4. Die Welt ist nach Kindi, wie oben schon gesagt, ein Werk Gottes,

dessen Wirken aber von oben nach unten vielfach vermittelt wird. Alles

Höhere wirkt auf das Niedere ein, nicht aber das Verursachte auf

seine über ihm auf der Stufe des Seins stehende Ursache. In allem

Weltgeschehen ist nun eine durchgängige Ursächlichkeit, die es uns

ermöglicht, aus der Erkenntnis der Ursache, der Himmelskörper z. B.,

Zukünftiges vorherzusagen. Auch haben wir an einem vollständig

erkannten Einzelwesen einen Spiegel, darin der ganze Zusammenhang

der Welt zu schauen.

Dem Geiste gehört die höhere Wirklichkeit und alle Wirksamkeit

an. Seinem Wunsche gemäß hat sich die Materie zu gestalten. Und

zwischen dem göttlichen Geiste und der materiellen Körperwelt steht

die Seele in der Mitte. Sie ist es, die die Sphärenwelt erst geschaffen

hat. Von dieser Weltseele ist die menschliche Seele ein Ausfluss. Ihrer

Natur nach, d. h. in ihren Wirkungen, ist die letztere an die Mischung

ihres Körpers gebunden, aber ihrem geistigen Wesen nach ist sie davon

unabhängig, treffen sie also auch nicht die Einwirkungen der Gestirne,

die sich auf das Natürliche beschränken. Unsere Seele, so führt Kindi

aus, ist eine einfache, unvergängliche Substanz, aus der Welt der

Vernunft in die Sinnenwelt herabgekommen, aber mit Erinnerung an ihren

früheren Zustand ausgestattet. Sie findet sich hier nicht heimisch,

denn sie hat viele Bedürfnisse, deren Befriedigung ihr versagt bleibt,

und die deshalb von schmerzlichen Gefühlen begleitet sind. Es ist

eben nichts beständig in dieser Welt des Entstehens und Vergehens,

in der man dessen, was man liebt, jeden Augenblick beraubt werden

kann. Beständigkeit gibt es nur in der Welt der Vernunft. Wenn wir

also unsere Wünsche erfüllt sehen wollen und nicht dessen beraubt

werden, was uns teuer ist, so müssen wir uns den ewigen Gütern

der Vernunft zuwenden, der Furcht Gottes, der Wissenschaft und den

guten Werken. Wenn wir aber nur den materiellen Gütern nachgehen

und glauben, sie uns erhalten zu können, so streben wir etwas nach,

das in Wirklichkeit nicht existiert.

5. Dieser ethisch-metaphysischen Dualität des Sinnlichen und Geistigen

entspricht die Lehre Kindi's vom Wissen. Unsere Erkenntnis ist

danach entweder sinnliche oder Vernunfterkenntnis; was dazwischen,

die Phantasie oder die Vorstellungskraft, heißt mittleres Vermögen. Die

Sinne erfassen nun das Einzelne oder die materielle Form, die Vernunft

aber das Allgemeine, Arten und Gattungen, oder die geistige Form. Und

wie das Wahrgenommene mit der Sinneswahrnehmung eins ist, so ist es

auch das von der Vernunft Erfasste mit der Vernunft selbst.

Zum ersten Male taucht hier nun die Lehre von der Vernunft oder

vom Geiste (nous, `aql) in einer Gestalt auf, wie sie, nur etwas

modifiziert, bei den späteren muslimischen Philosophen einen großen

Platz einnimmt. Sie ist charakteristisch für den ganzen Verlauf der

Philosophie im Islam. Wie im Universalienstreite des christlichen

Mittelalters sich doch auch ein objectiv-wissenschaftliches Interesse

kundgibt, so zeigt sich in den philosophischen Erörterungen der

Muslime über den denkenden Geist vor allem das subjektive Bedürfnis

intellektueller Bildung.

Kindi unterscheidet einen vierfachen Geist [15]: erstens den Geist,

der immer wirklich ist, die Ursache und das Wesen alles Geistigen in

der Welt, also wohl Gott oder der erste geschaffene Geist; zweitens

den Geist als vernünftige Anlage oder Potenz der menschlichen Seele;

drittens als Habitus oder wirklichen Besitz der Seele, dessen sie

sich jeden Augenblick bedienen kann, wie z. B. der Schreiber seiner

Kunst; endlich viertens als Thätigkeit, wodurch das, was die Seele als

ein Wirkliches in sich hat, in die äußere Wirklichkeit übergeführt

wird. Letztere Thätigkeit scheint, nach Kindi, die eigene That des

Menschen zu sein, während er die Überführung der Potenz zum Habitus

oder die Verwirklichung des Möglichen von der ersten Ursache, dem

ewigwirklichen Geiste herleitet. Den wirklichen Geist haben wir also

von oben erhalten und es heißt der dritte `aql deshalb `aql mustafad,

lat. intellectus adeptus sive adquisitus. Die Grundanschauung

des Altertums, alles Wissen um die Dinge müsse von außen an uns

herankommen, geht in dieser Form, in der Lehre vom `aql mustafad oder

dem Geiste, den wir von oben bekommen, durch die arabische Philosophie

und dann in die christliche hinein. Leider ist die Lehre in Bezug

auf diese Philosophie selbst nahezu richtig. Der thätige Geist,

der sie geschaffen, ist in Wirklichkeit der neuplatonische Aristoteles.

Das Höchste, was er besitzt, hat der Mensch ja immer seinem Gotte

oder den Göttern zugeschrieben. Muslimische Theologen schrieben der

göttlichen Wirksamkeit unmittelbar die sittlichen Handlungen des

Menschen zu. Nach den Philosophen aber ist das Wissen mehr als die

That. Diese, auf die niedere, sinnliche Welt sich richtend, mag des

Menschen Eigentum sein; sein höchstes Wissen aber, die reine Vernunft,

kommt von oben her, vom göttlichen Wesen.

Es ist klar, dass die Lehre vom Geiste, wie sie bei Kindi vorliegt,

auf die Nus-Lehre des Alexander von Aphrodisias im zweiten Buche

über die Seele zurückgeht. Aber Alexander behauptete ausdrücklich,

nach Aristoteles gebe es einen dreifachen Nus. Kindi sagt dagegen, er

stelle die Meinung des Platon und Aristoteles dar. Neupythagoreisches

und Neuplatonisches verknüpfen sich hier. In allem muss die Vierzahl

nachgewiesen werden, und Platon und Aristoteles sollen übereinstimmen.

6. Ziehen wir die Summe. Kindi ist mutazilitischer Theolog und

neuplatonischer Philosoph mit neupythagoreischen Zuthaten. Sokrates,

der Märtyrer des athenischen Heidentumes, ist sein Ideal, über

ihn, sein Schicksal und seine Lehre hat er mehrere Schriften

verfasst. Platon und Aristoteles sucht er in neuplatonischer Weise

zu vereinigen.

Trotzdem nennt ihn die Überlieferung den ersten, der in

seinen Schriften dem Aristoteles folgte. Nicht ganz ohne Grund

fürwahr. In seinem langen Schriftenverzeichnisse nimmt Aristoteles

einen hervorragenden Platz ein. Er begnügte sich nicht mit bloßem

Übersetzen, sondern studierte die übersetzten Werke, versuchte es auch

sie zu verbessern und zu erläutern. Die aristotelische Physik, mit der

Erklärung des Alexander von Aphrodisias, hat jedenfalls bedeutend auf

ihn gewirkt. Behauptungen, wie dass die Welt nicht der Wirklichkeit,

sondern nur der Potenz nach unendlich sei, dass die Bewegung stetig

und dergleichen mehr deuten darauf hin. Die damaligen Naturphilosophen,

wie noch die treuen Brüder, sagten z. B., die Bewegung sei ebensowenig

stetig wie die Zahl.

Ferner aber wandte Kindi sich entschieden von der wundersüchtigen

Zeitphilosophie ab, indem er die Alchemie für Schwindel erklärte. Er

hielt es für menschenunmöglich, was die Natur allein hervorzubringen im

Stande ist. Wer sich denn auch mit alchemistischen Versuchen abgebe,

betrüge, seiner Meinung nach, sich selbst oder andere. Diese Ansicht

Kindi's hat der berühmte Mediziner Razi zu widerlegen versucht.

7. Sowohl als Lehrer wie als Schriftsteller hat Kindi hauptsächlich

durch seine Mathematik, Astrologie, Geographie und Medizin

gewirkt. Sein treuester und gewiss bedeutendster Schüler war Achmed

ibn Mohammed al-Tajjib al-Sarachsi (gest. 899), Verwaltungsbeamter und

Freund des Chalifen Mutadid, dessen Nachlässigkeit oder Willkür er zum

Opfer fiel. Er befasste sich mit Geheimwissenschaft und Astrologie,

bemühte sich, aus den Wundern der Schöpfung die Weisheit und Macht des

Schöpfers zu erkennen, und trieb Geographie und Geschichte. Bekannter

ist ein anderer Schüler Kindi's geworden, Abu Maschar (gest. 885),

der aber seinen Ruhm ganz der Astrologie zu verdanken hat. Dieser

soll von einem fanatischen Gegner der Philosophie, durch ein

oberflächliches Studium der Mathematik zur Beschäftigung mit der

Astrologie gereizt, als er schon 47 Jahre alt war, ein Verehrer

Kindi's geworden sein. Ob nun das Dichtung oder Wahrheit, auf jeden

Fall ist ein solcher Bildungsgang charakteristisch für das neugierige

Haschen nach halbverstandenem Wissen, das den ersten Jahrhunderten

der arabischen Wissenschaft eigentümlich ist.

Die Schule Kindi's ist in keiner Weise über den Meister

hinausgegangen. Von ihrer litterarischen Thätigkeit ist uns fast nur

in einzelnen Zitaten etwas erhalten. Möglich wäre es allerdings, dass

in den Abhandlungen der treuen Brüder sich einiges gerettet hätte. Doch

lässt sich dies beim jetzigen Stande der Wissenschaft nicht bestimmen.

2. Farabi.

1. Im zehnten Jahrhundert werden von den Naturphilosophen die Logiker

oder Metaphysiker unterschieden. Diese befolgen eine strengere

Methode als die Dialektiker und behandeln andere Gegenstände als die

Physiker. Von Pythagoras haben sie sich losgesagt, um sich der Führung

des Aristoteles, freilich in neuplatonischer Gestalt, anzuvertrauen.

Wir haben es da mit zwei Richtungen wissenschaftlichen Interesses

zu thun. Die Naturphilosophen interessieren sich mehr oder weniger

für die Fülle konkreter Erscheinungen der Natur, wie der Länder-

und Völkerkunde. Sie untersuchen überall die Wirkungen der Dinge,

glauben auch das Wesen nur in der Wirkung zu erkennen. Wenn sie zwar

über Natur, Seele und Geist zum göttlichen Wesen hinaufsteigen, so

bestimmen sie dieses doch nur oder vorzugsweise als erste Ursache, als

weisen Schöpfer, dessen Güte und Weisheit aus seinen Werken hervorgehe.

Ganz anders verhalten sich die Logiker. Das Einzelgeschehen hat für

sie untergeordneten Wert, nicht weiter, als es aus dem Allgemeinen

ableitbar sich erweist. Gehen die Physiker von den Wirkungen aus,

die Logiker wollen aus ihren Gründen die Dinge begreifen. Sie

fragen überall nach dem Begriff oder dem Wesen der Dinge, bis

zum Höchsten. Gott, um mit einem Beispiele den Gegensatz greifbar

hinzustellen, ist ihnen nicht zunächst der weise Schöpfer, sondern

das notwendig-existierende Wesen.

Die Logiker folgen zeitlich den Physikern nach, wie denn auch von der

mutazilitischen Dialektik (s. II, 3 § 4 und 5) zuerst Gottes Wirken,

darauf sein Wesen in den Kreis der Betrachtung gezogen wurde.

Als den bedeutendsten Vertreter der naturphilosophischen Richtung

haben wir Razi kennen gelernt. Die logisch-metaphysischen Bestrebungen,

denen Kindi u. a. vorgearbeitet, erreichen ihren Höhepunkt in Razi's

jüngerem Zeitgenossen Abu Nasr Mohammed ibn Mohammed ibn Tarchan ibn

Uzlag al-Farabi.

2. Über den äußeren Lebens- und Bildungsgang Farabis ist wenig

Sicheres zu sagen. Er war ein stiller Mann, der im Schatten der Macht,

zuletzt als Sufi gekleidet, sich einem philosophisch-beschaulichen

Leben hingab. Sein Vater soll persischer Heerführer gewesen sein. In

Wasidsch, einem kleinen befestigten Orte des Bezirkes Farab, im

Türkenlande Transoxanien, wurde er geboren. In Bagdad erhielt er,

teilweise von einem christlichen Lehrer, Johanna ibn Hailan, seine

Ausbildung. Diese umfasste sowohl Litterarisches als Mathematisches,

also Trivium und Quadrivium im Sinne des christlichen Mittelalters. Von

seiner mathematischen Bildung zeugen noch einige seiner Schriften,

namentlich über Musik. Die Legende lässt ihn alle Sprachen der

Welt (70) reden. Aus seinen Werken erhellt, was schon a priori

wahrscheinlich, dass er Türkisch und Persisch verstand. Das Arabisch

schreibt er klar und nicht ohne Reiz. Nur schadet die Vorliebe für

Synonymen und parallele Satzglieder dann und wann der Präzision des

philosophischen Ausdruckes.

Die Philosophie, in die Farabi eingeweiht wurde, stammte aus der

Schule von Merw. Vielleicht hatte diese sich schon mehr metaphysischen

Fragen zugewandt als die naturphilosophische Richtung der Harranier

und Basrenser.

Von Bagdad, wo er lange Zeit gelebt und gewirkt, siedelte Farabi,

wohl infolge der politischen Wirren, nach Haleb (Aleppo) an den

glänzenden Hof Saif-addaula's über. Nur soll er nicht am Hofe, sondern

in Naturzurückgezogenheit die letzten Jahre verbracht haben. Auf

einer Reise starb er in Damaskus, Dezember des Jahres 950, wo ihm,

wie berichtet wird, sein Fürst in sufischem Gewande die Leichenrede

hielt. Er soll 80 Jahre alt geworden sein. Dass er ein hohes Alter

erreicht hat, ist wahrscheinlich. Sein Zeit- und Studiengenosse Abu

Bischr Matta starb 10 Jahre früher und sein Schüler Abu Zakarija

Jachja ibn Adi im Jahre 974, 81 Jahre alt.

3. Die zeitliche Reihenfolge der Schriften Farabis ist nicht

festgestellt. Kleinere Abhandlungen, in denen er sich mit den

Dialektikern und Naturphilosophen berührt, dürften, wenn sie überhaupt

echt in der überlieferten Gestalt, populäre oder Jugendschriften

sein. Seine Entwicklung wendete sich dem aristotelischen Schrifttum

zu, weshalb ihn der Orient den zweiten Lehrer, d. h. den zweiten

Aristoteles nannte.

Seit seiner Zeit steht die Zahl und Folge der aristotelischen oder doch

dem Aristoteles zugeschriebenen Werke, die man nach seinem Vorgange

paraphrasierte und kommentierte, im allgemeinen fest. Zuerst die

acht logischen Schriften, Kategorien, Hermeneutik, erste und zweite

Analytik, Topik, Sophistik, Rhetorik und Poetik, denen die Isagoge

des Porphyr voraufgeht. Dann folgen die acht Schriften zur Physik,

auscultatio physica, de coelo et mundo, de generatione et corruptione,

die Meteorologie, die Psychologie, de sensu et sensato, das Buch der

Pflanzen und das der Tiere. Endlich schließen sich an Metaphysik,

Ethik, Politik u. a.

Die sogenannte Theologie des Aristoteles hat Farabi noch für ein

echtes Werk gehalten. In neuplatonischer Weise und mit einiger

Accommodation an den muslimischen Glauben sucht er die Übereinstimmung

zwischen Platon und Aristoteles nachzuweisen. Nicht sondernde Kritik,

eine geschlossene Weltanschauung ist ihm Bedürfnis. Die Befriedigung

dieses mehr religiösen als wissenschaftlichen Bedürfnisses lässt ihn

über philosophische Differenzen hinwegsehen. Platon und Aristoteles

sollen sich von einander nur unterscheiden durch ihre Methode,

im sprachlichen Ausdruck und in ihrem Verhalten zum praktischen

Leben. Ihre Weisheitslehre aber ist dieselbe. Sie sind die Imame,

d. h. die höchsten Autoritäten in der Philosophie, und da sie Beide

selbständige, originelle Geister gewesen, gilt ihre übereinstimmende

Autorität dem Farabi mehr als der Glaube der ganzen muslimischen

Gemeinde, die mit blindem Zutrauen Einem Führer folgt.

4. Farabi wird den Ärzten zugezählt, doch scheint er die Kunst

nicht praktisch geübt zu haben. Er widmete sich der Heilkunst

der Seele ganz. Seelenreinheit nannte er die Bedingung und die

Frucht alles Philosophierens, Wahrheitsliebe forderte er auch gegen

Aristoteles. Geometrie und Logik sollen dann das Urteil bilden für das

Studium der Natur- und Geisteswissenschaften. Den einzelnen Disziplinen

aber schenkt Farabi wenig Beachtung, er konzentriert sich auf Logik,

Metaphysik und die Prinzipien der Physik. Die Philosophie ist ihm

die Wissenschaft alles Seienden als solchen, bei deren Erwerb man der

Gottheit ähnlich wird. Sie ist die eine, allesumfassende Wissenschaft,

die uns das einheitliche Weltbild vorführt. Den Dialektikern wirft

Farabi vor, dass sie ungeprüft die Sätze des gemeinen Bewusstseins

als Grundlage für ihre Beweise benutzen, den Naturphilosophen, dass

sie sich immer nur mit den Wirkungen der Dinge befassen, also nie

über die Gegensätze des Weltgeschehens hinaus zu einer einheitlichen

Auffassung des Alls gelangen. Den ersteren gegenüber will er das

Denken begründen, im Gegensatze zu den letzteren den Einen Urgrund

alles Seienden erforschen. Wir werden folglich seiner historischen

und dogmatischen Stellung am besten gerecht, wenn wir zuerst seine

Logik, darauf die Metaphysik und zuletzt seine Physik und praktische

Philosophie zur Darstellung bringen.

5. Farabis Logik ist keine reine Analyse wissenschaftlichen

Denkens, sondern enthält auch viele sprachliche Bemerkungen und

erkenntnistheoretische Erörterungen. Wie die Grammatik sich auf

die Sprache eines Volkes beschränkt, so soll die Logik dagegen den

sprachlichen Ausdruck der Gesamtvernunft aller Völker heranziehen. Von

den einfachsten Elementen der Sprache zu den zusammengesetzten hat

sie fortzuschreiten, vom Wort zum Satze, zur Rede.

Nach der Beziehung ihrer Gegenstände zur Wirklichkeit zerfällt

die Logik in zwei Teile: der erste Teil umfasst die Lehre von den

Begriffen und Definitionen (tasawwur), der zweite diejenige von den

Urteilen, Schlüssen und Beweisen (tasdiq). Die Begriffe, mit denen

die Definitionen in ganz äußerlicher Weise zusammengestellt werden,

haben an sich keine Beziehung zur Wirklichkeit, d. h. sie sind weder

wahr noch falsch. Unter Begriffen versteht Farabi hier die einfachsten

seelischen Gebilde, d. h. sowohl die aus sinnlicher Wahrnehmung

stammenden Vorstellungen einzelner Gegenstände als die ursprünglichen

dem Geiste eingeprägten Begriffe, wie das Notwendige, das Wirkliche,

das Mögliche. Solche Vorstellungen und Begriffe sind unmittelbar

gewiss. Man kann den Sinn des Menschen darauf hinlenken, seine Seele

darauf aufmerksam machen, sie ihm aber nicht vordemonstrieren, nicht

aus Bekanntem ableitend sie erklären, da sie an sich im höchsten

Grade klar sind.

Aus der Zusammensetzung von Vorstellungen oder Begriffen ergeben

sich Urteile, die nun entweder wahr oder falsch sein können. Durch

Schluss und Beweis geht die Begründung der Urteile auf einige dem

Verstande ursprünglich gegebene, unmittelbar einleuchtende, nicht

weiter begründbare Sätze zurück. Solche Sätze, die Grundsätze oder

Axiome aller Wissenschaft, soll es geben für die Mathematik, die

Metaphysik und die Ethik.

Die Lehre vom Beweise, wie von Bekanntem, Begründetem aus wir zur

Erkenntnis eines Unbekannten gelangen, ist nach Farabi die eigentliche

Logik. Dazu bildet die Kenntnis der Hauptbegriffe (Kategorien),

ihrer Zusammensetzung im Urteil (Hermeneutik) und im Schlusse (erste

Analytik) nur die Einleitung. Und in der Beweislehre kommt es darauf

an, die Normen zu ermitteln einer allgemeingültigen, notwendigen

Wissenschaft, was die Philosophie sein soll. Als oberste Norm gilt

hier der Satz des Widerspruchs, wodurch in einem einheitlichen

Denkakte die Wahrheit oder Notwendigkeit zugleich mit der Unwahrheit

oder Unmöglichkeit des Gegenteiles erkannt wird. Dementsprechend

soll die platonische Dichotomie als wissenschaftliche Methode der

aristotelischen Polytomie vorzuziehen sein. Ferner begnügt Farabi

sich nicht mit der formalen Seite der Beweislehre. Diese soll mehr

sein als eine Methodologie, die den richtigen Weg zur Wahrheit

zeigt, sie soll selbst Wahrheit zeigen, Wissenschaft erzeugen. Sie

betrachtet die Urteile nicht bloß als Material für die Schlussform,

sondern untersucht auch ihren Wahrheitsgehalt in Beziehung auf die

Einzelwissenschaften. Nicht nur Hilfsmittel ist sie, sie ist vielmehr

ein Teil der Philosophie.

Die Beweislehre geht, wie wir sahen, auf notwendiges Wissen aus,

dem notwendigen Sein entsprechend. Außer diesem aber ist das große

Gebiet des Möglichen da, von dem wir nur ein wahrscheinliches Wissen

erhalten können. Die verschiedenen Grade der Wahrscheinlichkeit

nun oder die Art und Weise, in der wir zu einer Wissenschaft des

Möglichen gelangen, werden in der Topik erörtert. Daran schließen sich

Sophistik, Rhetorik und Poetik, die sonst hauptsächlich praktische

Ziele verfolgen. Zusammen aber mit der Topik werden sie bei Farabi

zu einer Dialektik des Scheines. Nur auf den notwendigen Sätzen

der zweiten Analytik, so führt er aus, lässt sich wahre Wissenschaft

aufbauen, aber von den topischen (dialektischen) bis zu den poetischen

Urteilen stuft sich das Wahrscheinliche zum bloßen Scheine der Wahrheit

ab. Am tiefsten steht also die Poesie, die nach Farabis Ansicht ein

lügnerisches und unsittliches Gerede ist.

Im Anschluss an Porphyrs Isagoge hat unser Philosoph sich auch über

die Universalienfrage geäußert. Das Besondere findet er nicht nur

in den Dingen und in der sinnlichen Wahrnehmung, sondern auch im

Denken. Ebenso ist das Allgemeine nicht bloß, accidentell, in den

Einzeldingen, sondern auch, substantiell, im Geiste. Der menschliche

Geist abstrahiert das Allgemeine von den Dingen, vor diesen war es aber

schon an sich. Dem Sinne nach findet somit der dreifache Unterschied

des ante rem, in re, post rem sich bereits bei Farabi.

Gehört zu den Universalien auch das bloße Sein? Ist die Existenz

überhaupt ein Prädikat? Diese Frage, die soviel Unheil in der

Philosophie gestiftet, wurde von Farabi völlig richtig beantwortet. Die

Existenz ist nach ihm eine grammatische oder logische Beziehung, aber

keine Kategorie der Wirklichkeit, die etwas von den Dingen aussagt. Die

Existenz eines Dinges ist nichts außer dem wirklichen Dinge selbst.

6. Die logische Richtung des Denkens macht sich auch in der Metaphysik

geltend. An Stelle des Veränderlichen und des Ewigen treten die

Begriffe des Möglichen und des Notwendigen hervor.

Alles Seiende ist nämlich nach Farabi entweder ein notwendiges oder

ein mögliches; ein Drittes gibt es nicht. Da nun alles Mögliche zu

seiner Verwirklichung eine Ursache voraussetzt, die Reihe der Ursachen

aber nicht ins Unendliche gehen kann, so sehen wir uns genötigt,

ein notwendig Seiendes anzunehmen, das ursachlos, höchst vollkommen,

ewig vollwirklich, sich selbst genügend, ohne jede Veränderung,

als absoluter Geist, reine Güte, Denken, Denkendes und Gedachtes in

einem Wesen, die alles übersteigende Güte und Schönheit seines Wesens

liebt. Dieses Wesen kann nicht bewiesen werden, denn es ist selbst der

Beweis und der Urgrund aller Dinge. Wahrheit und Wirklichkeit fallen in

diesem Wesen zusammen. In seinem Begriffe liegt es, dass es einzig ist,

denn wenn es zwei erste, absolute Wesen gäbe, müssten sie teils gleich,

teils von einander verschieden sein, wodurch aber die Einfachheit eines

jeden aufgehoben wäre. Ein allervollkommenstes Wesen muss einzig sein.

Dieses Erste, Eine, wahrhaft Wirkliche nennen wir Gott. Und da in Ihm

alles eins ist, auch ohne Artdifferenz, so gibt es keine Definition

für sein Wesen. Doch legt ihm der Mensch die schönsten, die höchsten

Werte des Lebens zum Ausdruck bringenden Namen bei, weil im mystischen

Drange dazu die Worte ihre gewöhnliche Bedeutung verlieren, über jeden

Widerspruch hinaus. Einige Namen beziehen sich auf das Wesen, andere

auf sein Verhältnis zur Welt, ohne jedoch die Einheit des Wesens zu

beeinträchtigen. Alle sind sie aber metaphorisch zu verstehen, nur nach

schwacher Analogie vermögen wir sie aufzufassen. Eigentlich sollten wir

von Gott, dem vollkommensten Wesen, auch den vollständigsten Begriff

haben. Sind doch unsere mathematischen Begriffe vollkommener als die

physischen, weil sie sich auf vollkommenere Gegenstände beziehen. Aber

mit dem Allervollkommensten ergeht es uns wie mit dem hellsten Lichte:

wegen der Schwäche unserer Augen können wir es nicht vertragen. So

haften auch an unserem Erkennen die Mängel der Materie.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 7 / 14 段