II.

Drei Wochen waren den Bewohnern des Schlosses auf solche Art in sanfter

Gleichmäßigkeit dahingegangen. Der Sommer hatte sich inzwischen zu

seiner eigentlichen Höhe erhoben, und der Duft der blühenden Linden

schwamm weithin in der Luft. Der Freiherr verbrachte nunmehr die

sonnedurchglühten Stunden des Tages in seinem nach Norden gelegenen

Arbeitszimmer, wo er bereits allerlei Material zu seinen

Denkwürdigkeiten aufgesammelt hatte; seine Gattin aber hielt sich dann

in ihrem Sommerhause auf, wo sie eine Art geschäftigen Traumlebens

führte. Sie saß an der kleinen Staffelei und strichelte zierlich an

ihrer idealen Landschaft, und wenn es in den niederen Räumen allzu

schwül wurde, so nahm sie eines ihrer Lieblingsbücher und ließ sich

unter den schattenden Birkenwipfeln nieder, zuweilen mit sinnendem Aug'

dem Fluge der Schwalben folgend, die im Zick-Zack über die Wiese

hinschossen, oder dem Rufe des Kuckucks, lauschend, der aus dem Walde

herübertönte.

Eines Tages, als das Ehepaar eben abgespeist hatte, wurde vom

Kammerdiener mit dem Kaffee ein versiegeltes Schreiben gebracht, das für

den Freiherrn bestimmt war. Es enthielt die Mitteilung des

Gemeindevorstehers, daß der Marktflecken Einquartierung zu erwarten

habe. Und zwar den Stab und die erste Division eines Dragonerregiments,

welchem der hiesige Landbezirk als Kantonierungsstation angewiesen sei.

Dem Orte falle es natürlich nicht allzu schwer, die Offiziere und

Mannschaften unterzubringen; hinsichtlich der Pferde jedoch gebe es

große Schwierigkeiten, daher man den Freiherrn ersuchen müsse, die

bekanntlich sehr ausgedehnten Stallräume des Schlosses zur Verfügung zu

stellen. Man würde auf ungefähr dreißig Pferde rechnen.

Selbstverständlich wären dann auch die betreffenden Reiter aufzunehmen,

die jedoch in den Ställen selbst unterkommen könnten. Auch wäre man sehr

dankbar, wenn Seine Exzellenz so liebenswürdig sein wollte, einen oder

zwei der Herren Offiziere zu beherbergen, unter denen, wie man in

Erfahrung gebracht, einige vom hohen Adel sich befänden. Man

beabsichtige in dieser Hinsicht selbstverständlich keinen Zwang, bitte

aber um möglichst raschen Bescheid, da die Truppe schon morgen hier

einrücken werde.

Der Freiherr hatte das Schreiben mit zunehmendem Stirnrunzeln gelesen

und zögerte jetzt, seiner Gemahlin den Inhalt bekannt zu geben. Da sie

ihn aber doch erfahren mußte, so überreichte er ihr das Blatt, welches

sie, nachdem sie es rasch überflogen, auf den Tisch sinken ließ.

»Soldaten!« rief sie aus, während nach und nach ein tiefes Erröten in

ihrem Antlitz zum Vorschein kam.

»Ja, Soldaten!« erwiderte er in erzwungen resolutem Tone. »Kriegsvolk

und Landesplag',« setzte er bitter scherzhaft, Heine zitierend, hinzu.

»Unser stiller Schloßhof wird morgen einem lärmenden Feldlager

gleichen.«

»Und müssen wir uns denn dem Auftrage unterziehen?« fragte sie, ihn

angstvoll ansehend.

»Allerdings, mein Kind«, antwortete er nach kurzem Schweigen. »Wir haben

unseren Teil der gemeinsamen Lasten ohne Widerrede zu tragen. Auch läßt

sich nicht leugnen, daß unsere Stallungen leer stehen, da ja die ganze

Feldwirtschaft verpachtet ist. Wir müssen also die Leute aufnehmen.«

»Und die Offiziere?« fuhr sie zögernd fort. »Man hat uns in dieser

Hinsicht zu nichts verpflichtet.«

»Gewiß. Aber wohl erwogen, können wir auch dieses Ersuchen nicht von der

Hand weisen. Es würde illoyal -- zum mindesten seltsam erscheinen.

Angenehm kann es mir nicht sein, das begreifst du. Wären es noch

Offiziere schlechthin, so würde sich die Sache auch einfacher gestalten;

aber es sind, wie in dem Blatte zu lesen, auch welche vom Hochadel

darunter, und man wird nicht ermangeln, uns gerade _diese_

heraufzusenden. Das ist fatal. Du weißt, ich habe zur Aristokratie seit

jeher, nicht bloß infolge meiner Anschauungen, sondern auch als

Emporkömmling auf gespanntem Fuße gestanden, wenngleich es meine

Stellung mit sich brachte, daß ich mit den Leuten, soweit es not tat,

verkehren mußte. Aber da es nun nicht anders geht, so sollen sie in

Gottes Namen kommen!«

»Und wo werden wir sie unterbringen?«

»Auch dafür wird sich Rat schaffen lassen. Steht doch der kleine Anbau

des linken Flügels, in welchem sich früher das herrschaftliche Gerichts-

und Rentamt befand, vollständig leer. Es enthält zwei ganz bequeme

Wohnungen, die auch, wie ich glaube, zur Not eingerichtet sind; außerdem

kann man einiges hinüberschaffen lassen. Und somit,« fuhr der Freiherr

fort, indem er aufstand und entschlossenen Schrittes auf und nieder

ging, »somit ist die Angelegenheit erledigt. Zu einem gesellschaftlichen

Verkehr sind wir nicht verpflichtet; auch pflegen die Herren, die gerne

ungezwungen unter sich bleiben, einem solchen meistens selbst

auszuweichen.«

Sie erwiderte nichts und blieb in unruhiges Nachdenken versunken.

Er trat auf sie zu und legte die Hand beruhigend auf ihren Scheitel.

»Nimm diesen Zwischenfall nicht so tragisch, Klothilde«, sagte er. »Er

wird vorübergehen wie vieles andere. Freilich,« fuhr er mit einem

leichten Seufzer fort, »es ist kein gutes Vorzeichen, daß der idyllische

Zustand, in den hinein wir uns versetzt haben, so rasch gestört wurde.

Die ereignislosen Tage, wie sie sich in früherer Zeit so behaglich

abgewickelt haben, sind eben vorüber. Brennende politische Fragen,

bedeutungsvolle soziale Probleme sind zu lösen, und die Geschichte der

Staaten wird vielleicht bald eingreifende Veränderungen zu verzeichnen

haben. Schon jetzt, scheint es, nehmen die Verhandlungen mit Preußen

einen ernsteren Charakter an, und das für morgen erwartete Regiment

dürfte nicht das einzige sein, das an die Grenze gezogen wird; ich

glaube, daß man von unserer Seite eine militärische Demonstration

beabsichtigt.«

Sie hatte ihm mit dem Ausdruck stiller Verzweiflung zugehört. »Aber was

haben wir damit zu schaffen, Alfons?« rief sie. »Das alles geht dich ja

gar nichts mehr an!«

»Liebes Kind,« erwiderte er mit sanftem Ernste, »den Wellenschlägen der

Zeit kann sich auch der am fernsten Stehende nicht entziehen.«

Er hatte bei diesen Worten den Klingelzug ergriffen, der den

Kammerdiener herbeirief. Dieser erhielt nun den Auftrag, den Verwalter

in Kenntnis zu setzen, daß ihn der Freiherr sofort auf seinem Zimmer

erwarte. Hierauf stiegen die beiden Gatten schweigend die Treppe nach

dem ersten Stockwerke hinan. Im Vestibül trennten sie sich, wie

gewöhnlich um diese Zeit, und jedes begab sich nun in seine Gemächer.

Als sich Klothilde in den ihren befand, sank sie in einen Fauteuil und

überließ sich den wogenden Empfindungen, die sie bestürmten. Ja, auch in

diesem reinen Herzen gab es Widersprüche; auch in dieser so ungemein

glücklichen Ehe fand sich eine Untiefe, welche die junge Frau bis jetzt

angstvoll vor sich selbst verheimlicht hatte und von der jetzt mit einem

Mal der verhüllende Schleier weggerissen war!

So sehr Klothilde an ihrem Gatten hing, so sehr sie ihn verehrte und

hochhielt: _eine_ Seite seines Wesens gab es, über welche sie anders

dachte, die sie anders empfand, als er. Das waren seine liberalen

Grundsätze. Anfänglich hatte sie diese kaum begriffen und um so weniger

Gewicht darauf gelegt, als ja auch der Freiherr keineswegs mit solcher

Anforderung an seine junge Frau herangetreten war. Erst nach Ausbruch

der Märzbewegung erhielt Klothilde deutliche Vorstellungen und

Eindrücke, welche sie dem Gange der Ereignisse innerlich mehr und mehr

entfremdeten. Die ersten jubelnden Umzüge mit Fahnen und Fackeln, die

Uniformen der Nationalgarde, die wallenden Hutfedern der Studentenlegion

schienen ihr wesenlose Maskerade, die sie oft im stillen belächelte.

Doch sie verschwieg ihre Meinung, um den Gatten, der dies alles so hoch

nahm, nicht zu verletzen, und um keinen Preis hätte sie gewagt, ihn etwa

beeinflussen oder umstimmen zu wollen, selbst dann nicht, als sie später

den furchtbaren Ernst jener Tage erkannte und schaudernd miterlebte.

Aber so kam es auch, daß sie die siegreich einziehenden Truppen mit ganz

anderen Empfindungen begrüßte als der Freiherr, und daß ihr Blick

dankbar und mit stillem Wohlgefallen auf den kräftigen Gestalten, den

wettergebräunten Zügen der Marssöhne ruhte, die jetzt alle Plätze und

Straßen der Stadt so reich belebten. Wie oft wurde sie, die früher,

gleich den meisten Mädchen und Frauen Wiens, vor jeder Uniform eine

eigentümliche, oft verletzend sich kundgebende Scheu empfunden hatte,

durch vernehmbares Säbelgeklirr ans Fenster gelockt, um sofort, tief

errötend, vor den flammenden Blicken vorübergehender Offiziere wieder

zurückzutreten. Und da hatte sie auch, zum erstenmal in ihrer Ehe, die

Entdeckung gemacht, daß sie ein empfängliches Herz besitze, daß sie

dieses Herz aufs strengste überwachen müsse. Sie fühlte, daß sie bereits

auf dem Wege war, ihrem Gatten in Gedanken untreu zu werden, und deshalb

hatte sie auch diesmal das Schloß und seine Abgeschiedenheit doppelt

freudig begrüßt. Ja, hier in dieser seligen Stille, bei ihrer Staffelei,

bei ihren Büchern, von hehren Tönen umrauscht, konnte ihr nichts

Verwirrendes nahen, konnte sie niemals sich selbst, niemals ihrer

Pflicht untreu werden! Und nun war die Gefahr plötzlich so nahe -- so

entsetzlich nahe gerückt!

Es benahm ihr den Atem. Sie stand auf und öffnete eines von den

Fenstern, welche, um die Hitze des Tages abzuhalten, samt den Jalousien

geschlossen waren. Es war zum Ersticken im Zimmer. Aber auch von draußen

schlug ihr dumpfe Schwüle entgegen. Sie blickte hinaus. Kein Blatt regte

sich, rings umher brütete es wie ein Gewitter.

Unruhig bewegte sie sich im Zimmer bald hierhin, bald dorthin, nahm ein

Buch zur Hand und versuchte zu lesen; aber es gelang ihr nicht.

Gegen Abend trat der Freiherr bei ihr ein. Er hatte dem Verwalter die

nötigen Aufträge erteilt, hatte nunmehr selbst nachgesehen und alles in

Ordnung gefunden. »Du aber, armes Herz, scheinst dich noch immer nicht

beruhigt zu haben«, schloß er seinen Bericht.

Sie erwiderte nichts, und schmiegte sich nur, wie Schutz suchend, an

seine Brust.

»Nun, ich begreife es wohl«, fuhr er fort. »Ist mir doch selber recht

peinlich zumute. Aber komm, gehen wir jetzt zum Tee. Und zur Feier des

bevorstehenden Ereignisses kannst du uns dann die Eroica spielen!«

Er hatte dies, um sie aufzumuntern, in satirisch scherzhaftem Tone

gesprochen; sie aber streckte abwehrend die Hände aus und rief: »Nein,

nein, heute nicht!«

»Nun, freilich, sie würde ja gar nicht passen! Also etwas Lustiges! Etwa

einen Marsch aus Vielka oder ein paar Lannersche Walzer.«

Trotz dieser Erheiterungsversuche blieb die Stimmung eine gedrückte, und

als sich Klothilde später doch an den Flügel setzte, wurde sie schon bei

den ersten Tönen, die sie anschlug, von rollendem Donner unterbrochen.

Das Gewitter, welches in der Tat langsam und zögernd heraufgestiegen

war, kündigte jetzt seine unmittelbare Nähe an. Ein Blitz zuckte durch

die Nacht, während ein heftiger Windstoß die halb offen stehende Glastür

weit aufriß.

Der Freiherr stand auf, um sie zu schließen. »Das erste Gewitter dieses

Sommers«, sagte er hinausblickend. »Es droht recht arg zu werden.«

Wirklich folgte schon Blitz auf Blitz, die Landschaft taghell

erleuchtend; immer näher, immer mächtiger erscholl der Donner, und

ächzend warfen sich die dunklen Wipfel der Bäume im Sturm hin und her.

Klothilde war an die Seite ihres Gatten getreten und betrachtete mit ihm

das furchtbar prächtige Schauspiel, bis sie sich endlich mit leichtem

Beben geblendet abwandte.

»Komm,« sagte er, »machen wir Nacht und lassen bei geschlossenen Läden

die Elemente sich austoben.«

Ihre Schlafgemächer grenzten aneinander. Um das Schloß heulte der Sturm,

rauschte der Regen, hallte der Donner -- und so blieben sie noch lange

wach.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 43 / 53 题