Die beiden Särge waren nach Wien gebracht worden. Auch Tante Lotti hatte
sich dorthin begeben und laut testamentarischer Vollmacht mit sich
genommen, was von intimerem Werte war; alles übrige wurde an Arme und
Bedürftige verteilt, so daß nur, was gewissermaßen niet- und nagelfest
war, im Schlosse zurückblieb. Dieses selbst aber wurde nunmehr an allen
seinen Eingängen versperrt und die Schlüssel dem Gemeindevorstand
überantwortet, der seinerseits einen verläßlichen Mann als Aufseher
anstellte. Mit seiner Familie im Amtshause untergebracht, hatte dieser
darüber zu wachen, daß nichts in Verfall gerate; wie denn auch zweimal
des Jahres alle Räumlichkeiten geöffnet wurden, um die notwendige
Lüftung und Reinigung vorzunehmen.
Inzwischen war die neue Aera wirklich angebrochen, und eine fröhliche
Wahlbewegung ging durch das Land. Lang erhoffte Einrichtungen, erlösende
Gesetze machten sich geltend, aber mit ihnen auch tiefere nationale
Spaltungen, die fast in allen Teilen der Monarchie zutage traten. Es war
ein freierer, aber auch unruhigerer Geist in die Zeit gekommen, deren
Hauch von nun an das stille Schloß umwehte, während die Mauern
allmählich eine düstere Färbung annahmen und auf den unbetretenen Gängen
der Avenue sich langhalmiger Graswuchs entwickelte.
Plötzlich wurde es von feindlichen Truppen überschwemmt. Denn der Krieg
des Jahres 1866 hatte sich in die Nähe gezogen, und die Kanonen
donnerten in der Runde. Man hatte das weitläufige Gebäude einem
preußischen General erschließen müssen, der dort sein Heerlager
aufschlug.
Auch das ging vorüber, und es wurde wieder still auf der einsamen Höhe.
Unten aber regte sich aufs neue der Gewerbefleiß friedlicher Hände --
und der Marktflecken dehnte sich weiter und weiter aus. Ein stattliches
Schulhaus, ein neues Rathaus in gotischem Rohbau erhoben sich -- und als
nun gar auf frisch gelegten Schienen die erste Lokomotive
vorüberdampfte, da war auch das Ziel erreicht -- und der Ort zum Range
einer Stadt erhoben worden. Und schließlich waren auch die
fünfundzwanzig Jahre abgelaufen, welche dem Schlosse neue Bewohner ferne
gehalten hatten.
Mit demselben Tage aber, an dem diese Frist ihr Ende erreichte, waren
auch schon ganze Scharen von Handwerkern erschienen, welche nunmehr
daran gingen, das verlassene Gebäude nach jeder Richtung hin im
modernsten Geschmacke aufzufrischen und einzurichten. Denn einer der
bedeutendsten Industriellen des Landes, der sich im Laufe der Jahre ein
erstaunliches Vermögen erworben, war bei einer Geschäftsreise von
diesem, gewissermaßen in der Luft schwebenden Herrensitze in Kenntnis
gesetzt worden und hatte sofort hinsichtlich des Erwerbes in der ganzen
früheren Gutsausdehnung ein glänzendes Angebot getan. Die Väter der
jungen Stadt gingen umso rascher auf den Verkauf ein, als damit alle
weiteren Sorgen und Mühen der Verwaltung entfielen und das
Gemeindevermögen um ein beträchtliches, zur Stunde flüssiges Kapital
wuchs. Und so hielt denn, nachdem im Schlosse die zahlreichen, vordem
sehr einfach gehaltenen Gemächer durchweg mit neuen Parkettböden, mit
goldgemusterten Tapeten, mit Samt, Seide, Spitzen und stilvollen Möbeln
ausgestattet, die Vorhalle und die Treppen mit Nischen und Statuen, mit
kostbaren Teppichen und exotischen Gewächsen ausgeschmückt waren, an
einem dunklen Septemberabend der neue Besitzer seinen Einzug -- und zwar
bei elektrischem Licht, dessen weißes Fanal die Avenue weithin erhellte.
Selbstverständlich waren auch bedeutende Eingriffe in den Park
geschehen. War doch dieser im Laufe der Jahre mit seinem Unterholz
derart ins Laub geschossen, daß eine förmliche Durchforstung Platz
greifen mußte. Dabei fielen auch alle vermorschten Eremitagen,
Tempelchen, Brückchen und Ruhebänke, die samt und sonders aus
Birkenästen hergestellt waren; nur das Tirolerhaus an der großen Wiese
hatte man als wunderliches Denk- und Wahrzeichen einer engbrüstigen und
geschmacklosen Vergangenheit unberührt gelassen. Auch konnte man dort
immerhin vor einem plötzlich niedergehenden Regen Schutz finden oder
auch an kühlen Herbsttagen das Gouter einnehmen. Als man aber das
letztere wirklich einmal ausführte, da zeigte sich, daß die
Räumlichkeiten für die höchst zahlreiche Familie des neuen Schloßherrn
samt allen Hofmeistern, Gouvernanten und Bonnen doch viel zu klein und
unbequem waren. Die Damen konnten keinen rechten Platz zum Sitzen finden
-- und die Herren stießen mit den Hüten an die Decke. Öffnete man die
Fenster, so drang empfindliche Zugluft herein, schloß man sie, so waren
die Zimmerchen -- denn auch die Damen rauchten Zigaretten -- alsbald mit
unerträglichem Tabaksqualm angefüllt. Und welche Bruthitze mochte in der
schönen Jahreszeit hier innen herrschen! Man mied also das Haus im
nächsten Sommer vollständig; nur die englische Gouvernante, eine
ältliche Miß mit messingblonden Haarwickeln, suchte es je zuweilen an
Sonntagen auf, um von keinem Menschen gestört in der Bibel lesen zu
können. Und als im darauffolgenden Winter das Unerhörte geschah,
verwegene Strolche nächtlicherweile einbrachen und alles Bewegliche
wegschleppten, da kam man auch sofort zu dem Entschlusse, den alten
»Kasten« dem Erdboden gleich zu machen und an seiner Stelle ein
geräumiges, den Anforderungen modernen Komforts entsprechendes
Sommerhaus zu errichten. Wirklich entstand auch, wie hervorgezaubert, in
kürzester Zeit ein ganz stattliches Gebäude im Schweizerstil, von dessen
breiter, luftiger Terrasse man bequem auf einen weit abgesteckten Lawn
Tennis-Platz niederblicken konnte, der einen guten Teil der Wiese
einnahm. Dort bewegen sich, wenn -- was häufig geschieht -- das Schloß
zahlreiche Gäste beherbergt, anmutig jugendliche Gestalten in vollem
Eifer des körperbiegenden Spieles. Die Herren in Jockeimützen und
farbigen Wollenhemden, die Damen, hochgeschürzt, in grell bunter Tracht
-- alle aber in gelben, mit Gummi besohlten, absatzlosen Schuhen. Und
während unten bei fröhlichen Scherzen und schallendem Gelächter die
Bälle hin und her oder über das Gitternetz fliegen, weilt oben auf der
Terrasse eine Schar gesetzterer Männer und Frauen in anregendem
Geplauder. Da wird alles berührt, alles gelobt oder getadelt, begriffen
oder mißverstanden, was der Tag bringt: die neuesten Verordnungen der
Regierung und die neuesten Moden; die Schwankungen der Kurse und die
Differenzen zwischen diesem oder jenem Theaterdirektor und dieser oder
jener Schauspielerin; die letzte sensationelle Ehescheidung, das letzte
siegreiche Rennpferd, der Sozialismus, der Hypnotismus und die
Erzeugnisse der naturalistischen Schule. So regt und betätigt sich
geräuschvoll an dem Orte, wo Klothilde in tiefer Stille an der
schwermütigen Glut Lenaus sich entzückte, an ihrer idealen Landschaft
pinselte -- und im Übergefühl der Schuld zusammenbrach, ein neues,
bestimmteres, zuversichtliches Geschlecht mit anderen Empfindungen und
Anschauungen, mit anderen Zielen und Hoffnungen -- daher auch mit
anderen Schicksalen. Aber auch dieses Geschlecht wird dereinst zu den
vergangenen zählen -- und wieder ein neues ausblicken nach den
ungewissen, ewig wechselnden Fernen der Zukunft.
Druck von Hesse & Becker in Leipzig.