So wurde zwar die Stadt vor der Plünderung noch bewahrt, aber tief

und bitter war noch trotzdem der Leidenskelch, den die unglückliche

Bürgerschaft leeren mußte. Die Bürger mußten ihre Waffen und

Harnische abliefern und wehrlos gemacht, wurden sie durch übermütige

Einquartierung geschunden, gepeinigt und ausgesogen und »also

ausgezehret, daß der Vorrath an ~victualien~ und ~fourage~ aller gantz

dahin, und nicht ein bißlein Brods mehr bey den Becken, oder ein

trunck Biers, viel weniger etwas von Saltze, Gewürtze, und anderer

Nothdurfft zu bekommen, deßwegen auch etliche Personen auff den offnen

Gassen niedergefallen, verschmachtet und Hungers gestorben.« »Dessen

aber allen ungeachtet wurden bey manchen Bürger 10, 12, 15, 20 auch

wohl mehr Soldaten einquartiret, welche ihre volle verpflegung haben

wollten.« »Die arme Bürgerschafft wurde also geängstet, daß ihrer viel

mit Weib und Kindern aus den Häusern entwichen, und alles im Stiche

liessen, (wie man denn nach abzug des Feindes fünffhundert Häuser in

der Ringmauer befunden, welche gantz leer und wüste gelegen).« Über

dieses alles war kein Mensch in seinem eigenen Hause sicher, denn die

Soldaten »grossen Muthwillen und Frevel verübeten, zumal des Nachts,

da mit Gewalt in die Häuser, Gewölbe und Keller gebrochen, und alles

auffgeschlagen, durchsuchet und weggestolen war. Darzu fiel wegen

mangelung nothdürfftiger ~victualien~ viel und mancherley Krankheiten,

und endlichen eine geschwinde ~infection~ und Pest ein, welche

inkurtzen etliche tausend Menschen in und vor der Stadt hinrisse,

und fast den dritten Theil der Bürger mit wegraffete. Die meisten

wurden heimlichen begraben, öffentlichen hat man dreytausend Personen

gezehlet, die mit gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestattet worden.«

Wenn man bedenkt, daß diese Häufung von Elend und Jammer sich auf zwei

Monate, Oktober und November, zusammendrängte, daß die Stadt klein

und wahrscheinlich nicht mehr als 10000 Einwohner zählte, so gewinnt

diese Zahl an unheimlicher Bedeutung, denn heute beträgt die Zahl der

jährlichen Todesfälle 500 bei rund 35000 Einwohnern!

Wie ein Würgeengel ging die Pest durch die Häuser und klopfte fast

an jede Türe. Die Särge reichten nicht aus und viele wurden heimlich

verscharrt, weil die Not dazu zwang. Die lateinische Schule war zehn

Wochen lang geschlossen, und als sie wieder eröffnet wurde, fand sich

noch nicht die Hälfte der Schüler wieder ein. Die größere Hälfte dieser

blühenden Jugend war verloren, verdorben, verstorben.

Doch nicht genug »der außgestandenen so grossen Noth, Angst, Elendes

und Jammers, so sich diese zeit über bey der guten Stadt Freybergk

befunden!« Die Schlacht bei Lützen war geschlagen, der Schwede rückte

heran und trieb die kaiserliche Armee vor sich her. Da ließ »der

Commendant anfahen, und die schöne grosse Vorstadt mit allen Forwercken

fürm Meißnischen Thore, wie auch die eine Seite fürm Petersthore, sambt

der Viehgassen anzünden, und in die Asche legen. Was nicht brennen

wollte, ward niedergerissen, oder sonst durchlöchert und verwüstet,

und geschach diesen und hernachfolgende Tage mit abbrennen und

niederwerfung derer so alten wolgebawten und weitläufftigen Vorstädte,

und schönen Forwercken, Scheunen, Mühlen und anderen sowol gemeinen als

Privat-Gebäuden solcher Schade, der nicht genugsam zu schätzen.« Sogar

die Friedhöfe entgingen der Vernichtung nicht, indem »auch die schönen

Bogen und Mawren eingerissen, und alles schändlichen verwüstet« wurde.

Doch alle diese furchtbaren Leiden hatten den Mut und die Treue der

Bürger und des Rates nicht gebrochen. Die Hammerschläge des Schicksals

hatten ihre Herzen fest geschmiedet. Es leuchtet ein Wort aus jenen

dunklen Tagen wie ein silberner Turm herüber in unsre dunkle Zeit,

dessen strahlende Zinne echter Mannesmut und echte, in Schicksalsglut

gehärtete Treue ist. Der Schwede, mit dem der Kurfürst verbunden war,

rückte heran, der Feind in der Stadt richtete sich auf eine Belagerung

ein und wollte ihm trotzen.

Da rief der kaiserliche Kommandant Mohr vom Walde die Bürgermeister

der Stadt und etliche Ratsmitglieder zu sich, ob sie zu ihm halten und

die Stadt mit ihm verteidigen wollten: Er habe Befehl, sich, solange

er könnte, zu halten, hernach aber auf das Schloß sich zurückzuziehen

und die Stadt an 20 Orten in Brand zu stecken. Die tapfere Antwort

war, »daß sie wider ihren gnädigsten Landsfürsten, und ihm geleistete

Pflicht, derer sie noch nicht loßgezehlet weren, nicht thun könnten

noch wollten, hetten deßwegen einmütig beschlossen, wo sie mit

dergleichen Anmutungen nicht könnten verschonet werden, lieber die

Stadt und alles das ihrige zu verlassen, da sie auch gleich betteln

gehen solten, als wider Pflicht und Gewissen, auch wider die löblichen

~exempla~ ihrer in Trewe hochberühmten Vorfahren zu handeln. Bäten den

Herrn Commendanten, ihrer und der armen Bürgerschaft hierinnen gnädig

zu verschonen. Wo es aber nicht seyn könte, ihnen zu vergönstigen,

daß sie mit Weib und Kindern dürfften abziehen, und sich nach Dresden

begeben.« Es klingt der Trotz des Lutherliedes aus diesen Worten. Es

waren nicht leere Worte schlauer Berechnung, denn dazu war man zu

tief durch Blut, Brand und Greuel des Krieges gewatet. Man kannte den

Gegner nur zu gut und hatte am eigenen Leibe verspürt, was die Wut

und Zuchtlosigkeit des Feindes bedeutete. Nicht leere Worte, sondern

opferbereite, tatenmutige Entschlossenheit war das Wort:

Nehmen sie den Leib

Gut, Ehr, Kind und Weib,

Laß fahren dahin

Sie habens kein Gewinn

Das Reich muß uns doch bleiben.

Doch es kam nicht zum Äußersten: der Kommandant bekam plötzlich Befehl

vom kaiserlichen Hauptquartier in Böhmen, die Stadt zu räumen. Das war

die Rettung vor dem angedrohten furchtbaren Schicksal. Nachdem noch die

wilde Soldateska Tag und Nacht geplündert und gebrandschatzt hatte und

man von der Stadt noch 900 Taler Kontribution erpreßt hatte, rückte

der Feind über das winterliche Gebirge nach Böhmen ab, die Wagen mit

gestohlenem Gute der Stadt und der Bürger gefüllt. Hinter ihm jagte

aber die Angst vor dem Schweden. Auf rauhen Wegen im tiefen Schnee, auf

steiler vereister Straße blieb manch Wagen mit reicher Beute stecken

und manches kostbare Stück aus Silber, Zinn oder Kupfer, welches beim

Rückzug hinderlich war, wurde auf die Straße geworfen. Manch Bäuerlein

oben im Gebirge mag da ein kostbares Stück heimlich auf einsamem Hofe

geborgen haben.

Die Stadt war frei nach einer furchtbaren Leidenszeit von zwei Monaten.

Tore, Mauern und Türme waren hart mitgenommen, aber die silbernen Türme

des Mutes und der Treue waren ungebrochen.

Immer wieder und wieder tobten die Stürme und Wetter des unseligen

Krieges um diese Türme und Zinnen der Stadt. Es war die Zeit, wo jeder

Soldat an sich schon Feind des Bürgers war, ob nun lutherisch oder

papistisch, ob kaiserlich oder sächsisch oder schwedisch. Der Feind von

heute konnte morgen der Freund sein, mit dem man Schulter an Schulter

kämpfte, der gemeinsame Feind der Soldaten war aber der Bürger und

Bauer, den zu schinden ein Teil der Soldatenfreude und des Lohnes war.

Die schweren Einquartierungen einer durch die langen Kriegszüge ganz

verwilderten rohen Soldateska, welche meist sich selbst versorgen

mußte, drückten als harte Last gleichviel ob Freund oder Feind. Jetzt

war der Schwede der Befreier von der Belagerung durch das kaiserliche

Heer. Zehn Jahre später war es der kaiserliche Graf Pikkolomini,

der als Befreier vom schwedischen Joch freudig begrüßt wurde. Und

zwischendurch wurden bald kaiserliche, bald schwedische Truppen

abgewiesen und erhielten keinen Einlaß in die feste alte Stadt, sondern

eine tapfre Antwort voll männlicher Energie.

Dem kaiserlichen Oberst Ulefeld, der 1633 mit starken Truppen vor der

Stadt erschien und drohend Einlaß begehrte, antwortete man, daß man

ihm, »so er die Stadt attakieren wolte, mit nichts als Kraut und Loth

begegnen wolle, wo er nicht Churfürstl. Befehl brächte, die Stadt zu

öffnen«.

Auch dem kaiserlichen Oberst Abraham Schönnickel, der aus Chemnitz

stammte, ist 1634 nur eine »schlechte Antwort und nichts als Kraut und

Loth gewilliget worden«. Der Bürgermeister Jonas Schönlebe verhandelte

mit ihm vor dem Tor und sagte auf seine Verheißungen des Schutzes

und seine Drohungen mit Plünderung und Brand, »daß man nechst Gott,

sonst keiner Beschützung von nöthen hette« und warf ihm vor, daß er

ein Landeskind sein wollte »und fürgebe, er were dem Lande und der

Stadt zum besten ankommen, und verderbete doch alles in grund, und

man jetzo für Augen sehe, wie der alte schöne Hospital für der Stadt

liechter Lohe brennete«. Das war dem Schönnickel zu viel! Nach vielen

Wortwechseln ist er im Zorn davongerannt mit wilden Drohungen und hat

die ganze Vorstadt und Scheunen vor dem Peterstor in Brand gesetzt,

so daß »letzlichen das an der Stadt gelegene große Glockengießhaus

ergrieffen, davon eine solche Brunst und flammende Hitze entstanden,

daß die Funken in und über die Stadt hauffenweise geflohen, auch schon

allbereit ein Hauß in der Ringmauer am Thore zu brennen angefangen«.

Dieses Gießhaus war die Werkstatt des berühmten Gießergeschlechts der

Hilliger vor dem Peterstor, aus welcher die herrlichen Grabplatten aus

Messing und die Bronzedenkmäler in der Begräbniskapelle der sächsischen

Fürsten am Dom, ferner die schönsten Glocken in Sachsen, heute noch

ein Stolz der Gemeinden, und weiter über seine Grenzen hinaus und

nicht zuletzt künstlerisch mit besonderem Reichtum und Geschmack

verzierten Bronzegeschütze in großer Zahl hervorgegangen waren. Das

Stammhaus der Hilliger stand in der Petersstraße, nicht weit vom

Tore. Ihr Familienwappen, ein Bär mit einem Zirkel oder Taster in den

Vorderpranken, ziert noch heute das alte Portal. Welcher Grimm und

Zorn mag Hilliger durchtobt haben, als wenige 100 Schritte von seinem

Hause die Stätte seiner Arbeit und Erfolge, seines Ruhmes und seiner

Existenz in Flammen aufging und der Funkenregen vom Westwinde über die

Stadt getragen wurde, als in Asche sank, woran sein Herz und seine

Kunst hing, und er ohnmächtig zuschauen mußte, ohne den Mordbrennern

heimzahlen zu können. -- Schönnickel zog ab, ohne sein eigentliches

Ziel zu erreichen.

Viele Stürme und Wetter brausten so im Laufe der Jahre noch über die

starken Tore, Mauern und Türme, wie über die trotzigen Häupter der

Bürger dahin. Kein Sturm aber war stärker, kein Wetter war furchtbarer

als das der Belagerung der Stadt durch den schwedischen Feldherrn

Torstensson. Vom 27. Dezember 1642 bis zum 17. Februar 1643, rund

50 Tage, dauerte diese furchtbare Zeit, in der die Bürgerschaft mit den

Bergleuten und der kleinen Garnison einen Heldenmut gegen gewaltige

Übermacht und Ausdauer in größter Not bewiesen hat, so daß diese Tat

sich würdig neben die größten Heldentaten der Geschichte stellt,

ein leuchtendes Beispiel in dem Jammer und Elend jener Tage, ein

leuchtendes Beispiel und Fackel auch im Dunkel unserer Zeit!

Auf einem der ältesten Freiberger Stadtpläne steht der Spruch: »~Salus

urbis est concordia civium!~« Das Heil der Stadt ist die Eintracht

der Bürger. Dies Wort stand nicht nur auf dem Stadtplan eingeprägt,

sondern stand auch im Herzen und im Hirn jedes Bürgers und Bewohners

festgeprägt, eingehämmert durch die jahrzehntelange gemeinsame Not.

Erst 1639, also 4 Jahre zuvor hatten sie zwei Belagerungen durch den

schwedischen General Banner ertragen und siegreich überstanden. Vom

2. März bis 20. März und dann zum zweiten Male vom 10. April bis

17. April hatte Banner versucht, die Stadt zu stürmen und manche

mannhafte Tat und mannhaftes Wort ist uns aus diesen schweren Tagen

überliefert.

Mit gewaltiger Übermacht war Banner vor die Stadt gerückt und stand

plötzlich vor den Toren, denn ein dicker, finsterer Nebel war

eingefallen und hatte sich über die Stadt und das Land gewälzt, so daß

man sich nicht hatte in der Nähe erkennen können. »Solches hat bey drey

Stunden gewehret, daß jedermann dafür gehalten, es sey dieser Nebel

von Finnen oder Lappländern gemacht.« Banner nahm im Freibergsdorfer

Rittergut Quartier und begann alsbald mit der Beschießung, Schanzen

und Laufgräben zu bauen und in der Vorstadt zu sengen und zu brennen.

Mit seinem schweren Geschütz hat er angefangen »auff das Peters und

Erbische Thor zu spielen, und an beyden Orten über hundert Schösse

anbracht, dadurch die Brustwehren durchlöchert«. Er drohte, falls

die Stadt nicht übergeben würde, »wollte er keines Menschen schonen,

sondern allen die Hälse brechen!« Der Kommandant von Haubitz gab die

unerschrockene Antwort, »daß er den vertrawten Platz, vermöge seiner

Pflicht und geleisteten Eids ~mainteniren~ müste, solches auch biß auff

den letzten Blutstropffen trewlich thun wolte.« Es erinnert dieses Wort

an das berühmte Telegramm des unverzagten Verteidigers von Tsingtau,

des Gouverneurs von Meyer-Waldeck, in den ersten großen Tagen des

Weltkrieges: »Einstehe für Pflichterfüllung bis zum Äußersten«. Durch

Ausfälle und tapfere Gegenwehr wurde dem Feinde viel Schaden zugefügt.

Am 9. März sollte das Peterstor erstürmt werden und alle feindliche

Macht richtete sich gegen das Bollwerk. Nach starker Beschießung

stand der Feind mit Sturmzeug und Leitern bereit und versuchte von

dem vor dem Tore stehenden Zollhaus aus das Rondell, den schützenden,

runden Mauerbau vor dem eigentlichen Torturm, zu ersteigen. Sie sind

aber tapfer empfangen und mit Verlust zurückgetrieben und es ist auch

»durch außgeworffenes Geströde, Pech und Fewerkugeln, das Zollhauß in

brand gerathen, daß ein groß Fewer auffgangen, und sich der Feind mit

schimpff ~reterieren~ müssen. Die Schösse, so beyderseits geschehen,

sind unzehlich gewesen«. Während hier am Peterstor so der wilde Kampf

tobte, machte der Hauptmann Thörmer am Meißner Tor einen Ausfall,

fand keinen Widerstand »indem alles zum Hauptwerke fürs Petersthor

gelauffen, und auff eingebildete Eroberung der Stadt gewartet, hat er

nicht allein des Feindes angefangene Baterien niedergerissen, sondern

auch so lange sichere Verweilung gehabet, daß er viel Hew und Stroh,

so wegen der Pferde und Viehes fast beynötig gewesen, in die Stadt

einbringen können.« Dieses Stücklein zeigt, welch kecker Mut die

Verteidigung beseelte.

Trotz dieses Mißerfolges schickte der Feind wieder einen Unterhändler,

dieses Mal einen ehemaligen Kriegskameraden des Kommandanten, der jetzt

im anderen Lager focht und nun die frühere Kameradschaft geltend machen

wollte. »Hat sich dabey beklaget, daß ihnen die weile gar lang für der

Stadt were.« »Dem der ~Commendant~ zur Antwort gegeben, die weile zu

vertreiben, wolte er ihm ein baar Spiel Charten liefern, inmassen er

auch dieselben hinauswerffen lassen.« Ein grimmiger Humor klingt aus

dieser Art der Verhandlung. Wort und Tat, Geist und Schwert werden von

_einem_ entschlossenen und geschlossenen Willen geführt!

Einer späteren Aufforderung, das arme Volk, Weib und Kinder aus der

Stadt zu schaffen, damit nicht unschuldig Blut vergossen würde, ferner

die Stadt in Güte auffzugeben, sonst sollten die Bergwerke eingefüllt

und alles verwüstet und verdorben werden, setzte Haubitz die Antwort

entgegen: »Er wüste von keinem armen Volcke, und hette man in der

Stadt genung zu leben, deßwegen er nicht einen Hund naußgeben wolte;

die gantze Stadt were unschuldig, und hette wider die Kron Schweden

nichts verbühret, wolte der General sich nicht mit unschuldigen Blute

beflecken, so solte er für sich selbst der Stadt und der unschuldigen

Einwohner schonen. Mit dem Bergwercke müste er geschehen lassen, was

der General nicht unterlassen könte.«

Nach diesen Abweisungen verdoppelte der Feind seine Anstrengungen, den

Trotz der Stadt zu brechen. Durch eine trommelfeuerartige Beschießung

wurde eine Bresche in die Mauer gelegt in der Nähe des sogenannten

Pestturmes, wo der Pestprediger, der ~pestilentialis~, während der

Seuche seinen vom Verkehr gesperrten Wohnsitz nehmen mußte, um

seinen Kranken mit Gefahr seines Lebens, aber ohne Gefahr für die

Allgemeinheit dienen zu können. Der Turm und die Mauer stehen heute

noch im städtischen Bauhofe an der Mönchsstraße. Der Turm ist jetzt

bis übers Dach mit Epheu umsponnen, ein rechter alter, sturmfester

Geselle mit grünem Wettermantel, und draußen auf der Feldseite zieht

sich am Fuße der starken Mauern der alte Stadtgraben entlang, und über

lauschige Promenadenwege rauschen hohe stolze Bäume. Wenn diese alten

grauen Quadern und Blöcke des Turmes und der Mauern erzählten könnten,

welch ein Heldenlied würde erstehen, wachsen und klingen von wuchtiger

Größe, von Tapferkeit im Kampfe, von todesmutigem Ausharren in Not

und Tod, von seelischer Größe und Opfermut im Ringen und Ausharren

gegen die furchtbare Seuche, welche als Geißel des Krieges die Seelen

und Körper des armen, mißhandelten, aus tausend Wunden blutenden,

hinsiechenden Volkes schlug! Doch die Steine schweigen. Ist es

vergessen und verklungen, daß Mannesmut und Opfergeist, daß zähe Treue

und Gottvertrauen den Sieg auch gegen Übermacht über Pest und Tod und

widriges Schicksal erzwingen können? -- --

Als der Sturm des Feindes gegen diese Bresche einsetzte, haben die

Verteidiger anfangs ein wenig zugesehen, »biß eine gute anzahl, und

wie man vermercket bey vierhundert im Graben, theils auch im Zwinger

und auff den Leitern gewesen, da dann die Trajoner und Bürger, so

im Zwinger hinter den Abschnitten im Fewer gelegen, eine grimmige

Salve unter sie gegeben, daß sie mit hauffen herunter gepurtzelt,

und bevoraus der Oberste Magnus Jahnsohn, welcher diese Völcker

angeführet, und sich hoch vermessen, er wollte und müste diesen

Tag in der Stadt seyn, nachdem er auff der Leiter kaum zur Bresche

hinein gegucket, geschwinde einen Schoß durch den Kopff bekommen und

abgestürtzet worden, welches, als es die andern, so hernach getrungen,

und den Sturm auch antreten wollen, ersehen, wie es noch außwendig

der Stadt so scharff hergangen und leicht erachten können, daß sie

inwendig der Mawren ein viel ärgeres zu erwarten hätten, haben sie

weiter nicht fortgewolt, ob sie schon von Officirern mit blossen Degen

hefftig angetrieben, auch etliche erstochen worden, sondern haben ihre

Mußqueten und ander Gewehre in Zwinger und Stadtgraben geworffen,

und sich ~reteriret~, denen die in der Stadt eilends nachgesetzet,

mit kurtzen Wehren, Schlachtschwerdten, Morgenstern und dergleichen

ihrer noch viel niedergemacht, und gute Beuten davon bekommen. Was

und wieviel vom Feinde diesen Tag umbkommen, hat man nicht eigentlich

wissen können, denn sie unterschiedene Personen der Beschädigten und

Toden weggeschleppet, auch unter andern einen Obersten Leutenant, laut

der Gefangenen Aussage, auff dem Rücken mit fortbracht. In Zwinger

und Graben sind etwan hundert Mann liegen blieben, darunter sich

ernenter Oberster Jahnsohn, ein Hauptmann, und etliche andere Officirer

mehr befunden, dabey zweene gequetzschte, die also fest und gefroren

gewesen, daß man ihnen auch mit Beilen die Köpffe nicht hat abhawen

können. Fünffe sind lebendig in die Stadt bracht, der Oberste, der so

gern in der Stadt seyn wolte, und der Hauptman beygesetzt, die andern

begraben worden. In der Stadt ist kein einiger Mensch umbs Leben

kommen, aber für dem Sturm über der Arbeit sind drey Bergmänner in

Schaden gerathen, darunter der eine verstorben.«

Der Oberst Jahnsohn »soll zwar ein statlicher Soldat, doch ein

sehr grimmiger und blutgieriger Mensch (wie auch das Gesichte fast

außgewiesen) und laut der Gefangenen Bericht des Banners Schwester

Sohn gewesen seyn, deßwegen er von selben sehr lieb gehalten und hoch

betawert worden«. Wie vom Kampf um Trojas Mauern und wie von der Trauer

des Achill um seinen gefallenen Freund Patroklos’ klingt es aus dieser

Schilderung des Zeitgenossen, der selbst diese schweren und großen Tage

in den Mauern Freibergs mit durchlebt hat.

Nach diesem Sturme war die Stoßkraft des Feindes erlahmt. Nach drei

Tagen kam der Stadt Hilfe von kaiserlichen und kurfürstlich sächsischen

Truppen. Banner zog sich zurück in der Richtung auf Chemnitz.

Er soll geklagt haben, daß er soviel Verlust gehabt und daß ihm das

Glück in allen zuwider gewesen wäre, »sonderlich, daß er für diesem

Rattenneste etliche hohe liebe Officirer und über tausend Mann hatte

einbüssen müssen«.

Banner dachte aber an Rache! Drei Wochen später stand er wieder mit

mächtigem Heere vor der Stadt. 20000 Mann und etliche 70 große und

kleine Stücke sollten die Stadt in seine Hand bringen und er dachte

mit Durst die trotzigen Bürger zu zwingen. Die Quell- und Röhrwässer,

deren Lage ihm Verräter gewiesen hatte, schnitt er ab und den Münzbach,

welcher die Stadt durchfließt, ließ er abstechen und in einen Schacht

leiten, so daß dadurch auch die Gruben überschwemmt, der Bergbau

zerstört und gefährdet und der heimliche unterirdische Verkehr der

eingeschlossenen Stadt mit der Außenwelt auf Gängen und Stollen

tief unter Tage behindert war. Gleichzeitig ließ er mit glühenden

Brandkugeln die Stadt beschießen. So glaubte er endlich den harten Mut

der Freiberger erschüttern zu können. Mit der Drohung, »daß keines

Menschen solte geschonet werden, so man sich ferner ~opponiren~ würde«,

schickte er seinen Generaladjutanten: »Er wüßte, daß nicht viel zu

leben und gantz kein Wasser in der Stadt sei« Die tapfere Antwort des

Kommandanten dagegen lautete, daß er seiner Pflicht genug tun und sich

wehren müste. »Es weren, Gottlob, bey der Stadt noch nirgends solche

~extrema~, daß man nichts solte zu leben haben. Was an Wasser abgienge,

were an Wein und Biere vorhanden, und dürffte ihm der General hier

keine andere Willfährigkeit als Kraut und Loth einbilden.« Nachdem er

noch einige Tage vergeblich vor der Stadt gelagert und manchen Schuß

in ihre Mauern gesandt, sah er wohl ein, daß nicht so leichten Kaufes

das »Rattennest« auszuheben sei. Nach einer Belagerungszeit von etwa

7 Tagen brach er auf und zog nach Böhmen. Die Stadt war frei! Vor den

Feinden draußen hatten die starken Mauern und Türme und der trotzige

Mut geschützt, doch wehe, wer schützt die Stadt vor den Freunden?

Starke Einquartierungen, Kontributionen, Steuern, Lieferungen drückten

die Bürger. Das ganze Land war unsicher. Feindliche Reiter schwärmten

überall umher und Marodebrüder folgten wie die Aasgeier den Spuren

der Truppen, sei es Freund oder Feind. Die Bestellung der Felder

konnte nur mangelhaft erfolgen und ȟber die grossen herumbstreifenden

vielfältigen Kriegsmäuse, hat es auch eine gewaltige Menge kleiner

Feldmäuse in Gärten, Äckern und Wiesen gegeben, welche nicht allein das

Getreide in Scheunen, sondern auch die Wintersaat im Felde durchfahren

und platzweise gefressen«. Wo noch etwas geblieben war, wurde es

gestohlen, obschon der Bürger kaum mehr das Brot zahlen konnte.

Drei Jahre gingen so in Not und Sorgen, Kriegsgefahr und drückenden

Ängsten und Leiden dahin, eine Zeit, geeignet auch den härtesten Sinn,

die stärksten Herzen zu beugen und mürbe zu machen. Da zog sich ein

neues Wetter unheildrohend, finster um die Stadt zusammen. Das war das

Wetter, aus welchem die schwersten Blitze zuckten und das so recht

eigentlich die Feuerprobe für die Türme, Mauern und Bollwerke der

Stadt, wie für die silbernen Türme unentwegter Treue der Bürgerschaft

werden sollte. Die Schweden rückten mit neuer furchtbarer Macht heran.

Tilli war bei Breitenfeld am 23. Oktober 1642 geschlagen und seine

fliehenden Truppen eilten raubend und sengend vor den Schweden her, an

Freiberg vorbei nach Böhmen. Leipzig war am 26. November gefallen und

in der Gewalt des schwedischen Feindes, dem nichts mehr widerstehen

konnte, der »das gantze Land in grosse zerrüttung und verderbnüs

versetzet«. Wehe dir, kleines Freiberg, du Städtchen, dessen Mauerring

nur 2700 ~m~ lang und in einem halben Stündchen leicht umschritten

ist, dessen Längsachse nur 1000 ~m~, dessen Querachse nur 700 ~m~

mißt, dessen Bürgerschaft durch Not und Teuerung, durch Pest und

Brandschatzung seit Jahren geschlagen und gepeinigt und mehr und mehr

vermindert und verarmt war, du willst mit deinen Mauern und Türmen

und deinen wenigen Männern dem Feinde trotzen, dem furchtbaren,

erbarmungslosen Torstensson, dem noch keine feste Stadt widerstanden,

der sieggewöhnt soeben erst in offener Feldschlacht auf dem blutigen

Plane von Breitenfeld 46 Stücke Geschütz eroberte!? Du Städtchen mit

deiner Besatzung von nur 290 Soldaten des Kurfürsten, wie willst du

der ganzen, von Sieg zu Sieg stürmenden schwedischen Armee trotzen,

8 Brigaden Infanterie, 104 großen und kleinen Stücken Geschütze,

5 Feuermörsern, 700--800 Reitern und noch 3 Reiterregimentern? Wie von

einer furchtbaren Lawine wirst du doch hinweggefegt werden, wie von

einer Sturmflut, die über dich zusammenschlägt, dich zerschmettert und

nur Trümmer hinterläßt! -- --

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 2 / 25 段