Am folgenden Nachmittag saß der Freiherr am Schreibtisch und richtete
folgenden Brief an Frau Charlotte Nespern in Wien:
»Ich schreibe Ihnen in größter Beängstigung, liebe Tante Lotti! Meine
teure Klothilde, die sich schon gestern unwohl gefühlt, ist heute in den
frühen Morgenstunden von einem Schüttelfroste befallen worden, in
welchem ich sofort den Vorboten einer ernstlichen Erkrankung vermutete.
Dennoch unterließ ich es, auf ihre Einsprache hin, nach einem Arzt zu
schicken, denn der Anfall ging vorüber, und nur eine gewisse Abspannung
war zurückgeblieben, die Klothilde bewog, im Bette zu bleiben, wo sie
auch späterhin in einen, wie es schien, ruhigen und erquickenden
Schlaf verfiel. Aber gegen Mittag erwachte sie unter erneuten
Fiebererscheinungen -- und nun zögerte ich keinen Augenblick, nach dem
Doktor zu senden, der aber, wie das schon zu gehen pflegt, nicht
anzutreffen war, da er sich zu einem Kranken außerhalb der Ortschaft
begeben hatte. Es konnte nur der Auftrag hinterlassen werden, daß er
nach seiner Rückkunft sogleich im Schlosse erscheine. Bis jetzt (vier
Uhr) ist er noch nicht da -- und ich fange bereits an, die Minuten zu
zählen; denn das Fieber ist im Zunehmen begriffen, und die geliebte
Kranke, obgleich sie nicht darüber klagt, scheint an den quälendsten
Kopfschmerzen zu leiden. In dieser verzweifelten Gemütslage schließe ich
meinen Brief mit der innigen Bitte, wenn es Ihnen die Umstände nicht
ganz und gar unmöglich machen, so eilen Sie hierher und stehen in
voraussichtlich schwerer Zeit bei Ihrer Sie zärtlich liebenden Nichte
und Ihrem treu ergebenen