Mit treudeutschem Heilgruß für den Jungdeutschen Orden in Bayern

Johnson, Landeskomtur.

Darauf antwortete Ehrhardt:

Bund Wicking e. V., München.

5. 1. 24.

An den Landeskomtur des Jungdeutschen Ordens in Bayern.

Der Empfang Ihres Briefes vom 1. Januar wird hiermit bestätigt. Ich

begrüße die klare Stellungnahme, die Sie einnehmen, weil diese auch

mir die volle Handlungsfreiheit zurückgibt und ein Verhältnis löst,

das von Ihrer Seite nur noch ein Scheinverhältnis war.

Ihr Balleibefehl vom 1. 12. 23 (an alle Großmeister und

Gefolgschaftsmeister, streng vertraulich) ist der schlagendste

Beweis, daß von Ihrer Seite das Treuverhältnis und die

Arbeitsgemeinschaft mit der Brigade E. innerlich bereits gelöst war.

Ich bedaure, daß Sie erst jetzt, einen vollen Monat nach Erlaß

dieses Befehls, es für nötig halten, auch äußerlich die Konsequenz

aus Ihrer inneren Wandlung zu ziehen und das Wort, das Sie mir

gegeben haben, erst jetzt formell zurückzuverlangen, ein Verfahren,

das mit völkischem Verhalten in schroffem Widerspruch steht.

Wenn Sie jetzt als inneren Grund, der zur Trennung von der Brigade

zwingt, anführen, daß Sie meine gegensätzliche Stellung zu dem

hochverdienten General Ludendorff nicht einnehmen können, so setzt

mich die Behauptung doch einigermaßen in Erstaunen. _Aus meiner

Stellung zu General Ludendorff habe ich Ihnen von Anfang an keinen

Hehl gemacht_ und Sie haben diese Stellungnahme die ganze Zeit

gebilligt. Seit dem 8. und 9. November hat sich mein Verhältnis zu

Ludendorff nur insofern geändert, als ich die maßlosen und

ungerechtfertigten Angriffe in der Öffentlichkeit erfuhr und in

reiner Notwehr dagegen Stellung nahm. Zu dem zweiten von Ihnen

angeführten Punkte lehne ich eine Erörterung ab. Wenn es Sie

interessiert, stelle ich es Ihnen anheim, sich das ausführliche

Beweismaterial der Gegenarbeit des Ordens gegen die Brigade, die

schon Wochen vor der Aufkündigung Ihres Treueverhältnisses zu mir

zurückgeht, einzusehen. Wenn von meiner Seite nicht wieder gegen

dieses Treiben eingeschritten wurde, so lag der Grund darin, daß ich

immer noch auf die Möglichkeit gemeinsamer Arbeit gehofft habe und

meinerseits alles verhindern wollte, was die Zersetzung im

völkischen Lager vergrößert. Gemäß Ihres Wunsches sind Sie mit dem

heutigen Tage Ihres Wortes entbunden. Das militärische Verhältnis

des Ordens zur Brigade ist mit demselben Tage gelöst. _Ich ersuche,

die dem Orden als Treuhänder übergebenen Waffen der Brigade an meine

Befehlsstelle Koburg zu übergeben._

Der von Ihnen gewünschten Anerkennung eines geschlossenen

Ordensgebietes bedaure ich nicht zustimmen zu können. Die weitere

Stellung des Wickingbundes hängt von dessen Verhalten ab.

gez. Ehrhardt.

Trotz der Spaltung der völkischen Verbände, trotz heftigstem, sehr

persönlich und gehässig geführtem Kampf der einzelnen Führer gegen die

Vertreter des anderen Flügels gelang es den Nationalsozialisten, in den

Städten, vor allem in München und Nürnberg, ihre Positionen zu halten.

Der soziale Umschichtungsprozeß wirkte sich vorläufig trotz der

Stabilisierung der Mark weiter aus, die Sanierung mit Beamtenabbau und

Lohnkürzung, Arbeitslosigkeit und Teuerung bereitete der

nationalsozialistischen Agitation einen guten Boden, so daß die

Völkischen verhältnismäßig leicht die schwere Krise überwinden konnten,

in die sie nach dem Fiasko ihres Putsches geraten waren. Ein volles Jahr

mußte vergehen, bevor diese stürmische Entwicklung zu den Extremen

unterbrochen wurde, die Annahme des Dawesgutachtens eine den

Mittelparteien günstigere Atmosphäre schuf und die Völkischen ihre noch

im Mai 1924 neu eroberten Positionen im Dezember des gleichen Jahres

endgültig verloren.

Unmittelbar nach dem Putsch aber fühlten sich die Völkischen noch so

stark, daß sie die Kampagne der Bayrischen Volkspartei mit einem

Gegenangriff beantworteten und Anfang Dezember eine heftige Agitation

„für den Austritt aus der katholischen Kirche“ einleiteten, die in

persönlichen Attacken gegen den Kardinal Faulhaber, in der Besudelung

der bischöflichen Palais von Bamberg und Regensburg, in der Entfesselung

eines neuen, wüsteste Formen annehmenden Kulturkampfes ihre Steigerung

erfuhr.

Doch die bürgerlichen Parteien Bayerns unter der Führung der Klerikalen

gaben den Kampf nicht verloren. Um sich den unbequemen Gegner vom Hals

zu schaffen, verschmähten sie nicht, Fäden nach Berlin zu spannen,

sicherten sich die Unterstützung der Reichsregierung zur „Liquidierung

des Rechtsradikalismus“ und die Bayrische Volkspartei entschloß sich

sogar, neben General Lossow auch Kahr fallen zu lassen. Sie schob den

General von Epp – den „Muttergottesgeneral“, wie ihn die Hitlerleute

nannten – vor, damit er die völkischen Kampfverbände unter seine Führung

nehme und sie ins Lager der katholischen Kirche und in den Schoß der

Wittelsbacher zurückführe. Gleichzeitig begann die Aufklärungsarbeit;

Broschüren und Flugblätter („Ludendorff in Bayern“, „Veni-vidi ...“)

knüpften geschickt an die separatistischen und klerikalen Vorurteile des

bayrischen Bürgertums und der Bauernschaft an, um die erwünschte

Stimmung gegen den „Preußen Ludendorff“, gegen die „volksfremden

Elemente aus dem Norden“, gegen die „ungläubigen Umstürzler“ zu

schaffen. Anfang Januar schien es, als hätte die Volkspartei ihr

angestrebtes Ziel erreicht – der Prozeß gegen Hitler sollte ihren Sieg

nach außen hin dokumentieren.

Da trat eine neue Wendung ein: Kahr, der ganz richtig erkannte, daß ihn

die Bayrische Volkspartei nur noch als einen vorgeschobenen Posten

betrachtete, den im gegebenen Augenblick zu opfern sie rücksichtslos

entschlossen war, und der befürchtete, daß er noch vor dem Prozeß fallen

gelassen werden könnte, versuchte durch seinen Freund Ehrhardt eine

Annäherung an Hitler und Ludendorff herbeizuführen, um so wenigstens für

die Dauer des Prozesses die Gegensätze zu entspannen und eine gewisse

einheitliche Front gegen die Staatsanwaltschaft zu ermöglichen. Dieser –

zu spät unternommene – Versuch schlug fehl. Im Gegenteil: Die Versöhnung

Ehrhardts mit Ludendorff, die auf einem Kommers des „Waffenring

deutscher Art“ in München Ende Januar tatsächlich zustande kam, hatte

ein von Kahr keineswegs erwartetes Ergebnis. Ehrhardt einigte sich mit

Ludendorff, hielt es aber nicht für notwendig, Kahr in dies

Freundschaftsbündnis einzubeziehen. Dieser sah sich nun über Nacht noch

isolierter als vorher.

Da erkannte aber die bayrische Regierung, wie sehr es in ihrem eigenen

Interesse lag, Kahr gegen diese verstärkte Offensive der Völkischen mehr

zu decken, als sie es ursprünglich beabsichtigte. Zwar mußte Kahr sein

Amt als Generalstaatskommissar niederlegen, General von Lossow trat vom

Kommando der bayrischen Reichswehr zurück, andererseits aber beschloß

das Münchener Kabinett, die beiden Herren für die Dauer des Prozesses

moralisch zu unterstützen. Die klerikale Presse schwenkte abermals um

und trat energisch für die verleumdeten „Retter des bayrischen Staates“

ein.

Ein übriges geschah: Der ursprünglich als Vorsitzender für den Prozeß

bestimmte Landgerichtsdirektor wurde plötzlich befördert, so daß die

Führung der Verhandlung einem neuen Herrn übertragen werden mußte, dem

man besonders gute Beziehungen zu den Klerikalen nachsagte. Die

Anklageschrift der Staatsanwaltschaft wurde höhern Orts zurückbehalten

und Kahr und Lossow erhielten die Möglichkeit, sich auf eine gemeinsame

Verteidigungslinie durch Ausarbeitung einer einheitlichen Zeugenaussage

festzulegen.

Endlich beschloß die bayrische Regierung, den Generalstaatskommissar

nicht vom Amtsgeheimnis zu befreien, so daß er als Zeuge nur über die

mit den Vorgängen in der Putschnacht unmittelbar zusammenhängenden

Ereignisse aussagen durfte. Um jedoch auch den Völkischen die

Möglichkeit zu einem Rückzug und zu einer späteren Verständigung nicht

zu rauben, wurde die bayrische Staatsanwaltschaft angewiesen, die

Anklage nur auf den Tatbestand des „ideellen Hochverrats“ auszudehnen

und so die Verbitterung und die Gegensätze auf beiden Seiten nicht zu

verschärfen. Die während des Putsches von den Hakenkreuzlern verübten

gemeinen Verbrechen – Beraubung und Mißhandlung der sozialistischen

Gemeinderäte, Verwüstung der „Münchener Post“ usw. sollten in einer

späteren Verhandlung geklärt werden.

Der Hitler-Ludendorff-Prozeß · 第 20 / 27 题