine Freiberger bis zum letzten Mann. Wenn er
diesen goldenen Schmuck sich über die Schulter legte, so trug in ihm
die ganze Stadt gleichsam dieses Kleinod als Ehrung für ihren Mut, ihre
Treue und Tapferkeit, ein unschätzbares Sinnbild und redendes Zeichen
von der Treue wie Gold. Mit leuchtenden Worten singt es und sagt es
seit Jahrhunderten und in die kommenden Tage hinein von der Ehre der
Stadt, der alten, freien, getreuen Bergstadt, von der Stadt mit den
silbernen Türmen, den Türmen der Treue, von festen Mauern und festen
Herzen.
Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus.