Gott ist ihm demnach, sofern er aus der Welt zu erkennen, das

allmächtige, freiwollende und wirkende Wesen. Seiner Wirksamkeit darf

man keine räumliche Schranke setzen, wie die Philosophen thun, wenn

sie ihn nur auf sein erstes Geschöpf wirken lassen. Andererseits aber

kann er sein Werk räumlich und zeitlich beschränken, sodass diese

endliche Welt auch nur eine endliche Dauer besitzt. Dass Gott die

Welt aus dem Nichts hervorrufe durch eine absolute Schöpfungsthat,

scheint den Philosophen absurd. Sie erkennen nur einen Wechsel

der Accidenzen oder Formen an der Einen Materie, ein Wandern des

Wirklichen von Möglichkeit zu Möglichkeit. Aber entsteht denn nie

etwas Neues? Ist nicht jede sinnliche Wahrnehmung, so fragt Gazali,

und jede geistige Perzeption etwas ganz Neues, das entweder ist oder

nicht ist, bei dessen Entstehen aber nicht das Gegenteil aufhört,

bei dessen Verschwinden nicht das Entgegengesetzte eintritt? Sind

auch nicht die vielen individuellen Seelen, die es nach Ibn Sinas

System geben soll, absolut neu entstanden?

Mit Fragen wird man nicht fertig. Die Vorstellung schweift überall

in die Weite, das Denken führt uns ins Unendliche. Wie Raum und Zeit,

lässt sich auch die Reihe der Ursachen nirgendwo abschliessen. Damit

es aber ein bestimmtes, abgeschlossenes Sein gebe, -- diese Forderung

stellt Gazali mit den Philosophen -- brauchen wir einen ewigen Willen

als erste von allem Anderen verschiedene Ursache.

Dies dürfen wir jedenfalls dem Gazali zugestehen: die phantastische

Formen- und Seelenlehre des Ibn Sina hält seiner Kritik nicht Stand.

5. Wir haben uns schon dem Gottesbegriffe genähert. Den Philosophen

ist Gott das höchste Sein, dessen Wesen das Denken. Was er erkennt,

wird, geht aus seinem Überflusse hervor, positiv gewollt aber hat er es

nicht. Denn alles Wollen setzt einen Mangel, ein Bedürfnis, voraus und

bedingt eine Veränderung in dem wollenden Wesen. Wollen ist Bewegung

in der Materie, vollwirklicher Geist will nichts. Gott schaut also in

wunschloser Betrachtung seiner Schöpfung zu. Er erkennt sich selbst

oder auch sein erstes Geschöpf oder, nach Ibn Sina, das Allgemeine,

die ewigen Gattungen und Arten aller Dinge.

Nach Gazali aber soll Gott ewig ein Wille zukommen als eins seiner

ewigen Attribute. Herkömmlicherweise lässt er zwar in metaphysischen

und ethischen Betrachtungen das Erkennen dem Wollen vorangehen. Aber

seiner Überzeugung nach ist im Wissen die Einheit des Wesens nicht mehr

als im Wollen. Nicht nur die Vielheit der Gegenstände des Wissens und

ihre verschiedene Beziehung auf das wissende Subjekt, sondern auch das

Selbstbewusstsein, das Wissen um das Wissen, geht an sich betrachtet

ins Unendliche. Es muss da ein Willensakt den Abschluss bewirken. In

der Richtung der Aufmerksamkeit und in der Selbstbesinnung wirkt ein

ursprüngliches Wollen. Und so kommt auch das göttliche Wissen nur zu

einem einheitlichen Abschluss, in seiner Persönlichkeit, durch einen

ursprünglichen, ewigen Willen. Statt der Behauptung der Philosophen,

Gott wolle die Welt, weil er sie als das Beste denke, setzt Gazali:

Gott erkennt die Welt, weil und indem er sie will.

Sollte denn Er, der alles will und schafft, sein Werk nicht erkennen

bis zum kleinsten Stoffteile? Wie sein ewiger Wille aller Einzeldinge

Ursache, so umfasst sein ewiges Wissen alles Besondere zugleich,

ohne dass die Einheit seines Wesens dadurch aufgehoben wird. Es gibt

folglich eine Vorsehung.

Auf die Einwendung, dass die göttliche Vorsehung alles besondere

Geschehen notwendig mache, entgegnet Gazali, ähnlich wie der

hl. Augustin, das Vorherwissen unterscheide sich nicht vom Wissen im

Gedächtnis, d. h. Gottes Wissen sei über jeden Zeitunterschied erhaben.

Es lässt sich fragen, ob nicht Gazali, um den ewigen, allmächtigen

Schöpferwillen zu retten, sowohl den zeitlichen Charakter der Welt,

den er beweisen möchte, als die Freiheit des menschlichen Handelns, von

der er dabei ausgeht, und die er auch nicht ganz aufgeben wollte, jener

absoluten Macht zum Opfer dargebracht habe. Gott zu liebe verschwindet

diese Welt der Schatten und der Abbilder, wie er sie nennt.

6. Die dritte Frage, über die Gazali sich mit den Philosophen

auseinandersetzt, hat weniger philosophisches Interesse. Sie betrifft

die Auferstehung des Fleisches. Nach den Philosophen ist nur die Seele

unsterblich, sei es individuell oder als Teil der Weltseele; dagegen

der Körper vergänglich. Gegen diesen Dualismus, der theoretisch

zu einer asketischen Ethik führte, praktisch aber sehr leicht in

Libertinismus sich umsetzte, empört sich das religiös-sittliche Gefühl

Gazalis. Soll das Fleisch Pflichten haben, so muss es wieder in seine

Rechte eingesetzt werden. Die Möglichkeit der Auferstehung ist ja nicht

zu leugnen, denn die Wiedervereinigung der Seele mit ihrem (neuen)

Körper ist nicht wunderbarer als die erste Verbindung derselben mit

dem irdischen Leibe, die auch von Philosophen angenommen wird. Kann

doch jede Seele zur Zeit der Auferstehung einen neuen, ihr passenden

Leib bekommen. Jedenfalls aber ist die Seele das eigentliche Wesen des

Menschen; aus welcher Materie ihr himmlischer Körper gebildet wird,

ist gleichgiltig.

7. Schon aus diesen letzten Sätzen erhellt, dass Gazalis Theologie

von philosophischer Spekulation nicht unberührt geblieben ist. Wie

die abendländischen Kirchenväter hat er, bewusst oder unbewusst,

viel Philosophisches aufgenommen. Von den Muslimen des Westens wurde

deshalb seine Theologie lange Zeit als Neuerung verketzert. Wirklich

weist seine Lehre von Gott, von der Welt und der menschlichen Seele

viele Elemente auf, die dem ältesten Islam fremd sind, und, teils durch

christliche und jüdische, teils durch spätere muslimische Vermittelung,

auf heidnische Weisheit zurückgehen.

Allah, der Welten Herr, Mohammeds Gott, ist zwar für Gazali eine

lebendige Persönlichkeit, aber doch weit weniger anthropomorph als

er dem naiven Glauben und im antimutazilitischen Dogma erschien. Der

sicherste Weg, ihn zu erkennen, soll es sein, alle Eigenschaften

der Geschöpfe ihm abzusprechen. Das heißt aber nicht, dass er keine

Eigenschaften besitze. Im Gegenteil. Die Vielheit der Bestimmungen

schadet nicht der Einheit des Wesens. Schon das Körperliche bietet

dafür Analogien. Ein Ding kann zwar nicht zugleich schwarz und

weiß, wohl aber kalt und trocken sein. Nur soll man, wenn man

Gott menschliche Attribute beilegt, diese in anderem, höherem Sinne

verstehen. Denn er ist reiner Geist. Außer Allwissenheit und Allmacht

kommen ihm aber auch reine Güte und Allgegenwart zu. Durch diese

Allgegenwart werden Diesseits und Jenseits einander etwas näher

gerückt als in der gewöhnlichen Vorstellung.

Gott ist vergeistigt. Nun werden aber auch Auferstehung und

zukünftiges Leben viel geistiger gefasst als dieses Leben. Die

philosophisch-gnostische Lehre von drei oder vier Welten ermöglicht

solche Auffassung. Stufenmäßig erheben sich über einander die irdische

sinnliche Menschenwelt, die Welt himmlischer Geister, zu der unsere

Seele gehört, die Welt überhimmlischer Engel, endlich Gott selbst als

die Welt reinsten Lichtes, vollkommensten Geistes. Aus der niederen

Welt steigt die fromme erleuchtete Seele durch die Himmel hinauf

bis vor Gottes Angesicht. Denn sie ist geistiger Natur und ihr

Auferstehungskörper himmlischen Wesens.

Entsprechend den verschiedenen Welten und den Seelenstufen

unterscheiden sich auch die Menschen von einander. Der sinnliche Mensch

muss sich begnügen mit Koran und Tradition, über den Buchstaben darf er

nicht hinausgehen. Die Pflichtenlehre ist sein Lebensbrot, Philosophie

wäre für ihn tödliches Gift. Derjenige, der nicht schwimmen kann,

darf sich nicht ins Meer wagen.

Dennoch gibt es immer Leute, die, um schwimmen zu lernen, ins Wasser

gehen. Sie wollen ihren Glauben zum Wissen erheben und fallen dabei

leicht in Zweifel und Unglauben. Für sie, meint Gazali, können Dogmatik

und Polemik gegen die Philosophie ein nützliches Heilmittel sein.

Auf der höchsten Stufe menschlicher Vollkommenheit stehen aber

diejenigen, welche ohne schweres Nachdenken durch innere göttliche

Erleuchtung die Wahrheit und Wirklichkeit der geistigen Welt in sich

erfahren. Es sind dies die Propheten und frommen Mystiker, zu denen

Gazali sich zählen darf. In allem sehen sie Gott, ihn, ja ihn allein,

in der Natur wie im Leben ihrer Seele. Vorzüglich aber in der Seele,

die zwar nicht gottgleich, aber doch gottähnlich ist. Wie alles Äußere

jetzt sich ändert! Was scheinbar außer uns besteht, wird zu einem

Zustande oder einer Eigenschaft der Seele, die im Bewusstsein ihrer

Vereinigung mit Gott zur höchsten Seligkeit fortschreitet. Alles einigt

sich da in Liebe. Der wahre Gottesdienst geht über Furcht vor Strafe

und Hoffnung auf Belohnung hinaus zur Liebe Gottes im Geiste. Über

Dulden und Danken -- die Pflicht der noch nicht vollendeten frommen

Wanderer auf Erden -- erhebt sich der vollkommene Gottesdiener,

schon in dieser Welt Gott freudig zu lieben und zu loben.

8. Es ergeben sich uns aus dem Vorigen drei Stufen des Glaubens

oder der Gewissheit. Erstens der Autoritätsglaube der Menge: sie

glaubt, was ihr ein glaubwürdiger Mann erzählt, z. B. dass N. N. da

im Hause sei. Zweitens das abgeleitete Wissen der Gelehrten: sie

haben den N. N. reden hören und schließen, dass er sich im Hause

befinde. Drittens aber die unmittelbare Gewissheit der Erkennenden:

diese sind ins Haus gegangen und haben mit eigenen Augen den

N. N. gesehen.

Auf Erfahrung legt Gazali überall Gewicht, den Dialektikern und

Philosophen gegenüber. Mit ihren allgemeinen Begriffen werden

sie zunächst der Mannigfaltigkeit dieser sinnlichen Welt nicht

gerecht. Die sinnlichen Qualitäten der Dinge, auch die Zahl der

Gestirne z. B. erkennen wir nur durch Erfahrung, nicht aus reinen

Begriffen. Viel weniger aber noch erschöpfen diese die Höhen und

Tiefen unseres Inneren. Dem diskursiven Verstande der Gelehrten bleibt

ewig verborgen, was der Gottesfreund intuitiv erkennt. Sehr wenige

ersteigen diese Höhe der Erkenntnis, wo sie mit den Gottesgesandten

und Propheten aller Zeiten zusammentreffen. Ihnen zu folgen ist daher

die Pflicht der niedriger stehenden Geister.

Wie erkennt man nun aber den überlegenen Geist, dessen man zum Führer

bedarf? Das ist eine Frage, an der jedes religiös-bestimmte System,

das menschlicher Vermittler nicht entbehren kann, rein verstandesmäßig

betrachtet, scheitern muss. Auch Gazalis Antwort ist schwankend. Soviel

ist ihm gewiss, dass Verstandesgründe allein hier nicht den Ausschlag

geben können. Den wirklich von Gott erleuchteten Propheten und Lehrer

erkennt man durch Versenkung in seine einzigartige Persönlichkeit,

durch die Erfahrung innerer Verwandtschaft. Die Wahrheit der Prophetie

bewährt sich in ihrem sittlichen Einfluss auf die Seele. Von der

Wahrhaftigkeit des Gotteswortes im Koran bekommen wir eine moralische,

keine theoretische Gewissheit. Das einzelne Wunder ist nicht im

Stande zu überzeugen, sondern die Offenbarung als Ganzes sowie die

Persönlichkeit des Propheten, durch den die Offenbarung vermittelt,

machen auf die verwandte Seele einen unwiderstehlichen Eindruck. Von

diesem Eindrucke ganz hingerissen, entsagt sie der Welt, um die Pfade

Gottes zu wandern.

9. Gazali ist ohne Zweifel die merkwürdigste Gestalt des Islam. Seine

Lehre ist ein Ausdruck seiner Persönlichkeit. Auf das Verständnis

dieser Welt hat er verzichtet. Aber das religiöse Problem hat er

viel tiefer erfasst als die Philosophen seiner Zeit. Diese waren,

wie ihre griechischen Vorgänger, intellektualistisch, sahen folglich

die Lehren der Religion an nur als Produkte der Vorstellung, der

Phantasie oder auch der Willkür des Gesetzgebers. Ihnen zufolge war

Religion entweder blinder Gehorsam oder eine Art Erkenntnis, eine

Wahrheit niederer Ordnung enthaltend.

Dagegen stellt Gazali Religion als Erfahrung seines Inneren hin. Mehr

als Gesetz und mehr als Lehre ist sie ihm, sie ist Seelenerlebnis.

Nicht jeder erlebt das so wie Gazali. Wer ihm aber bei seinem

mystischen Fluge, über die Bedingungen möglicher Erfahrung hinaus,

nicht folgen kann, wird doch eingestehen müssen, dass seine Irrfahrten

auf der Suche nach dem Höchsten für die Geschichte des menschlichen

Geistes nicht weniger wichtig sind als die scheinbar sicheren Gänge

der Philosophen seiner Zeit durch ein Land, das andere vor ihnen

entdeckt haben.

2. Die Kompendienschreiber.

1. In einer Geschichte des gelehrten Unterrichtes bei den muslimischen

Völkern müsste dieser Gegenstand einen größeren Raum einnehmen;

wir werden ihn hier mit wenigen Worten abthun.

Dass Gazali die Philosophie für alle Folgezeit vernichtet habe,

ist eine oft wiederholte, aber ganz irrige Behauptung, die weder von

geschichtlichem Wissen noch von Verständnis zeugt. Die Philosophie hat

im Osten nach ihm ihre Lehrer und Schüler zu Hunderten und Tausenden

gezählt. Ebensowenig wie die Pflichtenlehrer ihre spitzfindige

Kasuistik, haben die Glaubenslehrer ihre dialektischen Argumente zur

Stütze des Dogmas aufgegeben. Und die allgemeine Bildung hat einen

Bestandteil philosophischer Gelehrsamkeit in sich aufgenommen.

Freilich, eine hervorragende Stellung hat die Philosophie

sich nicht zu erobern, ihr früheres Ansehen nicht zu erhalten

gewusst. Nach einer arabischen Anekdote soll ein Philosoph, der

in Gefangenschaft geraten war und von einem Manne, der ihn als

Sklaven kaufen wollte, befragt wurde, wozu er tauge, die Antwort

gegeben haben: Zur Freiheit. Philosophie braucht Freiheit. Und wo

gab es diese im Orient? Freiheit von materiellen Sorgen, Freiheit

zur Bethätigung uninteressierten Denkens schwanden immer mehr dahin,

wo keine aufgeklärten Despoten im Stande waren, sie zu gewähren und zu

schützen. Als glaubens- und staatsgefährlich wurden die Philosophen an

manchen Orten verfolgt. Es ist das nur ein Zeichen des allgemeinen

Kulturverfalles. Wenn auch abendländische Reisende des zwölften

Jahrhunderts die Kultur des Ostens höchlich preisen, so war sie doch,

mit früheren Zeiten verglichen, im Niedergang begriffen. Auf keinem

Gebiete ging man über das alte hinaus, dazu waren die Geister zu

schwach. Die litterarische Produktion stockte und den Vielschreibern

der folgenden Jahrhunderte gebührt nur das Verdienst der schönen

Auswahl. Die Pflichten- und die Glaubenslehre mit der Mystik hatten

ihren Abschluss gefunden. Ebenso die Philosophie. Nach Ibn Sina, ihrem

Fürsten, mit selbständigen Ansichten hervorzutreten, fühlte keiner

sich berufen. Es war die Zeit gekommen der Kompendien, der Kommentare,

der Glossen und Superglossen. Damit vertrieb die gelehrte Welt sich

in der Schule die Zeit, während die gläubige Menge sich immer mehr

der Führung der Derwischorden unterstellte.

2. Die allgemeine Bildung entnahm am meisten der philosophischen

Propädeutik, etwas Mathematik u. s. w., in der Regel natürlich

höchst elementar. Von Sektierern und Mystikern wurde vieles der

pythagoreisch-platonischen Weisheit entlehnt. Besonders den Heiligen-

und Wunderglauben zu stützen, mussten jene Lehren herhalten. Eine

wüste, synkretistische Theosophie schmückte sich damit. Sie nahm

auch den Aristoteles, natürlich den unechten, unter ihre Lehrer auf,

machte ihn aber zum Schüler des Agathodaemon und Hermes.

Die nüchternen Geister dagegen hielten sich an dem Aristotelismus,

soweit er sich mit ihren eigenen Ansichten oder dem orthodoxen Glauben

vertrug. Fast allgemein folgte man dem System des Ibn Sina, nur wenige

gingen auf Farabi zurück oder suchten beide zu vereinigen. Von den

physischen und metaphysischen Lehren nahm man weniger Notiz; Ethik

und Politik wurden schon mehr gepflegt; allgemein studiert aber nur

die Logik. Diese ließ sich trefflich in schulmäßige Form bringen, als

reine Formallogik war sie ein Werkzeug, dessen sich jeder bedienen

konnte. Mit den Mitteln der Logik ließ sich ja alles beweisen. Und

wenn einmal ein Beweis als fehlerhaft erkannt wurde, so tröstete man

sich damit, dass die Behauptung doch richtig sein könnte, wenn auch

der Beweis dafür nicht richtig geführt worden war.

Schon in der Encyklopädie des Abu Abdallah al-Chwarizmi aus dem

letzten Viertel des zehnten Jahrhunderts war der Logik ein größerer

Raum zugemessen als der Physik und Metaphysik. Ebenso machten es

viele spätere Encyklopädien und Sammelwerke. Auch die Dogmatiker

fingen ihr System an mit logischen und erkenntnistheoretischen

Betrachtungen, in denen dem "Wissen" ein traditionelles Lob gespendet

wurde. Und seit dem zwölften Jahrhundert entstand eine ganze Menge

Einzelbearbeitungen des aristotelischen Organons. Als vielgebraucht,

kommentiert u. s. w. seien hier nur genannt die Werke des Abhari

(gest. 1264), der unter dem Titel Isagudschi (eisagôgê) eine kurze

Übersicht der ganzen Logik gab, und des Qazwini (gest. 1276).

An der größten Universität der muslimischen Welt, in Kairo,

werden heutzutage noch die Kompendien des 13. und 14. Jahrhunderts

gebraucht. Dort heißt es noch, wie lange Zeit bei uns: Zuerst

Collegium logicum! Selbstverständlich mit keinem besseren Erfolge. Man

lässt sich, innerhalb der Schranken des Gesetzes, die von den alten

Philosophen aufgefundenen Regeln des Denkens gefallen, lächelt aber

dabei über jene Männer und über die mutazilitischen Dialektiker, die

"an die Vernunft geglaubt".

VI. DIE PHILOSOPHIE IM WESTEN.

1. Die Anfänge.

1. Zum muslimischen Occidente rechnet man das westliche Nordafrika,

Spanien und Sizilien. Nordafrika hat zunächst untergeordnete

Bedeutung. Sizilien richtet sich nach Spanien und wird bald von den

Nordmannen Unteritaliens unterworfen. Für unseren Zweck kommt zunächst

das muslimische Spanien oder Andalusien in Betracht.

Das Kulturschauspiel des Orients erlebt hier eine zweite

Aufführung. Wie dort Araber mit Persern, so vermählen sich hier

Araber mit Spaniern. Und statt der Türken und Mongolen gibt es hier

die Berbern Nordafrikas, deren rohe Kraft immer mehr zerstörend in

das Spiel feinerer Bildung eingreift.

Nach dem Sturze der Omajjaden in Syrien (750) hat sich einer aus ihrem

Hause, Abderrachman ibn Moawia, nach Spanien begeben, wo er sich zum

Emir von Kordova und ganz Andalusien emporzuarbeiten wusste. Über

250 Jahre dauerte diese Omajjadenherrschaft und erreichte, nach

vorübergehender Kleinstaaterei, unter Abderrachman III. (912-961),

dem ersten, der sich Chalif nennen ließ, und dessen Sohn al-Hakam

II. (961-976) ihren Glanzpunkt. Das zehnte Jahrhundert war für Spanien,

was das neunte für den Orient: die Zeit höchster materieller und

geistiger Kultur. Wenn möglich war sie hier frischer, naturwüchsiger

als dort. Produktiver, wenn es wahr ist, dass alles Theoretisieren

entweder einen Mangel oder eine Stockung der Produktionskraft

bedeutet. Die Wissenschaften, und besonders die Philosophie, fanden

hier nämlich weit weniger Vertreter. Überhaupt waren die Verhältnisse

geistigen Lebens einfacher gestaltet. Die Zahl alter Kulturschichten

war geringer. Wohl hatte man hier außer Muslimen Juden und Christen,

die sich zu Abderrachmans III. Zeit gemeinschaftlich am Kulturleben

arabischen Stempels beteiligten. Aber Anhänger des Zoroaster,

Atheisten u. s. w. gab es nicht. Auch waren die Parteiungen des

östlichen Islam fast unbekannt. Nur eine Rechtschule, die des Malik,

fand Eingang. Mutazilitische Dialektik störte nicht den Frieden des

Glaubens. Zwar verherrlichten die andalusischen Dichter die Dreiheit:

Wein, Weib und Gesang, aber frivole Freigeisterei einerseits, düstere

Weltflucht und Theosophie andererseits kamen nur selten zum Ausdruck.

Im ganzen war die geistige Kultur vom Orient abhängig. Seit dem

zehnten Jahrhundert wurden aus Spanien viele wissenschaftliche Reisen

dorthin, über Ägypten bis zum östlichen Persien, unternommen, um den

Vorlesungen berühmter Gelehrten beizuwohnen. Und das Bedürfnis nach

Bildung in Andalusien lockte auch manch orientalischen Gelehrten,

der in seiner Heimat keine Beschäftigung fand, herbei. Dazu ließ

al-Hakam II. überall im Osten Bücher abschreiben für seine Bibliothek,

deren Bändezahl auf 400000 angegeben wird.

Hauptsächlich interessierte der Westen sich für Mathematik und

Naturwissenschaft, Astrologie und Medizin, ebenso wie anfangs der

Osten. Poesie, Geschichte und Geographie wurden eifrig gepflegt. Der

Geist war noch von des Gedankens Blässe nicht angekränkelt. Als

Abdallah ibn Masarra von Kordova, unter Abderrachman III., mit

Naturphilosophie nach Hause kam, musste er seine Schriften verbrennen

sehen.

2. Im Jahre 1013 wurde Kordova, "die Zierde der Welt", von den

Berbern verwüstet und das Omajjadenreich zerfiel in eine Anzahl

kleiner Staaten. Ihre Nachblüte füllt das elfte Jahrhundert, die

mediceische Zeit Spaniens, aus. An den städtischen Höfen gedeihen

noch Kunst und Poesie, üppig wuchernd auf den Trümmern alter

Herrlichkeit. Die Kunst verfeinert sich, die Poesie wird weise, subtil

der wissenschaftliche Gedanke. Aus dem Orient zieht man immerfort

geistige Nahrung. Naturphilosophie, die Schriften der treuen Brüder,

die Logik aus der Schule des Abu Sulaiman al-Sidschistani halten nach

einander ihren Einzug. Gegen Ende des Jahrhunderts spürt man auch

den Einfluss der Schriften Farabis und wird Ibn Sinas Medizin bekannt.

Die Anfänge philosophischen Nachdenkens finden wir zumeist bei den

zahlreichen gebildeten Juden. Mächtig und ganz eigenartig wirkt

die Naturphilosophie des Ostens auf Ibn Gebirol, den Avencebrol

christlicher Schriftsteller. Bachja ibn Pakuda wird von den treuen

Brüdern beeinflusst. Sogar die religiöse Poesie der Juden wird von

der philosophischen Bewegung ergriffen. Es spricht darin die Seele,

die sich zum Geiste erhebt, nicht die jüdische Gemeinde, die ihren

Gott sucht.

Unter den Muslimen blieb die Zahl derjenigen, die sich eingehend mit

Philosophie beschäftigten, sehr beschränkt. Kein Meister sammelte

eine zahlreiche Jüngerschaar um sich, gelehrte Sitzungen, in denen

über philosophische Gegenstände disputiert wurde, fanden kaum

statt. So musste sich hier der einzelne Denker wohl ganz vereinsamt

fühlen. Subjektiv wie im Orient, bildete sich auch im Westen die

Philosophie aus. Aber sie war hier mehr nur die Sache vereinzelter

Individuen und stand dazu dem Glauben der Menge ferner. Im Orient gab

es zahllose Vermittelungen zwischen Glauben und Wissen, zwischen den

Philosophen und der gläubigen Gemeinde. Das Problem des denkenden

Individuums gegenüber der staatlichen Gesellschaft und dem Glauben

beschränkter fanatischer Massen wurde daher im Westen schärfer gefasst.

2. Ibn Baddscha.

1. Gegen Ende des elften Jahrhunderts, als Abu Bekr Mohammed

ibn Jachja ibn al-Saig ibn Baddscha in Saragossa geboren wurde,

war das schöne Andalusien nahe daran, in seiner Kleinstaaterei

unterzugehen. Von Norden her wurde es von den weniger gebildeten,

aber kräftigen und tapferen Christenrittern bedroht. Da griff aber

rettend die berberische Dynastie der Almoraviden ein, die nicht nur

fester im Glauben, sondern auch klüger in der Politik war als die

üppigen Herrschergeschlechter Spaniens. Jetzt schien die Zeit feiner

Bildung und freien Forschens für immer dahin. Nur Traditionarier der

strengsten Observanz durften öffentlich auftreten. Und die Philosophen,

wenn sie sich nicht verborgen hielten, wurden verfolgt oder getötet.

2. Aber barbarische Herren haben ihre Grillen, indem sie die

Bildung der von ihnen Unterworfenen, wenigstens äußerlich, sich

anzueignen lieben. Also nahm sich Abu Bekr ibn Ibrahim, Schwager des

Almoravidenfürsten Ali, der einige Zeit Gouverneur Saragossas war,

zum großen Ärgernis seiner Faqihs und Soldaten, den Ibn Baddscha

zum Vertrauten und ersten Minister. Dieser Mann nun war in den

mathematischen Wissenschaften, besonders in der Astronomie und Musik,

dazu in der Medizin, theoretisch und praktisch bewandert und gab sich

mit logischen, naturphilosophischen und metaphysischen Spekulationen

ab. Er war nach der Ansicht der Fanatiker ein ganz verrückter Atheist

und unsittlicher Mensch.

Von dem äußeren Leben Ibn Baddschas wissen wir ferner nur, dass er im

Jahre 1118 nach dem Falle Saragossas zu Sevilla war, wo er mehrere

seiner Schriften verfasste, darauf in Granada, und dass er sich

nach Fez an den Almoravidenhof begab, wo er im Jahre 1138 starb. Der

Überlieferung nach fand er, auf Veranlassung eines neidischen Arztes,

den Gifttod. Glücklich war, nach seinem Selbstbekenntnis, sein kurzes

Leben nicht gewesen. Oft hatte er sich, als letzte Zuflucht, den

Tod herbeigesehnt. Materielle Not, vor allem geistige Vereinsamung

mögen ihn gedrückt haben. Dass er zu seiner Zeit, in seiner Umgebung,

sich nicht heimisch fühlen konnte, zeigen zur Genüge die erhaltenen

Schriften.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 11 / 14 段