»Gewiß«, fuhr der andere fort. »Und da ließe sich vielleicht eine ganze
neue Spielart zuwege bringen; die können Sie dann ^Passiflora Conimor^
nennen.«
»^Passiflora Conimor^«, wiederholte der Baron gedankenlos, denn er
starrte wieder nach Elsa, die sich inzwischen von ihm entfernt hatte.
In diesem Augenblicke wurden die Türflügel des anstoßenden Speisezimmers
geöffnet, und ein Diener in schwarzem Frack meldete, daß serviert sei.
Elsa schob leicht ihren Arm unter den meinen; Röber führte Frau von
Ramberg, die mit dem Direktor ein Gespräch begonnen hatte, und wir
ließen uns alle an dem Tische nieder, der mit kostbarer Einfachheit
gedeckt war: schweres Linnen, schwere Kristallgläser, massives Silber.
Keine Blumen (denn wie mir Elsa zuflüsterte, liebte Röber sie nicht auf
der Tafel); nur eine alte getriebene Fruchtschüssel, in welcher, von
großen Gartenerdbeeren umgeben, eine Ananas goldig erglänzte, hob sich
farbig von dem funkelnden und schimmernden Weiß ab. Auch das Menu sprach
für den Geschmack der Wirte: wenige Gänge, aber ausgesuchte, seltene
Gerichte; Bordeaux und Champagner.
Elsa saß zwischen mir und dem Direktor. Dieser hatte gleich nach der
Suppe seinen Bericht begonnen, den er, von teilnehmenden Fragen der
Hausfrau des öfteren unterbrochen, mit einem salbungsvollen Sermon über
den Segen der modernen Humanität schloß. Die Unterhaltung wurde nun
allgemein. Conimor gab die neueste Turfanekdote zum besten. Man kannte
sie aber schon und sie fand daher wenig Anklang. Die Künstler sprachen
selbstverständlich von allerlei, das in ihr Fach schlug: der Maler von
dem Bismarckbildnisse Lenbachs, der Architekt von einem verfallenen
Schlößchen, das ein Graf X in Tirol gekauft habe und dessen
Restaurierung demnächst in Angriff genommen werden sollte, der Musiker
von der Aufführung des Parzival, die in Bayreuth bevorstand. Meine
Tischnachbarin zur Linken, Frau von Ramberg, gab mir sehr eindringlich
ihre Begeisterung für einen norwegischen Dichter zu hören, welcher eben
damals mit seinen Dramen Aufsehen erregte, später aber durch Henrik
Ibsen vollständig verdrängt wurde. Röber überwachte mit scharfen Blicken
den Fortgang des Diners, während er mit dem neben ihm sitzenden Malinsky
von Zeit zu Zeit einige vertrauliche Worte wechselte.
Nicht allzu lange dauerte es, so wurde die Tafel aufgehoben, und man
begab sich, um den Kaffee zu nehmen, in den Salon, da einstimmig erklärt
wurde, auf der Terrasse sei es noch zu heiß.
Nachdem der Direktor seine Tasse und ein Gläschen Chartreuse geleert
hatte, bewegte er sich, eine der schweren Zigarren, die Röber seinen
Gästen dargereicht, unangezündet zwischen den dicken Fingern, verlegen
auf seinem Stuhle hin und her. Endlich erhob er sich und stammelte, man
möge verzeihen, daß er sich leider entfernen müsse. Er habe eine
Verabredung mit seiner Frau getroffen, die ihn in Schönbrunn erwarte.
Elsa reichte ihm sehr freundlich die Hand, die er untertänig an die
wulstigen Lippen drückte. Wie schön, wie weiß war jetzt -- ich hatte sie
schon bei Tisch bewundert -- diese Hand, an deren schlankem Goldfinger
ein prachtvoller Saphir glänzte.
»Ich hoffe, vor meiner Abreise Ihre Zöglinge noch persönlich aufsuchen
zu können; wenn nicht, so erhalten Sie jedenfalls das Bewußte
zugesendet.«
Kaum war der Direktor, der sich in der Nähe der Tür noch einmal mit
einem tiefen Knix umgewendet hatte, wobei er nach Weiberart an seine
langen Rockschöße griff, verschwunden, als auch Röber sich erhob.
»Ich muß ebenfalls aufbrechen,« sagte er, »und kann nur bedauern, die
Gegenwart so angenehmer Gäste nicht länger genießen zu können.«
Man sah, wie Elsa erbleichend zusammenzuckte. »Wie?« fragte sie mit
gepreßter Stimme, »du willst fort? Du hast doch versprochen, den Abend
hier zuzubringen -- endlich einmal«, setzte sie leiser hinzu.
»Ja, ich habe es versprochen«, erwiderte er kalt. »Aber ich kann mein
Versprechen nicht halten. Eine wichtige Angelegenheit zwingt mich, nach
der Stadt zu fahren.«
»Heute? An einem Sonntag?« fragte Frau von Ramberg spitz.
»Meine Angelegenheiten kennen keinen Sonntag, gnädige Frau.« Dann wandte
er sich zu Elsa. »Malinsky wird es dir bestätigen; er kommt mit mir.«
»Allerdings«, sagte dieser, indem er seine durchfurchte Stirn noch mehr
in horizontale Falten legte. »Es geht nicht anders, Verehrte.« Er erhob
sich zum Abschied.
Elsa schien ihn gar nicht gehört zu haben.
»Geh' nur, geh'!« sagte sie, das Haupt zurückwerfend, heftig zu Röber.
»Wir können auch ohne dich ausfahren.«
»Gewiß,« erwiderte er mit einem harten Blicke; »du wirst mit Conimor
fahren.«
»Nun, wenn du es durchaus willst --« versetzte sie, nervös erbebend, und
sah ihn mit weit geöffneten Augen an.
»Ja, ja!« rief der Baron vergnügt, »wir fahren miteinander! Mein Fiaker
hat heute ein ganz neues Zeug'l -- famos!«
Elsa achtete nicht darauf. »Und wann kommst du zurück?« fragte sie,
schwer atmend.
»Das weiß ich nicht. Es dürfte spät werden, und da übernachte ich besser
gleich in der Stadt.«
Nachdem er dies in eisigem Tone gesprochen hatte, verbeugte er sich nach
rechts und links; dann trat er, wie sich besinnend, an mich heran und
reichte mir mit einem Anfluge seines früheren Hochmutes die Hand. »Ich
hoffe, Sie wohl noch ein andermal zu sehen.«
Als er sich mit Malinsky entfernt hatte, trat eine peinliche Stille ein.
Man sah, in welcher Gemütsverfassung sich Elsa befand, und war in
Verlegenheit, wie man darüber hinwegkommen sollte. Selbst der joviale
Architekt wußte sich nicht zu helfen; er trommelte auf den Scheiben der
Glastür, die auf die Terrasse führte, während Frau von Ramberg ihren
sichtlichen Ärger hinter einem Zeitungsblatt verbarg, das sie zur Hand
nahm. Der Maler aber näherte sich betrachtend den Bildern, die an den
Wänden hingen; darunter auch eine arg verstrichene Farbenskizze von
Makart, welche die Hausfrau in einem ungeheueren Rembrandthute
vorstellte. Zuletzt vertiefte er sich sehr angelegentlich in einen ganz
kleinen Pettenkofen, der in der Nähe eines Fensters angebracht war. Nur
Conimor kam nicht aus dem Gleichgewichte. Er goß sich höchst munter ein
zweites Glas Chartreuse ein und vertauschte seine Zigarre, die er in den
Aschenbecher warf, mit einer zarten Papyros.
»Wie heiß es hier ist!« rief Elsa plötzlich, indem sie ihren Fächer
heftig auseinander schwirren ließ.
»Soll ich die Tür öffnen?« fragte der Architekt.
»Bitte!«
Er tat es. Die Luft, die hereindrang, war allerdings noch von der
Nachmittagssonne durchglüht; aber ihr würziger Hauch erquickte doch und
verteilte sich wohltuend in dem rauchigen Raume.
Man atmete freier auf, und auch Elsa schien sich allmählich zu fassen.
»Lieber H...,« sagte jetzt Frau von Ramberg herablassend zu dem Musiker,
der inzwischen regungslos dagesessen hatte, »Sie haben bei Tisch von der
neuesten Schöpfung Wagners gesprochen. Sie kennen sie gewiß schon --
wenigstens zum Teil. Können Sie uns nichts daraus vorspielen?«
»Den Anfang, wenn Sie wollen«, erwiderte der Gefragte trocken.
»O ja! Wir bitten darum!« rief Elsa aus ihren Gedanken heraus. »Nicht
wahr?« wendete sie sich fragend an mich; sie hatte sich offenbar erst
jetzt wieder auf meine Anwesenheit besonnen.
Der Musiker erhob sich, trat an den Stutzflügel, der in der Nähe der
Gartentür stand, und öffnete ihn, während alles Platz nahm.
Jetzt begann er zu spielen. In feierlichen, vibrierenden Schwingungen,
sofort an die Eigenart ihres Urhebers mahnend, quollen die Töne auf.
Der Architekt, wie um gesammelter zuzuhören, schloß die Augen; der Maler
drehte, etwas zerstreut, die Enden seines feinen blonden
Schnurrbärtchens; Conimor, die Hände in den Hosentaschen, öffnete den
Mund. Frau von Ramberg hatte sich neben Elsa gesetzt und lauschte mit
zurückgeworfenem Haupte und übereinandergeschlagenen Beinen. Elsa
blickte starr vor sich hin; von Zeit zu Zeit schien ein leichter
Schauder durch ihren Körper zu gehen.
Das Spiel war zu Ende und tiefe Stille trat ein. Der Architekt fuhr
empor; man merkte, daß er geschlummert hatte. Endlich sprach Frau von
Ramberg: »Großartig! Erhaben!«
»Das eigentlichste Werk des Meisters, eine Offenbarung«, bekräftigte
H.... barsch.
»Hm -- ja«, sagte Conimor, indem er aufstand und näher trat. »Aber was
Sie letzthin gespielt haben, hat mir noch viel besser gefallen. Sie
wissen, das Stück da -- aus Tristan und Isolde --«
»Isoldens Liebestod«, versetzte der Musiker kurz, ohne ihn anzusehen.
»Ach ja, Isoldens Liebestod!« rief Elsa hastig. »Er ist wundervoll!
Spielen Sie ihn doch!«
»Wird es Sie nicht zu sehr angreifen, meine Liebe?« fragte die Ramberg
mit gedämpfter Stimme. »Ich fürchte --«
»Ach nein, nein! Es tut nichts! Bitte, liebster H...!«
Dieser legte wieder die langen, vertrockneten Finger auf die Tasten,
während sich Conimor auf ein kleines Tabouret niederließ, das zufällig
ganz nahe hinter dem Fauteuil Elsas stand.
So trat denn neuerdings erwartungsvolles Schweigen ein, und bald darauf
entwickelte sich aus glau ineinander zitternden Klangwellen heraus, in
allmählichen, grausam wollüstigen, immer wieder in sich zurücksinkenden
Steigerungen, der gewaltsamste Angriff auf die menschlichen Nerven, den
die Tonkunst kennt. Die Wirkung war auch hier eine geradezu körperliche:
Jeder fühlte sich in seiner Weise gepackt, überwältigt, gepeinigt,
entzückt, aufgelöst. Selbst Frau von Ramberg konnte ihre Würde nicht
behaupten; sie fing an, sich auf ihrem Sitze wie eine Schlange zu
winden. Elsa lag weit zurückgelehnt in dem niederen Fauteuil, ohne zu
merken, daß ihr Haar den Arm Conimors berührte, den dieser auf die Lehne
gelegt hatte. Sie war bleich, und ein hastiges, gleichmäßiges Zucken
erschütterte ihren Leib. Plötzlich stieß sie einen durchdringenden
Schrei aus.
Alles sprang erschrocken auf; nur der Musiker blieb ruhig sitzen, die
Finger auf den Tasten.
»Ich hab' es ja gewußt!« rief Frau von Ramberg, mehr erzürnt als
besorgt, indem sie mit ihrer dürren Hand über die Stirn Elsas strich.
Diese sah aus wie eine Tote, ihr Blick war gebrochen. Dennoch erhob sie
sich, mühsam nach Atem ringend, nahm den Arm der Dame und wankte, auf
der andern Seite von Conimor unterstützt, aus dem Salon. Man hörte, wie
sie draußen in ein krampfhaftes Weinen ausbrach.
»Schöne Bescherung!« sagte der Architekt nach einer Pause. Dann sich zu
H.... wendend: »Da haben Sie die Wirkungen der Wagnerschen Musik.«
»Was kann Wagner dafür, daß die Leute krank sind«, versetzte der andere
phlegmatisch.
»Wie aber stünd' es um ihn, wenn sie's nicht wären?«
»_Sie_ sind jedenfalls gesund«, sagte H...., indem er aufstand und ihm
mit einen leichten Schlag auf den wohlgenährten Leib versetzte. Dann sah
er nach der Uhr. »Schon sechs. Ich muß nach Lainz hinüber. Adieu.« Er
verbeugte sich nachlässig und ging.
»Alter Musikbär!« brummte der Architekt und folgte dem Maler und mir
über die Terrasse in den Garten, wo wir ziemlich einsilbig das blumige
Rondell des Vorplatzes umschritten. Draußen, hart am Gitter, im Schatten
überhängender Zweige stand der Fiaker Conimors; in der Tat ein sehr
»fesches Zeug«, dessen Lenker, auf dem Kutschbock ausgestreckt, den
Schlaf des Gerechten schlief.
Jetzt kam der Baron zurück und gesellte sich zu uns. Wir sahen ihn
fragend an.
»Ich weiß nichts«, sagte er, die Achseln zuckend. »Sie hat sich mit Frau
von Ramberg auf ihr Zimmer begeben.«
Es dauerte nicht lange, so erschien diese auf der Terrasse und schritt
uns, sichtlich erregt, mit wichtiger Miene entgegen.
»Die Frau des Hauses ist noch immer nicht wohl«, sagte sie.
»Doch nichts Gefährliches?« forschte Conimor angelegentlich.
»Ich hoffe nicht. Jedenfalls aber kann sie sich heute nicht mehr zeigen.
Die Herren wollen sich also in ihren weiteren Plänen für den Abend nicht
stören lassen. Sie aber, Baron Sigi, fahren sofort nach der Stadt zu
Doktor Breuer, auf daß er, wenn möglich, noch heute herauskommt.«
»Soll geschehen«, versetzte Conimor, näherte sich dem Gitter und rief
den Kutscher an. Er mußte es noch zweimal tun, bis dieser emporschrak,
schlaftrunken um sich blickte und, endlich die Sachlage begreifend, beim
Tor der Villa vorfuhr.
»Und was tun _wir_?« wandte sich der Architekt an den Maler.
Dieser blickte unschlüssig vor sich hin.
»Wenn die Herren wollen, nehme ich Sie mit«, sagte Conimor mit einer
einladenden Armbewegung.
»Ja, haben wir denn alle drei Platz?« fragte der umfangreiche
Baukünstler mit einem Blick nach dem zierlichen Gefährt.
»Ach was, wir nehmen den Baron auf den Schoß!« erklärte der Maler.
Die Herren stiegen ein.
Nachdem der Wagen fortgerollt war, sah mich Frau von Ramberg von der
Seite an und fragte: »Sie kennen Elsa schon lange?«
»Allerdings -- ziemlich lange.«
»Und auch, wie sie mir selbst gesagt hat, ihre früheren Verhältnisse. Da
werden Sie sich wohl manches von dem erklären können, was Sie heute
wahrgenommen.« Sie erwartete, daß ich etwas darauf sagen würde. Da dies
aber nicht geschah, fuhr sie fort: »Das ist die Folge, wenn man einem
Manne alles opfert. Offen gestanden, habe ich Elsa, nachdem ich ihren
Roman gelesen, für eine weitaus bedeutendere Frau gehalten. Sie ist doch
nur eine beschränkte, weichmütige Wienernatur und brachte es nicht
einmal dahin, daß Röber sie geheiratet hat. -- Ich glaube, sie wollte
Ihnen Eröffnungen machen und Ihren Rat erbitten«, setzte sie nach einer
Pause hinzu, offenbar ärgerlich über mein andauerndes Schweigen, das ihr
gewiß sehr einfältig erschien. »Aber da ist nicht zu raten und nicht zu
helfen. Er liebt sie eben nicht mehr. Auch sonst ist die Arme sehr übel
daran. Sie hat nämlich in letzter Zeit öfter derlei Anfälle, und die
Ärzte verstehen ihren Zustand gar nicht, wenn sie ihr Bewegung
verordnen. Ich halte das Ganze für den Beginn einer höchst traurigen
Frauenkrankheit.«
Mit diesem kategorischen Ausspruch zog sie das Kinn zu kurzem Gruß an
und entließ mich.
Ich aber trat in den lauen, dämmerigen Abend hinaus. Auf dem Hietzinger
Platze wimmelte es von Menschen und Fuhrwerken aller Art, die bereits
samt und sonders der Stadt zustrebten, während bei Dommayer lustige
Musik erklang und immer neue Scharen von Besuchern den Schönbrunner Park
verließen. Mitten in diesem bunten Gewoge schritt auch ich jetzt, meinen
Gedanken nachhängend, dahin.
* * * * *
Als ich mich im Laufe der nächsten Tage, meinen Besuch in Penzing
erledigend, nach dem Befinden Elsas erkundigte, erhielt ich in der Villa
den Bescheid, daß sie auf dringendes Anraten der Ärzte eine altbewährte
Wasserheilanstalt aufgesucht habe.