IV.

Die Äußerung, welche der gräfliche Rittmeister über seine Leute getan,

bewahrheitete sich. Sie enthielten sich, wie man sah, ohne besonderes

Verbot alles überflüssigen Lärmens und gingen in meist wortloser, etwas

melancholischer Gleichmäßigkeit ihren Verrichtungen nach. Waren diese

abgetan, so streckten sie sich auf ihr Strohlager hin oder saßen

rauchend auf den langen Bänken, die an der Stallmauer angebracht waren;

manchmal gingen sie des Abends paarweise oder in Gruppen in den Ort

hinunter, um aber in der Regel lange vor dem Erklingen der Retraite

wieder heimzukehren. Selbst um das schöne Geschlecht im Schlosse

kümmerten sie sich äußerst wenig, und die Mägde machten sich ganz unnütz

öfter als sonst bei dem Auslaufbrunnen zu tun, der zwischen der Küche

und dem Stalle sein Wasser versprudelte. Hin und wieder näherte sich

wohl der eine oder der andere von den Reitern mit einem tschechischen

Scherzworte, das aber die guten Wiener Kinder (selbst die Eingeborenen

sprachen nur deutsch) nicht verstanden, oder half ihnen mit

ungeschlachter Galanterie Eimer und Krüge aufnehmen; weiter aber kam es

nicht, da man zu keinem Gedanken- und Gefühlsaustausche gelangen konnte.

Nur der Wachtmeister, ein behäbiger, auf seinen struppigen, künstlich

verlängerten Schnurrbart sehr stolzer Mann, schien in dieser Hinsicht

unternehmender sein zu wollen. Er hatte es aber, wiewohl er bisweilen

auch in der Küche herumschnüffelte und schäkerte, im Bewußtsein seiner

Würde mehr auf das niedliche Kammerkätzchen abgesehen, das nun ebenfalls

öfter, als gerade notwendig war, durch den Hof huschte. _Diese_

Franziska jedoch (eigentlich wurde sie Fanny genannt) fand _diesen_

Werner (zufällig führte der Wachtmeister in der Tat diesen Namen)

keineswegs nach ihrem Geschmacke; auch _sie_ strebte nach Höherem, und

ein schmucker Leutnant wäre ihr gerade recht gewesen. Obzwar nun ein

solcher fehlte -- und der Herr Graf unnahbar schien, so hatte sie

dennoch für den ältlichen Galan nur ein herablassendes Kopfnicken oder

höchstens ein paar schnippische Worte in Bereitschaft.

So geschah es, daß schon in kürzester Zeit fast das frühere stille Leben

im Schlosse herrschte und die Reiter, deren Erscheinen so viele

Aufregung hervorgebracht hatte, kaum mehr beachtet wurden. Nur wenn sie

die Pferde gesattelt aus dem Stalle zogen, aufsaßen und unter dem

Kommando des Wachtmeisters, der mit einer langen Peitsche mitten in dem

Rund des Hofes stand, Schule ritten, da gab es immerhin ein Schauspiel,

dem man nicht ungern zusah, und welches bisweilen auch der Rittmeister

vom Fenster seiner Wohnung aus, einen kurzen Tschibuk rauchend,

beobachtete.

Eines Tages hatten sich der Freiherr und seine Gemahlin in einen

galerieartigen Raum begeben in dessen Mitte ein Billard stand, um sich

von dort aus, da die Fenster nach dem Hofe gingen, gleichfalls das

Traben und Galoppieren mit anzusehen. Es gab diesmal einige besonders

widerspenstige Pferde, und der Wachtmeister fand Gelegenheit, seine

Peitsche eindringlich spielen zu lassen, wobei nicht selten die im

Sattel wankenden Reiter mitgetroffen wurden.

Der Freiherr hatte sich bald wieder entfernt; Klothilde aber war noch am

Fenster zurückgeblieben, und sah jetzt, wie sich die Leute zum Abritt

anschickten. Inzwischen jedoch war ein prachtvolles, isabellfarbiges

Pferd, leicht aufgezäumt, aus dem Stalle gezogen und vor das Wohnhaus

des Rittmeisters gelenkt worden. Und gleich darauf trat dieser aus der

Tür, in Mütze und Reitjacke, eine Gerte in der Hand.

Bei seinem Anblick trat Klothilde erschrocken vom Fenster zurück. Ihr

erster Antrieb war, aus dem Zimmer zu fliehen; aber sie fühlte sich

unwiderstehlich gefesselt. Mit leichtem Zittern trat sie hinter einen

der schweren Halbvorhänge und blickte, so sich verborgen glaubend,

wieder in den Hof hinab, während sich der Graf eben in den Sattel

schwang. Es kostete ihm einige Mühe, denn das edle Tier war voll

nervöser Unruhe. Es trat, aufgeregt schnaubend, beständig zur Seite und

versuchte endlich mit den Vorderfüßen in die Luft zu steigen, von dem

Stallknechte nur mit Anwendung aller Kraft niedergehalten. Endlich saß

der Reiter oben und tätschelte liebkosend den glänzenden, mit einer

langen, fast weißen Mähne gezierten Hals des Tieres, das ihn aber noch

immer nicht auf sich dulden wollte. Es bäumte sich hoch auf, schüttelte

den Kopf und war nicht nach vorwärts zu bewegen, vielmehr trat es jetzt,

durch Schenkeldruck und stachelnde Sporen gepeinigt, einen Rückgang im

Kreise an, so daß der Wachtmeister, der sich inzwischen genähert hatte,

schon seine Peitsche entrollen wollte. Der Graf aber winkte unwillig ab

und ließ dem Pferde seinen Willen. In dem Augenblick jedoch, als er in

Gefahr kam, an die Mauer gedrückt zu werden, versetzte er ihm, nach

rückwärts ausholend, solch wuchtige Gertenhiebe, daß es mit einem Male

einige rasche Sätze nach vorwärts tat -- und zwar quer über den Hof, in

das Wiesenrondell hinein, das einen kleinen flachen Zierteich umgab.

Dort aber riß er es -- sich weit zurücklehnend -- so mächtig herum,

peitschte ihm derart die Flanke, daß es unwillkürlich in den gebahnten

Weg einbog, wo es, am ganzen Leibe zitternd, stillestand. Nun neigte

sich der Graf wieder schmeichelnd zu seinem Halse nieder und langte aus

der Tasche eine Hand voll Zuckerstücke, die er mit vorgestrecktem Arm

dem Pferde anbot. Dieses blähte die Nüstern und betastete mit den Lippen

zurückhaltend die gebotene Süßigkeit, die es zuletzt doch mit wachsendem

Behagen zwischen dem schäumenden Gebisse zermalmte. Nun erhielt es

leichten Schenkeldruck und schmeichelnden Zuruf; noch widerstrebte es --

aber allmählich setzte es sich in Gang, immer williger, immer freier,

immer leichter, bis es zuletzt mit flüchtigen, weitausgreifenden Hufen,

den Kopf anmutig auf und niederbewegend, in der Runde dahinflog.

Mit klopfendem Herzen und wachsender Erregung hatte Klothilde diesen

Vorgängen zugesehen. Sei es nun, daß sie dabei unbewußt aus dem

schützenden Verstecke getreten war, sei es, daß dieses sich überhaupt

nicht genügend erwies, die junge Frau mußte von unten jedenfalls zu

erblicken gewesen sein. Denn als jetzt der Graf im Bogen wieder an dem

Schlosse vorbeikam, sah er rasch empor und brachte, sich im Sattel

verneigend, mit eigentümlichem Lächeln einen zwar höchst ehrerbietigen

-- und doch nicht minder vertraulichen Gruß dar.

Ohne ihn zu erwidern, trat Klothilde erbleichend zurück und floh auf ihr

Zimmer.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 45 / 53 题