Der Freiherr erschien heute allein zu Tisch. »Die Baronin ist unwohl«,
bedeutete er dem Kammerdiener. Dieser schaffte sofort das aufgelegte
zweite Gedeck beiseite, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen; denn
es war ihm bekannt, daß die Herrin, wenn auch selten, dann aber um so
heftiger an Migräne leide und sich in solchem Falle stets gänzlich
zurückziehe.
Mit der äußeren Ruhe eines Weltmannes, der im Leben jede Art von
Selbstbeherrschung erlernt und geübt hatte, nahm der Freiherr das Diner
ein, wenn auch flüchtiger als sonst, was ja nicht auffallen konnte, da
er ohne Gesellschaft speiste. Er atmete aber befreit auf, als endlich
der Kammerdiener das Kaffeebrett mit der kleinen chinesischen Tasse und
dem silbernen Kännchen vor ihm niedersetzte und hierauf verschwand. Nun
konnte er sich, in den Stuhl zurückgelehnt, vollständig seinen Gedanken
überlassen.
Was sich da zugetragen, hatte ihn nicht ganz unerwartet getroffen. Ein
Vorgefühl davon hatte auf ihm mit dumpfem Drucke gelegen seit jenem
Tage, an welchem er die Zuschrift des Gemeindevorstehers erhalten. Aber
nach Art erfahrener Naturen wollte er nicht vorschnell an ungewiß
drohende Dinge rühren, um nicht etwa ihren Gang zu beschleunigen; er
vermied es später sogar, seine Gemahlin zu beobachten, auf daß er durch
verfrühte Wahrnehmungen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werde. Da
sich aber nun alles, immer noch überraschend genug, vollzogen hatte,
erkannte er auch sofort sehr deutlich, wie klar und einfach die Sache
lag -- und Klothilde allein war es, die er dabei unmittelbar ins Auge
faßte. Er selbst kam ja gar nicht in Betracht; er war ein alter Mann,
den nur getroffen hatte, was ihn früher oder später einmal treffen mußte
-- und Graf Poiga-Reuhoff war eben ein gewohnheitsmäßiger Roué, gegen
welchen er für seine Person nicht einmal Gereiztheit empfand, den er nur
mit Hinblick auf den Seelenzustand Klothildens haßte. »Armes Weib!«
flüsterte er vor sich hin. »Welche Zukunft steht ihr bevor!« Aber nicht
die Zukunft galt es jetzt zu bedenken, nur die Gegenwart. Und über diese
mußte sie unter allen Umständen hinweggebracht werden!
Als jetzt der Kammerdiener wieder eintrat, sagte er: »Ich möchte heute
dem Herrn Rittmeister einen Besuch machen, da ich ihn das erste Mal
nicht angetroffen und bloß eine Karte zurückgelassen habe. Erkundigen
Sie sich, ob er zu Hause ist. Lassen Sie aber nichts von meiner Absicht
verlauten; vielleicht besinne ich mich noch anders.«
Er erhielt bald die Meldung, der Graf befinde sich in seiner Wohnung.
Nachdem er noch eine Weile sitzen geblieben, begab er sich auf sein
Zimmer, um eine Änderung in seinem Anzuge vorzunehmen. Dann griff er
nach seinem Hute und schritt langsam die Treppe hinunter.
Es schlug eben vier Uhr, als er quer über den Hof dem Amtshause
zuschritt. Auf einer der Stallbänke sah er den Reitknecht des Grafen
sitzen, träg hingelümmelt neben dem Wachtmeister, mit welchem er in
einer Unterhaltung begriffen schien. Sobald der Wachtmeister des
Schloßherrn ansichtig wurde, erhob er sich und salutierte; der
Reitknecht aber, ein bartloser, in der Art solcher Leute hochmütiger
Bursche, zögerte sichtlich; erst als der Freiherr gerade auf ihn zutrat,
erhob er sich rasch und brachte den Stummel einer Virginiazigarre, den
er mehr kaute als rauchte, aus dem Munde.
Der Freiherr sagte, er wünsche den Grafen zu sprechen; wie er gehört
habe, sei dieser zu Hause.
»Ja,« erwiderte der Bursche in schwer verständlichem Deutsch; »aber er
schläft. Ich habe jedoch den Befehl, ihn um vier Uhr zu wecken. Es ist
jetzt gerade Zeit,« fuhr er mit einem Blick nach der Schloßuhr fort,
»und ich werde den Herrn Baron anmelden.«
»Tun Sie das,« versetzte der Freiherr, »ich werde einstweilen hier
warten.« Und er schlug die Richtung nach dem Rondell in der Mitte des
Hofes ein, wo er den kleinen Teich zu umschreiten begann.
Es dauerte ziemlich lange, bis der andere mit der Nachricht zurückkam,
der Herr Graf lasse bitten, einstweilen oben Platz zu nehmen, er werde
gleich erscheinen.
Der Freiherr folgte nun dem Reitknechte, der offenbar auch die
Verrichtungen eines Dieners besorgte, in das Eintrittszimmer, wo es
ziemlich wüst aussah. Auf einem niederen Schranke gewahrte man, neben
einer Anzahl von Gerten und Reitstöcken, die Mütze und die Handschuhe
des Grafen; zwei Säbel, ein schwerer und ein leichter, lehnten in einer
Ecke, und auf dem Tische vor dem Sofa lag bei den Resten eines
Frühstücks, die jetzt der Bursche rasch entfernte, ein zur Hälfte
gerauchter Tschibuk. Obgleich ein Fenster offen stand, war doch ein
scharfer Geruch von türkischem Tabak im Gemach verbreitet, der sich dem
Freiherrn, welcher selbst nicht rauchte, höchst unangenehm aufdrängte.
Durch die geschlossene Tür des Nebenzimmers herein klang das zornige, ab
und zu herrisch beschwichtigte Gekläff eines Hundes, der den Fremden
witterte; dazwischen Schritte und Geräusche, welche verrieten, daß der
Graf eben im raschen Ankleiden begriffen war.
Endlich öffnete sich die Tür, durch deren Spalt sofort ein gelber,
affenartiger Pintscher laut aufbellend dem Freiherrn entgegenschoß; auf
einen drohenden Ruf seines Herrn kroch er unter das Sofa, wo er leise
nachknurrte.
»Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, Exzellenz,« sagte der Graf,
indem er den erst halb eingeknöpften Uniformrock vollends schloß, »ich
muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie so lange habe warten
lassen, aber ich war auf Ihren Besuch durchaus nicht vorbereitet -- --.«
Seine Bewegungen waren hastig, unsicher und ließen Verlegenheit
erkennen.
»Vielmehr muß _ich_ Sie, Herr Graf, um Verzeihung bitten, daß ich zu so
wenig geeigneter Stunde bei Ihnen erschienen bin --.«
»O, das hat gar nichts zu sagen«, unterbrach ihn der andere, während
sich nun beide setzten. »Wir machen jetzt größere Übungen, die
einigermaßen ermüdend sind -- und da habe ich eine Stunde geschlafen
--.«
»Nun, es war immerhin eine Störung -- aber ich habe Ihnen eine dringende
Mitteilung zu machen.«
»Eine dringende Mitteilung? Welcher Art, wenn ich fragen darf?«
»Dürfte ich mir vielleicht erlauben, jenes Fenster zu schließen?« sagte
der Freiherr nach einer kurzen Pause, indem er Miene machte, sich zu
erheben.
»O, sehr gern!« rief der Graf und sprang zuvorkommend auf. »Exzellenz
fürchten wahrscheinlich die Zugluft?«
»Nein. Ich fürchte nur, daß meine Mitteilung Erörterungen nach sich
ziehen könnte, welche besser im Hofe nicht gehört werden.«
Der Graf zuckte zusammen. Er konnte kaum mehr im Zweifel sein, um was es
sich handeln würde; jetzt aber hatte er auch sofort die vollständigste
Fassung gewonnen. »Exzellenz treffen sehr seltsame Vorkehrungen«, sagte
er kurz.
»Sie dürften vielleicht nötig sein. Ich möchte Sie sogar bitten, im
Vorhause nachzusehen, ob nicht jemand --«
Der Graf blitzte ihn mit seinen dunklen Augen zornig an. »Was soll das
heißen? Ich bin von keinen Spionen umgeben und bitte Sie, zur Sache zu
kommen.«
»Wie es Ihnen beliebt. Ich für meine Person pflege niemals sehr laut zu
sprechen -- und eigentlich handelt es sich ja nur um eine Bitte, die ich
Ihnen vortragen werde. Wenn Sie ihr Gewährung schenken, so entfällt jede
weitere Verhandlung von selbst.«
»Und was wäre das für eine Bitte?« fragte der Graf, der sich wieder
gesetzt hatte und nun die Arme über der Brust verschränkte.
»Daß Sie diese Behausung sobald, wie nur irgend möglich, verlassen
möchten.«
»Herr Baron!«
»Bleiben Sie ruhig, Herr Graf«, sagte der Freiherr sanft. »Betrachten
Sie es wirklich nur als Bitte.« Es klang in der Tat ein flehender Ton
durch diese Worte.
Der andere blickte mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin. »Und aus
welcher Veranlassung richten Sie diese Bitte an mich?«
»Aus Rücksicht für meine Frau.«
Eine dunkle Röte schoß in das Antlitz des Grafen. »Sie hat Ihnen
gesagt?« -- fragte er halb verwundert, halb wegwerfend.
»Ja, sie hat es mir gesagt.«
»Nun also!« versetzte der Graf nach kurzem Schweigen, indem er hochmütig
den Kopf zurückbog. »Wenn Sie nicht gekommen sind, Rechenschaft von mir
zu fordern, dann ist auch alles weitere höchst gleichgültig. Denn Sie
begreifen doch, daß Ihre Frau Gemahlin fortan vor mir sicher ist -- ganz
sicher!«
Diese Worte trafen den Freiherrn wie Peitschenhiebe, aber er zuckte
nicht einmal mit den Wimpern. »Das begreife ich sehr wohl«, sagte er
ruhig. »So einfach jedoch liegen die Dinge nicht. Was da vorgefallen,
hat meine Frau derart angegriffen, daß eine dauernde Seelenstörung zu
befürchten ist.«
»Die Baronin scheint sehr schwache Nerven zu haben!« rief der Graf
höhnisch.
»Ohne Zweifel. Und deshalb sehen Sie auch ein, daß ich unter keiner
Bedingung von Ihnen Genugtuung fordern darf. Ich habe vielmehr, was
_meine_ Person anbetrifft, gar kein Gewicht auf die Sache zu legen und
nur zu trachten, daß meine Frau sich beruhige. Sie muß _vergessen_
lernen -- und dazu ist vor allem notwendig, daß _Sie_ nicht mehr hier
sind.«
»Eine höchst eigentümliche Auffassung!«
»Gewiß, diese Auffassung ist keine alltägliche. Aber wie Sie auch
darüber denken mögen, eines werden Sie nach reiflicher Erwägung klar
erkennen: daß Ihnen unter allen Umständen die Pflicht erwächst, das
Geschehene möglichst ungeschehen zu machen.«
Der Graf war nachdenklich geworden. Die ruhig ernste, ergreifende
Sprache des Freiherrn verfehlte offenbar nicht, Eindruck zu machen. Aber
bald gewann seine Natur wieder die Oberhand.
»Nein! Nein!« rief er, sich ungestüm vom Sessel erhebend. »Ich kann mich
nicht so ohne weiteres fortweisen lassen!«
»Sie werden nicht fortgewiesen. Es ist Ihr freier Entschluß, eine
Änderung herbeizuführen.«
»Aber wie soll ich es anstellen?« rief der Bedrängte ärgerlich mit dem
Fuße stampfend. »Kann ich denn so Knall und Fall -- --? Was würde man
_unten_ -- im Kreise der Kameraden dazu sagen? Es würde Aufsehen erregen
-- ja man könnte sogar mutmaßen --«
»Um Mutmaßungen kümmere ich mich nicht.«
»Und jedenfalls würde man einen anderen Offizier heraufsenden. Sie kämen
da vielleicht nur aus dem Regen in die Traufe!«
Der Freiherr bewegte sich auf dem Sofa, aber er sagte mit eisiger Ruhe:
»Das fürchte ich nicht. Wiederholungen ereignen sich nicht so rasch
nacheinander.«
Der Graf sah ihn halb erstaunt, halb verächtlich an und erwiderte nichts
mehr. Denn plötzlich wurden schwere, wuchtige Tritte vernehmbar, die
unter Sporengeklirr die Treppe heraufkamen.
»Es ist jemand von meinen Leuten«, sagte er jetzt. Und da nun schon mit
schüchterner Plumpheit an der Tür geklopft wurde: »Herein!«
Ein stattlicher Unteroffizier trat ins Zimmer, den Helm auf dem Kopfe,
die Diensttasche umgehängt. Er nahm Stellung und salutierte automatisch.
Dann zog er ein großes versiegeltes Schreiben hervor und überreichte es
seinem Vorgesetzten, der es erbrach. Während des Lesens nahmen die Züge
des Grafen einen eigentümlichen Ausdruck an.
»Es ist gut. Sagen Sie meinem Wachtmeister, daß er die Leute zum Befehl
antreten lassen soll.« Als er mit dem Freiherrn wieder allein war,
wandte er sich an diesen. »Der Zufall ist Ihnen günstig, Herr Baron.
Wissen Sie, was dieses Blatt enthält? Den Marschbefehl. Wir müssen
sofort zur ungarischen Armee stoßen. Morgen mit dem frühesten verlassen
wir das Schloß.«
Ohne ein Zeichen der Überraschung oder der Befriedigung erhob sich der
Freiherr und sagte mit einer Verbeugung: »Dann ist unsere Unterredung zu
Ende. Wäre das Blatt gestern eingetroffen, so wäre sie nicht notwendig
geworden.«
Kaum hatte er sich zum Abgehen gewendet, als auch schon der Hund unter
dem Sofa hervorschoß und sich mit wütendem Gebell an seine Fersen
heftete. Ein Fußtritt seines Herrn ließ ihn schmerzlich aufheulen.
»Verdammte Bestie!« rief der Graf mit unterdrückter Stimme, während das
Tier winselnd in einen Winkel flüchtete. Allein geblieben, schritt er
mit sichtlich unangenehmen Gedanken und Empfindungen im Zimmer auf und
nieder. »Ach was!« sagte er endlich, schnippte mit den Fingern und
schnallte seinen Säbel um.
* * * * *
Währenddessen hatte Klothilde auf dem Ruhebett ihres durch geschlossene
Jalousien verdüsterten Zimmers gelegen. »Ich muß dich nun für einige
Zeit dir selbst überlassen«, hatte der Freiherr zu ihr gesagt, als er
sich zu Tisch hinunter begab. »Vielleicht ist es dir erwünscht. Ängstige
dich nicht, es wird alles gut werden.«
Aber kaum allein, empfand sie sofort wieder aufs tiefste, daß es nie und
nimmer gut werden könne. Einen Augenblick zwar hatte sie bei den milden,
zärtlichen Tröstungen ihres Gatten aufgeatmet; einen Augenblick war das
Leben, sonnenhell wie früher, aus der dunklen Nacht der Verzweiflung,
die sie umgab, aufgetaucht -- jetzt aber versank es wieder. Sie fühlte,
daß etwas in ihr gebrochen und vernichtet war, das nicht wieder
hergestellt werden konnte. Ja, die klare Ruhe, der heitere Frieden ihrer
Seele war verloren -- verloren für immer. Was frommte es, daß ihr Gatte
entschuldigte und verzieh, was sie sich selbst niemals würde verzeihen
können? Der heutige Tag ließ sich in ihrem Gedächtnisse nicht
auslöschen. Seit jeher hatte sie nur in ganz reiner Lebensluft zu atmen
vermocht; die leiseste Trübung drohte sie zu ersticken. Schon von klein
auf war sie so gewesen. Ein geringes Versehen, das sie sich zu schulden
kommen ließ, ein noch so sanfter Tadel ihres Vaters -- die Mutter hatte
sie schon sehr früh durch den Tod verloren -- oder von seiten ihrer
Lehrer erfüllte sie mit solchen Gewissensbissen und Selbstvorwürfen, daß
sie oft wochenlang aus kindlichem Gram und Kummer nicht herauskam. Mit
welch ängstlicher Scheu war sie als Mädchen und später als Frau allem
aus dem Wege gegangen, was sie in Gefahr und Versuchung hätte bringen
können; eine innere Stimme sagte ihr, daß ihr die Kraft des Widerstandes
fehle. Daher galt sie auch in der Gesellschaft für geistig beschränkt,
und trotz ihrer Schönheit trat niemand näher an sie heran; denn ihre
hilflose Zurückhaltung flößte weit eher Mitleid als Interesse ein. Darum
liebte sie so die Stille und Zurückgezogenheit; da konnte sie ihr Wesen
frei und furchtlos entfalten, da konnte sie gedeihen; -- Verwickelungen
und Konflikten, das fühlte sie, war sie nicht gewachsen -- sie brachten
ihr den Tod ...
Sie schauerte. Wie kalt war es im Zimmer trotz des heißen Sommertages!
Sie breitete eine leichte Decke über sich und schloß die Augen. Und wie
sie jetzt so dalag, überkam sie ein eigentümlicher Zustand. Es wurde ihr
so weh zumute -- und doch wieder so wohl. Gerade wie beim Beginn einer
schweren Krankheit, wo die Welt in vagen Umrissen zu verdämmern beginnt
-- wo alles Nahe in immer weitere Ferne gerückt wird. Nur manchmal
durchzuckte ein namenloser Schmerz ihre Brust. Denn da dachte sie ihres
edlen Gatten, der glücklichen Jahre, die sie mit ihm verlebt hatte --
dachte an den schönen stillen Park, an das Tirolerhaus -- an ihre
Landschaft -- ihre geliebten Bücher ...
Sie zog die Decke höher hinauf. Ein seltsamer, dumpfer Druck, den sie
schon in den letzten Tagen hin und wieder empfunden hatte, lastete jetzt
schwer auf ihrer Stirn, und indem sie die Augen schloß, versank sie in
einen lähmenden Halbschlaf, der sie mit verworrenen Traumgesichten
umgaukelte. Es war nichts Ungeheuerliches, nichts eigentlich
Beängstigendes. Die verschiedenartigsten Gestalten tauchten auf und
verschwanden wieder oder gingen eine in die andere über. Sie sah ihren
Vater, sah ihre Mutter, von der sie sich sonst kein recht deutliches
Bild mehr machen konnte; sie sah sich selbst als ganz kleines Mädchen
mit einem Geburtstagsstrauß in der Hand; ihren Gatten als ganz jungen
Mann in einem grünen Frack mit gelben Knöpfen, wie er auf einer von
Daffinger gemalten Miniatur dargestellt war; sah den Grafen auf einem
Feuer sprühenden Pferde, ihr Kammermädchen mit dem Aussehen einer alten
Magd in ihrem elterlichen Hause -- einen langen Zug von Reitern auf
schwarzen, seltsam beflorten Rossen ...
Jetzt schrak sie auf. Ihr Gatte, der über sie gebeugt stand, hatte sie
sanft auf die Stirn geküßt. »Du hast geschlummert?« fragte er leise.
»Ja -- es scheint«, erwiderte sie, während ihr neuerdings die ganze
Wucht ihres Elends fühlbar wurde.
Und nun teilte er ihr mit, was sich zugetragen. Er hatte gehofft, sie
würde dabei immer leichter, immer freier aufatmen. Aber sie hauchte nur
tonlos: »Mein Gott! Mein Gott! Dieser _eine_ Tag!«
»Ja,« sagte er erschüttert und zugleich beruhigend, »es ist traurig, daß
alles menschliche Glück und Unglück zuletzt meistens nur von solchen
Schickungen abhängt. Doch tröste dich: es ist jetzt alles vorbei.«
Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte; aber das Herz lag ihr wie Eis
in der Brust.