2. Die muslimischen Eroberer fanden die christliche Kirche,

GESCHICHTE

DER

PHILOSOPHIE IM ISLAM

von

T. J. DE BOER.

STUTTGART.

FR. FROMMANNS VERLAG (E. HAUFF).

1901.

VORWORT.

Nach der vortrefflichen Skizze Munk's [1] ist dies der erste

Versuch, die Geschichte der Philosophie im Islam im Zusammenhang

vorzuführen. Ein neuer Anfang also, kein Abschluss möchte meine

Arbeit sein. Nicht Alles, was auf diesem Gebiete vorgearbeitet,

ist mir bekannt geworden und nicht alles Bekannte war mir

zugänglich. Handschriftliches konnte nur ausnahmsweise benutzt werden.

Der Darstellung wegen sind die Quellenbelege zurückgehalten. Nur wenn

ich etwas fast wörtlich oder ohne Nachprüfung herübergenommen habe,

ist das in den Noten bemerkt worden. Übrigens bedauere ich sehr, dass

es jetzt nicht gehörig zur Anschauung kommen kann, was ich, für das

Verständnis der Quellen, Männern wie Dieterici, de Goeje, Goldziher,

Houtsma, Aug. Müller, Munk, Nöldeke, Renan, Snouck Hurgronje,

Steinschneider, van Vloten und vielen, vielen anderen verdanke.

Erst nach Abschluss dieser Arbeit ist eine interessante, auch über die

Vorgeschichte der Philosophie im Islam sich verbreitende Monographie

über Ibn Sina erschienen. [2] Sie gibt mir aber keine Veranlassung,

meine Auffassung im ganzen zu ändern.

Für alles Bibliographische verweise ich auf die Orientalische

Bibliographie, Brockelmann's Geschichte der Arabischen Litteratur

und die Litteraturnachweise bei Überweg-Heinze. Bei der Umschreibung

arabischer Namen habe ich mehr auf Tradition und deutsche Aussprache

als auf Konsequenz geachtet. Es sei nur bemerkt, dass das z als weiches

s zu sprechen, und das th wie das englische. Im Personenregister

bezeichnen Accente die Länge.

So viel wie möglich hab' ich mich auf den Islam beschränkt. Deshalb

sind Ibn Gebirol und Maimonides nur im Vorbeigehen genannt,

andere jüdische Denker ganz übergangen, obgleich sie, philosophisch

betrachtet, dem muslimischen Bildungskreise angehören. Der Schaden

ist aber nicht gross. Denn über die jüdischen Philosophen ist schon

viel geschrieben worden, während man bis jetzt die muslimischen Denker

sehr vernachlässigt hat.

Groningen (Niederlande).

T. J. de Boer.

INHALTSÜBERSICHT.

Seite

I. Zur Einleitung. 9-33

1. Der Schauplatz 9

1. Das alte Arabien. 2. Die ersten

Chalifen. Medina. Schiiten. 3. Die Omajjaden. Damaskus, Basra

und Kufa. 4. Die Abbasiden. Bagdad. 5. Kleinstaaterei. Fall

des Chalifates.

2. Orientalische Weisheit 13

1. Semitische Spekulation. 2. Persische

Religion. Zrwanismus. 3. Indische Weisheit.

3. Griechische Wissenschaft 17

1. Die Syrer. 2. Die christlichen Kirchen. 3. Edessa

und Nisibis. 4. Harran. 5. Gondeschapur. 6. Syrische

Übersetzungen. 7. Die Philosophie bei den Syrern. 8. Arabische

Übersetzungen. 9. Die Philosophie der Übersetzer. 10. Umfang der

Überlieferung. 11. Fortsetzung des Neuplatonismus. 12. Das Buch

vom Apfel. 13. Die Theologie des Aristoteles. 14. Aufnahme des

Aristoteles. 15. Die Philosophie im Islam.

II. Philosophie und arabisches Wissen 34-68

1. Die Sprachwissenschaft 34

1. Die verschiedenen Wissenschaften. 2. Die arabische Sprache. Der

Koran. 3. Die Grammatiker von Basra und Kufa. 4. Logische

Grammatik. Metrik. 5. Sprachwissenschaft und Philosophie.

2. Die Pflichtenlehre 38

1. Tradition und Freiheit. 2. Die Analogie. 3. Inhalt und Stellung

der Pflichtenlehre. 4. Ethik und Politik.

3. Die Glaubenslehre 42

1. Christliche Dogmatik. 2. Der Kalam. 3. Die

Mutaziliten und ihre Gegner. 4. Menschliches und

göttliches Wirken. 5. Gottes Wesen. 6. Offenbarung und

Vernunft. 7. Abu-l-Hudhail. 8. Nazzam. 9. Dschahiz. 10. Muammar

und Abu Haschim. 11. Aschari. 12. Der atomistische Kalam. 13. Die

Mystik.

4. Litteratur und Geschichte 63

1. Die Litteratur. 2. Abu-l-Atahia. Mutanabbi,

Abu-l-Ala. Hariri. 3. Geschichtliche Überlieferung. 4. Masudi

und Muqaddasi.

III. Die pythagoreische Philosophie 69-89

1. Die Naturphilosophie 69

1. Die Quellen. 2. Die mathematischen Disziplinen. 3. Die

Naturwissenschaften. 4. Die Medizin. 5. Razi. 6. Die Dahriten.

2. Die treuen Brüder von Basra 76

1. Die Karmaten. 2. Die Brüder und ihre

Encyklopädie. 3. Eklektizismus. 4. Das Wissen. 5. Die

Mathematik. 6. Die Logik. 7. Gott und Welt. 8. Die menschliche

Seele. 9. Religionsphilosophie. 10. Die Ethik. 11. Wirkung der

Encyklopädie.

IV. Die neuplat. Aristoteliker des Ostens 90-137

1. Kindi 90

1. Sein Leben. 2. Verhältnis zur Theologie. 3. Die

Mathematik. 4. Gott, Welt, Seele. 5. Die Lehre vom Nus. 6. Kindi

als Aristoteliker. 7. Die Schule Kindis.

2. Farabi 98

1. Die Logiker. 2. Farabis Leben. 3. Verhältnis zu

Platon und Aristoteles. 4. Die Philosophie. 5. Die

Logik. 6. Das Seiende. Gott. 7. Die Himmelwelt. 8. Die

irdische Welt. 9. Die menschliche Seele. 10. Der Geist

im Menschen. 11. Die Ethik. 12. Die Politik. 13. Das

zukünftige Leben. 14. Rückblick. 15. Wirkungen seiner

Philosophie. Sidschistani.

3. Ibn Maskawaih. 116

1. Seine Stellung. 2. Das Wesen der Seele. 3. Prinzipien der Ethik.

4. Ibn Sina 119

1. Sein Leben. 2. Das Werk. 3. Philosophische Wissenschaften. Die

Logik. 4. Metaphysik und Physik. 5. Anthropologie und

Psychologie. 6. Die Vernunft. 7. Allegorische Darstellung

der Vernunftlehre. 8. Geheimlehre. 9. Ibn Sinas

Zeit. Beruni. 10. Behmenjar. 11. Das Fortleben Ibn Sinas.

5. Ibn al-Haitham 133

1. Der Zug nach Westen. 2. Ibn al-Haithams Leben und

Werke. 3. Wahrnehmung und Erkenntnis. 4. Nachwirkung.

V. Der Ausgang der Philosophie im Osten 138-152

1. Gazali 138

1. Dialektik und Mystik. 2. Gazalis Leben. 3. Stellung zu seiner

Zeit. 4. Die Welt. 5. Gott und Vorsehung. 6. Der Mensch. 7. Gazalis

Theologie. 8. Erfahrung und Offenbarung. 9. Rückblick.

2. Die Kompendienschreiber 150

1. Stellung der Philosophie. 2. Philosophische Bildung.

VI. Die Philosophie im Westen 153-176

1. Die Anfänge 153

1. Die Omajjadenzeit. 2. Das elfte Jahrhundert.

2. Ibn Baddscha 156

1. Die Almoraviden. 2. Ibn Baddschas

Leben. 3. Charakteristik. 4. Logik und Metaphysik. 5. Seele und

Geist. 6. Der einzelne Mensch.

3. Ibn Tofail 160

1. Die Almohaden. 2. Ibn Tofails Leben. 3. Hai ibn Jaqzan. 4. Hai

und die Entwicklung der Menschheit. 5. Hai's Ethik.

4. Ibn Roschd 165

1. Sein Leben. 2. Ibn Roschd und Aristoteles. 3. Logik. Erkenntnis

der Wahrheit. 4. Die Welt und Gott. 5. Körper und Geist. 6. Geist

und Geister. 7. Rückblick. 8. Praktische Philosophie.

VII. Zum Schluss 177-188

1. Ibn Chaldun 177

1. Die Zeitverhältnisse. 2. Das Leben Ibn Chalduns. 3. Philosophie

und Welterfahrung. 4. Geschichtsphilosophie. Historische

Methode. 5. Gegenstand der Geschichte. 6. Charakteristik.

2. Die Araber und die Scholastik 184

1. Politische Lage. Die Juden. 2. Palermo und Toledo. 3. Die

Araber in Paris.

I. ZUR EINLEITUNG.

1. Der Schauplatz.

1. Von alters her war, wie heutzutage, die arabische Wüste der

Tummelplatz unabhängiger Beduinenstämme. Mit freiem, gesundem

Sinn blickten diese in ihre einförmige Welt hinein, deren höchster

Reiz der Beutezug, deren geistiger Schatz die Stammesüberlieferung

war. Weder die Errungenschaften geselliger Arbeit noch die Gaben

schöner Muße waren ihnen bekannt. Nur an den Rändern der Wüste wurde,

in Staatenbildungen, die oft von den Überfällen jener Beduinen zu

leiden hatten, eine höhere Stufe der Gesittung erreicht. So war es im

Süden, wo in christlicher Zeit unter abyssinischer oder persischer

Oberhoheit das alte Reich der Königin von Saba fortbestand. Im

Westen lagen an einer alten Handelsstraße Mekka und Medina (Jathrib),

und besonders Mekka mit seinem Markte im Schutze eines Tempels war

ein Mittelpunkt regen Verkehrs. Im Norden endlich hatten sich zwei

halbsouveräne Staaten unter arabischen Fürsten gebildet: gegen Persien

hin das Reich der Lachmiden in Hira und gegen Byzanz der Gassaniden

Herrschaft in Syrien. Aber in Sprache und Poesie stellte sich schon

vor Mohammed einigermaßen die Einheit der arabischen Nation dar. Die

Dichter waren die Wissenden ihres Volkes. Ihre Zaubersprüche galten

zunächst den Stämmen als Orakel. Doch ging ihre Wirkung wohl oft über

den eigenen Stamm hinaus.

2. Mohammed und seinen nächsten Nachfolgern, Abu Bekr, Omar, Othman

und Ali (622-661) ist es nun gelungen, die freien Wüstensöhne

zusammen mit den gesitteteren Bewohnern der Küstenstriche für ein

gemeinsames Unternehmen zu begeistern. Diesem Ereignis verdankt der

Islam seine Weltstellung. Denn Allah zeigte sich groß und für die

Ihm sich Ergebenden (Muslime) war die Welt gar klein. In kurzer Zeit

wurde ganz Persien erobert und verlor das oströmische Reich seine

schönsten Provinzen: Syrien und Ägypten.

Medina war der Sitz der ersten Chalifen oder Stellvertreter des

Propheten. Aber Mohammeds tapferer Schwiegersohn, Ali, und dessen Söhne

unterlagen Moawia, dem klugen Statthalter von Syrien. Seit der Zeit

besteht die Partei des Ali (Schiiten), die unter mancherlei Wandlungen,

bald unterworfen, bald an einzelnen Stellen zur Herrschaft gelangt,

ihr Wesen in der Geschichte treibt, bis sie sich (1502) im persischen

Reich endgültig gegen den sunnitischen Islam abschließt.

In ihrem Kampfe gegen die weltliche Macht haben die Schiiten sich aller

möglichen Waffen, auch der Wissenschaft bedient. Schon früh erscheint

unter ihnen die Partei der Kaisaniten, die dem Ali und seinen Erben

eine übermenschliche Geheimwissenschaft zuschreibt, ein Wissen, mit

dessen Hilfe der innere Sinn der göttlichen Offenbarung erst klar

werde, das aber auch von seinen Adepten nicht weniger Glauben und

unbedingten Gehorsam gegen die Träger solchen Wissens erfordert als

der Buchstabe des Korans. (Vgl. III, 2 § 1.)

3. Nach dem Siege Moawias, der Damaskus zur Hauptstadt des muslimischen

Reiches machte, lag die Bedeutung Medinas hauptsächlich auf geistigem

Gebiete. Es musste sich damit begnügen, zum Teil unter jüdischen

und christlichen Einflüssen, die Wissenschaft des Gesetzes und der

Tradition zu pflegen. In Damaskus aber führten die Omajjaden (661-750)

ihr weltliches Regiment. Unter ihrer Herrschaft dehnte sich das Reich

vom atlantischen Meere bis über die Grenzen Indiens und Turkestans

aus, vom südlichen Meere bis an den Kaukasus und vor die Mauern von

Konstantinopel. Damit war aber auch die weiteste Ausdehnung erreicht.

Araber nahmen jetzt überall die führende Stellung ein. Sie

bildeten eine militärische Aristokratie und der schlagendste

Beweis für ihren Einfluss ist dies, dass unterworfene Völker mit

alter, überlegener Kultur die Sprache der Sieger annahmen. Die

arabische Sprache wurde die Sprache des Staates und der Religion,

der Poesie und der Wissenschaft. Während aber die hohen Staats-

und Militärämter vorzugsweise von Arabern verwaltet wurden, blieb

es zunächst Nichtarabern und Mischlingen überlassen, Künste und

Wissenschaften zu pflegen. In Syrien ging man bei Christen in die

Schule. Die Hauptstätten geistiger Bildung aber wurden Basra und

Kufa, in denen Araber und Perser, Muslime, Christen, Juden und Magier

zusammenstießen. Dort, wo Handel und Gewerbe aufblühten, sind, unter

hellenistisch-christlichen und persischen Einflüssen entstanden,

die Anfänge weltlicher Wissenschaft im Islam zu suchen.

4. Den Omajjaden folgten die Abbasiden (750-1258) nach. Diese machten,

um zur Herrschaft zu gelangen, dem Persertum Konzessionen und benutzten

religiös-politische Bewegungen. Nur in dem ersten Jahrhundert ihrer

Regierung (bis etwa 860) mehrte oder hielt sich noch die Größe

des Reiches, als dessen Mittelpunkt Mansur, der zweite Herrscher

dieses Hauses, im Jahre 762 Bagdad gründete, eine Stadt, die bald an

weltlichem Glanze Damaskus und als Leuchte des Geistes Basra und Kufa

überstrahlte. Nur mit Konstantinopel war sie zu vergleichen. In Bagdad,

an dem Hofe Mansurs (754-775), Haruns (786-809), Mamuns (813-833)

u. s. w. fanden sich, besonders aus den nordöstlichen Provinzen,

Dichter und Gelehrte zusammen. Mehrere Abbasiden liebten weltliche

Bildung, sei es an sich oder zur Ausschmückung ihres Hofes, und wenn

sie oft auch den Wert der Künstler und Gelehrten nicht erkannt haben

mögen, so wussten doch diese die materiellen Güter ihrer Herren wohl

zu schätzen.

Wenigstens seit der Zeit Haruns bestand in Bagdad eine Bibliothek und

eine Gelehrtenanstalt. Schon unter Mansur, besonders aber unter Mamun

und seinen Nachfolgern, wurde dann die wissenschaftliche Litteratur

der Griechen, meistens durch syrische Vermittelung, in die arabische

Sprache übertragen. Auch Kompendien und Erläuterungen dazu wurden

verfasst.

Als diese gelehrte Arbeit ihren höchsten Aufschwung nahm, war

die Herrlichkeit des Reiches im Niedergang begriffen. Die alten

Stammesfehden, die unter den Omajjaden nie geruht hatten, waren

scheinbar einer festgefügten Einheit des Staates gewichen. Aber es

dauerten in verschärftem Maße andere Streitigkeiten fort, theologische

und metaphysische Zänkereien, wie sie ähnlich den Verfall des

oströmischen Reiches begleiteten. Der Staatsdienst brauchte in der

orientalischen Despotie nur wenig befähigte Köpfe. Viele junge Kräfte

gingen im üppigen Genusse unter, andere verfielen auf Wortkünstelei

und Scheingelehrsamkeit. Zur Verteidigung des Reiches dagegen zog man

die frische Kraft weniger überbildeter Völker heran: zuerst iranische

oder iranisierte Chorasaner, darauf Türken.

5. Immer deutlicher zeigte sich des Reiches Verfall. Die

Machtstellung des Türkenheeres, Aufstände städtischen Pöbels und

ländlicher Arbeiter, schiitische und ismaelitische Umtriebe überall,

dazu die Selbständigkeitsgelüste der entfernten Provinzen waren

entweder die Ursachen oder die Symptome des Untergangs. Neben dem

Chalifen, der zum geistlichen Würdenträger herabsank, herrschten

die Türken als Hausmeier. Und an der Peripherie entstanden nach

und nach selbständige Staaten, bis zu einer ganz entsetzlichen

Kleinstaaterei. Die wichtigsten, mehr oder weniger unabhängigen

Herrscher waren im Westen, abgesehen von den spanischen Omajjaden

(vgl. VI, 1), die Aglabiden Nordafrikas, die Tuluniden und Fatimiden

Ägyptens und die Hamdaniden Syriens und Mesopotamiens; im Osten die

Tahiriden und Samaniden, allmählich von den Türken verdrängt. An den

Höfen dieser kleinen Dynastien sind in der nächsten Zeit (10. und

11. Jahrh.) die Dichter und Gelehrten zu finden. Mehr als Bagdad

machen sich auf kurze Zeit Haleb (Aleppo), der Sitz der Hamdaniden,

und auf längere Zeit Kairo, im Jahre 969 von den Fatimiden erbaut,

als Heimstätten geistiger Bestrebungen geltend. Im Osten glänzt noch

einen Augenblick der Hof des Türken Machmud von Ghazna, der seit dem

Jahre 999 Herr von Chorasan war.

In diese Zeit der Kleinstaaterei und der Türkenwirtschaft fällt auch

die Gründung der muslimischen Universitäten. Im Jahre 1065 wurde

die erste in Bagdad errichtet. Seit der Zeit besitzt der Orient die

Wissenschaft nur in stereotypen Auflagen. Der Lehrer hat gelehrt,

was ihm von seinen Lehrern überliefert worden, und jedes neue Buch

enthält kaum einen Satz, der nicht schon in älteren Büchern stände. Die

Wissenschaft ist gerettet. Aber die Gelehrten Transoxaniens, die,

der Überlieferung nach, als sie die Gründung der ersten Madrasah

erfuhren, eine Trauerfeier zu Ehren der Wissenschaft veranstalteten,

haben Recht behalten. [3]

Über die östlichen Länder des Islam brauste dann (13. Jahrh.) der

Mongolensturm dahin. Was der Türke übrig gelassen, raffte dieser

hinweg. Es blühte da keine Kultur wieder auf, die aus sich heraus eine

neue Kunst hervortrieb oder zu einer Erneuerung der Wissenschaft die

Anregung darbot.

2. Orientalische Weisheit.

1. Vor seiner Berührung mit dem Hellenismus hat der semitische Geist,

in philosophischer Hinsicht, es nie weiter als zu Rätselfragen

und Spruchweisheit gebracht. Einzelbeobachtungen aus der Natur,

hauptsächlich aber aus Leben und Schicksal des Menschen, liegen zu

Grunde, und wo das Verständnis aufhört, stellt sich leicht die Ergebung

in den allmächtigen und unergründlichen Willen Gottes ein. Wir kennen

diese Weisheit aus dem Alten Testament. Dass sie sich ähnlich bei den

Arabern ausbildete, zeigen uns die biblische Geschichte der Königin von

Saba und die Gestalt des weisen Loqman in der arabischen Überlieferung.

Neben solcher Weisheit gab es überall die Magie des Zauberers, ein

Wissen, das sich in der Herrschaft über die Dinge bewährte. Aber nur

in den priesterlichen Kreisen Alt-Babyloniens, unter welchen Einflüssen

und in welchem Umfange wissen wir nicht genau, erhob man sich zu einer

wissenschaftlicheren Betrachtung der Welt. Vom Wirrsal des Erdendaseins

wandte dort das Auge sich der himmlischen Ordnung zu. Nicht wie der

Hebräer, der über ein gewisses Staunen nicht hinwegkam [4] oder in den

unzähligen Gestirnen nur ein Sinnbild eigener Nachkommenschaft sah [5],

sondern ähnlich dem Griechen, der das Viele und Mannigfaltige unter dem

Monde erst verstehen lernte, nachdem er in der Einheit und Stetigkeit

der Himmelsbewegung die Harmonie des Alls gefunden hatte. Nur dass

sich mit dem Guten, wie es denn im Hellenismus nicht anders war,

viel mythologisches Spiel und astrologisches Afterwissen verschlangen.

Diese chaldäische Weisheit wurde in Babylonien und Syrien seit

den Tagen Alexanders des Großen mit hellenistischen, später mit

hellenistisch-christlichen Ideen durchsetzt oder davon verdrängt. Nur

in der syrischen Stadt Harran hielt sich bis in die Zeit des Islam das

alte Heidentum, von christlichen Einflüssen wenig berührt. (Vgl. I,

3 § 4.)

2. Bedeutender als etwaige semitische Überlieferung war es, was dem

Islam von persischer und indischer Weisheit zugeführt wurde. Auf die

Frage, ob die orientalische Weisheit von griechischer Philosophie,

oder diese von jener ursprünglich beeinflusst sei, brauchen wir

hier nicht einzugehen. Was der Islam graden Weges Persern und Indern

entnommen hat, lässt sich aus den arabischen Quellen mit ziemlicher

Sicherheit ersehen, und auf dieses dürfen wir uns beschränken.

Persien ist das Land des Dualismus, und es ist nicht unwahrscheinlich,

dass seine dualistische Religionslehre, sei es direkt, sei es durch

Vermittelung des Manichäismus oder anderer gnostischer Sekten, auf

die theologischen Streitigkeiten im Islam eingewirkt habe. Viel

größer aber ist in weltlichen Kreisen der Einfluss desjenigen

Systems gewesen, das der Überlieferung nach unter dem Sasaniden

Jezdegerd II. (438/9-457) sogar zur öffentlichen Anerkennung kam, des

Zrwanismus (vgl. III, 1 § 6). In diesem System war die dualistische

Weltansicht dadurch aufgehoben, dass als oberstes Prinzip die endlose

Zeit (zrwan, arab. dahr) aufgestellt und mit dem Geschick, der

äußersten Himmelssphäre oder der Bewegung des Himmels identifiziert

wurde. Diese Lehre, die philosophischen Köpfen zusagte, hat sich,

mit oder ohne die Maske des Islam, in der persischen Litteratur und

bis auf unsere Zeit in den volkstümlichen Anschauungen einen großen

Platz zu erhalten gewusst. Von den Theologen aber und nicht weniger

von der idealistischen Schulphilosophie wurde sie als Materialismus,

Atheismus u. s. w. abgewiesen.

3. Als das wahre Land der Weisheit galt Indien. Vielfach findet

sich bei den arabischen Schriftstellern die Anschauung, dort sei

die Geburtsstätte der Philosophie zu finden. Durch friedlichen

Handelsverkehr, dessen Vermittler zwischen Indien und dem Abendlande

hauptsächlich Perser waren, dann infolge der muslimischen Eroberung

verbreitete sich die Kenntnis indischer Weisheit. Unter Mansur

(754-775) und Harun (786-809) wurde vieles davon, teils durch die

Mittelstufe des Persischen (Pahlawi) hindurch, teils direkt aus dem

Sanskrit übersetzt. Von der ethischen und politischen Spruchweisheit,

aus Fabel und Erzählung der Inder, ward manches herübergenommen, so

die von Ibn al-Moqaffa zu Mansurs Zeit aus dem Pahlawi übersetzten

Erzählungen des Pantschatantra u. A. An erster Stelle aber wirkten

indische Mathematik und Astrologie, letztere in Verbindung mit

praktischer Medizin und Zauberkunst, auf die Anfänge der Weltweisheit

im Islam. Die Astrologie des Siddhanta von Brahmagupta, unter Mansur

mit Hilfe indischer Gelehrten von Fazari aus dem Sanskrit übersetzt,

war noch vor des Ptolemäus Almagest bekannt. Eine weite Welt, in

Vergangenheit und Zukunft, that sich da auf. Die hohen Zahlen, mit

denen der Inder operierte, erzeugten auf die nüchternen muslimischen

Annalisten einen gewaltigen, verwirrenden Eindruck, wie andererseits

der arabische Kaufmann, der in Indien und China das Alter unserer

erschaffenen Welt auf einige Tausend Jahre ansetzte, sich im höchsten

Grade lächerlich machte.

Auch die logischen und metaphysischen Spekulationen der Inder

sind den Muslimen nicht unbekannt geblieben, aber viel weniger

als Mathematik und Astrologie haben diese die wissenschaftliche

Entwicklung beeinflusst. Die Grübeleien der Inder, an ihre heiligen

Bücher anknüpfend und durchaus religiös bestimmt, haben gewiss auf

persisches Sufitum und islamische Mystik nachhaltig eingewirkt. Aber

Philosophie ist nun einmal ein griechischer Begriff und es geht

nicht an, einem Tagesgeschmack zu liebe, in unserer Darstellung den

Kuhmilchgedanken frommer Inder allzuviel Platz einzuräumen. Was

jene sinnigen Büßer über den täuschenden Schein alles Sinnlichen

vorgebracht haben, mag oft einen poetischen Reiz besitzen, stimmt auch

wohl zu dem, was dem Osten aus neupythagoreischen und neuplatonischen

Quellen an Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles Irdischen

zugänglich war, hat aber, ebensowenig wie dieses, etwas Erhebliches

zur Erklärung der Erscheinungen, zur Erweckung wissenschaftlichen

Sinnes beigetragen. Nicht indischer Phantasie, sondern griechischen

Geistes bedurfte es dazu, das Nachdenken auf die Erkenntnis des

Wirklichen zu richten. Das beste Beispiel dafür ist die arabische

Mathematik. Nach dem Urteile ihrer besten Kenner ist indisch darin

fast nur die Rechenkunst, griechisch, wenn auch nicht ausschließlich,

doch vorwiegend, die Algebra und die Geometrie. Zum Begriffe reiner

Mathematik ist wohl kaum ein Inder durchgedrungen. Die Zahl, auch

die höchste, blieb doch immer eine konkrete. Und in der indischen

Philosophie blieb das Wissen überhaupt ein Mittel. Zweck war die

Erlösung vom Übel des Daseins, die Philosophie Anleitung zum seligen

Leben. Daher die Monotonie dieser auf das einheitliche Wesen aller

Dinge gerichteten Weisheit, der gegenüber die reichgegliederte

Wissenschaft der Hellenen die Wirkungen der Natur und des Geistes

allseitig zu erfassen bestrebt war.

Orientalische Weisheit, Astrologie und Kosmologie, hat den

muslimischen Denkern mancherlei Stoff geliefert, aber die Form,

das bildende Prinzip, kam ihnen von den Griechen her. Überall, wo es

sich nicht um bloßes Aufzählen oder zufälliges Zusammenreihen handelt,

sondern nach sachlichen oder logischen Gesichtspunkten eine Anordnung

des Mannigfaltigen versucht wird, darf mit Wahrscheinlichkeit auf

griechischen Einfluss geschlossen werden.

3. Griechische Wissenschaft.

1. Wie die Perser hauptsächlich den Handelsverkehr zwischen

Indien-China und Byzanz leiteten, so traten im fernen Westen, bis

ins Frankenreich, die Syrer als Kulturvermittler auf. Es waren Syrer,

die Wein, Seide u. s. w. ins Abendland einführten. Aber es waren auch

Syrer, die griechische Bildung aus Alexandrien und Antiochien nach

Osten hin verbreiteten und in den Schulen von Edessa und Nisibis,

Harran und Gondeschapur fortpflanzten. Syrien war das richtige Land

der Mitte, wo Jahrhunderte lang die beiden Weltmächte, die römische

und die persische, feindlich oder friedlich zusammenstießen. Unter

solchen Umständen spielten die christlichen Syrer eine Rolle, wie

sie ähnlich später den Juden zu teil ward.

2. Die muslimischen Eroberer fanden die christliche Kirche,

abgesehen von vielen Sekten, in drei Abteilungen gespalten. Im

eigentlichen Syrien herrschte neben der orthodoxen Reichskirche

die monophysitische, in Persien die nestorianische Kirche vor. Der

Unterschied zwischen den Lehrsystemen dieser Kirchen ist wohl

nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung der muslimischen Dogmatik

gewesen. Nach der Lehre der Monophysiten waren in Christus Gott

und Mensch zu einer Natur vereinigt, während die Orthodoxen

und viel schärfer noch die Nestorianer eine göttliche und eine

menschliche Natur unterschieden. Nun heißt Natur vor allem Energie

oder Wirkungsprinzip. Es handelt sich um die Frage, ob göttliches

und menschliches Wollen und Wirken in Christus ein und dasselbe

seien oder verschieden. Die Monophysiten hoben, aus spekulativen

und religiösen Motiven, auf Kosten des Menschlichen die Einheit in

Christus, ihrem Gotte, hervor, die Nestorianer dagegen betonten die

Eigenart menschlichen Seins, Wollens und Wirkens dem göttlichen

gegenüber. Letzteres aber bietet, unter Begünstigung politischer

und kultureller Verhältnisse, einer philosophischen Welt- und

Lebensbetrachtung freieren Spielraum, und thatsächlich haben die

Nestorianer am meisten für die Pflege griechischer Wissenschaft gethan.

3. Die Sprache sowohl der westlichen als auch der östlichen

(persischen) Kirche war das Syrische. Daneben aber wurde in

den Klosterschulen das Griechische gelehrt. In der westlichen

(monophysitischen) Kirche sind Rasain und Kinnesrin als Stätten der

Bildung zu nennen. Bedeutender war, wenigstens anfangs, die Schule von

Edessa, wie denn auch der edessenische Dialekt sich zur Schriftsprache

erhoben hatte. Aber im Jahre 489 ward die dortige Schule wegen der

nestorianischen Gesinnung ihrer Lehrer geschlossen. Sie that sich dann

in Nisibis wieder auf und verbreitete in Persien, aus politischen

Gründen von den Sasaniden begünstigt, nestorianischen Glauben und

griechisches Wissen.

Der Unterricht in jenen Schulen hatte vorzugsweise biblisch-kirchlichen

Charakter und war auf kirchliche Bedürfnisse berechnet. Aber es nahmen

auch Ärzte oder künftige Studenten der Medizin daran teil. Dass

diese oft dem geistlichen Stande angehörten, hebt den Unterschied

zwischen theologischem Studium und der Beschäftigung mit weltlichem

Wissen nicht auf. Zwar haben, nach dem syrisch-römischen Rechtsbuch,

die Lehrer (gelehrten Priester) und Ärzte Steuerfreiheit und andere

Privilegien gemeinsam. Aber dass die ersteren als Heilkünstler der

Seele betrachtet wurden, während die Ärzte bloß den Leib zu flicken

hatten, begründete den Vorzug jener vor diesen. Die Medizin blieb doch

immer etwas Weltliches, und nach den Statuten der Schule zu Nisibis

(vom Jahre 590) durften die heiligen Schriften nicht mit Büchern des

weltlichen Gewerbes in einem Raume zusammen gelesen werden.

In ärztlichen Kreisen wurden die Werke des Hippokrat, Galen und

Aristoteles sehr geschätzt. In den Klöstern aber verstand man unter

Philosophie zunächst das beschauliche Leben des Asketen und achtete

nur auf das Eine, das not thut.

4. Eine eigentümliche Stellung nimmt die mesopotamische Stadt Harran,

in der Nähe Edessas, ein. Altsemitisches Heidentum verknüpft sich hier,

besonders nach der arabischen Eroberung, als die Stadt neu emporblühte,

mit mathematischen und astronomischen Studien und neupythagoreischer

und neuplatonischer Spekulation. Die Harranier oder Sabier, wie sie

im 9. und 10. Jahrhundert heißen, führen ihre mystische Weisheit auf

Hermes Trismegistos, Agathodaemon, Uranius u. A. zurück. Zahlreiche

Pseudepigraphen des späteren Hellenismus werden von ihnen gläubig

aufgenommen, einzelnes wird vielleicht in ihrem Kreise fabriziert. Als

Übersetzer und gelehrte Schriftsteller sind einige aus ihrer Mitte

thätig gewesen. Viele haben mit persischen und arabischen Gelehrten

des achten bis zehnten Jahrhunderts einen regen wissenschaftlichen

Verkehr unterhalten.

5. In Persien, zu Gondeschapur, finden wir eine von Chosrau Anoscharwan

(531-579) gegründete Anstalt für philosophische und medizinische

Studien. Ihre Lehrer waren hauptsächlich nestorianische Christen. Aber

außer den Nestorianern duldete der weltlicher Bildung geneigte Fürst

auch Monophysiten. Besonders als Mediziner waren damals, wie später

am Hofe der Chalifen, christliche Syrer in Ehren.

Auch die im Jahre 529 aus Athen vertriebenen sieben Philosophen

der neuplatonischen Schule fanden am Hofe Chosraus eine

Zufluchtsstätte. Sie mögen aber dort ähnliche Erfahrungen gemacht

haben, wie die französischen Freigeister des vorigen Jahrhunderts

am russischen Hofe. Jedenfalls sehnten sie sich nach der Heimat

zurück. Und der König war freisinnig und großmütig genug, sie gehen

zu lassen und für sie im Friedensvertrage mit Byzanz vom Jahre 549

Glaubensfreiheit zu bedingen. Ganz ohne Einfluss wird ihr Aufenthalt

im persischen Reich doch wohl nicht geblieben sein.

6. Die Zeit der syrischen Übersetzungen profaner Schriften aus dem

Griechischen läuft etwa vom vierten bis zum achten Jahrhundert. Im

vierten Jahrhundert wurden Spruchsammlungen übertragen. Als erster

mit Namen genannter Übersetzer erscheint Probus, "Priester und Arzt

in Antiochien" (erste Hälfte des fünften Jahrhunderts?). Vielleicht

war er auch nur Erklärer logischer Schriften des Aristoteles

und der Isagoge des Porphyrius. Bekannter ist Sergius von Rasain

(gestorben, wahrscheinlich in Konstantinopel, um 536, etwa 70 Jahre

alt), ein mesopotamischer Mönch und Arzt, der den ganzen Umfang der

alexandrinischen Wissenschaft, vielleicht in Alexandrien selbst,

studierte und dessen Übersetzungen nicht nur auf Theologie, Moral und

Mystik, sondern mehr noch auf Physik, Medizin und Philosophie sich

erstreckten. Auch nach der muslimischen Eroberung wurde die gelehrte

Thätigkeit der Syrer fortgesetzt. Jakob von Edessa (etwa 640-708)

übersetzte griechisch-theologische Schriften, befasste sich aber

außerdem mit Philosophie und erklärte auf eine diesbezügliche Anfrage,

es sei christlichen Geistlichen erlaubt, Kindern von muslimischen

Eltern gelehrten Unterricht zu erteilen. Bei den letzteren war also

ein Bildungsbedürfnis vorhanden.

Die Übersetzungen der Syrer, namentlich des Sergius von Rasain,

sind im allgemeinen treu; die logischen und naturwissenschaftlichen

aber entsprechen dem Original genauer, als die ethischen und

metaphysischen. In diesen gab es eben viel Dunkles, das missverstanden

oder einfach weggelassen, und viel Heidnisches, das durch Christliches

ersetzt ward. Für Sokrates, Platon und Aristoteles (als Beispiele)

traten wohl einmal Petrus, Paulus und Johannes ein. Das Schicksal

und die Götter mussten dem Einen Gotte weichen. Und Begriffe wie

Welt, Ewigkeit, Sünde und dergleichen erhielten ein christliches

Gepräge. Übrigens sind die Araber mit der Anpassung an ihre Sprache,

Kultur und Religion später viel weiter gegangen als die Syrer. Teils

lässt sich das wohl aus der muslimischen Scheu vor allem Heidnischen,

teils aber auch aus einer größeren Anpassungsfähigkeit erklären.

7. Abgesehen von einigen mathematischen, physischen und medizinischen

Schriften haben die Syrer sich für ein Zweifaches interessiert. Erstens

für moralisierende Spruchsammlungen, mit etwas Philosophiegeschichte

verbunden, und im allgemeinen für mystische pythagoreisch-platonische

Weisheit. Diese findet sich hauptsächlich in Pseudepigraphen, die den

Namen des Pythagoras, Sokrates, Plutarch, Dionysius u. A. tragen. Im

Mittelpunkte des Interesses steht eine platonische Seelenlehre,

in späterer pythagoreischer, neuplatonischer oder christlicher

Bearbeitung. Platon wird in den syrischen Klöstern sogar zu einem

orientalischen Mönch, der sich eine Zelle im Herzen der Wildnis

erbaute, weitab von den Wohnsitzen der Menschen, und dort, nach

dreijährigem Schweigen und Grübeln über einen Bibelvers, die göttliche

Dreieinigkeit erkannt haben soll.

Dazu kam denn als Zweites die Logik des Aristoteles. Aristoteles war

den Syrern, wie längere Zeit auch den Arabern, fast nur als Logiker

allgemein bekannt. Die Bekanntschaft erstreckte sich, ähnlich wie in

der Frühscholastik des Abendlandes, auf Kategorien, Hermeneutik und

erste Analytik bis zu den kategorischen Figuren. Der Logik bedurfte

man schon, um die Schriften griechischer Kirchenlehrer zu verstehen,

da dieselben, wenigstens formal, davon beeinflusst waren. Wie man aber

die Logik nicht vollständig hatte, so besaß man sie auch nicht rein,

sondern in neuplatonischer Überarbeitung, wie z. B. ersichtlich ist aus

dem Werke des Paulus Persa, welches in syrischer Sprache für Chosrau

Anoscharwan geschrieben wurde. Es wird darin das Wissen über den

Glauben gestellt und die Philosophie definiert als die Selbstbesinnung

der Seele auf ihr inneres Wesen, in dem sie, gleichsam wie ein Gott,

alle Dinge erblickt.

8. Was die Araber den Syrern verdanken, spricht sich u. a. darin

aus, dass arabische Gelehrte das Syrische für die älteste oder

richtige (natürliche) Sprache hielten. Zwar haben die Syrer

Selbständiges nicht geschaffen, aber ihre Übersetzerthätigkeit

kam der arabisch-persischen Wissenschaft zu gute. Es sind fast

ohne Ausnahme Syrer gewesen, die vom 8. bis 10. Jahrhundert aus

den älteren oder den von ihnen teils verbesserten, teils neu

veranstalteten syrischen Übersetzungen die griechischen Werke ins

Arabische übertrugen. Schon der omajjadische Prinz Chalid ibn Jezid

(gest. 704), der sich unter Leitung eines christlichen Mönches mit der

Alchemie befasste, soll Übersetzungen alchemistischer Werke aus dem

Griechischen ins Arabische veranstaltet haben. Sprichwörter, Gnomen,

Briefe, Testamente, überhaupt Philosophiegeschichtliches, wurden

schon früh gesammelt und übersetzt. Aber erst unter Mansur wurde

damit angefangen, naturwissenschaftlich-medizinische und logische

Schriften der Griechen, zum Teil aus dem Pahlawi, ins Arabische

zu übertragen. Besonders beteiligte sich daran Ibn al-Moqaffa, ein

Anhänger des persischen Dualismus, von dem die Späteren sich durch

ihre Terminologie unterschieden haben sollen. Es ist uns aber von

seinen philosophischen Übersetzungen nichts erhalten. Auch anderes aus

dem achten Jahrhundert ist verloren gegangen; erst aus dem neunten

Jahrhundert, aus der Zeit Mamuns und seiner Nachfolger, ist einiges

Übersetzte auf uns gekommen.

Die Übersetzer des neunten Jahrhunderts waren meistens Mediziner

und nach Ptolomäus und Euklid wurden Hippokrat und Galen mit

am ersten übertragen. Beschränken wir uns auf die Philosophie

im engeren Sinne. Von Juhanna oder Jachja ibn Bitriq (Anfang des

neunten Jahrhunderts) soll eine Übersetzung des platonischen Timäus

herrühren, ferner Aristoteles' Meteorologie, das Buch der Tiere,

ein Auszug aus der Psychologie und die Schrift Über die Welt. Dem

Abdalmasich ibn Abdallah Naima al-Himsi (um 835) wird zugeschrieben

eine Übertragung der aristotelischen Sophistik, dazu des Johannes

Philoponus Kommentar zur Physik und die sogenannte Theologie des

Aristoteles, ein paraphrastischer Auszug aus Plotin's Enneaden. Qosta

ibn Luqa al-Balabakki (um 835) soll übersetzt haben Alexanders von

Aphrodisias und Johannes Philoponus' Kommentare zur aristotelischen

Physik, zum Teil Alexanders Kommentar zu de generatione et corruptione,

dazu Pseudo-Plutarchs placita philosophorum u. A.

Die fruchtbarsten Übersetzer waren Abu Zaid Honain ibn Ishaq

(809?-873), dessen Sohn Ishaq ibn Honain (gest. 910 oder 911) und Neffe

Hobaisch ibn al-Hasan. Da sie zusammen arbeiteten, gibt es vieles, das

bald dem Einen, bald dem Anderen zugeschrieben wird. Manches wird unter

ihrer Aufsicht von Schülern und Untergebenen angefertigt sein. Ihre

Thätigkeit dehnte sich auf den ganzen Umfang der damaligen Wissenschaft

aus. Älteres wurde verbessert, Neues hinzugefügt. Der Vater übersetzte

vorzugsweise Medizinisches, der Sohn aber mehr Philosophisches.

Im zehnten Jahrhundert dauerte noch die Arbeit der Übersetzer fort. Es

zeichneten sich besonders aus Abu Bischr Matta ibn Junus al-Qannai

(gest. 940), Abu Zakarija Jachja ibn Adi al-Mantiqi (gest. 974) und Abu

Ali Isa ibn Ishaq ibn Zura (gest. 1008). Endlich Abu-l-Chair al-Hasan

ibn al-Chammar (geb. 942), ein Schüler des Jachja ibn Adi, von dem,

ausser Übersetzungen, Kommentaren u. s. w., auch eine Schrift über

die Übereinstimmung zwischen Philosophie und Christentum genannt wird.

Die Thätigkeit der Übersetzer seit Honain ibn Ishaq beschränkte sich

fast ganz auf die aristotelischen und pseudo-aristotelischen Schriften,

deren Auszüge, Paraphrasen und Kommentare.

9. Als besonders große Philosophen sind diese Übersetzer nicht

anzusehen. Selten arbeiteten sie spontan, fast immer im Dienste eines

Chalifen, eines Wezirs, oder eines anderen vornehmen Mannes. Außer

ihrem Fachstudium, gewöhnlich der Medizin, interessierte sie höchstens

die Weisheit: schöne Geschichten mit moralischer Anwendung, Anekdötchen

und Sprüche. Was wir uns im Verkehr, in der Erzählung oder auf der

Bühne nur als Eigentümlichkeit gewisser Personen gefallen lassen, wurde

von jenen Biedermännern ihres weisen Inhalts oder vielleicht auch nur

schönrednerischen Prunkes wegen bewundert und gesammelt. In der Regel

blieben sie dem väterlichen Christenglauben treu. Charakteristisch

für ihre Auffassung und den Freisinn der Chalifen ist es, was die

Überlieferung in Bezug auf Ibn Dschibril berichtet. Als Mansur ihn

zum Islam bekehren wollte, soll er gesagt haben: "Im Glauben meiner

Väter werde ich sterben, wo sie sind, wünsche ich auch zu sein,

sei's nun im Himmel oder in der Hölle." Da lächelte der Chalif und

entließ ihn reich beschenkt.

Von selbständigen Schriften dieser Männer hat sich nur weniges

gerettet. Eine kleine Abhandlung des Qosta ibn Luqa über den

Unterschied zwischen Seele und Geist (pneuma, ruh), in lateinischer

Übersetzung erhalten, ist viel genannt und benutzt worden. Der Geist

ist danach ein feiner Körper, der von der linken Herzkammer aus den

menschlichen Leib belebt und darin Bewegung und Wahrnehmung bewirkt. Je

feiner und klarer dieser Geist, um so vernünftiger denkt und handelt

auch der Mensch. Darüber sind sich Alle einig. Schwieriger aber ist es,

etwas Sicheres und Allgemeingültiges über die Seele auszusagen. Die

Aussprüche der größten Philosophen sind zum Teil verschieden, zum

Teil einander widersprechend. Jedenfalls ist die Seele unkörperlich,

weil sie Qualitäten, und zwar die entgegengesetzten zugleich, in

sich aufnimmt. Sie ist einfach, unveränderlich und vergeht nicht, wie

der Geist, mit dem Körper; der Geist vermittelt nur zwischen beiden,

ist also secundäre Ursache der Bewegung und Wahrnehmung.

Was hier in Bezug auf die Seele behauptet wird, finden wir bei

vielen Späteren. Nur wird allmählich, je mehr die aristotelische

Philosophie platonische Ansichten in den Hintergrund drängt, ein

anderes Gegensatzpaar in das volle Licht gerückt. Von der Bedeutung

des Lebensgeistes (ruh) reden nur noch die Mediziner. Die Philosophen

stellen Seele und Geist oder Vernunft (nous, `aql) zusammen. Die Seele

wird nun ins Vergängliche, mitunter sogar nach gnostischer Art in das

niedere, böse Bereich der Begierden herabgezogen. Über sie erhebt sich,

als das Höchste, das Unvergängliche im Menschen, der vernünftige Geist.

Mit dieser Bemerkung greifen wir aber der Geschichte vor. Kehren wir

zu unseren Übersetzern zurück.

10. Das Wertvollste, was der griechische Geist an Kunst, Poesie

und Geschichtschreibung uns hinterlassen hat, ist den Orientalen

niemals zugänglich geworden. Es hätte bei ihnen auch schwerlich

Verständnis gefunden. Dafür fehlte eben der Geschmack und die

Kenntnis griechischen Lebens. Mit dem sagenumstrahlten Alexander dem

Großen fing ihnen die Geschichte Griechenlands erst an, und es wird

der Aufnahme aristotelischer Philosophie am muslimischen Hofe die

Stellung des Aristoteles zum größten Fürsten des Altertums gewiss

förderlich gewesen sein. Die arabischen Geschichtschreiber zählten

die griechischen Fürsten bis auf Kleopatra und weiter die römischen

Kaiser auf, aber ein Thukydides z. B. war ihnen nicht einmal dem

Namen nach bekannt. Von Homeros haben sie nicht viel mehr als den

Satz, dass Einer Herrscher sein solle, aufgenommen. Von den großen

griechischen Dramatikern und Lyrikern haben sie keine Ahnung. Nur

durch seine Mathematik, Naturwissenschaft und Philosophie hat

das griechische Altertum auf sie gewirkt. Von der Entwicklung der

griechischen Philosophie hat man aus Plutarch, Porphyr u. A., sowie

aus den Schriften des Aristoteles und Galen einiges erfahren. Es hat

sich aber daran viel Sagenhaftes gehängt, und was im Orient über die

Lehren der vorsokratischen Philosophen berichtet worden, lässt uns

nur schließen auf die Pseudepigraphen, aus denen man schöpfte, oder

vielleicht auch auf die im Osten selbst ausgebildeten Ansichten, die

man mit der Autorität alter griechischer Weisen zu stützen suchte. Doch

ist bei Allem immer zunächst an ein griechisches Original zu denken.

11. Im allgemeinen lässt sich behaupten, dass die Syrer-Araber den

Faden der Philosophie dort aufnahmen, wo ihn die letzten Griechen

hatten fallen lassen, d. h. bei der neuplatonischen Auslegung des

Aristoteles, neben dem auch die platonischen Schriften gelesen

und erläutert wurden. Unter den Harraniern und lange Zeit bei

einigen muslimischen Sekten blühten am meisten die platonischen oder

pythagoreisch-platonischen Studien, zu denen sich viel Stoisches und

Neuplatonisches gesellte. Man interessierte sich außerordentlich für

das Schicksal des Sokrates, der im heidnischen Athen als ein Märtyrer

seines Vernunftglaubens fiel. Mächtig wirkte die platonische Seelen-

und Naturlehre. Das pythische "Erkenne dich selbst", als Motto der

sokratischen Weisheit überliefert und neuplatonisch gedeutet, wurde von

den Muslimen dem Ali, Mohammeds Schwiegersohn, oder gar dem Propheten

selbst in den Mund gelegt. Wer sich selbst erkennt, erkennt damit Gott,

seinen Herrn, das wurde der Text für allerhand mystische Spekulationen.

In medizinischen Kreisen und am weltlichen Hofe wurden immer mehr die

Werke des Aristoteles bevorzugt. Zunächst freilich nur die Logik und

einzelnes aus den physischen Schriften. Die Logik, so glaubte man,

sei das einzige Neue, was der Stagirite erfunden; in allen anderen

Wissenschaften stimme er aber durchaus mit Pythagoras, Empedokles,

Anaxagoras, Sokrates und Platon überein. Die christlichen und sabischen

Übersetzer und die von ihnen beeinflussten Kreise holten sich deshalb

unbedenklich psychologisch-ethische, politische und metaphysische

Belehrung bei den voraristotelischen Weisen.

Was den Namen des Empedokles, Pythagoras u. A. trug, war natürlich

unecht. Ihre Weisheit wird entweder auf Hermes oder andere,

orientalische Weisen zurückgeführt. So soll Empedokles ein Schüler

König Davids, nachher des Weisen Loqman gewesen, Pythagoras aus der

salomonischen Schule hervorgegangen sein u. s. w. Schriften, die in

den arabischen Werken als sokratisch zitiert werden, sind, insofern sie

echt, platonische Dialoge, in denen Sokrates auftritt. Von Platon hat

man, außer unechten Schriften, mehr oder weniger umfangreich angeführt:

die Apologie, Kriton, den Sophisten, Phädrus, die Republik, Phädon,

Timäus und die Gesetze. Das heißt aber nicht, dass dies Alles in

vollständiger Übersetzung vorgelegen habe.

Soviel ist sicher, Aristoteles war nicht von Anfang an

Alleinherrscher. Platon, wie man ihn verstand, lehrte die Weltschöpfung

und die geistige Substantialität und Unsterblichkeit der Seele: das

schadete dem Glauben nicht. Aristoteles aber, mit seiner Lehre von

der Ewigkeit der Welt und einer weniger spiritualistischen Psychologie

und Ethik, wurde als gefährlich betrachtet. Muslimische Theologen des

neunten und zehnten Jahrhunderts aus verschiedenen Lagern schrieben

deshalb gegen Aristoteles. Doch die Verhältnisse änderten sich. Bald

gab es Philosophen, die die platonische Lehre von der Einen Weltseele,

von der die menschlichen Seelen nur endliche Teile seien, verwarfen und

beim Aristoteles, der der Einzelsubstanz so große Bedeutung beilegte,

Gründe suchten für ihre Unsterblichkeitshoffnung.

12. Wie man in der ältesten Zeit den Aristoteles auffassen musste,

zeigen uns am besten die ihm untergeschobenen Schriften. Denn nicht

nur bekam man seine echten Werke mit neuplatonischen Erläuterungen

dazu, nicht nur wurde die Schrift "Über die Welt" unbedenklich

als aristotelisch anerkannt, sondern er wurde auch als der Urheber

betrachtet von vielen spätgriechischen Erzeugnissen, in denen ein

pythagoreisierender Platonismus oder Neuplatonismus, oder gar ein

wüster Synkretismus ganz offen gelehrt wurde.

Als erstes Beispiel sei hier genannt das "Buch vom Apfel" [6], darin

Aristoteles dieselbe Rolle spielt wie Sokrates in Platon's Phädon. Als

nämlich der Philosoph seinem Ende nahe, besuchen ihn einige Schüler,

die ihn frohen Mutes finden, was sie veranlasst, Belehrung über das

Wesen und die Unsterblichkeit der Seele von ihrem hinscheidenden

Meister zu erbitten. Dieser führt darauf etwa folgendes aus: Das

Wesen der Seele besteht in Wissen, und zwar in seiner höchsten Form,

der Philosophie. Eine vollkommene Erkenntnis der Wahrheit ist deshalb

die Seligkeit, die nach dem Tode der wissenden Seele bevorsteht. Und

wie das Wissen mit höherer Erkenntnis belohnt wird, so besteht die

Strafe für Nichtwissen in tieferer Unwissenheit. Es gibt ja überhaupt

im Himmel und auf Erden nichts anderes als Wissen und Nichtwissen

und die Vergeltung, die beide in sich selbst finden. Auch ist weder

die Tugend wesentlich vom Wissen verschieden, noch das Laster vom

Nichtwissen: sie verhalten sich zu einander ähnlich wie das Wasser

zum Eise, in verschiedener Form dasselbe.

Im Wissen, dem göttlichen Wesen der Seele, findet diese naturgemäß

ihre einzige wahre Freude, nicht aber in Essen und Trinken und

sinnlicher Lust. Denn die Sinnenlust ist eine Flamme, die bloß

auf kurze Zeit erwärmt; reines Licht aber, das weithin leuchtet,

ist die denkende Seele, die ihre Erlösung aus der dunklen Sinnenwelt

herbeisehnt. Darum fürchtet der Philosoph den Tod nicht, sondern tritt

ihm freudig entgegen, wenn die Gottheit ruft. Der Genuss, den ihm sein

beschränktes Wissen hier bietet, ist ihm eine Gewähr für die Wonne,

die die Enthüllung des großen Unbekannten ihm verschaffen wird. Etwas

davon weiß er ja jetzt schon, denn nur durch die Erkenntnis des

Unsichtbaren ist die richtige Schätzung des Sinnenfälligen, deren er

sich rühmen darf, überhaupt möglich. Wer sein Selbst in diesem Leben

erkennt, besitzt gerade in dieser Selbsterkenntnis die Gewissheit,

alle Dinge mit ewigem Wissen zu umfassen, d. h. unsterblich zu sein.

Geschichte der Philosophie im Islam · 第 1 / 14 段