I.

In der Nähe eines Grenzgebirges, dessen westliche Ausläufer sich dicht

bewaldet ins flache Land erstrecken, liegt auf mäßiger Höhe ein weit

ausblickendes Schloß, das sich im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht

allzu freundlich von dem Hintergrunde dunkler Tannen abgehoben hatte.

Denn die Mauern waren verwittert, die Fensterläden geschlossen, und um

das schweigende Portal wehte der Hauch der Verödung. Unten aber dehnte

sich die Ebene aus, damals wie heute, ein sonniges Bild regen,

werktätigen Lebens. Hart am Fuße des Abhanges ein stattlicher

Marktflecken, in dessen Umkreise der schwarze Diamant, die Steinkohle,

geschürft und auf unübersehbaren Feldern, von nur schmalen Strichen

Kornes eingerahmt, die gelb blühende Ölpflanze und die zuckerspendende

Rübe gebaut wurden. Dazwischen, weithin zerstreut, einzelne Schachte und

Fabrikgebäude, gegen deren geschwärzte Mauern und qualmende Schlote sich

hier und dort ein hellschimmerndes Landhaus umso lieblicher ausnahm. Von

dort herauf erklang tagsüber, bald lauter, bald gedämpfter, das Gepolter

der Maschinen, das Brausen der Dampfkessel, der gellende Schall der

Werkglocken -- und verzitterte in den Wipfeln des Schloßparkes, wo auf

dem verschlammenden, von Wasserrosen überdeckten Teiche ein einsamer

Schwan die stillen Kreise zog. --

Im Frühling des Jahres 1849 jedoch hatte dieser verlassene Herrensitz

einen noch ganz freundlichen Anblick dargeboten. Auch war gerade in

jener Zeit eine Anzahl von Arbeitern erschienen, um das Schloß, welches

von seinem damaligen Besitzer, dem Freiherrn von Günthersheim, bis jetzt

nur im Sommer benützt worden war, zu dauerndem Aufenthalte instand zu

setzen. Und bald konnte man auch in der Umgegend die Kunde vernehmen,

daß der Freiherr des hohen Staatsamtes, das er bekleidete, enthoben

worden sei und sich nunmehr mit seiner Gemahlin für immer hieher

zurückzuziehen gedenke. In der Tat kam eines Abends -- zu Anfang des

Juni -- auf der staubigen Landstraße ein mächtiger, mit Postpferden

bespannter Reisewagen in Sicht, welchen in früherer Zeit

schwarzbefrackte Honoratioren und weißgekleidete Mädchen mit

Blumensträußen in den Händen würden erwartet haben, der aber jetzt, wo

die verbrausten Stürme des Revolutionsjahres noch überall zerstörte und

unklare Verhältnisse zurückgelassen hatten, bloß der Gegenstand einer

halb flüchtigen, halb befangenen Neugier war. So geschah es, daß der

Freiherr, als er mit seiner Gemahlin, einer noch jungen, leicht

verschleierten Dame, unter dem Portal aus dem Wagen stieg, nur von

seinem Verwalter und einigen Nebenbediensteten empfangen wurde. Später

jedoch kam es in der Gaststube des Goldenen Löwen, wo sich die

hervorragendsten Bürger und Ansassen des Ortes allabendlich einzufinden

pflegten, zu einer lebhaften Debatte über die Frage, ob man dem

Schloßherrn, wiewohl dieser nunmehr alle feudalen Hoheitsrechte

eingebüßt habe, nicht doch eine Ovation hätte darbringen sollen. Denn es

unterlag keinem Zweifel, daß er nur seinen liberalen Anschauungen, die

er bekanntermaßen schon im Vormärz betätigt hatte, bei dem abermaligen

Umschwung der Dinge zum Opfer gefallen sei. Und in dieser Hinsicht

verdiene er jedenfalls die hochachtende Anerkennung, das

verständnisvolle Bedauern aufgeklärter und nach wie vor freiheitlich

gesinnter Männer. Eine direkte Kundgebung, das müsse man nachträglich

erkennen, wäre allerdings bei dem reaktionären Drucke, der gegenwärtig

selbst auf dem platten Lande geübt werde und sich durch verschärfte

Polizeimaßregeln jeder Art bemerkbar mache, nicht wohl tunlich gewesen,

keineswegs aber könne es verargt oder gar verwehrt werden, daß man von

seiten der Bürgerschaft dem Gutsbesitzer, zu welchem man seit Jahren in

einem weitverzweigten Pachtverhältnisse gestanden und noch stehe, einen

Höflichkeitsbesuch abstatte. Dabei wäre man ja recht wohl imstande, die

eigentliche Absicht ^sub rosa^ kundzugeben, und somit sei auch dann jede

Versäumnis -- wenn eine solche vorliege -- wieder gut gemacht. Diese

Anschauung, obgleich einige Ängstliche und Gleichgültige dagegen

sprachen, wurde endlich mit Stimmenmehrheit zum Beschlusse erhoben,

worauf man daran ging, die Mitglieder der beabsichtigten Deputation und

deren Führer zu wählen.

Als dem Freiherrn am nächsten Vormittage das Erscheinen der Abgeordneten

gemeldet wurde, war er eben beschäftigt, in seinem Arbeitszimmer --

einem hochgelegenen Gemache mit weiter Fernsicht -- einige notwendige

Einrichtungen zu treffen, und schien von der ihm zugedachten Ehre

keineswegs freudig überrascht zu sein, denn ein Schatten von Mißmut

überflog sein Antlitz. Da es aber nicht anging, die Leute, welche sich

draußen durch anspruchsvolles Räuspern und Scharren mit den Füßen

bemerkbar machten, unter irgend einem Vorwande abzuweisen, so ließ er

sie, indem er eine wohlwollende Miene annahm, ohne weiteres eintreten.

Er ging ihnen einige Schritte entgegen, hörte die Rede des Sprechers,

der ein kleiner, beleibter Mann war, in vorgebeugter Haltung an,

errötete flüchtig bei einigen bedeutungsvollen Stellen und dankte

schließlich mit etwas leiser, aber klarer und eindringlicher Stimme für

die wohlwollenden Gesinnungen seiner Mitbürger. Sie zu rechtfertigen,

vermöge er leider nicht mehr; überhaupt bleibe jetzt dem einzelnen

sowohl wie der Gesamtheit nichts anderes übrig, als sich in schweigender

Ergebung zu fassen. Hierauf reichte er dem Führer die Hand zum Abschied

und geleitete die unter Bücklingen sich Entfernenden bis zur Tür. Allein

geblieben, trat er langsam an ein Fenster und blickte gedankenvoll in

den leuchtenden Tag hinaus. Der unvermutete, wenn auch an sich ganz

bedeutungslose Zwischenfall hatte doch, indem er Erinnerungen weckte,

lebhaft auf ihn gewirkt. Und wie da draußen am Horizont weiße,

schimmernde Wolkenmassen emportauchten, so tauchte im Geiste des

verabschiedeten Staatsmannes die Vergangenheit auf .....

Der Freiherr von Günthersheim war nicht von altem Adel. Sein Großvater,

einem bürgerlichen Geschlechte entstammend, war unter der Regierung

Maria Theresias mit bescheidenen Anfängen in Staatsdienste getreten und

hatte sich im Verlauf der Jahre dem Kanzler Kaunitz derart verwendbar

erwiesen, daß er während der Josephinischen Ära zu immer höheren Ämtern

emporstieg. Sein Sohn betrat unter dem folgenden Herrscher die gleiche

Laufbahn und wurde später ob seiner Verdienste zur Zeit der

französischen Invasion vom Kaiser Franz in den Freiherrnstand erhoben,

welcher Auszeichnung er durch den Erwerb einer Herrschaft in Böhmen, die

er von einem tief verschuldeten Kavalier unter sehr günstigen

Bedingungen übernahm, auch eine reale Grundlage zu verleihen wußte. Dem

Enkel war somit vorweg eine glänzende Zukunft eröffnet. Ursprünglich zur

diplomatischen Karriere bestimmt, wurde er als noch ganz junger Mann

während des Wiener Kongresses in der Staatskanzlei verwendet, wo er

durch seine Fähigkeiten und seine erstaunliche Arbeitskraft die

Aufmerksamkeit Metternichs erregte. Der Fürst zog ihn nunmehr näher an

sich heran, konnte ihn jedoch von der Richtigkeit des Regierungssystems,

das jetzt in Österreich mehr und mehr Platz griff, nicht überzeugen;

ihre Anschauungen gingen immer weiter auseinander, bis endlich der

Freiherr, bereits selbst in höherem Amte, zu jenen Persönlichkeiten

gehörte, die im Rate der Krone fortschrittliche Ideen entwickelten und

neue Institutionen ins Leben zu rufen trachteten. So war er denn auch

einer von denen, welche, trotz Rang und Würden, die so plötzlich

ausgebrochene Märzrevolution als erlösenden und verheißungsvollen

Umschwung begrüßten. In jener vielbewegten Zeit mit einer leitenden

Machtstellung betraut, mußte er gleichwohl infolge der zunehmenden

revolutionären Ausschreitungen Verfügungen erlassen, die ihn in den

Augen der Volksführer freiheitsfeindlich erscheinen ließen und ihn eines

Tags in die Lage brachten, sich vor einem erregten Pöbelschwarme, der

sein Wohnhaus umwogte und drohend eindringen wollte, mit seiner fast zu

Tode geängstigten jungen Frau in dem engen Zwischenraume einer Doppeltür

verborgen zu halten. Dennoch harrte er auf seinem Posten aus und

trachtete im Verein mit einigen Gleichgesinnten, den Kaiser, der sich

inzwischen nach Innsbruck begeben hatte, zur Rückkehr nach Wien zu

bestimmen, von welchem Schritte er Klärung der Verhältnisse und endliche

Beruhigung erwartete. Als aber trotzdem die Greuel der Oktobertage

folgten und der Hof nunmehr nach Olmütz zu fliehen gezwungen war, da

konnte er zu seinem tiefen Schmerze nicht umhin, denjenigen

beizustimmen, die schon in den ersten glorreichen Freiheitstagen das

Verderben und den Zerfall der Monarchie erblickt hatten. Er selbst mußte

jetzt -- mit welchen Gefühlen! -- die einziehenden Truppen

Windisch-Grätz' und des Banus als Retter und Erretter begrüßen, mußte

erkennen, daß die Regierung keine anderen Maßregeln ergreifen konnte,

als jene, die nun ein hochmütig zufahrender, gewaltsamer Staatsmann an

die Hand gab und denen der Freiherr selbst zum Opfer gefallen war .....

Noch immer stand dieser in Gedanken am Fenster. Endlich machte er eine

Handbewegung, als wollte er sagen: »Vorüber!« Dann griff er nach seinem

Hute und begab sich über die breite, von seinen Schritten leicht

hallende Steintreppe in den Park hinab.

Still und sonnig lag das Parterre mit seinen bunten Blumenbeeten vor ihm

ausgebreitet. Er durchschritt es und bog in einen breiten Baumgang ein,

der, sanft ansteigend, immer tiefer in die Schatten einer künstlich

geschaffenen romantischen Wildnis hineinführte. Ringsumher zeigten sich,

in höchst mannigfaltiger Abwechslung, bemooste Felsenpartien, kleine

Teiche und Wasserfälle, Grotten, Eremitagen, lauschige Bosketts mit

eröffneten Fernsichten: alles schon zu Ende des vorigen Jahrhunderts

angelegt und durch ein zierliches Labyrinth von auf- und abführenden

Pfaden miteinander verbunden.

Jetzt hielt der Freiherr still. Er hatte eine freiere Hochfläche

erreicht und stand vor einer großen Wiese, die sich, von Eichen und

alten Buchen umsäumt, in leuchtender Einsamkeit ausdehnte. Am anderen

Ende ragte, dicht vor einem kleinen Birkenwäldchen, ein sehr geräumiger,

etwas verwittert aussehender Pavillon auf, das Tirolerhaus genannt. Ein

hölzerner, gedeckter Gang umlief von außen das erste Stockwerk; die Tür

im Erdgeschoß stand offen, und auf einer daneben angebrachten Bank saß

die Gattin des Freiherrn, das Haupt durch einen breitrandigen

Florentiner Strohhut gegen die Strahlen der Sonne geschützt. Ein

aufgeschlagenes Buch lag in ihrem Schoße; sie selbst aber blickte

träumerisch vor sich hin. So tief schien sie in sich versunken, daß sie

den Nahenden lange nicht bemerkte, der nun quer über das schwellende

Grün der Wiese auf sie zuschritt.

Endlich hatte sie sein Erscheinen wahrgenommen, erhob sich und ging ihm

mit etwas langsamen, aber höchst geschmeidigen Gliederbewegungen

entgegen. Ihr schlanker Wuchs, noch mehr aber ihre ganz ungewöhnliche

Schönheit ließen sie um vieles jünger erscheinen, als sie in der Tat

war. Erst bei näherer Betrachtung erkannte man die völlig ausgereifte

Gestalt und jene etwas überschwellenden Formen, wie sie kinderlosen

Frauen eigen zu sein pflegen.

Jetzt stand sie vor ihm und schlang die weißen Arme, die aus

langgeschlitzten Hängeärmeln hervorschimmerten, leicht um seinen Hals.

»Du kommst spät«, sagte sie, ihre großen Augen, die blau wie Kornblumen

waren, zu ihm aufschlagend. »Ich habe dich schon lange erwartet.«

Er erwiderte fürs erste nichts und blickte nur in dieses Antlitz, das

bei aller rosigen Helle einen zart bräunlichen Hautton aufwies und von

einem solchen Zauber war, daß man es, auch nur einmal gesehen, nie

wieder vergessen konnte. Und er! Wie oft hatte er sich schon in den

unergründlichen Reiz dieser weichen und doch mit feinster Bestimmtheit

geschnittenen Züge versenkt! Wie oft den sanften Bug der Nase, den

unbeschreiblichen Liebreiz der Lippenbildung bewundert -- und wie wurde

er stets aufs neue davon überrascht und entzückt! Endlich sagte er: »Ich

bin zurückgehalten worden; es war eine Deputation bei mir.«

Sie ließ die Arme sinken. »Eine Deputation?« fragte sie betroffen.

»Erschrick nicht«, entgegnete er, indem er zärtlich mit seiner schon

etwas welken Hand über eine der dunklen Haarwellen strich, die zu beiden

Seiten ihres Hutes hervorquollen. »Es ist von gar keiner Bedeutung. Man

hat mir von seiten der Ortsgemeinde eine Huldigung dargebracht, von der

ich allerdings lieber verschont geblieben wäre. Da sie aber jetzt, wie

alles andere, bereits hinter mir liegt, so will ich sie gewissermaßen

als Abschluß meines öffentlichen Wirkens betrachten -- und nichts soll

fürder unsern lieben Schloßfrieden stören.«

»So hoffe ich!« sagte sie, sich an ihn schmiegend. »Und doch«, fuhr sie

nachdenklich fort, »fürchte ich auch, daß dir dieser Frieden, diese Ruhe

bald zur Last werden dürfte. Du bist so an Tätigkeit gewöhnt --«

»Ja,« antwortete er, während er seinen Arm sanft um ihre Mitte legte und

sie langsam nach der Bank zurück leitete, auf die sich nun beide

niederließen, »ja, ich bin an Tätigkeit gewöhnt -- aber ich bin auch

erschöpft. Wer, wie ich, das Werk seines Lebens zusammenbrechen sah, der

fühlt, daß er zu Ende ist und nicht etwa wieder von vorne anfangen --

oder gar nach einer anderen Richtung hin wirksam sein kann. So ist man

auch nur meinem eigenen Wunsche zuvorgekommen, als man mich, freilich

ziemlich ungnädig, in den Ruhestand versetzte, und wenn mich heute noch

ein bitteres Gefühl beschleicht, so ist es nur die Folge der

Überzeugung, daß der Staat auf Bahnen zurückgeworfen wurde, die nie und

nimmer zum Heile führen können. Wie unsicher, wie drohend erscheinen die

Verhältnisse! Des Aufstandes in Ungarn ist man noch nicht Herr geworden,

-- Konflikte mit Deutschland hinsichtlich der Machtfrage scheinen sich

vorzubereiten. Österreichs Zukunft ist es, was mich mit tiefer Sorge

erfüllt. Könnte ich _darüber_ beruhigt sein, so würde ich mich glücklich

preisen, endlich mir selbst -- und meinem geliebten Weibe leben zu

können.«

Er hatte bei diesen Worten ihre Hand erfaßt, um sie an die Lippen zu

führen; sie aber bot ihm den Mund zu einem vollen, langen Kusse.

So ungleich auch das Paar erscheinen mochte, der Austausch dieser

ehelichen Zärtlichkeit hatte nichts Befremdliches. Denn der betagte

Mann, der die blühende Frau umschlang, gehörte zu jenen seltenen

Menschen, welche ohne Nachteil alt werden können. War auch sein Haar

ergraut, sein Scheitel gelichtet: seine schlanke, vornehme Gestalt war

aufrecht und beweglich geblieben, und der geistige Adel seiner Stirn,

der klare Blick seiner Augen wurden durch den fein sinnlichen Zug, der

die Lippen umspielte, keineswegs geschädigt, sondern nur noch

eindringlicher hervorgehoben. War er doch, als er zu Anfang der

Vierziger Jahre einem öffentlichen Verwaltungsamte vorstand, im

Volksmunde stets der »schöne Präsident« genannt worden. Und damals

geschah es auch, daß er sich, nahezu ein Fünfziger, in die Tochter eines

seiner ihm unterstehenden Räte beim ersten Anblick leidenschaftlich

verliebt, daß er um sie geworben -- und ein freudiges Jawort erhalten

hatte. Er war viel zu klug, um nicht einzusehen, daß dabei sein Rang und

seine Glücksgüter sehr bedeutend in die Wagschale gefallen waren; aber

er hatte trotzdem die überzeugende Empfindung, daß er seine kaum

zwanzigjährige Braut auch durch die Vorzüge seiner Persönlichkeit

fesselte und ihr durch die unverbrauchte Kraft seines im Innersten

jugendlich gebliebenen Wesens fast jene Liebe einflößte, die er selbst

für sie empfand. Ja, er wurde beglückt -- aber auch er beglückte. Daran

konnte, durfte er nicht zweifeln im Laufe einer nunmehr fast

zehnjährigen Ehe. Aber wird dieser beseligende Zustand Dauer haben

können? Auch jetzt noch, da er nun in der Tat die Schwelle des

Greisenalters beschritten hatte? Und später ....?

Diese Gedanken mochten es sein, die seine Stirn umwölkten und ihn mit

gedämpfter Stimme sagen ließen: »Ja, ich werde hier glücklich sein,

Klothilde. Aber auch _du_?«

Sie sah ihn überrascht an. »Ich!? Wie kannst du nur daran zweifeln? Du

weißt doch, wie sehr ich unser schönes Kostenitz liebe. Und jetzt, da

wir uns ganz hier einleben können -- was stets das Ziel meiner geheimen

Wünsche war -- jetzt sollte ich nicht glücklich sein können?«

Er sah, daß sie ihn nicht verstand. »Ich meinte es auch nicht so«, sagte

er leise. »Ich zweifelte nur, ob du dich auch ferner an _meiner_ Seite

hier glücklich fühlen wirst.«

Sie verfärbte sich leicht. »An _deiner_ Seite?« rief sie. »Wie kommst du

zu dieser Frage, Alfons?«

Er senkte das Haupt. »Weil ich älter und älter werde -- und du noch im

vollen Zenith deines Lebens stehst.«

Nun hatte sie ihn begriffen. Sie sprang auf, legte die Hände auf seine

Schultern und blickte ihm erschreckt und vorwurfsvoll ins Antlitz.

»Alfons, was willst du damit sagen? Wer gibt dir ein Recht, so zu

sprechen?«

»Meine innerste Empfindung«, antwortete er demütig, indem er ihre beiden

Hände ergriff und sie sanft an die Lippen führte. »Verzeih' mir,

Klothilde! Es war gewiß töricht, daß ich dieser Empfindung Ausdruck

gegeben -- aber ich konnte nicht anders.«

Sie stand vor ihm und sah ihm tief in die Augen. »Mein Gott, ich fasse

es nicht. Hast du denn etwas an mir wahrgenommen, das dich zu solchen

Besorgnissen --«

»O nichts! Nichts!« unterbrach er sie hastig. »Du bist ein Engel an Güte

und Zärtlichkeit!«

»O dann,« rief sie, »dann begreife ich nicht, wie du dich mit solchen

Gedanken quälen kannst! Alfons!« fuhr sie fort, indem sie jetzt, eh' er

es noch verhindern konnte, rasch an ihm niederglitt, knieend seine Hand

ergriff und wiederholt an die Lippen drückte. »Alfons! Muß ich dir denn

erst versichern, daß es kein glücklicheres Weib geben kann, als ich es

bin? Fühlst du denn nicht, wie innig ich dir angehöre? Und nun gar hier,

ferne von den verwirrenden Eindrücken der Welt, in die ich mich, das

weißt du, nie -- niemals habe finden können. O, hier kann sich ja unser

_beider_ Glück nur erhöhen, und wenn dir, wie gesagt, die Untätigkeit

nicht zur Last wird, dann wird auch nichts den Himmel unserer Tage

trüben!«

Der Hut war ihr in den Nacken gesunken, und ihr schönes Haupt kam ganz

und voll zum Vorschein. Er streichelte mit Kosen die dunkle Haarfülle,

die ihre zarte, schimmernde Stirn umfloß. »Kann es denn ein besseres Tun

geben, als still in deiner Nähe zu atmen?« sagte er lächelnd, während er

sie mit sanfter Gewalt wieder auf die Bank emporzog. Ȇbrigens ganz und

gar müßig werde ich trotzdem nicht sein. Denn ich habe vor, die

Geschichte der Jahre zu schreiben, die ich im Staatsdienste zugebracht.

Sie wird vielleicht einem späteren Geschlechte zugute kommen.«

»Das ist ja herrlich!« rief Klothilde vergnügt aus. »Werde doch auch ich

meine Beschäftigungen -- oder Liebhabereien wieder aufnehmen, die mir so

lange verwehrt und verkümmert waren. Schon habe ich meine

eingetrockneten Aquarellfarben hervorgesucht -- und gleich morgen gehe

ich an die Landschaft, die ich bereits vor einem Jahre begonnen. Und wie

will ich mich wieder auf meinem Klavier üben! Jeden Abend sollst du eine

Sonate oder eine Symphonie zu hören bekommen.«

Er lächelte ihr mit stiller Beistimmung zu.

»Und wenn Tante Lotti kommt, dann sind wir auch nicht mehr so ganz

allein. Dann haben wir einen guten Hausgeist, der sich um alles kümmern

wird, was deine Frau vernachlässigt. Es ist dir doch recht,« setzte sie

nach einer Pause hinzu, »daß ich sie gebeten habe, unser beständiger

Gast zu sein?«

»Gewiß. Die Ärmste verdient unsere ganze Teilnahme, und wir erfüllen nur

eine Pflicht, wenn wir ihr nach all dem Unglück, das sie getroffen, bei

uns ein Asyl anbieten.«

»Sie ist so gut!« fuhr Klothilde fort. »Und dabei so umsichtig, so

tüchtig! Wie bewundernswert hat sie nach dem frühen Tode ihres Mannes

ihren Sohn erzogen. Und welche Seelenstärke hat sie bewiesen, als sie

den hoffnungsvollen Jüngling in ihren Armen verbluten sah.«

»Ja, dieser Kampf an der Taborbrücke«, sagte der Freiherr nachdenklich,

»war das Verhängnis der Revolution. Ich hatte den armen August gewarnt,

aber er konnte -- oder wollte nicht mehr zurück.«

Sie sah, daß sich die Stirn des Gatten umwölkte, und suchte seine

Gedanken abzulenken. »Willst du dir nicht das Haus ansehen?« fragte sie.

»Ich habe mich darin schon wieder vollständig eingerichtet. Komm, ich

werde dich führen!«

Sie stand auf, und er folgte ihr, indem er seinen Arm leicht unter den

ihren schob. Sie traten in den kleinen Flur und stiegen die knarrende

Holztreppe hinan, die nach einem nicht ungeräumigen, wenn auch niederen

Gemach führte. Es war in ländlichem Geschmack mit Möbeln aus Naturholz

eingerichtet; an den Wänden hingen, dunkel eingerahmt, und schon

ziemlich verblaßt, Tiroler Gebirgsveduten; in der Mitte aber, über einer

sauber geschnitzten, mit harten Kissen belegten Sitztruhe, prangte in

sorgfältig koloriertem Steindruck das Bildnis Andreas Hofers. Die ganze

Ausstattung rührte noch von der Mutter des früheren Schloßbesitzers her,

die einige Jugendjahre in Tirol zugebracht und zur Erinnerung an diesen

Aufenthalt das kleine Gebäude hatte herstellen und mit Vorliebe betreuen

lassen. Sie pflegte, wie behauptet wurde, während ihrer letzten

Lebensjahre fast die ganze Tageszeit hier zuzubringen, und ein

anstoßendes Zimmerchen zeugte von ihren sonstigen Gewohnheiten und

Liebhabereien. Dort war alles im zierlichen Stil des Empire

eingerichtet. Vor einem winzigen Kanapee stand ein putziges

Spieltischchen aus Ebenholz, an welchem die alte Dame Patience legte

oder mit ihrer Vorleserin eine Partie L'Hombre machte. Ein kleines,

brüchiges Spinett hatte seinen Platz dicht am Fenster; auf der anderen

Seite befand sich eine offene Handbibliothek, die eine ganze Serie

älterer Dichter, wie Klopstock, Uz, Hagedorn, Gellert, enthielt; alles

in wohlerhaltenen altmodischen Einbänden von braunem Leder. Die Werke

Jean Pauls fanden sich vor, samt einem Exemplar der ersten Ausgabe des

Werther; auch einige Dramen Schillers und Tiedges Urania. Auf dem

geräumigen Tische des Eintrittszimmers lagen ebenfalls Bücher, die sich

durch frische und moderne Einbände als Lektüre der jetzigen Herrin zu

erkennen gaben.

»Da siehst du nun alles beisammen,« sagte Klothilde, nachdem sie

eingetreten waren, »was ich außer dir zu meinem Glück brauche. Hier

meine geliebten Bücher, vor allen mein Lenau« -- sie nahm den Band wie

liebkosend auf -- »und dort meine Staffelei. Selbst das Klimperkästchen

da drinnen ist mir unschätzbar; denn ein paar Kleinigkeiten von Mozart

lassen sich immerhin darauf spielen.«

Er stand jetzt vor der zierlichen Staffelei, an welcher die von

Klothilde erwähnte Landschaft zu erblicken war. Sie stellte ein

lauschiges, wipfelumschattetes Felsental vor; von der Höhe stäubte ein

Wasserfall nieder. Im Vordergrunde fanden sich einige Frauengestalten in

idealer Gewandung angedeutet.

»Daran erkennt man doch gleich die Schülerin Markos«, sagte der

Freiherr, das Bild betrachtend.

Es war so. Klothilde hatte als ganz junges Mädchen von diesem Meister,

der, wie in jenen Tagen viele seiner Kunstgenossen, zu solchem

Nebenverdienst greifen mußte, Unterricht erhalten. Man konnte sie begabt

nennen; aber über den Dilettantismus erhob sie sich nicht, wie denn

überhaupt ihre ganze Bildung, den Zeitverhältnissen entsprechend, der

Gründlichkeit entbehrte. Nur die zugänglichste Oberfläche des Wissens

hatte sie in sich aufgenommen mit dem feinen Instinkte der damaligen

Frauen, welche an geistiger Empfänglichkeit die Männer fast durchgehends

überragten. So gingen denn die Kenntnisse Klothildens nicht sehr weit

über das hinaus, was ihr durch die gleichzeitige schöne Literatur

vermittelt wurde, und auch da war es eigentlich nur das schwermütig

sentimentale Element, das sich in den Dichtungen Lenaus, oder das Zarte

und Sinnige, wie es sich in den Studien Adalbert Stifters aussprach, was

sie unmittelbar anzog; der tiefe Gehalt unserer Klassiker war ihr mehr

oder minder verschlossen geblieben. Hingegen zeigte sie sich musikalisch

ungemein stark veranlagt und auch umfassend ausgebildet. War doch in

ihrem Vaterhause, mehr als heutzutage üblich, die Kammermusik gepflegt

worden, und Klothilde selbst hatte stets am Klavier an diesen

liebevollen Übungen teilgenommen. Vor allem waren es die

unerschöpflichen Tonschätze Beethovens, an denen man sich immer wieder

entzückte, und so besaß sie für diesen Meister nicht bloß die

begeistertste Verehrung, sondern auch das tiefste Verständnis.

»Hier werde ich nun wieder meine Vormittage zubringen«, sagte sie jetzt.

»Wie dankbar bin ich der guten Gräfin, deren Geist mich in diesen Räumen

umschwebt, daß sie das reizende Häuschen entstehen ließ!«

»Nun, nun,« erwiderte der Freiherr scherzhaft, indem er sich unter dem

tapferen Sandwirte niederließ, »ich werde noch ganz eifersüchtig werden

auf dieses Buen Retiro, welches überdies so einsam gelegen ist, daß du

mir ganz leicht eines Tages geraubt werden kannst.«

»O ich fürchte mich nicht!« lachte sie. »Du weißt, wie ängstlich ich

bin; aber hier fühle ich mich so sicher, wie in deinen Armen.«

Sie hatte sich zu ihm gesetzt, und beide blickten nun schweigend durch

eine offenstehende Flügeltür in das leuchtende Grün hinein, das draußen

über dem Geländer des Ganges zum Vorschein kam. Eine Biene surrte ins

Zimmer herein und umkreiste langsam einen Strauß von Wiesenblumen, der,

offenbar von Klothilde gepflückt, in einer altmodischen Vase vor ihnen

stand.

Plötzlich erklang in der Ferne der schrille Ton einer Glocke.

»Wie rasch die Zeit vergeht!« rief Klothilde. »Man läutet schon zu

Tisch.«

»Offen gestanden, mir nicht ganz unerwünscht«, sagte der Freiherr, indem

er sich erhob. »Ich spüre bereits die Wirkungen der Landluft.«

So verließen sie denn das kleine Haus und schritten gemächlich, die

schattigsten Laubgänge wählend, dem Schlosse zu.

»Wenn es dir recht ist,« sagte Klothilde, indem sie sich zutraulich an

seinen Arm hängte, »so machen wir nachmittags gleich unseren ersten Gang

in den Wald. Wie lange schon haben wir ihn nicht mehr betreten! Willst

du?«

»Gewiß,« erwiderte er; »alles was _du_ willst.«

Bald darauf betraten sie das Eßzimmer im Erdgeschosse. Es war ein

kühler, weit gewölbter Raum, wo sich das Paar allerdings etwas

vereinsamt ausnahm. Ein würdig aussehender Kammerdiener reichte mit

zeremoniellem Ernst die Speisen dar.

Nachdem der Freiherr die gewohnte Siesta gehalten, brachen sie nach dem

Walde auf, der hinter dem Schlosse lag. Ein kleines Hinterpförtchen in

der Umfassungsmauer des Parkes, das der Freiherr aufschloß, führte

zuerst auf ein Feld hinaus, wo die Ähren, von rotem Mohn durchleuchtet,

bereits eine gelbliche Färbung angenommen hatten. Sie durchschritten es

auf einem schmalen Pfade, dann traten sie in das duftige Bereich des

Nadelholzes. Langsam bewegten sie sich im Anstiege fort, bis sie endlich

eine Waldblöße erreicht hatten, wo eine alte, breitästige Föhre

aufragte. Eine Ruhebank stand davor, und an dem rötlich grauen Stamm war

ein Bild zu sehen: das schöne, leidvolle Antlitz einer ^mater dolorosa^.

Klothilde selbst hatte es vor einigen Jahren nach einem älteren Meister

kopiert und an ihrem Lieblingsbaume angebracht. Trotz einer schützenden

Überdachung hatten die Gouachefarben bereits gelitten und Klothilde nahm

sich vor, nächstens ihren Malkasten mitzunehmen und den Schaden

auszubessern.

Die Sonne stand schon tief, als sie wieder in das Schloß zurückkehrten.

Nach einer kurzen Trennung fanden sie sich wieder im Salon zusammen.

Draußen hatten sich die Fluren bereits in Dämmerung gehüllt, die der

Schimmer des zunehmenden Mondes leicht durchbrach. Bald wurden die

Lampen gebracht, und man nahm den Tee, worauf sich Klothilde am Klavier

niederließ und die Mondscheinsonate zu spielen begann. Zauberhaft

quollen die Töne unter ihren Händen auf und drangen durch die offene

Altantür in die schweigende Landschaft hinaus, welche jetzt von dem

sanften Silbergestirn immer leuchtender erhellt wurde. Und als dann

später die beiden Gatten auf dem Altan standen und in die azurene Nacht

emporblickten, da wölbte sich der Himmel mit seinen unzähligen Sternen

wirklich über zwei glücklichen Menschen.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 42 / 53 题