6. Nach August Müller stimmt die Theorie Ibn Chalduns zu der Geschichte

Spaniens, Westafrikas und Siziliens vom 11. bis 15. Jahrhundert,

deren Beobachtung sie auch entnommen ist. Freilich ist sein

eigenes Geschichtswerk eine Kompilation. Im einzelnen fehlt er

oft, wenn er mit seiner Theorie die Überlieferung meistert. Aber

in seiner philosophischen Einleitung findet sich eine Fülle

feiner psychologischer und politischer Bemerkungen und als ganzes

ist sie eine großartige Leistung. Das Altertum hat sich mit dem

Problem der Geschichte nicht eingehend befasst. Große Kunstwerke der

Geschichtschreibung hat es uns hinterlassen, aber keine philosophische

Begründung der Geschichte als Wissenschaft. Dass die Menschheit es,

obgleich von Ewigkeit her bestehend, nicht längst zu viel höherer

Kultur gebracht hatte, wurde aus elementaren Ereignissen, Erdbeben,

Wasserfluten u. s. w. erklärt. Dagegen fasste die christliche

Philosophie die Geschichte mit ihren Wandlungen als die Verwirklichung

oder Vorbereitung des Gottesstaates auf Erden. Ibn Chaldun hat nun

zuerst ganz bewusst und in ausführlich begründeter Darstellung den

Versuch gemacht, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft aus den

nächsten Ursachen abzuleiten. Die Verhältnisse der Rasse, des Klimas,

der Güterproduktion u. s. w. werden erörtert und in ihrer Wirkung auf

die sinnlich-geistige Konstitution des Menschen und der Gesellschaft

dargestellt. Im Kreislaufe der Civilisationen findet er eine innere

Gesetzmäßigkeit. Überall forscht er den natürlichen Ursachen nach,

bis zur möglichsten Vollständigkeit. Dass die Kette von Ursachen

und Folgen in einer letzten Ursache zum Abschlusse komme, behauptet

er auch zu glauben. Die Reihe kann nicht ins Unendliche gehen, und

darum schließen wir auf einen Gott. Dieser Schluss aber, so heißt es

bei ihm, bedeutet eigentlich dies, dass wir nicht im Stande sind,

die Ursachen aller Dinge und die Art ihres Wirkens zu erkennen,

es ist im Grunde ein Geständnis unserer Unwissenheit. Das bewusste

Nichtwissen ist auch eine Art Wissen. Aber soweit es möglich ist, soll

man das Wissen verfolgen. Indem Ibn Chaldun seine neue Wissenschaft

anbahnt, will er nur die Hauptprobleme angedeutet, nur im allgemeinen

Methode und Gegenstand dieser Wissenschaft angegeben haben. Aber er

hofft, dass andere nach ihm kommen werden, mit gesundem Verstande

und sicherem Wissen seine Untersuchungen weiterzuführen und neue

Probleme aufzustellen.

Die Hoffnung Ibn Chalduns ist in Erfüllung gegangen, aber nicht im

Islam. Wie er ohne Vorgänger war, blieb er ohne Nachfolger. Doch

hat sein Werk im Orient nachhaltig gewirkt. Viele muslimische

Staatsmänner, die seit dem 15. Jahrhundert so manchen europäischen

Fürsten und Diplomaten zur Verzweiflung gebracht haben, sind bei

unserem Philosophen in die Schule gegangen.

2. Die Araber und die Scholastik.

1. Dem Sieger gehört die Braut. In den Kriegen zwischen Christen

und Muslimen, die in Spanien geführt wurden, hatten erstere oft

die Anziehungskraft maurischer Schönen kennen gelernt. Manch

christlicher Ritter hatte mit einer Mohrin den "neuntägigen

Gottesdienst" gefeiert. Aber außer den materiellen Gütern und den

sinnlichen Genüssen wirkten auch die Reize geistiger Kultur auf die

Eroberer. Und so erschien die arabische Wissenschaft dem Auge vieler

wissensbedürftiger Männer wie eine holde Braut.

Vermittelnd traten da besonders Juden auf. Die Juden hatten alle

Wandlungen der muslimischen Geisteskultur mitgemacht. Viele haben

in der arabischen Sprache geschrieben, andere arabische Schriften

ins Hebräische übertragen. Manch philosophisches Werk muslimischer

Autoren verdankt diesem Umstande seine Erhaltung.

Der Schlusspunkt jüdisch-philosophischer Entwicklung war Maimonides

(1135-1204), der, hauptsächlich unter dem Einflusse Farabis und Ibn

Sinas, Aristoteles mit dem Alten Testamente zu versöhnen suchte. Teils

deutete er die philosophischen Lehren aus dem offenbarten Texte heraus,

teils ließ er die aristotelische Philosophie auf das Irdische sich

beschränken, während dasjenige, was drüber ist, aus dem göttlichen

Buche erkannt werden sollte.

In den muslimischen Staaten zur Zeit ihrer Blüte hatten die Juden

sich an der wissenschaftlichen Arbeit beteiligt. Sie waren geduldet,

auch wohl begünstigt worden. Aber mit dem Zusammenbruch jener Staaten,

beim Niedergange der Kultur, änderte sich ihre Lage. Von fanatisierten

Massen vertrieben, flüchteten sie sich in die Christenländer, besonders

nach Südfrankreich, dort als Kulturvermittler ihre Mission zu erfüllen.

2. An zwei Punkten berührte sich die muslimische mit der christlichen

Welt des Abendlandes: in Unteritalien und in Spanien. Zu Palermo,

am Hofe Kaiser Friedrichs II. wurde die arabische Wissenschaft eifrig

gepflegt und den Lateinern zugänglich gemacht. Der Kaiser und sein Sohn

Manfred schickten den Universitäten zu Bologna und Paris Übersetzungen

philosophischer Schriften, zum Teil aus dem Arabischen, zum Teil aber

auch direkt aus dem Griechischen.

Viel bedeutender aber und einflussreicher war die Übersetzerthätigkeit

in Spanien. In dem von den Christen zurückeroberten Toledo befand sich

eine reiche arabische Moschee-Bibliothek, die als Bildungsstätte weit

in die nördlichen Christenländer hinein bekannt wurde. Mosaraber und

Juden, zum Teil getaufte, arbeiteten dort mit spanischen Christen

zusammen. Aus allen Ländern fanden sich Mitarbeiter. So wirkten

z. B. als Übersetzer Johannes Hispanus und Gundisalinus (erste Hälfte

des 12. Jahrhunderts), Gerard von Cremona (1114-1187), Michel der

Schotte und Hermann der Deutsche (zwischen 1240 und 1246). Über die

Thätigkeit dieser Männer sind wir im einzelnen noch nicht genügend

unterrichtet. Insofern jedem Worte des arabischen Originales oder der

hebräischen (auch spanischen?) Übersetzung irgend ein lateinisches

entspricht, sind ihre Übersetzungen treu zu nennen. Durch geistvolles

Verständnis zeichnen sie sich im allgemeinen nicht aus. Demjenigen,

der des Arabischen nicht kundig ist, fällt es schwer, sich da hinein

zu lesen. Gespensterhaft nehmen sich viele beibehaltene arabische

Worte und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete Eigennamen aus. Es

mag das alles eine schöne Verwirrung in den Köpfen lateinischer

Philosophieschüler angestiftet haben. Und nicht weniger thaten es

die sich neu aufschließenden Gedanken.

Die Übersetzerthätigkeit hält im allgemeinen gleichen Schritt

mit dem Interesse christlicher Kreise, und dieses hat sich ähnlich

entwickelt, wie wir es im östlichen und westlichen Islam zu beobachten

Gelegenheit hatten (vgl. VI, 1 § 2). Die ersten Übersetzungen

sind mathematisch-astrologisch, medizinisch, naturphilosophisch,

psychologisch, daran sich das logische und metaphysische

schließt. Später beschränkt man sich mehr auf Aristoteles und seine

Kommentare, anfangs aber wird allerhand Wundersüchtiges bevorzugt.

Kindi wurde hauptsächlich als Arzt und Astrolog bekannt. Ibn Sina

wirkte durch seine Medizin, empirische Psychologie und dazu seine

Naturphilosophie und Metaphysik. Weniger Einfluss übten neben ihm

Farabi und Ibn Baddscha aus. Zuletzt kamen die Kommentare des Ibn

Roschd (Averroes) und ihr Ansehen hat, neben Ibn Sinas Kanon der

Medizin, am längsten Stand gehalten.

3. Was hat nun die christliche Philosophie des Mittelalters den

Muslimen zu verdanken? Diese Frage zu beantworten, gehört eigentlich

nicht mehr zur Aufgabe dieser Monographie. Es ist eine Arbeit für

sich, dafür es viele Folianten, von denen ich keinen gelesen, zu

durchstöbern gibt. Im allgemeinen lässt sich sagen, dass sich in

den Übersetzungen aus dem Arabischen dem christlichen Abendlande ein

zweifaches Neues aufthat. Erstens bekam man den Aristoteles, sowohl

logisch als physisch-metaphysisch, vollständiger als man ihn bisher

kannte. Doch war dies nur von vorübergehender, zeitweilig anregender,

Bedeutung, denn bald wurden alle seine Schriften direkt aus dem

Griechischen viel besser ins Lateinische übersetzt. Das wichtigste

aber war, dass man aus den Schriften der Araber, namentlich des Ibn

Roschd, eine eigentümliche Auffassung der aristotelischen Lehren

als der höchsten Wahrheit kennen lernte. Dies musste fortwährend zum

Widerspruch, zum Kompromiss zwischen Theologie und Philosophie, oder

gar zur Leugnung des Kirchenglaubens Veranlassung geben. Zum Teil

anregend, zum Teil zersetzend wirkte so die muslimische Philosophie

auf die scholastische Entwicklung des kirchlichen Dogmas ein. Denn

gleichgültig neben einander hergehen, wie das bei muslimischen Denkern

wohl vorgekommen, konnten im Christentume Philosophie und Theologie

noch nicht. Dazu hatte die christliche Dogmatik schon in den ersten

Jahrhunderten ihrer Ausbildung zu viel griechische Philosophie in

sich aufgenommen. Sie konnte noch etwas mehr sich assimilieren. Und

es war verhältnismäßig leichter, über die einfachen Lehren des Islam

als über die verwickelten Dogmen des Christentums hinauszukommen.

Die christliche Theologie zeigte, als im 12. Jahrhundert der Einfluss

der Araber zu wirken anfing, einen neuplatonisch-augustinischen

Charakter. Bei den Franziskanern blieb auch im 13. Jahrhundert dieser

Charakter gewahrt. Damit kam nun die pythagoreisch-platonische Richtung

im muslimischen Denken gut überein. Für Duns Scotus war Ibn Gebirol

(Avencebrol, s. VI, 1 § 2) eine erste Autorität. Dagegen nahmen die

großen Dominikaner, Albert und Thomas, die die Zukunft der kirchlichen

Lehre bestimmten, einen gemäßigten Aristotelismus auf, mit dem sich

vieles aus Farabi, besonders aber aus Ibn Sina und Maimonides, ganz

gut vertrug.

Erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts geht eine tiefere Wirkung von

Ibn Roschd aus, und zwar in Paris, dem Mittelpunkte der damaligen

christlich-wissenschaftlichen Bildung. Im Jahre 1256 schreibt Albert

der Große noch gegen Averroes, 15 Jahre später aber Thomas von Aquino

gegen die Averroisten. Ihr Haupt ist Siger von Brabant (seit 1266

bekannt), Mitglied der Artistenfakultät von Paris. Vor der strengen

Konsequenz des averroistischen Systems schreckt er nicht zurück. Und

wie Ibn Roschd den Ibn Sina meistert, so kritisiert, wenn auch äußerst

respektierlich, Siger den großen Albert und den heiligen Thomas. Zwar

versichert er, sich der Offenbarung zu unterwerfen, aber die Vernunft

bestätigt ihm doch, was Aristoteles, in zweifelhaften Fällen nach

der Erklärung des Ibn Roschd, in seinen Schriften gelehrt hat. Sein

feiner Intellektualismus gefällt aber den Theologen nicht. Wie es

scheint auf Anstiften der Franziskaner, die in ihm vielleicht auch

den Aristotelismus der Dominikaner treffen wollten, wird er von der

Inquisition verfolgt, bis er zu Orvieto (um 1281-1284) im Gefängnis

stirbt. Dante, der möglicherweise von seinen Ketzereien nichts wusste,

hat unseren Siger als Repräsentanten weltlicher Wissenschaft ins

Paradies versetzt.

Dagegen sind ihm die beiden Vertreter der muslimischen Philosophie

neben den großen und weisen Männern Griechenlands und Roms in der

Hölle Vorhalle begegnet. Ibn Sina und Ibn Roschd schließen dort die

Reihe der großen Heiden, zu denen, wie Dante, die Nachwelt noch oft

mit Bewunderung emporgeblickt hat.

ANMERKUNGEN

[1] S. Munk, Mélanges de philosophie juive et arabe, Paris 1859.

[2] Carra de Vaux, Avicenne, Paris 1900.

[3] Vgl. Snouck Hurgronje, Mekka, II, S. 228 f.

[4] Hiob XXXVIII.

[5] 1 Mos. XV 3.

[6] Der Dialog heisst so, weil Aristoteles während des Gespräches

einen Apfel in der Hand hält, dessen Geruch seine letzten Lebenskräfte

weckt. Am Schlusse sinkt die Hand kraftlos nieder und fällt der Apfel

auf den Boden.

[7] Als echtes Werk des Aristoteles galt auch Späteren noch ein Auszug

aus der stoicheiôsis theologikê des Proklos.

[8] Beides kommt vor, doch ist Qijas gewöhnlich = Analogie. In der

philosophischen, von den Übersetzern herrührenden Terminologie steht

aber Qijas immer für syllogismos, während analogia mit arab. mithl

wiedergegeben wird.

[9] Vgl. Snouck Hurgronje in ZDMG. LIII, S. 155.

[10] Mystiker führten auch wohl einen sechsten Sinn dafür ein.

[11] Nach ihrem grobwollenen Rock (sûf) wurden die Asketen Sufis

genannt.

[12] Rückerts Übers. d. Makamen II, S. 219.

[13] Vgl. v. Kremer, Kulturgesch. des Orients II, S. 429 ff.

[14] Vgl. den Art. "Zu Kindi und seiner Schule" in Stein's Archiv

für Geschichte der Philosophie XIII, S. 153 ff., aus dem ich manches,

ohne viel zu ändern, hier wieder aufgenommen habe.

[15] Das arab. `aql (nous) übersetzt man gewöhnlich mit Vernunft

und Intelligenz (lat. intellectus und intelligentia). Ich ziehe

aber Geist vor, weil der Ausdruck Gott und die reinen (separaten)

Sphärengeister mitumfasst. Übrigens ist schwer zu entscheiden, wie

weit bei den einzelnen Denkern die Personifikation der Vernunft ging.

[16] Vgl. hierzu Munk, Mélanges, p. 389-409.

[17] Ibn Chaldun spricht nur von armen Reichen und schweigt von

Proletariern und großstädtischem Elend, wie wir es kennen. Er hat

auch meistens nur in kleineren Städten gelebt und Kairo aus der

Ferne bewundert.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 14 / 14 段