IX.

Wie er den Rest der Nacht und den Morgen durchlebt, wie er den

eingetroffenen zweiten Arzt empfangen, darüber konnte er später sich

selbst keine Rechenschaft ablegen. Mit jener an Gedankenlosigkeit

grenzenden Apathie des Schmerzes traf er und hieß er die Anstalten

treffen, welche nunmehr zum Begräbnis notwendig erschienen. Er wurde

dabei von dem wackeren Doktor unterstützt, der offenbar Mitleid mit dem

vereinsamten Manne hatte; auch der Ortsvorsteher fand sich ein, um das

Beileid der Gemeinde auszusprechen und sich dem Freiherrn zur Verfügung

zu stellen. Und wie denn die Frauen bei ähnlichen Anlässen stets bemüht

sind, eine warme und werktätige Teilnahme zu bezeigen, so hatten einige

angesehene Einwohnerinnen nicht ermangelt, der weiblichen Dienerschaft,

welche sichtlich den Kopf verloren hatte, bei den letzten Diensten, die

der toten Herrin zu erweisen waren, an die Hand zu gehen.

Und so war auch die Stunde gekommen, wo Klothilde im Salon aufgebahrt

lag, von hochragenden Wachslichtern umflackert. Man hatte sie in

schwarze Seide gekleidet, ihr einen Kranz aus weißen Rosen um die Stirn

und ein kleines goldenes Kruzifix in die gefalteten Hände gelegt. Der

Freiherr war im Innersten gegen solche Zurschaustellung gewesen, aber er

konnte und durfte sie den Menschen nicht entziehen, die jetzt voll

scheuer Neugierde in Scharen heraufkamen, die schöne tote Schloßfrau zu

bewundern und zu betrauern. Und währenddessen saß er im anstoßenden

Gemach allein, ganz allein. Er hörte die vorsichtig gedämpften Schritte

der Ab- und Zugehenden, hörte stilles Geflüster und unterdrücktes

Weinen. Er aber konnte nicht weinen; wäre Tante Lotti hier gewesen, so

wären mit ihren auch seine Tränen geflossen. Sie allein war es, die er

entbehrte -- aber sie konnte ja im besten Falle erst übermorgen

eintreffen. Und so blieb sein heißes Auge trocken, blieb es die endlos

lange Nacht hindurch, während welcher zwei arme Frauen an der Leiche

beteten, blieb es, als er den letzten Kuß auf die Stirn seines Weibes

drückte. Nur wie im Traum nahm er wahr, daß man jetzt den Sargdeckel

über ihr schloß; wie im Traum sah er den Pfarrer mit zwei Kaplänen in

weißen Chorhemden und goldgestickten Stolen eintreten, hörte die

monotonen Gebete, die halb gesungenen, halb gesprochenen Responsorien,

atmete den betäubenden Duft, der qualmend aus dem geschwungenen

Weihrauchfasse drang. Und jetzt wurde der Sarg gehoben und fortgetragen.

Hinter ihm folgten die Priester, hinter den Priestern er selbst. Dann

die schwarzgekleidete Dienerschaft und endlich die Honoratioren des

Ortes, die mit ihren Frauen dicht gedrängt den Sarg umstanden hatten.

Und so ging es in langsamem Zuge die Avenue hinunter, hinunter durch den

heißen, leuchtenden Sommertag, hinunter zur Ortskirche, wo die Tote bis

auf weiteres in einem zum Schloßbesitz gehörenden Gruftgewölbe

beigesetzt wurde. Erst als er sich wieder -- ein Wagen, der nachgefahren

war, hatte ihn zurückgebracht -- allein im Schlosse befand, erwachte er.

Und da brach auch sein Jammer hervor und erfüllte die einsamen Gemächer

mit stöhnender Wehklage.

* * * * *

Tante Lotti war gekommen. Er hatte sie stumm in seine Arme geschlossen

und dann ein leise abwehrendes Zeichen mit der Hand gemacht. Daraus

hatte sie entnommen, daß er nicht gefragt sein wollte -- und sie fragte

nicht. Wozu auch? Daß Klothilde gestorben war, das wußte sie, und sie

fand sich in diese Tatsache, wie sich starke und vielgeprüfte Naturen in

das Unabänderliche zu finden wissen. War sie doch nicht außer sich

geraten, als man ihr den Sohn sterbend ins Haus gebracht. Sie hatte

nicht, wie andere Mütter an ihrer Stelle getan haben würden, mit Gott

und der Weltordnung gehadert, nicht die teuflische »Kamarilla« und die

entmenschte »Soldateska« verflucht: nein, der Jüngling hatte sich im

blauen Legionärrock, die Flinte auf der Schulter, zu voraussichtlichem

Kampfe aufgemacht -- konnte sie es wundernehmen, daß er mit

durchschossener Brust vor ihr lag? Freilich, daß ihre Nichte in der

vollsten Blüte des Lebens so plötzlich dahingerafft worden war, entzog

sich jeder Voraussetzung. Aber wie viele Menschen erkranken und sterben

nicht auf der weiten Erde? Auch die junge Frau hatte dieses Los

getroffen. Tief schmerzlich für den armen Gatten; schmerzlich auch für

_sie_, die auf das Kind des Bruders all die segnende Liebe übertragen

wollte, welche sie dem eigenen nicht mehr weihen konnte. Als kluge und

erfahrene Frau hatte sie gefühlt, wie notwendig gerade Klothilden, deren

Ehe kinderlos geblieben, eine mütterliche Freundin sein mußte -- um so

notwendiger, je mehr ihr Gatte in den Jahren vorschritt. Aber sie hatte

auch sofort das Bewußtsein, nunmehr für _diesen_ leben und sorgen zu

müssen. Sie war auf seinen Brief über Hals und Kopf von Wien abgereist

und hatte dort manches höchst Wichtige unerledigt zurückgelassen.

Dennoch wollte sie jetzt fürs erste hierbleiben und abwarten, bis sich

der Trostlose einigermaßen gefaßt haben würde.

Und der Freiherr faßte sich auch allmählich. Das heißt, es wurde ihm

nach und nach vollkommen klar und deutlich, was sich eigentlich

zugetragen hatte. Sein geliebtes Weib war ihm weggestorben, einer

Gehirnentzündung erlegen. Also einer Krankheit. Was aber hatte die

Krankheit hervorgerufen? Aller Wahrscheinlichkeit nach jene Begegnung im

Parke mit dem Grafen Poiga. _Der_ also war ihr Mörder! Doch nein! Was

hatte er denn getan? Nicht mehr und nicht weniger, als was jeder andere

an seiner Stelle -- was vielleicht der Freiherr selbst in seinen

jüngeren Jahren -- einer schönen Frau mit einem alternden Gatten

gegenüber getan haben würde. Konnte der Graf die Folgen voraussehen --

ja auch nur ahnen? Nein. Denn keine andere Frau hätte sich dieses

Abenteuer so zu Herzen genommen. _Er_ jedoch, ihr Gatte, hätte sie

kennen und es wissen sollen. Und so war es auch seine Pflicht gewesen,

sie vor solchen Fährlichkeiten zu bewahren, zu schützen. Aber die Schuld

lag noch viel tiefer. Er hatte als Fünfzigjähriger ein junges Mädchen

geheiratet, hatte ein aufblühendes Leben an sein verwelkendes gefesselt.

Und doch -- das Mädchen hatte ihn geliebt! Es hatte als Weib zehn Jahre

lang mit inniger Neigung an ihm gehangen! Dennoch durfte er damals nicht

um sie werben. Denn als reifer, überlegter Mann mußte er voraussehen,

daß die Natur im Laufe der Zeit gegen diesen Bund Protest einlegen

würde. Und er gestand sich jetzt, daß ihn solche Bedenken auch wirklich

stark beunruhigt hatten, aber von seiner Selbstsucht, von seinem

Verlangen nach dem köstlichen Besitz waren sie zum Schweigen gebracht

worden. Ja, es war ein Verbrechen, daß er um sie geworben! Was aber wäre

geschehen, wenn er es nicht getan? Sie würde einen anderen geheiratet

haben. Sie wäre jetzt noch eine glückliche Gattin -- vielleicht eine

glückliche Mutter. Bei diesem Gedanken krampfte sich sein Herz zusammen.

Worin jedoch lag die Bürgschaft, daß es sich, bei all den

Zufälligkeiten, die das menschliche Wohl bedingen, bei all den Gefahren,

die es bedrohen, wirklich so verhalten würde? Wer konnte behaupten, daß

Klothilde unter anderen Verhältnissen glücklicher -- ja auch nur so

lange glücklich gewesen wäre, wie sie es mit _ihm_ war. Hätte sie nicht

schon in ihrem ersten Wochenbett sterben können? Er atmete freier auf.

Ja, ein Menschenschicksal läßt sich in all seinen Möglichkeiten nicht

berechnen, und wenn er an dem seines geliebten Weibes Schuld trug, so

büßte er es jetzt durch ein vereinsamtes, qualvolles Dasein, dem der

erlösende Tod -- er fühlte es im Tiefsten seiner Seele -- nicht so bald

nahen würde ...

Dennoch ging er jetzt daran, alle notwendigen letztwilligen Anordnungen

so rasch zu treffen, als sollte er morgen sterben. Fürs erste

hinsichtlich seines Vermögens. Er war kein reicher Mann; ja ohne den

bedeutenden Ruhegehalt, den er vom Staate bezog, hätte er sich sehr

einschränken müssen. Die Ersparnisse welche die Günthersheim vor ihm

zurückgelegt, waren von seinem Vater zum Ankauf des Gutes verwendet

worden, das, weil man es nicht in eigener Verwaltung haben konnte oder

mochte, nur geringe Erträgnisse abwarf. Er selbst hatte es bloß als

Sommeraufenthalt geschätzt -- und das Schloß sollte einst der Witwensitz

seiner teuren Klothilde werden; denn daß er vor ihr zu Grabe gehen

würde, unterlag keinem Zweifel. Nun war es freilich anders gekommen.

Aber was sollte jetzt mit dem Gute geschehen? Es lebten zwar noch

Anverwandte des Freiherrn, aber keiner, den er für würdig erachtete, daß

er ihm den Besitz vererbe. Sie sollten alle, je nach ihren persönlichen

Verhältnissen, durch Legate oder Jahresrenten befriedigt und versorgt

werden -- auch jene, die es nicht um ihn verdient hatten. Das Gut selbst

aber, samt allen darauf haftenden Lasten und mit dem ausdrücklichen, in

schmerzlicher Pietät für die Verblichene wurzelnden Vorbehalt: daß das

Schloß auf die Dauer von fünfundzwanzig Jahren nicht als Wohnsitz

benützt werden dürfe, sollte nach seinem Tode der Ortsgemeinde zufallen.

Damit waren dieser die Mittel an die Hand gegeben, durch größere

industrielle Unternehmungen und Errichtung gedeihlicher öffentlicher

Anstalten den Marktflecken -- wie es das ehrgeizige Streben der

Einwohnerschaft war -- im Laufe der Zeit zum Range einer Stadt zu

erheben.

Nachdem der Freiherr diese Schenkung urkundlich besiegelt hatte, zog er

die letzte Ruhestätte der Verewigten in Erwägung. Für jetzt war sie, wie

es die Umstände erheischten, in die entlegene Gruft gebracht worden.

Dort aber, bei den fremden Toten, durfte sie nicht bleiben. Ganz in

seiner Nähe sollte sie ruhen, an dem Orte, den sie im Leben so sehr

geliebt. Der Gedanke, ihr an der Stelle des Tirolerhauses ein kleines

Mausoleum zu errichten, beschäftigte ihn. Aber ein solches Grabmal

erschien ihm doch zu gesucht, zu aufdringlich -- und so wendete er sich

an das Landeskonsistorium mit dem Ersuchen, die Leiche seiner Gemahlin

in der Schloßkapelle beisetzen zu dürfen, woselbst sie bis zu seinem

eigenen Ableben zu verbleiben hätte. Dann aber sollten beide Leichen

nach Wien überführt und dort auf dem Sankt Marxer Friedhofe in der

Grabstätte seiner Eltern und Großeltern zur ewigen Ruhe bestattet

werden.

Über diesen Entschlüssen und Anordnungen war allmählich der Herbst ins

Land gezogen. Die Tage wurden kürzer und kürzer; Schwärme von

Nebelkrähen hockten in den Wipfeln des Parkes, dessen Pfade sich mit

abfallendem Laube bedeckten. Und die Novemberstürme fingen an, um das

Schloß zu brausen, wo der Freiherr einsam hauste. Und doch nicht ganz

einsam. Tante Lotti hatte inzwischen ihre Angelegenheiten in Wien

geordnet und war zu ihm zurückgekehrt. Der harrenden Teilnahme dieser

Vielgeprüften erschloß er endlich den ganzen Umfang, die ganze Bedeutung

seines Schmerzes. Sie begriff -- und verstand zu trösten. An ihrer Seite

betrat er zum ersten Male wieder Klothildens Gemächer, die er bis jetzt,

den überwältigenden Eindruck fürchtend, gemieden hatte. Und nun wurden

ihm auch die verlassenen Räume mit all den Reliquien eines für immer

dahingegangenen Daseins zu einem teuren Besitze, bei dem er jetzt öfter

und öfter verweilte, in Erinnerung versunken und von sanfter Wehmut

durchschauert.

Und als es nun wieder allmählich Frühling wurde, die weiße Schneedecke,

die sich ringsum ausgebreitet hatte, wegschmolz -- und in dem

ergrünenden Rasen des Parkes Veilchen und Primeln zum Vorscheine kamen,

da schlug der Freiherr eines Tages den Weg nach dem Tirolerhause ein.

Mit zitternder Hand öffnete er Türen und Fenster und ließ die warme,

sonnige Luft in die stillen, leicht nach Moder duftenden Räume dringen.

Da befand sich alles noch an derselben Stelle, wie damals! Die

Landschaft an der Staffelei -- die Bücher, eines davon aufgeschlagen.

Und dort stand auch das Glas, in welches Klothilde den Zipfel ihres

Tuches getaucht hatte, um die Tränenspuren im Antlitz zu verwischen! Er

verhüllte das seine mit den Händen. »Mein Gott! Mein Gott!« Die

Erinnerung an jene entsetzliche Stunde überfiel ihn mit ganzer Macht ...

Er wankte die Stufen hinab und ließ sich auf die Bank nieder, wo sie so

gerne gesessen hatte. Vor ihm lag die Wiese in neuer Triebkraft; über

ihm, in den schlanken Birkenzweigen, wiegte sich mit zartem Gezwitscher

eine Meise; ein erster hellgelber Falter flatterte dicht an ihm vorüber.

Befreiende Wehmut überkam ihn nach und nach; es war ihm, als säße

Klothilde mit ihrem breitrandigen Strohhute an seiner Seite -- und

legte, wie sie es gewohnt war, ihre Hand in die seine .......

Und nun weilte er fast täglich dort. Schon blühte in sanften Farben der

Akelei, den man auf Wunsch der Schloßfrau, die ihn so sehr liebte,

gepflanzt hatte, und der so reich und üppig gedieh, daß im Mai alle

Rasenhänge davon überdeckt waren. Und dann kam die Zeit der Rosen, die

Zeit der Nelken -- und endlich die der Georginen und Astern ...

So zog Jahr um Jahr dahin, und der Freiherr selbst begann ein

Pflanzenleben zu führen -- das stille Pflanzenleben des Alters. Seine

Denkwürdigkeiten, die er begonnen hatte, waren fürs erste liegen

geblieben. Als er sie später wieder aufnehmen wollte, erschienen ihm

diese Aufzeichnungen nicht mehr wichtig genug, da sich inzwischen im

Staate eine Neugestaltung der Dinge anzubahnen schien, wie sie einst

seinem Geiste vorgeschwebt hatte. So ließ er denn die Papiere ruhen und

begnügte sich mit dem Bewußtsein seines früheren Wollens. --

Als seit dem Tode Klothildens fast ein Dezennium verstrichen war, fühlte

sich der Freiherr eines Abends unwohl. Es war in der ersten

Frühlingszeit, die ihn wieder in den Park zu dem Tirolerhause geführt

hatte. Er mochte sich während der Stunden, die er dort zubrachte,

erkältet haben, der herbeigerufene Arzt stellte eine Lungenentzündung

fest. Die Krankheit ging jedoch in normalem Verlaufe vorüber, und im Mai

konnte sich Günthersheim, wenngleich noch sehr geschwächt, doch als

genesen betrachten.

Mittlerweile hatte sich gegen das mit Frankreich verbündete Italien der

Krieg vorbereitet, dessen rasche und folgenschwere Ereignisse der

Freiherr, wie so viele Einsichtige, mit ahnungsvollen Befürchtungen

verfolgte. Als er eines Vormittags in seinem Zimmer die Zeitungsberichte

über die Schlacht bei Magenta las, fand er unter den gefallenen

Offizieren einen Oberst Graf Poiga-Reuhoff verzeichnet. In diesem

Augenblick entsank das Blatt seiner Hand.

Als nach einiger Zeit der Kammerdiener eintrat, sah er seinen Herrn mit

gesenktem Haupte auf dem Sofa sitzen und glaubte, er schlafe. Sich leise

nähernd, erkannte er, daß er tot war. Eine Lungenlähmung war plötzlich

eingetreten.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 51 / 53 题