Im allgemeinen ist der Mensch gut und glücklich, wenn er menschlich

handelt. Tugend ist menschliche Tüchtigkeit. Da nun aber die Menschheit

in den verschiedenen Individuen verschieden abgestuft sich darstellt,

so ist das Glück oder das Gut nicht für alle dasselbe. Und weil das

auf sich selbst gestellte Individuum nicht alle möglichen Güter

verwirklichen kann, so müssen viele zusammenleben. Daraus ergibt

sich schon als eine erste Pflicht oder die Grundlage aller Tugenden

die allgemeine Menschenliebe, ohne die keine Gesellschaft möglich

ist. Nur mit und in anderen ist der einzelne Mensch vollkommen,

die Ethik soll Sozialethik sein. Die Freundschaft ist darum nicht,

wie bei Aristoteles, eine Erweiterung der Selbstliebe, sondern eine

Einschränkung oder eine Art der Nächstenliebe. Und diese, wie die

Tugend überhaupt, kann sich nur bethätigen in der Gesellschaft oder

der Staatsgemeinschaft, nicht aber in der Weltflucht des frommen

Mönches. Der Einsiedler, der glaubt, mäßig und gerecht zu leben,

irrt sich in Bezug auf den Charakter seiner Handlungen. Diese mögen

religiös sein, moralisch sind sie nicht. Ihre Betrachtung fällt also

nicht der Ethik zu.

Übrigens stimmt, nach Ibn Maskawaih, das richtig aufgefasste

Religionsgesetz vorzüglich mit einer humanen Ethik überein. Die

Religion ist eine sittliche Schulung für das Volk. Ihre Vorschriften

über den gemeinschaftlichen Gottesdienst und die Wallfahrt nach

Mekka sollen z. B. die Pflege der Nächstenliebe in den weitesten

Kreisen bezwecken.

Im einzelnen ist es Ibn Maskawaih nicht gelungen, die ethischen

Lehren der Griechen, die er in seine Darstellung aufnimmt, unter

einander und mit dem Gesetz des Islam zu verschmelzen. Wir übergehen

das. Doch ist nicht nur im allgemeinen sein Versuch zu loben, eine von

der Kasuistik der Pflichtenlehrer und von der Askese der Sufi's freie

Ethik zu geben, sondern auch in der Ausführung ist die Besonnenheit

eines reichgebildeten Mannes anzuerkennen.

4. Ibn Sina.

1. Zu Efschene, in der Nähe Bocharas, wurde im Jahre 980 aus einer

Beamtenfamilie geboren Abu Ali al-Hosain ibn Abdallah ibn Sina

(Avicenna). Im elterlichen Hause, wo persische und anti-muslimische

Traditionen lebendig waren, erhielt er seine weltliche und religiöse

Erziehung. Dann studierte der körperlich und geistig frühreife

Jüngling Philosophie und Medizin in Bochara. Siebzehn Jahre war er

alt, als er den Fürsten Nuch ibn Mansur glücklich kurierte, und der

Zutritt zu dessen Bibliothek ihm gestattet ward. Von jetzt ab war er,

in Studium und Praxis, sein eigener Lehrer. Er verstand es, das Leben

und die Bildung seiner Zeit sich zu Nutzen zu machen. Im Getriebe

der Kleinstaaterei versuchte er unablässig sein Glück. Einem großen

Fürsten hätte er sich wohl ebensowenig unterordnen können wie in der

Wissenschaft einem Lehrer. Von Hof zu Hof wanderte er fort, bald in

der Staatsverwaltung, bald als Lehrer und Schriftsteller thätig, bis

er Wezir des Schems addaula in Hamadan wurde. Nach dem Tode dieses

Fürsten ward er von dessen Sohne ein paar Monate auf die Festung

geschickt. Darauf ging er weiter nach Ispahan zu Ala addaula. Endlich

starb er noch in Hamadan, das Ala addaula erobert hatte, im Alter

von 57 Jahren (1037). Sein Grab wird noch heute dort gezeigt.

2. Es ist wohl der größte Irrtum, der sich in der Geschichte der

muslimischen Philosophie festgesetzt hat, Ibn Sina sei über Farabi

hinaus zu einem reineren Aristotelismus vorgedrungen. Was kümmerte

unser Weltmann sich im Grunde um Aristoteles. Sich in den Geist

irgend eines Systems zu versenken, war nicht seine Sache. Er nahm

das ihm Zusagende, wo er es fand, bevorzugte aber dabei die seichten

Paraphrasen des Themistius. So ward er der große Vermittlungsphilosoph

des Orients, der richtige Vorläufer der Kompendienschreiber für

alle Welt. Er wusste seinen von überall her zusammengeholten Stoff

geschickt zu gruppieren und, wenn auch nicht ohne Spitzfindigkeit,

fasslich darzustellen. Jeden Augenblick seines Lebens nutzte er

aus. Am Tage besorgte er die Staatsgeschäfte oder übte seine

Lehrthätigkeit aus, der Abend war den geselligen Genüssen der

Freundschaft und der Liebe gewidmet, und manche Nacht fand ihn

schriftstellerisch thätig, das Schreibrohr in der Hand, den Becher

zur Seite, damit er nicht einschlafe. Zeit und Umstände bestimmten

diese Wirksamkeit. Wenn er am fürstlichen Hofe die nötige Muße und

eine Bibliothek zur Hand hatte, schrieb er seinen Kanon der Medizin

oder die große philosophische Encyklopädie. Auf Reisen verfasste er

Auszüge und kleinere Werke. Auf der Festung schrieb er Gedichte und

fromme Betrachtungen, aber immer in gefälliger Form. Seine kleineren

mystischen Schriften haben sogar einen poetischen Reiz. Auf Bestellung

ward von ihm auch die Wissenschaft, Logik und Medizin versifiziert,

wie das seit dem zehnten Jahrhundert immer mehr Sitte wurde. Nimmt

man hinzu, dass er nach Belieben persisch oder arabisch schrieb, so

bekommt man das Bild eines vielgewandten Mannes. Sein Leben war reich

an Arbeit und Genuss bis zur Übersättigung. An Genialität freilich

stand er seinem älteren Landsmann, dem Dichter Firdausi (940-1020),

an wissenschaftlichem Talente seinem Zeitgenossen Beruni (s. unten

§ 9) nach. Firdausi und Beruni haben für uns noch Bedeutung. Ibn

Sina aber war der Ausdruck seiner Zeit und darauf beruht seine große

Wirkung, seine geschichtliche Stellung. Nicht wie Farabi zog er sich

aus dem Leben zurück, sich in die Kommentatoren des Aristoteles zu

versenken, sondern in ihm verschmolzen sich griechische Wissenschaft

und orientalische Weisheit. Kommentare zu den Alten, meinte er, waren

genug geschrieben. Es war jetzt an der Zeit, eine eigene Philosophie

auszubilden, d. h. alten Lehren eine moderne Form zu geben.

3. In der Medizin befleißigt Ibn Sina sich einer systematischen

Darstellung, doch ist er hier kein strenger Logiker. Der

Erfahrung räumt er, wenigstens theoretisch, einen großen Platz

ein und ausführlich bespricht er die Bedingungen, unter denen nur

z. B. die Wirksamkeit der Heilmittel erkannt werden könne. Was aber

an philosophischen Prinzipien die Medizin enthält, soll diese als

Lehnsätze aus der Philosophie herübernehmen.

Die eigentliche Philosophie zerfällt in Logik, Physik und

Metaphysik. Als Ganzes umfasst sie die Wissenschaft alles Seienden

als solchen und der Prinzipien aller Einzelwissenschaften, wodurch,

soweit es menschenmöglich ist, die philosophierende Seele die

höchste Vollkommenheit erreicht. Das Seiende ist nun entweder

geistig, Gegenstand der Metaphysik, oder körperlich, Gegenstand der

Physik, oder intellektuell, Gegenstand der Logik. Die Gegenstände

der Physik können weder sein noch gedacht werden ohne Materie. Das

Metaphysische aber ist ganz ohne Materie und das Logische ist von

der Materie abstrahiert. Einige Ähnlichkeit hat das Logische mit dem

Mathematischen, insofern nämlich die Gegenstände der Mathematik sich

von der Materie abstrahieren lassen. Doch bleibt das Mathematische

immer darstellbar, konstruierbar, hingegen hat das Logische als

solches sein Dasein nur im Intellekte, wie z. B. Identität, Einheit

und Vielheit, Allgemeinheit und Partikularität, Wesentlichkeit und

Zufälligkeit u. s. w. Die Logik ist demnach die Wissenschaft der

Denkbestimmungen.

In der näheren Ausführung schließt Ibn Sina sich ganz der Logik

Farabis an. Wohl besser noch würde sich die Übereinstimmung uns

zeigen, wenn die logischen Schriften seines Vorgängers vollständiger

erhalten wären. Öfter betont er die Mangelhaftigkeit der menschlichen

Denknatur, die einer logischen Regel dringend bedürftig sei. Wie

der Physiognomiker aus äußeren Zügen auf den Charakter des Inneren

schließt, so soll der Logiker aus bekannten Vordersätzen Unbekanntes

ableiten. Wie leicht schleichen sich dabei die Irrtümer der Phantasie

und der Begierde ein! Eines Kampfes mit der Sinnlichkeit bedarf es,

damit das Vorstellungsleben sich erhebe zu der reinen Wahrheit der

Vernunft, durch die etwas als notwendig erkannt wird. Nur der göttlich

inspirierte Mensch kann der Logik entbehren, ebenso wie der Beduine

eine arabische Grammatik nicht braucht.

Auch die Universalienfrage wird ähnlich wie bei Farabi behandelt. Vor

aller Vielheit hat jedes Ding ein Sein im Geiste Gottes und der Engel

(Sphärengeister), dann geht es als materielle Form in die Vielheit ein,

um endlich im menschlichen Intellekte zur Allgemeinheit des Begriffes

sich zu erheben. Wie nun Aristoteles zwischen erster (individueller)

und zweiter (allgemeinbegrifflicher) Substanz unterschieden hat, so

macht Ibn Sina ähnlich einen Unterschied zwischen erstem und zweitem

Begriff (ma'nâ, intentio). Der erste bezieht sich auf die Dinge,

der zweite auf die Disposition unseres Denkens.

4. In der Metaphysik und der Physik unterscheidet Ibn Sina sich von

Farabi hauptsächlich dadurch, dass er, indem er die Materie nicht aus

Gott ableitet, das Geistige höher über alles Materielle hinausrückt,

und, im Zusammenhang damit, die Bedeutung der Seele als einer

Vermittlerin zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen steigert.

Aus dem Begriffe des Möglichen und Notwendigen ergibt sich die Existenz

eines notwendigen Wesens schlechthin. Nicht aus seinen Werken soll

man, nach Ibn Sina, das Dasein eines Schöpfers zu erweisen suchen,

sondern aus dem möglichen Charakter alles Seienden und Denklichen

in der Welt die Existenz eines ersten notwendig Seienden, in welchem

Wesen und Dasein Eins sind, folgern.

Nicht nur alles, was unter dem Monde ist, ist möglicher Natur, sondern

auch die Himmel sind an sich nur möglich. Notwendig wird ihre Existenz

durch ein anderes, das über alle Möglichkeit hinaus ist, also auch über

alle Vielheit und Veränderlichkeit. Das absolut Notwendige ist eine

starre Einheit, aus der nichts Vielfaches hervorgehen kann. Dieses

erste Eine ist Ibn Sinas Gott, dem zwar viele Prädikate, des Denkens

u. s. w., beigelegt werden, aber nur im Sinne der Negation oder der

Beziehung, sodass sie die Einheit des Wesens nicht berühren.

Aus dem ersten Einen kann also nur Eines hervorgehen, der erste

Weltgeist. In diesem entsteht die Vielheit. Indem er nämlich seine

Ursache denkt, erzeugt er einen dritten Geist, den Lenker der

äußersten Sphäre; indem er sich selbst denkt, entsteht eine Seele,

mittelst der der Sphärengeist seine Wirkung ausübt; und sofern er

drittens ein an sich Mögliches ist, geht aus ihm ein Körper hervor,

die äußerste Sphäre. Und so geht es weiter. Jeder Geist entlässt

aus sich eine Dreiheit: Geist, Seele und Körper. Denn, da der Geist

nicht unmittelbar den Körper bewegen kann, so bedarf er zur Ausübung

seiner Wirksamkeit der Seele. Zuletzt kommt der thätige Geist (`aql

fu-``âl) der die Materie des Irdischen, die körperlichen Formen und

die menschlichen Seelen hervorbringt und lenkt.

Dieser ganze Prozess, der nicht zeitlich vorgestellt werden darf,

findet statt in einem Substrate, der Materie. Die Materie ist die

ewige, reine Möglichkeit alles Seienden, zugleich die Schranke für

die Wirkung des Geistes. Sie ist das Prinzip aller Individualität.

Das musste nun allerdings gläubigen Muslimen als etwas Furchtbares

erscheinen. Wohl hatten mutazilitische Dialektiker behauptet,

Gott könne kein Böses oder nichts Vernunftwidriges thun. Jetzt aber

behauptete die Philosophie, dass Gott statt alles Mögliche zu können,

nur das an sich Mögliche zu bewirken im Stande sei, und dass direkt

von ihm nur der erste Weltgeist ausgehe.

Übrigens macht Ibn Sina alle Anstrengung, sich dem Volksglauben

anzubequemen. Alles ist durch Gottes Bestimmung, sagt er, Gutes

und Böses, aber nur ersteres mit freudiger Billigung. Das Böse

ist entweder ein Nichtseiendes oder, sofern es von Gott herrührt,

ein Accidentelles. Hätte Er, der notwendigen Übel wegen, diese Welt

nicht hervorgehen lassen, so wäre das der Übel größtes gewesen. Die

Welt könnte nicht besser und schöner sein als sie eben ist. In ihrer

schönen Ordnung besteht die göttliche Vorsehung, die von den Seelen

der Himmel vermittelt wird. Gott und die reinen Geister kennen nur

das Allgemeine, können also nicht für Besonderes sorgen. Aber die

Seelen der Himmelsphären, denen Vorstellung des Einzelnen zukommt

und durch die der Geist auf den Körper wirkt, bieten die Möglichkeit,

eine Fürsorge auch für das Einzelne und den Einzelnen anzunehmen, die

Offenbarung zu erklären u. s. w. Auch das plötzliche Entstehen und

Vergehen von Substanzen (Schöpfung und Vernichtung) im Gegensatze

zu der stetigen Bewegung, d. h. dem allmählichen Übergange des

Möglichen zum Wirklichen, scheint dem Ibn Sina nichts Unmögliches zu

bedeuten. Überhaupt herrscht bei ihm keine Klarheit über das Verhältnis

der Seinsformen, über Geist und Körper, Form und Materie, Substanz und

Accidens. Dem Wunder bleibt jedenfalls ein Platz übrig. In heftigen,

seelischen Erregungen, die oft plötzlich eine große Hitze oder Kälte

bei uns hervorrufen, haben wir, nach Ibn Sina, Analoga zu wunderbaren

Wirkungen der Weltseele, wenn diese auch gewöhnlich dem Naturlaufe

folgt. Von allen diesen Möglichkeiten macht unser Philosoph selbst

sehr mäßigen Gebrauch. Astrologie und Alchemie hat er aus ganz

vernünftigen Gründen bekämpft. Trotzdem hat man ihm bald nach seinem

Tode schon astrologische Gedichte aufgebürdet und erscheint er in

der türkischen Romanlitteratur, freilich an der Stelle eines alten

Mystikers, als Zauberer.

Ibn Sinas Physik beruht ganz auf der Annahme, ein Körper könne nichts

bewirken. Was wirkt, ist überall eine Kraft, eine Form, eine Seele und

durch sie der Geist. Im Gebiete des Physischen gibt es also unzählige

Kräfte, deren Hauptstufen von unten nach oben die Naturkräfte,

die Vermögen der Pflanzen und der Tiere, die Menschenseelen und die

Weltseelen sind.

5. Farabi war es vor allem um die reine Vernunft zu thun: er hat das

Denken um seiner selbst willen geliebt. Ibn Sina aber ist überall

um die Seele bemüht. Wie er in seiner Medizin den menschlichen

Körper ins Auge fasst, so in seiner Philosophie die menschliche

Seele. Seine große philosophische Encyklopädie heißt ja die Heilung

(sc. der Seele). Die Psychologie ist der Mittelpunkt seines Systems.

Seine Anthropologie ist dualistisch. Körper und Seele gehören

nicht wesentlich zusammen. Wie alle Körper unter der Einwirkung der

Gestirne aus der Mischung der Elemente hervorgehen, so der menschliche

Körper aus dem schönsten Gleichmaße dieser Mischung. Eine spontane

Generation des Körpers, wie überhaupt ein Aussterben und Neuerstehen

des Menschengeschlechtes ist deshalb möglich. Aber aus der Mischung

der Elemente lässt sich die Seele nicht erklären. Sie ist nicht

die untrennbare Form des Körpers, sondern diesem accidentell. Von

dem Geber der Formen, d. h. dem thätigen Geiste über uns, erhält

jeder Körper seine ihm und nur ihm eignende Seele. Von Anfang an

ist jede Seele Individualsubstanz und sie bildet sich zeitlebens

in ihrem Körper immer individueller aus. Zu der Behauptung, die

Materie sei das Prinzip der Individualität, stimmt dies allerdings

nicht. Aber die Seele ist das Wunderkind unseres Philosophen. Er ist

nicht leichtgläubig, warnt öfter vor einem allzuleichten Hinnehmen

der Geheimnisse des Seelenlebens, weiß aber doch selber manches zu

berichten über die vielen wunderbaren Kräfte und möglichen Wirkungen

der Seele, die die vielverschlungenen Pfade des Lebens wandert und

die Abgründe des Seins und Nichtseins übersteigt.

Von allen Seelenkräften sind die theoretischen Vermögen die

vorzüglichsten. Äußere und innere Sinne führen der vernünftigen Seele

die Kenntnis der Welt zu. Besonders die Lehre von den inneren Sinnen,

den sinnlich-geistigen Vorstellungsvermögen, deren Sitz das Gehirn,

wird von Ibn Sina eingehend dargestellt.

Gewöhnlich nahmen die Mediziner-Philosophen drei innere Sinne oder

Stadien des Vorstellungsprozesses an: 1. die Zusammenfassung der

einzelnen Sinneswahrnehmungen zu einem Gesamtbilde im Vorderhirn;

2. die Umbildung oder Bearbeitung dieser Vorstellung des Gemeinsinnes

mit Hilfe schon vorhandener Vorstellungen, also die eigentliche

Apperzeption, in der Mitte des Gehirns; 3. die Aufbewahrung

der apperzipierten Vorstellung im Gedächtnis, das seinen Sitz im

hintern Teile des Gehirns haben soll. Ibn Sina geht etwas weiter in

der Analyse. Er unterscheidet im Vorderhirne vom Gemeinsinne das

sinnliche Gedächtnis, die Schatzkammer der Gesamtbilder. Ferner

lässt er die Apperzeption teils unbewusst, unter dem Einfluss

des sinnlich-begehrenden Lebens, wie es sich auch bei den Tieren

findet, von statten gehen, teils aber bewusst, unter der Mitwirkung

der Vernunft, zu Stande kommen. In dem ersteren Falle behält die

Vorstellung ihre Beziehung zu dem Einzelding -- so kennt das Schaf die

Feindschaft des Wolfes --, in dem zweiten Falle aber erweitert sie sich

zum allgemeinen. Dazu kommt dann als fünftes hinzu das vorstellende

Gedächtnis oder das Zeughaus der von der sinnlichen Phantasie und dem

vernünftigen Nachdenken gebildeten Vorstellungen. Es entsprechen also,

aber ganz anders als bei den treuen Brüdern (s. III, 2 § 8), den fünf

äußeren Sinnen fünf innere. Unbeantwortet bleibt die aufgeworfene

Frage, ob man nicht von dem Gedächtnis noch die Erinnerung als ein

besonderes Vermögen zu scheiden habe.

6. Auf dem Gipfel der theoretischen Seelenkräfte steht die Vernunft. Es

gibt zwar auch eine praktische Vernunft, aber in ihrem Thun haben

wir uns selbst nur mittelbar, vervielfältigt; unmittelbar dagegen

in dem Selbstbewusstsein, dem reinen Erkennen unseres Wesens, darin

die Einheit unserer Vernunft sich darstellt. Statt aber die niederen

Kräfte der Seele herabzudrücken, zieht die Vernunft dieselben hinauf,

die Sinneswahrnehmung verfeinernd, die Vorstellung verallgemeinernd. An

dem ihr von den äußeren und inneren Sinnen zugeführten Materiale

arbeitet sich die Vernunft, die anfangs bloße Denkfähigkeit ist,

nach und nach zur vollkommenen Denkfertigkeit aus. Durch Übung wird

die Anlage Wirklichkeit. Es geschieht das an der Hand der Erfahrung,

aber unter der Führung und der Erleuchtung von oben, von dem Geber der

Formen, der als thätiger Geist der Vernunft die Ideen mitteilt. Ein

Gedächtnis aber für die reinen Vernunftideen hat die menschliche

Seele nicht, denn Gedächtnis setzt immer ein körperliches Substrat

voraus. So oft also die vernünftige Seele etwas erkennt, fließt ihr

jedesmal von oben die Erkenntnis zu, und nicht durch Umfang und Inhalt

des Erkennens unterscheiden sich die denkenden Seelen, sondern durch

die Fertigkeit, sich zur Aufnahme der Erkenntnis mit dem Geiste über

uns in Verbindung zu setzen.

Die vernünftige Seele, die dasjenige, was unter ihr ist, beherrscht,

und das Höhere durch die Erleuchtung des Weltgeistes erkennt, ist

nun der eigentliche Mensch, entstanden zwar, aber als einfaches

Wesen, als Individualsubstanz, unzerstörbar, unsterblich. Hier

unterscheidet durch ihre Klarheit Ibn Sinas Lehre sich von derjenigen

des Farabi. Seit Ibn Sina gilt im Orient die Annahme der individuellen

Unsterblichkeit entstandener Menschenseelen als aristotelisch, das

Gegenteil als platonisch. So versteht sich seine Philosophie besser

mit der Religion. Im menschlichen Körper und in der ganzen Sinnenwelt

hat die Seele eine Schule, sich auszubilden. Nach dem leiblichen

Tode aber, der diesem Körper für immer ein Ende macht, besteht die

Seele in enger oder entfernter Verbindung mit dem Weltgeiste fort. In

dieser Vereinigung (die nicht als völlige Einswerdung aufzufassen ist)

mit dem Geiste über uns besteht die Seligkeit der guten, wissenden

Seelen. Den anderen wird ewiges Unglück zu teil. Wie körperliche Mängel

zu Krankheiten führen, so folgt notwendig aus schlechtem Seelenzustande

die Strafe. In derselben Weise bemisst sich aber auch die himmlische

Belohnung nach der Stufe seelischer Gesundheit oder Vernünftigkeit,

die im Erdenleben erreicht wurde. Der reinen Seele bleibt in den

Leiden der Zeit der Trost des Ewigen.

Freilich wird das Höchste nur von wenigen erreicht. Auf dem Gipfel

der Wahrheit ist für die Masse kein Platz; nur einer nach dem

andern dringt zu der auf einsamer Höhe entspringenden Quelle der

Gotteserkenntnis vor.

7. Seine Ansicht von der menschlichen Vernunft auszudrücken, benutzt

und deutet Ibn Sina dichterische Überlieferungen, wie das auch in

der späteren persischen Litteratur sehr beliebt war. An erster Stelle

interessiert uns die allegorisierte Gestalt des Hai ibn Jaqzan. Sie

stellt den Aufstieg des Geistes aus den Elementen durch die Reiche

der Natur, der Seele und der Geister bis zum Throne des Ewigen,

Einen dar. Als ein jugendlicher Greis, seine Führerschaft anbietend,

begegnet sie dem Philosophen. Dieser hat sich bemüht, mit seinen

äußeren und inneren Sinnen, Erde und Himmel zu erkennen. Zwei Wege

öffnen sich ihm: nach Westen der Weg der Materie und des Bösen, nach

Sonnenaufgang aber der Weg der geistigen, ewigreinen Formen, auf den

Hai den Wanderer führt. Zusammen gelangen sie zu der Quelle göttlicher

Weisheit, dem Born ewiger Jugend, wo Schönheit der Schönheit Vorhang,

Licht des Lichtes Schleier ist: das ewige Geheimnis.

Hai ibn Jaqzan ist demnach der Führer der einzelnen denkenden Seelen,

er ist der ewige Geist, der über der Menschheit steht und sich in

ihr bethätigt.

Einen ähnlichen Sinn findet unser Philosoph in der vielfach

umgebildeten spätgriechischen Legende von den Brüdern Salaman und

Absal. Salaman ist ihm der Weltmensch, dessen Weib (= die sinnliche

Welt) sich in Absal verliebt und diesen durch eine List in ihre Arme zu

führen weiß. Vor dem entscheidenden Augenblicke fährt aber ein Blitz

vom Himmel herab, entdeckt Absal den beinahe begangenen Frevel und

erhebt ihn von der sinnlichen Genusswelt zu der Welt reingeistiger

Betrachtung.

Wie ein Vogel, heißt es an anderer Stelle, ist die Seele des

Philosophen. Mit großer Mühe entkommt sie irdischen Stricken und

durchfliegt die Weltenräume, bis der Engel des Todes ihr die letzten

Fesseln löst.

Das ist Ibn Sinas Mystik. Seine Seele hat Bedürfnisse, für die seine

Apotheke keine Mittel, das höfische Leben keine Befriedigung darbietet.

8. Ethik und Politik theoretisch auszubilden bleibe den Lehrern

des Fiqh überlassen. Unser Philosoph fühlt sich auf der Stufe

eines Erleuchteten wie ein Gott über alle menschlichen Gesetze

hinausgehoben. Nur für die Menge ist das Gesetz der Religion und

des Staates verpflichtend. Mohammeds Zweck war, die Beduinen zu

zivilisieren; zu dem Zwecke predigte er u. a. eine Auferstehung

des Fleisches. Was reingeistige Seligkeit bedeutet, hätten sie nicht

verstanden, er musste sie also mit der Aussicht auf körperliche Leiden

oder Freuden erziehen. Mit dieser sinnlichen Menge, deren Gottesdienst

in der Beobachtung äußerer Formen besteht, stimmen insofern die

Asketen, obgleich sie ganz der Welt und der Sinne entsagen wollen,

überein, dass auch sie mit Rücksicht auf eine himmlische Belohnung ihre

frommen Werke ausüben. Höher als die Menge und die Frommen stehen die

wahren Gottesverehrer in geistiger Liebe, die nichts wollen als Gott

selbst, ohne Hoffnung, ohne Furcht. Ihr Eigentum ist die Freiheit

des Geistes.

Dieses Geheimnis aber soll man der Menge nicht offenbaren. Nur seinen

liebsten Schülern vertraut es der Philosoph.

9. Ibn Sina kam auf seinen Reisen mit vielen gelehrten Zeitgenossen

zusammen. Dauernde Verbindungen waren, wie es scheint, nicht davon die

Folge. Wie er sich von seinen Vorgängern allein dem Farabi verpflichtet

fühlt, so dankt er der Mitwelt nur in seinen fürstlichen Gönnern. Den

Ibn Maskawaih (s. IV 3), mit dem er noch öfter zusammenkam, hat er

ungünstig beurteilt. Mit dem ihm als Forscher überlegenen Beruni

führte er eine Korrespondenz, die aber bald abgebrochen wurde.

Beruni (973-1048), wenn er auch Kindi und Masudi eher als Farabi

und den jüngeren Ibn Sina seine Meister nennen darf, verdient

hier zur Charakteristik der Zeit einer kurzen Erwähnung. Vorzüglich

beschäftigten ihn Mathematik, Astronomie, Länder- und Völkerkunde. Er

war ein scharfer Beobachter und guter Kritiker. Aber er verdankte der

Philosophie manche Aufklärung und widmete ihr als Kulturerscheinung

fortwährend seine Aufmerksamkeit.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 9 / 14 段