Die Äußerung, welche der gräfliche Rittmeister über seine Leute getan,
bewahrheitete sich. Sie enthielten sich, wie man sah, ohne besonderes
Verbot alles überflüssigen Lärmens und gingen in meist wortloser, etwas
melancholischer Gleichmäßigkeit ihren Verrichtungen nach. Waren diese
abgetan, so streckten sie sich auf ihr Strohlager hin oder saßen
rauchend auf den langen Bänken, die an der Stallmauer angebracht waren;
manchmal gingen sie des Abends paarweise oder in Gruppen in den Ort
hinunter, um aber in der Regel lange vor dem Erklingen der Retraite
wieder heimzukehren. Selbst um das schöne Geschlecht im Schlosse
kümmerten sie sich äußerst wenig, und die Mägde machten sich ganz unnütz
öfter als sonst bei dem Auslaufbrunnen zu tun, der zwischen der Küche
und dem Stalle sein Wasser versprudelte. Hin und wieder näherte sich
wohl der eine oder der andere von den Reitern mit einem tschechischen
Scherzworte, das aber die guten Wiener Kinder (selbst die Eingeborenen
sprachen nur deutsch) nicht verstanden, oder half ihnen mit
ungeschlachter Galanterie Eimer und Krüge aufnehmen; weiter aber kam es
nicht, da man zu keinem Gedanken- und Gefühlsaustausche gelangen konnte.
Nur der Wachtmeister, ein behäbiger, auf seinen struppigen, künstlich
verlängerten Schnurrbart sehr stolzer Mann, schien in dieser Hinsicht
unternehmender sein zu wollen. Er hatte es aber, wiewohl er bisweilen
auch in der Küche herumschnüffelte und schäkerte, im Bewußtsein seiner
Würde mehr auf das niedliche Kammerkätzchen abgesehen, das nun ebenfalls
öfter, als gerade notwendig war, durch den Hof huschte. _Diese_
Franziska jedoch (eigentlich wurde sie Fanny genannt) fand _diesen_
Werner (zufällig führte der Wachtmeister in der Tat diesen Namen)
keineswegs nach ihrem Geschmacke; auch _sie_ strebte nach Höherem, und
ein schmucker Leutnant wäre ihr gerade recht gewesen. Obzwar nun ein
solcher fehlte -- und der Herr Graf unnahbar schien, so hatte sie
dennoch für den ältlichen Galan nur ein herablassendes Kopfnicken oder
höchstens ein paar schnippische Worte in Bereitschaft.
So geschah es, daß schon in kürzester Zeit fast das frühere stille Leben
im Schlosse herrschte und die Reiter, deren Erscheinen so viele
Aufregung hervorgebracht hatte, kaum mehr beachtet wurden. Nur wenn sie
die Pferde gesattelt aus dem Stalle zogen, aufsaßen und unter dem
Kommando des Wachtmeisters, der mit einer langen Peitsche mitten in dem
Rund des Hofes stand, Schule ritten, da gab es immerhin ein Schauspiel,
dem man nicht ungern zusah, und welches bisweilen auch der Rittmeister
vom Fenster seiner Wohnung aus, einen kurzen Tschibuk rauchend,
beobachtete.
Eines Tages hatten sich der Freiherr und seine Gemahlin in einen
galerieartigen Raum begeben in dessen Mitte ein Billard stand, um sich
von dort aus, da die Fenster nach dem Hofe gingen, gleichfalls das
Traben und Galoppieren mit anzusehen. Es gab diesmal einige besonders
widerspenstige Pferde, und der Wachtmeister fand Gelegenheit, seine
Peitsche eindringlich spielen zu lassen, wobei nicht selten die im
Sattel wankenden Reiter mitgetroffen wurden.
Der Freiherr hatte sich bald wieder entfernt; Klothilde aber war noch am
Fenster zurückgeblieben, und sah jetzt, wie sich die Leute zum Abritt
anschickten. Inzwischen jedoch war ein prachtvolles, isabellfarbiges
Pferd, leicht aufgezäumt, aus dem Stalle gezogen und vor das Wohnhaus
des Rittmeisters gelenkt worden. Und gleich darauf trat dieser aus der
Tür, in Mütze und Reitjacke, eine Gerte in der Hand.
Bei seinem Anblick trat Klothilde erschrocken vom Fenster zurück. Ihr
erster Antrieb war, aus dem Zimmer zu fliehen; aber sie fühlte sich
unwiderstehlich gefesselt. Mit leichtem Zittern trat sie hinter einen
der schweren Halbvorhänge und blickte, so sich verborgen glaubend,
wieder in den Hof hinab, während sich der Graf eben in den Sattel
schwang. Es kostete ihm einige Mühe, denn das edle Tier war voll
nervöser Unruhe. Es trat, aufgeregt schnaubend, beständig zur Seite und
versuchte endlich mit den Vorderfüßen in die Luft zu steigen, von dem
Stallknechte nur mit Anwendung aller Kraft niedergehalten. Endlich saß
der Reiter oben und tätschelte liebkosend den glänzenden, mit einer
langen, fast weißen Mähne gezierten Hals des Tieres, das ihn aber noch
immer nicht auf sich dulden wollte. Es bäumte sich hoch auf, schüttelte
den Kopf und war nicht nach vorwärts zu bewegen, vielmehr trat es jetzt,
durch Schenkeldruck und stachelnde Sporen gepeinigt, einen Rückgang im
Kreise an, so daß der Wachtmeister, der sich inzwischen genähert hatte,
schon seine Peitsche entrollen wollte. Der Graf aber winkte unwillig ab
und ließ dem Pferde seinen Willen. In dem Augenblick jedoch, als er in
Gefahr kam, an die Mauer gedrückt zu werden, versetzte er ihm, nach
rückwärts ausholend, solch wuchtige Gertenhiebe, daß es mit einem Male
einige rasche Sätze nach vorwärts tat -- und zwar quer über den Hof, in
das Wiesenrondell hinein, das einen kleinen flachen Zierteich umgab.
Dort aber riß er es -- sich weit zurücklehnend -- so mächtig herum,
peitschte ihm derart die Flanke, daß es unwillkürlich in den gebahnten
Weg einbog, wo es, am ganzen Leibe zitternd, stillestand. Nun neigte
sich der Graf wieder schmeichelnd zu seinem Halse nieder und langte aus
der Tasche eine Hand voll Zuckerstücke, die er mit vorgestrecktem Arm
dem Pferde anbot. Dieses blähte die Nüstern und betastete mit den Lippen
zurückhaltend die gebotene Süßigkeit, die es zuletzt doch mit wachsendem
Behagen zwischen dem schäumenden Gebisse zermalmte. Nun erhielt es
leichten Schenkeldruck und schmeichelnden Zuruf; noch widerstrebte es --
aber allmählich setzte es sich in Gang, immer williger, immer freier,
immer leichter, bis es zuletzt mit flüchtigen, weitausgreifenden Hufen,
den Kopf anmutig auf und niederbewegend, in der Runde dahinflog.
Mit klopfendem Herzen und wachsender Erregung hatte Klothilde diesen
Vorgängen zugesehen. Sei es nun, daß sie dabei unbewußt aus dem
schützenden Verstecke getreten war, sei es, daß dieses sich überhaupt
nicht genügend erwies, die junge Frau mußte von unten jedenfalls zu
erblicken gewesen sein. Denn als jetzt der Graf im Bogen wieder an dem
Schlosse vorbeikam, sah er rasch empor und brachte, sich im Sattel
verneigend, mit eigentümlichem Lächeln einen zwar höchst ehrerbietigen
-- und doch nicht minder vertraulichen Gruß dar.
Ohne ihn zu erwidern, trat Klothilde erbleichend zurück und floh auf ihr
Zimmer.