Ja die Romantik der Stadt! Wandere durch den Dom, tritt vor

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Buches.

Aus grauen Mauern

und grünen Weiten

Schauen und Sinnen

auf Heimatwegen

Von

Gustav Rieß

»Nehmt die Wünschelrute deutschen Findergeistes

in die Hand, durchwandert mit ihr die

deutschen Städte, die deutschen Fluren, die deutschen

Wälder, die deutschen Berge: und ihr werdet

Quellen finden und erschließen, aus denen Tiefsinn

und Schlichtheit, Schönheit, Großartigkeit und

Anmut, Kraft und Milde, Erhabenheit und Einfachheit

in Überfülle hervorsprudeln, als segenspendende

Ströme für unser Volk und für die Welt.«

Paul Graf v. Hoensbroech.

5. Band der Heimatbücherei

des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Dresden 1924

Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.

Meiner Frau und Wandergenossin durch Heimat und Leben

Inhaltsverzeichnis.

Seite

1. Alt-Freibergs Romantik 5--19

2. Von festen Mauern und festen Herzen 20--59

3. Gesichte und Geschichten vom Freiberger Rathaus 60--103

4. Was der Petriturmknopf erzählt 104--125

5. Spruchweisheit in alter und neuer Zeit 126--170

6. Im Freiberger Dom 171--213

7. Vor der Goldenen Pforte 214--229

8. Haldenwanderung 230--243

9. Das Tännichttal im Tharandter Wald 244--272

10. Der Königstein 273--322

11. Eine Fahrt ins Weihnachtsland 323--361

12. O du fröhliche, o du selige Weihnachtszeit 362--370

Alt-Freibergs Romantik.

Nicht lange vor dem Kriege hatte ich mit meinem Freunde Heinz eine

köstliche Wanderfahrt ins Blaue mit dem Rade unternommen. Die alten

lieben Städtchen am Main, wie Wertheim und Miltenberg, übten ihren

mittelalterlichen Zauber, die Landschaft und der Frankenwein ließ

unsere Herzen höher schlagen. Wie auf leichten Schwingen flogen

wir durchs liebliche Taubertal. Eines Tages war das alte herrliche

Rothenburg o. T. unser lockendes Ziel. Wir hatten das schöne

Weickersheim mit seinem mächtigen Hohenlohe-Schloß und vergessenem,

verwunschenem, verträumtem Park besucht und kamen gegen Sonnenuntergang

über die Höhen an den Rand des Taubertales. Wir traten aus dem Walde:

da lag plötzlich vor uns wie ein Märchen in rotglühendem Abendschein

aus duftigem Talgrunde aufsteigend die alte herrliche Stadt mit ihren

Mauern und Türmen, mit ihren Giebeln und Dächern und malerischen Toren

in wundervollem Umriß vor dem leuchtenden Abendhimmel. Wir konnten nur

stumm und atemlos schauen und schauen und haben den unvergeßlichen

Eindruck nie wieder aus dem Herzen verloren. -- Einige Jahre nach dem

Kriege kam ich mit der Bahn von Würzburg nach dem alten herrlichen

Rothenburg, um meiner Frau dieses Kleinod der Erinnerung zu zeigen.

Wehe -- ein nüchterner Bahnhof, eine langweilige Landstraße zur

Stadt -- -- nichts von Romantik bis wir in der Stadt waren und der

mittelalterliche Zauber unsere empfänglichen, zunächst so enttäuschten

und ernüchterten Herzen wieder umsponnen hatte. --

Freiberg ist kein Rothenburg, und Tausend mögen durch seine Gassen

wandern ohne je eine Spur von Romantik oder mittelalterlichem Zauber

zu finden. Tausend mögen kopfschüttelnd wieder davongehen mit

enttäuschtem, ernüchtertem Herzen, weil der karge, spröde, ernste Geist

und Charakter der Stadt kein Lächeln für sie fand, das ihre Seele

aufschloß und warm machte, wie jenes heitere, köstliche Stadtjuwel im

Süden so leicht es vermag.

Und doch kann Romantik in Freiberg lebendig noch werden, wenn auch die

grausame Gegenwart unendlich viel davon geraubt hat. Die rechte Stunde,

den rechten Ort, die rechte Art zu schauen und zu lauschen, muß man

haben, muß man suchen und finden, dann wird der Zauber lebendig und die

verschütteten Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte

Glocken tönen, die Augen und Herzen werden sehend, das Verlorene ist

wieder da und lebt und füllt mit seinem wundersamen Leben und Weben

die Stätten, welche zuvor leer, öde, karg und nüchtern schienen.

Öffne dein Herz der Heimat, dann nimmt sie dich an ihr Herz und raunt

dir wundersame Kunde zu und stille Geheimnisse, die dich reich und

froh und stille machen. Heimat ist nicht Sache der verstandesmäßigen

Vorstellung, sondern der seelischen Empfindung. Die Heimat hat nur der,

welcher Heimatgefühl hat. Die Heimat liegt nicht draußen irgendwo,

wo der nüchterne Verstand und kritische Geist seine harten, kalten

Grenzsteine setzt, nein, wer sie sucht, der muß im eigenen Herzen

suchen, muß die Arme ausbreiten, wie das Kind der Mutter entgegen, er

muß glauben und lieben.

Willst du an das Herz und das innere Wesen der alten getreuen Bergstadt

herankommen, willst du willig den spröden Reiz ihrer Herbheit

kennenlernen und dir erobern, dann darfst du nicht mit der Bahn zu ihr

kommen und durch das geräuschvolle Gewühl des nüchternen Bahnhofs und

die Langweile der freudlosen Bahnhofstraße in die Altstadt wandern.

Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales oberhalb Halsbach

im Osten der Stadt. Tief im Grunde windet sich die Mulde zwischen

den grünen Abhängen. Hie und da tritt der nackte Fels schroff

zutage. Häuser und kleine Gehöfte sind da und dort wie ein Spielzeug

hingestellt. Birken leuchten mit ihren weißen Stämmen und winken mit

ihrem grünen, zarten Schleier. Und droben, gegenüber auf den Höhen,

die aus dem Talgrunde aufsteigen, türmt sich nicht ein malerisches

Stadtbild mit Zinnen, Mauern und Toren, es türmen sich riesenhafte

Halden mit ihren Werkbauten, Stätten der Arbeit vieler Jahrhunderte,

die der Landschaft ihren Stempel aufgedrückt hat. Die Romantik der

Arbeit, die Romantik, welche in die Tiefe der Erde, ins Dunkel

hinabsteigt, die Schrecken der Finsternis mit kühnem Wagemut und

raschem Erfindergeist besiegt, blinkende Schätze zutage fördert und

aus dem Gestein der Tiefe Berge zum Himmel türmt von gigantischer

Wucht und Denkmalsgröße, diese heroische Romantik der Arbeit schuf das

Landschaftsbild.

Stelle dich mit mir an den Hang des Muldentales am linken Ufer

gegenüber Muldenhütten. Wie ein schwarzer riesenhafter Kessel liegt

es vor dir im Grunde. Schwarz blinkend fließt die Mulde und trägt

weiße Schaumflocken, wie eine langsam gleitende gefleckte Schlange

der Unterwelt scheint sie in der Tiefe unheimlich zu schleichen. Und

es türmen sich bergaufwärts vom Grunde schwarze Schlackenmauern,

Dächer über Dächer, Häuser über Häuser, Giebel über Giebel, die Essen

rauchen und recken sich wie schlanke Türme dazwischen, und es ist

als zitterte und dröhnte eine ungeheure Spannung, eine unbändige

Lebenskraft und unzähmbare Arbeitswucht im Körper eines gefesselten

Riesen. Sein heißer Atem stößt empor und flockt in weißlichen Wolken in

den blauen Himmel hinein. Kahle mächtige Halden schieben sich hervor

mit steil abstürzenden Seiten in ihrer schwarzen Nacktheit wie aus der

Unterwelt und Nacht emporgehobene Felsenklippen mit trotziger Stirn

in die flimmernde Welt des Lichtes starrend. Und darüber die Talhänge

in goldgelber Farbe des herbstlichen rauhen langen Grases leuchten

wie ein ungeheurer goldener Reif über dem Haupte des arbeitenden

Giganten. Romantik der Arbeit schuf dieses Landschaftsbild als Ausdruck

heroischer Schönheit und Kraft der Industrie. -- Wandere mit mir durch

das Muldental, wo steil die Halden der Bergwerke ins Tal abstürzen.

Der Ludwigschacht mit seinen riesenhaften Sturzmassen schwarzer Blöcke

schiebt sich wie ein gewaltiger Felsriegel dunkel und drohend ins

Landschaftsbild. Aus finsterem Stollenmundloch strömt das Wasser des

Kunstgrabens hervor und eilt hellgrün schimmernd neben unserem Pfad.

Hie und da ein Häuslein am Wege oder dort auf grüner Halde unter

leuchtenden Birken zierlich ein freundliches Idyll. Die Mulde strömt

in raschem Flusse bald dicht an unserem Wege, bald in weitem Bogen

im breiteren Talgrunde. Bald lieblich und freundlich, bald ernst und

schwermütig oder gar finster ist diese Landschaft des Muldentales,

geworden und gestaltet durch die Arbeit der Jahrhunderte, durch das

Ringen starker Fäuste von tausend Geschlechtern im Bergmannskleid.

Die Romantik der Arbeit mit Schlägel und Eisen geht im Bergkittel und

mit dem Bergleder neben dir auf dem Weg durchs Muldental und raunt dir

ins Ohr und fragt dich stolz: Wo gibt es Täler, deren Eigenart und

Schönheit, deren landschaftlicher Charakter erst durch die industrielle

Arbeit zu solcher Größe und Bedeutung im Wandel der Zeiten emporgehoben

ist? --

Und dann komm und steige mit mir den steilen Weg der alten Dresdner

Straße am linken Muldenhang, den Hammerberg, aufwärts, vorbei an der

riesigen Halde des Abrahamschachtes, deren schwarze Steinmassen an der

Straße zu mächtigen Mauern gepackt sind und weiter hinauf in steiler

Böschung sich türmen. Wir gehen zu der etwa 100 ~m~ vom Wege rechts

liegenden Grube Elisabeth, zur »Alten Liese«, wie sie der Freiberger

Volksmund nennt. Ihre Grubengebäude über der mächtigen grau und weiß

und gelblich schimmernden Haldenböschung sind echte Charakterbauten des

Bergbaus mit ihren hohen, durch Fensterluken geteilten grauen Dächern

und niedrigen hellen Mauern. Als wären sie aus der Halde gewachsen und

geworden wie ein Naturgebilde, nicht wie gebaut oder hingestellt, sind

sie echt, wahr und bodenständig.

Da liegt die alte Bergstadt vor uns in malerischer Umrißlinie mit ihren

Türmen, Dächern und Giebeln, mit ihrer sturmerprobten, verwitterten

Stadtmauer und dem starken Donatsturm und dem buschigen Grün der

Wallpromenade im Vordergrunde. Die ruhende Masse des Domes, die beiden

Türme von Nikolai und als stolzragende Krönung die Türme von St. Petri

und Rathaus gliedern das Stadtbild in klarem, klingendem Rhythmus.

Lachende Felder und Fluren weitumher, dort die grünen Wogen des Waldes,

der bis in die Stadt seine harzduftigen Grüße schickt, und in der

Ferne die Linien der Berge und Höhen, die in dem leuchtenden Himmel

mit wundersamer Zartheit ferner und ferner, weicher und weicher sich

zeichnen. Zu unseren Füßen blühende Gärten, in denen Kinder lachen und

spielen, und dort drüben ein andrer großer Garten, wo stille Schläfer

ruhen von ihrer Arbeit, der ehrwürdige Donatsfriedhof.

Vergangenheit und zukunftsfrohe Gegenwart, Geschichte, Sage und

tausend Erinnerungen, das Leben, welches heute in den alten Gassen und

Häusern wirkt und drängt, die Gestalten, Herzen und Gedanken, welche

diese Giebel und Mauern, Türme und Straßenbilder einst schufen, darin

lebten, liebten und schließlich dort drüben ihre Ruhe fanden, alles

vereinigt sich zu einem geheimnisvollen Zauber, der verklärend über

dem Alltag des Lebens liegt und über Nüchternheit und kalte Prosa und

graue Sorge erhebt. Und mögen wir nichts wissen, was dort in jenen

winkligen Gassen und alten Häusern an Leid und Lust geschah, wir fühlen

es, daß sie viel erlebt haben und erzählen können, daß ihre heimlichen

Worte die Romantik uns erwecken könnten, die mit ihrem Lächeln das

Herz gewinnt und warm macht. Der Bergbau ist zur Rüste gegangen, aber

immer noch klingt seine Poesie über die Firste der alten Häuser, wenn

das Bergglöckchen noch läutet wie einst zur Schicht. Sie schreitet

durch die alten Gassen mit den schlichten Häusern und lugt um die

Ecken winkliger Straßen, die mit ihm jung waren, wo an Portalen hie

und da die Gestalt des Bergmanns oder das Bergmannszeichen in Stein

gehauen, Schlägel und Eisen, dich grüßt oder irgendein frommer Spruch

oder Gruß, wie ihn unsre Zeit nicht mehr kennt. Poesie wandert hinaus

zu den alten Schächten und Halden, die wie Hünenmale uralter Zeit die

Höhen rings um die Stadt krönen. Sie steigt hinab in die tiefen dunklen

Schächte, die jetzt so still und einsam sind. Wo einst des Fäustels

muntrer Schlag erklang, »und sie gruben das Silber und das Gold bei der

Nacht,« und wo das funkelnde Erz aus schwarzer Tiefe zur strahlenden

Sonne gleißend emporstieg, wo man die Grubenwässer murmeln und fließen

hört, und die Gänge und Stollen in schweigender Finsternis sich tief

unter der Stadt und weit darüber hinaus wie ein ungeheures Netz

meilenweit erstrecken, da lugt sie aus Spalten und Klüften, da huscht

sie um die Ecken und Winkel, da hörst du sie flüstern vom Berggeist,

von Gnomen und Kobolden, von den märchenhaften Schätzen der Berge, von

den »Walen«, den zauberkundigen Venetianern, die ihren Ort wußten, von

all den Wundern der Tiefe, die noch kein Menschenauge geschaut und

der Erlösung harren, von den Geheimnissen der Wünschelrute. Da werden

die Schatten lebendig, Vergangenheit wird Gegenwart, zeitlos und ohne

Stunde ist das Dasein. Du weißt nicht, ist es droben Tag oder Nacht,

Sommer oder Winter -- eine Poesie ganz eigener Art hat dich in ihr

Reich geführt, hält dich in ihrer Macht. --

Dort der alte Donatsfriedhof, ist er nicht auch Poesie? Seit 400 Jahren

fast schlafen im Ringe seiner altersgrauen Mauern Freiberger

Geschlechter. Sie zogen aus dem weiten Ringe der starken Mauern der

Stadt, aus ihren schönen steinernen Häusern in den engeren Mauerring

des alten Friedhofes, in die schmalen hölzernen Wohnungen aus sechs

Brettern. Über ihren alten Grüften rauschen hohe Bäume. Um ihre schönen

Denkmäler rankt sich der Efeu und Heckenrosen, duftet der Flieder und

jubeln die Singvögel das Lied des Lebens und der unvergänglichen Liebe.

-- Pestzeiten waren es, als Herzog Heinrich der Fromme 1531 diesen

Friedhof anzulegen befahl. Das Sterbeglöcklein stand nimmer still. Mit

immer neuer Furchtbarkeit erhob die Seuche ihr schreckliches Haupt

und erstickte mit ihrem giftigen Hauche das Leben, schonte weder jung

noch alt, nicht arm noch reich, nicht Mann noch Weib. Die Friedhöfe

an den Kirchen reichten nicht aus und aus den Grüften schien der Tod

allnächtlich aufzustehen und mit gespenstischer Faust an die Türen

von Hoch und Niedrig zu pochen, oder aus zahnlosem Knochenmunde seine

Opfer grinsend anzuhauchen. Da befahl der Herzog, daß »wegen der

Dünste, so sich in den gefährlichen und geschwinden Sterbensläuften aus

den Todtengräbern ziehen und erheben, und manchen Menschen tödtlich

vergiften mögen, daß ein gemeines Begräbniß außerhalb der Stadt zu

halten sei«. Wo die Kapelle des heiligen Donatus stand, dicht vor

dem Tor der Stadt, am Wege nach der Grube Himmelfahrt, zog man den

ovalen Mauerring um die neue Stadt der Toten. Sinnvolle Beziehungen

für gläubige Herzen mag man daraus erkennen: draußen der Weg der

Bergknappen zur Arbeitsschicht in das Dunkel der Grube Himmelfahrt,

drinnen der Gang zur letzten Schicht in das Dunkel einer Grube, deren

Rätsel noch kein Wissen erleuchtet hat, die der Glaube in den Sprüchen

auf Steinen und Kreuzen als »Himmelfahrt« deutet. Wie ist es doch auch

so sinnig und tief empfunden, den ernsten Baum, der so feierlich und

schön an den Gräbern steht, »Lebensbaum« zu nennen, und so in einem

Namen sinnbildlich eine ganze Lebens-, Welt- und Religionsauffassung

zusammenzufassen, nämlich, daß es keinen Tod gibt, sondern nur Wechsel

und Übergang, Himmelfahrt.

Auf dem ergreifenden Gefallenen-Gedächtnismal des Friedhofs stehen die

Worte: »Euer Tod soll Leben werden, deutscher Zukunft edle Saat.« Saat

ist Leben und Sterben, Saat ist Tun und Denken, Saat ist Anfang, Ernte

ist Vollendung. --

Eine tiefe, sinnige Poesie lebt so in den grünen Räumen des

alten Friedhofes, der Ruhestätte des alten Freibergs, heute der

stimmungsvolle Vorhof der neueren weiten Gräberfelder. -- --

Wo sollen wir noch die Poesie und Romantik in Freiberg suchen? Ach,

du brauchst sie nicht zu suchen, denn draußen, über das Friedhofstor

hinweg, siehst du den gewaltigen Donatsturm ragen und in den Friedhof

hineinschauen. Als Wahrzeichen der Stadt reckt sich seine wuchtige

Gestalt empor wie ein Bild echten Bürgertrotzes und kernhafter Treue.

Die Dohlen, die in den zahlreichen Mauerlöchern unzugänglich nisten,

gehören zum Turm, wie seine Gestalt ins Bild der Stadt. Da scharen sich

die schwarzen Gesellen zusammen zu einer Wolke, zu einem flatternden

Geschwader; schreiend beraten sie, wohin der Flug sie tragen soll. Zum

Spittelwald? Hin und her schwebt die Wolke, bald dicht zusammengeballt,

bald weit auseinandergezogen droben in der blauen Luft und entschwindet

schließlich in der Ferne am Saume des Waldes. Der Donatsturm, die

Stadtmauern mit ihren alten Verteidigungswerken und Türmen, mit den

Gräben, in denen jetzt die Bäume rauschen, wissen zu erzählen von

alter Zeit, und ihre Steine reden von Kampf und Blut und Not und dem

Heldentum schlichter Bürgertreue. Da klirrt es von Waffen, da kracht

es aus den groben Stücken und Kartaunen, da rühmt es von kühner Tat,

da raunt es aber auch von Verrat, da ist die Romantik der Geschichte

lebendig, deren Zeuge diese Mauern und Steine waren. --

Und mitten im Herzen der Stadt, wo der Puls des Lebens am kräftigsten,

am raschesten pocht, lacht oft die Poesie aus blanken jungen Augen, die

Poesie der Jugend und fröhlicher Burschenzeit trotz trüber schwerer

Gegenwart. Der Marktbrunnen rauscht und plätschert neben dir. Aus

breitem vierteiligem Granitbecken steigt die wuchtige Mittelsäule

auf, die vier kleinere Becken mit wasserspeienden Löwenköpfen trägt.

Die Bronzegestalt Ottos des Reichen, des Gründers der Stadt steht mit

wallendem Mantel in Panzer und Helm als Säulenheiliger oben auf dem

romanischen Schaft und hält die Gründungsurkunde in der Rechten, den

Griff des langen Schwertes in der Linken. Vier Bronzelöwen halten

am Sockel der Säule Wacht und speien im Bogen Wasser in die unteren

Granitschalen. Das unvermischte nasse Wasser, wie hier von allen Seiten

es den Wettiner wie einen Wassergott umsprüht, umrieselt, umplätschert,

und die von Löwen bewachte Säuleneinsamkeit dort oben mag nicht sein

besonderer fürstlicher Geschmack gewesen sein. Das empfinden die Herren

Studenten, denen anderer Stoff lieber ist als Wasser, mit unfehlbarem

Feingefühl und wie der Hanfried auf dem Markte zu Jena spürt auch der

reiche Otto flotten Burschengeist und kecken Übermut.

Nacht ist es. Der Vollmond leuchtet mit märchenhaftem Schein über die

alten Giebel. Wie Silber blinken die Dächer und Erker der ehrwürdigen

Häuser und blinzeln mit verschlafenen Augen in die Träume der Nacht.

Der Rathausturm ragt hoch in den schimmernden Glanz. Wie das große rote

Auge eines Zyklopen schaut seine Uhr auf den stillen Markt, als wollte

es spähen und wachen für die Sicherheit der Stadt, ob nicht in den

breiten schwarzen Schatten der Häuser oder in den engen Finsternissen

der Straßenmündungen sich Geheimnisse verbergen. Da regt es sich

gespensterhaft. Da klingt es wie heimliches Gemurmel. Ein Klappen, ein

Schleifen, ein Trappeln und Huschen. Im Gänsemarsch zieht es herbei

und bewegt sich im großen Kreise um den Brunnen, wie eine geisterhafte

Prozession. Ein Ruck, die Prozession erstarrt, ein leises Kommando und

ein kräftiger Salamander steigt auf dem granitenen Brunnenrand oder

auf dem schwarzen Stein, da Kunz von Kaufungen, der Prinzenräuber,

einst enthauptet wurde, eine Ansprache an den ehernen Brunnenfürsten

dort oben, der wahrhaftig sein hartes Gesicht zum Lächeln verzieht,

ein Prosit auf sein wässeriges Wohl in braunem Bier, das seine steifen

Lippen nicht erreicht, ein brausender Burschensang, der von den

Häuserwänden widerhallt, ein »Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt«

und der Spuk ist spurlos verschwunden, als die Polizei erscheint. --

Ruhig grinsend spucken die Löwen ihr Wasser im plätschernden Bogen, ein

Philister schimpft zum Fenster heraus und Otto der Reiche guckt in den

Mond. --

O Mondnachtmärchen und Mitternachtszauber am Obermarkt!

O Romantik jugendfrischer Studentenzeit, wie steigst du auf und

lächelst dem Frohsinn ungebrochener Jugendlust und übermütiger

Studentenstreiche. Auch der Löwenritt zwischen sprudelnden Strahlen und

tiefem Wasserbecken zu mitternächtiger Stunde, unmittelbar angesichts

der Polizeiwache, hat gar manchem üppigen Füchslein zu unfreiwilligem

Bad oder Strafmandat, dem bronzenen Säulenheiligen dort oben aber

öfter zu einer »feuchtfröhlichen« Huldigung in seinem steifen Dasein

verholfen. Ja einstmals hielt dieser hochgestellte Erzheilige am Morgen

eine große Klingel in der Hand, welche am verborgenen Drahte gezogen,

frisch in den Morgen schellte, als wäre er der Ortsdiener und wollte

seinen getreuen Freibergern ausschellen, daß der alte Burschengeist

noch lebt. --

Was wallen die bunten Studentenfahnen aus den Fenstern, wo ein

flotter Bursche wohnt, und flattern fröhlich im zausenden Winde, wenn

irgendein Verbindungsfest oder ein Ehrentag der ehrwürdigen ~alma

mater~ im Reigen der Zeit uns grüßt! Sie werfen buntjubelnde Freude ins

Straßenbild. Der behäbige Bürger lächelt zu ihnen empor und freut sich,

wenn die schlanken Burschen durch die farbenfrohe Poesie ihrer Jugend

den grauen Alltag vergolden. Es lächeln aber auch lieblich verschämt

oder auch keck und bewußt, je nach Temperament, die jungen Damen, wenn

abends um 6 Uhr auf dem Bummel an der östlichen Marktseite die bunten

Farben sich zeigen und mancher Gruß und mancher Wink aus schönen Augen

spricht von Suchen und Finden, von Maienzeit und seligem Hoffen --

»denn du weißt, du weißt es ja!«

Wenn der neue Rektor der Bergakademie durch seine Studenten mit einem

Fackelzug begrüßt und der Scheidende zum Abschied geehrt wurde, was war

das für ein Leben in der alten Bergstadt! Der Ausschuß der Studierenden

in seiner eigenartigen kleidsamen bergmännischen Tracht voran, die

bunten Farben und Mützen, Pekeschen und Jacken in reichem lebendigen

Wechsel, der kräftige Sang froher Burschenlieder, die lodernden Fackeln

mit ihrer roten Glut in den alten Gassen, die jugendfrohe, frische

Begeisterung in lachenden, leuchtenden Augen, und herzudrängend

in froher Teilnahme alt und jung, die liebe Mädchenwelt und die

begeisterten Schüler, als wäre es ein Fest der ganzen Stadt, nicht bloß

der ~alma mater~: die Poesie des ganzen Studentenlebens schien sich in

einem lachenden Bilde zusammenzuschließen. -- Die harte Not der Zeit

hat dieses herrliche Bild in den letzten Jahren nicht wieder lebendig

werden lassen, hat die lodernden Fackeln ausgelöscht, hat aber nicht

den feurigen Mut löschen können, der in den jungen begeisterten Herzen

lebt, der auch das deutsche Leid überwinden wird.

»Frei ist der Bursch« klingt und singt es durch die Straßen nicht

minder als durch die Herzen in Alt-Freiberg, der einzigen sächsischen

Stadt, die noch den Zauber der Romantik studentischen Lebens bei allem

tiefgründigen Ernst der Arbeit trotz aller Lebensnot uns spüren läßt.

Wie klingen die alten Bergmannslieder, wie jauchzt das »Glückauf«

in begeistertem Zuruf in froher studentischer Runde und machen die

Romantik der bergmännischen Vergangenheit der Stadt und der eigenen

bergmännischen Zukunft den jungen Sängern voll Begeisterung lebendig:

»Glück auf! ihr Bergleut’, jung und alt!« Und wenn der Bursche

hinauszieht ins Philisterland, wie begleitet ihn noch die Poesie

bis in die rauchige Prosa der Bahnhofshalle, wenn das Abschiedslied

in mächtigem Chore klingt und die farbigen Mützen dem Scheidenden

winken: »Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus in die

Welt. Sing sang und kling klang, es zog ein Bursch hinaus!« -- Die

Fahrgäste schauen und winken mit aus dem Zuge, der aus der Halle

schnaubend davonkeucht. Die Poesie Alt-Freiberger Romantik und frischen

Burschengeistes hat sie berührt und klingt in ihren Herzen noch, wenn

längst die Petritürme am Horizont versunken sind.

Ja die Romantik der Stadt! Wandere durch den Dom, tritt vor die goldene

Pforte oder vor die schwarze Rüstung des Kurfürsten Moritz aus der

Todesschlacht von Sievershausen, stelle dich unter die Torstensonlinde

und laß dir von ihren Blättern zuraunen, wie der podagrageplagte

Feldherr über das »Hexennest« Freiberg fluchte, oder steige hinab in

das Verließ des Kunz von Kaufungen, oder denke an Friederikus Rex,

wie er durch Freibergs Straßen ritt, oder an nächtliche Bergparaden

beim wuchtigen, ehernen Klange der russischen Hörner bei Fackelschein

und rhythmischer Bewegung der brennenden Froschlampen, denke an die

feierlichen Leichenbegängnisse in düsterer Pracht, wenn ein Fürst im

Dome beigesetzt wurde. Die Bilder drängen sich, Gestalten und Männer

treten vor dein Auge und Herz und füllen dich mit Heimatstolz, denn nun

erst hat die Stadt eine Seele bekommen, eine Seele, die mit dir wandert

und spricht; du hast die Seele der Heimat gefunden.

Ja die Romantik in Freibergs Mauern, das ist die Geschichte der Stadt,

die in ihr lebendig wird und in Erinnerungen redet. Ihrem ernsten

Gewande braucht man nicht den Flitterkram phantasievoller Erfindung

anzuhängen, um zu fesseln, zu packen und zum Sinnen und Denken und

innerlichen Schauen anzuregen, daß es uns nicht wieder losläßt.

Vieles ist vergessen, zerstört, hinabgesunken in das dunkle Reich des

Schweigens, aber schaut die alten Häuser und Mauern, die alten schönen

Portale, den herrlichen Dom mit seiner goldenen Pforte, den Kanzeln und

der Wettiner Gruft, die anderen Kirchen, die altertümliche »Thümerei«

mit ihren Museumsschätzen, das Rathaus mit dem, was diese Bauten in

sich bergen, blättert in den alten Chroniken, Urkunden oder Akten, dann

steigt es herauf und wird wieder lebendig, dann blüht ein verklärendes

Lächeln auf, das Lächeln, das wie ein geheimnisvoller Zauber die alte

getreue Bergstadt verschönt und die Herzen an sie fesselt. Verschüttete

Brunnen der Erinnerung fangen an zu strömen, verstummte Glocken tönen,

versunkene, verwunschene Schätze steigen empor, die Augen und Herzen

werden sehend, das Verlorene ist wieder da und lebt und füllt mit

seinem wundersamen Leben und Weben die Stätten, welche zuvor leer,

öde, karg, ernst und kalt und nüchtern schienen: Du hast die Seele der

Heimat gefunden.

Von festen Mauern und festen Herzen.

Drei trotzige Türme mit Zinnen und flachen Kegeldächern, und ein

zinnengekröntes Mauertor, in dem ein Herzschild mit wehrhaftem Löwen

den Zugang sperrt, das ist das Wappen des alten Vriberch, »~Sigillum

Burgensium in Vriberch~«, »das Siegel der Bürger in Vriberch«. An

einer der ältesten erhaltenen Freiberger Urkunden von 1227 hängt es

bedeutungsvoll, und man darf annehmen, daß seit der Stadtgründung, etwa

50 Jahre zuvor, dieses Wappen geführt wurde und den Stolz und trutzigen

Sinn der Stadt auf dem freien Berge, der deutschen Bergmannsstadt in

slavischer Wildnis, zum Ausdruck brachte. Dieses Siegel sagte Freund

und Feind, daß die junge Stadt eine ummauerte, wohlbefestigte sei,

an deren Toren der Freiberger Löwe Wache hält und seine Klauen zum

mächtigen Schlage dem Freunde zum Schutz, dem Feinde zum Trutz erhebt.

Ein »redendes« Wappen, dessen Rede im Lauf der Geschichte zu Taten

wurde.

Durch alle Jahrhunderte hat die Stadt dies Wappen mit den silbernen

Türmen geführt, festgegründet auf silberdurchwachsenem freiem

Felsengrunde.

Märchen gingen durch alle Lande von dem wunderbaren Reichtum der Stadt,

wo die Ziegel auf den Dächern von Silber wären, und Bürger und Bergmann

von Gold und Silber speisten. Wie ein Märchen aus Tausendundeiner

Nacht klingt es z. B., was uns der Chronist über das große Turnier

berichtet, welches im Jahre 1263 der Markgraf Heinrich der Erlauchte

von dem Freiberger Silber in Nordhausen ausrichtete: »Da er in der

Mitte der Bahn einen gantzen silbernen Baum aufrichten lassen von halb

gülden und halb silbern Blettern, auch einem jeden, welcher im rennen

seinen Speer gebrochen, und auf dem Rosse sitzen blieben, ein silbern

Blat, welcher aber den andern gar herabgestochen, ein gülden Blat

verehret; dabey denn eine solche kostbare Zubereitung in allen Sachen

gewesen, und gegenwärtige Fürsten, Graffen, Herren, Ritter und Adels

Personen 8 Tage nacheinander dermassen stadlich tractiret worden, daß

es, wie die alten ~historici~ berichten, einem Keyser schwer würde

gefallen seyn, solches nachzuthun.« Von diesem Markgraf sagte man, daß

er durch seinen »fürtrefflichen Reichthum gantz Böhmen mit baaren Gelde

hette bezahlen, auch sonst andere Länder an sich und seine Nachkommen

bringen können«. Auch die Chronik der Stadt Schneeberg, welche 1470

gegründet war, berichtet aus dem Jahre 1477: »Auch war in St. Georgen

die große Silber-Stuffe wie ein Tisch verstrosset, darauff Herzog

Albrecht Tafel gehalten und daraus hernachmals 400 Zentner Silber

geschmelzet worden.«

Solche reiche Silberausbeute mußte wohl märchenhaft erscheinen und die

Phantasie des Volkes mächtig anregen.

Hat man doch sogar in neuerer Zeit noch erstaunliche Funde gediegenen

Silbers gemacht, wie z. B. im Jahre 1847 auf der Grube Himmelfahrt

17 Zentner auf einem Gangkreuz, im Jahre 1857 auf der Grube Himmelfürst

sogar 91 Zentner plattenförmig auf einem Punkte beisammen. Da war es

kein Wunder, daß in der Zeit, als das Silber fast zu Tage lag und das

Erz mühelos gebrochen wurde, Markgraf Otto, der Gründer der Stadt,

der »Reiche« genannt wurde, daß er dieses Schatzkästlein mit festen

Mauern und Türmen umgab, und daß er die Wehrhaftigkeit durch Siegel

und Wappen besonders betonte. Reste dieser ersten Mauer darf man wohl

heute noch in den unteren Teilen der erhaltenen alten Stadtmauer am

Donatsring vermuten. Ein stolzes Bild hat durch die Jahrhunderte die

mauerumgürtete, turmgekrönte, zinnenumwehrte Stadt geboten, namentlich

nachdem im Laufe des Mittelalters alle Erfahrungen und Künste der

Befestigung und des Wehrbaues an ihre Wehrhaftmachung gesetzt waren.

Sie war mit doppelten Mauern, 44 Türmen, fünf starken Torbauten, mit

Gräben und breiten Teichen gesichert.

Der Chronist Möller schreibt im Jahre 1653:

»Die Ringmawern sind dick und stark, umb und umb zwiefächtig mit

einem Zwinger. Die eine ist sehr hoch, und mit vielen Außwerken und

Thürmen befestiget. Die andere, welche sonst die Zwinger Mawer genennet

wird, ist etwas niedriger, und hat auch etliche besondere Thürmlein

und Außwerke. Für den Ringmawern gehet umb die Stadt ein tieffer

gefütterter Graben, welcher zum theil voll Wasser, zum theil leer ist.

Man hat für diesen zur Lust etliche Stücke Wild drinnen gehalten und

vermehret, wie auch noch bei Mannes gedenken etliche weisse Hirsche,

sampt anderen Stücken, von der hohen Obrigkeit deßwegen dahin gesendet,

und der Stadt verehret worden.

In den Ringmawern seynd fünff Haupt Thore, welche alle mit

festen Thürmen, Brustwehren, Rondelen, hangenden Zugbrücken, und

drey unterschiedlichen grossen Pforten, theils auch mit starken

Schutzgattern, und anderen zur Defension und wider feindlichen Anlauff

gehörenden Stücken wol verwahret seynd.«

Möller erwähnt hier nicht die Befestigung durch die Teiche, obschon

sie bereits auf dem Stadtplan von 1554 vorhanden sind. Vom Peterstor

bis dicht zum Meißner Tor, zehn an der Zahl, waren sie mit ihren

senkrechten gemauerten Ufern oder Böschungen ein starkes Hindernis noch

vor der Stadtmauer. Auch heute noch bietet sich, namentlich im Winter,

dem Blicke, z. B. über den Schlüsselteich, auf die hohen Mauern und

Türme ein trotziges stolzes Bild der alten Wehrhaftigkeit.

Von den fünf starken Torbauten ist nichts erhalten geblieben als der

gewaltige Donatsturm im Osten der Stadt. Immer noch steht er, als

kraftvolles Wahrzeichen der Stadt, wie ein treuer Wächter und ragt

weit über Dächer und Giebel in die blaue Luft. Wie zu unzerstörbaren

Felsenmauern gefügt türmen sich seine braunen und schwarzen

Gneisquadern zu mächtigem Rundbau empor. 5 ~m~ stark sind seine Wände,

so daß er auch für die schwersten Geschütze der älteren Zeit als

unzerstörbar gelten mußte. Sein Umfang ist 44 ~m~, sein Durchmesser

14 ~m~ und seine Höhe 29 ~m~. So ragt er gen Himmel, über die Stadt und

die Jahrhunderte, wie ein trotziger Fels, an dem die Wogen der Zeit und

die Stürme des Schicksals sich brechen und zerstieben.

Die Rüstlöcher der fleißigen Werkleute sind in regelmäßigen Abständen

sein einziger Schmuck. Schießscharten mit Rundöffnung für die Rohre der

kleinen Feldschlangen, Geschütze, Doppelhaken und Falkonetlein und mit

Schlitzen für die Beobachtung und den Abzug der Pulvergase durchbrechen

im oberen Teil des Turmes 18 ~m~ über der Erde in drei Reihen

übereinander von je neun Stück das Mauerwerk und sind von innen durch

gewölbte, tunnelartige, ringförmige Umgänge im Mauerkerne zugänglich.

Oben öffnen sich im Ringe dicht unter dem spitzen Kegeldach die neun

Schießluken oder Scharten für die groben Stücke. Von hier brüllten sie

dem Feinde ihre rauhen Grüße zu. Die letzten Kanonen sollen erst 1796

herabgestürzt und von Hammerschmieden als altes Eisen gekauft worden

sein.

Im vorigen Jahrhundert erst wurde das eigentliche Tor mit dem

weitvorspringenden Rondell abgebrochen, und weit klaffte die große

Lücke zwischen dem mächtigen Turm und dem Reste der Stadtmauer. Erst

im Jahre 1922 wurde von mir ein Wohnhaus für die Stadt dort errichtet.

Durch weitgespannten Torbogen ist es mit dem Turm verbunden und zu

einer malerischen, geschlossenen Gruppe zusammengefaßt, welche das

Straßenbild abschließt. Am Tor ließ ich in Sandstein die Sprüche

meißeln: »Gemeinwohl geht über dein Wohl« und »Eintracht bricht Not,

Zwietracht bringt Tod«. Dafür ist der Turm selbst Zeuge und Mahnung

durch seine Entstehung und seine Geschichte.

Bergmannstreue soll ja diesen starken Schutz und Wächter der Stadt

geschaffen haben, indem jeder Bergmann für das Gemeinwohl sich von

seinem Schichtlohn einen Betrag kürzen ließ, und indem er selbst mit

Hand anlegte. So wuchs das Bollwerk empor, seiner Bestimmung entgegen

und hat in den Stürmen der Jahrhunderte unerschüttert und unzerstörbar,

wuchtig und stolz seinen Platz in der Mauer, im Stadtbilde und vor dem

Feinde ausgefüllt, denn Eintracht bricht Not, Zwietracht bringt Tod!

Er sah trotzig hernieder mit seiner Felsenstirn auf Sorben und

Hussiten, auf Wallensteins Söldner und schwedische Heerscharen, auf

die Füsiliere des Friderikus Rex, auf Napoleons Truppen und die Sieger

von 70. Wie brandete um seine Mauern die sturmbewegte Geschichte der

Stadt und der ganzen Heimat! Er hörte einst die dunkle bittere Kunde

von Sievershausen, da Herzog Moritz, die Hoffnung des evangelischen

Deutschlands, fiel, von Lützen, da Gustav Adolf starb, die Siegeskunde

von Leuthen und Leipzig, die Schmach von Jena, von Moskaus Brand

und von dem Fall von Paris, von Sedan, von Lüttich, Tannenberg und

Skagerrak. Das deutsche Leid sank lastend auf ihn nieder, und schwarze

Wolken deckten blühende Fluren.

An ihm rumpelte die gelbe Postkutsche mit hellem Hornruf vorbei, und

lustige Wagen mit Maien und lachenden Mädchen, und auch der dunkle

Wagen mit seinen schwarzen Rossen zum nahen Donatsfriedhof und seinem

grünen Frieden. So viele Bergmannsgeschlechter, die längst vergessen

dort der Ewigkeit entgegenschlummern, hat er gekannt, wie sie als

Kinder zu seinen Füßen spielten.

Johann Tetzel verkaufte zu seinen Füßen seine Ablaßzettel an die

Bergknappen und schleppte viel Geld mit fort, denn er predigte, daß

alle Schächte verfallen würden, wenn man nicht reichliche Spenden in

seinen Ablaßkasten werfen würde. Bruder Martinus, der Bergmannssohn

aus Wittenberg sah vielleicht mit seinen tiefen Augen dieses trotzige

Bollwerk der Stadt, den Psalm und sein Lied von der festen Burg im

Herzen. Er trug Seelen und Herzen mit sich fort und riß die Geister zu

höherem Fluge mit sich empor.

Des Alten Fritzen blaues Königsauge maß den alten Turmrecken mit

prüfendem Feldherrnblick, nachdem er schon sechs Jahre im Heldenkampfe

siegreich einer Welt von Feinden Trotz geboten und neuen Lorbeer um

seine kriegs- und siegesmüde Stirn geflochten.

Humboldt, der die Welt umwanderte und neu als Kosmos in seinen Werken

erstehen ließ, Goethe, der eine Welt in seinem Herzen trug, und neue

Geisteswelten schuf und deutschen Geistes stolze Stirn zu den Sternen

hob, sie schauten empor zum alten Turm, der wie etwas Zeitloses am Wege

steht und mit stummer Sprache raunt von ewigen Dingen.

Theodor Körner im Bergkittel sang zu ihm seine Burschen- und

Bergmannslieder empor und trug seine begeisterte Seele von hier wie

einen lodernden Opferbrand ins Morgenrot der Freiheit.

An ihm schritt der Handwerksbursche vorbei, die Wahrzeichen der Stadt

sich noch einmal bedenkend, hinaus, wo ihm das Leben und die Zukunft

lachte.

Der Bergmann zog vorüber mit Glückauf zur Schicht in schwarzer Tiefe,

zum Schacht anfahrend, dessen Glöckchen traulich herüberklang.

Die Wogen und Wellen der Zeit und der Menschen strömten dahin. Das

Tor und die Mauern fielen zum Teil. Der alte, graue, riesige Wächter

aber blieb und sah sinnend, wie zu seinen Füßen buntes Bürgerleben

hinausquoll über Wälle und Gräben, wie die frische neue Jugend

hinausdrängte in Gärten und Grün, in Wälder und Berge, zu Sport und

Spiel, in Sonnenglück und stählende Winterlust, wenn sie Gott oder

ihrer eignen Seele tiefste Sehnsucht fühlten im Wehen der Halme, im

Rauschen der Bäume, im weißen Glanz der Winterpracht, in den Wundern

der Weite, als sie die Heimat fanden und immer wieder suchten in

Sehnsucht und in der Heimat die Seele und die Kraft, welche sie gesund

und reich macht.

Goldene Volkslieder klingen empor zu ihm wie aus dem Zauberbrunnen

der Märchenzeit, die süßen Wunderweisen von Schubert und

Silcher. Sehnsuchtsklänge von Herrmann Löns und erzgebirgischer

Heimatsang von Anton Günther ranken sich mit Lautenklang um die

mondscheinumflimmerten Mauern des Turmes und der alten Stadt.

Der alte graue Landsknecht aber, mit seinen mächtigen breiten

Schultern, der alte getreue Ekkehard und Hüter der Stadt schaut

hernieder und lächelt über das bunte Getriebe, über das Lieben und

Leiden, das Eilen und Weilen, das Hasten und Rasten, das Jagen und

Plagen der Ameisen zu seinen Füßen.

Wie um seine Stirn die Dohlen schreien und flattern, abstreichen und

heranschweben, so eilen und ändern sich Geschichte, Geschlechter und

Geschicke; Seelen und Gedanken flattern und schweben. Warum? Wohin?

Der Donatsfriedhof, der Gottesacker mit seinen rätselhaften Schollen,

die Jahrhundert für Jahrhundert immer aufs neue umgestürzt werden,

ist so nah, in dem von Ewigkeit so viel gesprochen wird, und die

Vergänglichkeit so grausam uns ins Antlitz starrt, in dem die Blumen

der Hoffnung und die Dornen der Verzweiflung dicht nebeneinander

wachsen, welken und immer wieder sprießen, in dem die Fragen und die

Rätsel keimen, und die bangende Seele Antwort und Lösung pflücken will

und sucht, bis ihr hier draußen die Antwort wird, wenn einst hinter dem

dunklen Tor sich ihr die letzten Rätsel lösen.

Wohin rinnt der Strom des Lebens, der unaufhaltsam durch die

Jahrhunderte fließt, an dessen Ufer der alte Turm wie ein Felsen

unerschüttert steht? Über ihn spannt sich des Himmels unendliches

dunkles Gewölbe mit seinen Myriaden flimmernder Welten. Ein Stern

schießt seine leuchtende Bahn in weitem Bogen und ist verschwunden.

Warum? Wohin?

Weltall und Ewigkeit -- unfaßbare Gedanken nicht auszudenkender Gewalt!

Menschenseele! nicht faßbares Wunder von unerklärlicher Größe! Leben

und Vergänglichkeit, Menschenseele und Ewigkeit, die Rätselfragen alles

Seins, schweben empor über die mondscheinumflimmerten Dächer. Nie

gestillte, nie erfüllte dürstende Sehnsuchtsgedanken wandern in den

dunklen Abgrund des Weltalls, in die schweigenden dunkelblauen Fluren

der Unendlichkeit.

Selig sind, die da Heimweh haben,

Denn sie sollen nach Hause kommen.

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Die anderen Tore schienen wohl auch für die Ewigkeit gebaut zu sein.

Doch was durch Jahrhunderte feindlichen Stürmen Trotz geboten und der

Stadt und ihren Bürgern als Schutz und Hort gedient hatte, das mußte

unter der Spitzhacke dieser Bürger fallen.

So sank ein prächtiger, wehrhafter Torbau nach dem andern, ein

malerisches Bild alter Stadtherrlichkeit nach dem andern dahin. Wenn

man die alten Darstellungen der Tore betrachtet, so könnte man glauben,

jene Zeit der Spitzhacke, des Meißels und Brecheisens sei blind und

gefühllos gewesen gegen die reizvolle Schönheit und gegen den Zauber

der Geschichte, welcher die alten Türme und Mauern mit ihren Ranken

umsponnen hielt. 1846 fiel z. B. das Erbische Tor, das einen Ludwig

Richter zu einer entzückenden Kupferradierung begeistert hatte. Wie ein

Blick auf das Juwel mittelalterlicher Stadtschönheit, auf Rothenburg

ob d. Tauber, wirkt dieser Ausschnitt aus Alt-Freibergs verlorener

alter Herrlichkeit. Aus tiefem Wallgraben rauschen die Baumwipfel

empor, aber höher steigen die trotzigen Türme und Mauern, über welche

Giebel und Dächer schauen, und zwischen ihnen der Torturm des Erbischen

Tors, feingegliedert, auf vierkantigem Unterbau achteckig aufragend.

Acht große ovale Schießluken für die schweren Geschütze und darüber,

getrennt durch ein glattes Gesimsband, acht schmale horizontale

Schießschlitze sind der wirksame und zweckvolle Schmuck des wuchtigen

Bauwerkes. So friedlich und gar nicht kriegerisch mehr schaut das Tor

darein.

Die vier letzten, alten, eisernen Kanonen, welche einst grimmig von

hier oben hinabdrohten, wurden 1802 verkauft und der Erlös wurde

zur Stärkung der Laternenkasse verwendet, die zur Einrichtung einer

öffentlichen Beleuchtung gegründet war. -- Liegt nicht darin die ganze

Behaglichkeit des Spießbürgers, den Krieg und Kriegsgeschrei nicht

stört, weil er meint, ihm sei der Friede sicher und der Krieg dahinten

weit in der Türkei so fern, so fern, und doch stand Mars schon drohend

am Himmel und die apokalyptischen Reiter hatten ihre Rosse gezäumt zum

Ritte durch Deutschlands blühende Fluren und auch Freibergs Gassen in

der napoleonischen Zeit. Hier, auf unserem Bilde von Ludwig Richter,

sind diese schweren Tage vorübergebraust und das friedlich behagliche

Leben macht sich wieder breit und vergißt so gern die dunklen Tage.

Zum Turme staffeln sich auf, wie mächtige Stufen, die Mauern des

»Rondells«, des Vorhofes oder Vortores. Stolze Pappeln stehen wie

ragende Wächter daneben und breite Baumkronen lehnen sich an das alte

Mauerwerk. Im Vordergrunde aber bewegen sich die lieben Gestalten,

mit welchen Ludwig Richters sonniges Kinderherz in stets wechselnder

Fülle seine Werke zu beleben wußte. Der vornehme Bürger mit hohem Hut,

der seine zwei Damen im Reifrock auf dem Walle spazieren führt, zwei

Bergleute in ihrer altertümlichen, charakteristischen Tracht, die

Bauersfrau, welche ihren schweren Korb zu Markte trägt, das dralle

Mädchen mit einem wackeren Handwerksmeister, Hunde und Zicklein und

fernes Gewimmel. --

So friedlich und freundlich diese Bilder ausschauen, so bittere Not,

Wunden und Tod haben doch diese Mauern gesehen, wenn der Feind vor

ihnen lag, die Häuser der Vorstädte brannten und die Pest und der

Hunger durch die Gassen schlich und mit knöchernem Finger an die

Pforten pochte. Das waren die Notzeiten und Heldenzeiten der Stadt,

wenn Kriegsstürme diese starken Mauern und Türme umtobten und manch

wackeres Stücklein von trotzigem Bürgermut und unverzagter Treue aus

harter Faust und festem Herzen sprang. Not lehrt beten und Not macht

Helden! Eintracht bricht Not! Das Peterstor war es vor allem, dem

immer wieder die Wut der Feinde, die furchtbarsten Angriffe galten.

Seine stärkste Probe mußte dieses Bollwerk mit seinem gedrungenen

vierkantigen Turme und mächtigem Rondell im dreißigjährigen Kriege

aushalten. Doch was nützen Mauern und Türme, wenn nicht heldenmütige

Treue die Wache hält. Es ist ein Ruhmesblatt von höherem Werte als ein

Blatt von jenem silbernen Baum einst im Turnierhofe zu Nordhausen,

welches sich hier tapferer Soldatengeist und Bürgermut für alle Zeiten

errang.

Furchtbares hatte die Stadt bereits erlitten. Plünderungen und

Kontributionen von Freund und Feind, Einquartierungen, Seuchen und

Brandschatzungen.

Besonders schwer war das Jahr 1632. Bald waren churfürstliche Truppen,

bald Wallensteins Regimenter, bald die berüchtigten Horden des

Holck, bald kaiserliche »Krabaten«, bald Böhmen oder andere Völker

in der Stadt oder vor ihren Mauern. Dann kam der kaiserliche General

Feldmarschall Graf von Gallas auf Wallensteins Befehl Ende September

mit großer Übermacht und bombardierte die unglückliche Stadt. Granaten

bis zu 90 Pfund hämmerten auf das Peterstor mit furchtbaren Schlägen

und auf die Straßen, und Brandgeschosse »viel Fewerballen« fielen auf

der Petersgasse und Fischergasse auf die Dächer der Häuser immer und

immer wieder und bedrohten mit Feuersbrunst die Stadt. Den tapferen

Verteidigern, welche schon 300 feindliche Soldaten erschossen, ging

die Munition aus und an Lebensmitteln war Mangel, der Feind legte die

Sturmleitern an und hat »dannenhero hoher Beträwungen verlauten lassen,

alles ohne unterscheid nieder zu hawen, und die Stadt gäntzlicher

zu verderben, wo sie nicht ohne ferneren verzug auffgegeben würde,

ist der Schrecken in der Stadt bey den Einwohnern und Eingefleheten

desto grösser worden, und ist dieses eine recht ängstliche Nacht, und

die Stadt in grosser Gefahr gewesen.« Die Stadt mußte sich ergeben

und den übermütigen Feind in ihre Mauern lassen. Die kurfürstliche

Garnison mußte die Waffen ablegen und erhielt freien Abzug. Von den

Bürgern wurden aber 50000 Reichstaler verlangt als Ablösung für die

Plünderung innerhalb 3 Tagen aufzubringen. Auf inständiges Bitten

wurde durch Vermittlung des Feldmarschall-Leutnants Holck diese

Summe auf 30000 Taler ermäßigt. Da aber die Bürgerschaft schon zuvor

für die Garnison an Verpfleggeldern innerhalb 6 Wochen 45143 Taler,

5 Groschen, 3 Pfennige hatte aufbringen müssen, so war sie »dermassen

erschöpffet und verarmet, daß aller Vorrath hinweg, und bey vielen

mehr nicht als das liebe Leben übrig. Drumb gab es wegen Einbringung

dieser hohen Rantzion große ~difficulteten~, und mußte alles, was noch

etwan an güldenen Ketten, silbernen Bechern, Gürteln, Messerscheiden,

und dergleichen Geschmeide bey einem oder dem andern vorhanden,

herausgegeben werden.«

Aus grauen Mauern und grünen Weiten Schauen und Sinnen auf Heimatwegen · 第 1 / 25 段