Günthersheim.«

Der Freiherr hatte das Schreiben hastig fertiggestellt und dann durch

einen Diener eilends zur Post bringen lassen. Es gab damals noch keine

Telegraphenverbindungen, auch keine Eisenbahnen, die von den Hauptlinien

abzweigten, und so mußten wenigstens vier Tage verstreichen, eh' die

sehnlich Herbeigewünschte eintreffen konnte. Der besorgte Gatte begann

den Zustand der völligen Verlassenheit, in welchem er sich jetzt mit der

Kranken befand, aufs tiefste zu empfinden.

Nunmehr aber wurde das Erscheinen des Arztes gemeldet. Der Freiherr ging

ihm rasch entgegen und führte ihn in das Zimmer, wo Klothilde lag, das

Antlitz erhitzt, die Stirn mit einem kühlenden Umschlag bedeckt.

Der Doktor, ein hoher Fünfziger mit stark gerötetem pockennarbigen

Gesicht, trat auf seinen Stock gestützt -- denn er hatte ein lahmes Bein

-- mit einer plumpen Verbeugung an das Bett und betrachtete sie

aufmerksam. Dann entfernte er den kalten Bausch und befühlte die Stirn.

»Diese Umschläge nützen nichts -- Eis! Eis!« Er setzte sich auf einen

Stuhl und prüfte den Puls der Kranken, an die er einige kurze Fragen

richtete.

»Hm« -- machte er nach einer Pause. »Ich werde eine Kleinigkeit

verschreiben.« Damit erhob er sich und hinkte schwerfällig aus dem

Zimmer.

Der Freiherr war ihm gefolgt und fragte jetzt ängstlich: »Nun, lieber

Doktor -- nun?«

»Cerebrales Fieber«, erwiderte dieser trocken, indem er sich nach

Schreibzeug umsah.

»Ich bringe Ihnen sogleich das Nötige. -- Aber sagen Sie: halten Sie den

Zustand für sehr gefährlich?«

»Es kann eine Gehirnentzündung werden. Hat die Frau Baronin in letzter

Zeit eine Aufregung durchgemacht?«

Trotz seiner Selbstbeherrschung und obgleich er auf die Frage

vorbereitet gewesen, fühlte der Freiherr, wie er errötete. »Sie hat sich

allerdings einen Vorfall sehr zu Herzen genommen, aber --«

»Hm, ja. Kinderlose Frauen in solchem Alter und --« er warf einen

eigentümlichen Blick auf den Freiherrn. »Übrigens wer weiß, wie die

Dinge zusammenhängen. Exzellenz haben ja hier oben auch Einquartierung

gehabt? Nicht wahr?«

Der Freiherr konnte eine Gebärde der Betroffenheit nicht unterdrücken.

»Ja, gewiß --«

»Nun also. Ich kann Ihnen nur sagen, daß seit einigen Tagen im Orte

Typhusfälle vorkommen. Vielleicht haben die Dragoner etwas eingeschleppt

und nun als Andenken zurückgelassen.«

Um seine Erregung zu verbergen, trat der Freiherr ins Nebenzimmer und

brachte ein kleines zierliches Tintenfaß samt Feder und Papier herein.

»So,« sagte der Doktor, nachdem er rasch ein Rezept geschrieben, »das

ist alles, was ich tun kann. Im übrigen: fortgesetzte Eisumschläge,

kühlende Getränke. Unter allen Umständen aber möchte ich Ihnen raten,

noch einen Arzt zu Rate zu ziehen. Ich übernehme in solchen Fällen nicht

gern allein die Verantwortung. Denn ich gelte, obgleich ich mein Diplom

in der Tasche habe« -- er schlug dabei an die Hüfte -- »in den Augen

vieler Leute doch nur als Landbader. Eine Kapazität aus Prag -- oder gar

aus Wien hierher zu bescheiden, ist es freilich zu spät.«

»Zu spät!« rief der Freiherr angstvoll.

»Ja; denn die Krisis pflegt oft sehr rasch einzutreten.«

»Aber eine günstige Wendung ist doch möglich?«

»Möglich, ja. Schicken Sie daher gleich einen Wagen nach Trautenau -- zu

Doktor Lederer. Ein Schüler Oppolzers. Er ist zwar ein sonderbarer

Heiliger und wird sich spreizen -- schließlich aber kommen. Allerdings

kann er vor zwölf Stunden kaum da sein«, fügte der Doktor nachdenklich

hinzu.

»Sie beängstigen mich aufs äußerste!«

»Na! Na! Verlieren Exzellenz den Kopf nicht. Eines muß ich Ihnen noch

sagen, damit Sie nicht etwa allzu sehr erschrecken: es werden

voraussichtlich schon heute Delirien eintreten. Jedenfalls komme ich

abends wieder. Guten Tag!«

Mit dieser gedankenlos gesprochenen Grußformel, die ihm bei jedesmaligem

Kommen und Gehen zur Gewohnheit geworden, entfernte er sich und überließ

den Freiherrn einer stummen Verzweiflung.

»Mein Gott! Mein Gott! Sollte es schon soweit -- und keine Rettung mehr

sein?« flüsterte endlich der qualvoll Bedrückte und begab sich mit

leisen Schritten in das Krankenzimmer zurück. Er beugte sich über

Klothilde, die in unruhigem Schlummer zu liegen schien, und faßte leicht

ihre Hand. Bei dieser Berührung schlug sie die Augen auf und sah ihn wie

fremd an. Dann aber lächelte sie, und er fühlte, wie sich ihre Finger zu

sanftem Drucke schlossen.

»Wie fühlst du dich?« fragte er.

»O, nicht schlechter«, erwiderte sie mit matter Stimme. »Nur müde, sehr

müde -- ich möchte in einemfort schlafen.«

»Nun, schlafe, mein Kind, schlafe«, sagte der Freiherr zärtlich. »Aber

wir werden Eisumschläge machen müssen.«

»Das wird mir wohl tun«, hauchte Klothilde, während sie schon die Lider

geschlossen hatte.

Inzwischen war Eis gebracht worden und der Freiherr traf selbst die

ersten Anstalten. Dann überließ er dem Kammermädchen die weitere Sorge,

um jetzt die Absendung des Wagens nach Trautenau veranlassen zu können.

Er tat es, wie er sich selbst eingestand, ohne tröstliche Erwartung.

Denn mit jener ahnungsvoll düsteren Voraussicht, welche reifen und

vielgeprüften Menschen eigen ist, zweifelte er bereits an einem

glücklichen Ausgange. »Ich baue auf Ihre Umsicht,« sprach er zu dem

Kammerdiener, den er mit der Botschaft an den Arzt betraute, »und weiß,

daß Sie nichts verabsäumen werden.«

Dann kehrte er zu der Kranken zurück, hieß das Mädchen einstweilen sich

entfernen und nahm dicht an dem Bette Platz. Klothilde schlummerte. Aber

sie bewegte Kopf und Arme hin und her; ihre weißen Finger schienen von

dem blauen Atlas der Bettdecke Flocken auflesen zu wollen.

Langsam, bleischwer zogen die Stunden vorüber, während draußen die Sonne

tiefer und tiefer sank und ihr letztes rötliches Gold durch die Spalten

der Jalousien schimmern ließ.

Was war das plötzlich? Klothilde hatte die Lippen bewegt und

unverständliche Worte gemurmelt. Er glaubte, sie gälten ihm, und neigte

sein Haupt tief zu dem ihren hinab. Aber sie bemerkte es offenbar nicht.

»Willst du etwas, Klothilde?« fragte er leise.

Keine Antwort; nur erneutes, stärkeres Gemurmel -- unverständliche

Worte.

Sein Herz erstarrte. Die beginnenden Delirien! sprach es in ihm.

Immer unruhiger wurde die Kranke; sie warf ächzend und stöhnend den Kopf

hin und her, und schien dabei mit unsichtbaren Personen zu sprechen.

Wenn er nur verstehen könnte! Und jetzt waren ihm auch einige Worte

deutlich ins Ohr gedrungen. Es waren französische Worte! Sie hatten sich

beide im gegenseitigen Verkehr dieser Sprache nur selten bedient; ja

Klothilde hegte eine Art Abneigung dagegen, denn sie hatte sie in ihrer

Jugend äußerst schwer und mühsam erlernt und später nur sehr

unvollkommen beherrscht. Und jetzt -- in ihrer Krankheit -- in der

Bewußtlosigkeit ihres Geistes griff sie danach!

»^Le cheval! Le cheval!^« stieß sie jetzt, furchtbar aufschreiend,

hervor und richtete sich mit halbem Leibe auf. Plötzlich aber sank sie

wieder zurück, streckte sich lang aus und verblieb regungslos.

Der Freiherr nahm dies alles wahr im ungewissen Dunkel des Gemaches.

»Klothilde!« rief er entsetzt. »Klothilde!«

Sie blieb stumm.

»Mein Gott!« ächzte der Freiherr. »Wenn nur Doktor --«

Aber der trat auch eben jetzt, so leise wie es ihm möglich war, durch

die Tür, von dem ängstlich blickenden Mädchen gefolgt, welches das Licht

einer Kerze mit vorgehaltener Hand dämpfte.

»O, Doktor, sehen Sie nur ...«

Dieser nahm dem Mädchen das Licht ab und ließ den vollen Schein auf

Klothilde fallen. Sie lag noch immer ganz starr; ihr schönes Antlitz war

verzerrt, die Mundwinkel herabgezogen.

»Mein Gott, Doktor, was ist das?«

Dieser schien selbst erschrocken; er hatte diesen Anblick offenbar nicht

erwartet. »^Trismus -- Trismus^«, sagte er endlich. »Ist Senfmehl im

Hause? Rasch!«

Das Mädchen eilte fort.

Aber schon trat etwas ein, das den Freiherrn erschaudern machte. Ein

plötzliches Schüttern ging durch den Körper seiner Frau; die Augen

öffneten sich weit, die Finger krampften sich zusammen und mit

zischenden Atemstößen schnellte die Kranke wiederholt im Bette empor.

»Konvulsivischer Anfall!« rief der Doktor. »Ein so akuter Verlauf ist

mir in meiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen. Sobald einige

Beruhigung eintritt, werde ich sofort einen Veneneinschnitt applizieren.

-- Aber jetzt, Exzellenz, ist es Zeit, daß Sie nach dem Geistlichen

schicken.«

Der Freiherr zuckte zusammen. Daran hatte er gar nicht gedacht. Dem

Geiste seiner Zeit gemäß war er kein Ungläubiger; auf religiöse

Gebräuche und Feierlichkeiten jedoch hatte er, sowie seine Gemahlin, die

ihre stille Andacht am liebsten in der kleinen, im Erdgeschoß gelegenen

Schloßkapelle verrichtete, seit jeher nur wenig Gewicht gelegt. Jetzt

aber sollte Klothilde mit den Sterbesakramenten versehen werden, und die

tiefernste Bedeutung des Augenblickes fiel ihm erschütternd auf die

Seele.

Es traf sich, daß der Ortspfarrer, der durch einen Diener in Kenntnis

gesetzt wurde, seit einigen Tagen selbst unwohl war und daher seinen

Kooperator entsenden mußte; dieser erschien auch in kurzer Zeit.

Der Freiherr war ihm die Treppe hinunter entgegengegangen und befand

sich einem ganz jungen Geistlichen gegenüber, der erst vor kurzem aus

dem Alumnat getreten sein konnte. Eine schmächtige, hoch aufgeschossene

Gestalt mit blonden Haaren und einem zarten, fast mädchenhaften Gesicht,

das Befangenheit und Verlegenheit ausdrückte. Als ihm jetzt der Freiherr

mit zitternder Stimme auseinandersetzte, wie so ganz unvorhergesehen und

rasch der traurige Fall eingetreten -- und daß die Kranke bewußtlos sei,

erwiderte er, hoch errötend: »O, ich verstehe -- ich verstehe -- ich

werde die heilige Handlung so rasch wie möglich vornehmen.«

Die Augen zu Boden gesenkt, betrat er das matt erhellte Zimmer und erhob

den Blick erst, als er dicht vor der Kranken stand, bei welcher der

Doktor inzwischen eine leichte Blutentziehung angewendet hatte. Mit

bebender Stimme und bebender Hand nahm er, während die anderen in dem

Hintergrunde des Zimmers knieten, die Zeremonie der letzten Ölung vor;

er wagte dabei kaum das regungslose, bleiche junge Weib anzusehen, und

es glich einer Flucht, als er nach einem kurzen Gebet das Zimmer

verließ.

Der Freiherr war ihm nachgeeilt und ergriff draußen dankend seine Hand:

»Gott schütze Sie!« murmelte der Priester, hastig abwehrend, und

entfernte sich mit dem Meßner, der jetzt im Hofe sein Glöckchen

erklingen ließ.

Als der Freiherr zurückkehrte, fand er den Doktor am Bett, trübselig das

Haupt gesenkt. Beide blickten nun schweigend auf Klothilde, aus deren

schönem Antlitz die Verzerrung verschwunden war. Aber sie hatte die

Augen geschlossen und atmete hastig und stoßweise.

»Doktor!?« flehte leise der Freiherr.

Der andere schüttelte mutlos den Kopf. »^Collapsus!^« sagte er leise.

»So muß ich mich auf das äußerste gefaßt machen?«

»Ich glaube. Was geschehen konnte, ist geschehen. Es wäre jetzt an der

Natur, sich selbst zu helfen. Jedenfalls bleibe ich hier. Ich darf mich

wohl ein wenig da drinnen auf das Sofa hinstrecken?« Mit diesen Worten

zog er sich in das anstoßende Zimmer zurück.

Der Freiherr jedoch kniete am Bett nieder. Bis zu dieser Minute war sein

Auge trocken geblieben. Der furchtbare Krampf seines Innern hatte keine

Lösung finden können. Jetzt aber machte er sich in Tränen Luft. Zuerst

drängten sie sich einzeln, tropfenweise, zwischen den Wimpern hervor,

aber immer strömender, immer heißer weinte sie der gebrochene Mann auf

die geliebte Hand nieder, die er umfaßt hielt ...

»Doktor! Doktor!«

Dieser fuhr, aus dem kurzen Schlafe, in den er verfallen war, von dem

Freiherrn wachgerüttelt, empor.

»Ein neuer Anfall! Ein neuer Anfall!«

»So, so,« sagte der Doktor, sich etwas mühsam zurechtfindend, und folgte

in das Krankenzimmer.

Der Anfall war heftig, aber kurz. Klothilde lag wieder ruhig da; sie

schien jedoch kaum mehr zu atmen.

Und nun geschah etwas, das nur diejenigen kennen, welche an Sterbebetten

gestanden haben.

Klothilde öffnete mit einemmal die Augen und richtete sich mit halbem

Leibe empor. Ausdruckslos blickte sie um sich; dann kehrte sie ihr

Antlitz langsam dem Gatten zu. Sah sie ihn? Sah sie ihn nicht? Wer

konnte es sagen? Unverwandt, aber verglast blieben ihre Augen auf ihn

gerichtet. Plötzlich lächelte sie; dann fiel sie in die Kissen zurück,

seufzte tief auf -- und ihr Kinn sank zur Brust hinab.

Der Freiherr von Günthersheim beugte sich über die Leiche.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 50 / 53 题