V.

Seitdem wagte sie es nicht mehr, an ein Fenster zu treten. Sie

fürchtete, des Grafen ansichtig zu werden -- fürchtete es um so mehr,

als sie deutlich empfand, wie sehr sie dies eigentlich im Tiefsten ihrer

Seele wünsche. Hatte sie sich doch schon früher im Geiste mehr mit ihm

beschäftigt, als sie es vor sich selbst verantworten konnte. Seine hohe

Gestalt, das dunkle Feuer seiner Augen, sein gebräuntes, stolzes

Antlitz, von welchem das kurzgeschnittene blonde Haupthaar und der feine

rötliche Schnurrbart eigentümlich abstachen, schwebte ihr in jeder

einsamen Stunde vor und schlichen sich sogar nachts in ihre Träume. Wie

oft hatte sie sich auf dem sträflichen Wunsch ertappt, unter irgend

einem Vorwande das Zimmer ihrer Zofe zu betreten, weil sie zufällig

wahrgenommen, daß man von dort aus das kleine Amtshaus im Auge habe, wo

der Graf, ohne sich -- so schien es -- um irgend jemand zu kümmern, wie

meilenweit vom Schlosse entfernt lebte. Aber jetzt, nachdem er sie so

seltsam eindringlich, so rätselhaft vertraulich gegrüßt, hatte sie mit

einem Male die Überzeugung, daß auch er sich im Geiste mit ihr

beschäftigt habe, und fühlte sich nunmehr von den geheimnisvollen Fäden

seiner Gedanken umsponnen.

So lebte sie in beständiger, vor ihrem Gatten verhehlter Unruhe dahin,

die ihr um so qualvoller wurde, als ihr die Gelegenheit benommen war,

ihre frühere Lebensweise wieder aufzunehmen. Denn die junge Frau trug

jetzt eine seltsame Scheu, sich in den Park zu begeben; zudem herrschte

noch immer unfreundliches, veränderliches Wetter, und durch die Wipfel

wehte es feucht und kühl. Klothilde blieb daher auf ihre Zimmer

angewiesen und unternahm nur zuweilen am Nachmittage, tief in einem

halbgedeckten Wagen zurückgelehnt, mit ihrem Gatten eine kurze

Spazierfahrt.

Als aber jetzt wieder der Himmel blau, die Tage hell und sonnig geworden

waren und die leuchtende Glut des Juli über der Landschaft lag, da

begann Klothilde eine unendliche Sehnsucht nach ihrem trauten Asyl zu

empfinden. Sie glaubte zu fühlen, wie sich, wenn sie nur wieder einmal

an ihrer Staffelei oder mit einem Buche unter den lispelnden

Birkenwipfeln säße, alles Verwirrende und Beängstigende von ihr ablösen,

wie ein tiefer, wunschloser Friede in ihre Seele einziehen würde. Auch

die Gefahr, im Parke mit dem Grafen zusammenzutreffen, schien während

des Vormittags ausgeschlossen. Denn der ritt ja, wie sie in Erfahrung

gebracht, jetzt jeden Morgen mit seinen Dragonern fort, zu irgend

welchen größeren Übungen die, ziemlich weit vom Marktflecken entfernt,

auf freiem Felde, vorgenommen wurden. Dann blieb er auch gleich unten zu

Tisch und kehrte erst in den späteren Nachmittagsstunden nach Hause

zurück.

Sie setzte also eines Morgens nach dem Frühstück ihren Gartenhut auf.

»Ich gehe heute in den Park«, sagte sie auf einen fragenden Blick ihres

Gatten. »Zum erstenmal seit mehr als vierzehn Tagen. Du meinst doch

auch, daß ich -- --« setzte sie zögernd hinzu, da sie zu bemerken

glaubte, daß seine Stirn nicht ganz frei war.

»O gewiß, gewiß«, fiel er rasch ein. »Warum solltest du nicht? Es hat

mich ohnehin gewundert, daß du so lange hier oben ausgehalten hast«,

fügte er mit leichtem Scherze bei.

»Das Wetter war nicht sehr einladend. Außerdem begreifst du wohl --«

Er hatte sich erhoben und stand jetzt dicht neben ihr. »Ich begreife«,

sagte er leise. »Aber das wäre doch zu viel. Geh' nur, mein Kind«, fuhr

er fort, indem er sie sanft auf die Stirn küßte. »Vielleicht suche ich

dich später unten auf.«

Sie nahm ihren Sonnenschirm und schritt die Treppe hinab. Im Vorhause

warf sie einen scheuen Blick nach dem Hofe. Dort war alles still, wie

ausgestorben; denn die Dragoner waren weggeritten und noch nicht

zurückgekehrt. Nur eine Stallwache lungerte träg auf einer Bank.

Klothilde durchschritt jetzt einen schmalen Seitengang, öffnete eine

kleine Pforte -- und stand unmittelbar auf dem prangenden Parterre. Es

war die Zeit des Nelkenflors, und weiße Falter flatterten über diesen

würzigen Blumen, welche in allen Farbenschattierungen ihren heißen Duft

ausatmeten. Sie bückte sich, um eine von hellem, brennendem Rot zu

pflücken und steckte sie vor die Brust. Je tiefer sie jetzt in den Park

hineinschritt, desto beschwingter fühlte sie sich. Mit Entzücken sog sie

die warme und doch so erquickende Sommerluft ein, und strahlend glitt

ihr Blick über das vertraute Grün der alten Baumgruppen. Nun hatte sie

schon die Wiese, hatte das Tirolerhaus erreicht, dessen Tür sie mit

rascher Hand aufschloß. Und jetzt betrat sie die lieben, dämmerigen

Räume, in die, nachdem Türen und Fensterläden geöffnet waren, der helle

Tag hereinflutete. Ja, da stand und lag noch alles so, wie sie es vor

Wochen verlassen. Auf dem Tische die Bücher, dort die Staffelei mit der

nahezu vollendeten Landschaft; selbst die Blumen in der Vase, die

letzten, die sie unten auf der Wiese gepflückt, waren noch nicht

vollständig verwelkt. Unwillkürlich breitete die junge Frau wie zur

Begrüßung die Arme aus; dann fuhr sie mit beiden Händen leicht über die

Brust hinab, als wollte sie damit alles Belastende und Unreine, das noch

auf ihr lag, abstreifen. Hierauf ging sie daran, wie sie es stets

gewohnt war, einige Ordnung zu schaffen. Sie reihte die Bücher

aneinander, entfernte die Blumen aus der Vase, um sie später durch

andere zu ersetzen, und begann mit einem leichten Tuche, das sie einem

Schränklein entnommen, die feine Staubschicht wegzuwischen, die sich

über einzelne Gegenstände gebreitet hatte. Bei dieser Beschäftigung

überhörte sie ganz ein leises Trompetenklingen in der Ferne, welches

anzeigte, daß die Reiter von ihren Übungen nach dem Marktflecken

zurückkehrten.

Nun hatte sie bereits die Stühle zurechtgerückt und die Staffelei mit

allem Nötigen instand gesetzt. Aber mit der Arbeit wieder beginnen

konnte und mochte sie heute noch nicht. Sie wollte sich fürs erste ganz

und voll den seligen Empfindungen hingeben, welche hier -- o, sie hatte

es vorausgesehen! -- über sie gekommen waren. Ausgenießen wollte sie so

recht den fühlbaren Beginn wonniger Befreiung und sich dabei

hinüberträumen in das reine, ungetrübte Glück kommender Tage! So ging

sie wieder langsam hinunter und ließ sich auf die Bank nieder, wo sie so

gerne saß. Dort weilte sie jetzt, in ihr Innerstes versunken, während

die Zeit mit unmerklichem Flügelschlage an ihr vorüberzog ...

Endlich sah sie nach der kleinen Uhr, die sie im Gürtel trug. Es war

Mittag geworden. Sie aber hatte noch zwei volle Stunden vor sich, bis

die Tischglocke sie rief; auch würde ja noch früher ihr Gatte

erscheinen. Einstweilen konnte sie einen Rundgang um den Teich

unternehmen, der in nächster Nähe oberhalb des Tirolerhauses lag.

Klothilde liebte die ausgedehnte, von Schilf und Binsen durchsetzte

Wasserfläche, an deren Ufern Erlen und hohe Ulmen tiefe, schwermütige

Schatten verbreiteten. Kaum, daß sie dort sichtbar geworden, kamen

sogleich zwei Schwäne herangeschwommen, denn sie waren gewohnt, daß

ihnen die Schloßherrin hin und wieder Brot zuwarf. Heute aber war sie

mit leeren Händen gekommen, und die silberweißen Vögel begleiteten

fruchtlos ihre Schritte.

Nachdem Klothilde den Teich langsam umgangen hatte, lenkte sie halb

unbewußt ihre Schritte einem Hügel zu, welcher, künstlich angelegt und

von hohen Fichten bestanden, über die Umfassungsmauer des hier sein Ende

erreichenden Parkes emporragte. Ein schmaler Pfad wand sich durch das

Gehölz und führte nach dem Gipfel, der den Ausblick auf die

gegenüberliegenden Wälder und Höhenzüge eröffnete und auf welchem jetzt

Klothilde angelangt war. In demselben Augenblick jedoch prallte sie mit

einem halb unterdrückten Aufschrei zurück. Denn auf einer bequemen

Ruhebank, die dort oben angebracht war, saß der Graf, lässig

zurückgelehnt, eine Zigarre rauchend. Jetzt erhob er sich und sagte

lächelnd mit einer tiefen Verbeugung: »Sie erschrecken ja, gnädigste

Chatelaine, als wäre ich eine Schlange, auf die Sie treten könnten.«

Alles Blut war aus ihrem Antlitz gewichen. Sie stand vor ihm in blasser

Schönheit, sich mit der Rechten an einem Fichtenstamm haltend, denn es

war ihr, als müßte sie umsinken.

»Ich kann nur bedauern,« fuhr er, die Zigarre wegschleudernd, fort, »daß

Ihnen mein Anblick solches Entsetzen eingeflößt hat. Aber fassen Sie

sich doch!« Er trat auf sie zu, wie um sie zu stützen.

Sie machte eine abwehrende Bewegung und sagte mit bebender Stimme:

»Verzeihen Sie, ich war so gar nicht vorbereitet, daß jemand --«

»Hier sitzen könnte?« erwiderte er mit leichter Ironie. »Fühlen Sie sich

denn gar so sicher in dieser Einsamkeit? Früher mag dies wohl der Fall

gewesen sein -- aber jetzt kann es immerhin Leute geben, die Ihnen

auflauern. Zum Beispiel ich. Ich habe es schon gestern getan -- und

heute gehe ich seit einer Stunde im Park umher.«

»Ich habe Sie nicht bemerkt.«

»Das weiß ich. Sie saßen so in Gedanken vertieft dort unten vor dem

kleinen Hause. Auch habe ich mich ziemlich gedeckt gehalten und bin sehr

leise aufgetreten. -- Aber Sie wollten sich jetzt gewiß hier

niederlassen?« setzte er hinzu, indem er mit einer einladenden

Handbewegung nach der Bank wies.

»O nein«, versetzte sie rasch. »Ich dachte nicht daran, hier zu

verweilen -- es war ein bloßer Zufall, daß ich -- --«

»Der Zufall ist nichts anderes, als geheimnisvolle Notwendigkeit«, sagte

er. »Ich wollte sie vorhin nicht stören; als ich aber, meinen Weg

fortsetzend, diese Stelle entdeckt hatte, da dachte ich, wie schön es

wäre, wenn Sie sich hier einfinden würden. Und so war es mein lebhafter

Wunsch, der Sie, ohne daß Sie es gewollt, hieher geführt.« Er hatte sich

bei diesen Worten leicht zu ihr hingebeugt und sah sie mit seinen

dunklen Augen eindringlich an.

Sie wußte nicht, was sie erwidern sollte, und fühlte nur, wie ihr eine

heiße Glut ins Antlitz stieg.

»Ja,« fuhr er fort, seine Stimme zu schmeichelndem Flüstern dämpfend,

»ja, schöne Chatelaine, ich habe nicht bloß gestern und heute -- ich

habe stets an Sie gedacht, seit ich Sie zum erstenmal gesehen. Und schon

damals hab' ich erkannt, daß wir uns finden würden.«

Sie rang nach Atem. Da war es ja, da hatte er ausgesprochen, was sie

geahnt, was sie gefürchtet! Und _sie_ -- o Gott! -- sie stand da,

ratlos, hilflos -- und fand kein Wort der Entgegnung, der

Zurechtweisung. Was konnte -- was mußte er von ihr denken?

»Und nicht wahr?« setzte er hinzu, »wir haben uns gefunden -- werden uns

wiederfinden --«

Er hatte bei diesen Worten mit seiner nervigen, aber feinen Hand, an der

ein kostbarer Siegelring glänzte, ihre bebenden Finger erfaßt und einen

Arm um ihren Leib gelegt. Sie wollte sich ihm entziehen, ihn

zurückstoßen -- aber sie vermochte es nicht. Ihre Kniee wankten, die

Sinne drohten ihr zu vergehen.

»O, du liebst mich!« lispelte er, indem er versuchte, ihren bleichen,

abgewandten Mund zu küssen, »nicht wahr, du liebst mich?« Und da sie

verzweiflungsvoll widerstrebte, fuhr er fort: »Kommen Sie, lassen Sie

uns hier bleiben an diesem trauten, verschwiegenen Ort!« Er suchte sie

mit Gewalt nach der Ruhebank zu lenken. »Hier stört uns niemand -- --«

Diese Worte brachten sie zur Besinnung. Denn wie ein Blitz hatte sie

dabei der Gedanke an ihren Gatten durchzuckt. Wenn er mittlerweile in

den Park gekommen wäre -- und sie nun suchte!

Sie machte eine gewaltsame Anstrengung, sich aus den Armen des Grafen

loszumachen, der seine Lippen in ihr Haar gepreßt hatte; aber er

umklammerte sie nur um so fester. Als er jedoch in ihren Zügen den

Ausdruck der entsetzlichen Angst gewahrte, mit welcher sie von dem Hügel

fortstrebte, fragte er betroffen: »Warum wollen Sie fliehen? -- Wohin

wollen Sie, Klothilde?«

Sie deutete in kraftloser Verstörung nach dem Tirolerhause hinunter.

»Dorthin?! Warum?«

»Ich erwarte --« Mehr konnte sie nicht hervorbringen.

»Wen? Wen erwarten Sie?« drängte er, ohne sie völlig loszulassen. Und da

sie nicht mehr antwortete, setzte er hinzu: »Ihren Gatten?«

Sie ließ bejahend das Haupt sinken.

Nun gab er sie langsam frei. »Das ist freilich fatal«, sagte er mit

unterdrücktem Ärger. »Er darf uns nicht beisammen finden. Am

allerwenigsten hier. Aber ich komme morgen -- komme jeden Tag wieder. Um

dieselbe Stunde --«

Sie hörte ihn nicht mehr. Sie strich mit beiden Händen über ihr

losgegangenes Haar und taumelte die Höhe hinunter.

Er aber blieb eine Weile aufrecht stehen und blickte verdrossen in die

Gegend hinaus. Dann schüttelte er den Kopf und entfernte sich mit

vorsichtigen Schritten.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 46 / 53 题