Wie er den Rest der Nacht und den Morgen durchlebt, wie er den
eingetroffenen zweiten Arzt empfangen, darüber konnte er später sich
selbst keine Rechenschaft ablegen. Mit jener an Gedankenlosigkeit
grenzenden Apathie des Schmerzes traf er und hieß er die Anstalten
treffen, welche nunmehr zum Begräbnis notwendig erschienen. Er wurde
dabei von dem wackeren Doktor unterstützt, der offenbar Mitleid mit dem
vereinsamten Manne hatte; auch der Ortsvorsteher fand sich ein, um das
Beileid der Gemeinde auszusprechen und sich dem Freiherrn zur Verfügung
zu stellen. Und wie denn die Frauen bei ähnlichen Anlässen stets bemüht
sind, eine warme und werktätige Teilnahme zu bezeigen, so hatten einige
angesehene Einwohnerinnen nicht ermangelt, der weiblichen Dienerschaft,
welche sichtlich den Kopf verloren hatte, bei den letzten Diensten, die
der toten Herrin zu erweisen waren, an die Hand zu gehen.
Und so war auch die Stunde gekommen, wo Klothilde im Salon aufgebahrt
lag, von hochragenden Wachslichtern umflackert. Man hatte sie in
schwarze Seide gekleidet, ihr einen Kranz aus weißen Rosen um die Stirn
und ein kleines goldenes Kruzifix in die gefalteten Hände gelegt. Der
Freiherr war im Innersten gegen solche Zurschaustellung gewesen, aber er
konnte und durfte sie den Menschen nicht entziehen, die jetzt voll
scheuer Neugierde in Scharen heraufkamen, die schöne tote Schloßfrau zu
bewundern und zu betrauern. Und währenddessen saß er im anstoßenden
Gemach allein, ganz allein. Er hörte die vorsichtig gedämpften Schritte
der Ab- und Zugehenden, hörte stilles Geflüster und unterdrücktes
Weinen. Er aber konnte nicht weinen; wäre Tante Lotti hier gewesen, so
wären mit ihren auch seine Tränen geflossen. Sie allein war es, die er
entbehrte -- aber sie konnte ja im besten Falle erst übermorgen
eintreffen. Und so blieb sein heißes Auge trocken, blieb es die endlos
lange Nacht hindurch, während welcher zwei arme Frauen an der Leiche
beteten, blieb es, als er den letzten Kuß auf die Stirn seines Weibes
drückte. Nur wie im Traum nahm er wahr, daß man jetzt den Sargdeckel
über ihr schloß; wie im Traum sah er den Pfarrer mit zwei Kaplänen in
weißen Chorhemden und goldgestickten Stolen eintreten, hörte die
monotonen Gebete, die halb gesungenen, halb gesprochenen Responsorien,
atmete den betäubenden Duft, der qualmend aus dem geschwungenen
Weihrauchfasse drang. Und jetzt wurde der Sarg gehoben und fortgetragen.
Hinter ihm folgten die Priester, hinter den Priestern er selbst. Dann
die schwarzgekleidete Dienerschaft und endlich die Honoratioren des
Ortes, die mit ihren Frauen dicht gedrängt den Sarg umstanden hatten.
Und so ging es in langsamem Zuge die Avenue hinunter, hinunter durch den
heißen, leuchtenden Sommertag, hinunter zur Ortskirche, wo die Tote bis
auf weiteres in einem zum Schloßbesitz gehörenden Gruftgewölbe
beigesetzt wurde. Erst als er sich wieder -- ein Wagen, der nachgefahren
war, hatte ihn zurückgebracht -- allein im Schlosse befand, erwachte er.
Und da brach auch sein Jammer hervor und erfüllte die einsamen Gemächer
mit stöhnender Wehklage.
* * * * *
Tante Lotti war gekommen. Er hatte sie stumm in seine Arme geschlossen
und dann ein leise abwehrendes Zeichen mit der Hand gemacht. Daraus
hatte sie entnommen, daß er nicht gefragt sein wollte -- und sie fragte
nicht. Wozu auch? Daß Klothilde gestorben war, das wußte sie, und sie
fand sich in diese Tatsache, wie sich starke und vielgeprüfte Naturen in
das Unabänderliche zu finden wissen. War sie doch nicht außer sich
geraten, als man ihr den Sohn sterbend ins Haus gebracht. Sie hatte
nicht, wie andere Mütter an ihrer Stelle getan haben würden, mit Gott
und der Weltordnung gehadert, nicht die teuflische »Kamarilla« und die
entmenschte »Soldateska« verflucht: nein, der Jüngling hatte sich im
blauen Legionärrock, die Flinte auf der Schulter, zu voraussichtlichem
Kampfe aufgemacht -- konnte sie es wundernehmen, daß er mit
durchschossener Brust vor ihr lag? Freilich, daß ihre Nichte in der
vollsten Blüte des Lebens so plötzlich dahingerafft worden war, entzog
sich jeder Voraussetzung. Aber wie viele Menschen erkranken und sterben
nicht auf der weiten Erde? Auch die junge Frau hatte dieses Los
getroffen. Tief schmerzlich für den armen Gatten; schmerzlich auch für
_sie_, die auf das Kind des Bruders all die segnende Liebe übertragen
wollte, welche sie dem eigenen nicht mehr weihen konnte. Als kluge und
erfahrene Frau hatte sie gefühlt, wie notwendig gerade Klothilden, deren
Ehe kinderlos geblieben, eine mütterliche Freundin sein mußte -- um so
notwendiger, je mehr ihr Gatte in den Jahren vorschritt. Aber sie hatte
auch sofort das Bewußtsein, nunmehr für _diesen_ leben und sorgen zu
müssen. Sie war auf seinen Brief über Hals und Kopf von Wien abgereist
und hatte dort manches höchst Wichtige unerledigt zurückgelassen.
Dennoch wollte sie jetzt fürs erste hierbleiben und abwarten, bis sich
der Trostlose einigermaßen gefaßt haben würde.
Und der Freiherr faßte sich auch allmählich. Das heißt, es wurde ihm
nach und nach vollkommen klar und deutlich, was sich eigentlich
zugetragen hatte. Sein geliebtes Weib war ihm weggestorben, einer
Gehirnentzündung erlegen. Also einer Krankheit. Was aber hatte die
Krankheit hervorgerufen? Aller Wahrscheinlichkeit nach jene Begegnung im
Parke mit dem Grafen Poiga. _Der_ also war ihr Mörder! Doch nein! Was
hatte er denn getan? Nicht mehr und nicht weniger, als was jeder andere
an seiner Stelle -- was vielleicht der Freiherr selbst in seinen
jüngeren Jahren -- einer schönen Frau mit einem alternden Gatten
gegenüber getan haben würde. Konnte der Graf die Folgen voraussehen --
ja auch nur ahnen? Nein. Denn keine andere Frau hätte sich dieses
Abenteuer so zu Herzen genommen. _Er_ jedoch, ihr Gatte, hätte sie
kennen und es wissen sollen. Und so war es auch seine Pflicht gewesen,
sie vor solchen Fährlichkeiten zu bewahren, zu schützen. Aber die Schuld
lag noch viel tiefer. Er hatte als Fünfzigjähriger ein junges Mädchen
geheiratet, hatte ein aufblühendes Leben an sein verwelkendes gefesselt.
Und doch -- das Mädchen hatte ihn geliebt! Es hatte als Weib zehn Jahre
lang mit inniger Neigung an ihm gehangen! Dennoch durfte er damals nicht
um sie werben. Denn als reifer, überlegter Mann mußte er voraussehen,
daß die Natur im Laufe der Zeit gegen diesen Bund Protest einlegen
würde. Und er gestand sich jetzt, daß ihn solche Bedenken auch wirklich
stark beunruhigt hatten, aber von seiner Selbstsucht, von seinem
Verlangen nach dem köstlichen Besitz waren sie zum Schweigen gebracht
worden. Ja, es war ein Verbrechen, daß er um sie geworben! Was aber wäre
geschehen, wenn er es nicht getan? Sie würde einen anderen geheiratet
haben. Sie wäre jetzt noch eine glückliche Gattin -- vielleicht eine
glückliche Mutter. Bei diesem Gedanken krampfte sich sein Herz zusammen.
Worin jedoch lag die Bürgschaft, daß es sich, bei all den
Zufälligkeiten, die das menschliche Wohl bedingen, bei all den Gefahren,
die es bedrohen, wirklich so verhalten würde? Wer konnte behaupten, daß
Klothilde unter anderen Verhältnissen glücklicher -- ja auch nur so
lange glücklich gewesen wäre, wie sie es mit _ihm_ war. Hätte sie nicht
schon in ihrem ersten Wochenbett sterben können? Er atmete freier auf.
Ja, ein Menschenschicksal läßt sich in all seinen Möglichkeiten nicht
berechnen, und wenn er an dem seines geliebten Weibes Schuld trug, so
büßte er es jetzt durch ein vereinsamtes, qualvolles Dasein, dem der
erlösende Tod -- er fühlte es im Tiefsten seiner Seele -- nicht so bald
nahen würde ...
Dennoch ging er jetzt daran, alle notwendigen letztwilligen Anordnungen
so rasch zu treffen, als sollte er morgen sterben. Fürs erste
hinsichtlich seines Vermögens. Er war kein reicher Mann; ja ohne den
bedeutenden Ruhegehalt, den er vom Staate bezog, hätte er sich sehr
einschränken müssen. Die Ersparnisse welche die Günthersheim vor ihm
zurückgelegt, waren von seinem Vater zum Ankauf des Gutes verwendet
worden, das, weil man es nicht in eigener Verwaltung haben konnte oder
mochte, nur geringe Erträgnisse abwarf. Er selbst hatte es bloß als
Sommeraufenthalt geschätzt -- und das Schloß sollte einst der Witwensitz
seiner teuren Klothilde werden; denn daß er vor ihr zu Grabe gehen
würde, unterlag keinem Zweifel. Nun war es freilich anders gekommen.
Aber was sollte jetzt mit dem Gute geschehen? Es lebten zwar noch
Anverwandte des Freiherrn, aber keiner, den er für würdig erachtete, daß
er ihm den Besitz vererbe. Sie sollten alle, je nach ihren persönlichen
Verhältnissen, durch Legate oder Jahresrenten befriedigt und versorgt
werden -- auch jene, die es nicht um ihn verdient hatten. Das Gut selbst
aber, samt allen darauf haftenden Lasten und mit dem ausdrücklichen, in
schmerzlicher Pietät für die Verblichene wurzelnden Vorbehalt: daß das
Schloß auf die Dauer von fünfundzwanzig Jahren nicht als Wohnsitz
benützt werden dürfe, sollte nach seinem Tode der Ortsgemeinde zufallen.
Damit waren dieser die Mittel an die Hand gegeben, durch größere
industrielle Unternehmungen und Errichtung gedeihlicher öffentlicher
Anstalten den Marktflecken -- wie es das ehrgeizige Streben der
Einwohnerschaft war -- im Laufe der Zeit zum Range einer Stadt zu
erheben.
Nachdem der Freiherr diese Schenkung urkundlich besiegelt hatte, zog er
die letzte Ruhestätte der Verewigten in Erwägung. Für jetzt war sie, wie
es die Umstände erheischten, in die entlegene Gruft gebracht worden.
Dort aber, bei den fremden Toten, durfte sie nicht bleiben. Ganz in
seiner Nähe sollte sie ruhen, an dem Orte, den sie im Leben so sehr
geliebt. Der Gedanke, ihr an der Stelle des Tirolerhauses ein kleines
Mausoleum zu errichten, beschäftigte ihn. Aber ein solches Grabmal
erschien ihm doch zu gesucht, zu aufdringlich -- und so wendete er sich
an das Landeskonsistorium mit dem Ersuchen, die Leiche seiner Gemahlin
in der Schloßkapelle beisetzen zu dürfen, woselbst sie bis zu seinem
eigenen Ableben zu verbleiben hätte. Dann aber sollten beide Leichen
nach Wien überführt und dort auf dem Sankt Marxer Friedhofe in der
Grabstätte seiner Eltern und Großeltern zur ewigen Ruhe bestattet
werden.
Über diesen Entschlüssen und Anordnungen war allmählich der Herbst ins
Land gezogen. Die Tage wurden kürzer und kürzer; Schwärme von
Nebelkrähen hockten in den Wipfeln des Parkes, dessen Pfade sich mit
abfallendem Laube bedeckten. Und die Novemberstürme fingen an, um das
Schloß zu brausen, wo der Freiherr einsam hauste. Und doch nicht ganz
einsam. Tante Lotti hatte inzwischen ihre Angelegenheiten in Wien
geordnet und war zu ihm zurückgekehrt. Der harrenden Teilnahme dieser
Vielgeprüften erschloß er endlich den ganzen Umfang, die ganze Bedeutung
seines Schmerzes. Sie begriff -- und verstand zu trösten. An ihrer Seite
betrat er zum ersten Male wieder Klothildens Gemächer, die er bis jetzt,
den überwältigenden Eindruck fürchtend, gemieden hatte. Und nun wurden
ihm auch die verlassenen Räume mit all den Reliquien eines für immer
dahingegangenen Daseins zu einem teuren Besitze, bei dem er jetzt öfter
und öfter verweilte, in Erinnerung versunken und von sanfter Wehmut
durchschauert.
Und als es nun wieder allmählich Frühling wurde, die weiße Schneedecke,
die sich ringsum ausgebreitet hatte, wegschmolz -- und in dem
ergrünenden Rasen des Parkes Veilchen und Primeln zum Vorscheine kamen,
da schlug der Freiherr eines Tages den Weg nach dem Tirolerhause ein.
Mit zitternder Hand öffnete er Türen und Fenster und ließ die warme,
sonnige Luft in die stillen, leicht nach Moder duftenden Räume dringen.
Da befand sich alles noch an derselben Stelle, wie damals! Die
Landschaft an der Staffelei -- die Bücher, eines davon aufgeschlagen.
Und dort stand auch das Glas, in welches Klothilde den Zipfel ihres
Tuches getaucht hatte, um die Tränenspuren im Antlitz zu verwischen! Er
verhüllte das seine mit den Händen. »Mein Gott! Mein Gott!« Die
Erinnerung an jene entsetzliche Stunde überfiel ihn mit ganzer Macht ...
Er wankte die Stufen hinab und ließ sich auf die Bank nieder, wo sie so
gerne gesessen hatte. Vor ihm lag die Wiese in neuer Triebkraft; über
ihm, in den schlanken Birkenzweigen, wiegte sich mit zartem Gezwitscher
eine Meise; ein erster hellgelber Falter flatterte dicht an ihm vorüber.
Befreiende Wehmut überkam ihn nach und nach; es war ihm, als säße
Klothilde mit ihrem breitrandigen Strohhute an seiner Seite -- und
legte, wie sie es gewohnt war, ihre Hand in die seine .......
Und nun weilte er fast täglich dort. Schon blühte in sanften Farben der
Akelei, den man auf Wunsch der Schloßfrau, die ihn so sehr liebte,
gepflanzt hatte, und der so reich und üppig gedieh, daß im Mai alle
Rasenhänge davon überdeckt waren. Und dann kam die Zeit der Rosen, die
Zeit der Nelken -- und endlich die der Georginen und Astern ...
So zog Jahr um Jahr dahin, und der Freiherr selbst begann ein
Pflanzenleben zu führen -- das stille Pflanzenleben des Alters. Seine
Denkwürdigkeiten, die er begonnen hatte, waren fürs erste liegen
geblieben. Als er sie später wieder aufnehmen wollte, erschienen ihm
diese Aufzeichnungen nicht mehr wichtig genug, da sich inzwischen im
Staate eine Neugestaltung der Dinge anzubahnen schien, wie sie einst
seinem Geiste vorgeschwebt hatte. So ließ er denn die Papiere ruhen und
begnügte sich mit dem Bewußtsein seines früheren Wollens. --
Als seit dem Tode Klothildens fast ein Dezennium verstrichen war, fühlte
sich der Freiherr eines Abends unwohl. Es war in der ersten
Frühlingszeit, die ihn wieder in den Park zu dem Tirolerhause geführt
hatte. Er mochte sich während der Stunden, die er dort zubrachte,
erkältet haben, der herbeigerufene Arzt stellte eine Lungenentzündung
fest. Die Krankheit ging jedoch in normalem Verlaufe vorüber, und im Mai
konnte sich Günthersheim, wenngleich noch sehr geschwächt, doch als
genesen betrachten.
Mittlerweile hatte sich gegen das mit Frankreich verbündete Italien der
Krieg vorbereitet, dessen rasche und folgenschwere Ereignisse der
Freiherr, wie so viele Einsichtige, mit ahnungsvollen Befürchtungen
verfolgte. Als er eines Vormittags in seinem Zimmer die Zeitungsberichte
über die Schlacht bei Magenta las, fand er unter den gefallenen
Offizieren einen Oberst Graf Poiga-Reuhoff verzeichnet. In diesem
Augenblick entsank das Blatt seiner Hand.
Als nach einiger Zeit der Kammerdiener eintrat, sah er seinen Herrn mit
gesenktem Haupte auf dem Sofa sitzen und glaubte, er schlafe. Sich leise
nähernd, erkannte er, daß er tot war. Eine Lungenlähmung war plötzlich
eingetreten.