Drei Wochen waren den Bewohnern des Schlosses auf solche Art in sanfter
Gleichmäßigkeit dahingegangen. Der Sommer hatte sich inzwischen zu
seiner eigentlichen Höhe erhoben, und der Duft der blühenden Linden
schwamm weithin in der Luft. Der Freiherr verbrachte nunmehr die
sonnedurchglühten Stunden des Tages in seinem nach Norden gelegenen
Arbeitszimmer, wo er bereits allerlei Material zu seinen
Denkwürdigkeiten aufgesammelt hatte; seine Gattin aber hielt sich dann
in ihrem Sommerhause auf, wo sie eine Art geschäftigen Traumlebens
führte. Sie saß an der kleinen Staffelei und strichelte zierlich an
ihrer idealen Landschaft, und wenn es in den niederen Räumen allzu
schwül wurde, so nahm sie eines ihrer Lieblingsbücher und ließ sich
unter den schattenden Birkenwipfeln nieder, zuweilen mit sinnendem Aug'
dem Fluge der Schwalben folgend, die im Zick-Zack über die Wiese
hinschossen, oder dem Rufe des Kuckucks, lauschend, der aus dem Walde
herübertönte.
Eines Tages, als das Ehepaar eben abgespeist hatte, wurde vom
Kammerdiener mit dem Kaffee ein versiegeltes Schreiben gebracht, das für
den Freiherrn bestimmt war. Es enthielt die Mitteilung des
Gemeindevorstehers, daß der Marktflecken Einquartierung zu erwarten
habe. Und zwar den Stab und die erste Division eines Dragonerregiments,
welchem der hiesige Landbezirk als Kantonierungsstation angewiesen sei.
Dem Orte falle es natürlich nicht allzu schwer, die Offiziere und
Mannschaften unterzubringen; hinsichtlich der Pferde jedoch gebe es
große Schwierigkeiten, daher man den Freiherrn ersuchen müsse, die
bekanntlich sehr ausgedehnten Stallräume des Schlosses zur Verfügung zu
stellen. Man würde auf ungefähr dreißig Pferde rechnen.
Selbstverständlich wären dann auch die betreffenden Reiter aufzunehmen,
die jedoch in den Ställen selbst unterkommen könnten. Auch wäre man sehr
dankbar, wenn Seine Exzellenz so liebenswürdig sein wollte, einen oder
zwei der Herren Offiziere zu beherbergen, unter denen, wie man in
Erfahrung gebracht, einige vom hohen Adel sich befänden. Man
beabsichtige in dieser Hinsicht selbstverständlich keinen Zwang, bitte
aber um möglichst raschen Bescheid, da die Truppe schon morgen hier
einrücken werde.
Der Freiherr hatte das Schreiben mit zunehmendem Stirnrunzeln gelesen
und zögerte jetzt, seiner Gemahlin den Inhalt bekannt zu geben. Da sie
ihn aber doch erfahren mußte, so überreichte er ihr das Blatt, welches
sie, nachdem sie es rasch überflogen, auf den Tisch sinken ließ.
»Soldaten!« rief sie aus, während nach und nach ein tiefes Erröten in
ihrem Antlitz zum Vorschein kam.
»Ja, Soldaten!« erwiderte er in erzwungen resolutem Tone. »Kriegsvolk
und Landesplag',« setzte er bitter scherzhaft, Heine zitierend, hinzu.
»Unser stiller Schloßhof wird morgen einem lärmenden Feldlager
gleichen.«
»Und müssen wir uns denn dem Auftrage unterziehen?« fragte sie, ihn
angstvoll ansehend.
»Allerdings, mein Kind«, antwortete er nach kurzem Schweigen. »Wir haben
unseren Teil der gemeinsamen Lasten ohne Widerrede zu tragen. Auch läßt
sich nicht leugnen, daß unsere Stallungen leer stehen, da ja die ganze
Feldwirtschaft verpachtet ist. Wir müssen also die Leute aufnehmen.«
»Und die Offiziere?« fuhr sie zögernd fort. »Man hat uns in dieser
Hinsicht zu nichts verpflichtet.«
»Gewiß. Aber wohl erwogen, können wir auch dieses Ersuchen nicht von der
Hand weisen. Es würde illoyal -- zum mindesten seltsam erscheinen.
Angenehm kann es mir nicht sein, das begreifst du. Wären es noch
Offiziere schlechthin, so würde sich die Sache auch einfacher gestalten;
aber es sind, wie in dem Blatte zu lesen, auch welche vom Hochadel
darunter, und man wird nicht ermangeln, uns gerade _diese_
heraufzusenden. Das ist fatal. Du weißt, ich habe zur Aristokratie seit
jeher, nicht bloß infolge meiner Anschauungen, sondern auch als
Emporkömmling auf gespanntem Fuße gestanden, wenngleich es meine
Stellung mit sich brachte, daß ich mit den Leuten, soweit es not tat,
verkehren mußte. Aber da es nun nicht anders geht, so sollen sie in
Gottes Namen kommen!«
»Und wo werden wir sie unterbringen?«
»Auch dafür wird sich Rat schaffen lassen. Steht doch der kleine Anbau
des linken Flügels, in welchem sich früher das herrschaftliche Gerichts-
und Rentamt befand, vollständig leer. Es enthält zwei ganz bequeme
Wohnungen, die auch, wie ich glaube, zur Not eingerichtet sind; außerdem
kann man einiges hinüberschaffen lassen. Und somit,« fuhr der Freiherr
fort, indem er aufstand und entschlossenen Schrittes auf und nieder
ging, »somit ist die Angelegenheit erledigt. Zu einem gesellschaftlichen
Verkehr sind wir nicht verpflichtet; auch pflegen die Herren, die gerne
ungezwungen unter sich bleiben, einem solchen meistens selbst
auszuweichen.«
Sie erwiderte nichts und blieb in unruhiges Nachdenken versunken.
Er trat auf sie zu und legte die Hand beruhigend auf ihren Scheitel.
»Nimm diesen Zwischenfall nicht so tragisch, Klothilde«, sagte er. »Er
wird vorübergehen wie vieles andere. Freilich,« fuhr er mit einem
leichten Seufzer fort, »es ist kein gutes Vorzeichen, daß der idyllische
Zustand, in den hinein wir uns versetzt haben, so rasch gestört wurde.
Die ereignislosen Tage, wie sie sich in früherer Zeit so behaglich
abgewickelt haben, sind eben vorüber. Brennende politische Fragen,
bedeutungsvolle soziale Probleme sind zu lösen, und die Geschichte der
Staaten wird vielleicht bald eingreifende Veränderungen zu verzeichnen
haben. Schon jetzt, scheint es, nehmen die Verhandlungen mit Preußen
einen ernsteren Charakter an, und das für morgen erwartete Regiment
dürfte nicht das einzige sein, das an die Grenze gezogen wird; ich
glaube, daß man von unserer Seite eine militärische Demonstration
beabsichtigt.«
Sie hatte ihm mit dem Ausdruck stiller Verzweiflung zugehört. »Aber was
haben wir damit zu schaffen, Alfons?« rief sie. »Das alles geht dich ja
gar nichts mehr an!«
»Liebes Kind,« erwiderte er mit sanftem Ernste, »den Wellenschlägen der
Zeit kann sich auch der am fernsten Stehende nicht entziehen.«
Er hatte bei diesen Worten den Klingelzug ergriffen, der den
Kammerdiener herbeirief. Dieser erhielt nun den Auftrag, den Verwalter
in Kenntnis zu setzen, daß ihn der Freiherr sofort auf seinem Zimmer
erwarte. Hierauf stiegen die beiden Gatten schweigend die Treppe nach
dem ersten Stockwerke hinan. Im Vestibül trennten sie sich, wie
gewöhnlich um diese Zeit, und jedes begab sich nun in seine Gemächer.
Als sich Klothilde in den ihren befand, sank sie in einen Fauteuil und
überließ sich den wogenden Empfindungen, die sie bestürmten. Ja, auch in
diesem reinen Herzen gab es Widersprüche; auch in dieser so ungemein
glücklichen Ehe fand sich eine Untiefe, welche die junge Frau bis jetzt
angstvoll vor sich selbst verheimlicht hatte und von der jetzt mit einem
Mal der verhüllende Schleier weggerissen war!
So sehr Klothilde an ihrem Gatten hing, so sehr sie ihn verehrte und
hochhielt: _eine_ Seite seines Wesens gab es, über welche sie anders
dachte, die sie anders empfand, als er. Das waren seine liberalen
Grundsätze. Anfänglich hatte sie diese kaum begriffen und um so weniger
Gewicht darauf gelegt, als ja auch der Freiherr keineswegs mit solcher
Anforderung an seine junge Frau herangetreten war. Erst nach Ausbruch
der Märzbewegung erhielt Klothilde deutliche Vorstellungen und
Eindrücke, welche sie dem Gange der Ereignisse innerlich mehr und mehr
entfremdeten. Die ersten jubelnden Umzüge mit Fahnen und Fackeln, die
Uniformen der Nationalgarde, die wallenden Hutfedern der Studentenlegion
schienen ihr wesenlose Maskerade, die sie oft im stillen belächelte.
Doch sie verschwieg ihre Meinung, um den Gatten, der dies alles so hoch
nahm, nicht zu verletzen, und um keinen Preis hätte sie gewagt, ihn etwa
beeinflussen oder umstimmen zu wollen, selbst dann nicht, als sie später
den furchtbaren Ernst jener Tage erkannte und schaudernd miterlebte.
Aber so kam es auch, daß sie die siegreich einziehenden Truppen mit ganz
anderen Empfindungen begrüßte als der Freiherr, und daß ihr Blick
dankbar und mit stillem Wohlgefallen auf den kräftigen Gestalten, den
wettergebräunten Zügen der Marssöhne ruhte, die jetzt alle Plätze und
Straßen der Stadt so reich belebten. Wie oft wurde sie, die früher,
gleich den meisten Mädchen und Frauen Wiens, vor jeder Uniform eine
eigentümliche, oft verletzend sich kundgebende Scheu empfunden hatte,
durch vernehmbares Säbelgeklirr ans Fenster gelockt, um sofort, tief
errötend, vor den flammenden Blicken vorübergehender Offiziere wieder
zurückzutreten. Und da hatte sie auch, zum erstenmal in ihrer Ehe, die
Entdeckung gemacht, daß sie ein empfängliches Herz besitze, daß sie
dieses Herz aufs strengste überwachen müsse. Sie fühlte, daß sie bereits
auf dem Wege war, ihrem Gatten in Gedanken untreu zu werden, und deshalb
hatte sie auch diesmal das Schloß und seine Abgeschiedenheit doppelt
freudig begrüßt. Ja, hier in dieser seligen Stille, bei ihrer Staffelei,
bei ihren Büchern, von hehren Tönen umrauscht, konnte ihr nichts
Verwirrendes nahen, konnte sie niemals sich selbst, niemals ihrer
Pflicht untreu werden! Und nun war die Gefahr plötzlich so nahe -- so
entsetzlich nahe gerückt!
Es benahm ihr den Atem. Sie stand auf und öffnete eines von den
Fenstern, welche, um die Hitze des Tages abzuhalten, samt den Jalousien
geschlossen waren. Es war zum Ersticken im Zimmer. Aber auch von draußen
schlug ihr dumpfe Schwüle entgegen. Sie blickte hinaus. Kein Blatt regte
sich, rings umher brütete es wie ein Gewitter.
Unruhig bewegte sie sich im Zimmer bald hierhin, bald dorthin, nahm ein
Buch zur Hand und versuchte zu lesen; aber es gelang ihr nicht.
Gegen Abend trat der Freiherr bei ihr ein. Er hatte dem Verwalter die
nötigen Aufträge erteilt, hatte nunmehr selbst nachgesehen und alles in
Ordnung gefunden. »Du aber, armes Herz, scheinst dich noch immer nicht
beruhigt zu haben«, schloß er seinen Bericht.
Sie erwiderte nichts, und schmiegte sich nur, wie Schutz suchend, an
seine Brust.
»Nun, ich begreife es wohl«, fuhr er fort. »Ist mir doch selber recht
peinlich zumute. Aber komm, gehen wir jetzt zum Tee. Und zur Feier des
bevorstehenden Ereignisses kannst du uns dann die Eroica spielen!«
Er hatte dies, um sie aufzumuntern, in satirisch scherzhaftem Tone
gesprochen; sie aber streckte abwehrend die Hände aus und rief: »Nein,
nein, heute nicht!«
»Nun, freilich, sie würde ja gar nicht passen! Also etwas Lustiges! Etwa
einen Marsch aus Vielka oder ein paar Lannersche Walzer.«
Trotz dieser Erheiterungsversuche blieb die Stimmung eine gedrückte, und
als sich Klothilde später doch an den Flügel setzte, wurde sie schon bei
den ersten Tönen, die sie anschlug, von rollendem Donner unterbrochen.
Das Gewitter, welches in der Tat langsam und zögernd heraufgestiegen
war, kündigte jetzt seine unmittelbare Nähe an. Ein Blitz zuckte durch
die Nacht, während ein heftiger Windstoß die halb offen stehende Glastür
weit aufriß.
Der Freiherr stand auf, um sie zu schließen. »Das erste Gewitter dieses
Sommers«, sagte er hinausblickend. »Es droht recht arg zu werden.«
Wirklich folgte schon Blitz auf Blitz, die Landschaft taghell
erleuchtend; immer näher, immer mächtiger erscholl der Donner, und
ächzend warfen sich die dunklen Wipfel der Bäume im Sturm hin und her.
Klothilde war an die Seite ihres Gatten getreten und betrachtete mit ihm
das furchtbar prächtige Schauspiel, bis sie sich endlich mit leichtem
Beben geblendet abwandte.
»Komm,« sagte er, »machen wir Nacht und lassen bei geschlossenen Läden
die Elemente sich austoben.«
Ihre Schlafgemächer grenzten aneinander. Um das Schloß heulte der Sturm,
rauschte der Regen, hallte der Donner -- und so blieben sie noch lange
wach.