13. Zweitens sei die sogenannte "Theologie des Aristoteles" erwähnt. Es

wird darin der göttliche Platon als der Idealmensch hingestellt,

der durch ein intuitives Denken alle Dinge erkennt und also der

logischen Hilfsmittel des Aristoteles nicht bedarf. Ja, die höchste

Wirklichkeit, das absolute Sein, wird nicht durch Denken, sondern

nur in einem ekstatischen Schauen ergriffen. "Öfter war ich," so

redet hier Aristoteles-Plotin, "mit meiner Seele allein. Des Leibes

entkleidet trat ich, reine Substanz, in mein Selbst hinein, von

allem Äusseren zum Inneren zurückkehrend. Reines Wissen war ich da,

Wissendes und Gewusstes zugleich. Wie wunderte ich mich, dass ich

in meinem Selbst Schönheit und Glanz erblickte und mich als einen

Teil der erhabenen göttlichen Welt erkannte, selbst mit schaffendem

Leben begabt. In dieser Selbstgewissheit erhob ich mich über die Welt

der Sinne, ja über die Geisterwelt empor zu dem göttlichen Stande,

wo ich solch schönes Licht schaute, dass es keine Zunge aussprechen,

kein Ohr vernehmen könnte."

Im Mittelpunkte der Erörterungen steht auch in der Theologie die

Seele. Alle wahre menschliche Wissenschaft ist Wissenschaft der Seele,

Selbsterkenntnis, und zwar an erster Stelle Kenntnis des Wesens,

hernach, aber weniger vollständig, der Wirkungen dieses Wesens. In

solcher Erkenntnis, zu der nur äußerst wenige gelangen, besteht die

höchste Weisheit, die sich in Begriffe nicht vollkommen fassen lässt,

und die deshalb der Philosoph als weiser Künstler und Gesetzgeber

in ewig schönen Bildern zur Darstellung bringt, uns Menschen zum

Gottesdienste. Es zeigt sich eben darin der Weise als der überlegene,

selbstgenügsame Zauberer, dessen Wissen die Menge beherrscht, weil

diese im Banne der Dinge, der Vorstellungen und Begierden immer

gefesselt bleibt.

Die Seele steht in der Mitte des Alls. Über ihr sind Gott und der

Geist, unter ihr die Materie und die Natur. Ihr Kommen aus Gott

durch den Geist in die Materie, ihre Gegenwart im Körper, ihre

Rückkehr nach oben, in diesen drei Stadien verläuft ihr Leben und

das der Welt. Materie und Natur, Sinneswahrnehmung und Vorstellung

verlieren hier fast ganz ihre Bedeutung. Alles ist vom Geist (nous,

`aql), der Geist ist alle Dinge und im Geiste ist alles Eins. Auch

die Seele ist Geist, freilich, solange sie in ihrem Körper weilt,

Geist in Hoffnung, Geist in der Form der Sehnsucht. Sie sehnt sich

nach oben, nach den guten, seligen Gestirnen, die, über Vorstellung

und Strebung erhaben, ihre beschauliche Lichtexistenz führen.

Das ist nun der orientalische Aristoteles, wie ihn die ersten

Peripatetiker im Islam anerkannten. [7]

14. Dass die Orientalen sich nie zu einer reinen Auffassung der

aristotelischen Philosophie durchgerungen haben, braucht uns

nicht zu wundern. Die Mittel unserer Kritik, Echtes und Unechtes

zu sondern, besaßen sie nicht. Sich in die griechische Kulturwelt

hineinzuleben, musste ihnen sogar schwerer fallen als den christlichen

Gelehrten des Mittelalters, das den lebendigen Zusammenhang mit dem

Altertum nie ganz verloren hatte. Man blieb im Osten abhängig von

neuplatonischen Bearbeitungen und Erklärungen. Fehlte ein Teil des

wissenschaftlichen Systems, z. B. die aristotelische Politik, so war

es selbstverständlich, dass die Gesetze oder der Staat Platons dafür

eintraten. Nur wenigen kam der Unterschied Beider zum Bewusstsein.

Es ist noch auf ein anderes Motiv zu achten. Schon in ihren

neuplatonischen Quellen fanden die Muslime eine harmonisierende

Auslegung der griechischen Philosophen vor, die sie wohl gezwungen

waren, herüberzunehmen. Die ersten Anhänger des Aristoteles

mussten ja polemisch und apologetisch vorgehen. Entgegen oder

neben der Übereinstimmung der muslimischen Gemeinde brauchten sie

eine einheitliche Philosophie, darin die Eine Wahrheit zu finden

war. Dieselbe Verehrung, die Mohammed seinerzeit den heiligen

Schriften der Juden und Christen gezollt hatte, fand sich später

bei muslimischen Gelehrten in Bezug auf die Werke griechischer

Wissenschaft. Nur zeigten die Gelehrten eine größere Vertrautheit mit

ihren Vorbildern und geringere Originalität. Die alten Philosophen

erhielten für sie eine Autorität, der man sich zu fügen hatte. Die

ersten muslimischen Denker waren von der Überlegenheit griechischen

Wissens derart überzeugt, dass sie nicht daran zweifelten, es habe die

höchste Stufe der Gewissheit erreicht. Selbständig weiter zu forschen,

war ein Gedanke, der nicht leicht aufkam im Gehirn des Orientalen,

der sich einen Menschen ohne Lehrer nur als einen Schüler Satans

vorzustellen vermag. Nach dem Vorgange hellenistischer Philosophen

musste also der Versuch gemacht werden, zwischen Platon und Aristoteles

die Übereinstimmung nachzuweisen, und besonders diejenigen Lehren,

welche Anstoß erregten, entweder stillschweigend zu beseitigen oder

in einem, der muslimischen Dogmatik nicht zu stark widerstreitenden

Sinne darzustellen. Den Gegnern des Aristoteles oder der Philosophie

überhaupt zu gefallen, hob man weise und erbauliche Sprüche aus

echten und unechten Werken des Philosophen hervor, um auf diese

Weise der Aufnahme seiner wissenschaftlichen Gedanken den Weg zu

bereiten. Den Eingeweihten aber wurde die Lehre des Aristoteles,

wie diejenige anderer Schulen und Sekten, als eine höhere Wahrheit

hingestellt, zu der der positive Glaube der Menge und das mehr oder

weniger begründete System der Theologen die Vorstufen bilden sollten.

15. Ein vom Bestande der übersetzten griechischen Werke abhängiger

Eklektizismus ist die muslimische Philosophie immer geblieben. Der

Verlauf ihrer Geschichte ist mehr ein Verdauungs- als ein

Zeugungsprozess. Weder durch das Aufzeigen neuer Probleme noch

durch eigentümliche Versuche, alte Fragen zu lösen, hat sie sich

bedeutend hervorgethan. Wichtige Fortschritte des Denkens hat sie

also nicht zu verzeichnen. Dennoch hat sie, historisch betrachtet,

eine weit größere Bedeutung, als die einer bloßen Vermittlerin

zwischen dem Altertum und der christlichen Scholastik. Die Aufnahme

griechischer Ideen in die Mischkultur des Orients zu verfolgen, hat

an sich als Gegenstand geschichtlichen Interesses einen ganz eigenen

Reiz, zumal, wenn man dabei vergessen kann, dass es einmal Griechen

gegeben. Wichtig wird aber auch die Betrachtung dieses Ereignisses,

wenn es zu Vergleichen mit anderen Kulturen Veranlassung bietet. Die

Philosophie ist eine so einzigartige, selbständig auf griechischem

Boden erwachsene Erscheinung, dass man sie als den Bedingungen des

allgemeinen Kulturlebens überhoben ansehen könnte, um sie rein aus sich

selbst heraus zu erklären. Die Geschichte der Philosophie im Islam

ist nun schon deshalb wertvoll, weil sich in ihr der erste Versuch

darstellt, in größerem Umfange und mit größerer Freiheit als es in

der altchristlichen Dogmatik geschehen, die Ergebnisse griechischen

Denkens sich anzueignen. Die Erkenntnis der Bedingungen, die solches

ermöglichten, wird uns, wenn auch mit Vorsicht und vorläufig wenigstens

in sehr beschränktem Maße, Analogieschlüsse gestatten auf die Rezeption

der griechisch-arabischen Wissenschaft im christlichen Mittelalter,

und vielleicht ein wenig belehren über die Bedingungen, unter denen

Philosophie überhaupt entsteht.

Von einer muslimischen Philosophie ist eigentlich kaum zu reden. Aber

es hat im Islam viele Männer gegeben, die nicht davon lassen konnten,

zu philosophieren. Durch die griechischen Falten hindurch zeigt sich

doch die Form ihrer eigenen Glieder. Es ist leicht, von der hohen Warte

irgend einer Schulphilosophie auf jene Männer herabzublicken. Besser

aber wird es für uns sein, sie kennen und in ihrer historischen

Bedingtheit begreifen zu lernen. Wir müssen es der Einzelforschung

überlassen, der Herkunft jedes Gedankens nachzugehen. Unser Zweck

kann es nur sein im folgenden zu zeigen, was die Muslime aus dem

vorgefundenen Materiale aufgebaut haben.

II. PHILOSOPHIE UND ARABISCHES WISSEN.

1. Die Sprachwissenschaft.

1. Von muslimischen Gelehrten des zehnten Jahrhunderts wurden

die Wissenschaften in arabische und in alte oder nichtarabische

eingeteilt. Zu den ersteren gehörten Sprachwissenschaft, Pflichten-

und Glaubenslehre, Litteraturkenntnis und Geschichte; zu den letzteren

die philosophischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen

Disziplinen. Im großen Ganzen ist die Einteilung richtig. Die

letztgenannten Fächer sind nicht nur am meisten von fremden Einflüssen

bestimmt, sondern auch nie recht populär geworden. Doch sind auch die

sogenannten arabischen Wissenschaften nicht ganz rein einheimische

Schöpfungen. Auch sie sind entstanden oder ausgebildet, wo im

muslimischen Reiche Araber und Nichtaraber zusammentrafen und das

Bedürfnis erwachte, über die den Menschen nächstliegenden Gegenstände,

Sprache und Poesie, Recht und Religion, sofern sich darin Unterschiede

oder Unzulänglichkeiten zeigten, nachzudenken. In der Weise, wie

dieses geschah, spürt man deutlich den Einfluss von Nichtarabern,

namentlich Persern, und immer bedeutender macht sich auch dabei die

Einwirkung griechischer Philosophie geltend.

2. Die arabische Sprache, an deren Wortfülle, Formenreichtum und

innerer Bildungsfähigkeit die Araber selbst sich besonders erfreuten,

eignete sich vorzüglich zu einer Weltstellung. Besonders zeichnet

sie sich, wenn man sie z. B. mit der schwerfälligen lateinischen

oder auch mit der schwülstigen persischen vergleicht, durch kurze

Abstraktbildungen aus, was dem wissenschaftlichen Ausdrucke zu gute

kam. Sie ist der feinsten Nuancierung fähig, verführt aber auch durch

eine reichentwickelte Synonymik dazu, von der aristotelischen Regel,

dass in der strengen Wissenschaft der Gebrauch von Synonymen nicht

zulässig sei, abzuweichen.

Eine so elegante, ausdrucksfähige, aber schwierige Sprache, wie es

die arabische war, musste, als sie die Bildungssprache der Syrer und

Perser geworden, zu manchen Betrachtungen Veranlassung bieten. Vor

allem machte das Studium des Korans, dessen Vortrag und Auslegung,

eine eingehende Beschäftigung mit der Sprache notwendig. Ungläubige

glaubten auch wohl, im heiligen Buche Sprachfehler nachweisen zu

können. Man sammelte also aus alten Gedichten und der lebendigen

Beduinensprache Beispiele, um die koranischen Ausdrücke zu belegen,

woran sich wohl Bemerkungen über Sprachrichtigkeit im allgemeinen

anschlossen. Im ganzen war der lebendige Brauch die Richtschnur, aber

um die Autorität des Korans zu retten, ging es dabei gewiss nicht

ohne Künsteleien ab. Den einfachen Gläubigen war dieses Verfahren

immerhin etwas bedenklich. Masudi erzählt uns noch von einigen

Grammatikern aus Basra, die auf einer Lustfahrt einen koranischen

Imperativ durchconjugierten und deshalb (?) von den mit Dattelpflücken

beschäftigten Landleuten durchgeprügelt wurden.

3. Die Araber führen die Sprachwissenschaft, wie so vieles Andere,

auf Ali zurück, dem sogar die aristotelische Dreiteilung der Rede

zugeschrieben wird. In Wirklichkeit sind die Anfänge in Basra und Kufa

gemacht worden. Die erste Entwicklung liegt im Dunkeln, denn in der

Grammatik des Sibawaih (gest. 786) haben wir eine fertige Gestalt, ein

Riesenwerk, das, wie nachher Ibn Sina's Kanon der Medizin, die späteren

Geschlechter sich nur als das Erzeugnis vieler zusammenarbeitender

Gelehrten erklären konnten. Auch über die Unterschiede zwischen

den Schulen von Basra und Kufa sind wir schlecht unterrichtet. Die

Basrenser, wie später die Schule von Bagdad, sollen dem Qijas (der

Analogie) einen großen Einfluss auf die Beurteilung sprachlicher

Erscheinungen eingeräumt haben, während die Kufenser viele vom Qijas

abweichende Spracheigenheiten für erlaubt hielten. Im Gegensatze zu

den kufischen Grammatikern wurden aus dem Grunde die anderen Leute der

Logik genannt. Ihre Terminologie wich von der kufischen im einzelnen

ab. Viele, denen nach Ansicht der echten Araber die Logik den Kopf

verdreht hatte, werden in der Meisterung der Sprache entschieden zu

weit gegangen sein. Andererseits aber wurde die Willkür zur Regel

erhoben.

Dass die Schule von Basra sich zuerst logischer Hilfsmittel bediente,

wäre kein Zufall. Überhaupt zeigte sich in Basra am ersten der Einfluss

philosophischer Lehren, und unter ihren Grammatikern befanden sich

viele Schiiten und Mutaziliten, die auch auf ihre Glaubenslehren

einzuwirken fremder Weisheit gerne gestatteten.

4. Die Sprachwissenschaft, sofern sie nicht, von Gegenständen bestimmt,

auf Sammlung von Beispielen, Synonymen u. s. w. sich beschränkte, wurde

von der aristotelischen Logik beeinflusst. Syrer und Perser hatten

schon vor muslimischer Zeit die Schrift peri hermêneias, mit stoischen

und neuplatonischen Zusätzen, studiert. Ibn al-Moqaffa, der anfangs

mit dem Grammatiker Chalil (s. unten) befreundet war, machte dann

Alles, was sich sprachlich-logisches im Pahlawi vorfand, den Arabern

zugänglich. Es wurden darnach die Satzarten, bald fünf, bald acht

oder neun, und die drei Redeteile, Nomen, Verbum und Partikel,

aufgezählt. In der Folgezeit nahmen einige, wie Dschahiz, unter

die rhetorischen Figuren auch Schlussfiguren der Logik auf. Und in

späteren Darstellungen wurde viel über Laut und Begriff gestritten

und die Frage erörtert, ob die Sprache durch Satzung oder von Natur

sei. Allmählich gewann die philosophische Ansicht, sie sei durch

Satzung, das Übergewicht.

Neben der Logik kommt hier noch der Einfluss der propädeutischen

oder mathematischen Wissenschaften in Betracht. Wie die Prosa des

Verkehrs und die Reime des Korans wurden die Verse der Dichter

nicht bloß gesammelt, sondern auch nach bestimmten Gesichtspunkten,

unter denen das Metrum, geordnet. Nach der Grammatik entstand die

Metrik. Chalil (gest. 791), der Lehrer Sibawaih's, dem man die

erste Anwendung des Qijas in der Sprachwissenschaft zuschreibt,

soll auch die Metrik erfunden haben. Während man die Sprache als das

nationale, conventionelle Element in der Poesie anzusehen lernte,

glaubte man im Metrum das natürliche, allen Völkern gemeinsame

zu finden. Thabit ibn Qorra (836-901) behauptete darum in seiner

Anordnung der Wissenschaften, das Metrum sei etwas Wesentliches, die

Metrik eine natürliche Wissenschaft, sie gehöre somit zur Philosophie.

5. Trotz alledem behielt die Sprachwissenschaft, die sich auf das

Arabische beschränkte, ihre Eigentümlichkeiten, auf die hier einzugehen

nicht am Platze ist. Jedenfalls ist sie eine großartige Schöpfung des

fein beobachtenden und fleißig sammelnden arabischen Geistes, darauf

die Araber stolz sein durften. Ein Apologet des zehnten Jahrhunderts,

der sich gegen die griechische Philosophie wendet, sagte: "Wer die

Feinheiten und Tiefen der arabischen Poesie und Metrik kennt, der weiß,

dass sie alles dasjenige übertrifft, was die Leute als Beweise für

ihre Meinungen anzuführen pflegen, welche in dem Wahne leben, dass

sie die Wesenheiten der Dinge zu erkennen im Stande sind: Zahlen,

Linien und Punkte. Ich kann den Nutzen dieser Dinge nicht einsehen,

es sei denn, dass sie trotz des geringen Nutzens, den sie bringen,

den Glauben schädigen und Dinge im Gefolge haben, gegen welche

wir Gottes Beistand anrufen." Man wollte sich seine Freude an den

Einzelheiten der Sprache durch allgemeine philosophische Spekulationen

nicht trüben lassen. Manche Wortbildung, von den Übersetzern fremder

Werke herrührend, wurde als barbarisch von puristischen Sprachlehrern

verabscheut. Und weitere Verbreitung als die wissenschaftliche

Sprachforschung fand die schöne Kunst der Kalligraphie, die sich,

wie die arabische Kunst überhaupt, mehr dekorativ als konstruktiv, in

edlen, feinen Formen entwickelte. In den Schriftzügen der arabischen

Sprache zeigt sich uns noch die Subtilität des Geistes, der sie

gebildet, zugleich aber auch ein Mangel an Energie, der sich in der

ganzen Entwicklung arabischer Kultur bemerklich gemacht hat.

2. Die Pflichtenlehre.

1. Der gläubige Muslim hatte, sofern nicht das Herkommen seine

Herrschaft behauptete, anfangs als Richtschnur seines Handelns und

Urteilens das Wort Gottes und das Beispiel seines Propheten. Nachdem

dieser gestorben war, folgte man, falls der Koran keine Auskunft

erteilte, der Sunna Mohammeds, d. h. man that und entschied, wie der

Überlieferung seiner Genossen nach Mohammed entschieden oder gehandelt

hatte. Aber seit der Eroberung alter Kulturländer traten an den Islam

ganz neue Ansprüche heran. Statt der einfachen Verhältnisse arabischen

Lebens fanden sich dort Gewohnheiten und Einrichtungen vor, für die das

heilige Gesetz keine Bestimmung bot und noch keine Tradition vorhanden

oder ausgedeutet war. Jeden Tag häuften sich also die Einzelfälle,

die nicht vorgesehen waren, und die man, sei es nach dem Herkommen

oder nach eigenem Gutdünken beurteilen musste. In den altrömischen

Provinzen, Syrien und Mesopotamien, wird dabei das römische Recht

noch lange Zeit eine bedeutende Wirkung ausgeübt haben.

Diejenigen Rechtslehrer nun, welche neben Koran und Sunna der

eigenen Ansicht (ra'j, opinio) einen bestimmenden Einfluss auf das

Recht zuerkannten, wurden Anhänger des Raj genannt. Als solcher

ist besonders bekannt geworden Abu Hanifa von Kufa (gest. 767),

der Stifter der hanefitischen Schule. Aber auch in Medina, vor und

in der Schule des Malik (715-795) hat man anfangs ganz harmlos, wenn

auch weniger weitgehend, dem Raj gehuldigt. Nur allmählich hat sich,

im Kampfe gegen das zu vielen Willkürlichkeiten Veranlassung gebende

Raj, die Meinung vorgedrängt, es sei in Allem der Tradition (hadîth)

in Bezug auf die Sunna des Propheten zu folgen. Es wurden dann von

überall her Traditionen gesammelt, gedeutet, auch massenhaft gefälscht,

und eine Lehre von den Kriterien ihrer Echtheit ausgebildet, die aber

mehr auf die äußere Bezeugung und die Zweckmäßigkeit des Überlieferten

als auf Folgerichtigkeit und historische Treue Gewicht legte. Infolge

dieser Entwicklung standen jetzt den Leuten des Raj, die hauptsächlich

in Iraq (Babylonien) gefunden wurden, die Anhänger der Tradition

von Medina entgegen. Auch Schafii (767-820), der Gründer der dritten

Rechtsschule, der sich im allgemeinen an der Sunna hielt, wurde wohl

im Gegensatz zu Abu Hanifa den Anhängern der Tradition beigezählt.

2. Ein neues Element brachte die Logik in diesen Streit hinein: das

Qijas, die Analogie. Einzelne Qijase gab es natürlich schon früher,

aber die Aufstellung des Qijas als eines Prinzipes, einer Grundlage

oder Quelle des Rechtes setzt den Einfluss wissenschaftlicher Reflexion

voraus. Wenn auch Raj und Qijas synonym gebraucht sein mögen, so

haftet doch dem letzteren Ausdrucke weniger das Moment individueller

Willkür an. Je mehr man sich daran gewöhnte, bei sprachlich-logischen

Untersuchungen das Qijas anzuwenden, um so leichter konnte man auch

dieses Prinzip in die Grundlehre der Gesetzeskunde aufnehmen, sei es

nun, dass man von Fall zu Fall und von der Mehrzahl der Fälle auf

die übrigen (analogisch) schloss, oder aber für verschiedene Fälle

einen gemeinsamen Grund aufsuchte, aus dem das Verhalten im Einzelfall

(syllogistisch) abzuleiten wäre. [8]

Die Anwendung des Qijas scheint zunächst und zumeist in der

hanefitischen, dann aber auch, obgleich in geringerem Umfange, in der

schafiitischen Schule üblich gewesen zu sein. Im Zusammenhang damit

wurde die Frage, ob die Sprache das Allgemeine auszudrücken vermöge

oder bloß das Besondere bezeichnen könne, für die Pflichtenlehre

von Bedeutung.

Zu einem großen Ansehen hat das logische Prinzip des Qijas es

nie gebracht. Vielmehr wurde, neben den historischen Grundlagen

des Gesetzes, dem Koran und der Sunna, das Idschma d. h. die

Übereinstimmung der Gemeinde, betont. Die Übereinstimmung der Gemeinde

oder faktisch der einflussreichsten Gelehrten, die mit den Vätern

und Lehrern der katholischen Kirche zu vergleichen sind, ist das

dogmatische Prinzip, das, nur von wenigen angefochten, sich als das

wichtigste Mittel zur Begründung der muslimischen Pflichtenlehre

erwiesen hat. Nach Koran, Sunna und Idschma räumt aber die Theorie

immer noch, an vierter Stelle, dem Qijas einen untergeordneten

Platz ein.

3. Die muslimische Pflichtenlehre (al-fiqh = das Erkennen) umfasst

das ganze Leben des Gläubigen, dem der Glaube selbst an erster Stelle

zur Pflicht gemacht wird. Anfangs stieß sie, wie jede Neuigkeit, auf

heftigen Widerstand. Gesetz ward hier zu Lehre, gläubiger Gehorsam

zu grübelndem Wissen. Das forderte Widerspruch heraus, von einfachen

Frommen und klugen Politikern zugleich. Aber nach und nach wurden

die Wissenden oder Gesetzesgelehrten (ulamâ, im Westen faqihs) als

die Erben der Propheten anerkannt.

Die Pflichtenlehre hat sich vor der Glaubenslehre entwickelt und

auch immer bis heute den ersten Platz zu behaupten gewusst. Fast

jeder Muslim weiß etwas davon, weil es zur guten religiösen Erziehung

gehört. Nach dem großen Kirchenvater Gazali ist das Fiqh das tägliche

Brot gläubiger Seelen, während die Glaubenslehre nur als Medizin für

Kranke einen Wert hat.

Auf die fein ausgesponnene Kasuistik des Fiqh näher einzugehen,

haben wir hier keine Veranlassung. Es handelt sich der Hauptsache

nach um ein ideelles Recht, das in unserer mangelhaften Welt wohl nie

rein zur Anwendung kommen kann. Seine Prinzipien und seine Stellung

innerhalb des Islam kennen wir jetzt. Es sei nur noch die Einteilung

der sittlichen Handlungen, wie die Pflichtenlehrer sie aufstellen,

kurz erwähnt. Es gibt ihr zufolge 1. Handlungen, deren Ausübung

unbedingte Pflicht ist und deshalb belohnt, deren Unterlassung

bestraft wird; 2. gesetzlich anempfohlene Handlungen, die belohnt,

deren Vernachlässigung aber nicht bestraft wird; 3. erlaubte,

gesetzlich gleichgiltige Handlungen; 4. vom Gesetze missbilligte,

aber nicht strafbare Handlungen; 5. gesetzlich verbotene Handlungen,

die unbedingt Strafe fordern. [9]

4. Die Einwirkung griechischer Philosopheme auf die Ethik im Islam

ist eine zweifache gewesen. Bei vielen Sektierern und Mystikern,

sowohl orthodoxen als häretischen, findet sich eine asketische Ethik

von pythagoreisch-platonischer Färbung. Sie findet sich ebenso

bei Philosophen, denen wir in der Folge noch begegnen werden. In

orthodoxen Kreisen aber fand der aristotelische Satz, dass Tugend

in der richtigen Mitte bestehe, viel Anklang, weil ähnliches im

Koran stand und überhaupt die Richtung des Islam eine katholische,

die Gegensätze aussöhnende war.

Mehr wohl als die Ethik wurde im muslimischen Reiche die Politik

gepflegt. Politische Parteikämpfe gaben zuerst Veranlassung zu

Verschiedenheit der Meinungen. Streitigkeiten über das Imâmat,

d. h. die Herrschaft über die muslimische Gemeinde, durchziehen die

ganze Geschichte des Islam. Es handelt sich aber durchweg mehr um

Fragen persönlicher und praktischer als solche theoretischer Bedeutung,

weshalb eine Geschichte der Philosophie sie nicht eingehend zu

berücksichtigen braucht. Philosophisch Wertvolles kommt kaum dabei

heraus. Schon im Laufe der ersten Jahrhunderte entwickelte sich

ein festes kanonisches Staatsrecht, das aber, ähnlich der ideellen

Pflichtenlehre, von starken Herrschern als theologische Grübelei

nicht sonderlich beachtet wurde, dagegen von schwachen Fürsten erst

recht nicht zur Anwendung gebracht werden konnte.

Ebensowenig verlohnt es sich, die vielen, besonders in Persien

beliebten Fürstenspiegel, an deren weisen Sittensprüchen und

politisch-klugen Maximen die höfischen Kreise sich erbauten, näher

zu betrachten.

Das Schwergewicht philosophischer Bestrebungen im Islam liegt auf der

theoretischen, intellektuellen Seite. Mit den thatsächlichen Vorgängen

des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens weiß man sich nur

notdürftig abzufinden. Auch die Kunst der Muslime, obgleich sie viel

mehr Originelles zeigt als ihre Wissenschaft, versteht es nicht, die

spröden Stoffe zu beleben, sondern spielt mit zierlichen Formen. Die

Poesie schafft kein Drama. Und ihre Philosophie ist nicht praktisch.

3. Die Glaubenslehre.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 2 / 14 段