X.

Die beiden Särge waren nach Wien gebracht worden. Auch Tante Lotti hatte

sich dorthin begeben und laut testamentarischer Vollmacht mit sich

genommen, was von intimerem Werte war; alles übrige wurde an Arme und

Bedürftige verteilt, so daß nur, was gewissermaßen niet- und nagelfest

war, im Schlosse zurückblieb. Dieses selbst aber wurde nunmehr an allen

seinen Eingängen versperrt und die Schlüssel dem Gemeindevorstand

überantwortet, der seinerseits einen verläßlichen Mann als Aufseher

anstellte. Mit seiner Familie im Amtshause untergebracht, hatte dieser

darüber zu wachen, daß nichts in Verfall gerate; wie denn auch zweimal

des Jahres alle Räumlichkeiten geöffnet wurden, um die notwendige

Lüftung und Reinigung vorzunehmen.

Inzwischen war die neue Aera wirklich angebrochen, und eine fröhliche

Wahlbewegung ging durch das Land. Lang erhoffte Einrichtungen, erlösende

Gesetze machten sich geltend, aber mit ihnen auch tiefere nationale

Spaltungen, die fast in allen Teilen der Monarchie zutage traten. Es war

ein freierer, aber auch unruhigerer Geist in die Zeit gekommen, deren

Hauch von nun an das stille Schloß umwehte, während die Mauern

allmählich eine düstere Färbung annahmen und auf den unbetretenen Gängen

der Avenue sich langhalmiger Graswuchs entwickelte.

Plötzlich wurde es von feindlichen Truppen überschwemmt. Denn der Krieg

des Jahres 1866 hatte sich in die Nähe gezogen, und die Kanonen

donnerten in der Runde. Man hatte das weitläufige Gebäude einem

preußischen General erschließen müssen, der dort sein Heerlager

aufschlug.

Auch das ging vorüber, und es wurde wieder still auf der einsamen Höhe.

Unten aber regte sich aufs neue der Gewerbefleiß friedlicher Hände --

und der Marktflecken dehnte sich weiter und weiter aus. Ein stattliches

Schulhaus, ein neues Rathaus in gotischem Rohbau erhoben sich -- und als

nun gar auf frisch gelegten Schienen die erste Lokomotive

vorüberdampfte, da war auch das Ziel erreicht -- und der Ort zum Range

einer Stadt erhoben worden. Und schließlich waren auch die

fünfundzwanzig Jahre abgelaufen, welche dem Schlosse neue Bewohner ferne

gehalten hatten.

Mit demselben Tage aber, an dem diese Frist ihr Ende erreichte, waren

auch schon ganze Scharen von Handwerkern erschienen, welche nunmehr

daran gingen, das verlassene Gebäude nach jeder Richtung hin im

modernsten Geschmacke aufzufrischen und einzurichten. Denn einer der

bedeutendsten Industriellen des Landes, der sich im Laufe der Jahre ein

erstaunliches Vermögen erworben, war bei einer Geschäftsreise von

diesem, gewissermaßen in der Luft schwebenden Herrensitze in Kenntnis

gesetzt worden und hatte sofort hinsichtlich des Erwerbes in der ganzen

früheren Gutsausdehnung ein glänzendes Angebot getan. Die Väter der

jungen Stadt gingen umso rascher auf den Verkauf ein, als damit alle

weiteren Sorgen und Mühen der Verwaltung entfielen und das

Gemeindevermögen um ein beträchtliches, zur Stunde flüssiges Kapital

wuchs. Und so hielt denn, nachdem im Schlosse die zahlreichen, vordem

sehr einfach gehaltenen Gemächer durchweg mit neuen Parkettböden, mit

goldgemusterten Tapeten, mit Samt, Seide, Spitzen und stilvollen Möbeln

ausgestattet, die Vorhalle und die Treppen mit Nischen und Statuen, mit

kostbaren Teppichen und exotischen Gewächsen ausgeschmückt waren, an

einem dunklen Septemberabend der neue Besitzer seinen Einzug -- und zwar

bei elektrischem Licht, dessen weißes Fanal die Avenue weithin erhellte.

Selbstverständlich waren auch bedeutende Eingriffe in den Park

geschehen. War doch dieser im Laufe der Jahre mit seinem Unterholz

derart ins Laub geschossen, daß eine förmliche Durchforstung Platz

greifen mußte. Dabei fielen auch alle vermorschten Eremitagen,

Tempelchen, Brückchen und Ruhebänke, die samt und sonders aus

Birkenästen hergestellt waren; nur das Tirolerhaus an der großen Wiese

hatte man als wunderliches Denk- und Wahrzeichen einer engbrüstigen und

geschmacklosen Vergangenheit unberührt gelassen. Auch konnte man dort

immerhin vor einem plötzlich niedergehenden Regen Schutz finden oder

auch an kühlen Herbsttagen das Gouter einnehmen. Als man aber das

letztere wirklich einmal ausführte, da zeigte sich, daß die

Räumlichkeiten für die höchst zahlreiche Familie des neuen Schloßherrn

samt allen Hofmeistern, Gouvernanten und Bonnen doch viel zu klein und

unbequem waren. Die Damen konnten keinen rechten Platz zum Sitzen finden

-- und die Herren stießen mit den Hüten an die Decke. Öffnete man die

Fenster, so drang empfindliche Zugluft herein, schloß man sie, so waren

die Zimmerchen -- denn auch die Damen rauchten Zigaretten -- alsbald mit

unerträglichem Tabaksqualm angefüllt. Und welche Bruthitze mochte in der

schönen Jahreszeit hier innen herrschen! Man mied also das Haus im

nächsten Sommer vollständig; nur die englische Gouvernante, eine

ältliche Miß mit messingblonden Haarwickeln, suchte es je zuweilen an

Sonntagen auf, um von keinem Menschen gestört in der Bibel lesen zu

können. Und als im darauffolgenden Winter das Unerhörte geschah,

verwegene Strolche nächtlicherweile einbrachen und alles Bewegliche

wegschleppten, da kam man auch sofort zu dem Entschlusse, den alten

»Kasten« dem Erdboden gleich zu machen und an seiner Stelle ein

geräumiges, den Anforderungen modernen Komforts entsprechendes

Sommerhaus zu errichten. Wirklich entstand auch, wie hervorgezaubert, in

kürzester Zeit ein ganz stattliches Gebäude im Schweizerstil, von dessen

breiter, luftiger Terrasse man bequem auf einen weit abgesteckten Lawn

Tennis-Platz niederblicken konnte, der einen guten Teil der Wiese

einnahm. Dort bewegen sich, wenn -- was häufig geschieht -- das Schloß

zahlreiche Gäste beherbergt, anmutig jugendliche Gestalten in vollem

Eifer des körperbiegenden Spieles. Die Herren in Jockeimützen und

farbigen Wollenhemden, die Damen, hochgeschürzt, in grell bunter Tracht

-- alle aber in gelben, mit Gummi besohlten, absatzlosen Schuhen. Und

während unten bei fröhlichen Scherzen und schallendem Gelächter die

Bälle hin und her oder über das Gitternetz fliegen, weilt oben auf der

Terrasse eine Schar gesetzterer Männer und Frauen in anregendem

Geplauder. Da wird alles berührt, alles gelobt oder getadelt, begriffen

oder mißverstanden, was der Tag bringt: die neuesten Verordnungen der

Regierung und die neuesten Moden; die Schwankungen der Kurse und die

Differenzen zwischen diesem oder jenem Theaterdirektor und dieser oder

jener Schauspielerin; die letzte sensationelle Ehescheidung, das letzte

siegreiche Rennpferd, der Sozialismus, der Hypnotismus und die

Erzeugnisse der naturalistischen Schule. So regt und betätigt sich

geräuschvoll an dem Orte, wo Klothilde in tiefer Stille an der

schwermütigen Glut Lenaus sich entzückte, an ihrer idealen Landschaft

pinselte -- und im Übergefühl der Schuld zusammenbrach, ein neues,

bestimmteres, zuversichtliches Geschlecht mit anderen Empfindungen und

Anschauungen, mit anderen Zielen und Hoffnungen -- daher auch mit

anderen Schicksalen. Aber auch dieses Geschlecht wird dereinst zu den

vergangenen zählen -- und wieder ein neues ausblicken nach den

ungewissen, ewig wechselnden Fernen der Zukunft.

Druck von Hesse & Becker in Leipzig.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 52 / 53 题