Dem nächtlichen Gewitter war kein heiterer Morgen gefolgt. Ein rauher
Nordwind sauste noch immer durch die Wipfel und trieb am Himmel düstere
Wolken vorüber, die sich in heftigen Güssen entluden. So ließ sich denn
der Tag für die Erwachenden keineswegs freundlich an, und in
schweigender Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, wurde das
Frühstück eingenommen. Die Reiter, so hieß es, würden schon um zehn Uhr
in den Ort einrücken, und diesem Augenblicke sah die Dienerschaft
keineswegs so unfroh entgegen, wie die Herrschaft, denn mit den Soldaten
kam ja Leben und Abwechslung in die öde Stille und Einsamkeit des
Schlosses herauf. Besonders der weibliche Teil gab eine sehr auffallende
Erregung kund. Schon als die Kammerzofe des morgens das Zimmer der
Freifrau betrat, konnte diese wahrnehmen, daß sich das Mädchen viel
zierlicher als sonst gekleidet hatte; aber auch in der Küche erschienen
die Mägde in ihrer Weise herausgeputzt und liefen in unnützer
Geschäftigkeit hin und her, während selbst die betagte wohlbeleibte
Köchin eine frische Haube mit bunten Bändern aufgesetzt hatte. Nur der
Kammerdiener bewahrte unerschütterlich seine vornehme Ruhe, und der
Kutscher des Freiherrn, ein hagerer, ziemlich steifer Rosselenker,
machte sogar ein etwas verdrießliches Gesicht, da ihm nunmehr eine
bedenkliche Schmälerung seiner Hoheitsrechte im Stalle bevorzustehen
schien.
So kam die zehnte Stunde allmählich näher. Der Himmel hatte sich
inzwischen aufgeklärt, und die Gatten traten auf den Altan hinaus. Von
dort hatte man ja die Landstraße in Sicht, die sich, soweit das Auge
reichte, in mehrfachen Krümmungen durch die Fluren hinzog, und auf
welcher nunmehr die Reiter heranrücken mußten. Und wirklich, dort in
äußerster Ferne funkelte es mit einem Male wie Feuer auf. Das waren die
Helme, welche die hervorbrechenden Sonnenstrahlen auffingen und
widerspiegelten. Und schon kam die Truppe mit ihren weißen Mänteln zum
Vorschein, gleich einer seltsamen, hell gleißenden Riesenschlange sich
näher und näher windend. Schon konnte man die einzelnen Pferde, konnte
die Offiziere von der Mannschaft unterscheiden, konnte die Standarte
wahrnehmen, die in ihrem Überzuge von schwarzem Wachstuch in die Luft
ragte. Und nun ein helles Trompetensignal. Kommandorufe ertönten; die
Säbel fuhren blitzend aus den Scheiden -- und in geschlossenen Reihen,
unter langgezogenen Fanfaren zogen die Schwadronen in den Marktflecken,
ein, von welchem aus bereits eine Menge Volks entgegengelaufen war.
»Da sind sie«, sagte der Freiherr, und trat mit Klothilde in den Salon
zurück. »Es wird noch eine Weile dauern, bis wir unseren Teil zu Gesicht
bekommen.«
»Wir wollen es abwarten«, entgegnete sie, den Schal, den sie über ihren
Morgenanzug geworfen hatte, fröstelnd über der Brust zusammenziehend.
Dann ging sie, um sich für den Tag anzukleiden.
Er aber setzte sich an ein Fenster und blickte erwartungsvoll hinaus.
Es zeigte sich lange nichts; nur der Regen fiel in Strömen auf die Pfade
der Avenue. Die Dragoner hatten offenbar unten auf dem Marktplatze
Aufstellung genommen, und die Bequartierung ging jetzt allmählich vor
sich. Von Zeit zu Zeit drang ein Trompetensignal durch die Stille.
Nun aber wurden Hufschläge vernehmbar, und es dauerte nicht lange, so
kam ein kleiner Trupp in raschem Trabe die Avenue heraufgeritten. Die
Pferde über und über mit Kot bespritzt, triefend von Nässe. Voran ein
Offizier auf einem schlankfüßigen Rappen, den Mantelkragen
emporgestülpt, so daß unter dem Helm nur eine kühn geschwungene Nase und
zwei dunkle Augen, die rasch und flüchtig nach den Schloßfenstern
aufblickten, zum Vorschein kamen. Ein Reitknecht mit zwei in Decken
gehüllten Handpferden folgte; ganz zuletzt kam ein leichter Fourgon
nachgefahren.
Der Verwalter, der den Auftrag erhalten hatte, die Ankömmlinge zu
empfangen, war ihnen schon entgegengeeilt und lenkte sie jetzt seitwärts
um das Schloß herum nach dem Hofe, wo sich die Ställe und das Amtshaus
befanden.
Nach einiger Zeit erschien er bei dem Freiherrn, der mittlerweile sein
Zimmer aufgesucht hatte, mit der Meldung, daß alles aufs beste
untergebracht sei. Nur _ein_ Offizier sei gekommen, und zwar ein
Rittmeister, dessen Leutnant krank in der letzten Station
zurückgeblieben sei. Die betreffende Wohnung habe man dem Wachtmeister
eingeräumt, der wahrscheinlich seine Stelle vertrete.
Als der Verwalter sich entfernt hatte, trat bald darauf der Kammerdiener
ein und überreichte eine Karte. Der Freiherr nahm sie und las:
»Rittmeister Graf Poiga-Reuhoff.«
Der Herr Graf, berichtete der Kammerdiener, habe durch seinen Reitknecht
anfragen lassen, ob er noch im Laufe des Vormittags die Ehre haben
könne, Seiner Exzellenz aufzuwarten, was der Freiherr in verbindlichster
Weise bejahte. Hierauf begab er sich in das erste Stockwerk hinunter, um
Klothilde in Kenntnis zu setzen. Sie befand sich in ihrem
Ankleidezimmer, und er klopfte leise an die Tür. »Bist du allein?«
fragte er.
»Ja. Ich bin im nächsten Augenblick bereit --«
Er setzte sich, die Karte in der Hand, auf einen Stuhl.
Klothilde erschien bald. Sie sah etwas bleich, aber wundervoll aus in
einem hochgeschlossenen Kleide aus braunem Foulard mit mattem Goldglanz.
Eine durchsichtig weiße Halskrause hob den Schmelz ihres Antlitzes.
Der Freiherr betrachtete sie unwillkürlich mit Bewunderung, sagte jedoch
nichts und überreichte ihr bloß die Karte.
Sie warf einen Blick darauf: »Ein Graf?« sagte sie dann.
»Wie vorausgesehen. Wenn ich nicht irre, sind die Poiga in Böhmen -- in
der Nähe Prags begütert. Er will uns sofort einen Besuch machen.«
»_Uns?_ Muß ich dabei sein?«
»Gewiß. Man müßte sonst eine Ausrede ersinnen. Und wozu -- da du ihn
doch einmal wirst kennen lernen müssen.«
»Es ist wahr«, erwiderte sie gefaßt. »Wir sind eigentlich recht töricht.
Ich habe inzwischen darüber nachgedacht und gefunden, daß wir allzuviel
Gewicht auf diese Einquartierung legen.«
»Du hast recht,« erwiderte er mit zustimmendem Lächeln, »wir benehmen
uns, als hätten wir niemals im Leben mit Menschen verkehrt.«
Sie begaben sich in den Salon. Auf einem Tische lagen Zeitungen und
Briefe, die mit der Post gekommen waren. Auch ein Brief an Klothilde
fand sich vor, bei dessen Anblick sie ausrief: »Von Tante Lotti!«
Sie setzte sich und begann das ziemlich umfangreiche Schreiben zu lesen,
während der Freiherr die Zeitungen durchblätterte.
Jetzt rief sie: »Wie schade! Lotti schreibt mir, daß sie vor halbem
August nicht bei uns eintreffen kann; es sind wichtige Angelegenheiten,
die sie bis dahin in Wien zurückhalten. Und gerade jetzt wäre sie uns
von großem Nutzen!«
»Allerdings«, erwiderte der Freiherr. »Sie ist eine praktische Frau, die
nicht viele Umstände macht.«
So ging die Zeit hin, und die Turmuhr holte gerade aus, die zwölfte
Stunde zu schlagen, als vom Korridor herein Tritte und Sporengeklirr
vernehmbar wurden.
»Man kommt«, sagte der Freiherr, indem er sich erhob und dem nunmehr
Eintretenden, welchem der Kammerdiener die Tür geöffnet hatte,
entgegenging.
Auch Klothilde stand auf und richtete die Augen scheu auf die hohe,
männlich schlanke Gestalt, die der knapp anliegende weiße Uniformrock
sehr vorteilhaft hervorhob.
»Gestatten Sie, Exzellenz,« begann der Graf, indem er sich leicht
verbeugte und die schöne Frau mit einem raschen Blick streifte,
»gestatten Sie, daß ich mich persönlich vorstelle. Es hat sich nun
einmal gefügt, daß wir in Ihren Burgfrieden einbrechen mußten, und es
braucht wohl keiner Versicherung, daß ich selbst an dieser unliebsamen
Störung keine Schuld trage.«
Der Freiherr erwiderte einige verbindliche Worte und bat den Grafen,
Platz zu nehmen.
»O ich weiß,« sagte dieser, während er sich in einem Fauteuil niederließ
und Klothilde, die sich auf das Sofa gesetzt hatte, ganz und voll ins
Auge faßte, »ich weiß und begreife sehr wohl, daß derlei Überfälle
höchst lästig sind. Aber was will man tun? Man muß sie eben wohl oder
übel hinnehmen. Sie dürften übrigens«, fuhr er, den Kopf hochmütig
zurückwerfend, fort, »nicht allzuviel zu leiden haben. Meine Dragoner
sind ehrliche Mährer, also im ganzen stille und zurückhaltende Leute,
die mit ihren heimischen Mehlklößen vollständig zufrieden sind. Und was
meine Person betrifft, so bitte ich, auf mich nicht die geringste
Rücksicht zu nehmen. Ich habe nur sehr wenige Bedürfnisse und führe das
Notwendigste, wenn es nur einigermaßen angeht, stets mit mir. Speisen
werde ich unten an der Wirtstafel mit den Offizieren. Sie sehen also,«
schloß er, stolz ablehnend, »daß ich außer der höchst angenehmen
Wohnung, die Sie mir zur Verfügung gestellt, auf Gastfreundschaft
durchaus keinen Anspruch mache.«
Eine Pause trat ein, die der Freiherr mit der Frage unterbrach, woher
das Regiment komme.
»Aus Italien, wo wir so ziemlich unnütz waren, da die Kavallerie in den
sumpfigen Reisfeldern keine rechte Verwendung finden konnte. Nun, Papa
Radetzky ist trotzdem mit den Italienern fertig geworden. Wir sollten
hierauf mit anderen Truppen unter Haynau nach Ungarn marschieren.
Unterwegs aber erhielt das Regiment Order, hierher zu rücken. Es
bereitet sich wohl etwas gegen Preußen vor; der alte Hegemoniekitzel
scheint sich dort wieder zu regen.«
»Der König von Preußen hat die deutsche Kaiserkrone abgelehnt«, sagte
der Freiherr im Tone leiser Zurechtweisung.
»Weil sie ihm vom Frankfurter Parlament angeboten wurde«, entgegnete der
Graf mit unterdrückter Heftigkeit. »Es wäre Unsinn gewesen, sie von
solcher Seite anzunehmen. Die Schwäche Österreichs ist eine weit bessere
Chance, und da Kossuth und Görgei noch immer obenauf sind, glaubt man
auch damit rechnen zu können. Aber das russische Bündnis wird den Dingen
eine ganz andere Wendung geben. Eure Exzellenz wissen doch bereits --
--?«
»Ich habe von diesem Bündnisse in den Zeitungen gelesen«, sagte der
Freiherr ruhig.
»Der Zar ist mächtig«, fuhr der Graf mit blitzenden Augen fort, »und es
kann der Welt gar nicht schaden, wenn sie nach all dem tollen
Freiheitsschwindel wieder einmal tüchtig die Knute zu spüren bekommt.«
Der Freiherr erwiderte nichts und suchte das Gespräch auf andere, näher
liegende Dinge zu lenken, wobei nun auch Klothilde Gelegenheit fand,
einige Worte mit einzuflechten. Aber der Graf erhob sich bald.
»Ich darf die Herrschaften nicht länger stören«, sagte er, sich beim
Abschiede mit herablassender Förmlichkeit verbeugend. »Auch werde ich
unten erwartet. Noch eines will ich sagen. Sollten sich wider
Vermutungen meine Leute Unzukömmlichkeiten erlauben, so bitte ich, sich
sofort an mich zu wenden. Für Störungen, welche mit der Handhabung des
Dienstes verbunden sind, kann ich natürlich nur um Entschuldigung
bitten, und die Schloßherrin« -- er wandte sich dabei an Klothilde --
»wird es mir hoffentlich nicht allzu schwer anrechnen, wenn sie durch
unvermeidliche Trompetensignale -- oder durch das Wiehern und Stampfen
der Pferde aus süßen Morgenträumen aufgeschreckt wird.«
Als er sich entfernt hatte, herrschte längeres Schweigen. Endlich sagte
der Freiherr: »Hab' ich es nicht vorhergesagt? Es ist wirklich ein
Glück, daß wir uns um ihn nicht zu kümmern brauchen. -- Wie findest du
ihn?« setzte er nach einer Weile, sie nicht ohne Besorgnis anblickend,
hinzu.
Sie zuckte leicht die Achseln.
»Der richtige Aristokrat«, fuhr der Freiherr, mehr zu sich selbst
sprechend, fort. »Welche Anschauungen! Aber er hat ja recht«, schloß er
mit bitterem Lächeln. »Diesen Herren gehört jetzt wieder die Welt.«