11. Im neunten Jahrhundert hatten sich im Kampfe gegen die

Mutaziliten mehrere dialektische Systeme ausgebildet, von denen

u. a. das karramitische sich lange über das zehnte Jahrhundert hinaus

erhielt. Aus den Reihen der Mutaziliten aber erstand der Mann, der

die Gegensätze zu vermitteln berufen war, und der das zunächst im

Osten, später im ganzen Islam als orthodox anerkannte Lehrsystem

aufstellte. Es war al-Aschari (873-935), der es verstand, Gotte zu

geben, was Gottes, und dem Menschen, was des Menschen ist. Den groben

Anthropomorphismus der antimutazilitischen Dialektiker wies er ab,

Gott über alles Körperliche und Menschliche hinausrückend, ihm aber

seine Allmacht und Allwirksamkeit lassend. Die Natur büßte bei ihm alle

ihre Wirksamkeit ein, dem Menschen aber wurde ein gewisses Verdienst

vorbehalten, darin bestehend, dass er den von Gott in ihm geschaffenen

Handlungen seine Zustimmung erteilen, sich dieselben als seine Thaten

aneignen könne. Auch wurde dem Menschen sein sinnlich-geistiges Wesen

nicht verkümmert. Er durfte hoffen auf die Auferstehung des Fleisches

und das Schauen Gottes. Was die koranische Offenbarung betrifft,

unterschied Aschari zwischen einem ewigen Worte in Gott und dem in

der Zeit geoffenbarten Buche, wie wir es besitzen.

Bei der Ausführung seiner Lehren zeigte sich Aschari in keiner Weise

originell, sondern er fasste nur Gegebenes vermittelnd zusammen,

was denn nicht ohne Widersprüche gelingen wollte. Die Hauptsache

jedoch war, dass seine Kosmologie, Anthropologie und Eschatologie,

zur Erbauung frommer Seelen, nicht allzu weit von dem Wortlaute der

Tradition sich entfernten, und dass seine Theologie, infolge einer

etwas vergeistigten Auffassung Gottes, auch höher Gebildete nicht

ganz unbefriedigt ließ.

Aschari stützt sich auf die Offenbarung des Korans. Eine davon

unabhängige Vernunfterkenntnis in Bezug auf göttliche Dinge erkennt

er nicht an. Die Sinne sollen im allgemeinen nicht täuschen, dagegen

wohl unser Urteil. Zwar erkennen wir Gott mit unserer Vernunft,

aber nur aus der Offenbarung, der einzigen Quelle solchen Wissens.

Gott ist nun, nach Aschari, zunächst der allmächtige Schöpfer. Ferner

ist er allwissend, er weiß, was die Menschen thun und was sie thun

wollen, was geschieht und wie das, was nicht geschieht, wenn es

geschähe, geschehen wäre. Dazu kommen Gott alle Bestimmungen zu, die

irgend eine Vollkommenheit ausdrücken, nur dass sie Gott in einem

anderen, höheren Sinne eignen als den Geschöpfen. In Schöpfung und

Erhaltung der Welt ist Gott die einzige Ursache; alles Weltgeschehen

rührt fortwährend unmittelbar von ihm her. Der Mensch aber ist

sich des Unterschiedes zwischen seinen unwillkürlichen Bewegungen,

wie Zittern und Beben, und seiner mit Willen und Wahl ausgeführten

Handlungen wohl bewusst.

12. Das Eigentümlichste, was die Dialektik der Muslime ausgebildet hat,

ist ihre Atomenlehre. Die Entwicklung dieser Lehre liegt noch fast ganz

im Dunkeln. Schon von Mutaziliten, besonders aber von deren Gegnern

vor Aschari ist sie vertreten worden. Unsere Darstellung zeigt, wie

sie sich in der ascharitischen Schule erhalten, zum Teil vielleicht

erst ausgebildet hat.

Die Atomenlehre der muslimischen Dialektiker hat ihre Quelle

allerdings in griechischer Naturphilosophie, aber ihre Aufnahme

und Weiterbildung sind von den Bedürfnissen theologischer Polemik

und Apologetik bestimmt, wie sich dies ähnlich bei einzelnen Juden

und bei gläubigen Katholiken beobachten lässt. Dass man, im Islam,

den Atomismus aufgegriffen habe, nur weil Aristoteles ihn bekämpfte,

ist nicht wohl glaublich. Wir haben hier einen verzweifelten Kampf

um ein religiöses Gut zu verzeichnen, dabei die Waffen nicht gewählt

werden. Der Zweck entscheidet. Die Natur soll nicht aus sich selbst

heraus, sondern aus einem göttlichen Schöpfungsakte erklärt; nicht als

eine ewige göttliche Ordnung, sondern als ein Geschöpf vergänglichen

Daseins diese Welt angesehen werden. Als freiwirkender, allmächtiger

Schöpfer soll Gott gedacht und benannt werden, nicht als unpersönliche

Ursache oder ruhender Urgrund. An der Spitze der muslimischen Dogmatik

steht daher seit alter Zeit die Schöpfungslehre als ein Zeugnis gegen

die heidnisch-philosophische Ansicht von der Ewigkeit der Welt und

von den Wirkungen der Natur.

Was wir von der Sinnenwelt wahrnehmen, so reden diese Atomisten, sind

vorübergehende Accidenzen, die jeden Augenblick kommen und gehen. Das

Substrat dieses Wechsels sind die (körperlichen) Substanzen, die,

weil in oder an ihnen Veränderungen vorgehen, nicht unveränderlich

gedacht werden können. Sind sie, die Substanzen, veränderlich,

dann können sie auch nicht dauerhaft sein, denn Ewiges ändert

sich nicht. Folglich ist Alles in der Welt, da Alles sich ändert,

entstanden, von Gott erschaffen.

Das ist der Ausgangspunkt. Von der Veränderlichkeit alles Existierenden

wird geschlossen auf den ewigen, unveränderlichen Schöpfer. Die

Späteren aber schließen, unter dem Einfluss muslimischer Philosophen,

von der Kontingenz oder Possibilität alles Endlichen auf das

notwendig-existierende Wesen Gottes.

Kehren wir zur Welt zurück. Sie besteht aus Accidenzen und deren

Substrate, die Substanzen. Substanz und Accidens oder Qualität sind die

zwei Kategorien, mittelst derer die Wirklichkeit begriffen wird. Die

übrigen Kategorien fallen entweder unter die der Qualität oder lösen

sich in Verhältnisse und Denkbestimmungen auf, denen, objektiv,

nichts entspricht. Die Materie als Möglichkeit ist nur im Denken,

die Zeit ist nichts anderes als Koexistenz verschiedener Gegenstände

oder simultane Beziehung der Vorstellung, und Raum und Größe kommen

zwar den Körpern zu, nicht aber den einzelnen Teilen (Atomen), aus

denen die Körper zusammengesetzt sind.

Was von den Substanzen überhaupt ausgesagt werden kann, sind

Accidenzen. Ihre Anzahl ist, an jeder einzelnen Substanz, zahlreich

oder gar, wie einige behaupten, unendlich, da von beliebigen

gegensätzlichen Bestimmungen, zu denen auch die negativen gehören,

jeder Substanz entweder die eine oder die andere zukomme. Das negative

Accidens hat um nichts weniger Realität als das positive. Gott schafft

auch die Privation und die Vernichtung, wofür es denn freilich

nicht leicht ist, das Substrat ausfindig zu machen. Und da jedes

Accidens immer nur seinen Sitz in irgend einer Substanz haben kann,

und nicht in einem anderen Accidens, so gibt es in Wirklichkeit kein

Allgemeines, mehreren Substanzen Gemeinsames. Die Universalien sind

in keiner Weise in den Einzeldingen, sie sind Begriffe.

Somit gibt es keine Verbindung zwischen den Substanzen, sie stehen

getrennt für sich als Atome, die einander gleich sind. Eigentlich

haben sie eine größere Ähnlichkeit mit den Homöomerien des Anaxagoras

als mit den kleinsten Stoffteilchen der Atomisten. Sie sind an sich

unräumlich (ohne makan), haben aber ihren Ort (hajjiz) und füllen durch

ihre Position den Raum aus. Es sind also unausgedehnte, punktuell

gedachte Einheiten, aus denen die räumliche Körperwelt aufgebaut

wird. Zwischen ihnen soll es ein Leeres geben, denn sonst wäre, da

die Atome nicht in einander eindringen, jede Bewegung unmöglich. Alle

Veränderung aber wird auf Vereinigung und Trennung, Bewegung und

Ruhe zurückgeführt. Sonstige, wirksame Beziehungen zwischen den

Atomen-Substanzen gibt es nicht. Sie sind einmal da und freuen sich

ihres Daseins, haben aber gar nichts mit einander zu thun. Die Welt

ist eine diskontinuierliche Masse, ohne lebendige Wechselwirkung.

Das Altertum hatte dieser Auffassung vorgearbeitet, u. a. auch mit

seiner Lehre von dem diskontinuierlichen Charakter der Zahl. Wurde

die Zeit nicht als die Zahl der Bewegung definiert? Warum sollte

man nun nicht jene Lehre auf Raum, Zeit und Bewegung übertragen? Die

Dialektiker thaten es, und es mag auch die Skepsis der Alten dabei

mitgewirkt haben. Wie die substanzielle Körperwelt wurden auch Raum,

Zeit und Bewegung in Atome ohne Ausdehnung, in Momente ohne Dauer

zerlegt. Die Zeit wird eine Aufeinanderfolge von vielen einzelnen

Jetzt, und zwischen je zwei Zeitmomenten gibt es ein Leeres. Ebenso

verhält es sich mit der Bewegung: zwischen je zwei Bewegungen gibt es

eine Ruhe. Eine schnelle und eine langsame Bewegung besitzen dieselbe

Geschwindigkeit, nur hat die letztere mehr Ruhepunkte. Um dann aber

über den leeren Raum, das unausgefüllte Zeitmoment und die Ruhepause

zwischen zwei Bewegungen hinauszukommen, wird die Lehre vom Sprunge

benutzt. Von Raumpunkt zu Raumpunkt soll die Bewegung, von Moment zu

Moment die Zeit weiterspringen.

Diese phantastische Lehre brauchte man eigentlich gar nicht. Sie

war eine Antwort auf naives Fragen. Konsequent hatte man die ganze

räumlich-zeitlich bewegte Körperwelt in Atome mit deren Accidenzen

zerstückt. Wohl behaupteten einige, dass zwar die Accidenzen jeden

Augenblick schwinden, die Substanzen dagegen dauernden Bestand haben,

aber andere machten da keinen Unterschied. Wie die Accidenzen, so

lehrten sie, bestehen auch die Substanzen, die ja Raumpunkte sind,

nur einen Zeitpunkt. Jeden Augenblick schafft Gott die Welt aufs neue,

sodass ihr jetziger Zustand weder mit dem unmittelbar vorhergehenden

noch mit dem gleich folgenden in irgend einem wesentlichen

Zusammenhange steht. Es gibt also eine Reihe aufeinander folgender

Welten, die sich nur scheinbar als eine Welt darstellen. Dass es für

uns so etwas wie Zusammenhang oder Kausalität in den Erscheinungen

gibt, rührt nur daher, dass es Allah nach seinem unergründlichen

Willen heut oder morgen nicht beliebt, die Gewohnheit des Geschehens

durch ein Wunder zu unterbrechen, was er aber jeden Augenblick zu thun

im Stande ist. Wie aller Kausalzusammenhang nach dem atomistischen

Kalam verschwindet, wird sehr gut durch das klassische Beispiel

vom schreibenden Menschen ausgedrückt. Gott schafft nämlich in ihm,

und zwar an jedem Zeitpunkte aufs neue, zuerst den Willen, dann das

Vermögen zu schreiben, darauf die Bewegung der Hand, und endlich die

Bewegung der Feder. Eins ist dabei völlig unabhängig von dem Andern.

Wenn man nun dagegen einwendet, dass mit der Kausalität oder der

Regelmäßigkeit des Weltgeschehens auch die Möglichkeit alles Wissens

aufgehoben sei, so erwidert der gläubige Denker, Allah wisse ja Alles

vorher schon, er schaffe nicht nur die Dinge der Welt und was sie zu

wirken scheinen, sondern auch das Wissen darum in der menschlichen

Seele, und wir brauchen nicht weiser zu sein als Er. Er weiß es

am besten.

Allah und die Welt, Gott und der Mensch, über diese Gegensätze konnte

die muslimische Dialektik nicht hinaus kommen. Außer Gott gibt es

nur Platz für körperliche Substanzen und deren Accidenzen. Das

Dasein menschlicher Seelen als unkörperlicher Substanzen, sowie

überhaupt die Existenz reiner Geister, beides von Philosophen und,

weniger bestimmt, von einigen Mutaziliten gelehrt, wollte nicht

recht stimmen zu der muslimischen Lehre von der Transcendenz Gottes,

der keinen Genossen hat. Die Seele gehört zu der Körperwelt. Leben,

Empfindung, Beseeltheit sind ebenso Accidenzen wie Farbe, Geschmack

und Geruch, Bewegung und Ruhe. Einige nehmen nur ein Seelenatom an,

nach anderen sind mehrere feine Seelenatome unter die Körperatome

gemischt. Das Denken haftet jedenfalls an einem einzigen Atom.

13. Nicht alle guten Muslime konnten sich bei der Dialektik

beruhigen. Der fromme Diener Gottes möchte doch auf andere Weise

seinem Herrn etwas näher kommen. Dieses Bedürfnis, schon anfangs im

Islam vorhanden, durch christliche und persisch-indische Einflüsse

verstärkt und unter entwickelteren Kulturverhältnissen mächtig

angewachsen, hat im Islam eine Reihe von Erscheinungen hervorgerufen,

die man als Mystik und Sufismus [11] zu bezeichnen pflegt. In dieser

Entwicklung eines muslimischen Heiligenwesens und Mönchtums hat sich

die Geschichte christlicher Mönche und Klöster in Syrien und Ägypten,

auch diejenige indischer Büßer wiederholt. Im Grunde haben wir es hier

also mit religiöser oder geistiger Praxis zu thun. Aber die Praxis

spiegelt sich immer im Denken, sie erhält ihre Theorie. Man bedurfte,

um ein intimeres Verhältnis mit der Gottheit zu Stande zu bringen,

vielfach symbolischer Handlungen und vermittelnder Personen. Diese nun

versuchten es, sich und den Eingeweihten die Geheimnisse der Symbole

zu enthüllen und außerdem ihre eigene vermittelnde Stellung in der

Stufenordnung des Alls zu begründen. Besonders neuplatonische Lehren,

teilweise aus der trüben Quelle des Pseudo-Dionysios des Areopagiten

und des heiligen Hierotheos (Stephen bar Sudaili?) mussten dazu

herhalten. Auch scheint der indische Yoga, wenigstens in Persien,

bedeutend eingewirkt zu haben. Meistens hielt sich die Mystik in

den Schranken der Orthodoxie, die immer auch verständig genug war,

Dichtern und Schwärmern etwas nachzusehen. In Bezug auf die Lehre,

dass Gott alles in allem wirke, waren Dialektiker und Mystiker

einverstanden. Dass aber Gott auch alles in allem sei, wurde von der

extremen Mystik hinzugefügt. Daraus entwickelte sich ein heterodoxer

Pantheismus, der die Welt zum leeren Scheine und das menschliche Ich

zum Gotte machte. So wird die Einheit Gottes zur Alleinheit, seine

Allwirksamkeit zur Allwesenheit. Höchstens gibt es außer Gott noch die

Eigenschaften oder Zustände der sufischen zu Ihm sich hinbewegenden

Seele. Eine Psychologie des Gefühles wird von sufischen Lehrern

entwickelt. Während, nach ihnen, unsere Vorstellungen von außen an

die Seele herankommen und unsere Strebungen eine Veräußerlichung des

Inneren bedeuten, besteht das wahre Wesen unserer Seele aus gewissen

Zuständen oder Gefühlen der Lust und Unlust. Das wesentlichste

von allen ist die Liebe. Weder Furcht noch Hoffnung, sondern die

Liebe erhebt uns zu Gott. Kein Wissen und kein Wollen, sondern die

Vereinigung mit dem Geliebten heißt Seligkeit.

Weit gründlicher als von den Dialektikern wird von diesen Mystikern

die Welt, und schließlich auch die Menschenseele vernichtet. Von

jenen ist sie der schaffenden Willkür, von diesen dem erleuchtenden,

liebenden Wesen Gottes zum Opfer dargebracht worden. In der Sehnsucht

nach dem Einen Geliebten wird die verwirrende Mannigfaltigkeit

der Dinge, wie sie unseren Sinnen und der Vorstellung erscheint,

abgestreift. Alles wird, im Sein wie im Denken, auf einen Punkt

konzentriert. Als Gegensatz denke man sich echtes Griechentum. Dort

wünschte man sich die Zahl der Sinne größer, um etwas mehr von dieser

schönen Welt erkennen zu können. Diese Mystiker aber schelten die

Vielheit der Sinne, weil sie Verwirrung in ihr Glück hineinbringt.

Doch macht die menschliche Natur sich überall geltend. Jene Welt und

Sinnen entsagenden Männer schwelgen oft bis in ein hohes Alter hinein

in den sinnlichsten Phantasien.

Dass viele sich gar wenig um die Glaubenslehre kümmerten, und dass die

asketische Moral der Sufis öfter in das Gegenteil sich verwandelte,

braucht uns nach alledem nicht zu wundern.

Die Entwicklung des Sufismus im einzelnen zu verfolgen, ist mehr eine

Aufgabe für die Religions- als für die Philosophiegeschichte. Auch

finden wir die philosophischen Elemente, die darin aufgenommen wurden,

bei den muslimischen Philosophen, denen wir im folgenden begegnen

werden.

4. Litteratur und Geschichte.

1. Arabische Poesie und Annalistik haben sich unabhängig von

Schulgelehrsamkeit ausgebildet. Im Laufe der Zeit aber wussten

Litteratur und Geschichtschreibung sich nicht von fremden Einflüssen

rein zu erhalten. Mit einigen Andeutungen, dies zu erhärten, müssen

wir uns hier begnügen.

Einen Bruch mit der poetischen Tradition des Arabertums, wie ihn

das Christentum in der germanischen Welt verursachte, bedeutete

die Einführung des Islam nicht. Schon die weltliche Litteratur

der Omajjadenzeit überlieferte viele Weisheitssprüche, zum Teil

aus der altarabischen Poesie, die der Koranpredigt Konkurrenz

machten. Abbasidenchalife, wie Mansur, Harun und Mamun, waren

litterarisch gebildeter als Karl der Große. Ihre Söhne wurden nicht nur

mit Koranlektüre erzogen, sondern auch mit den alten Dichtern und der

Volksgeschichte bekannt gemacht. Dichter und Litteraten wurden an die

Höfe gezogen und fürstlich belohnt. Dort erfuhr dann die Litteratur

den Einfluss gelehrter Bildung und philosophischer Spekulation, wenn

auch in den meisten Fällen recht oberflächlich. Dies zeigt sich vor

allem in skeptischen Äußerungen, frivoler Verspottung des Heiligsten

und Verherrlichung des Sinnengenusses. Daneben aber drangen weise

Sprüche, ernste Betrachtungen, mystische Spekulationen in die anfangs

nüchtern-realistische Poesie der Araber ein. Statt der sinnlichen

Frische der Darstellung trat ein ermüdendes Spiel mit Gedanken und

Gefühlen, wenn nicht gar mit leeren Worten, Metren und Reimen, ein.

2. Der hässliche Abu-l-Atahia (748-828) redet in seiner süßlichen

Poesie fast immer von unglücklicher Liebe und Verlangen nach dem

Tode. Seine Weisheit spricht er in diesen Versen aus:

Lass nach dem Zweifel den Verstand sich richten:

Vor Sünde schützt am besten das Verzichten.

Wer nur einiges Verständnis für das Leben und für Naturpoesie besitzt,

wird sich an seinen Weltentsagungsgedichten ebensowenig erfreuen

können, wie an den der Form nach zwar epigrammatischen, dem Inhalte

nach aber furchtbar langweiligen Versen des Mutanabbi (905-965),

den man wohl als den größten arabischen Dichter gefeiert hat.

Ebenso hat man über Gebühr Abu-l-Ala al-Maarri (973-1058) als

philosophischen Dichter erhoben. Seine, mitunter ganz ehrenwerten

Gesinnungen und verständigen Ansichten sind weder Philosophie noch ist

der gekünstelte und oft banale Ausdruck dafür Poesie. Als Philologe

oder Historiker hätte dieser Mann bei günstigeren Verhältnissen (er

war blind und nicht übermäßig reich) vielleicht in der niederen Kritik

etwas leisten können. Nun aber muss er statt Begeisterung für das Leben

freudenlose Entsagung predigen, an den politischen Verhältnissen,

den Anschauungen der gläubigen Menge und den wissenschaftlichen

Behauptungen der Gelehrten herumnörgeln, ohne selbst etwas

Positives aufstellen zu können. Es fehlt ihm fast ganz die Gabe der

Kombination. Analysieren kann er, aber er findet keine Synthese. Sein

Wissen ist unfruchtbar. Der Baum seiner Erkenntnis hat die Wurzeln in

der Luft, wie er selbst in einem seiner Briefe, wohl in anderem Sinne,

eingesteht. Er lebt als strenger Cölibatär und Vegetarianer, wie es

sich für einen Pessimisten geziemt. Es ist ja Alles, wie er in seinen

Gedichten ausspricht, eitel Tand. Das Geschick ist blind, die Zeit

verschont weder den König, der des Lebens genießt, noch den Frommen,

der seine Nächte durchwacht. Auch der widervernünftige Glaube löst

uns des Daseins Rätsel nicht. Was es hinter dem bewegten Himmel geben

mag, bleibt uns ewig verborgen. Religionen, welche da eine Aussicht

eröffnen, sind vom Eigennutz erfunden. Allerhand Sekten und Parteiungen

werden von den Mächtigen benutzt, ihre Gewalt zu sichern. Die Wahrheit

darüber darf man nur leise sagen. Darum ist es das klügste, sich von

der Welt entfernt zu halten, uneigennützig Gutes zu thun, weil dies

tugendhaft und schön ist, ohne irgendwelche Aussicht auf Belohnung.

Andere Schöngeister hatten eine praktischere Philosophie und wussten

sich besser in der Welt geltend zu machen. Sie huldigten der klugen

Lehre des Theaterdirektors aus Goethes Faust: Wer vieles bringt, wird

manchem etwas bringen. Der vollendetste Typus dieser Art ist Hariri

(1054-1122), dessen Held, der Bettler und Landstreicher Abu Zaid von

Serug als höchste Weisheit lehrt:

Hetze, statt gehetzt zu werden;

Welt ist all ein Wald für Hatzen.

Wenn der Falke dir entgangen,

Nimm fürlieb nur mit dem Spatzen;

Und erhältst du nicht den Thaler,

So begnüg' dich mit dem Batzen. [12]

3. Wie die Poesie, so zeichnete sich auch die Annalistik der alten

Araber durch scharfe Erfassung des Einzelnen aus, war aber einer

Gesamtauffassung der Ereignisse nicht fähig. Mit der gewaltigen

Ausdehnung des Reiches erweiterte sich dann der Blick. Zunächst wurde

ein großes Material gesammelt. Mehr als die religiösen Pilgerzüge

förderten Reisen zur Sammlung von Traditionen, zum Zwecke der

Verwaltung und des Handels, oder auch zur Befriedigung der Neugier

unternommen, das geschichtliche und geographische Wissen. Eigentümliche

Methoden der Forschung, auf den Wert der Überlieferung als Quelle

unseres Wissens sich beziehend, wurden ausgearbeitet. Mit derselben

Subtilität, wie in der Grammatik, ein ausgedehntes Feld der Beobachtung

ins Unendliche einteilend, mehr arabeskenhaft als übersichtlich,

bildete sich so eine Logik der Geschichte aus, die dem orientalischen

Auge um vieles schöner erscheinen musste als das aristotelische

Organon in seinem strengen Aufbau. Von vielen wurde die Überlieferung,

mit deren Beglaubigung man es in der Regel praktisch weniger genau

nahm als in der Theorie, dem Sinnenzeugnisse gleichgesetzt, und dem

Verstandesurteile, das ja so leicht Fehlschlüsse zulasse, vorgezogen.

Es gab aber immer Leute, die unparteiisch sich widersprechende Berichte

neben einander überlieferten. Andere, obgleich mit Schonung für die

Gefühle und Bedürfnisse der Gegenwart, hielten ihr mehr oder weniger

begründetes Urteil über Vergangenes nicht zurück, wie es denn oft

leichter ist, aus der Geschichte als aus dem Leben klug zu werden.

Neue Gegenstände der Forschung, neue Betrachtungsweisen traten

hinzu. Die Erdkunde nahm, z. B. in der Klimatogeographie,

Naturphilosophisches auf, die Geschichtsschreibung zog auch das

geistige Leben, Glauben und Sitte, Litteratur und Wissenschaft in den

Bereich ihrer Darstellung. Die Bekanntschaft mit anderen Ländern und

Völkern forderte vielfach zum Vergleiche auf. Und es kam also ein

internationales, humanistisches Element herein.

4. Ein Vertreter humanistischer Sinnesweise ist Masudi (gest. etwa

956). Er hat Interesse und Verständnis für Alles, was menschlich

ist. Überall lernt er von den Menschen, denen er begegnet, und

infolgedessen ist die Bücherlektüre, die seine Einsamkeit ausfüllt,

nicht unfruchtbar. Weder die enge Praxis des Lebens und Glaubens,

noch die luftigen Spekulationen der Philosophie sagen ihm zu. Er

kennt sein Talent. Und er findet bis zuletzt, wenn er fern von der

Heimat in Ägypten sein Alter verbringt, seinen Trost, die Medizin

seiner Seele, in dem Studium der Geschichte. Die Geschichte ist ihm

die allesumfassende Wissenschaft, seine Philosophie, die die Wahrheit

dessen, was war und ist, darzustellen hat. Auch die Weltweisheit mit

ihrer Entwicklung wird der Geschichte zum Gegenstande. Ohne diese

wäre ja alles Wissen längst zu Grunde gegangen. Denn die Gelehrten

kommen und gehen, aber die Geschichte verzeichnet ihre Geistesthaten

und stellt dadurch die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart

her. Ohne Vorurteil berichtet sie über die Ereignisse und über die

Ansichten der Menschen. Freilich, die Synthese der Thatsachen und die

eigene Meinung des Verfassers herauszufinden, das überlässt Masudi

oft dem verständigen Leser.

Nach ihm darf rühmend hervorgehoben werden der Geograph Maqdasi (oder

Muqaddasi, schrieb im Jahre 985), der viele Länder durchreiste und

in den verschiedensten Berufen auftrat, das Leben seiner Zeit kennen

zu lernen. Er ist ein wahrer Abu Zaid von Serug (vgl. II, 4 § 2),

nur dass er einen Zweck hat.

Kritisch geht er ans Werk. Er hält sich zu der Wissenschaft, die man

durch Forschen und Nachfragen, nicht durch Traditionsglauben oder

reine Vernunftschlüsse gewinnt. Was Geographisches im Koran steht,

erklärt er sich aus dem engen Gesichtskreise der Araber, dem Allah

sich anbequemt haben soll.

Sine ira et studio beschreibt er nun die Länder und Völker, die er mit

eigenen Augen sah. Er will an erster Stelle Selbsterlebtes darstellen,

dann was er von glaubwürdigen Leuten vernommen, und endlich was er in

Büchern gefunden. Aus seiner Selbstcharakteristik sind die folgenden

Sätze zusammengezogen:

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 4 / 14 段