Als jetzt Klothilde, ohne zu wissen wie, bei dem Tirolerhause angelangt
war, sank sie auf die Bank neben der Tür und blickte starr und
ausdruckslos vor sich hin. Was war denn vorgegangen?! Sie mußte sich
erst darauf besinnen -- und nun schlug sie, laut aufstöhnend, die Hände
vor das Antlitz. »Mein Gott! Mein Gott!« Was sie geahnt, wovor sie
gezittert, war eingetroffen. Eingetroffen in dem Augenblick, wo sie sich
bereits gerettet und geborgen glaubte! Vollzogen hatte es sich
plötzlich, ohne Widerstand von ihrer Seite! Willenlos hatte sie in den
Armen des Grafen gelegen -- und nur mehr eines Haares Breite hatte sie
von dem Abgrund getrennt, in den sie als Ehebrecherin unrettbar
versunken wäre! Und war sie es denn eigentlich nicht schon? Ein anderer,
als ihr Gatte, hatte sie verlangend an sich gezogen, hatte sie -- sie
schauderte auf -- _du_ genannt, hatte mit brennenden Lippen ihrem
Scheitel ein Mal aufgedrückt. Wie sollte sie jetzt dem Freiherrn
entgegentreten -- entweiht, gebrandmarkt! Und nicht der begehrliche Mann
mit den dunklen Augen war an dem allen schuld -- nein, nur _sie_, sie
ganz allein in ihrer entsetzlichen Schwäche und Hilflosigkeit! Jede
andere Frau an ihrer Stelle und unter solchen Umständen würde den
Versucher abgewiesen -- ihn wenigstens zum Scheine zurückgestoßen haben!
Und _sie_ -- sie hatte nicht einmal ein Wort der Zurechtweisung,
geschweige denn ein gebieterisches der Abwehr gefunden. Und wenn er
morgen wieder an sie herantrat, fehlte ihr gewiß wieder die Kraft! O,
was für ein Weib war sie!? Welch ein verächtliches Geschöpf! Welch
unerhört feige, erbärmliche Natur! Nicht wert, daß sie die Sonne
beschien, deren goldige Lichter vor ihr auf der Wiese glänzten und
funkelten!
Sie sprang auf und eilte in die Zimmer empor. Dort schloß sie rasch die
nach dem äußeren Gang offene Tür, schloß alle Fensterläden. Nun war es
dunkel um sie her; nur die Gegenstände, deren Anblick sie noch vor einer
Stunde so glücklich gemacht, dämmerten in gespenstischen Umrissen auf.
Auch _das_ konnte sie nicht ertragen; sie sank auf den harten Sitz an
der Wand und schloß die Augen. Nun war es finster und still wie im
Grabe. O, läge sie darin!
Aber wurden jetzt nicht von unten herauf Tritte vernehmbar? Klangen sie
nicht schon auf der Treppe? Das war ihr Gatte! Ihr Herz stand still --
und doch nicht so still, wie sie es gewünscht hätte.
Der Freiherr hatte leicht an der Klinke gedrückt und fragte mit halber
Stimme durch die Spalte herein: »Bist du hier, Klothilde?«
Sie regte sich nicht.
Nun hatte er die Tür ganz geöffnet und sah bei dem Lichtschein, der von
draußen hineinfiel, wie sie lang ausgestreckt dasaß, totenbleich, mit
zurückgesunkenem Haupte.
»Klothilde!« rief er, erschrocken auf sie zueilend. »Was ist dir? Mein
Gott, was ist geschehen --?«
Sie gab noch immer keinen Laut von sich.
Er befühlte ihre Stirn, faßte ihre kalte, leblose Hand. »Klothilde,«
wiederholte er, aufs äußerste beängstigt, »was ist dir?«
»Frage mich nicht«, erwiderte sie jetzt dumpf.
»Was soll das heißen?« drängte er, indem er sich an ihrer Seite
niederließ. »Sprich, rede -- ich bitte dich!«
Sie schlug die Augen auf und starrte, ohne ihn anzusehen, wie ins Leere.
»Ich bin verloren«, sagte sie.
»Verloren?!« rief er aus. »Verloren --« wiederholte er tonlos, während
plötzlich eine entsetzliche, unfaßbare Vermutung in ihm aufdämmerte.
»Ja«, sagte sie.
Ihm war es, als läge er im Fieber und habe ein entsetzliches
Traumgesicht. Aber nein: es war ja Wirklichkeit -- etwas Entsetzliches
mußte vorgefallen sein. Was immer auch: vor allem Klarheit, vollständige
Gewißheit! Er sagte daher sanft: »Laß diese rätselhaften Aussprüche,
Klothilde. Sage mir, was geschehen ist. Hörst du, Klothilde? Vertrau' es
mir an -- mir, deinem Gatten, der dich liebt -- so unsäglich liebt --«
Bei dem Ton dieser Stimme, bei der Berührung seiner Hand, die jetzt mit
aufmunterndem Kosen über ihre Schläfe und Wange strich, überkam sie ein
so gewaltiges Weh, daß ihr die Brust zerspringen wollte. Endlich brach
sie in einen Strom von Tränen aus.
Er ließ sie weinen. Dann brachte er seinen Mund dicht an ihr Ohr und
sagte weich und flüsternd: »Ich will dir zu Hilfe kommen. Sage mir:
hängt dein verzweifelter Zustand mit -- mit dem --«
Er vollendete nicht; denn ein rasches Aufschluchzen Klothildens sprach
deutlich genug.
Und nun, da er die Gewißheit hatte, um was es sich handelte, begann er
zu forschen, allmählich, mit äußerster Vorsicht und Zartheit. Aus den
leisen, kaum andeutenden Fragen, die er an sie richtete, aus halben
Worten, unterdrückten Gebärden, krampfhaftem Weinen erfuhr er, was sich
zugetragen -- und atmete auf.
»Armes Kind!« sagte er nach einer Pause, »armes Kind! -- Und weiß ich
jetzt alles?« setzte er leise hinzu.
Sie bejahte mit stummem Senken des Hauptes.
»Nun dann,« fuhr er fort, die Hand auf ihren Scheitel legend, »dann sei
ruhig. Denn es wird alles wieder gut werden.«
Sie fuhr mit halbem Leibe empor und blickte ihn mit schreckhaftem
Erstaunen an. »Das ist nicht möglich«, sagte sie tonlos.
»Warum nicht? Liebst du ihn denn?«
»Nein!« rief sie, die Arme vorstreckend. »Es war nur Schwäche --
entsetzliche Schwäche.«
»Nun,« erwiderte er, indem er sie jetzt mit sanfter Gewalt an sich zog,
»wenn du ihn nicht liebst, wenn du fühlst, daß deine Zuneigung für mich
die gleiche geblieben ist, dann ist ja auch alles wie früher.«
Sie sah ihn ausdruckslos an. »Es kann nicht wie früher sein. Denn du
mußt mich jetzt verachten, aufs tiefste verachten.«
»Verachten?« sagte er innig. »Nein, ich verachte dich nicht, ich _liebe_
dich! Und daher ist es auch jetzt meine Pflicht, dich dir selber
zurückzugeben.« Er war bei diesen Worten aufgestanden und schritt, ernst
vor sich hinblickend, in dem dämmerigen Raume auf und nieder.
Sie folgte ihm mit den Augen. Es war, als habe ein Hoffnungsstrahl in
ihrem verstörten Antlitz aufgeleuchtet. Plötzlich aber fragte sie
zitternd: »Was willst du tun?«
»Das ist meine Sache«, entgegnete er fest.
Sie sprang auf. Ein fürchterlicher Gedanke hatte sie durchzuckt. Es war
offenbar: er trug sich mit einer Herausforderung an den Grafen! So
pflegen ja die Männer mit der Ehre ihrer Frauen die eigene wieder
herzustellen! Mein Gott! Er wollte mit seinem Leben für sie einstehen --
für sie, die sich des Lebens nicht mehr wert fühlte!
»Nein,« rief sie, »das darfst du nicht! Du darfst es nicht!«
Er sah sie befremdet an; denn er verstand nicht gleich, was sie sagen
wollte. Erst der Ausdruck namenloser Angst, mit dem sie ihm jetzt
flehend die Arme entgegenstreckte, brachte ihn darauf.
»Besorge nichts«, entgegnete er mit ruhigem Lächeln. »Ich kämpfte nicht
mit solchen Waffen. -- Aber fasse dich jetzt, Klothilde. Es ist hohe
Zeit -- wir müssen nach dem Schlosse zurück. In _solchem_ Zustande darf
dich niemand sehen.«
Sie fühlte, daß er recht habe und daß sie ihm schuldig sei, äußere
Haltung zu bewahren. Instinktiv trat sie vor einen kleinen Spiegel, der
an der Wand hing, ordnete ihre Haare, benetzte ihre verweinten Augen aus
einem Glase, das halb mit Wasser gefüllt neben der Staffelei stand, und
frischte ihr Antlitz auf.
Er war auf sie zugetreten. »Sei guten Mutes, Klothilde«, sagte er, indem
er ihr den Arm bot. »Es wird bald alles wie ein böser Traum hinter uns
liegen.«
Sie versuchte ein schwaches Lächeln; dann gingen sie.