"Ich habe allgemeine Bildung und Pflichtenlehre unterrichtet, bin

als Prediger aufgetreten und habe von dem Minarete der Moscheen

den Gebetsruf erschallen lassen. Gelehrten Sitzungen und frommen

Übungen habe ich beigewohnt. Ich habe Suppe mit den Sufis, Brei mit

den Mönchen und Schiffskost mit den Matrosen gegessen. Manchmal war

ich die Eingezogenheit selbst, dann wieder aß ich verbotene Speisen

gegen mein besseres Wissen. Ich ging mit den Einsiedlern des Libanons

um und dann wieder lebte ich am fürstlichen Hofe. Kriege habe ich

mitgemacht, auch saß ich gefangen und wurde als Spion in den Kerker

geworfen. Mächtige Fürsten und Minister gaben mir Gehör, dann schloss

ich mich wieder einer Räuberbande an oder saß als Kleinhändler auf

dem Markte. Viel Ehren und Ansehen genoss ich, aber ebenso musste

ich Schimpfworte hören und mich zum Eide erniedrigen, als ich der

Ketzerei oder schlechter Handlungen verdächtigt ward." [13]

Wir sind heutigen Tages gewöhnt, uns den Orientalen in beschaulicher

Ruhe, Glauben und Sitte der Väter ergeben, vorzustellen. Ganz richtig

ist die Vorstellung nicht. Aber weit weniger als zu der gegenwärtigen

Lage stimmt sie zu der Verfassung des Islam in den ersten vier

Jahrhunderten, als dieser sich anschickte, den Besitz nicht nur der

äußeren Güter der Welt, sondern auch der geistigen Errungenschaften

der Menschheit zu ergreifen.

III. DIE PYTHAGOREISCHE PHILOSOPHIE.

1. Die Naturphilosophie.

1. Euklid und Ptolemäus, Hippokrat und Galen, einiges von Aristoteles,

dazu ein umfangreiches neupythagoreisches und neuplatonisches

Schrifttum, damit sind die Elemente der arabischen Naturphilosophie

bezeichnet. Es ist eine Popularphilosophie, die, besonders durch die

Sabier von Harran vermittelt, bei Schiiten und anderen Sekten Aufnahme

fand, und die in der Folge nicht nur höfische Kreise, sondern auch eine

ganze Masse von Gebildeten und Halbgebildeten ergriff. Einzelheiten

aus den Schriften des "Logikers" Aristoteles wurden aufgenommen, aus

der Meteorologie, aus der ihm zugeschriebenen Schrift Über die Welt,

aus dem Buch der Tiere, der Psychologie u. s. w., aber der Geist

des Ganzen ist von Pythagoras-Platon, von Stoikern und von späten

Astrologen und Alchemisten bestimmt. Menschliche Neugierde und frommer

Sinn, die Gottes Geheimnisse aus seinen Geschöpfen herauslesen möchten,

gehen dabei über das praktische Bedürfnis, das etwas Rechenkunst für

die Verteilung der Erbschaft und für den Handel, auch etwas Astronomie

für die Zeitbestimmung gottesdienstlicher Verrichtungen brauchte,

weit hinaus. Von überall her holt man sich seine Weisheit herbei. Es

bekundet sich darin eine Gesinnung, die von Masudi richtig formuliert

wurde: es sei das Gute anzuerkennen, ob es sich beim Feinde oder beim

Freunde finde. Sollte doch Ali, der Fürst der Gläubigen, gesagt haben:

"Die Weltweisheit ist das verirrte Schaf des Gläubigen, nimm es wieder

auf, wenn auch von den Ungläubigen".

2. Der Patron mathematischer Studien im Islam ist Pythagoras. Zwar wird

Griechisches und Indisches gemischt, aber Alles unter neupythagoreische

Gesichtspunkte gestellt. Ohne das Studium der mathematischen

Disziplinen: Arithmetik und Geometrie, Astronomie und Musik, wird

Keiner, so heißt es, zum Philosophen oder gebildeten Arzt. Die

Zahlenlehre, höher geschätzt als die Messkunde, weil sie weniger zur

Anschauung spricht und den Geist dem Wesen der Dinge näher bringen

soll, gibt zu den ausschweifendsten Spielereien Veranlassung. Gott ist

selbstverständlich die große Eins, von der Alles ausgeht, selbst keine

Zahl, sondern Ursache der Zahl. Vor allem aber wird die Vierzahl, die

Zahl der Elemente u. s. w., von den Naturphilosophen bevorzugt. Bald

kann man über nichts im Himmel und auf Erden mehr reden und schreiben,

es sei denn in viergliedrigen Sätzen und viergeteilten Abhandlungen.

Von der Mathematik kam man schnell und leicht zur Astronomie und

Astrologie hinüber. Die altorientalische Praxis, die man vorfand,

wurde schon von den Hofastrologen der Omajjaden, eingehender aber am

abbasidischen Hofe weitergeführt. Man gelangte dabei zu Spekulationen,

die dem Offenbarungsglauben zuwiderliefen und deshalb von den Hütern

der Religion niemals gebilligt werden konnten. Für den Gläubigen

bestand nur der Gegensatz: Gott und Welt, oder dieses Leben und das

zukünftige. Für den Astrologen aber gab es zwei Welten, eine himmlische

und eine irdische, und Gott und das Jenseits lagen in weiter Ferne. Je

nachdem nun das Verhältnis zwischen den Himmelskörpern und den Dingen

unter dem Monde vorgestellt wurde, bildete sich eine verständige

Astronomie oder eine phantastische Astrologie heraus. Ganz frei vom

astrologischen Wahne waren nur wenige. Solange nämlich das ptolemäische

System die Wissenschaft beherrschte, war es einem gänzlich Ungebildeten

leichter, den Unsinn zu verspotten, als es dem gelehrten Forscher

war, ihn zu überwinden. War ihm doch diese Erde mit ihren Lebewesen

ein Erzeugnis himmlischer Kräfte, ein Abglanz himmlischen Lichtes,

ein Nachklang der ewigen Sphärenharmonie. Wer nun den Sternen-

und Sphärengeistern Vorstellung und Willen zuschrieb, ließ sie die

Stelle der göttlichen Vorsehung vertreten, führte auf ihre Thätigkeit

also Gutes und Böses zurück und suchte aus dem Stande ihrer Körper,

mittelst derer sie nach dauernden Gesetzen auf das Irdische wirken, die

zukünftigen Ereignisse zu erkunden. Andere freilich bezweifelten diese

Vorsehung zweiter Ordnung, sei es aus Erfahrungs- und Vernunftgründen,

sei es aus dem peripatetischen Glauben, dass die seligen himmlischen

Wesen reine denkende Geister seien, über Vorstellung und Willen, somit

über alle sinnliche Besonderheit erhaben, sodass ihre fürsorgliche

Wirkung nur das Wohl des Ganzen bezwecke, niemals aber auf die

Einzelpersönlichkeit oder das Einzelgeschehen sich beziehen könne.

3. Auf dem Gebiete der Naturwissenschaften haben muslimische

Gelehrte ein reiches Material zusammengebracht, zu einer wirklich

wissenschaftlichen Behandlung ist es aber kaum irgendwo gekommen. In

den einzelnen Naturwissenschaften, deren Ausbildung hier nicht

verfolgt werden kann, hielt man sich an überlieferten Systemen. Um

die Weisheit Gottes und die Wirkungen der Natur, die als eine Kraft

oder eine Emanation der Weltseele gefasst wurde, zu ergründen,

wurden alchemistische Versuche angestellt, die Zauberkräfte der

Talismane geprüft, die Einflüsse der Musik auf Tier- und Menschenseele

erforscht, physiognomische Beobachtungen gemacht, die Wunder des

Schlaf- und Traumlebens, der Wahrsagerei und Prophetie zu deuten

versucht u. s. w. Im Mittelpunkt des Interesses stand natürlich der

Mensch als Mikrokosmos, der sämtliche Elemente und Kräfte des Alls

in sich vereinigen soll. Als das Wesentliche am Menschen galt die

Seele. Ihr Verhältnis zur Weltseele und ihr zukünftiges Los waren

Gegenstände der Forschung. Aber auch über die Vermögen der Seele und

deren Lokalisierung in Herz und Hirn wurde viel spekuliert. Einige

hielten sich an Galen, andere gingen über ihn hinaus und ließen den

fünf äußeren Sinnen fünf innere entsprechen, eine Lehre, die, nebst

ähnlichen Naturgeheimnissen, auf Apollonius von Tyane zurückgeführt

wurde.

Es versteht sich, dass bei dem Studium der mathematischen

und naturwissenschaftlichen Disziplinen die verschiedensten

Verhaltungsweisen gegenüber den Religionslehren möglich waren. Doch

wurden die propädeutischen Wissenschaften, sobald sie selbständig

auftraten, dem Glauben immer gefährlich. Mit der Astronomie verband

sich leicht die Annahme von der Weltewigkeit, von einer ungeschaffenen

Materie, von Ewigkeit her bewegt. Und wenn die Himmelsbewegung ewig,

dann wohl auch der irdische Wechsel. Ewig sind, so wird von manchem

gelehrt, alle Reiche der Natur, ewig ist auch das Menschengeschlecht

und dreht sich im Kreise herum. Nichts Neues gibt es auf der Welt, wie

alles Andere wiederholen sich Ansichten und Begriffe der Menschen. Was

nur möglicherweise gethan, behauptet, gewusst werden kann, ist schon

dagewesen und wird einmal wieder da sein.

Darüber ließ sich nun trefflich reden und klagen, ohne dass die

Wissenschaft viel dadurch gefördert wurde.

4. Etwas nützlicher schien die Wissenschaft der Medizin zu sein, die

aus naheliegenden Gründen von den hohen Herren begünstigt wurde. Nicht

am wenigsten ihretwegen beauftragten die Chalifen so viele Männer

mit dem Übersetzen griechischer Werke. Kein Wunder also, dass der

Einfluss mathematisch-naturwissenschaftlicher Lehren, sowie der Logik,

auch in die Medizin eindrang. Der alte Mediziner war geneigt, sich mit

hergebrachten Zauberformeln und anderen von der Erfahrung erprobten

Mitteln zu begnügen. Aber die moderne Gesellschaft des neunten

Jahrhunderts forderte vom Arzte philosophisches Wissen. Er sollte die

"Naturen" der Nahrungs-, Genuss- und Heilmittel, die Mischungen des

Körpers und in jedem Falle die Einwirkungen der Gestirne kennen. Der

Arzt war der Bruder des Astrologen, dessen Wissen ihm imponierte,

weil es einen erhabeneren Gegenstand hatte als die medizinische

Praxis. Er sollte beim Alchemisten in die Schule gehen und nach

mathematisch-logischen Methoden seine Kunst ausüben. Es genügte den

Bildungsfanatikern des neunten Jahrhunderts nicht, dass der Mensch

nach dem Qijas, d. h. logisch richtig zu sprechen, zu glauben und sich

zu benehmen hatte, er musste sich außerdem nach dem Qijas kurieren

lassen. Wie über die Grundlagen der Glaubens- und Pflichtenlehre,

wurde, am Hofe Wathik's (842-847), über die Prinzipien der Medizin in

gelehrten Sitzungen disputiert. Es fragte sich nämlich, mit Anlehnung

an eine galenische Schrift, ob die Medizin auf Überlieferung,

Erfahrung oder Vernunfterkenntnis beruhe, oder aber ob sie durch

logische Deduktion (Qijas) auf mathematisch-naturwissenschaftliche

Sätze sich stütze.

5. Die hier flüchtig skizzierte Naturphilosophie galt den meisten

Gelehrten des neunten Jahrhunderts als Philosophie schlechthin, im

Gegensatz zu der theologischen Dialektik, und wurde als pythagoreisch

bezeichnet. Auch in das zehnte Jahrhundert ging sie hinüber und ihr

bedeutendster Vertreter wurde der berühmte Arzt Razi (gest. 923 oder

932). Dieser war in Rai geboren und mathematisch gebildet und hatte

dann mit großem Fleiße Medizin und Naturphilosophie studiert. Der

Dialektik war er abhold, er kannte die Logik nur bis zu den

kategorischen Figuren der ersten Analytik. Nachdem er als Direktor

des Krankenhauses seiner Vaterstadt und in Bagdad thätig gewesen war,

ging er auf Reisen und hielt sich an verschiedenen Fürstenhöfen auf,

u. a. bei dem Samaniden Mansur ibn Ishaq, dem er ein medizinisches

Werk widmete.

Vom ärztlichen Berufe und dem dazu erforderlichen Studium hat Razi

eine hohe Meinung. Die tausendjährige Weisheit der Bücher schätzt

er mehr als die Erfahrungen des Einzelnen in einem kurzen Leben,

zieht aber diese den nicht erfahrungsmäßig erprobten Folgerungen der

"Logiker" vor.

Das Verhältnis zwischen Leib und Seele denkt er sich von der Seele

bestimmt. Es sollen also die Zustände und Leiden der Seele aus der

Physiognomie sich erkennen lassen, der Mediziner soll zugleich

Seelenarzt sein. Er verfasste darum auch eine geistige Medizin,

eine Art Diätetik der Seele. Um die Vorschriften des muslimischen

Gesetzes, das Weinverbot u. s. w., kümmerte er sich dabei nicht. Sein

Libertinismus scheint ihn aber zum Pessimismus geführt zu haben. Er

fand nämlich mehr Übel als Gutes in der Welt und bezeichnete die Lust

als Abwesenheit von Unlust.

Wie hoch Razi den Aristoteles und Galen schätzte, um ein tieferes

Verständnis ihrer Werke hat er sich doch nicht sonderlich

bemüht. Eifrig betrieb er die Alchemie, seiner Ansicht nach eine

in der Existenz einer Urmaterie begründete wirkliche Kunst, die den

Philosophen unerlässlich sei, glaubte auch, sie wäre von Pythagoras,

Demokrit, Platon, Aristoteles und Galen ausgeübt worden. Entgegen

der peripatetischen Lehre nahm er an, der Körper habe das Prinzip

der Bewegung in sich selbst, was allerdings ein fruchtbarer Gedanke

in der Naturwissenschaft hätte werden können, wenn er anerkannt und

weiter ausgebildet worden wäre.

Razis Metaphysik geht aus von alten Lehren, die seine Zeitgenossen

dem Anaxagoras, Empedokles, Mani u. A. zuschrieben. An der Spitze

seines Systems stehen fünf gleichewige Prinzipien, der Schöpfer,

die Universalseele, die erste oder Urmaterie, der absolute Raum

und die absolute Zeit oder ewige Dauer. Damit sind die notwendigen

Bedingungen der wirklich existierenden Welt gegeben. Die einzelnen

Sinneswahrnehmungen setzen überhaupt eine Materie voraus, wie

die Zusammenfassung verschiedener wahrgenommener Gegenstände einen

Raum. Die wahrgenommenen Veränderungen zwingen uns ferner zur Annahme

einer Zeit. Die Existenz lebendiger Wesen führt uns auf eine Seele,

und dass einige von diesen lebendigen Wesen mit Vernunft begabt sind,

d. h. befähigt, die Künste zur höchsten Vollkommenheit zu bringen,

dies nötigt uns an einen weisen Schöpfer zu glauben, dessen Vernunft

alles aufs beste angeordnet hat.

Trotz der Ewigkeit seiner fünf Prinzipien spricht Razi also von einem

Schöpfer und gibt auch eine Schöpfungsgeschichte. Zuerst nämlich wurde

ein einfaches, reines, geistiges Licht erschaffen, die Materie der

Seelen, welche lichtartige, einfache, geistige Substanzen sind. Jene

Lichtmaterie oder die Oberwelt, aus der die Seelen herkamen, heißt auch

Vernunft oder Licht vom Lichte Gottes. Dem Lichte folgt der Schatten,

aus dem, zum Dienste der vernünftigen Seele, die animalische Seele

geschaffen wird. Zugleich aber mit dem einfachen, geistigen Lichte

war schon anfangs ein zusammengesetztes da, das ist der Körper, aus

dessen Schatten nun die vier Naturen, Wärme und Kälte, Trockenheit

und Feuchtigkeit, hervorgehen. Aus diesen vier Naturen werden zuletzt

sämtliche himmlische und irdische Körper gebildet. Aber das Alles

geschieht von Ewigkeit her, ohne zeitlichen Anfang, denn Gott war

nie ohne Thätigkeit.

Dass Razi Astrolog war, versteht sich nach dem Gesagten von selbst. Die

Himmelskörper bestehen ja nach ihm aus denselben Elementen wie die

irdischen Dinge und diese sind den Einwirkungen jener fortwährend

ausgesetzt.

6. Razi hatte sich nach zwei Seiten hin polemisch zu verhalten. Er

bekämpfte einerseits die muslimische Einheit Gottes, die keine ewige

Seele, Materie, Raum und Zeit neben sich duldet, andererseits aber

wendete er sich gegen das dahritische System, das keinen Weltschöpfer

anerkennt. Dieses System, das von muslimischen Schriftstellern öfter,

mit dem gehörigen Abscheu natürlich, erwähnt wird, scheint, wenn auch

zahlreiche, doch keine bedeutende Vertreter gefunden zu haben. Die

Anhänger des Dahr (s. I, 2 § 2) werden als Materialisten, Sensualisten,

Atheisten, Anhänger der Seelenwanderung u. s. w. uns vorgeführt,

aber Genaueres über ihre Lehren erfahren wir nicht. Die Dahriten

hatten jedenfalls nicht das Bedürfnis, alles Seiende auf ein Prinzip

zurückzuführen, das geistigen Wesens und schaffenden Wirkens war. Und

eines solchen Prinzipes bedurfte die muslimische Philosophie, sollte

sie sich mit der Glaubenslehre auch nur einigermaßen vertragen. Dazu

eignete sich die Naturphilosophie nicht, weil diese mehr Interesse

zeigte für die mannigfachen und oft gegensätzlichen Wirkungen der

Natur als für den Einen Urgrund des Alls. Besser aber erfüllte diesen

Zweck der neuplatonische Aristotelismus, dessen logisch-metaphysische

Spekulation darauf ausging, alles Seiende auf ein höchstes Sein

zurückzuführen oder alle Dinge aus einem obersten Wirkungsprinzip

abzuleiten. Doch bevor wir uns dieser Richtung des Denkens, die schon

im neunten Jahrhundert sich zu zeigen anfing, zuwenden, haben wir

noch über einen Versuch zu berichten, die Naturphilosophie mit den

Lehren des Glaubens zu einer Religionsphilosophie zu verschmelzen.

2. Die treuen Brüder von Basra.

1. Im Orient, wo jede Religion einen Staat im Staate bildete, trat

eine politische Partei, schon damit sie überhaupt Anhänger gewinne,

immer zugleich als religiöse Sekte auf. Prinzipiell kannte nun der

Islam keinen Unterschied zwischen den Menschen, keine Kasten oder

Stände. Aber Besitz und Bildung haben überall dieselbe Wirkung. Und

in ihrem Gefolge fing man an, Grade der Frömmigkeit und Stufen der

Erkenntnis aufzustellen, danach Gemeinde oder Partei sich einteilen

ließe. So entstanden geheime Gesellschaften mit verschiedenen Graden,

deren höchster oder nächsthöchster eine Geheimlehre besaß, die

der neupythagoreischen Naturphilosophie manches entlehnte. Zu ihrem

Zwecke, Eroberung politischer Macht, war jedes Mittel erlaubt. Für die

Eingeweihten wurde der Koran allegorisch ausgelegt. Zwar führte man

diese geheime Weisheit auf Propheten mit biblischen und koranischen

Namen zurück, es steckten aber heidnische Philosophen dahinter. Die

Philosophie wurde ganz zu einer politischen Mythologie umgebildet. Die

hohen Geister und Seelen, die theoretische Denker in Gestirnen

und Planeten erkannten, verkörperten sich für die Realpolitik in

menschliche Wesen, denen zur Gründung eines irdischen Reiches der

Gerechtigkeit behülflich zu sein, als religiöse Pflicht verkündigt

ward. Man kann die Gesellschaften, die solches betrieben, am besten

mit Vereinen vergleichen, wie sie bis auf den Saint-Simonismus und

verwandte Erscheinungen dieses Jahrhunderts, in Ländern, wo die

Geistesfreiheit beschränkt ist, aufzutreten pflegen.

Urheber einer solchen Bewegung war, in der zweiten Hälfte des

neunten Jahrhunderts, das Haupt der Karmatenpartei, Abdallah

ibn Maimun. Er war ein persischer Augenarzt, in der Schule der

Naturphilosophen gebildet. Gläubige und Freidenker wusste er in einen

Bund zusammenzuschließen, um den Versuch zu machen, die abbasidische

Regierung zu stürzen. Dem Einen war er ein Gaukler, dem Andern ein

frommer Asket oder ein gelehrter Philosoph. Seine Farbe war weiß,

weil seine Religion die des reinen Lichtes, zu dem die Seele nach

ihren irdischen Wanderungen aufsteigen sollte. Verachtung des Körpers,

Geringschätzung der materiellen, allen Bundesbrüdern gemeinsamen Güter

wurde gepredigt, sowie Hingebung an den Bund, Treue und Gehorsam bis

in den Tod gegen seine Oberen. Denn der Bund stufte sich in Graden

ab. Nach der Stufenfolge des Seins, Gott, Vernunft, Seele, Raum und

Zeit, stellte man sich die Offenbarung Gottes in der Geschichte und

in der Verfassung seines Bundes vor.

2. Die Hauptstätten der karmatischen Wirksamkeit waren Basra

und Kufa. Nun aber finden wir in der zweiten Hälfte des zehnten

Jahrhunderts in Basra eine kleine Gesellschaft von Männern, deren

Bund vier Grade haben soll. Inwiefern es den Brüdern gelungen ist,

die ideelle Gliederung ihres Bundes zu verwirklichen, wissen wir

freilich nicht. Dem ersten Grade gehören die jungen Männer von 15 bis

30 Jahren an, deren Seelen in natürlicher Weise ausgebildet werden. Als

Schüler haben sie sich ganz ihren Lehrern zu fügen. Der zweite Grad

(30-40 Jahre) wird in die Weltweisheit eingeführt und bekommt eine

analoge Erkenntnis der Dinge. Im dritten Grade (40-50 Jahre) wird

das göttliche Weltgesetz in adäquater Form erkannt, es ist das die

Stufe der Propheten. Im höchsten Grade endlich, wenn man über 50 Jahre

hinaus ist, erlebt man, wie die seligen Engel, die wahre Wirklichkeit

der Dinge. Man ist da über Natur, Lehre und Gesetz erhaben.

Aus diesem Brüderbunde ist uns eine stufenmäßig fortschreitende

Encyklopädie der damaligen Wissenschaften erhalten. Sie besteht

aus 51 (ursprünglich vielleicht 50) Abhandlungen, die inhaltlich

verschiedener Art und Herkunft sind, sodass es den Redaktoren oder

Compilatoren nicht gelungen ist, eine durchgängige Übereinstimmung

herzustellen. Im allgemeinen aber findet sich in dieser Encyklopädie

ein eklektischer Gnostizismus auf naturphilosophischer Grundlage mit

politischem Hintergrunde. Mit mathematischen Betrachtungen, voll

Zahlen- und Buchstabenspiel hebt die Darstellung an, durch Logik

und Physik, aber Alles auf die Seele und ihre Kräfte beziehend,

schreitet sie fort, um endlich in mystisch-zauberischer Weise sich

der Erkenntnis der Gottheit zu nähern. Das Ganze stellt sich als die

Lehre einer verfolgten Sekte dar, ab und zu blickt das Politische

hindurch. Wir sehen noch etwas von Leiden und Kampf, von Bedrückungen,

denen die Männer dieser Encyklopädie oder ihre Vorgänger ausgesetzt

waren, von Hoffnung, die sie hegen, von Duldung, die sie predigen. Sie

suchen in dieser spiritualistischen Philosophie Trost oder Erlösung,

sie ist ihre Religion. Treu bis zum Tode, heißt es, sollen die Brüder

sein, denn für der Freunde Wohl in den Tod zu gehen, das ist der wahre

heilige Krieg. Auf der Pilgerfahrt des Lebens durch diese Welt, so wird

die verpflichtete Reise nach Mekka allegorisiert, soll Einer dem Andern

mit allen Mitteln beistehen. Die Reichen sollen von ihren materiellen,

die Weisen von ihren geistigen Gütern den Anderen mitteilen. Doch ist

das Wissen, wie wir es in der Encyklopädie haben, wohl hauptsächlich

den Eingeweihten der höchsten Grade vorbehalten worden.

Es scheint nun allerdings dieser Bund der treuen Brüder von Basra,

wie vielleicht eine Zweigniederlassung in Bagdad, ein stilles

Dasein geführt zu haben. Die Brüder mögen sich zu den Karmaten etwa

verhalten haben wie die ruhigeren Taufgesinnten zu den revolutionären

Wiedertäufern des Königs von Sion.

Als Mitglieder des Bundes und Verfasser der Encyklopädie werden uns

von Späteren genannt: Abu Sulaiman Mohammed ibn Muschir al-Busti,

genannt al-Muqaddasi, Abu-l-Hasan Ali ibn Harun al-Zandschani,

Mohammed ibn Achmed al-Nahradschuri, al-Aufi und Zaid ibn Rifaa. Zur

Zeit ihres Wirkens hatte das Chalifat seine weltliche Macht schon ganz

dem schiitischen Bujidenhause (945) abtreten müssen. Wahrscheinlich

begünstigte dieser Umstand das Hervortreten mit einer Encyklopädie,

in der schiitische und mutazilitische Lehren mit den Ergebnissen der

Philosophie zu einem populären System zusammengefasst waren.

3. Die Brüder bekennen sich selbst zum Eklektizismus. Sie wollen

die Weisheit aller Völker und Religionen sammeln. Noah und Abraham,

Sokrates und Platon, Zoroaster und Jesus, Mohammed und Ali sind ihre

Propheten. Sokrates, Jesus und seine Apostel, sowie die Aliden,

werden als heilige Märtyrer ihres Vernunftglaubens verehrt. Das

Religionsgesetz in seinem buchstäblichen Sinne heißt gut für den

gemeinen Mann, eine Medizin für schwache und kranke Seelen; für starke

Geister aber ist die tiefere philosophische Einsicht. Der Körper wird

dem Tode geweiht, Sterben bedeutet Auferstehen zum reinen Leben des

Geistes, für diejenigen nämlich, die schon während ihres Erdendaseins

durch philosophische Betrachtungen aus sorglosem Schlummer und

thörichtem Schlaf erwacht sind. Mit endlosen Wiederholungen, durch

Legenden und Sagen spätgriechischer, jüdisch-christlicher, persischer

oder indischer Herkunft, wird dieses eingeschärft. Alles Vergängliche

wird dabei zum Gleichnis. Auf den Trümmern der positiven Religion und

der naiven Ansicht baut sich eine spiritualistische Philosophie auf,

alles Wissen und Streben der Menschheit, sofern es in den Gesichtskreis

der Brüder getreten ist, umfassend. Der Zweck ihres Philosophierens

heißt das Gottähnlichwerden der Seele, soweit es Menschen möglich ist.

In der Darstellung treten, aus begreiflichen Gründen, die negativen

Tendenzen der Brüder etwas zurück. Am rücksichtslosesten aber tritt

ihre Kritik der menschlichen Gesellschaft und der positiven Religionen

hervor in dem Buche vom Tier und Mensch, wo die Einkleidung es ihnen

ermöglicht, die Tiere sagen zu lassen, was aus menschlichem Munde zu

hören, bedenklich werden könnte.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 5 / 14 段