7. Besser als an sich vermögen wir Gott zu sehen in der Stufenordnung

der aus ihm hervorgehenden Wesen. Von Ihm, dem Einzigen, ist das All,

denn sein Wissen ist die höchste Macht. Indem er sich selbst erkennt,

wird die Welt. Nicht ein allmächtiger Schöpferwille, sondern die

Erkenntnis des Notwendigen ist die Ursache aller Dinge. Von Ewigkeit

her sind in Gott die Formen oder Vorbilder der Dinge und ewig geht auch

aus ihm sein Ebenbild hervor, das zweite All genannt oder der erste

geschaffene Geist, der die äußerste Himmelsphäre bewegt. Diesem Geiste

folgen, einer aus dem anderen, die acht Sphärengeister, die alle einzig

in ihrer Art, vollkommen und Schöpfer der Himmelskörper sind. Diese

neun Geister, himmlische Engel genannt, bilden zusammen die zweite

Stufe des Seins. Auf der dritten Stufe steht die in der Menschheit

thätige Vernunft, heißt auch der heilige Geist, der Himmel und Erde

verbindet; auf der vierten Stufe befindet sich die Seele. Beide,

Vernunft und Seele, bleiben nicht rein für sich in ihrer Einheit,

sondern vervielfältigen sich nach der Vielheit menschlicher Wesen. Als

Wesen fünfter und sechster Ordnung erscheinen zuletzt Form und Materie,

mit denen die Reihe geistigen Seins abgeschlossen ist. Die drei

ersten Stufen, Gott, Sphärengeister und thätige Vernunft, bleiben

Geist an sich, die drei folgenden aber, Seele, Form und Materie,

obgleich unkörperlich, gehen doch ein Verhältnis zum Körper ein.

Entsprechend denen des Geistigen hat auch das Körperliche, das der

Imagination des Geistes entspringen soll, sechs Stufen: Himmelskörper,

Menschenkörper, Tierkörper, Pflanzenkörper, Mineral und Element.

Wahrscheinlich zeigen sich in diesen Spekulationen nach der Dreizahl

noch die Einflüsse der christlichen Lehrer Farabis. Für sie bedeutete

nämlich die Dreizahl, was den Naturphilosophen die Vierzahl war. Auch

die Terminologie stimmt dazu.

Das ist aber nur äußerlich; der Inhalt ist Neuplatonismus. Als

ein ewiger, intellektueller Prozess erscheint hier die Schöpfung

oder Emanation der Welt. Indem der erste geschaffene Geist seinen

Urheber denkt, entsteht der zweite Sphärengeist; indem er, sich

selbst denkend, sich substanziert, geht aus ihm der erste Körper,

die oberste Himmelsphäre, hervor. Und so geht es weiter bis zu der

niedersten Sphäre, der des Mondes, in notwendiger Folge. Ganz nach

dem ptolemäischen Sphärensystem, wie es jeder Gebildete, wenigstens

aus Dantes Komödie, kennt, in neuplatonischer Ableitung. Es bilden

die Sphären zusammen eine ununterbrochene Ordnung, denn alles

Seiende ist eine Einheit. Schöpfung und Erhaltung der Welt ist ein

und dasselbe. Und nicht nur die Einheit des göttlichen Wesens bildet

sich in der Welt ab, sondern in ihrer schönen Ordnung drückt sich

auch die göttliche Gerechtigkeit aus. Die logische Weltordnung ist

zugleich eine sittliche.

8. Die irdische Welt unter dem Monde ist natürlich ganz von der

Welt der Himmelsphären abhängig. Doch trifft die Einwirkung von

oben erstens, wie wir a priori erkennen, die notwendige Ordnung des

Ganzen, zweitens zwar auch das Einzelne, aber nur insofern dies in

natürlicher Wechselwirkung begründet ist, also nach Regeln, welche

die Erfahrung uns lehrt, stattfindet. Die Astrologie, die alles

Zufällige, Außerordentliche, den Gestirnen und ihren Konjunktionen

zuschreibt, wird von Farabi bekämpft. Vom Zufälligen gibt es kein

sicheres Wissen, und viel des irdischen Geschehens trägt, wie ja auch

Aristoteles gelehrt, in hohem Grade den Charakter des Zufälligen oder

des Möglichen an sich. Dagegen hat die himmlische Welt eine andere,

vollkommenere Natur, die nach notwendigen Gesetzen wirkt. Sie kann

dieser irdischen Welt nur Gutes spenden, warum es ganz verfehlt ist, zu

behaupten, von einigen Gestirnen käme Glück, von anderen jedoch Unglück

her. Die Natur der Himmel ist Eine und gleichmäßig gut. Der Schluss,

zu dem nach diesen Erwägungen Farabi gelangt, ist denn auch dieser:

demonstrative, ganz sichere Erkenntnis gibt nur die mathematische

Astronomie, ein wahrscheinliches Wissen gewährt die physikalische

Himmelskunde, einen ganz unsicheren Glauben aber verdienen die Sätze

und Weissagungen der Astrologie.

Gegenüber der Einfachheit der Himmelswelt haben wir unter dem Monde das

Reich der vier Naturen, also der Gegensätze und der Veränderung. Von

den Elementen bis zum Menschen gibt es auch hier in der Vielheit die

Einheit der aufsteigenden Reihe. Wenig Eigentümliches weiß Farabi

darüber vorzubringen. Seinem logischen Standpunkte treu kümmert er

sich weniger um die Naturwissenschaften, zu denen er wohl unbedenklich,

auf die ursprüngliche Einheit der Materie sich stützend, die Alchemie

wird gezählt haben. Wir wenden uns gleich seiner Lehre vom Menschen

oder von der menschlichen Seele zu, die einiges Interesse darbietet.

9. Die Kräfte oder Teile der menschlichen Seele sind nach Farabi

nicht koordiniert, sondern bilden eine aufsteigende Reihe. Das

niedere Vermögen ist Materie für das höhere und dieses die Form

für jenes; das höchste aber, das Denken, ist immateriell, Form für

alle vorhergehenden Formen. Aus dem Sinnlichen erhebt das Leben

der Seele sich durch die Vorstellung zum Denken. In allen Vermögen

aber ist ein Streben oder Wollen enthalten. Jede Theorie hat die

praktische Kehrseite. Von den Wahrnehmungen der Sinne sind Neigung

und Abneigung unzertrennlich. Zu ihren Vorstellungen verhält sich die

Seele zustimmend oder ablehnend, indem sie bejaht und verneint. Das

Denken endlich richtet über Gutes und Böses, gibt dem Willen seine

Motive und bildet Kunst und Wissenschaft aus. Alles Wahrnehmen,

Vorstellen und Denken hat irgend ein Streben zur notwendigen Folge,

wie die Wärme aus der Substanz des Feuers hervorgeht.

Die Seele ist die Vollkommenheit (Entelechie) des Körpers, aber die

Vollkommenheit der Seele ist der Geist (`aql). Nur der Geist ist der

wahre Mensch.

10. Vom Geiste ist demnach zumeist die Rede. Im menschlichen Geiste

erhebt sich alles Irdische zu einer höheren Existenzweise, die den

Kategorien des Körperlichen enthoben ist. Als Anlage oder Potenz ist

nun der Geist in der Seele des Kindes vorhanden. Indem er dann die

Körperformen mittelst der Sinne und der Vorstellung in der Erfahrung

erfasst, wird er auch wirklich zum Geiste. Diese Überführung von

der Möglichkeit zur Wirklichkeit, das Zustandekommen der Erfahrung

also, ist aber nicht des Menschen eigene That, sondern wird von dem

übermenschlichen Geiste, der aus dem letzten Sphärengeist, dem des

Mondes, hervorgegangen ist, bewirkt. Als Spende von oben, nicht als

eine in geistigem Ringen erarbeitete Erkenntnis stellt sich so das

menschliche Wissen dar. Im Lichte des über uns stehenden Geistes

erblickt unser Verstand die Formen des Körperlichen. Dabei erweitert

sich aber die Erfahrung zur Vernunfterkenntnis. Die Erfahrung nämlich

umfasst nur die von der Stoffwelt abstrahierten Formen. Es gibt ja aber

auch Formen oder allgemeine Wesenheiten vor und über den stofflichen

Dingen, in den reinen Geistern der Sphären. Von diesen "getrennten

Formen" erhält der Mensch jetzt Kunde; nur durch ihre Einwirkung

wird ihm seine wirkliche Erfahrung erklärlich. Die höhere Form wirkt

immer nur auf die zunächst ihr folgende, von Gott bis zum Geiste der

Menschheit. Nach oben hin verhält sich jede Zwischenform empfangend,

nach unten aber gebend thätig. Im Verhältnis zum menschlichen

Geiste, der von oben beeinflusst wird (`aql mustafad), ist also der

übermenschliche, aus dem letzten Sphärengeist hervorgegangene Geist

thätig oder schaffend zu nennen (`aql fu ``âl.). Doch ist er nicht

immer thätig, weil er an der Materie eine Schranke seiner Wirksamkeit

hat. Gott aber ist der vollwirkliche, ewigthätige Geist.

Im Menschen ist der Geist dreifach: als möglich, als wirklich, als

von oben bewirkt. Das heißt aber im Sinne Farabis dies: des Menschen

geistige Anlage (1) wird durch Erfahrungswissen (2) hindurch geführt

zur Erkenntnis des Übersinnlichen (3), das aller Erfahrung vorhergeht

und selbst die Erfahrung bewirkt.

Die Stufen des Geistes und seiner Erkenntnis entsprechen den Stufen

des Seins. Sehnsüchtig strebt das Niedere dem Höheren zu und das Höhere

hebt das Niedere zu sich empor. Der über uns stehende Geist, der allem

Irdischen die Formen verliehen hat, sucht diese zertrennten Formen

wieder zusammenzubringen, dass sie in Liebe sich einigen. Zunächst

sammelt er sie im Menschen. Darauf, dass derselbe Geist, der dem

Körperlichen die Gestalt verlieh, auch dem Menschen die Idee gibt,

beruht nun aber die Möglichkeit und die Wahrheit menschlicher

Erkenntnis. Die zerstreuten Formen des Irdischen finden sich im

menschlichen Geiste wieder, wodurch dieser dem letzten Himmelsgeiste

ähnlich wird. Vereinigung mit dem Himmelsgeiste, dadurch er sich Gott

nähert, ist Ziel und Glück des Menschengeistes.

Ob nun eine solche Vereinigung vor dem Tode des Menschen möglich sei,

ist nach Farabi zweifelhaft oder ganz zu verneinen. In diesem Leben

ist Vernunfterkenntnis das Höchste, was erreicht werden kann. Aber die

Trennung vom Körper gibt der vernünftigen Seele die völlige Freiheit

des Geistes. Besteht sie dann aber noch als Individualseele? Oder

ist sie nur ein Moment der höheren Weltvernunft? Dunkel, und nicht

in allen Schriften übereinstimmend, drückt Farabi sich darüber

aus. Die Menschen, so heißt es, sterben hin, ein Geschlecht folgt

dem andern und Gleiches verbindet sich mit Gleichem, Jedes in seiner

Ordnung. Unendlich, weil nicht an den Raum gebunden, mehren sich

die vernünftigen Seelen, wie Gedanke zu Gedanken, Kraft zu Kraft

hinzukommt. Jede Seele denkt sich selbst und alle andern, die ihr

gleich sind, und je mehr sie denkt, um so intensiver ist ihre Freude

(vgl. unten § 13).

11. Wir kommen zur praktischen Philosophie. In Ethik und Politik

treten wir in ein etwas näheres Verhältnis zum Leben und Glauben der

Muslime. Einige allgemeine Gesichtspunkte seien hervorgehoben.

Wie die Logik die Prinzipien des Wissens, so soll die Ethik die

Grundsätze des Handelns darstellen. Nur dass hier Übung und Erfahrung

etwas mehr gewertet werden, als in der Erkenntnistheorie. In

der Ausführung schließt sich Farabi teils dem Platon, teils dem

Aristoteles an, teils geht er auch in mystisch-asketischer Weise über

sie hinaus. Den Theologen gegenüber, die zwar ein Vernunftwissen,

aber keine Vernunftgesetze des Handelns anerkennen, betont Farabi

öfter, die Vernunft bestimme, ob etwas gut sei oder böse. Wie sollte

die von oben her uns erteilte Vernunft nicht das Handeln bestimmen,

da ja im Wissen die höchste Tugend besteht? Wenn einer, so erklärt

Farabi höchst bezeichnend, alles wüsste, was in den Schriften des

Aristoteles steht, danach aber nicht handelte, während ein anderer in

seinem Sinne handelte ohne davon zu wissen, so wäre dem ersteren der

Vorzug zu geben. Die Erkenntnis steht höher als die sittliche That,

sonst könnte sie diese nicht bestimmen.

Von Natur aus begehrt die Seele. Insofern sie wahrnimmt und vorstellt,

kommt ihr, wie den Tieren, ein Wille zu. Aber Wahlfreiheit hat allein

der Mensch, da dieselbe auf vernünftiger Überlegung beruht. Die Sphäre

der Freiheit ist das reine Denken. Es ist das also eine Freiheit, die

von den Motiven des Denkens abhängig ist, eine Freiheit, die zugleich

Notwendigkeit ist, weil sie in letzter Instanz von dem vernünftigen

Wesen Gottes bestimmt ist. In diesem Sinne ist Farabi Determinist.

Die so gefasste Freiheit des Menschen kann sich, wegen des

Widerstandes der Materie, in der Herrschaft über das Sinnliche

nur unvollkommen bethätigen. Vollkommen wird sie erst nach der

Befreiung der vernünftigen Seele von den Banden des Stoffes und den

Hüllen des Irrtums, im Leben des Geistes. Das aber ist die höchste

Glückseligkeit, die nur ihrer selbst willen erstrebt wird, somit

das Gute schlechthin. Und dieses Gute sucht die Menschenseele, wenn

sie sich dem Geiste über ihr zuwendet, wie die Seelen der Himmel,

als sie sich dem Höchsten nähern.

12. Schon die Ethik nimmt wenig Rücksicht auf die wirklichen

sittlichen Verhältnisse. Noch weiter aber entfernt Farabi sich von der

Wirklichkeit in seiner Politik. Das platonische Staatsideal geht für

seine orientalische Anschauungsweise fast ganz in den philosophischen

Herrscher auf. Von einem natürlichen Bedürfnis zusammengeführt,

haben die Menschen sich dem Willen eines Einzigen unterworfen, in

welchem der Staat, ob er nun gut oder böse, gleichsam verkörpert

ist. Deshalb sind die Staaten schlecht, wenn ihr Haupt in Bezug auf

die Prinzipien des Guten entweder unwissend oder im Irrtum oder gar

verderbt ist. Der gute oder vorzügliche Staat dagegen hat nur Eine

Art, darin der Philosoph Herrscher ist. Mit allen menschlichen und

philosophischen Tugenden stattet Farabi seinen Fürsten aus: es ist

Platon in Mohammeds Prophetenmantel.

In der Beschreibung der den idealen Fürsten vertretenden Herrscher --

es können mehrere zugleich sein, auch können Fürst und Minister sich in

Herrschertugend und Weisheit teilen -- nähern wir uns der muslimischen

Staatslehre jener Zeit. Aber die Ausdrücke sind verhüllt. Die richtige

Abstammung eines Fürsten z. B. und die Pflicht der Führung in den

heiligen Krieg werden nicht klar bezeichnet. Es bleibt doch alles in

philosophischem Nebel schweben.

13. Im Staate, der mit der Religionsgemeinschaft zusammenfällt, ist die

Sittlichkeit allein vollkommen. Nach dem Zustande des Staates bestimmt

sich also nicht nur das zeitliche Schicksal seiner Bürger, sondern

auch ihr zukünftiges Los. Die Seelen der Bürger im "unwissenden"

Staate sind ohne Vernunft, als sinnliche Formen kehren sie zu

den Elementen wieder, damit sie sich aufs neue mit anderen Wesen,

Menschen oder Tieren, verbinden. In den "irrenden" und "verderbten"

Staaten ist allein der Führer verantwortlich, seiner wartet Strafe

im Jenseits; die irregeführten Seelen aber teilen das Schicksal der

Unwissenden. Dagegen bestehen nur die guten wissenden Seelen fort,

sie gehen ein in die Welt des reinen Geistes. Je höher die Stufe des

Wissens, die sie in diesem Leben erreicht, um so höher wird nach dem

Tode ihre Stelle in der Ordnung des Alls sein, um so intensiver ihre

selige Lust.

Vermutlich sind derartige Ausdrücke nur die Hülle eines

mystisch-philosophischen Glaubens von dem Aufgehen des menschlichen

Geistes in den Weltgeist, zuletzt in Gott. Denn, so lehrt Farabi,

in absteigender Betrachtung (logisch-metaphysisch) ist die Welt etwas

anderes als Gott, im Aufsteigen aber erkennt die Seele das Diesseits

als identisch mit dem Jenseits, weil Gott in allem, ja in seiner

Einheit das All selbst ist.

14. Überblicken wir jetzt Farabis System, so zeigt es sich als

einen ziemlich konsequenten Spiritualismus, genauer bestimmt

Intellektualismus. Das Körperliche, Sinnenfällige entspringt der

Imagination des Geistes, man könnte es als "verworrene Vorstellung"

bezeichnen. Das einzige wahre Sein ist Geist, aber verschieden

abgestuft. Ganz einfach rein ist nur Gott, und die ewig aus ihm

hervorgehenden Geister, einer aus dem andern, haben schon die

Vielheit in sich. Die Zahl der selbständigen Geister wird nach dem

ptolemäischen Weltsystem bestimmt und entspricht der himmlischen

Hierarchie. Je weiter vom Ersten entfernt, um so weniger hat einer

am Sein des reinen Geistes teil. Von dem letzten Weltgeiste kommt

dem Menschen sein Wesen, d. h. die Vernunft zu. Alles ist ohne Lücke,

die Welt ist ein gut und schön geordnetes Ganzes. Übel und Böses sind

nur eine notwendige Folge der Endlichkeit im Einzelnen, wodurch die

Güte des Alls um so deutlicher hervortritt.

Ob die schöne Ordnung der Welt, von Ewigkeit her aus Gott emaniert,

jemals wird zerstört werden können oder auch in Gott zurückfließen? Ein

fortwährendes Zurückströmen zur Gottheit gibt es wohl. Die Sehnsucht

der Seele geht nach oben, fortschreitendes Wissen läutert sie und

führt sie hinauf. Aber wie weit? Philosophen und Propheten haben es

nicht klar sagen können. Beide, die Philosophie und die Prophetie,

leitet Farabi von dem schaffenden Weltgeiste über uns her. Hin

und wieder spricht er sich über die Prophetie aus, als ob diese die

höchste Stufe menschlichen Erkennens und Handelns darstelle. Das kann

aber nicht seine wirkliche Meinung sein, ist wenigstens nicht die

Konsequenz seiner theoretischen Philosophie. Ihr zufolge gehört alles

Prophetische in Traum, Gesicht, Offenbarung u. s. w. dem Kreise der

Vorstellung an, steht also in der Mitte zwischen sinnlicher Wahrnehmung

und reiner Vernunfterkenntnis. Wenn er nun auch in seiner Ethik und

Politik der Religion eine hohe erzieherische Bedeutung beimisst, so

bleibt sie doch immer an absolutem Werte der Erkenntnis durch reine

Vernunft nachstehen.

Farabi hat im Intellektuellen für ein Ewiges gelebt. Ein König an

Geist, ein Bettler an Besitz, war es ihm bei seinen Büchern und den

Vögeln und Blumen seines Gartens wohl. Seinem Volke, der muslimischen

Gemeinde, konnte er nur wenig sein. In seiner Staats- und Sittenlehre

war für weltliche Geschäfte und für den heiligen Krieg keine rechte

Stelle. Seine Philosophie befriedigte kein sinnliches Bedürfnis und

widersprach dem sinnlich-geistigen Vorstellungsleben, wie es sich

besonders in Kunstschöpfungen und religiösen Phantasien äußert. Er

verlor sich in den Abstraktionen des reinen Geistes. Als frommer,

heiliger Mann wurde er von Mitlebenden angestaunt, von wenigen Schülern

als personifizierte Weisheit verehrt, von den echten Gelehrten des

Islam aber für alle Zeit verketzert. Grund gab es freilich genug

dafür. Wie die Naturphilosophie leicht zu Naturalismus und Atheismus

führte, so leitete der Monotheismus der Logiker unmerklich zum

Pantheismus hinüber.

15. Viel Schule hat Farabi nicht gemacht. Bekannt geworden ist Abu

Zakarija Jachja ibn Adi, ein jakobitischer Christ, als Übersetzer

aristotelischer Werke. Mehr genannt worden aber ist ein Schüler

des letzteren, mit Namen Abu Sulaiman Mohammed ibn Tahir ibn Bahrain

al-Sidschistani, der in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts in

Bagdad die Gelehrten seiner Zeit um sich versammelte. Die Gespräche,

welche sie da führten und die philosophischen Belehrungen, die der

Meister erteilte, sind uns zum Teil erhalten. Wir sehen deutlich den

Ausgang der Schule. Wie die Naturphilosophie in Geheimwissenschaft

verlief und die Schule Kindis sich von der Philosophie ab

mathematischem und physikalischem Einzelwissen zuwandte, so geht

hier die logische Richtung Farabis in Wortphilosophie über. In

Distinktionen und Begriffsbestimmungen bewegt sich das Gespräch. Auch

werden Einzelheiten aus der Philosophiegeschichte und den besonderen

Wissenschaften ohne systematischen Zusammenhang erörtert. Fast

nirgends zeigt sich ein sachliches Interesse. Die menschliche Seele

rückt ganz in den Vordergrund, ähnlich wie bei den treuen Brüdern,

nur dass diese mehr die wunderbaren Wirkungen der Seele, jene Logiker

aber ihr vernünftiges Wesen und ihre Erhebung in das Übervernünftige

betrachten. Statt mit Zahlen und Buchstaben, wie bei den Brüdern, wird

in Sidschistanis Gesellschaft mit Worten und Begriffen gespielt. Das

Ende ist in beiden Fällen ein mystischer Sufismus.

Es ist demnach nicht zu verwundern, dass in den gelehrten Sitzungen

Abu Sulaimans, über die sein Schüler Tauhidi (gest. 1009) Bericht

erstattet, Empedokles, Sokrates, Platon u. a. mehr genannt werden

als Aristoteles. Eine sehr gemischte Gesellschaft findet sich da in

jenen Sitzungen zusammen. Es wird nicht gefragt, welchem Lande man

entstamme, welcher Religion man angehöre. Man lebt der Überzeugung,

die von Platon hergeleitet wird, in jeder Meinung stecke etwas von

der Wahrheit, wie in allen Dingen ein gemeinsames Sein und in allen

Wissenschaften eine und dieselbe wirkliche Erkenntnis. Nur unter

dieser Annahme scheint es begreiflich, dass jeder zunächst seine

eigene Meinung für die wahre, und die von ihm gepflegte Wissenschaft

für die vorzüglichste halten könne. Eben deswegen gibt es auch keinen

Zwiespalt zwischen Religion und Philosophie, wie heftig man es von

beiden Seiten behaupten möge. Die Philosophie bestätigt vielmehr die

Lehren der Religion, wie diese die Resultate jener vervollkommnet. Ist

die philosophische Erkenntnis Wesen und Ziel der menschlichen Seele,

so ist der religiöse Glaube ihr Leben oder der Weg zu dem Ziele. Da

nämlich die Vernunft Gottes Statthalter auf Erden ist, so ist es

unmöglich, dass Vernunft und Offenbarung sich widersprechen.

Einzelnes hervorzuheben aus den Gesprächen, deren Grundstimmung wir

angegeben, verlohnt sich nicht. Kulturhistorisch ist die Erscheinung

Sidschistanis und seines Kreises wichtig, aber für die Fortbildung

der Philosophie im Islam hat sie keine Bedeutung. Was für Farabi

wirklich das Leben seines Geistes war, wird in dieser Gesellschaft

gar oft zum Gegenstande geistreicher Unterhaltung.

3. Ibn Maskawaih.

1. Wir sind an die Wende des zehnten und elften Jahrhunderts

gelangt. Farabis Schule scheint auszusterben und Ibn Sina, der die

Philosophie seines Vorgängers zu neuem Leben erwecken sollte, ist

noch ein Jüngling. Hier aber haben wir eines Mannes zu gedenken,

der zwar dem Kindi näher als dem Farabi verwandt ist, doch auch,

wegen der Gemeinsamkeit ihrer Quellen, in wesentlichen Punkten mit

dem letzteren übereinstimmt. Sein Beispiel zeigt zugleich, dass die

hellsten Köpfe der Zeit nicht gesonnen waren, Farabi auf das Gebiet

logisch-metaphysischer Spekulationen zu folgen.

Dieser Mann ist der Arzt, Philolog und Historiker Abu Ali ibn

Maskawaih, der Schatzmeister und Freund des Sultans Adudaddaula war

und hochbetagt im Jahre 1030 starb. U. a. hat er uns eine bis heute

im Orient geschätzte philosophische Ethik hinterlassen. Sie ist

eine Mischung aus Platon, Aristoteles, Galen und dem muslimischen

Religionsgesetz, doch herrscht darin Aristoteles vor. Mit einer

Abhandlung über das Wesen der Seele hebt sie an.

2. Die menschliche Seele, so führt Ibn Maskawaih aus, ist eine

unkörperliche, einfache, sich ihres Seins, Wissens und Wirkens bewusste

Substanz. Dass sie geistiger Natur sein muss, folgt schon daraus, dass

sie die entgegengesetzten Formen zugleich in sich aufnimmt, z. B. die

Vorstellung von weiß und schwarz, während ein Körper nur eins von

beiden auf einmal aufnehmen kann. Ferner nimmt sie sowohl die Formen

des Sinnlichen wie des Geistigen in gleicher, geistiger Weise auf,

denn die Länge ist in der Seele nicht lang, wird auch im Gedächtnis

nicht länger. Weit über ihren Körper geht sodann das Wissen und Wirken

der Seele hinaus, ja die ganze Sinnenwelt genügt ihr nicht. Überdies

besitzt sie eine ursprüngliche Vernunfterkenntnis, die ihr nicht von

den Sinnen zugekommen sein kann, denn durch dieselbe bestimmt sie, bei

der Vergleichung und Unterscheidung des von der sinnlichen Wahrnehmung

ihr Dargebotenen, Wahres und Falsches, die Sinne beaufsichtigend

und berichtigend. Im Selbstbewusstsein endlich, dem Wissen um das

eigene Wissen, zeigt sich am klarsten die geistige Einheit der Seele,

in der Denken, Denkendes und Gedachtes zusammen fallen.

Von den Tierseelen unterscheidet sich die menschliche Seele besonders

durch vernünftige Überlegung als das Prinzip ihres Handelns, welches

auf das Gute gerichtet ist.

3. Gut ist im allgemeinen dasjenige, wodurch ein Wollendes den Zweck

oder die Vollkommenheit seines Wesens erreicht. Gut zu sein, dazu ist

also eine gewisse auf einen Endzweck gerichtete Anlage erforderlich. In

Bezug auf ihre Anlage unterscheiden die Menschen sich aber sehr

wesentlich. Nur wenige, meint Ibn Maskawaih, sind von Natur gut und

werden nie schlecht, denn was von Natur ist, ändert sich nicht. Viele

dagegen sind von Natur schlecht und werden nie gut. Andere aber,

die anfangs weder gut noch schlecht sind, werden durch Erziehung und

gesellschaftlichen Verkehr nach einer von beiden Seiten hin bestimmt.

Das Gute ist nun entweder ein allgemeines oder ein besonderes. Es gibt

ein absolutes Gut, mit dem höchsten Sein und der höchsten Erkenntnis

identisch, dem alle Guten zusammen zustreben. Aber für jeden Einzelnen

stellt sich ein besonderes Gut subjektiv als Glück oder Lust dar,

und dieses besteht in der vollen Bethätigung des eigenen Wesens,

in der vollständigen Auslebung des Inneren.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 8 / 14 段