4. Was Ibn Roschd von seinen Vorgängern, namentlich von Ibn Sina,

unterscheidet, ist vor allem die unzweideutige Art und Weise,

in der er die Welt als ewigen Prozess des Werdens auffasst. Die

Welt als ganzes ist eine ewig-notwendige Einheit, ohne irgendwelche

Möglichkeit des Nicht- oder Andersseins. Materie und Form sind nur im

Gedanken zu trennen. Die Formen wandern nicht wie Gespenster durch

die dunkle Materie, sondern sind keimartig in dieser enthalten. Wie

Naturkräfte wirken die materiellen Formen, ewig fortzeugend, nie von

der Materie getrennt, aber dennoch göttlich zu nennen. Absolutes

Entstehen und Vergehen gibt es nicht, denn alles Geschehen ist

Übergang von der Potenzialität zur Aktualität und von der Aktualität

in die Potenzialität zurück. Dabei wird gleichartiges immer nur von

gleichartigem erzeugt.

Es gibt aber eine Stufenordnung des Seienden. Die materielle oder

substanzielle Form steht in der Mitte zwischen bloßem Accidens

und reiner (separater) Form. Auch die substanziellen Formen zeigen

graduelle Verschiedenheiten, Mittelzustände zwischen Potenzialität

und Aktualität. Und endlich das ganze System der Formen, von der

niedersten hylischen Form bis zum göttlichen Wesen, der Urform des

Alls, ist ein geschlossener Stufenbau.

Der ewige Prozess des Werdens innerhalb der gegebenen Ordnung setzt

nun eine ewige Bewegung voraus, und diese ein ewig Bewegendes. Wenn

die Welt entstanden wäre, so könnte man von ihr nur schließen auf

eine andere, ebenfalls entstandene Körperwelt, die sie erzeugt hätte,

ins Unendliche. Wenn sie ein Mögliches wäre, nur auf ein Mögliches,

daraus sie geworden, und so in infinitum. Nur die Annahme einer

einheitlich ewig-notwendig bewegten Welt gewährt uns nach Ibn Roschd

die Möglichkeit, auf ein ewig bewegendes, von der Welt getrenntes

Wesen zu schließen, das, indem es immerfort die Bewegung und schöne

Ordnung des Alls bewirkt, Urheber der Welt genannt werden darf, und

das in den Geistern, welche die Sphären bewegen -- denn jede besondere

Bewegung erfordert ihr besonderes Prinzip --, die Vermittler seiner

Thätigkeit hat.

Das Wesen des ersten Bewegenden oder Gottes, sowie der Sphärengeister,

findet Ibn Roschd im Denken, in dem ihm die Einheit des Seins gegeben

ist. Das mit seinem Gegenstande identische Denken ist die einzige

positive Bestimmung des göttlichen Wesens, womit dann Sein und Einheit

absolut zusammenfallen. Sein und Einheit kommen nämlich nicht zum Wesen

hinzu, sondern sind, wie alle Universalien, nur im Denken gegeben. Das

Denken bringt überall das Allgemeine im Besonderen hervor. Zwar ist

das Universale als Natur in den Dingen wirksam, aber das Universale

als solches ist nur im Verstande. Oder der Möglichkeit nach ist es

in den Dingen, wirklich aber im Verstande, d. h. im Verstande hat es

mehr Sein, eine höhere Art zu existieren als in den Dingen.

Fragt man nun, ob das göttliche Denken auch das Besondere, oder nur

das Allgemeine umfasse, so antwortet Ibn Roschd: keins von beidem,

denn über beides ist das göttliche Wesen hinaus. Sein Denken bewirkt

das All, umfasst das All. Gott ist das Prinzip, die Urform und der

Endzweck aller Dinge. Er ist die Weltordnung, die Versöhnung aller

Gegensätze, das All selbst in seiner höchsten Existenzweise. Dass von

einer göttlichen Vorsehung im gewöhnlichen Sinne also nicht geredet

werden könne, ergibt sich daraus von selbst.

5. Zwei Arten des Seienden kennen wir: ein bewegtes und ein bewegendes,

selbst aber unbewegtes, oder ein körperliches und ein geistiges. Im

Geistigen aber liegt die höhere Einheit oder Vollendung alles Seienden

in stufenmäßiger Ordnung. Es ist also keine abstrakte Einheit. Die

Sphärengeister sind, je ferner sie dem ersten stehen, um so weniger

einfach. Alle erkennen sich selbst, aber in ihrem Wissen ist auch

die Beziehung auf die erste Ursache. Daraus ergibt sich eine Art

Parallelismus zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen. Der

Zusammensetzung des Körperlichen aus Materie und Form entspricht

etwas in den niederen Geistern. Was dem rein Geistigen beigemischt,

ist zwar keine Materie, die etwas erleiden könnte, aber doch etwas der

Materie ähnliches, das ein anderes in sich aufzunehmen vermag. Sonst

ließe sich mit der Einheit des auffassenden Geistes die Vielheit der

Intelligibilia nicht in Übereinstimmung bringen.

Die Materie erleidet, der Geist aber empfängt. Hauptsächlich mit

Rücksicht auf den menschlichen Geist hat Ibn Roschd diesen fein

unterscheidenden Parallelismus eingeführt.

6. Dass die menschliche Seele sich zu ihrem Körper verhalte, wie

die Form zur Materie, steht dem Ibn Roschd fest. Es ist ihm völlig

ernst damit. Die Theorie vieler unsterblicher Seelen weist er, Ibn

Sina bekämpfend, ganz bestimmt zurück. Nur als Vollkommenheit ihres

Leibes hat die Seele einen Bestand.

Was die empirische Psychologie betrifft, ist er ängstlich bestrebt,

sich an Aristoteles, gegen Galen u. a., zu halten. Aber in der

Lehre vom Nus entfernt er sich, ohne dass er sich dessen bewusst

wäre, nicht unbeträchtlich von seinem Meister. Eigentümlich,

von neuplatonischen Anschauungen ausgehend, ist seine Auffassung

der materiellen Vernunft. Sie ist nicht bloß eine Anlage oder eine

Fähigkeit der menschlichen Seele. Sie ist auch nicht gleichbedeutend

mit dem sinnlich-geistigen Vorstellungsleben, sondern sie ist etwas

Überseelisches, Überindividuelles. Die materielle Vernunft ist ewiger,

unvergänglicher Geist, ebenso ewig und unvergänglich wie die reine

Vernunft oder der thätige Geist über uns. Es ist die Verselbständigung

der Materie im Bereiche des Körperlichen, die hier von Ibn Roschd,

freilich mit Anschluss an Themistius u. a., auf das Gebiet des

Geistigen übertragen wird.

Die materielle Vernunft ist also ewige Substanz. Die Anlage aber oder

die Fähigkeit des menschlichen Individuums zu geistiger Erkenntnis

nennt Ibn Roschd leidende Vernunft. Diese entsteht und vergeht mit

den Individuen, während die materielle Vernunft ewig ist, wie die

Gattung der Menschheit.

Nun bleibt aber, wie nicht anders möglich, das Verhältnis zwischen dem

thätigen und dem empfangenden Geiste (so sagen wir jetzt für materielle

Vernunft) etwas dunkel. Der thätige Geist macht die Vorstellungen

der menschlichen Seele intelligibel, der empfangende Geist nimmt

sie in sich auf. Das Seelenleben der menschlichen Individuen ist

also der Ort, wo das mystische Liebespaar sich trifft. Und die Örter

sind sehr verschieden. Von der ganzen seelischen Anlage des Menschen

und von der Disposition seiner Vorstellungen hängt es ab, in welchem

Grade der thätige Geist dieselben zur Intelligibilität erheben kann,

inwiefern der empfangende Geist sie zu seinem Inhalte zu machen im

Stande ist. Dadurch erklärt es sich, dass die Menschen nicht alle auf

derselben Stufe geistigen Erkennens stehen. Aber die Summe geistiger

Erkenntnis in der Welt ändert sich nicht, wenn auch ihre Verteilung an

die einzelnen Schwankungen unterliegt. Mit Naturnotwendigkeit ersteht

immer wieder der Philosoph, sei es Aristoteles oder Ibn Roschd, in

dessen Kopf das Seiende zum Begriff wird. Zwar sind die Gedanken

der Individuen zeitlich und ist der empfangende Geist, insofern

der einzelne an ihm teil hat, veränderlich, aber als menschliche

Gattungsvernunft betrachtet, ist dieser Geist ewig unveränderlich,

wie der thätige Geist aus der letzten Sphäre über uns.

7. Im ganzen sind es drei große Ketzereien, die das System des Ibn

Roschd in Widerspruch setzen zu der Theologie der drei Weltreligionen

seiner Zeit. Erstens die Ewigkeit der Körperwelt und der sie bewegenden

Geister, zweitens der notwendige Kausalnexus alles Weltgeschehens,

sodass für Vorsehung, Wunder und dergleichen kein Platz bleibt,

und drittens die Vergänglichkeit alles Individuellen, womit auch die

individuelle Unsterblichkeit aufgehoben ist.

Logisch betrachtet scheint die Annahme einer Anzahl selbständiger

Sphärengeister unter Gott keinen genügenden Grund zu besitzen. Aber

Ibn Roschd hilft sich hier, wie seine Vorgänger, über den Widerspruch

hinweg mit der Behauptung, jene Sphärengeister seien nicht individuell,

sondern nur der Art nach verschieden. Ihr Zweck war ja nur, so lange

die Einheit des Weltsystems nicht erkannt war, die verschiedenen

Bewegungen zu erklären. Nachdem das ptolemäische Weltsystem gefallen

und diese vermittelnden Geister überflüssig wurden, identifizierte

man den thätigen Geist mit Gott, wie es übrigens auch schon früher

von spekulativer und religiöser Seite versucht war. Ein Schritt

weiter war es nur, auch den ewigen Geist der Menschheit mit Gott zu

identifizieren. Keins von beiden hat Ibn Roschd gethan, wenigstens

nicht nach dem Wortlaute seiner Schriften. Aber in seinem Systeme

war, bei konsequenter Durchführung, die Möglichkeit dazu gegeben,

wie zu einer pantheistischen Weltanschauung überhaupt. Andererseits

konnte sich leicht der Materialismus, wie entschieden ihn auch unser

Philosoph bekämpfte, daran lehnen. Denn wo die Ewigkeit, Form und

Wirksamkeit alles Materiellen so stark betont wird, wie von ihm

geschah, da mag der Geist noch König heißen, aber, wie es scheinen

könnte, nur von des Stoffes Gnaden.

Jedenfalls ist Ibn Roschd ein kühner und folgerichtiger, wenn auch kein

origineller Denker zu nennen. Die theoretische Philosophie genügte ihm,

doch schuldete er es seiner Zeit und seiner Stellung, sich mit der

Religion und der Praxis abzufinden. Wir können uns darüber kurz fassen.

8. Ibn Roschd findet oft Gelegenheit, gegen die ungebildeten Herrscher

und die bildungsfeindlichen Theologen seiner Zeit sich zu äußern. Doch

bleibt ihm das Leben im Staate immer der Einsamkeit vorzuziehen. Auch

seinen Gegnern dankt er -- das ist ein erfreulicher Charakterzug --

für manche Belehrung. Die Einsamkeit, meint er, bringe keine Künste

und Wissenschaften hervor, höchstens könne man in ihr das Erworbene

genießen und es vielleicht um ein weniges vermehren. Zum Wohle des

Ganzen aber soll jeder beitragen, auch die Frauen sollen wie die

Männer der Gesellschaft und dem Staate dienen. Hier schließt Ibn

Roschd sich dem Platon an (die Politik des Aristoteles hat er nicht

gekannt) und bemerkt ganz vernünftig, viel Armut und Elend seiner

Zeit rühre daher, dass man sich die Weiber nur zu einem außerdem sehr

fraglichen Vergnügen wie Haustiere oder Pflanzen halte, statt sie an

der materiellen und geistigen Güterproduktion und der Hütung dieser

Güter teilnehmen zu lassen.

In der Ethik tadelt unser Philosoph sehr scharf die Doktrin der

Rechtslehrer, dass etwas nur gut oder böse sei, weil Gott es so

gewollt. Alles hat vielmehr von Natur oder vernunftgemäss seinen

sittlichen Charakter. Die von vernünftiger Einsicht bestimmte Handlung

ist sittlich. Freilich ist es nicht die Einzelvernunft, sondern die

Staatsraison, an die in letzter Instanz zu appellieren ist.

Von staatsmännischem Gesichtspunkte aus betrachtet Ibn Roschd auch

die Religion. Er würdigt sie ihres moralischen Zweckes wegen. Sie ist

Gesetz, keine Lehre. Deshalb bekämpft er fortwährend die Theologen,

die statt gläubig zu gehorchen begreifen wollen. Er macht es

Gazali zum Vorwurf, dass dieser der Philosophie Einfluss auf seine

Religionslehre auszuüben gestattet und dadurch viele zum Zweifel und

Unglauben veranlasst hat. Das Volk soll glauben, so wie es im Buche

steht. Das ist Wahrheit, freilich eine Wahrheit für große Kinder,

denen man Märchen erzählt. Was darüber hinaus, ist vom Übel. Für die

Existenz Gottes z. B. hat der Koran zwei jedem einleuchtende Beweise:

die göttliche Fürsorge für alles, besonders für den Menschen, und

die Erschaffung des Lebens in Pflanzen, Tieren u. s. w. Daran ist

nicht zu rütteln, am Wortlaute der Offenbarung nicht theologisch

herumzudeuteln. Denn die Beweise, welche die Theologen für das Dasein

Gottes beibringen, halten einer wissenschaftlichen Kritik nicht Stand,

ebensowenig wie der aus dem Begriffe des Möglichen und Notwendigen bei

Farabi und Ibn Sina. Das alles führt zu Atheismus und Libertinismus. Im

Interesse der Sittlichkeit, des Staates also, ist die halbe Theologie

zu bekämpfen.

Dagegen dürfen die wissenden Philosophen das Wort Gottes im Koran

deuten. Im Lichte höchster Wahrheit verstehen sie, was damit bezweckt

ist. Und dem gemeinen Manne sagen sie davon nur so viel, wie er eben

aufzufassen im Stande ist. Auf diese Weise kommt die schönste Harmonie

heraus. Religionsgesetz und Philosophie stimmen mit einander überein,

eben weil sie nicht dasselbe wollen. Wie Praxis und Theorie verhalten

sie sich. Indem der Philosoph die Religion begreift, lässt er sie in

ihrem Bereiche gelten, sodass die Philosophie gar nicht wider die

Religion verstößt. Die Philosophie aber ist die höchste Form der

Wahrheit, zugleich auch die erhabenste Religion. Die Religion des

Philosophen nämlich ist die Erkenntnis alles dessen, was ist.

Aber irreligiös erscheint diese Ansicht doch, und eine positive

Religion kann es sich nicht gefallen lassen, im Reiche der Wahrheit die

führende Stellung der Philosophie anzuerkennen. Nur natürlich war es,

dass die Theologen des Westens, ähnlich ihren orientalischen Brüdern,

die Gunst der Verhältnisse ausnutzten und nicht ruhten, bis sie die

Herrin zur Magd der Theologie erniedrigt hatten.

VII. ZUM SCHLUSS.

1. Ibn Chaldun.

1. Die Philosophie des Ibn Roschd und seine Erklärung des Aristoteles

hat auf die muslimische Welt äußerst wenig gewirkt. Viele seiner

Schriften sind im Original verloren gegangen, wir haben sie in

hebräischen und lateinischen Übersetzungen. Schüler und Nachfolger

hat er nicht gefunden. In abgelegenen Winkeln fand sich wohl mancher

Freigeist oder Mystiker, in dessen Kopf es wunderlich genug aussah, um

sich ernstlich mit philosophischen Fragen theoretischer Art abzumühen,

aber auf die allgemeine Bildung und die Gestaltung der Verhältnisse zu

wirken, wurde der Philosophie nicht verstattet. Vor den siegreichen

Waffen der Christen zog die materielle und damit auch die geistige

Kultur der Muslime sich immer weiter zurück. Spanien ward Afrika,

wo der Berber herrschte. Die Zeit war ernst, es handelte sich um die

Existenz des Islam in diesen Ländern. Zum Kampfe gegen den Feind,

aber auch gegen einander, rüsteten sich die Männer, und zu mystischen

Übungen schlossen sich überall die frommen Brüder zusammen. In

den sufischen Orden dieser Leute retteten sich wenigstens noch

einige philosophische Formeln. Als gegen die Mitte des dreizehnten

Jahrhunderts Kaiser Friedrich II. den muslimischen Gelehrten von Ceuta

eine Anzahl philosophischer Fragen vorlegte, beauftragte der Almohade

Abdalwahid den Ibn Sabin, Stifter eines mystischen Ordens, damit,

sie zu beantworten. Er that es. In schulmeisterlichem Tone leiert er

die Ansichten alter und neuer Philosophen ab. Das sufische Geheimnis,

Gott sei die Realität aller Dinge, lässt er durchblicken. Das einzige

aber, was wir aus seinen Antworten lernen können, ist, dass Ibn

Sabin Bücher gelesen, von denen, wie er glaubt, Kaiser Friedrich

keine blasse Ahnung hatte.

2. In kleinen Staatengebilden, auf- und abwogend, trieb die muslimische

Kultur des Westens dahin. Bevor sie jedoch ganz verschwand, fand

sich der Mann, der das Gesetz ihrer Bildung aufzufinden versuchte,

und damit eine neue philosophische Disziplin, die Philosophie

der Gesellschaft oder der Geschichte, zu begründen glaubte. Dieser

merkwürdige Mensch ist Ibn Chaldun, im Jahre 1332 aus sevillanischer

Familie zu Tunis geboren. Dort erhielt er auch seine Erziehung

und wurde dann, teilweise von einem im Orient ausgebildeten Lehrer,

philosophisch geschult. Nach dem Studium aller bekannten Wissenschaften

war er bald im Staatsdienste, bald auf Reisen, aber überall ein guter

Beobachter. Verschiedenen Fürsten diente er als Sekretär, auch war

er Gesandter an mehreren Höfen in Spanien und Afrika. So war er am

christlichen Hofe Peters des Grausamen in Sevilla. Auch ist er bei

Tamerlan in Damaskus gewesen. Eine reiche Welterfahrung hatte er sich

also zu eigen gemacht, als er im Jahre 1406 zu Kairo starb.

Als Charakter ist er vielleicht nicht hoch zu stellen. Man wird aber

dem Manne, der mehr als andere seiner Zeit für die Wissenschaft gelebt,

etwas Eitelkeit, Dilettantismus und dergleichen gerne verzeihen.

3. Die Schulphilosophie, wie Ibn Chaldun sie kennen lernte,

befriedigte ihn nicht. In ihren fertigen Rahmen passte sein Weltbild

nicht hinein. Wenn er etwas mehr zum Theoretisieren aufgelegt gewesen

wäre, hätte er wohl einen Nominalismus ausgebildet. Die Philosophen

behaupten, alles zu wissen. Ihm aber erscheint das Universum zu groß,

als dass es von unserem Verstande begriffen werden könne. Es gibt

der Wesen und der Dinge mehr, unendlich viel mehr, als der Mensch

wissen kann. "Gott schafft, was ihr nicht wisset". Die logischen

Deduktionen wollen oft nicht stimmen zu der empirischen Natur der

Einzeldinge, die nur durch Beobachtung erkannt wird. Es ist Einbildung,

durch bloße Anwendung logischer Regeln zur Wahrheit gelangen zu

können. Nachdenken über das erfahrungsmäßig Gegebene ist demnach

die Aufgabe des wissenschaftlichen Mannes. Und nicht darf er sich

mit seiner Einzelerfahrung begnügen, sondern mit kritischer Sorgfalt

hat er die Summe der gesamten überlieferten Erfahrung der Menschheit

zu ziehen.

Von Natur ist die Seele ohne Wissen. Aber von Natur hat sie auch das

Vermögen, nachzudenken, die gegebene Erfahrung zu bearbeiten. Beim

Nachdenken springt, wie durch Inspiration, oft der richtige

Mittelbegriff hervor, mittelst dessen die gewonnene Einsicht dann

nach den Regeln formaler Logik zurechtgelegt werden mag. Die Logik

bringt keine Erkenntnis hervor, sondern beschreibt nur den Weg unseres

Nachdenkens, zeigt, wie wir zum Wissen kommen, und hat insofern auch

einen Wert, dass sie uns vor Irrtümern hüten und den Geist schärfen

und zu Genauigkeit im Denken anhalten kann. Sie ist folglich eine

Hilfswissenschaft, die von einigen Befähigten, dazu Berufenen, auch

ihrer selbst wegen gepflegt werden soll, jedoch nicht die grundlegende

Bedeutung besitzt, die ihr von den Philosophen beigelegt wird. Den

Weg des Nachdenkens, den sie beschreibt, geht das wissenschaftliche

Talent in irgend einer Einzelwissenschaft auch zur Not ohne sie.

Ibn Chaldun ist ein nüchterner Denker. Alchemie und Astrologie

bekämpft er mit vernünftigen Gründen. Dem mystischen Rationalismus

der Philosophen hält er öfter die einfachen Lehren seiner Religion

entgegen, sei es mit persönlicher Überzeugung oder nur aus politischer

Rücksicht. Aber auf seine wissenschaftlichen Ansichten übt die Religion

keinen größeren Einfluss als der neuplatonische Aristotelismus. Platons

Staat, die pythagoreisch-platonische Philosophie, aber ohne

ihre wundersüchtigen Auswüchse, und die Geschichtswerke seiner

orientalischen Vorgänger, namentlich des Masudi, haben auf die

Ausbildung seiner Gedanken am meisten gewirkt.

4. Mit dem Anspruch, eine neue philosophische Disziplin zu

begründen, von der Aristoteles keine Ahnung hatte, tritt Ibn Chaldun

auf. Philosophie ist die Wissenschaft dessen, was ist, aus seinen

Ursachen oder Gründen entwickelt. Aber dem entspricht nicht, was die

Philosophen über die hohe Geisterwelt und Gottes Wesen vorbringen:

Unbeweisbares reden sie darüber. Viel besser kennen wir unsere

Menschenwelt, und davon lässt sich durch Beobachtung und innere

Seelenerfahrung etwas Sicheres aussagen. Hier lassen sich die

Thatsachen nachweisen und ihre Ursachen herausfinden. Insofern

nun letzteres auch in der Geschichte gelingt, d. h. sofern die

geschichtlichen Ereignisse auf ihre Ursachen zurückgeführt und

historische Gesetze aufgefunden werden können, ist die Geschichte

wirklich Wissenschaft und ein Teil der Philosophie zu nennen. So tritt

der Begriff der Geschichte als Wissenschaft rein heraus. Mit Neugierde,

Eitelkeit, gemeinem Nutzen, erbaulicher Wirkung u. s. w. hat sie nichts

zu schaffen. Sie soll, wenn auch im Dienste höherer Lebenszwecke,

nichts anderes als Thatsachen feststellen und deren kausale

Verknüpfung auszumitteln suchen. Kritisch, ohne Vorurteil. Als oberstes

methodologisches Prinzip gilt dabei, dass die Ursache der Wirkung

entspricht, d. h. dass gleiche Erscheinungen auch dieselben Bedingungen

voraussetzen oder dass unter denselben Kulturverhältnissen auch die

nämlichen Vorgänge sich ereignen werden. Da nun mit Wahrscheinlichkeit

anzunehmen ist, dass die Natur der Menschen und der Gesellschaft

im Laufe der Zeit sich nicht oder nicht bedeutend ändert, so ist

ferner ein lebensvolles Verständnis der Gegenwart das beste Mittel

zur Erforschung der Vergangenheit, indem das nächste, vollständig

Bekannte uns Rückschlüsse gestattet auf die weniger gut bekannten

Ereignisse früherer Zeit, ja sogar einen Ausblick auf die Zukunft

verheißt. In jedem Falle ist also die Überlieferung an der Gegenwart

zu prüfen, und wenn sie uns Dinge erzählt, die jetzt unmöglich sind,

so ist schon deshalb ihre Wahrheit zu bezweifeln. Vergangenheit und

Gegenwart sind einander wie zwei Tropfen Wasser gleich.

Das könnte, absolut gefasst, auch Ibn Roschd gesagt haben. Nach Ibn

Chaldun gilt das aber nur ganz allgemein als heuristisches Prinzip. Im

einzelnen erleidet es manche Einschränkung, ist jedenfalls aus den

Thatsachen selbst zu begründen.

5. Was ist nun der Gegenstand der Geschichte als philosophischer

Disziplin? Es ist, antwortet Ibn Chaldun, das soziale Leben, die

gesamte materielle und geistige Kultur der Gesellschaft. Die Geschichte

hat zu zeigen, wie die Menschen arbeiten und sich ernähren, warum

sie sich streiten und unter einzelnen Führern zu größeren Verbänden

zusammenschließen, wie sie endlich im sesshaften Leben Muße finden

zur Pflege höherer Künste und Wissenschaften, wie also aus rohen

Anfängen nach und nach eine feinere Kultur aufblüht, und wie diese

dann wieder hinstirbt.

Die sich ablösenden Gesellschaftsformen sind, nach Ibn Chaldun,

Nomadentum, Dynastie und Stadtstaat. Die erste Frage ist die

Nahrungsfrage. Nach dem Stande ihrer Wirtschaft (Nomaden, sesshafte

Viehzüchter, Ackerbauer) unterscheiden sich die Menschen und die

Völker. Bedürfnis führt zu Raub und Krieg und zur Unterwerfung unter

den führenden Herrscher. So entwickelt sich eine Dynastie und diese

gründet sich eine Stadt, wo die Arbeitsteilung oder die gegenseitige

Hilfeleistung Wohlstand hervorbringt. Aber dieser Wohlstand führt zu

unnatürlichem Müßiggange und Üppigkeit. Arbeit hat an erster Stelle

den Wohlstand erzeugt, aber jetzt, auf der höchsten Kulturstufe, lässt

man andere für sich arbeiten. Oft ohne Gegenleistung, denn Ansehen,

oder auch Servilität nach oben, Erpressung nach unten, verschaffen

Wohlstand. Man wird aber dabei von anderen abhängig. Die Bedürfnisse

werden immer größer, die Steuern immer drückender. Die reichen

Verschwender und Steuerzahler werden arm und ihr unnatürliches Leben

macht sie krank und elend. [17] Die alten Kriegersitten haben sich

verfeinert, sodass man sich nicht mehr verteidigen kann. Das Band des

Gemeinsinnes oder der Religion, womit früher die Not und der Wille des

Herrschers die einzelnen zusammenknüpfte, erschlafft, denn die Städter

sind nicht fromm. So ist alles in innerer Auflösung begriffen. Und da

erscheint ein neuer, kräftiger Nomadenstamm aus der Wüste, oder ein

weniger überbildetes Volk mit einem festeren Gemeinsinne und fällt

über die verweichlichte Stadt her. Dann bildet sich ein neuer Staat,

der sich die materiellen und geistigen Güter der alten Kultur aneignet,

und dieselbe Geschichte wiederholt sich. Es ergeht den Staaten und

den größeren Verbänden wie einzelnen Familien: in drei bis sechs

Generationen vollendet sich ihre Geschichte. Die erste Generation

gründet, die zweite erhält, vielleicht auch die dritte u. s. w.,

die letzte zerstört. Das ist der Kreislauf aller Civilisation.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 13 / 14 段