3. Er schließt sich fast ganz an Farabi, den einsamen, stillen Mann des

Orients an. Wie dieser hat er wenig systematisiert. Die Zahl seiner

selbständigen Abhandlungen ist nicht groß. Aus kurzen Erläuterungen

zu den aristotelischen und anderen philosophischen Schriften besteht

das meiste. Seine Bemerkungen sind abgerissen, bald fängt er hier,

bald dort von neuem an. Mit immer neuen Ansätzen sucht er sich dem

griechischen Gedanken zu nähern, von den verschiedensten Seiten in

die alte Wissenschaft einzudringen. Die Philosophie wird er nicht los,

und er wird nicht fertig mit ihr. Auf den ersten Blick macht das einen

verwirrenden Eindruck. Im dunklen Drange aber ist der Philosoph sich

seiner Wege bewusst. Auf der Suche nach Wahrheit und Recht findet er

ein anderes, Einheit und Freude seines Lebens. Gazali hat es sich,

seiner Meinung nach, gar zu leicht gemacht, als er glaubte, nur

im Vollbesitz der durch göttliche Erleuchtung erfassten Wahrheit

glücklich sein zu können. Der Wahrheit zu liebe, die sich in den

sinnlichen Bildern religiöser Mystik mehr verhüllt als aufdeckt,

soll der Philosoph stark genug sein, jenem Glücke zu entsagen. Nur

vom reinen Denken, das keine Sinnenlust trübt, wird die höchste

Gottheit geschaut.

4. In seinen logischen Schriften hat Ibn Baddscha sich kaum von Farabi

entfernt. Auch seine physischen und metaphysischen Lehren stimmen im

allgemeinen zu den Ansichten des Meisters. Nur die Art und Weise,

in der er die Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes und

die Stellung des Menschen in Wissenschaft und Leben darlegt, darf

einiges Interesse beanspruchen.

Zwei Arten des Seienden gibt es ihm zufolge: ein bewegtes und ein

unbewegtes. Das Bewegte ist körperlich, begrenzt, aber seine ewige

Bewegung lässt sich aus dem endlichen Körper nicht erklären. Es

bedarf, im Gegenteil, zur Erklärung dieser unendlichen Bewegung einer

unendlichen Kraft oder eines ewigen Wesens, des Geistes. Indem nun das

Körperliche oder Natürliche von außen bewegt wird und der Geist, selbst

unbewegt, dem Körperlichen Bewegung verleiht, steht das Seelische als

das sich selbst Bewegende in der Mitte. Das Verhältnis nun zwischen

dem Natürlichen und dem Seelischen macht dem Ibn Baddscha ebensowenig

Mühe wie seinen Vorgängern. Das Hauptproblem aber ist dieses: Wie

verhalten sich Seele und Geist zu einander, namentlich im Menschen?

5. Ibn Baddscha geht von der Voraussetzung aus, dass der Stoff nicht

ohne irgend eine Form sein kann, wohl aber die Form rein für sich

ohne Stoff. Sonst nämlich ließe sich überhaupt keine Veränderung

denken, denn dieselbe ist nur möglich durch das Kommen und Gehen der

substantiellen Formen.

Diese Formen nun, vom Hylischen bis zum rein Geistigen, bilden eine

Reihe, der die Entwicklung des menschlichen Geistes entspricht,

sofern nämlich er das Vernunftideal verwirklicht. [16] Des

Menschen Aufgabe ist es, sämtliche geistigen Formen zu erfassen,

zunächst die intelligibelen Formen alles Körperlichen, dann die

sinnlich-geistigen Vorstellungen der Seele, darauf den Menschengeist

selbst und den thätigen Geist über ihn, endlich die reinen Geister

der Himmelsphären. Durch successive Erhebung aus dem Individuellen,

Sinnlichen, dessen Vorstellung den Stoff des Geistes bildet, gelangt

der Mensch zum Übermenschlichen und Göttlichen. Dazu führt ihn

nun die Philosophie oder die Erkenntnis des Allgemeinen, die durch

Studium und Nachdenken aus der Erkenntnis des Individuellen, aber

mit Hilfe des erleuchtenden Geistes von oben hervorgeht. Gegenüber

dieser Erkenntnis des Allgemeinen oder Unendlichen, in dem Sein

und Gedachtwerden zusammenfallen, erweist sich alles Wahrnehmen und

Vorstellen als trüglich. In der Vernunfterkenntnis also und nicht in

mystisch-religiösen Träumereien, denen immer Sinnliches anhaftet,

erreicht der menschliche Geist seine Vollkommenheit. Denken

ist die höchste Seligkeit, denn alles Intelligibele ist seiner

selbst Zweck. Da es aber das Allgemeine ist, so lässt sich ein

Fortbestehen individueller Menschengeister über dieses Leben

hinaus nicht annehmen. Es möge die Seele, die im sinnlich-geistigen

Vorstellungsleben das Individuelle erfasst und in einzelnen Begierden

und Handlungen sich kund gibt, nach dem Tode weiter bestehen können und

Strafe oder Belohnung erhalten, der Geist aber oder der vernünftige

Teil der Seele ist in allen eins. Ewig ist nur der Geist der ganzen

Menschheit in seiner Vereinigung mit dem thätigen Geiste über

ihm. Diese Lehre, unter dem Namen des Averroes in das christliche

Mittelalter eingedrungen, findet sich also schon bei Ibn Baddscha,

wenn nicht ganz scharf gefasst, doch klarer als bei Farabi.

6. Nicht jeder Mensch erhebt sich zu solcher Höhe der Betrachtung. Die

meisten tasten immer im Dunkeln herum, nur Schattenrisse der Dinge

sehen sie und wie Schatten werden sie vergehen. Einige sehen das

Licht zwar und die farbige Welt der Dinge, aber ganz wenige erkennen

das Wesen dessen, was sie gesehen. Nur die letzteren, die Seligen,

erreichen das ewige Leben, in dem sie selbst zu Licht werden.

Wie gerät nun aber der Einzelne zu dieser Stufe des Erkennens und

seligen Seins? Durch vernünftiges Handeln und freie Ausbildung

seiner intellektuellen Kräfte. Vernünftiges Handeln ist freies

d. h. zweckbewusstes Handeln. Wenn einer z. B. einen Stein zerschlägt,

weil er sich daran gestoßen, so handelt er zwecklos wie ein Tier oder

ein Kind; thut er es aber, damit sich andere nicht daran stoßen werden,

so ist seine That menschlich, vernünftig zu nennen.

Um menschlich leben, vernünftig handeln zu können, muss unter Umständen

der Einzelne sich aus der Gesellschaft zurückziehen. Ibn Baddschas

Ethik heißt "die Leitung des Einsamen". Zur Selbsterziehung fordert

sie auf. In der Regel aber kann man sich der Vorteile menschlichen

Zusammenlebens bedienen, ohne die Nachteile mit in den Kauf zu

nehmen. Zu kleineren oder größeren Verbänden können die Weisen

sich zusammenschließen, ja das ist sogar ihre Pflicht, wenn sie

sich treffen. Sie bilden dann einen Staat im Staate. Naturgemäß

versuchen sie zu leben, sodass unter ihnen weder Arzt noch Richter

nötig ist. Wie Pflanzen in freier Luft wachsen sie auf und brauchen

die Kunst der Gärtner nicht. Von den niederen Genüssen und Gesinnungen

der Menge halten sie sich fern. Sie sind Fremdlinge in dem weltlichen

Treiben der Gesellschaft. Und da sie Freunde unter einander sind,

wird dieses Leben ganz von der Liebe bestimmt. Und als Freunde Gottes,

der die Wahrheit ist, finden sie ihre Ruhe in der Vereinigung mit

dem übermenschlichen Geiste der Erkenntnis.

3. Ibn Tofail.

1. Die Herrschaft über den westlichen Islam verblieb den Berbern, aber

an die Stelle der Almoraviden traten alsbald die Almohaden. Der Gründer

der neuen Dynastie, Mohammed ibn Tumart, war seit 1121 als Mahdi

aufgetreten. Unter seinen Nachfolgern Abu Jaaqub Jusuf (1163-1184)

und Abu Jusuf Jaaqub (1184-1198) erreichte ihre Herrschaft, deren

Sitz Marokko, den Höhepunkt.

Eine gewaltige Neuerung in der Theologie führten die Almohaden herbei:

das bis jetzt verketzerte System der Aschari und Gazali wurde im Westen

aufgenommen. Das bedeutete eine Vergeistigung der Glaubenslehre,

die weder Altgläubige noch Freidenker ganz befriedigen konnte, aber

doch manchen zu weiterem Philosophieren angeregt haben mag. Bisher

hatte man sich gegen alles Räsonnieren in Glaubenssachen ablehnend

verhalten, und auch später noch waren viele Politiker und Philosophen

der Ansicht, an dem Glauben der Menge solle man nicht rütteln, noch

ihn zum Wissen erheben, sondern die Gebiete der Religion und der

Philosophie reinlich scheiden.

Die Almohaden waren theologisch interessiert, doch zeigten Abu

Jaaqub und dessen Nachfolger, soweit die politischen Verhältnisse

es erlaubten, ein derartiges Verständnis für weltliches Wissen, dass

eine kurze Blüte der Philosophie an ihrem Hofe hervorbrechen konnte.

2. Nachdem er in Granada eine Sekretärstelle bekleidet hatte, finden

wir den Abu Bekr Mohammed ibn Abdalmalik ibn Tofail al-Qaisi als

Wezir und Leibarzt des Abu Jaaqub. In der kleinen andalusischen Stadt

Guadix war er geboren und in der Residenz Marokko starb er im Jahre

1185. Dazwischen liegt sein, wie es scheint, wenig wechselreiches

Leben. Er liebte die Bücher mehr als die Menschen und in der großen

Bibliothek seines Herrn las er sich vieles zusammen, das er für

seine Kunst brauchte oder das seiner Wissbegierde zusagte. Er war der

Dilettant unter den Philosophen des Westens, mehr zu beschaulichem

Genießen als zu wissenschaftlicher Arbeit aufgelegt. Zum Schreiben kam

er selten. Seiner Behauptung, das ptolemäische Weltsystem gründlich

verbessern zu können, braucht man wohl nicht unbedingt Glauben zu

schenken. Viele Araber haben Ähnliches behauptet, sie thaten es

aber nicht.

Von Ibn Tofails poetischen Versuchen haben sich ein paar Gedichte

erhalten. Sein Hauptbestreben aber war, dem des Ibn Sina ähnlich,

griechische Wissenschaft mit orientalischer Weisheit zu einer

modernen Weltansicht zu vereinigen. Wie Ibn Baddscha war ihm das ein

persönliches Anliegen. Das Verhältnis des einzelnen zu der Gesellschaft

und ihren Vorurteilen beschäftigte auch seinen Geist. Aber er ging

weiter. Ibn Baddscha ließ als Regel den einzelnen oder einen kleinen

Kreis selbständiger Denker einen Staat im Staate bilden, gleichsam wie

ein Abbild des großen Ganzen oder als Vorbild für bessere Zeiten. Ibn

Tofail dagegen griff auf das Original zurück.

3. In seinem Werke "Hai ibn Jaqzan" stellt er den Fall rein dar. Zwei

Inseln bilden die Scenerie: auf die eine versetzt er die menschliche

Gesellschaft mit ihrer Konvention, auf die andere ein Individuum,

das sich natürlich entwickelt. Die Gesellschaft als Ganzes wird

von niederen Trieben, nur äußerlich durch eine grobsinnliche

Religion etwas gebändigt, beherrscht. Aber zwei Männer aus dieser

Gesellschaft, Salaman und Asal (Absal, vgl. IV, 4 § 7) genannt,

erheben sich zu vernünftiger Erkenntnis und Beherrschung ihrer

Begierden. Mit Anbequemung an die Volksreligion weiß der erstere,

der praktischen Sinnes ist, das Volk zu regieren; der andere aber,

von spekulativer Anlage und mystischer Neigung, wandert aus nach

der gegenüberliegenden, wie er glaubt, unbewohnten Insel, dort dem

Studium und der Askese sich zu ergeben.

Auf jener Insel aber war unser Hai ibn Jaqzan, d. h. der

Einsame, der Sohn des Wachenden, zu einem vollkommenen Philosophen

herangebildet. Als Kind nach der Insel verschlagen oder durch spontane

Generation daselbst entstanden, war er von einer Gazelle gesäugt

worden, hatte sich dann nach und nach, wie ein Robinson, aber ganz

auf eigene Mittel angewiesen, eine materielle Existenz gegründet,

ferner durch Beobachtung und Nachdenken sich die Erkenntnis der Natur,

der Himmel, Gottes und seines Inneren erworben, bis er nach 7 × 7

Jahren das Höchste erreichte, nämlich das sufische Schauen Gottes,

die Ekstase. In diesem Zustande fand ihn Asal. Nachdem sie dazu

gelangt waren, sich zu verständigen -- Hai war anfangs noch ohne

Sprache -- stellte es sich heraus, dass die Philosophie des Einen

und die Religion des Anderen zwei Formen derselben Wahrheit waren,

nur in der ersteren etwas weniger verschleiert. Als dann aber Hai

erfuhr, dass auf der gegenüberliegenden Insel ein ganzes Volk in

dunklem Irrtum verharrte, fasste er den Entschluss, dahin zu gehen,

den Leuten die Wahrheit zu enthüllen. Da musste er aber die Erfahrung

machen, dass die Menge einer reinen Auffassung der Wahrheit nicht fähig

war, und dass Mohammed weise daran gethan, als er dem Volke statt des

vollen Lichtes Sinnbilder gegeben hatte. Nach diesem Ergebnis zog er

sich deshalb mit seinem Freunde Asal auf die unbewohnte Insel zurück,

Gott im Geist und Wahrheit zu dienen bis zum Tode.

4. Ibn Tofail hat den weitaus größten Teil seines Romans dem

Entwicklungsgange Hais gewidmet. Es wird nun aber wohl nicht seine

Meinung gewesen sein, das auf sich selbst gestellte Individuum könne es

an der Hand der Natur ohne die Hilfe der Gesellschaft so weit bringen,

wie unser Hai. Er dachte doch wohl etwas mehr historisch als einige

Aufklärer des vorigen Jahrhunderts. Viele kleine Züge in seinem Werke

zeigen, dass Hai der Vertreter der außerhalb der Offenbarung stehenden

Menschheit sein soll. Was sich in ihm vollzieht, ist die Entwicklung

indischer, persischer, griechischer Weisheit. Ein paar Andeutungen in

dieser Richtung, die hier nicht weiter verfolgt werden kann, mögen

diese Ansicht wahrscheinlich machen. So ist es zunächst bedeutsam,

dass Hai auf der Insel Ceylon lebt, deren Klima die spontane Generation

ermöglichen soll, wo der Sage nach Adam, der erste Mensch, erschaffen

wurde und wo der indische König zum Weisen kam. Hais erste religiöse

Bewunderung, nachdem er sich aus tierischen Anfängen durch Scham und

Neugierde emporgearbeitet, gilt dem von ihm entdeckten Feuer, was

an die persische Religion erinnert. Und seine weiteren Spekulationen

sind der griechisch-arabischen Philosophie entlehnt.

Die Verwandtschaft mit Ibn Sinas Hai-Gestalt (s. IV, 4 § 7), auf die

Ibn Tofail selbst hinweist, ist klar. Nur tritt Hai hier menschlicher

auf. Ibn Sinas Figur stellt den übermenschlichen Geist dar. Der

Romanheld Ibn Tofails aber scheint die Personifikation zu sein des

natürlichen, von oben her erleuchteten Geistes der Menschheit, der

mit der richtig verstandenen Prophetenseele Mohammeds, deren Aussagen

allegorisch zu deuten sind, vortrefflich übereinstimmen soll.

Ibn Tofail ist somit zu denselben Ergebnissen gekommen wie seine

orientalischen Vorgänger. Dem gemeinen Manne muss die Religion erhalten

bleiben, weil er nicht darüber hinaus kann. Nur wenige erheben

sich zum Verständnis der religiösen Symbole. Und ganz vereinzelt

erreicht einer die freie Anschauung der höchsten Wirklichkeit. Mit

dem größten Nachdruck ist letzteres hier hervorgehoben. Auch wenn

man in Hai den Vertreter der Menschheit findet, wird man das nicht

leugnen können. Als die höchste Vollkommenheit des Menschen wird es

hingestellt, in einsamster Stille, von allem Sinnlichen abgewendet,

sein Selbst in den Weltgeist zu versenken.

Freilich, dazu kommt es erst im Alter, das außerdem einen menschlichen

Freund findet. Und die Beschäftigung mit dem Materiellen, mit

Künsten und Wissenschaften, bildet die natürliche Vorstufe geistiger

Vollkommenheit. Ohne Reue und Scham darf also Ibn Tofail auf sein am

Hofe verbrachtes Leben zurückschauen.

5. Die philosophischen Ansichten, die Hai sich in seinen sieben

Lebensperioden entwickelte, sind uns schon öfter begegnet. Aber

auch sein praktisches Verhalten wird von Ibn Tofail besonders

berücksichtigt. Sufische Übungen, wie sie in orientalischen

Ordensgemeinschaften noch befolgt werden, wie sie aber auch

schon von Platon und Neuplatonikern empfohlen worden, haben die

Stelle gottesdienstlicher Handlungen nach dem muslimischen Gesetze

eingenommen. Und Hai bildet sich in der siebenten Periode seines

Lebens eine Ethik aus, die pythagoreisch aussieht.

Als den Zweck seines Handelns hat sich dem Hai ergeben, in allem das

Eine zu suchen und sich mit dem Absoluten, Selbständigbestehenden

zu vereinigen. Diesem Höchsten sieht er nämlich die ganze Natur

zustreben. Über die Ansicht, alles auf Erden sei des Menschen wegen

da, ist er hinaus. Tier und Pflanze leben ebenfalls für sich selbst

und für Gott. Nicht willkürlich also darf er damit handeln. Auf das

Notwendigste beschränkt er jetzt seine leiblichen Bedürfnisse. Reife

Früchte werden von ihm bevorzugt, deren Samen er fromm der Erde

anvertraut. Sorgfältig hütet er sich davor, dass durch seine Begierde

irgend eine Art ganz aussterbe. Und nur in der äußersten Not greift

er zu tierischer Nahrung, wobei er ebenso die Art möglichst zu schonen

sucht. Genug zum Leben, zum Schlafen zu wenig, wird seine Losung.

Das betrifft das Verhalten seines Körpers zum Irdischen. Aber mit dem

Himmel verbindet ihn der Lebensgeist. Und wie die Himmel bestrebt

er sich, seiner Umgebung zu nützen und selbst rein zu leben. So

pflegt er die Pflanze und schützt das Tier, damit seine Insel zum

Paradiese werde. Er hält auf die äußerste Reinlichkeit seines Körpers

und seiner Kleidung und sucht all seine Bewegungen harmonisch, denen

der Himmelskörper gleichmäßig, zu gestalten.

Auf diese Weise wird er allmählich befähigt, sein Selbst über Erde

und Himmel hinaus zum reinen Geiste zu erheben. Das ist der Zustand

der Ekstase, den kein Gedanke, kein Wort, kein Bild je hat fassen

oder ausdrücken können.

4. Ibn Roschd.

1. Abu-l-Walid Mohammed ibn Achmed ibn Mohammed ibn Roschd (Averroes)

wurde im Jahre 1126 zu Kordova aus einer Juristenfamilie geboren. Dort

eignete er sich auch die gelehrte Bildung seiner Zeit an. Im Jahre

1153 soll er von Ibn Tofail dem Fürsten Abu Jaaqub Jusuf vorgestellt

sein, über welchen Vorfall wir einen charakteristischen Bericht

besitzen. Nach den einleitenden Höflichkeitsphrasen nämlich fragte ihn

der Fürst: Was ist die Ansicht der Philosophen über den Himmel, ist er

ewig oder entstanden? Vorsichtig antwortete Ibn Roschd, er beschäftige

sich nicht mit Philosophie. Darauf fing der Fürst mit Ibn Tofail über

den Gegenstand an zu reden und zeigte zum Erstaunen des Zuhörers seine

Bekanntschaft mit Aristoteles, Platon und den Philosophen und Theologen

des Islam. Jetzt rückte auch Ibn Roschd mit der Sprache heraus und

erwarb sich die Gunst des hohen Herrn. Sein Schicksal war bestimmt. Er

sollte den Aristoteles interpretieren, wie keiner es vor ihm gethan,

damit die Menschheit rein und vollständig die Wissenschaft besitze.

Nebenbei war er Jurist und Mediziner. Wir finden ihn (1169) als Richter

in Sevilla und kurz darauf in Kordova. Abu Jaaqub, jetzt Chalif, beruft

ihn im Jahre 1182 als seinen Leibarzt, nach kurzer Zeit aber ist er

wieder Richter in seiner Vaterstadt, wie es sein Vater und Großvater

gewesen. Aber die Verhältnisse verschlechtern sich. Die Philosophen

werden verflucht und ihre Schriften ins Feuer geworfen. In seinem

Alter wird Ibn Roschd von Abu Jusuf nach Elisana (Lucena bei Kordova)

verbannt, doch stirbt er in der Residenz Marokko, am 10. Dez. 1198.

2. Auf Aristoteles konzentriert sich seine Wirksamkeit. Was er von

dessen Schriften und über sie erlangen kann, wird fleißig studiert

und genau verglichen. Ibn Roschd hat noch in Übersetzung Schriften der

Griechen gekannt, die jetzt ganz oder teilweise verloren sind. Kritisch

und systematisch geht er ans Werk. Er paraphrasiert den Aristoteles,

er interpretiert, bald kürzer, bald ausführlicher, in mittleren und

großen Kommentaren. So verdient er sich den Namen des Kommentators, den

er auch in Dantes Komödie besitzt. Es ist, als ob die Philosophie der

Muslime in ihm zum Verständnis des Aristoteles kommen soll, um dann,

fertig, sterben zu können. Aristoteles ist für ihn der vollkommenste

Mensch, der größte Denker, der im Besitze einer unfehlbaren Wahrheit

gewesen. Neue Entdeckungen der Astronomie und der Physik könnten

daran nichts ändern. Zwar kann man den Aristoteles mißverstehen. Ibn

Roschd selbst hat manches, was er den Schriften Farabis und Ibn Sinas

entnommen, später anders und besser verstehen gelernt. Doch lebt

er immer des Glaubens, dass der richtig verstandene Aristoteles mit

der höchsten uns Menschen erreichbaren Wissenschaft übereinstimmen

werde. Im ewigen Kreislaufe des Weltgeschehens hat Aristoteles eine

Höhe erreicht, über die hinauszugelangen nicht möglich ist. Denen, die

nach Aristoteles gekommen sind, hat es oft viel Mühe und Nachdenken

gekostet, sich die Einsichten zu erschließen, die sich dem ersten

Meister leicht eröffneten. Nach und nach aber werden alle Zweifel und

Gegenreden verstummen, denn Aristoteles ist ein Übermensch, gleichsam

von der Vorsehung dazu bestimmt, zu zeigen, wie weit das menschliche

Geschlecht es in seiner Annäherung an den Weltgeist bringen kann. Als

die höchste Inkarnation des Geistes der Menschheit möchte Ibn Roschd

seinen Meister den göttlichen nennen.

Es wird sich im folgenden zeigen, dass die maßlose Bewunderung für

Aristoteles zu einer reinen Erfassung seiner Gedanken auch bei Ibn

Roschd nicht ausreichte. Den Ibn Sina zu bekämpfen, lässt er keine

Gelegenheit vorbeigehen. Mit Farabi und Ibn Baddscha, denen er vieles

verdankt, setzt er sich auch gelegentlich auseinander. Er meistert

alle seine Vorgänger, weit schlimmer als Aristoteles es seinen Lehrer

Platon gethan. Und dennoch ist er selbst nicht hinausgekommen, bei

weitem nicht, über die Auffassung neuplatonischer Ausleger und die

Missverständnisse syrischer und arabischer Übersetzer. Öfter folgt

er sogar dem oberflächlichen Themistius entgegen dem verständigen

Alexander von Aphrodisias, oder sucht ihre Ansichten zu kombinieren.

3. Ibn Roschd ist vor allem ein Fanatiker der aristotelischen

Logik. Ohne sie wird man nicht selig und es ist schade für Platon und

Sokrates, dass sie nicht davon wussten! Die Glückseligkeit der Menschen

bemisst sich nach der Stufe ihrer logischen Einsichten. Mit kritischem

Blicke erkennt er Porphyrs Isagoge als entbehrlich, aber Rhetorik

und Poetik rechnet er noch zum logischen Organon. Da gibt es denn die

wunderlichsten Missverständnisse. Tragödie und Komödie z. B. werden

zu Lob- und Schmähgedichten, die poetische Wahrscheinlichkeit muss

es sich gefallen lassen, entweder demonstrierbare Wahrheit oder

trügerischen Schein zu bedeuten, die Erkennung auf der Bühne wird

zur apodeiktischen Erkenntnis u. s. w. Von der griechischen Welt hat

er natürlich überhaupt keine Anschauung. Es ist verzeihlich, denn er

konnte keine Ahnung davon haben. Dennoch verzeiht man nicht gerne dem,

der andere geschulmeistert.

Wie seine Vorgänger legt Ibn Roschd besonderen Nachdruck auf das

Sprachliche, soweit es allen Sprachen gemeinsam. Dieses Gemeinsame,

das Universelle also, hat Aristoteles, meint er, in seiner

Hermeneutik, aber auch in der Rhetorik, immer vor Augen. So soll

es auch der arabische Philosoph halten, nur darf er die Beispiele

zur Erläuterung der allgemeinen Regeln der arabischen Sprache und

Litteratur entnehmen. Um die allgemeinen Regeln aber ist es zu thun,

Wissenschaft ist Erkenntnis des Allgemeinen.

Die Logik ebnet dazu die Wege, dass unser Wissen aus sinnlicher

Besonderheit zur reinen Vernunftwahrheit aufsteige. Die Menge

wird immer im Sinnlichen leben, im Irrtum herumtappen. Mangelhafte

Anlage und wenig Ausbildung, dazu schlechte Gewöhnung halten sie vom

Fortschritt zurück. Doch muss es einigen möglich sein, zur Erkenntnis

der Wahrheit zu gelangen. Der Adler schaut der Sonne ins Gesicht, denn,

wenn keiner sie anschauen könnte, so hätte die Natur etwas vergebens

gemacht. Was da glänzt, soll gesehen, was da ist, soll erkannt werden,

wenn auch nur von einem einzigen Manne. Und die Wahrheit ist. Die Liebe

zu ihr in unserer Brust wäre ganz vergebens, wenn wir uns ihr nicht

nähern könnten. Ibn Roschd glaubt, in vielen Dingen die Wahrheit zu

erkennen, ja die absolute Wahrheit auffinden zu können. Mit Lessing

hätte er sich nicht bescheiden mögen, sie zu suchen.

Die Wahrheit ist ihm ja in Aristoteles gegeben. Von diesem Standpunkte

blickt er auf die muslimische Theologie herab. Zwar erkennt er in

der Religion eine Wahrheit eigener Art (s. unten § 7), aber die

Theologie ist ihm zuwider. Sie will beweisen, was, auf diese Weise,

nicht bewiesen werden kann. Die Offenbarung im Koran, so lehrt Ibn

Roschd mit anderen, später ähnlich Spinoza, hat nicht den Zweck, die

Menschen zu belehren, sondern sie zu bessern. Nicht Wissen, sondern

Gehorsam oder Sittlichkeit ist das Ziel des Gesetzgebers, der weiß,

dass menschliches Glück nur in der Gesellschaft zu verwirklichen ist.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 12 / 14 段