VORBEREITUNGEN

Sofort nach dem Putsch eröffnete die Bayrische Volkspartei eine

groß angelegte Offensive, um nach zwei Fronten – gegen den

Nationalsozialismus der Hitler-Ludendorff einerseits, gegen den ihr

unbequem gewordenen Herrn von Kahr andererseits – den entscheidenden

Schlag zu führen. Drei Monate tobte dieser erbitterte Kampf mit

wechselndem Glück. Unter Führung des Kardinals Faulhaber, dem sich der

päpstliche Nuntius Pacelli zugesellt hatte, vom Vorsitzenden der

katholischen Landtagsfraktion Dr. Held ebenso geschickt wie energisch

geleitet, gelang es der Bayrischen Volkspartei tatsächlich – die

Zerklüftung und Verwirrung im völkischen Lager gut ausnutzend – ihre an

die Nationalsozialisten verlorengegangenen Stellungen auf dem flachen

Lande zurückzuerobern.

Welche zersetzende Wirkung das Fiasko des Putsches in den völkischen

Verbänden anrichtete, geht aus nachfolgenden Briefen hervor, die bei

einem zur Brigade Ehrhardt desertierten Reichswehrsoldaten in Thüringen

gefunden worden sind. Zu ihrem Verständnis: der „Stahlhelm“ und der mit

ihm in engster Verbindung stehende „Jungdeutsche Orden“ gehörten der

Ludendorff-Richtung der Völkischen an und waren bis zum Putsch mit den

Ehrhardt-Verbänden in innigem Kontakt. So war der „Bund Wicking“, eine

Unterorganisation der Brigade Ehrhardt, noch bis zum Januar 1924 mit dem

„Jungdeutschen Orden“ auch organisatorisch verbunden. Infolge der

Auswirkungen des Novemberputsches verschärften sich die Gegensätze

zwischen den großdeutsch eingestellten Verbänden der Nationalsozialisten

und den mit Kahr sympathisierenden katholischen Formationen, so daß es

zu einer regelrechten Spaltung kam.

1. 1. 24

Herrn Korvettenkapitän Ehrhardt in München.

Sehr geehrter Herr Kapitän!

Mit dem Beginn des neuen Jahres möchte ich das Verhältnis mit der

Brigade Ehrhardt und dem Jungdeutschen Orden in Bayern in klarer,

eindeutiger Weise geregelt wissen.

Sie, verehrter Herr Kapitän, wissen, mit welcher Freude ich

seinerzeit im Einverständnis mit dem 2. Komtur-Bruder Dietrich und

dem Großmeister der Ballei Franken die wehrhaften Leute unter Ihre

militärische Leitung gestellt habe in der Überzeugung, daß _Ihre

Politik, die auf Ausnutzung der Bayrischen Regierung zur Führung des

entscheidenden Schlages_ hinausging, die einzig gegebene sei. Sie

wissen, daß wir uns, besonders in den letzten Wochen, da ich mit

Ihnen die schönen Tage in Tirol zusammen sein durfte, mit Wort und

Schrift, mit unserer ganzen Person hinter Ihre Persönlichkeit und

wiederholt auch schützend vor Sie gestellt haben. Ich war stolz

darauf, daß das Jungdeutsche Regiment in entscheidungsvollen Tagen

in Reih und Glied mit den kampferprobten Brigadetruppen eintreten

würde für unser gemeinsames Ziel, der Befreiung Deutschlands.

_Infolge der Nachwirkung des 8. und 9. November 23 ist es mir aus

inneren und äußeren Gründen nicht mehr möglich, dem Verbande der

Brigade anzugehören._

Aus innerlichen Gründen deshalb, weil ich Ihre gegensätzliche

Einstellung zu dem hochverdienten General _Ludendorff_ nicht

einnehmen kann, der heute in ganz Deutschland der einigende Punkt in

der völkischen Bewegung geworden ist. Aus äußerlichen Gründen

deshalb, weil trotz wiederholter Versicherung, dennoch immer wieder,

und zwar jetzt in verschärfter und hinterhältiger Weise, der Versuch

gemacht wird, einzelne Ordensbrüder unter Mißachtung des von ihnen

abgelegten Ordensgelübdes auf die Brigade Ehrhardt zu verpflichten.

Aufs äußerste empört bin ich vor allem über das Verhalten der im

sogen. 2. Batl. Heiligersdorf tätigen Wickingoffiziere, die mit den

gemeinsten Verleumdungen gegen die Ordensleitung von Ort zu Ort

gingen und sie durch niederträchtigste Denunziationen bei den

Bezirksämtern der Gefahr des Verbotes absichtlich preisgeben.

Ich bitte darum, Herr Kapitän, mir das Ihnen gegebene Wort wieder

zurückzugeben und _das militärische Verhältnis des Ordens zur

Brigade als gelöst zu betrachten_. Ich vertraue Ihnen, daß Sie

sofort Anweisung zur Abberufung der noch im Ordensgebiet tätigen

Wickingoffiziere ergehen lassen, um mir und dem Orden weitere

Maßnahmen zu ersparen und bitte Sie, meinen Wunsch bis zum 15. 1. 24

zu erfüllen. Abgesehen davon, daß wir uns das Recht nehmen, unseren

Gefolgschaften Aufklärung und Verhaltungsmaßregeln zu geben,

verzichten wir im Interesse der völkischen Bewegung, in der

Öffentlichkeit Stellung zu nehmen, unter der selbstverständlichen

Voraussetzung, daß sich der Bund Wicking jedes Vorgehens gegen den

Orden enthält.

Der Hitler-Ludendorff-Prozeß · 第 19 / 27 题