Seitdem wagte sie es nicht mehr, an ein Fenster zu treten. Sie
fürchtete, des Grafen ansichtig zu werden -- fürchtete es um so mehr,
als sie deutlich empfand, wie sehr sie dies eigentlich im Tiefsten ihrer
Seele wünsche. Hatte sie sich doch schon früher im Geiste mehr mit ihm
beschäftigt, als sie es vor sich selbst verantworten konnte. Seine hohe
Gestalt, das dunkle Feuer seiner Augen, sein gebräuntes, stolzes
Antlitz, von welchem das kurzgeschnittene blonde Haupthaar und der feine
rötliche Schnurrbart eigentümlich abstachen, schwebte ihr in jeder
einsamen Stunde vor und schlichen sich sogar nachts in ihre Träume. Wie
oft hatte sie sich auf dem sträflichen Wunsch ertappt, unter irgend
einem Vorwande das Zimmer ihrer Zofe zu betreten, weil sie zufällig
wahrgenommen, daß man von dort aus das kleine Amtshaus im Auge habe, wo
der Graf, ohne sich -- so schien es -- um irgend jemand zu kümmern, wie
meilenweit vom Schlosse entfernt lebte. Aber jetzt, nachdem er sie so
seltsam eindringlich, so rätselhaft vertraulich gegrüßt, hatte sie mit
einem Male die Überzeugung, daß auch er sich im Geiste mit ihr
beschäftigt habe, und fühlte sich nunmehr von den geheimnisvollen Fäden
seiner Gedanken umsponnen.
So lebte sie in beständiger, vor ihrem Gatten verhehlter Unruhe dahin,
die ihr um so qualvoller wurde, als ihr die Gelegenheit benommen war,
ihre frühere Lebensweise wieder aufzunehmen. Denn die junge Frau trug
jetzt eine seltsame Scheu, sich in den Park zu begeben; zudem herrschte
noch immer unfreundliches, veränderliches Wetter, und durch die Wipfel
wehte es feucht und kühl. Klothilde blieb daher auf ihre Zimmer
angewiesen und unternahm nur zuweilen am Nachmittage, tief in einem
halbgedeckten Wagen zurückgelehnt, mit ihrem Gatten eine kurze
Spazierfahrt.
Als aber jetzt wieder der Himmel blau, die Tage hell und sonnig geworden
waren und die leuchtende Glut des Juli über der Landschaft lag, da
begann Klothilde eine unendliche Sehnsucht nach ihrem trauten Asyl zu
empfinden. Sie glaubte zu fühlen, wie sich, wenn sie nur wieder einmal
an ihrer Staffelei oder mit einem Buche unter den lispelnden
Birkenwipfeln säße, alles Verwirrende und Beängstigende von ihr ablösen,
wie ein tiefer, wunschloser Friede in ihre Seele einziehen würde. Auch
die Gefahr, im Parke mit dem Grafen zusammenzutreffen, schien während
des Vormittags ausgeschlossen. Denn der ritt ja, wie sie in Erfahrung
gebracht, jetzt jeden Morgen mit seinen Dragonern fort, zu irgend
welchen größeren Übungen die, ziemlich weit vom Marktflecken entfernt,
auf freiem Felde, vorgenommen wurden. Dann blieb er auch gleich unten zu
Tisch und kehrte erst in den späteren Nachmittagsstunden nach Hause
zurück.
Sie setzte also eines Morgens nach dem Frühstück ihren Gartenhut auf.
»Ich gehe heute in den Park«, sagte sie auf einen fragenden Blick ihres
Gatten. »Zum erstenmal seit mehr als vierzehn Tagen. Du meinst doch
auch, daß ich -- --« setzte sie zögernd hinzu, da sie zu bemerken
glaubte, daß seine Stirn nicht ganz frei war.
»O gewiß, gewiß«, fiel er rasch ein. »Warum solltest du nicht? Es hat
mich ohnehin gewundert, daß du so lange hier oben ausgehalten hast«,
fügte er mit leichtem Scherze bei.
»Das Wetter war nicht sehr einladend. Außerdem begreifst du wohl --«
Er hatte sich erhoben und stand jetzt dicht neben ihr. »Ich begreife«,
sagte er leise. »Aber das wäre doch zu viel. Geh' nur, mein Kind«, fuhr
er fort, indem er sie sanft auf die Stirn küßte. »Vielleicht suche ich
dich später unten auf.«
Sie nahm ihren Sonnenschirm und schritt die Treppe hinab. Im Vorhause
warf sie einen scheuen Blick nach dem Hofe. Dort war alles still, wie
ausgestorben; denn die Dragoner waren weggeritten und noch nicht
zurückgekehrt. Nur eine Stallwache lungerte träg auf einer Bank.
Klothilde durchschritt jetzt einen schmalen Seitengang, öffnete eine
kleine Pforte -- und stand unmittelbar auf dem prangenden Parterre. Es
war die Zeit des Nelkenflors, und weiße Falter flatterten über diesen
würzigen Blumen, welche in allen Farbenschattierungen ihren heißen Duft
ausatmeten. Sie bückte sich, um eine von hellem, brennendem Rot zu
pflücken und steckte sie vor die Brust. Je tiefer sie jetzt in den Park
hineinschritt, desto beschwingter fühlte sie sich. Mit Entzücken sog sie
die warme und doch so erquickende Sommerluft ein, und strahlend glitt
ihr Blick über das vertraute Grün der alten Baumgruppen. Nun hatte sie
schon die Wiese, hatte das Tirolerhaus erreicht, dessen Tür sie mit
rascher Hand aufschloß. Und jetzt betrat sie die lieben, dämmerigen
Räume, in die, nachdem Türen und Fensterläden geöffnet waren, der helle
Tag hereinflutete. Ja, da stand und lag noch alles so, wie sie es vor
Wochen verlassen. Auf dem Tische die Bücher, dort die Staffelei mit der
nahezu vollendeten Landschaft; selbst die Blumen in der Vase, die
letzten, die sie unten auf der Wiese gepflückt, waren noch nicht
vollständig verwelkt. Unwillkürlich breitete die junge Frau wie zur
Begrüßung die Arme aus; dann fuhr sie mit beiden Händen leicht über die
Brust hinab, als wollte sie damit alles Belastende und Unreine, das noch
auf ihr lag, abstreifen. Hierauf ging sie daran, wie sie es stets
gewohnt war, einige Ordnung zu schaffen. Sie reihte die Bücher
aneinander, entfernte die Blumen aus der Vase, um sie später durch
andere zu ersetzen, und begann mit einem leichten Tuche, das sie einem
Schränklein entnommen, die feine Staubschicht wegzuwischen, die sich
über einzelne Gegenstände gebreitet hatte. Bei dieser Beschäftigung
überhörte sie ganz ein leises Trompetenklingen in der Ferne, welches
anzeigte, daß die Reiter von ihren Übungen nach dem Marktflecken
zurückkehrten.
Nun hatte sie bereits die Stühle zurechtgerückt und die Staffelei mit
allem Nötigen instand gesetzt. Aber mit der Arbeit wieder beginnen
konnte und mochte sie heute noch nicht. Sie wollte sich fürs erste ganz
und voll den seligen Empfindungen hingeben, welche hier -- o, sie hatte
es vorausgesehen! -- über sie gekommen waren. Ausgenießen wollte sie so
recht den fühlbaren Beginn wonniger Befreiung und sich dabei
hinüberträumen in das reine, ungetrübte Glück kommender Tage! So ging
sie wieder langsam hinunter und ließ sich auf die Bank nieder, wo sie so
gerne saß. Dort weilte sie jetzt, in ihr Innerstes versunken, während
die Zeit mit unmerklichem Flügelschlage an ihr vorüberzog ...
Endlich sah sie nach der kleinen Uhr, die sie im Gürtel trug. Es war
Mittag geworden. Sie aber hatte noch zwei volle Stunden vor sich, bis
die Tischglocke sie rief; auch würde ja noch früher ihr Gatte
erscheinen. Einstweilen konnte sie einen Rundgang um den Teich
unternehmen, der in nächster Nähe oberhalb des Tirolerhauses lag.
Klothilde liebte die ausgedehnte, von Schilf und Binsen durchsetzte
Wasserfläche, an deren Ufern Erlen und hohe Ulmen tiefe, schwermütige
Schatten verbreiteten. Kaum, daß sie dort sichtbar geworden, kamen
sogleich zwei Schwäne herangeschwommen, denn sie waren gewohnt, daß
ihnen die Schloßherrin hin und wieder Brot zuwarf. Heute aber war sie
mit leeren Händen gekommen, und die silberweißen Vögel begleiteten
fruchtlos ihre Schritte.
Nachdem Klothilde den Teich langsam umgangen hatte, lenkte sie halb
unbewußt ihre Schritte einem Hügel zu, welcher, künstlich angelegt und
von hohen Fichten bestanden, über die Umfassungsmauer des hier sein Ende
erreichenden Parkes emporragte. Ein schmaler Pfad wand sich durch das
Gehölz und führte nach dem Gipfel, der den Ausblick auf die
gegenüberliegenden Wälder und Höhenzüge eröffnete und auf welchem jetzt
Klothilde angelangt war. In demselben Augenblick jedoch prallte sie mit
einem halb unterdrückten Aufschrei zurück. Denn auf einer bequemen
Ruhebank, die dort oben angebracht war, saß der Graf, lässig
zurückgelehnt, eine Zigarre rauchend. Jetzt erhob er sich und sagte
lächelnd mit einer tiefen Verbeugung: »Sie erschrecken ja, gnädigste
Chatelaine, als wäre ich eine Schlange, auf die Sie treten könnten.«
Alles Blut war aus ihrem Antlitz gewichen. Sie stand vor ihm in blasser
Schönheit, sich mit der Rechten an einem Fichtenstamm haltend, denn es
war ihr, als müßte sie umsinken.
»Ich kann nur bedauern,« fuhr er, die Zigarre wegschleudernd, fort, »daß
Ihnen mein Anblick solches Entsetzen eingeflößt hat. Aber fassen Sie
sich doch!« Er trat auf sie zu, wie um sie zu stützen.
Sie machte eine abwehrende Bewegung und sagte mit bebender Stimme:
»Verzeihen Sie, ich war so gar nicht vorbereitet, daß jemand --«
»Hier sitzen könnte?« erwiderte er mit leichter Ironie. »Fühlen Sie sich
denn gar so sicher in dieser Einsamkeit? Früher mag dies wohl der Fall
gewesen sein -- aber jetzt kann es immerhin Leute geben, die Ihnen
auflauern. Zum Beispiel ich. Ich habe es schon gestern getan -- und
heute gehe ich seit einer Stunde im Park umher.«
»Ich habe Sie nicht bemerkt.«
»Das weiß ich. Sie saßen so in Gedanken vertieft dort unten vor dem
kleinen Hause. Auch habe ich mich ziemlich gedeckt gehalten und bin sehr
leise aufgetreten. -- Aber Sie wollten sich jetzt gewiß hier
niederlassen?« setzte er hinzu, indem er mit einer einladenden
Handbewegung nach der Bank wies.
»O nein«, versetzte sie rasch. »Ich dachte nicht daran, hier zu
verweilen -- es war ein bloßer Zufall, daß ich -- --«
»Der Zufall ist nichts anderes, als geheimnisvolle Notwendigkeit«, sagte
er. »Ich wollte sie vorhin nicht stören; als ich aber, meinen Weg
fortsetzend, diese Stelle entdeckt hatte, da dachte ich, wie schön es
wäre, wenn Sie sich hier einfinden würden. Und so war es mein lebhafter
Wunsch, der Sie, ohne daß Sie es gewollt, hieher geführt.« Er hatte sich
bei diesen Worten leicht zu ihr hingebeugt und sah sie mit seinen
dunklen Augen eindringlich an.
Sie wußte nicht, was sie erwidern sollte, und fühlte nur, wie ihr eine
heiße Glut ins Antlitz stieg.
»Ja,« fuhr er fort, seine Stimme zu schmeichelndem Flüstern dämpfend,
»ja, schöne Chatelaine, ich habe nicht bloß gestern und heute -- ich
habe stets an Sie gedacht, seit ich Sie zum erstenmal gesehen. Und schon
damals hab' ich erkannt, daß wir uns finden würden.«
Sie rang nach Atem. Da war es ja, da hatte er ausgesprochen, was sie
geahnt, was sie gefürchtet! Und _sie_ -- o Gott! -- sie stand da,
ratlos, hilflos -- und fand kein Wort der Entgegnung, der
Zurechtweisung. Was konnte -- was mußte er von ihr denken?
»Und nicht wahr?« setzte er hinzu, »wir haben uns gefunden -- werden uns
wiederfinden --«
Er hatte bei diesen Worten mit seiner nervigen, aber feinen Hand, an der
ein kostbarer Siegelring glänzte, ihre bebenden Finger erfaßt und einen
Arm um ihren Leib gelegt. Sie wollte sich ihm entziehen, ihn
zurückstoßen -- aber sie vermochte es nicht. Ihre Kniee wankten, die
Sinne drohten ihr zu vergehen.
»O, du liebst mich!« lispelte er, indem er versuchte, ihren bleichen,
abgewandten Mund zu küssen, »nicht wahr, du liebst mich?« Und da sie
verzweiflungsvoll widerstrebte, fuhr er fort: »Kommen Sie, lassen Sie
uns hier bleiben an diesem trauten, verschwiegenen Ort!« Er suchte sie
mit Gewalt nach der Ruhebank zu lenken. »Hier stört uns niemand -- --«
Diese Worte brachten sie zur Besinnung. Denn wie ein Blitz hatte sie
dabei der Gedanke an ihren Gatten durchzuckt. Wenn er mittlerweile in
den Park gekommen wäre -- und sie nun suchte!
Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, sich aus den Armen des Grafen
loszumachen, der seine Lippen in ihr Haar gepreßt hatte; aber er
umklammerte sie nur um so fester. Als er jedoch in ihren Zügen den
Ausdruck der entsetzlichen Angst gewahrte, mit welcher sie von dem Hügel
fortstrebte, fragte er betroffen: »Warum wollen Sie fliehen? -- Wohin
wollen Sie, Klothilde?«
Sie deutete in kraftloser Verstörung nach dem Tirolerhause hinunter.
»Dorthin?! Warum?«
»Ich erwarte --« Mehr konnte sie nicht hervorbringen.
»Wen? Wen erwarten Sie?« drängte er, ohne sie völlig loszulassen. Und da
sie nicht mehr antwortete, setzte er hinzu: »Ihren Gatten?«
Sie ließ bejahend das Haupt sinken.
Nun gab er sie langsam frei. »Das ist freilich fatal«, sagte er mit
unterdrücktem Ärger. »Er darf uns nicht beisammen finden. Am
allerwenigsten hier. Aber ich komme morgen -- komme jeden Tag wieder. Um
dieselbe Stunde --«
Sie hörte ihn nicht mehr. Sie strich mit beiden Händen über ihr
losgegangenes Haar und taumelte die Höhe hinunter.
Er aber blieb eine Weile aufrecht stehen und blickte verdrossen in die
Gegend hinaus. Dann schüttelte er den Kopf und entfernte sich mit
vorsichtigen Schritten.