VIII.

So begab ich mich denn doch zu Dommayer und blieb dort bis hart an drei

Uhr sitzen. Endlich betrat ich die Hetzendorfer Straße und dachte beim

Anblick der neuen schimmernden Villen an die unscheinbare Reihe

schlichter, kleiner Landhäuser, welche in früherer Zeit hier gestanden.

An Ort und Stelle angelangt, wurde ich von einem Livreediener in einen

großen, ebenerdigen Salon geführt, wo der Hausherr mit sechs männlichen

Gästen bereits anwesend war. Ich sah, daß Röber bei meinem Erscheinen

leicht errötete, und er konnte seine Verlegenheit nicht ganz bemeistern,

während er mir mit ausgesuchter Höflichkeit entgegenschritt.

»Elsa hat mir gesagt, daß wir heute das Vergnügen haben würden, Sie zu

empfangen; ich freue mich außerordentlich. Die Damen werden wohl gleich

erscheinen; darf ich Sie einstweilen mit diesen Herren bekannt machen?«

Der Architekt, ein behäbiger, jovialer Lebemann und infolge des feinen

Kunstsinnes, den er als Hersteller geschmackvoller Interieurs bewährte,

in den vornehmsten Kreisen gesucht und beliebt, war schon auf mich

zugekommen und schüttelte mir die Hand, während der Musiker H..., ein

ergrauter Apostel Richard Wagners, sich mit einem apathischen Kopfnicken

begnügte. Der Maler, schlank und blond, der mir bloß dem Namen nach

bekannt war, verneigte sich mit verbindlicher Schüchternheit wie ein

junges Mädchen.

Ganz unbekannt waren mir: Herr Malinsky, Geschäftsfreund Röbers; eine

hagere Gestalt mit fast kahl geschorenem Haupte, aber endlos nach rechts

und links abstehendem Backenbarte. Sein Antlitz war schlaff und

durchfurcht, sein Blick matt und doch durchdringend wie der eines

Croupiers. Dann ein schmächtiger Jüngling mit nachlässiger, vornüber

gebeugter Haltung, dünner Habichtsnase, ein rundes Stück Glas ins rechte

Auge geklemmt. Er wurde mir als Baron Conimor vorgestellt und bemühte

sich, verständnisinnig zu lächeln, als ihm mein Name genannt wurde.

Dabei sah man ihm die Zuversicht an, daß der Nimbus kolossalen

Reichtums, der den seinen umstrahlte, keineswegs verfehlen würde, die

richtige Wirkung zu tun. Ganz zuletzt tauchte, gewissermaßen wie aus

einem Versteck, ein kleiner dicker Mann mit Säbelbeinen, ungeheuerer

Stirn und wulstigen Lippen über dem verschwindend kurzen Kinn auf: der

Direktor des neuen Kinderasyles. Er verneigte sich linkisch und sah in

seinem zwar ganz neuen, aber sehr schlecht sitzenden schwarzen Anzuge

zwischen den in geschmackvolle Sommertracht gekleideten Anwesenden wie

ein Leichenbitter aus. Den vornehmsten Eindruck machte Röber. Er war

wieder ganz die stramme, tadellose Erscheinung von früher. Sein Scheitel

war freilich gelichtet geblieben; aber dieser Mangel ließ die Stirn

freier und schöner hervortreten, wie denn überhaupt seine Züge, wie sich

nun zeigte, mit den Jahren an Bedeutung gewonnen hatten. »Was nicht das

Geld vollbringt!« dachte ich wieder still bei mir.

Jetzt öffnete sich die Tür, und die beiden Damen traten ein. Aller Augen

blickten ihnen entgegen und leuchteten, mit Ausnahme der grauen und

kalten Röbers, in Bewunderung für die Hausfrau auf.

Elsa sah nun auch wirklich überraschend schön aus, und man kam hier

wieder einmal zur Einsicht, welche Rolle die Ankleidekunst im Leben

einer verblühenden Frau spielt. Eine knappe, spitzenverbrämte Robe von

gelblicher Farbe, herzförmig ausgeschnitten und in der linken

Achselgegend mit blassen Rosen geschmückt, zeigte ihren Wuchs in

harmonischer Schlankheit; die eben in Mode gekommene schlichte und

glatte Haartracht, mit dem kleinen englischen Knoten im Nacken, ließ sie

um so jugendlicher erscheinen, als der krankhafte Gesichtsausdruck in

diesem Augenblicke gänzlich verschwunden war. Erst jetzt bemerkte ich,

daß die Haare einen starken Schimmer ins Rote aufwiesen, der offenbar

künstlich hergestellt war, wie man denn überall die verhüllende,

nachbessernde und verschönende Hand wahrnehmen und verfolgen konnte.

Dennoch lag über der ganzen Gestalt eine köstliche aromatische Frische,

an der man ebenso wenig zweifeln mochte, wie an der Echtheit der

Brillant-Boutons, die an den rosigen Ohren der schönen Frau gleich

großen Tautropfen funkelten.

Als gerader Gegensatz erschien Frau von Ramberg, obgleich auch sie sich

in den Gemächern der Hausfrau mit etwas Reispulver angefrischt und den

spärlichen Brauenwuchs über den wasserblauen Augen sorgfältig

nachgedunkelt hatte. Ihr Gesicht erwies sich nun ohne Schleier als nicht

unhübsch: kleine, gekniffene Züge, denen ein bedeutungsvoller Ausdruck

aufgezwungen war. Sie trug das fahlblonde Haar rund abgeschnitten und zu

einer kunstvollen Kräuselfülle aufgebauscht, was ihr im Verein mit der

stolzen Kopfhaltung und einem schwarz geränderten Kneifer, den sie

nunmehr, weiß Gott warum, auf die Stumpfnase gesetzt hatte, fast das

Aussehen eines jungen Mannes verlieh; auch der hagere, eckige und von

einem übertrieben einfachen Kleide bis an das Kinn hinauf umschlossene

Leib stimmte dazu. So hatte denn die ganze Erscheinung etwas

Zwiespältiges, das leicht ein Lächeln hätte hervorrufen können, aber der

scharfe, böse Zug um die schmalen, blutlosen Lippen der Dame mahnte zur

Vorsicht.

Elsa, ein prachtvolles Bukett von Rosen und Hyazinthen in der Rechten,

bot mir mit einem Blick der Befriedigung rasch die Linke zu flüchtigem

Drucke. »Schön, daß Sie Wort gehalten haben!« Dann begrüßte sie die

Gesamtheit der übrigen Herren mit einer anmutigen Kopfbewegung und trat

auf den Direktor zu. Dieser sagte unter zahllosen Bücklingen, er habe

seinen Sonntag benützt, um der großherzigen Gönnerin vor der Badereise

noch Kunde von ihren lieben Schützlingen zu bringen. Der Herr Gemahl sei

so liebenswürdig gewesen und habe ihn aufgefordert, beim Diner zu

bleiben.

»Sehr willkommen«, erwiderte Elsa, deren Züge einen innig ernsten, fast

andächtigen Ausdruck angenommen hatten. »Hoffentlich gedeihen die

Kleinen und sind zufrieden. Wir wollen bei Tisch weiter davon sprechen.«

Dann wandte sie sich, wie mir schien, mit etwas gezwungener

Liebenswürdigkeit an Conimor. »Und Ihnen, Baron Sigi, muß ich sehr

danken für das wundervolle Bukett -- sowie für die anderen Blumen, die

Sie mir neuerdings haben senden lassen. Es ist sehr lieb von Ihnen --

aber was wird Ihr Papa sagen, wenn Sie die Treibhäuser derart plündern?

Nicht wahr, Leo?« Sie blickte nach Röber; dieser aber zuckte bloß die

Achseln.

»Ach was, Papa!« lachte Conimor gedehnt. »Der tut's ja selbst -- wenn

auch mehr im geheimen.«

»Das muß wahr sein«, warf der Architekt ein, der als gutmütiger

Spottvogel bekannt war. »Conimor Vater und Sohn ersticken die Frauen

Wiens mit Blumen.«

»Nur die schönen, wenn ich bitten darf«, versetzte der Baron, Elsa,

indem er den Kopf leicht hin und her wiegte, mit den Augen

verschlingend. »Übrigens -- unsere Gärten vertragen es. Sie wissen doch,

daß wir zur Vergrößerung der Anlagen in Nußdorf wieder einige Joch

Terrain erworben haben?«

»Und einen Gartendirektor aus England«, warf der Maler ein.

»Ja -- aber auch der leistet nichts Besonderes, nichts

Außergewöhnliches. Rosen -- und immer wieder nur Rosen. Das wird am Ende

langweilig. Soll einer einmal eine ganz neue Blume erfinden!«

»Das dürfte freilich schwer halten«, sagte der Architekt. »Aber bringen

Sie selbst einmal Abwechselung in den Gegenstand. Geben Sie statt der

Rosen andere Gewächse, zum Beispiel Passifloren.«

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 39 / 53 题