1. Im Koran war den Muslimen eine Religion, keine Lehre, Gesetze,

aber keine Dogmen gegeben. Was sich darin der Logik widersetzte, was

wir uns aus den wechselnden Lebensverhältnissen und den verschiedenen

Stimmungen des Propheten erklären, wurde von den ersten Gläubigen

einfach hingenommen, ohne zu fragen nach dem Wie und Warum. In den

eroberten Ländern aber fand man eine ausgebildete christliche Dogmatik,

sowie zoroastrische und brahmanische Lehren vor. Wie viel die Muslime

den Christen verdanken, haben wir schon öfter betont. Die Glaubenslehre

ist von christlichen Einflüssen wohl am meisten bestimmt worden. In

Damaskus wirkten orthodoxe und monophysitische Lehren, in Basra und

Bagdad vielleicht mehr nestorianische und gnostische Theoreme auf

die Bildung muslimischer Dogmen ein. Litterarisches hat sich aus

der ersten Zeit dieser Bewegung wenig erhalten. Man wird sich aber

nicht irren, wenn man dem persönlichen Verkehre und dem schulmäßigen

Unterricht eine bedeutende Wirkung zuschreibt. Wie noch heute, lernte

man damals im Orient nicht viel aus Büchern, sondern mehr aus dem Munde

des Lehrers. Die Ähnlichkeit zwischen den ältesten Glaubenslehren im

Islam und den Dogmen des Christentums ist zu groß, dass man einen

direkten Zusammenhang leugnen könnte. Die erste Frage nämlich,

über die von muslimischen Gelehrten viel disputiert wurde, war die

nach der Freiheit des Willens. Die Willensfreiheit nun wurde von den

orientalischen Christen fast allgemein angenommen. Nie und nirgends hat

man vielleicht über das Willensproblem, in der Christologie zunächst,

aber auch in der Anthropologie, so viel hin und her geredet, wie in den

christlichen Kreisen des Ostens zur Zeit der muslimischen Eroberung.

Außer diesen zum Teil apriorischen Erwägungen gibt es auch vereinzelte

Notizen, die darauf hindeuten, dass einige von den ersten Muslimen,

welche die Willensfreiheit lehrten, christliche Lehrer hatten.

Schon aus den gnostischen Systemen, nachher aber aus der

Übersetzungslitteratur, gesellte sich zu den hellenistisch-christlichen

eine Anzahl rein philosophischer Elemente.

2. Eine nach logischer oder dialektischer Methode, sei es mündlich

oder schriftlich geäußerte, Behauptung nannten die Araber im

allgemeinen, ganz besonders aber in der Glaubenslehre, einen Kalam

(logos) und diejenigen, welche solche Behauptungen aufstellten,

hießen mutakallimun. Von der einzelnen Behauptung wurde der Name

auf das ganze System übertragen und darunter auch die einleitenden,

grundlegenden Bemerkungen über Methode u. s. w. mitverstanden. Wir

nennen die Wissenschaft des Kalam am besten theologische Dialektik

oder einfach Dialektik und übersetzen im folgenden Mutakallimun

mit Dialektiker.

Der Name Mutakallimun, anfangs allen Dialektikern gemeinsam, ward

später vorzugsweise den antimutazilitischen und orthodoxen Theologen

beigelegt. In letzterem Falle wäre er dem Sinne nach gut mit Dogmatiker

oder Scholastiker zu übersetzen. Hatten nämlich die ersten Dialektiker

das Dogma noch zu bilden, die späteren brauchten es bloß darzulegen

und zu begründen.

Die Einführung der Dialektik war eine gewaltige Neuerung

im Islam. Heftig wurde ihr von den Anhängern der Tradition

widersprochen. Was über die Pflichtenlehre hinausging, hieß ihnen

Ketzerei. Der Glaube sollte Gehorsam sein, nicht Erkenntnis, wie

Murdschiten und Mutaziliten behaupteten. Die Spekulation wurde von

diesen geradezu als eine Pflicht der Gläubigen hingestellt. Auch mit

dieser Forderung söhnte die Zeit sich aus. Der Überlieferung nach

hatte der Prophet schon gesagt: Das erste, was Gott geschaffen hat,

ist das Wissen, oder: die Vernunft.

3. Groß ist die Anzahl verschiedener Meinungen, die zum Teil schon in

der omajjadischen, hauptsächlich aber in der ersten abbasidischen Zeit

laut wurden. Je weiter sie auseinander gingen, um so schwerer war es

den Männern der Überlieferung, sich da hinein zu finden. Allmählich

aber sonderten sich gewisse einheitliche Lehrgruppen aus, von

denen das rationalistische System der Mutaziliten, der Nachfolger

der Qadariten, die weiteste Verbreitung, besonders unter Schiiten,

fand. Vom Chalifen Mamun bis Mutawakkil kam es sogar zur staatlichen

Anerkennung. Früher von der weltlichen Macht unterdrückt und verfolgt,

wurden die Mutaziliten jetzt selber Inquisitoren des Glaubens, denen

das Schwert die Stelle des Beweises vertrat.

Ungefähr zu derselben Zeit aber fingen auch ihre Gegner, die

Traditionarier, damit an, ein Glaubenssystem aufzubauen. Überhaupt

fehlte es nicht an Vermittelungen zwischen dem naiven Glauben der Menge

und der Gnosis der Dialektiker. Dem spiritualistischen Gepräge des

Mutazilitismus gegenüber trugen diese Vermittelungen in Bezug auf die

Gotteslehre einen anthropomorphistischen, in Bezug auf Anthropologie

und Kosmologie einen materialistischen Charakter. Die Seele z. B. wurde

von ihnen körperlich oder als ein Accidens des Körpers aufgefasst,

und das göttliche Wesen als ein menschlicher Körper vorgestellt. Den

bildlichen Gott-Vater der Christen verabscheute die Religionslehre

und Kunst der Muslime, aber abgeschmackte Grübeleien über die Gestalt

Allah's gab es im Islam die Fülle. Einige gingen so weit, ihm sämtliche

Körperglieder zuzusprechen, nur mit Ausnahme des Bartes und anderer

Privilegien orientalischer Männer.

Es ist unmöglich, all die dialektischen Sekten, die oft zunächst

als politische Parteien aufgetreten waren, ausführlicher zu

besprechen. Von philosophiegeschichtlichem Standpunkte genügt es auch,

die mutazilitischen Hauptlehren, insoweit sie ein allgemeines Interesse

beanspruchen dürfen, hier vorzuführen.

4. Die erste Frage nun betraf menschliches Handeln und menschliches

Schicksal. Die Vorläufer der Mutaziliten, Qadariten genannt,

lehrten die Willensfreiheit des Menschen. Auch noch in späterer

Zeit, als ihre Spekulation sich mehr auf theologisch-metaphysische

Probleme richtete, wurden die Mutaziliten immer zuerst bezeichnet

als Anhänger der göttlichen Gerechtigkeit, die kein Böses verursache

und nach seinem Verdienste den Menschen belohne oder strafe, dann

aber, an zweiter Stelle, als Bekenner der Einheit Gottes, d. h. der

Eigenschaftslosigkeit seines Wesens, an sich betrachtet. Auf die

systematische Darstellung ihrer Lehren werden die Logiker (s. IV,

2 § 1) ihren Einfluss ausgeübt haben. Schon in der ersten Hälfte

des zehnten Jahrhunderts fing das mutazilitische System mit dem

Einheitsbekenntnis an und war die Lehre von Gottes Gerechtigkeit, die

sich in allen seinen Werken kund gebe, an die zweite Stelle gerückt.

Mit der Behauptung der Willensfreiheit sollte die menschliche

Verantwortlichkeit, sowie die Heiligkeit Gottes, der nicht die sündigen

Handlungen der Menschen unmittelbar hervorbringen könne, gerettet

werden. Darum musste der Mensch Herr seiner Thaten sein, aber auch bloß

dieser. Denn dass die Kraft, welche überhaupt zum Handeln befähigt,

oder das Vermögen, sowohl Gutes als Böses zu thun, unmittelbar von

Gott dem Menschen zukomme, wurde von wenigen bezweifelt. Daher die

vielen, mit einer Kritik des philosophischen Zeitbegriffes verquickten,

spitzfindigen Erörterungen über die Frage, ob das von Gott im Menschen

geschaffene Vermögen der Handlung voraufgehe oder zeitlich damit

zusammenfalle. Ginge nämlich die Kraft der That vorher, so müsste sie

entweder bis zur That fortdauern, was ihrem accidentellen Charakter

widerspreche (vgl. II, 3 § 12), oder aber schon vor der That aufhören

zu existieren, und in diesem Falle wäre sie überhaupt entbehrlich.

Vom menschlichen Handeln wurde die Spekulation weiter auf das

Wirken der Natur übertragen. Statt Gott oder der Mensch hieß hier

der Gegensatz Gott oder die Natur. Die hervorbringenden und zeugenden

Kräfte der Natur wurden als Mittel oder nächste Ursachen anerkannt und

von einigen zu erforschen gesucht. Die Natur selbst aber, wie die ganze

Welt, war ihrer Ansicht nach ein Werk Gottes, eine Schöpfung seiner

Weisheit. Wie die Allmacht Gottes im Sittlichen an seiner Heiligkeit

oder Gerechtigkeit eine Schranke fand, so hier im Natürlichen an

seiner Weisheit. Auch Übel und Böses in der Welt wurden aus der

Weisheit Gottes, die Alles zum Besten schicke, erklärt. Erzeugnis

oder Zweck göttlicher Thätigkeit ist es nicht. Gott könne zwar, so

hatten Frühere behauptet, Böses und Unvernünftiges thun, er thäte es

nur nicht. Dagegen lehrten die späteren Mutaziliten, Gott habe gar

nicht die Macht, so etwas seinem Wesen Widerstreitendes zu thun. Von

ihren darob entrüsteten Gegnern, die Gottes unbeschränkte Macht

und seinen unergründlichen Willen unmittelbar in allem Handeln und

Wirken thätig sich vorstellten, wurden sie wegen solcher Lehre mit

den dualistischen Magiern verglichen. Der konsequente Monismus war

auf Seiten dieser Gegner, die den Menschen und die Natur nicht neben

und unter Gott zu Schöpfern ihrer Thaten oder Wirkungen machen möchten.

5. Die Mutaziliten hatten, wie schon aus dem Vorhergehenden erhellt,

einen anderen Gottesbegriff als die Menge und die Traditionarier. Dies

zeigte sich nun, im Fortgange der Spekulation, besonders deutlich

in der Lehre von den göttlichen Eigenschaften. Von Anfang an

war im Islam die Einheit Gottes stark betont. Das hinderte aber

nicht, dass man ihm, nach menschlicher Analogie, viele schöne

Namen gab und mehrere Attribute beilegte. Als die vorzüglichsten

stellten sich, gewiss unter dem Einflusse christlicher Dogmatik,

allmählich heraus: Wissen, Macht, Leben, Wille, Rede oder Wort,

Gesicht und Gehör. Von diesen wurden Gesicht und Gehör zuerst in

geistigem Sinne gedeutet oder ganz beseitigt. Aber mit irgend einer

Vielheit gleichewiger Eigenschaften schien die absolute Einheit des

göttlichen Wesens sich nicht vertragen zu wollen. Wäre das nicht die

Trinität der Christen, die ja auch schon die drei Personen des Einen

göttlichen Wesens als Eigenschaften gedeutet hatten? Teils suchte

man nun, um dieser Inkonvenienz zu entgehen, einige Eigenschaften

aus anderen begrifflich abzuleiten und auf eine, z. B. das Wissen

oder die Macht, zurückzuführen, teils auch sie samt und sonders als

Zustände des göttlichen Wesens zu fassen oder mit dem Wesen selbst

zu identifizieren, wobei denn freilich ihre Bedeutung so ziemlich

verschwand. Mitunter wurde versucht, durch Künsteleien des sprachlichen

Ausdrucks noch etwas davon zu retten. Während z. B. ein Philosoph,

die Eigenschaften leugnend, behauptete, Gott sei wissend seinem Wesen

nach, drückte ein mutazilitischer Dialektiker das so aus: Gott ist

wissend, aber durch ein Wissen, das er selbst ist.

Nach Ansicht der Traditionarier ward auf diese Weise der Gottesbegriff

allen Inhaltes beraubt. Über negative Bestimmungen, Gott sei

nicht wie die Dinge dieser Welt, er sei über Raum, Zeit, Bewegung

u. s. w. erhaben, kamen die Mutaziliten kaum hinaus. Aber dass er

Schöpfer der Welt sei, daran hielten sie fest. Wenn man auch von

Gottes Wesen wenig aussagen konnte, aus seinen Werken glaubte man

ihn zu erkennen.

Die Schöpfung war den Mutaziliten, wie ihren Gegnern, ein absoluter

Akt Gottes, die Weltexistenz eine zeitliche. Energisch bekämpften

sie die Lehre von der Weltewigkeit, die, durch die aristotelische

Philosophie gestützt, im Orient weitverbreitet war.

6. Als eins von den ewigen Attributen Gottes fanden wir die Rede oder

das Wort. Wahrscheinlich mit Anschluss an die christliche Logoslehre

wurde nämlich die Ewigkeit des dem Propheten geoffenbarten Korans

gelehrt. Das war nach den Mutaziliten geradezu Abgötterei, neben

Allah an einen ewigen Koran zu glauben. Die mutazilitischen Chalifen

verkündigten dagegen als Staatsdogma, der Koran sei geschaffen

worden. Wer dies leugnete, wurde öffentlich bestraft. Obgleich nun

die Mutaziliten mit diesem Dogma dem ursprünglichen Islam näher

stehen mochten als ihre Gegner, so hat doch die Geschichte den

letzteren Recht gegeben. Fromme Bedürfnisse waren eben mächtiger als

logische Schlussfolgerungen. Viele Mutaziliten setzten sich, nach

der Meinung ihrer Glaubensbrüder, über den Koran, das Wort Gottes,

allzuleicht hinweg. Wenn es zu ihren Theorien nicht stimmte, wurde

es aus- und umgedeutet. In Wirklichkeit galt manchem die Vernunft

mehr als das offenbarte Buch. Aus der Vergleichung nicht nur der

drei Offenbarungsreligionen, sondern auch dieser mit persischer

und indischer Religionslehre und philosophischer Spekulation, ergab

sich eine, die Gegensätze versöhnende, natürliche Religion. Aufgebaut

wurde diese auf der Grundlage eines angeborenen, allgemeinnotwendigen

Wissens, dass es Einen Gott gebe, der als weiser Schöpfer die Welt

hervorgebracht und auch den Menschen mit Vernunft begabt habe,

damit er seinen Schöpfer erkennen und Gutes und Böses unterscheiden

könne. Dieser Natur- oder Vernunftreligion gegenüber sei dann die

Erkenntnis der Offenbarungslehren etwas Hinzukommendes, ein erworbenes

Wissen.

Mit dieser Behauptung hatten die konsequentesten Mutaziliten sich von

der Übereinstimmung der muslimischen Gemeinde losgesagt, sich also

thatsächlich außerhalb des katholischen Glaubens gestellt. Anfangs

beriefen sie sich noch auf jene Übereinstimmung. Sie konnten es thun,

so lange die Regierung ihnen günstig gesinnt war. Es dauerte aber

nicht lange. Bald erfuhren sie, was seitdem noch öfter erfahren wurde:

die Völker lassen sich leichter von oben herab eine Religion als eine

Aufklärung vorschreiben.

7. Nach diesem Überblick sehen wir uns einige von den bedeutendsten

Mutaziliten näher an, damit dem allgemeinen Bilde nicht die

individuellen Züge fehlen.

Zuerst betrachten wir Abu-l-Hudhail al-Allaf, der um die Mitte des

neunten Jahrhunderts starb. Er war ein berühmter Dialektiker, einer

der ersten, die der Philosophie einen Einfluss auf ihre theologischen

Lehren gestatteten.

Dass eine Eigenschaft irgendwie einem Wesen inhärieren könne, lässt

sich nach Abu-l-Hudhail nicht denken: entweder muss sie mit dem Wesen

identisch oder davon verschieden sein. Doch sieht er sich nach einer

Vermittlung um. Gott ist, nach ihm, wissend, mächtig, lebendig durch

Wissen, Macht und Leben, die sein Wesen selbst sind. Wie auch schon von

christlicher Seite geschehen war, nennt er jene drei Bestimmungen die

Modi (wudschuh) des göttlichen Wesens. Auch Hören, Sehen u. a. lässt

er sich als ewig in Gott gefallen, jedoch nur mit Rücksicht auf

die später zu schaffende Welt. Übrigens mag es ihm und anderen von

der Zeitphilosophie Berührten leicht genug gewesen sein, diese und

ähnliche Ausdrücke, wie das Schauen Gottes am jüngsten Tage, [10]

spiritualistisch zu deuten, da sie ja das Sehen und Hören überhaupt

als geistige Akte auffassten. Abu-l-Hudhail behauptete z. B., die

Bewegung sei sichtbar, tastbar aber nicht, weil sie kein Körper sei.

Nicht ewig soll nun aber der Wille Gottes sein. Im Gegenteil nimmt

Abu-l-Hudhail absolute Willensäußerungen an, sowohl von dem wollenden

Wesen wie von dem gewollten Gegenstande verschieden. So nimmt das

absolute Schöpfungswort eine Mittelstellung ein zwischen dem ewigen

Schöpfer und der geschaffenen zeitlichen Welt. Diese Willensäußerungen

Gottes sind eine Art Mittelwesen, mit den platonischen Ideen oder

den Sphärengeistern zu vergleichen, aber wohl mehr als immaterielle

Kräfte, denn als persönliche Geister gedacht.

Von dem absoluten Schöpfungsworte unterscheidet Abu-l-Hudhail das

accidentelle Offenbarungswort, das sich als Befehl und Verbot, in

materieller, räumlicher Erscheinung an die Menschen kund gibt und

also nur für diese zeitliche Welt Bedeutung hat. Die Möglichkeit, nach

dem göttlichen Offenbarungsworte zu leben oder dem zu widerstreiten,

ist folglich nur in diesem Leben vorhanden. Verpflichtendes Gebot

und Verbot setzt Willensfreiheit und die Fähigkeit danach zu handeln

voraus. Im zukünftigen Leben dagegen gibt es keine gesetzlichen

Verpflichtungen, somit auch keine Freiheit mehr; Alles hängt dort von

der absoluten Bestimmung Gottes ab. Auch wird es im Jenseits keine

Bewegung geben, denn wie die Bewegung einmal angefangen hat, muss

sie, am Ende der Welt, aufhören zur ewigen Ruhe. An eine körperliche

Auferstehung dürfte also Abu-l-Hudhail wohl nicht geglaubt haben.

Die menschlichen Handlungen unterscheidet er in natürliche und

sittliche oder "Handlungen der Glieder und des Herzens". Sittlich

ist eine Handlung nur, wenn wir sie frei verrichten. Die sittliche

That ist des Menschen selbsterworbenes Eigentum, sein Wissen dagegen

kommt ihm von Gott her zu, teils durch Offenbarung, teils durch

natürliche Erleuchtung. Schon vor aller Offenbarung ist der Mensch

von Natur verpflichtet, also auch wohl im Stande, Gott zu erkennen,

Gutes und Böses zu unterscheiden, und tugendhaft, wahrhaftig und

gerecht zu leben.

8. Ein merkwürdiger Mensch und Denker ist ein jüngerer Zeitgenosse

und, wie es scheint, Schüler des Abu-l-Hudhail, gewöhnlich Al-Nazzam

genannt. Er starb im Jahre 845. Ein phantastischer, unruhiger,

ehrgeiziger Mann, kein folgerichtiger, aber doch ein kühner und

ehrlicher Denker, so hat ihn Dschahiz, einer seiner Schüler,

uns vorgestellt. Die Leute hielten ihn für einen Verrückten oder

einen Ketzer. Vieles in seinen Lehren berührt sich mit dem, was den

Orientalen als Philosophie des Empedokles und Anaxagoras bekannt war

(vgl. auch Abu-l-Hudhail).

Nach der Ansicht Nazzams kann Gott überhaupt kein Böses thun, ja er

kann nur das, was er als das Beste für seine Diener erkennt. Seine

Allmacht reicht auch nicht weiter als die wirkliche That. Wer

könnte ihn daran hindern, die schöne Überfülle seines Wesens zu

verwirklichen? Einen Willen im eigentlichen Sinne, der immer ein

Bedürfnis voraussetze, ist Gott gar nicht beizulegen. Gottes Wille ist

vielmehr nur eine Bezeichnung für seine Thätigkeit selbst oder für die

den Menschen erteilten Befehle. Die Schöpfung ist ein einmaliger Akt,

mit dem Alles zugleich erschaffen, sodass Eins im Andern enthalten

ist und im Laufe der Zeit die verschiedenen Exemplare von Mineralien,

Pflanzen und Tieren, sowie die vielen Adamskinder, nach und nach aus

ihrem latenten Zustande in die Erscheinung treten.

Mit den Philosophen verwirft Nazzam die Atomenlehre (s. II, 3 §

12), weiß sich dann aber das Durchlaufen einer bestimmten Strecke,

wegen der unendlichen Teilbarkeit des Raumes, nur durch Sprünge zu

erklären. Statt aus Atomen lässt er die körperlichen Substanzen aus

Accidenzen zusammengesetzt sein. Wie sich Abu-l-Hudhail die Inhärenz

von Eigenschaften in einem Wesen nicht denken konnte, so kann sich

Nazzam das Accidens nur als die Substanz selbst oder als einen Teil

der Substanz vorstellen. So ist das Feuer oder das Warme z. B. latent

im Holze vorhanden, wird aber frei, wenn durch Reibung sein Antagonist,

das Kalte, verschwindet. Es findet dabei eine Bewegung oder Umsetzung,

aber keine qualitative Veränderung statt. Die sinnlichen Qualitäten,

wie Farben, Geschmäcke und Gerüche, sind nach Nazzam Körper.

Auch die Seele oder den Geist des Menschen fasst er als einen feinen

Körper auf. Freilich ist die Seele des Menschen vorzüglichster Teil,

sie durchdringt den Körper, ihr Organ, ganz und ist der wirkliche,

wahrhafte Mensch zu nennen. Gedanken und Strebungen werden als

Bewegungen der Seele definiert.

In Glaubenssachen und Gesetzesfragen verwirft Nazzam sowohl die

Übereinstimmung der Gemeinde als auch die analogische Interpretation

des Rechtes, und beruft sich, schiitisch, auf den unfehlbaren

Imam. Er hält es für möglich, dass alle Muslime eine irrige Lehre

übereinstimmend zulassen, wie z. B. dass Mohammed im Unterschiede von

anderen Propheten eine Mission für die ganze Menschheit habe. Gott

sendet aber jeden Propheten zur ganzen Menschheit.

Übrigens teilt Nazzam in Bezug auf die Erkenntnis Gottes und

der sittlichen Pflichten durch die Vernunft die Ansicht des

Abu-l-Hudhail. Von der unnachahmbaren Vortrefflichkeit des Korans ist

er nicht sonderlich überzeugt. Es soll das ewige Wunder des Korans

nur darin bestehen, dass die Zeitgenossen Mohammeds davon abgehalten

wurden, dem Koran Ähnliches hervorzubringen.

Von der muslimischen Eschatologie hat er wohl nicht viel

gehalten. Wenigstens löst sich für ihn die Höllenqual in einen

Verbrennungsprozess auf.

9. Aus der Schule Nazzams werden uns viele synkretistische Lehren

überliefert, alle ohne Originalität. Von den Männern, die aus ihr

hervorgegangen, ist der berühmteste der Schöngeist und Naturphilosoph

Dschahiz (gest. 869), der vom echten Gelehrten verlangte, er solle das

Studium der Theologie mit dem der Naturwissenschaft verknüpfen. In

allen Dingen spürt er die Wirkungen der Natur, in diesen aber einen

Hinweis auf den Schöpfer der Welt. Die menschliche Vernunft ist im

Stande, den Schöpfer zu erkennen und ebenso das Bedürfnis nach einer

prophetischen Offenbarung einzusehen. Des Menschen Verdienst ist nur

sein Wollen, denn einerseits sind alle seine Thaten im Naturgeschehen

verflochten, und andererseits ist sein ganzes Wissen notwendig von

oben bestimmt. Doch scheint dem Wollen, das aus dem Wissen abgeleitet

wird, keine große Bedeutung zuzukommen. Wenigstens wird der Wille

im göttlichen Wesen ganz negativ gefasst, d. h. Gott wirke niemals

unbewusst und mit Missfallen an seinem Werke.

In alldem ist wenig Eigenes. Das Mittelmaß ist sein ethisches Ideal,

aber auch seines Geistes Geschick. Nur im Kompilieren seiner vielen

Schriften ist Dschahiz unmäßig gewesen.

10. Bei den älteren Mutaziliten überwiegen die ethischen und

naturphilosophischen Erwägungen; bei den späteren gewinnen

logisch-metaphysische Betrachtungen das Übergewicht. Besonders

neuplatonische Einflüsse sind hier zu verspüren.

Muammar, dessen Lebenszeit nicht näher bestimmt wird (etwa um 900

anzusetzen), hat manches mit den Obengenannten gemeinsam. Aber weit

nachdrücklicher leugnet er die Existenz göttlicher Eigenschaften,

die der absoluten Einheit des Wesens widersprechen. Gott ist über jede

Vielheit hinaus. Er kennt weder sich selbst noch ein Anderes, denn das

Wissen würde in ihm eine Vielheit voraussetzen. Auch ist er überewig zu

nennen. Dennoch ist er als Schöpfer der Welt anzuerkennen. Freilich

hat er nur Körper geschaffen, und diese schaffen selbst, sei es

durch Naturwirkung, sei es mit Willen, ihre Accidenzen. Die Zahl

dieser Accidenzen ist unendlich, denn sie sind ihrem Wesen nach

nichts weiter als die begrifflichen Beziehungen des Denkens. Muammar

ist Conceptualist. Bewegung und Ruhe, Gleichheit und Verschiedenheit

u. s. w. sind nichts an sich, sondern haben nur eine begriffliche oder

ideelle Wirklichkeit. Die Seele, die das wahre Wesen des Menschen sein

soll, wird als eine Idee oder eine immaterielle Substanz gefasst. Wie

sie sich dann zum Körper und zu dem göttlichen Wesen verhalte, wird

nicht klargestellt. Die Überlieferung ist verworren.

Des Menschen Wille ist frei, das Wollen eigentlich seine einzige

That. Denn die äußere Handlung gehört dem Körper (vgl. Dschahiz).

Die Schule von Bagdad, der Muammar anzugehören scheint, war

conceptualistisch. Mit Ausnahme der allgemeinsten Bestimmungen,

denen des Seins und des Werdens, ließ sie die Universalien nur als

Begriffe Bestand haben. Näher dem Realismus stand Abu Haschim von

Basra (gest. 933). Gottes Eigenschaften, sowie die Accidenzen oder

Gattungsbegriffe überhaupt, fasste er als ein Mittleres zwischen Sein

und Nichtsein auf. Er nannte sie Zustände oder Modi. Als Erfordernis

alles Wissens bezeichnete er den Zweifel. Ein naiver Realist war

er nicht.

Auch mit dem Nichtsein trieben mutazilitische Denker ein dialektisches

Spiel. Es werde gedacht, es müsse also dem Nichtsein wie dem Sein

eine Art Wirklichkeit zukommen, folgerte man. Versucht doch der Mensch

eher das Nichts zu denken, als dass er überhaupt nicht denke.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 3 / 14 段