Treffend hebt Beruni die Übereinstimmung zwischen

pythagoreisch-platonischer Philosophie, indischer Weisheit und vielen

sufischen Anschauungen hervor. Nicht weniger treffend erkennt er die

Überlegenheit griechischer Wissenschaft gegenüber den Versuchen und

Leistungen der Araber und Inder. Indien, sagt er, von Arabien ganz zu

schweigen, hat keinen Sokrates hervorgebracht. Keine logische Methode

hat dort die Phantasie aus der Wissenschaft vertrieben. Doch will er

einzelnen Indern gerecht werden. Zustimmend führt er als die Lehre der

Anhänger Aryabhatas folgendes an: "Es genügt uns, das zu erkennen, was

von den Strahlen der Sonne beleuchtet wird; was darüber hinausgeht,

wenn auch von unermesslicher Ausdehnung, brauchen wir nicht. Was

der Sonnenstrahl nicht erreicht, können die Sinne nicht wahrnehmen,

und was der Sinn nicht wahrnimmt, können wir nicht erkennen."

Daraus ergibt sich uns Berunis Philosophie. Nur die Wahrnehmungen

der Sinne, von einem logischen Geiste verknüpft, gewähren sichere

Erkenntnis. Und zum Leben brauchen wir eine praktische Philosophie,

die uns vom Freunde den Feind unterscheiden lässt. Er glaubte selbst

wohl nicht, damit alles und das letzte Wort gesagt zu haben.

10. Aus der Schule Ibn Sinas sind uns mehr Namen überliefert

als Schriften erhalten. Dschuzdschani hat, im Anschluss an eine

Selbstbiographie, das Leben des Meisters beschrieben. Und von

Abu-l-Hasan Behmenjar ibn al-Marzuban haben wir noch ein paar kleinere

metaphysische Abhandlungen, die sich fast ganz in Übereinstimmung mit

dem Systeme seines Lehrers befinden. Nur scheint die Materie etwas

von ihrer Substantialität einzubüßen: als Seinsmöglichkeit wird sie

zu einer Relation oder Beziehung des Denkens.

Gott ist, nach Behmenjar, die reine, ursachlose Einheit notwendigen

Seins, nicht der lebendige, alles wirkende Schöpfer. Er ist zwar

Ursache der Welt, aber die Folge ist mit der Ursache zugleich und

notwendig gegeben, sonst wäre die Ursache nicht vollkommen, weil der

Veränderung fähig. Wesenhaft, nicht zeitlich, geht Gottes Dasein dem

der Welt voran. Drei Bestimmungen kommen demnach dem höchsten Sein

zu: dass es wesentlich zuerst, sich selbst genügend und notwendig

sei, m. a. W. Gottes Wesen ist die Seinsnotwendigkeit. Diesem

absolut-notwendigen Sein verdankt alles möglicherweise Existierende

sein Dasein.

Das stimmt nun wohl zu den Lehren Ibn Sinas. Und ebenso verhält es

sich mit dem Weltbilde und der Seelenlehre des Schülers. Was einmal

zur vollen Wirklichkeit gelangt ist, die der Art nach verschiedenen

Sphärengeister, die Urmaterie und die individuell verschiedenen

menschlichen Seelen, besteht alles ewig fort. Vollwirkliches, weil

ohne jede Möglichkeit, kann nicht vergehen.

Die Eigenart alles Geistigen ist die Erkenntnis des eigenen

Wesens. Wille heißt, nach Behmenjar, nichts anderes als Erkenntnis

dessen, was notwendig aus dem Wesen folgt. In der Selbsterkenntnis

besteht auch das Leben und die Lust der vernünftigen Seele.

11. Ibn Sina hat eine weitgehende Wirkung erzielt. Nach seinem Kanon

der Medizin, der auch im Abendlande vom 13. bis 16. Jahrhundert hohes

Ansehen genoss, werden heutigen Tages noch die Perser kuriert. Sein

Einfluss auf die christliche Scholastik war bedeutend. Dante setzte

ihn zwischen Hippokrat und Galen, und Scaliger behauptete, er sei

in der Medizin dem Galen gleich, in der Philosophie diesem sogar

weit überlegen.

Dem Orient galt und gilt er als der Fürst der Philosophie. Der

neuplatonische Aristotelismus ist dort bekannt geblieben in der Form,

die ihm Ibn Sina gegeben. Zahlreich sind die Handschriften seiner

Werke, ein Zeugnis seiner Popularität, unzählig aber die Kompendien

und Kommentare zu seinen Schriften. Mediziner und Staatsmänner,

aber auch Theologen studierten ihn. Nur wenige gingen über ihn zu

den Quellen zurück.

Der Feinde gab es freilich von Anfang an viele und sie äußerten sich

lauter als die Freunde. Dichter verfluchten ihn, Theologen stimmten mit

ein oder versuchten es, ihn zu widerlegen. Und der Chalif Mustandschid

ließ im Jahre 1150 unter der philosophischen Bibliothek eines Richters

auch die Schriften Ibn Sinas zu Bagdad dem Feuer übergeben.

5. Ibn al-Haitham.

1. Nach Ibn Sina und seiner Schule fand die theoretische Philosophie

in den östlichen Ländern des muslimischen Reiches wenig Pflege

mehr. Die arabische Sprache musste im Leben und in der Litteratur

dort immer mehr der persischen weichen. Dass letztere Sprache sich

weniger gut zu abstrakt logischen und metaphysischen Erörterungen

eignet, dürfte dabei nur ganz nebensächlich ins Gewicht fallen. Es

änderten sich in trauriger Weise die Kulturverhältnisse und damit die

Interessen der Menschen. Ethik und Politik traten in den Vordergrund,

jedoch ohne eine wirklich neue Gestalt zu bekommen. Ganz vorherrschend

aber war es in der neupersischen Litteratur eine teils freigeistige,

teils, und zwar überwiegend, mystische Poesie, die das Bedürfnis der

Gebildeten nach Weisheit befriedigte.

Seit der Mitte des zehnten Jahrhunderts etwa hatte sich von Bagdad aus

ein Teil der wissenschaftlichen Bewegung dem Westen zugewendet. Wir

fanden schon Farabi in Syrien, Masudi in Ägypten. Dort wurde Kairo

ein zweites Bagdad.

2. In Kairo treffen wir am Anfang des elften Jahrhunderts einen der

bedeutendsten Mathematiker und Physiker des ganzen Mittelalters, Abu

Ali Mohammed ibn al-Hasan ibn al-Haitham. In Basra, wo er geboren

wurde, hatte er schon ein Staatsamt verwaltet. In allzugroßem

Vertrauen auf die Verwertbarkeit seiner mathematischen Kenntnisse

glaubte er die Nilüberschwemmungen regulieren zu können. Deshalb

vom Chalifen al-Hakim berufen, sah er bald nach seiner Ankunft das

Vergebliche seiner Bemühungen ein. Als Verwaltungsbeamter fiel er

dann in Ungnade, verbarg sich bis zum Tode des Chalifen (1020) und

lebte ferner wissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten, bis er

im Jahre 1038 starb.

Seine Hauptwirksamkeit liegt auf dem Gebiete der Mathematik und

ihrer Anwendung. Doch hat er sich auch sehr viel mit den galenischen

und aristotelischen Schriften, und nicht bloß mit den physischen,

beschäftigt. Nach seinem eigenen Bekenntnis hat er von Jugend auf

alles bezweifelnd, die verschiedenen Ansichten und Lehren der Menschen

betrachtet, bis er in allen mehr oder weniger gelungene Versuche,

sich der Wahrheit zu nähern, erkannte. Als Wahrheit galt ihm ferner

nur das, was sich der sinnlichen Wahrnehmung als Material darbot

und vom Verstande seine Form erhielt, also die logisch bearbeitete

Wahrnehmung. Solche Wahrheit zu suchen war sein Bestreben beim

Studium der Philosophie. Die Philosophie sollte ihm Grundlage aller

Wissenschaften sein. Er fand sie in den Schriften des Aristoteles,

weil dieser es am besten verstanden hatte, die sinnliche Wahrnehmung

einheitlich zu vernünftiger Erkenntnis zu verknüpfen. Eifrig studierte

und erläuterte er darum die Werke des Aristoteles, zu Nutz und Frommen

der Menschheit, zu eigener Übung und als Schatz und Trost für sein

Alter. Von diesen Arbeiten scheint uns aber nichts erhalten zu sein.

Des Ibn al-Haithams bedeutendste Schrift, die in lateinischer

Übersetzung und Bearbeitung auf uns gekommen ist, ist die Optik. Er

zeigt sich darin als einen scharfen mathematischen Denker, überall

um die Analyse der Begriffe und der wirklichen Vorgänge bemüht. Ein

Abendländer des 13. Jahrhunderts (Witelo) wusste das Ganze methodischer

darzustellen, doch dürfte an Schärfe der Beobachtung im einzelnen

Ibn al-Haitham jenem überlegen sein.

3. Das Denken Ibn al-Haithams ist ganz mathematisch bestimmt. Die

Substanz eines Körpers besteht nach ihm aus der Summe seiner

wesentlichen Eigenschaften, wie das Ganze der Summe der Teile und

der Begriff der Summe seiner Merkmale gleich ist.

In der Optik interessieren uns besonders die psychologischen

Bemerkungen über das Sehen und die Sinneswahrnehmung überhaupt. Das

Bestreben ist hier darauf gerichtet, die einzelnen Momente der

Wahrnehmung zu sondern und den zeitlichen Charakter des ganzen

Prozesses hervorzuheben.

Die Wahrnehmung setzt sich dann zusammen aus der Sinnesempfindung (1),

der Vergleichung (2) mehrerer Empfindungen oder der jetzigen Empfindung

mit dem infolge früherer Empfindungen nach und nach in der Seele

geformten Erinnerungsbilde, und dem Wiedererkennen (3), sodass wir das

jetzt Wahrgenommene als mit dem Erinnerungsbilde gleich erkennen. Das

Vergleichen und das Wiedererkennen sind keine Thätigkeiten der Sinne,

die nur passiv empfinden, sondern fallen dem urteilenden Verstande

zu. Gewöhnlich geht das alles unbewusst oder halbbewusst von statten,

und nur durch Besinnung wird es uns zum Bewusstsein geführt und das

scheinbar Einfache in seine Bestandteile zerlegt.

Der Prozess der Wahrnehmung verläuft sehr schnell. Je geübter der

Mensch in dieser Hinsicht ist und je öfter eine Wahrnehmung sich

wiederholt, um so fester wird das Erinnerungsbild der Seele eingeprägt,

um so schneller kommt das Wiedererkennen oder die Wahrnehmung

zu Stande. Die Ursache davon ist die, dass die neue Empfindung

von dem schon vorhandenen seelischen Gebilde ergänzt wird. Leicht

könnte man also meinen, die Wahrnehmung sei, wenigstens nach langer

Einübung, ein zeitloser Akt. Das wäre aber ein Irrtum, denn nicht

nur entspricht jeder Empfindung eine qualitative, im Sinnesorgan

lokalisierte Veränderung, die eine Zeit erfordert, sondern auch

zwischen der Reizung des Organs und der bewussten Wahrnehmung muss der

räumlichen Fortleitung des Reizes durch die Nerven eine Zeitstrecke

entsprechen. Dass es z. B. zur Auffassung einer Farbe Zeit bedarf,

beweist der drehende Farbenkreisel, der uns nur eine Mischfarbe zeigt,

weil wir wegen der schnellen Bewegung keine Zeit haben, die einzelnen

Farben aufzufassen.

Vergleichen und Wiedererkennen sind nach Ibn al-Haitham die

bedeutenden, seelischen Momente der Wahrnehmung. Dagegen entspricht

die Empfindung der Materie, der empfindende Sinn verhält sich

passiv. Eigentlich ist alles Empfinden an sich eine Art Unlust, welche

sich für gewöhnlich nicht fühlbar macht, bei sehr starken Reizen aber,

z. B. durch allzuhelles Licht, zum Bewusstsein kommt. Der Charakter

der Lust kommt nur der vollkommenen Wahrnehmung zu, d. h. dem Erkennen,

das die Materie der Empfindung zur seelischen Form erhebt.

Das Vergleichen und Wiedererkennen in der Wahrnehmung ist wesentlich

ein unbewusstes Urteilen und Schließen. Das Kind macht schon einen

Schluss, wenn es von zwei Äpfeln den schöneren wählt. Schließen ist

jede Erfassung eines Zusammenhanges. Weil aber Urteilen und Schließen

schnell zu Stande kommen, irrt der Mensch sich dabei leicht, und

hält auch oft für einen ursprünglichen Begriff, was nur ein auf dem

Wege des Schließens abgeleitetes Urteil ist. Bei allem, was uns als

Axiome verkündet wird, soll man doch auf der Hut sein und nachspüren,

ob es nicht aus Einfacherem abgeleitet werden könne.

4. Diese Aufforderung unseres Philosophen hat im Orient wenig

gefruchtet. Zwar hat er in Mathematik und Astronomie etwas Schule

gemacht, aber für seine aristotelische Philosophie gab es weniger

Liebhaber. Wir kennen nur einen seiner Schüler, der zu den Philosophen

gezählt wird, Abu-l-Wafa Mubasschir ibn Fatik al-Qaid, einen

ägyptischen Emir, der im Jahre 1053 ein Werk mit Spruchweisheit,

Anekdoten zur Philosophiegeschichte u. s. w. lieferte. Von

eigener Gedankenarbeit ist dabei kaum etwas zu spüren. Es sollte

unterhalten. Und mehr noch als an solchem Werke erbauten sich die

Einwohner Kairos in der Folgezeit an den Märchen der Tausend und

eine Nacht.

Der Orient hat Ibn al-Haitham fast vergessen, ihn und seine Werke

verketzert. Ein Schüler des jüdischen Philosophen Maimonides

erzählt, er sei wegen Handelsgeschäfte in Bagdad gewesen, als dort

die Bibliothek eines Philosophen (gest. 1214) verbrannt wurde. Da

warf ein Prediger, der die Exekution leitete, mit eigener Hand eine

astronomische Schrift des Ibn al-Haitham in die Flammen, nachdem er

auf eine darin abgebildete Weltkugel als das Unglückszeichen verruchter

Gottlosigkeit hingewiesen hatte.

V. DER AUSGANG DER PHILOSOPHIE IM OSTEN.

1. Gazali.

1. Wir haben früher schon gesehen, dass die theologische Bewegung

im Islam stark von der Philosophie beeinflusst war. Nicht nur die

mutazilitische, sondern auch die antimutazilitische Dialektik holte

ihre Ansichten und die Argumente, womit sie die eigene Lehre stützte,

die des Gegners bekämpfte, zum großen Teile aus den Schriften der

Philosophen. Man nahm aus diesen auf, was man eben brauchen konnte,

das andere ließ man auf sich beruhen, oder aber man machte den

Versuch, es zu widerlegen. So entstanden zahlreiche Schriften, gegen

eine besondere philosophische Lehre oder einen einzelnen Philosophen

gerichtet. Ein Versuch aber, das ganze System der Philosophie, wie es

im Osten auf griechischer Grundlage aufgebaut war, nach eingehendem

Studium von allgemeinen Gesichtspunkten aus zu bekämpfen, ist wohl

vor Gazali nicht gemacht worden.

Das Unternehmen Gazalis hatte auch eine positive Seite. Neben der

Dialektik, die die Lehren des Glaubens verständlich zu machen oder

gar vernünftig zu begründen suchte, lief im Islam eine Mystik her,

die auf innerliches, gemütliches Erfassen des Dogmas aus war. Nicht

begreifen oder beweisen wollte sie den Glaubensinhalt, sondern

erfahren, im Geiste erleben. Dem Glauben soll ja die höchste

Gewissheit zukommen. Sollte man ihn dann in ein abgeleitetes

Wissen verwandeln können? Oder sollten seine Sätze Prinzipien der

Vernunft sein, keines weiteren Beweises fähig noch bedürftig? Aber

die Grundsätze der Vernunft müssen, wenn sie einmal bekannt sind,

allgemein anerkannt werden, und die allgemeine Anerkennung fehlt

den Sätzen des Glaubens. Woher sonst der Unglaube? So wurde weiter

gefragt. Und als der einzige Ausweg aus solchen Zweifeln erschien

es vielen, die Glaubenslehre auf eine innere, übervernünftige

Erleuchtung zu gründen. Anfangs geschah das unbewusst, in mystischem

Drange, wobei denn oft der Inhalt der Pflichten- und Glaubenslehre

sehr vernachlässigt wurde. Auch hier hat Gazali eingegriffen. Was

vielleicht von Salimiten und Karramiten, antimutazilitischen Sekten,

vorgebildet war, hat er in großem Stile durchgeführt: die Mystik

trägt und krönt seit seiner Zeit das Lehrgebäude des orthodoxen Islam.

2. Merkwürdig ist die Lebensgeschichte dieses Mannes, und zum

Verständnis seiner Wirksamkeit ist es unbedingt erforderlich, etwas

näher darauf einzugehen. Im Jahre 1059 wurde er zu Tos in Chorasan

geboren, war also ein Landsmann des großen Dichters Firdausi. Wie

dieser von der alten Herrlichkeit der persischen Nation zeugt,

so sollte Gazali "Zeugnis und Zierde" des ganzen zukünftigen Islam

sein. Schon seine Erziehung, nach dem Tode des Vaters im Hause eines

sufischen Freundes, war mehr universal als national gerichtet. Dem

unruhigen, phantastischen Geiste des Jünglings sagte auch keine

Beschränkung zu. In der spitzfindigen Kasuistik der Pflichtenlehre

mit ihren präzisen Formeln fand er sich nicht zurecht. Er sah sie

an als ein weltliches Wissen, von dem er sich abwendete, um sich

in die Erkenntnis Allahs geistig zu vertiefen. Dann studierte

er in Nischabur Theologie bei einem sufischen Lehrer, dem Imam

al-Haramain (gest. 1085), während dessen er wohl selbst anfing

zu schriftstellern und zu lehren, vielleicht auch schon an seiner

Wissenschaft zu zweifeln. Er begab sich darauf zu Nizam al-Mulk, dem

Wezir des Seldschukenfürsten, bis er (1091) eine Professur in Bagdad

erhielt. In diese Zeit fällt jedenfalls die nähere Beschäftigung mit

der Philosophie. Es war aber nicht reine Liebe zur Wissenschaft,

die ihn dazu trieb, sondern die Sehnsucht des Herzens, Lösung für

die Zweifel des Verstandes zu finden. Keine Aufklärung über das

Weltgeschehen, auch keine Klärung des eigenen Denkens, sondern

Herzensruhe und die Erfahrung einer höheren Wirklichkeit suchte

er zu erreichen. Eingehend befasste er sich mit den Schriften der

Philosophen, besonders denen des Farabi und Ibn Sina, und hauptsächlich

dem System des letzteren folgend, schrieb er ein philosophisches

Kompendium, objektiv gehalten, scheinbar mit einiger Teilnahme am

Inhalt. Er that es, wie er anfangs wohl leise zur Selbstberuhigung,

später aber laut zu seiner Entschuldigung sagte, nur um der Darstellung

der philosophischen Lehren die Widerlegung folgen zu lassen. Auch

diese erschien, wahrscheinlich nicht lange Zeit darauf. Es war die

berühmte "Ruin der Philosophen", die vermutlich noch in Bagdad oder

kurz nach seiner Abreise verfasst wurde.

Schon nach vier Jahren nämlich (1095) hatte Gazali seine von äußerem

Erfolg begleitete Lehrthätigkeit in Bagdad eingestellt. Sein

immer zweifelnder Geist fand im dogmatischen Vortrag wohl keine

Befriedigung. Seine glänzende Stellung zog ihn bald an, bald stieß

sie ihn ab. Er glaubte wohl, auf andere Weise besser die Welt und ihre

Weisheit bekämpfen zu können, zu sollen. Sein Ehrgeiz war größer als

diese Welt. Doch tiefer. Während einer Krankheit stand ihm der innere

Beruf vor der Seele. Im stillen, durch sufische Übungen, sollte er

sich darauf vorbereiten, vielleicht einmal als religiös-politischer

Reformator auftreten. Zu derselben Zeit, als die Ritter vom Kreuze im

Abendlande sich gegen den Islam rüsteten, da bereitete sich Gazali

zum geistigen Vorkämpfer des muslimischen Glaubens. Nicht gewaltig

war seine Bekehrung, wie die des heiligen Augustin, sondern dem

Erlebnis zu vergleichen des heiligen Hieronymus, der im Traume von

seinen ciceronianischen Liebhabereien zum praktischen Christentum

berufen ward.

Zehn Jahre ist nun Gazali auf der Wanderschaft, seine Zeit in

fromme Übungen und litterarische Thätigkeit teilend. In der ersten

Zeit vermutlich hat er sein theologisch-ethisches Hauptwerk "Die

Belebung der Religionswissenschaften" geschrieben. Gegen Ende hat

er reformatorisch zu wirken versucht. Seine Reise führte ihn über

Damaskus und Jerusalem (noch vor der Einnahme durch die Kreuzfahrer),

Alexandria, Mekka und Medina nach Hause zurück.

Nach seiner Rückkehr hat Gazali noch auf kurze Zeit in Nischabur

als Lehrer gewirkt und ist in seiner Vaterstadt Tos am 19. Dez. des

Jahres 1111 gestorben. Die letzten Jahre gehören hauptsächlich frommer

Betrachtung und dem Studium der Traditionen, die einmal dem Jüngling

nicht ins Gedächtnis hinein wollten. Ein schön vollendetes Leben,

in dem das Ende zum Anfang zurückkehrt.

3. Gazali überschaut die geistigen Strömungen seiner Zeit. Da gibt es

nun die Dialektik der Theologen, eine sufische Mystik, pythagoreische

Popularphilosophie und neuplatonischen Aristotelismus. Was die

Dialektik ergründen will, ist auch Gegenstand seines Glaubens,

nur dünken ihm ihre Argumente etwas schwach und deshalb viele von

ihren Behauptungen bedenklich. Der sufischen Mystik fühlt er sich am

nächsten verwandt, ihr verdankt er das beste: die Begründung seines

Glaubens in der Persönlichkeit, sodass er als innere Erfahrung

postulieren kann, was die Dialektiker verstandesmäßig abzuleiten

versuchen. Auch der Popularphilosophie dankt er Belehrung, über

Mathematik nämlich, die er durchaus als Wissenschaft anerkennt,

und ihre astronomischen Folgerungen. Ihre Physik lässt er, wo sie

nicht gegen den Glauben verstößt, gelten. Aber der Aristotelismus,

wie er von Farabi und Ibn Sina, nicht weniger autoritätsgläubig als

die Theologen, gelehrt worden, erscheint ihm als der Feind des Islam,

den er im Namen sämtlicher muslimischen Schulen und Richtungen,

also von katholischem Standpunkte, bekämpfen soll. Und zwar mit des

Aristoteles eigenen Waffen, denen der Logik. Denn ebenso fest wie die

Sätze der Mathematik, stehen ihm die Grundsätze des Denkens, welche

die Logik lehrt. Vollbewusst geht er vom Satze des Widerspruchs aus,

dem sich Gott selbst, nach seiner Behauptung, unterwirft.

Von den physisch-metaphysischen Lehren der Philosophie greift er nun

hauptsächlich drei an: 1. dass die Welt ewig sei; 2. dass Gott nur

Allgemeines erkenne und es folglich keine besondere Vorsehung gebe;

3. dass nur die Seele unsterblich sei und also eine Auferstehung

des Fleisches nicht zu erwarten. Bei der Widerlegung dieser Lehren

ist Gazali vielfach abhängig von dem christlichen Kommentator des

Aristoteles, Johannes Philoponus, der auch gegen des Proklos Lehre

von der Ewigkeit der Welt geschrieben hat.

4. Die Welt ist nach den Philosophen eine Kugel von endlicher

Ausdehnung, aber unendlicher Dauer. Von Ewigkeit geht sie aus Gott

hervor, wie die Wirkung mit der Ursache zugleich ist. Dagegen meint

Gazali, dass man Raum und Zeit nicht in der Weise verschieden auffassen

dürfe, und dass die göttliche Ursächlichkeit als freischöpferische

Macht zu bestimmen sei.

Zunächst Raum und Zeit. Ebensowenig wie Anfang und Ende der Zeit

können wir uns eine äußerste Grenze des Raumes vorstellen. Wer an eine

endlose Zeit glaubt, muss, seiner Vorstellung folgend, also auch die

Existenz eines unendlichen Raumes annehmen. Dass der Raum dem äußeren,

die Zeit dagegen dem inneren Sinne entspreche, ändert daran nichts,

denn aus dem Sinnlichen kommen wir doch nicht heraus. Wie der Raum

zum Körper, so verhält sich die Zeit zur Bewegung des Körpers. Beide

sind nur Verhältnisse der Dinge, in und mit den Dingen der Welt

erschaffen, oder vielmehr nur Beziehungen unserer Vorstellungen,

die Gott in uns schafft.

Wichtiger noch ist es, was Gazali über die Ursächlichkeit

beibringt. Die Philosophen unterscheiden ein Wirken Gottes,

der wollenden Geistwesen, der Seele, der Natur, des Zufalles

oder dergleichen. Für Gazali aber gibt es, wie für den orthodoxen

Kalam, überhaupt nur eine Kausalität, die des wollenden Wesens. Die

Naturkausalität beseitigt er ganz, sie löst sich ohne Rest in ein

Zeitverhältnis auf. Auf eine bestimmte Erscheinung (Ursache) sehen wir

regelmäßig eine bestimmte andere (Wirkung) folgen; wie sie aber daraus

erfolgt, bleibt uns ein Rätsel. Von dem Wirken der Naturdinge wissen

wir nichts. Auch ist jede Veränderung an sich unbegreiflich. Wie etwas

ein anderes wird, ist dem Denken unfasslich, dieses kann ebensogut

nach Thatsachen wie nach Ursachen fragen. Etwas ist oder ist nicht,

aber ein Seiendes in ein Anderes zu verwandeln, dazu ist nicht einmal

die göttliche Allmacht im Stande. Sie schafft oder vernichtet.

Dennoch ist es eine Thatsache unseres Bewusstseins, dass wir etwas

wirken. Wenn wir etwas wollen und die Kraft zur Ausführung besitzen,

nehmen wir den Erfolg als unsere That in Anspruch. Aus freiem Willen,

mit bewusster Kraft handeln, das ist die einzige Kausalität, davon

wir wissen, und hieraus schließen wir auf das göttliche Wesen. Mit

welchem Rechte? In seiner persönlichen Erfahrung des Gottesbildes in

seiner Seele glaubt Gazali die Berechtigung zu solchem Schlusse zu

finden. Aber die Gottähnlichkeit seiner Seele will er nicht auf die

Natur übertragen.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 10 / 14 段