VIII.

Am folgenden Nachmittag saß der Freiherr am Schreibtisch und richtete

folgenden Brief an Frau Charlotte Nespern in Wien:

»Ich schreibe Ihnen in größter Beängstigung, liebe Tante Lotti! Meine

teure Klothilde, die sich schon gestern unwohl gefühlt, ist heute in den

frühen Morgenstunden von einem Schüttelfroste befallen worden, in

welchem ich sofort den Vorboten einer ernstlichen Erkrankung vermutete.

Dennoch unterließ ich es, auf ihre Einsprache hin, nach einem Arzt zu

schicken, denn der Anfall ging vorüber, und nur eine gewisse Abspannung

war zurückgeblieben, die Klothilde bewog, im Bette zu bleiben, wo sie

auch späterhin in einen, wie es schien, ruhigen und erquickenden

Schlaf verfiel. Aber gegen Mittag erwachte sie unter erneuten

Fiebererscheinungen -- und nun zögerte ich keinen Augenblick, nach dem

Doktor zu senden, der aber, wie das schon zu gehen pflegt, nicht

anzutreffen war, da er sich zu einem Kranken außerhalb der Ortschaft

begeben hatte. Es konnte nur der Auftrag hinterlassen werden, daß er

nach seiner Rückkunft sogleich im Schlosse erscheine. Bis jetzt (vier

Uhr) ist er noch nicht da -- und ich fange bereits an, die Minuten zu

zählen; denn das Fieber ist im Zunehmen begriffen, und die geliebte

Kranke, obgleich sie nicht darüber klagt, scheint an den quälendsten

Kopfschmerzen zu leiden. In dieser verzweifelten Gemütslage schließe ich

meinen Brief mit der innigen Bitte, wenn es Ihnen die Umstände nicht

ganz und gar unmöglich machen, so eilen Sie hierher und stehen in

voraussichtlich schwerer Zeit bei Ihrer Sie zärtlich liebenden Nichte

und Ihrem treu ergebenen

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 49 / 53 题