systematische Art der Darstellung erschwert es, die Philosophie der
Brüder einheitlich zu entwickeln. Doch sollen hier die wichtigsten
Sätze, wenn auch mitunter in loser Verknüpfung, zusammengereiht werden.
Die Geistesthätigkeit des Menschen zerfällt, nach der Encyklopädie, in
Kunst und Wissenschaft. Wissen nun ist die Form des Gewussten in der
wissenden Seele oder eine höhere, feinere, geistigere Existenzweise
des im Stoffe Wirklichen. Kunst dagegen ist das Hervorgehenlassen
der Form aus der Künstlerseele in die Materie hinein. Das Wissen ist
potentiell in der Seele des Schülers vorhanden, wird aber erst aktuell
durch die belehrende Thätigkeit eines Meisters, der das Wissen als ein
Wirkliches in sich trägt. Woher aber hat es der erste Meister? Nach
den Philosophen, so antworten die Brüder, hat er es sich durch eigenes
Nachdenken erworben, nach den Theologen durch prophetische Erleuchtung
erhalten, nach unserer Meinung aber gibt es verschiedene Wege oder
Vermittelungen, zum Wissen zu gelangen. Aus der Mittelstellung der
Seele zwischen Körper- und Geisteswelt ergeben sich schon drei Wege
oder Quellen der Erkenntnis. Die Seele erkennt nämlich das, was unter
ihr steht, durch die Sinne, das, was über ihr ist, durch logische
Folgerung, und endlich sich selbst durch vernünftige Betrachtung oder
unmittelbare Anschauung. Von diesen Arten ist die Selbsterkenntnis die
gewisseste und vorzüglichste. Das menschliche Wissen erweist sich,
wenn es darüber hinauszugehen versucht, vielfach beschränkt. Über
Fragen, wie Weltentstehung und Weltewigkeit, soll man deshalb nicht
gleich philosophieren, sondern sich zunächst an dem Einfacheren
versuchen. Und nur durch Weltentsagung und gerechten Wandel erhebt
die Seele sich allmählich zur reinen Erkenntnis des Höchsten.
5. Nach der weltlichen Bildung in Sprachwissenschaft, Poesie und
Geschichte und nach der religiösen Erziehung und Glaubenslehre,
soll das philosophische Studium mit den mathematischen Disziplinen
anfangen. Alles wird hier neupythagoreisch-indisch dargestellt. Nicht
nur die Zahlen, auch die Buchstaben werden zu kindischen Spielereien
benutzt. Es kam da den Brüdern besonders zu statten, dass das
arabische Alphabet 28 = 4 × 7 Buchstaben zählt. Statt nach sachlichen
Gesichtspunkten zu verfahren, wird durch alle Wissenschaften hindurch
nach sprachlichen Analogien und Zahlenverhältnissen phantasiert. Die
Arithmetik untersucht nicht die Zahl als solche, sondern deren
Bedeutsamkeit. Es wird nicht für die Erscheinungen ein zahlenmäßiger
Ausdruck gesucht, sondern nach dem System der Zahlen werden die
Dinge gedeutet. Die Zahlenlehre ist göttliche Weisheit, die über den
Dingen ist, denn die Dinge sind erst den Zahlen nachgebildet. Das
absolute Prinzip alles Seienden und Gedachten ist die Eins. Daher
steht die Wissenschaft der Zahl am Anfang, in der Mitte und am Ende
aller Philosophie. Die Geometrie mit ihren anschaulichen Figuren
dient nur dazu, Anfängern das Verständnis zu erleichtern, wahre,
reine Wissenschaft aber ist allein die Arithmetik. Doch wird auch
die Geometrie eingeteilt in eine sinnliche, die Linien, Flächen und
Körper zum Gegenstande hat, und eine reine oder geistige, die von den
Dimensionen oder Eigenschaften der Dinge, Länge, Breite und Tiefe,
handelt. Der Zweck sowohl der Arithmetik als der Geometrie ist,
die Seele vom Sinnlichen auf das Geistige hinzuführen.
Zuerst führen sie uns dann zur Betrachtung der Gestirne. In der
Astrologie bietet nun die Encyklopädie, wie nicht anders zu erwarten
ist, höchst phantastische, zum Teil sich widersprechende Lehren. Durch
das Ganze geht die Überzeugung hindurch, dass die Gestirne nicht bloß
Zukünftiges vorhersagen, sondern dass sie alles Geschehen unter dem
Monde direkt beeinflussen oder bewirken. Sowohl Glück als Unglück
kommt von ihnen her. Jupiter, Venus und die Sonne führen Glück,
Saturn, Mars und der Mond dagegen Unglück herbei, und die Wirkungen
des Merkur sind aus Gutem und Bösem gemischt. Merkur ist der Herr der
Bildung und der Wissenschaft; ihm verdanken wir unsere Erkenntnis,
die Gutes und Böses umfasst. So hat denn auch jeder andere Planet
seinen eigenen Wirkungskreis, und der Mensch empfindet in seinem Leben,
wenn er nicht vorzeitig weggerafft wird, nach und nach die Einflüsse
sämtlicher Himmelskörper. Der Mond lässt seinen Körper wachsen
und Merkur bildet seinen Geist aus. Dann beherrscht ihn Venus. Die
Sonne gibt ihm Familie, Reichtum oder Herrschaft, Mars Tapferkeit
und Edelsinn. Darauf bereitet er sich, unter Jupiters Führung, durch
religiöse Übungen zur Reise ins Jenseits vor und gelangt unter dem
Einflusse Saturns zur Ruhe. Viele Menschen aber leben nicht lange genug
oder sind nicht in der Lage, ihre natürlichen Anlagen in ungestörter
Folge zu entwickeln. Darum schickt Gott ihnen gnädig seine Propheten,
nach deren Lehre man sich auch in kurzer Frist und unter ungünstigen
Verhältnissen vollständig ausbilden kann.
6. Nach der Encyklopädie ist der Mathematik die Logik verwandt. Wie
nämlich die Mathematik vom Sinnlichen zum Geistigen hinführt, so nimmt
auch die Logik eine Mittelstellung zwischen Physik und Metaphysik
ein. Die Physik hat es mit den Körpern, die Metaphysik mit den reinen
Geistern zu thun, die Logik aber behandelt die Begriffe dieser sowie
die Vorstellungen jener in unserer Seele. Doch steht die Logik der
Mathematik an Umfang und Bedeutung nach. Denn das Mathematische wird
nicht nur als ein Mittleres, sondern auch als das Wesen des Alls
gefasst. Hingegen bleibt die Logik ganz auf die seelischen Gebilde
als ein Mittleres zwischen Körper und Geist beschränkt. Die Dinge
richten sich nach den Zahlen, unsere Vorstellungen und Begriffe aber
nach den Dingen.
Die logischen Betrachtungen der Brüder knüpfen sich an Porphyrs
Einleitung und die Kategorien, die Hermeneutik und die Analytiken
des Aristoteles. Eigentümliches bieten sie nicht oder sehr wenig.
Zu den fünf Worten des Porphyr wird als sechstes das Individuum
hinzugefügt, wohl der Symmetrie wegen. Drei davon, Gattung,
Art, Individuum, heißen dann objektive, und drei, Differenz,
Proprium, Accidens, begriffliche Bestimmungen. Die Kategorien sind
Gattungsbegriffe, von denen der erste die Substanz, die neun anderen
deren Accidenzen bezeichnen. Durch Einteilung in Arten wird ferner das
ganze System der Begriffe entwickelt. Außer der Einteilung aber gibt es
noch drei logische Methoden: Analyse, Definition und Deduktion. Die
Analyse ist die Methode für Anfänger, weil sie das Individuelle
erkennen lässt. Subtiler aber, das Geistige uns erschließend, sind die
Definition, welche die Arten, und die Deduktion, welche die Gattungen
in ihrem Wesen ergründet.
Über das Dasein der Dinge belehren uns die Sinne, der Dinge Wesenheit
aber wird durch Nachdenken erkannt. Was die Sinne uns zu erkennen
geben, ist wenig, wie die Buchstaben des Alphabets; bedeutender
schon, wie die Worte, sind die Prinzipien der Vernunfterkenntnis;
das Wichtigste aber sind die aus jenen Prinzipien abgeleiteten
Sätze, die der menschliche Geist sich selbst erwirbt oder aneignet,
im Unterschiede von demjenigen Wissen, das ihm die Natur oder die
göttliche Offenbarung erteilt hat.
7. Von Gott, dem höchsten Sein, der über alle Unterschiede und
Gegensätze, auch des Körperlichen und Geistigen, erhaben ist, wird die
ganze Welt auf dem Wege der Emanation abgeleitet. Wenn mitunter von
einer Schöpfung die Rede ist, so ist das als eine Anbequemung an den
theologischen Sprachgebrauch aufzufassen. Folgendermaßen stellt sich
nun die Stufenreihe der emanierten Wesen dar: 1. der schaffende Geist
(nous, `aql); 2. der leidende Geist oder die Allseele; 3. die erste
Materie; 4. die wirkende Natur, eine Kraft der Weltseele; 5. der
absolute Körper, auch zweite Materie genannt; 6. die Sphärenwelt;
7. die Elemente der sublunarischen Welt; 8. die aus diesen Elementen
zusammengesetzten Mineralien, Pflanzen und Tiere. Das sind also acht
Wesen, die zusammen mit Gott, der absoluten Eins, die in und mit
jedem Dinge ist, die Reihe der den neun Grundzahlen entsprechenden
Urwesen vollenden.
Geist, Seele, Urmaterie und Natur sind einfach, mit dem Körper aber
betreten wir das Gebiet des Zusammengesetzten. Alles ist hier entweder
Materie oder Form, Substanz oder Accidens. Die ersten Substanzen sind
Materie und Form, die ersten Accidenzen oder Eigenschaften Raum,
Bewegung und Zeit, denen man wohl im Sinne der Brüder den Ton und
das Licht hinzufügen könnte. Die Materie ist eins, alle Vielheit und
Verschiedenheit rührt von den Formen her. Die Substanz wird auch als
die konstituierende, materielle, das Accidens als die vollendende,
geistige Form bezeichnet. Klar spricht die Encyklopädie sich nicht
aus. Jedenfalls aber wird die Substantialität mehr im Allgemeinen als
im Besonderen gesucht und die Form der Materie vorgezogen. Wie ein
Gespenst schreckt die substantielle Form von jedem Eingehen auf das
Materielle ab. Wie Herren nach ihrer Willkür wandern die Formen durch
die niedere Welt der Materie. Von einer inneren Beziehung zwischen
Materie und Form ist keine Spur zu entdecken. Nicht nur gedanklich,
sondern auch real lassen sie sich trennen.
Hieraus lässt sich schon ein Begriff von der Naturgeschichte der
Brüder bilden. Man hat sie als Darwinisten des zehnten Jahrhunderts
hingestellt. Nichts ist weniger richtig. Zwar ergeben die verschiedenen
Reiche der Natur, nach der Encyklopädie, eine aufsteigende und
zusammenhängende Reihe. Aber nicht nach der Körperbildung wird
das Verhältnis bestimmt, sondern nach der inneren Form oder der
Seelensubstanz. In mystischer Weise wandert die Form vom Niederen zum
Höheren und umgekehrt, nicht nach inneren Bildungsgesetzen oder durch
Anpassung an das Äußere modifiziert, sondern nach den Einwirkungen
der Gestirne und, wenigstens beim Menschen, nach praktischem und
theoretischem Verhalten. Eine Entwicklungsgeschichte in modernem Sinne
zu geben, lag den Brüdern ganz fern. Ausdrücklich betonen sie z. B.,
Pferd und Elephant seien menschenähnlicher als der Affe, obgleich beim
letzteren die körperliche Übereinkunft größer. Aber der Körper ist
ja etwas ganz Nebensächliches in ihrem System, der Tod des Körpers
heißt die Geburt der Seele. Nur die Seele ist ein wirkendes Wesen,
das sich den Körper schafft.
8. Die Naturlehre der Brüder geht demnach fast vollständig in
Psychologie auf. Beschränken wir uns hier auf die menschliche
Seele. Sie steht in der Mitte des Alls. Wie die Welt ein großer Mensch,
ist der Mensch eine kleine Welt.
Die menschliche Seele ist von der Weltseele emaniert, und die Seelen
sämtlicher Individuen bilden zusammen eine Substanz, die man den
absoluten Menschen oder den Geist der Menschheit nennen könnte. Jede
Einzelseele aber steckt in der Materie und muss sich allmählich
zum Geiste hinbilden. Dazu hat sie viele Vermögen oder Kräfte. Von
diesen sind die theoretischen Vermögen die vorzüglichsten, denn in
der Erkenntnis besteht das Leben der Seele.
Die Seele des Kindes ist zunächst wie ein weißes Blatt. Was die fünf
Sinne ihr zuführen, wird, vorn, mitten und hinten im Gehirne, erstens
vorgestellt, zweitens beurteilt und drittens aufbewahrt. Durch das
Vermögen der Sprache und die Schreibkunst, womit die entsprechende
Fünfzahl innerer Sinne erreicht ist, wird dann der Vorstellungsinhalt
verwirklicht.
Unter den äußeren Sinnen geht das Gehör dem Gesichte voran, denn
dieses bezieht sich, ein Sklave des Augenblickes, auf das sinnlich
Gegenwärtige, dagegen das Gehör auch Vergangenes erfasst und die
Harmonie der tönenden Sphären empfindet. Gehör und Gesicht bilden
zusammen die Gruppe geistiger Sinne, deren Wirkung zeitlos von statten
gehen soll.
Während nun der Mensch die äußeren Sinne mit den Tieren gemein hat,
so bekundet sich in der Urteilskraft, in der Sprache und im Handeln
die spezifisch menschliche Vernunft. Diese urteilt über gut und
böse, nach welchem Urteile der Wille sich entscheidet. Besonders
aber ist die Bedeutung der Sprache für das Erkenntnisleben der Seele
hervorzuheben. Ein Begriff, der nicht durch irgend einen Ausdruck in
irgend einer Sprache bezeichnet werden kann, ist eben kein denkbarer
Begriff. Das Wort ist der Körper des Gedankens, der rein für sich
nicht bestehen kann.
Wie aber diese Auffassung vom Verhältnis zwischen Begriff und Ausdruck
zu sonstigen Meinungen der Brüder stimmen soll, ist nicht einzusehen.
9. Auf ihrer höchsten Stufe wird die Lehre der Brüder
Religionsphilosophie. Eine Versöhnung zwischen Wissenschaft und
Leben, Philosophie und Glauben ist ihre Absicht. Da sind nun die
Menschen sehr verschieden. Der gewöhnliche Mensch braucht einen
sinnlichen Gottesdienst. Aber wie die Seele des gemeinen Mannes
Tier- und Pflanzenseele unter sich hat, so stehen über ihr die
Seele des Philosophen und des Propheten, dem sich der reine Engel
anschließt. Auf den höheren Stufen erhebt sich die Seele auch über
die niedere Volksreligion, deren sinnliche Vorstellungen und Gebräuche.
Als die vollkommenere religiöse Offenbarung erschien den Brüdern
wohl das Christentum, auch der zoroastrische Glaube. Unser
Prophet Mohammed, sagen sie, wurde an ein ungebildetes Volk von
Wüstenbewohnern geschickt, die weder von der Schönheit dieser Welt
noch von dem geistigen Charakter der jenseitigen eine richtige
Vorstellung besaßen. Die grobsinnlichen Ausdrücke des Korans, dem
Verständnis jenes Volkes angepasst, sollen von den höher Gebildeten
in spiritualistischem Sinne verstanden werden.
Aber auch die anderen Volksreligionen haben die Wahrheit nicht
rein. Über sie alle hinaus gibt es einen Vernunftglauben, für den
die Brüder sogar eine metaphysische Ableitung versuchen. Zwischen
Gott und sein erstes Geschöpf, den schaffenden Geist, wird als
Hypostase das göttliche Weltgesetz (nâmûs) eingeschoben. Es ist das
die über Alles sich erstreckende weise Anordnung eines barmherzigen
Schöpfers, der Niemandem Böses will. Den Glauben an einen zornigen
Gott, an Höllenstrafen und dergleichen erklären die Brüder für
widervernünftig. Ein solcher Glaube thut der Seele weh. Die unwissende,
sündige Seele findet schon in diesem Leben, in ihrem eigenen Leibe
die Hölle. Auferstehung dagegen heißt die Trennung der Seele von
ihrem Körper. Und die große Auferstehung am jüngsten Tage ist die
Trennung der Allseele von der Welt, ihre Rückkehr zu Gott. Das Ziel
sämtlicher Religionen ist ja die Hinwendung zu Gott.
10. Die Ethik der Brüder hat einen asketisch-spiritualistischen
Charakter, obgleich sich auch hier der Eklektizismus zeigt. Gut handelt
nach ihr der Mensch, wenn er der richtigen Natur folgt, lobenswert
ist die freie That der Seele, vortrefflich sind die aus vernünftiger
Überlegung hervorgegangenen Handlungen, und einer Belohnung, d. h. der
Erhebung zur himmlischen Sphärenwelt wert ist endlich die Befolgung des
göttlichen Weltgesetzes. Dazu bedarf es der Sehnsucht nach oben. Die
höchste Tugend ist deshalb die Liebe, die nach Vereinigung mit Gott,
dem ersten Geliebten, hinstrebt, die sich aber auch in diesem Leben
als religiöse Duldung und Schonung aller Geschöpfe bethätigt. Ihr
Gewinn im Diesseits ist Seelenruhe, Herzensfreiheit, Frieden mit der
ganzen Welt, und im Jenseits das Aufsteigen zum ewigen Lichte.
Nach alledem braucht es uns nicht zu wundern, dass dem Leibe viel
Schlechtes nachgesagt wird. Unser wahres Wesen heißt die Seele,
unseres Daseins höchster Zweck soll es sein, mit Sokrates dem Geiste,
mit Christus dem Gesetz der Liebe zu leben. Dennoch ist der Leib zu
schonen und zu pflegen, damit die Seele Zeit habe, sich vollkommen
zu entwickeln. In diesem Sinne wird von den Brüdern ein menschliches
Bildungsideal aufgestellt, dessen Züge den Charakteren verschiedener
Völker entlehnt sind. Der ideale, sittlich vollkommene Mensch soll
nämlich ostpersischer Abstammung sein, arabisch seinem Glauben nach,
von iraqischer (babylonischer) Bildung, erfahren wie ein Hebräer,
ein Christusjünger in seinem Wandel, fromm wie ein syrischer Mönch,
ein Grieche in den Einzelwissenschaften, ein Inder in der Deutung
aller Geheimnisse, endlich aber und zuhöchst ein Sufi in seinem
ganzen Geistesleben.
11. Der Versuch einer Versöhnung, die auf diese Weise zwischen
Wissen und Glauben sollte hergestellt werden, hat nach keiner Seite
befriedigt. Auf die allegorische Koraninterpretation der Brüder
blickten die theologischen Dialektiker herab, wie heutzutage
unsere Gottesgelehrten auf die neutestamentliche Exegese des
Grafen Tolstoi. Und die reineren Aristoteliker betrachteten
die pythagoreisch-platonische Richtung der Encyklopädie wie
ein heutiger Philosophieprofessor Spiritismus, Occultismus und
derartige Erscheinungen anzusehen pflegt. Aber in der breiten
Masse der gebildeten oder halbgebildeten Welt haben die Schriften
oder doch die Ansichten der treuen Brüder von Basra eine bedeutende
Wirkung erzielt, von der die vielen, meist jungen Handschriften der
umfangreichen Encyklopädie beredtes Zeugnis ablegen. Bei vielen Sekten
innerhalb der islamischen Welt, Batiniten, Ismaeliten, Assasinen,
Drusen, oder wie sie sonst heißen mögen, finden wir der Hauptsache
nach dieselben Lehren wieder. Vorzugsweise in dieser Form hat sich
griechische Weisheit im Osten acclimatisieren können, während die
aristotelische Schulphilosophie fast nur im Treibhause fürstlicher
Gönner gedeihen wollte. Der große Kirchenvater Gazali that die
Weisheit der Brüder gar leicht als Popularphilosophie ab, scheute
sich aber nicht, von ihnen das Gute herüberzunehmen. Er verdankt ihrem
Gedankenkreise mehr, als er wohl selbst eingestehen mochte. Auch von
anderen, besonders in encyklopädischen Werken, sind ihre Abhandlungen
ausgenutzt worden. Die Wirkung der Encyklopädie dauert noch fort im
muslimischen Osten. Vergebens hat man sie, zusammen mit den Schriften
Ibn Sina's, im Jahre 1150 zu Bagdad verbrannt.
IV. DIE NEUPLATONISCHEN ARISTOTELIKER DES OSTENS.
1. Kindi. [14]
1. Kindi steht in mannigfachen Beziehungen zu den mutazilitischen
Dialektikern und den neupythagoreischen Naturphilosophen seiner Zeit
und wir hätten ihn also schon vor Razi (s. III, 1 § 5) unter den
letzteren behandeln können. Doch hat ihn die Tradition einstimmig als
den ersten Peripatetiker im Islam hingestellt. Mit welchem Rechte,
wird sich, soweit es aus den wenigen mangelhaft erhaltenen Schriften
dieses Philosophen möglich ist, im folgenden ergeben.
Abu Jaqub ibn Ishaq al-Kindi (d. h. aus dem Stamme Kinda) war
arabischer Abstammung, und wurde deshalb, im Unterschiede von seinen
vielen nichtarabischen Genossen, die sich mit Weltweisheit abgaben,
der arabische Philosoph genannt. Er führte seinen Stammbaum auf die
alten Kinda-Fürsten zurück. Ob er dazu das Recht besaß, lassen wir
dahingestellt bleiben. Jedenfalls hatte der südarabische Kindastamm
es in der äußeren Kultur weiter gebracht als andere Stämme. Viele
Kinditen hatten sich auch schon früh in Iraq (Babylonien) angesiedelt,
wo dann unser Philosoph in Kufa, davon sein Vater Statthalter war,
geboren wurde, vermutlich am Anfange des neunten Jahrhunderts. Seine
Erziehung erhielt er wahrscheinlich teilweise in Basra, ferner in
Bagdad, also in den Mittelpunkten der damaligen Bildung. Hier lernte
er persische Kultur und griechisches Wissen höher schätzen als alte
Arabertugend und muslimischen Glauben. Er behauptete sogar, wohl
nach anderen, Kachtan, der Stammvater der Südaraber, sei ein Bruder
Jaunan's gewesen, von dem die Griechen herstammen. So etwas konnte
man sagen in Bagdad, am abbasidischen Hofe, wo man keine Nationalität
kannte und die alten Griechen bewunderte.
Wie lange und in welcher Stellung Kindi am Hofe weilte, ist nicht
bekannt. Er wird als Übersetzer griechischer Werke ins Arabische
genannt und soll die Arbeiten anderer verbessert haben, u. a. die
sogenannte Theologie des Aristoteles. Zahlreiche Diener und Schüler,
deren Namen uns überliefert sind, waren vermutlich unter seiner
Aufsicht damit beschäftigt. Ferner mag er dem Hofe als Astrologe oder
Arzt, vielleicht auch bei der Finanzverwaltung, Dienste geleistet
haben. Später aber wurde er entfernt, als er von der orthodoxen
Restauration unter Mutawakkil (847-861) mit betroffen ward, und seine
Bibliothek eine Zeit lang konfisziert. In Bezug auf seinen Charakter
sagt ihm die Überlieferung nach, er sei geizig gewesen, was übrigens
viele andere Schöngeister und Bücherliebhaber sollen gewesen sein.
Ebensowenig wie Kindi's Geburts-, ist sein Todesjahr bekannt. Er
scheint also in Ungnaden oder doch in untergeordneter Stellung
gestorben zu sein. Dass Masudi (s. II, 4 § 4), der ihn sehr schätzte,
ganz darüber schweigt, ist befremdend. Höchstwahrscheinlich lebte
er noch nach dem Jahre 870, wie aus einer seiner astrologischen
Abhandlungen hervorgeht. Der Ablauf einer kleinen Weltperiode
stand damals bevor, und das wurde von den Karmaten zur Stürzung des
Fürstenhauses benutzt. Da war nun aber Kindi reichsfreundlich genug,
den von einer Konjunktion bedrohten Bestand des Staates um etwa 450
Jahre zu verlängern. Sein fürstlicher Gönner konnte zufrieden sein
und die Geschichte hat sich bis auf ein halbes Jahrhundert gefügt.
2. Kindi war ein Polyhistor, er hatte die ganze gelehrte Bildung
seiner Zeit in sich aufgenommen. Als Geograph, Kulturhistoriker
und Mediziner mag er eigene Beobachtungen angestellt und mitgeteilt
haben, ein schöpferischer Geist ist er keinesfalls gewesen. Seine
theologischen Ansichten zeigen mutazilitisches Gepräge. Er schrieb
nämlich über das menschliche Vermögen zu handeln und die Zeit seines
Entstehens, ob vor oder zugleich mit der That. Ausdrücklich betonte er
die Gerechtigkeit und die Einheit Gottes. Gegen die damals als indisch
oder brahmanisch bekannte Theorie, als einzige Erkenntnisquelle
reiche die Vernunft aus, verteidigte er die Prophetie, suchte
diese aber mit der Vernunft in Einklang zu bringen. Seine Kenntnis
verschiedener Religionssysteme forderte ihn zur Vergleichung auf. Als
allen gemeinsam fand er den Glauben heraus, dass die Welt das Werk
einer ewigen einheitlichen Ursache sei, für die unser Wissen keine
nähere Bezeichnung besitze. Es sei aber die Pflicht der Einsichtigen,
diese Ursache als göttlich anzuerkennen. Die Gottheit selbst habe
ihnen dazu den Weg gezeigt, auch Gesandte geschickt zum Zeugnis,
die den Gehorsamen ewige Glückseligkeit verheißen, den Ungehorsamen
aber entsprechende Bestrafung androhen sollen.
3. Kindi's eigentliche Philosophie ist, wie diejenige
seiner Zeitgenossen, an erster Stelle Mathematik und
Naturphilosophie, wobei dann Neuplatonisches und Neupythagoreisches
ineinanderfließen. Es wird nach ihm keiner Philosoph ohne das Studium
der Mathematik. Phantastisches Spiel mit Zahlen und Buchstaben findet
sich öfter in seinen Schriften. Er wandte auch die Mathematik auf die
Medizin an in der Lehre von den zusammengesetzten Heilmitteln. Er
gründete nämlich die Wirkung dieser Mittel, ähnlich derjenigen der
Musik, auf die geometrische Proportion. Es handelt sich hier um die
Proportionalität der sinnlichen Qualitäten: warm, kalt, trocken und
feucht. Soll ein Heilmittel im ersten Grade warm sein, dann muss
es das Doppelte an Wärme besitzen von der gleichmäßigen Mischung,
im zweiten Grade das Vierfache u. s. w. Die Entscheidung darüber
scheint Kindi dem Sinne, besonders dem Geschmacke anvertraut zu
haben, sodass wir bei ihm eine Ahnung von der Proportionalität der
Sinnesempfindungen hätten. Das war nun, wenn überhaupt originell,
bei ihm wohl nichts anderes als eine mathematische Spielerei. Cardan
aber, ein Philosoph der Renaissance, hat ihn wegen dieser Lehre noch
zu den zwölf subtilsten Geistern gerechnet.