So begab ich mich denn doch zu Dommayer und blieb dort bis hart an drei
Uhr sitzen. Endlich betrat ich die Hetzendorfer Straße und dachte beim
Anblick der neuen schimmernden Villen an die unscheinbare Reihe
schlichter, kleiner Landhäuser, welche in früherer Zeit hier gestanden.
An Ort und Stelle angelangt, wurde ich von einem Livreediener in einen
großen, ebenerdigen Salon geführt, wo der Hausherr mit sechs männlichen
Gästen bereits anwesend war. Ich sah, daß Röber bei meinem Erscheinen
leicht errötete, und er konnte seine Verlegenheit nicht ganz bemeistern,
während er mir mit ausgesuchter Höflichkeit entgegenschritt.
»Elsa hat mir gesagt, daß wir heute das Vergnügen haben würden, Sie zu
empfangen; ich freue mich außerordentlich. Die Damen werden wohl gleich
erscheinen; darf ich Sie einstweilen mit diesen Herren bekannt machen?«
Der Architekt, ein behäbiger, jovialer Lebemann und infolge des feinen
Kunstsinnes, den er als Hersteller geschmackvoller Interieurs bewährte,
in den vornehmsten Kreisen gesucht und beliebt, war schon auf mich
zugekommen und schüttelte mir die Hand, während der Musiker H..., ein
ergrauter Apostel Richard Wagners, sich mit einem apathischen Kopfnicken
begnügte. Der Maler, schlank und blond, der mir bloß dem Namen nach
bekannt war, verneigte sich mit verbindlicher Schüchternheit wie ein
junges Mädchen.
Ganz unbekannt waren mir: Herr Malinsky, Geschäftsfreund Röbers; eine
hagere Gestalt mit fast kahl geschorenem Haupte, aber endlos nach rechts
und links abstehendem Backenbarte. Sein Antlitz war schlaff und
durchfurcht, sein Blick matt und doch durchdringend wie der eines
Croupiers. Dann ein schmächtiger Jüngling mit nachlässiger, vornüber
gebeugter Haltung, dünner Habichtsnase, ein rundes Stück Glas ins rechte
Auge geklemmt. Er wurde mir als Baron Conimor vorgestellt und bemühte
sich, verständnisinnig zu lächeln, als ihm mein Name genannt wurde.
Dabei sah man ihm die Zuversicht an, daß der Nimbus kolossalen
Reichtums, der den seinen umstrahlte, keineswegs verfehlen würde, die
richtige Wirkung zu tun. Ganz zuletzt tauchte, gewissermaßen wie aus
einem Versteck, ein kleiner dicker Mann mit Säbelbeinen, ungeheuerer
Stirn und wulstigen Lippen über dem verschwindend kurzen Kinn auf: der
Direktor des neuen Kinderasyles. Er verneigte sich linkisch und sah in
seinem zwar ganz neuen, aber sehr schlecht sitzenden schwarzen Anzuge
zwischen den in geschmackvolle Sommertracht gekleideten Anwesenden wie
ein Leichenbitter aus. Den vornehmsten Eindruck machte Röber. Er war
wieder ganz die stramme, tadellose Erscheinung von früher. Sein Scheitel
war freilich gelichtet geblieben; aber dieser Mangel ließ die Stirn
freier und schöner hervortreten, wie denn überhaupt seine Züge, wie sich
nun zeigte, mit den Jahren an Bedeutung gewonnen hatten. »Was nicht das
Geld vollbringt!« dachte ich wieder still bei mir.
Jetzt öffnete sich die Tür, und die beiden Damen traten ein. Aller Augen
blickten ihnen entgegen und leuchteten, mit Ausnahme der grauen und
kalten Röbers, in Bewunderung für die Hausfrau auf.
Elsa sah nun auch wirklich überraschend schön aus, und man kam hier
wieder einmal zur Einsicht, welche Rolle die Ankleidekunst im Leben
einer verblühenden Frau spielt. Eine knappe, spitzenverbrämte Robe von
gelblicher Farbe, herzförmig ausgeschnitten und in der linken
Achselgegend mit blassen Rosen geschmückt, zeigte ihren Wuchs in
harmonischer Schlankheit; die eben in Mode gekommene schlichte und
glatte Haartracht, mit dem kleinen englischen Knoten im Nacken, ließ sie
um so jugendlicher erscheinen, als der krankhafte Gesichtsausdruck in
diesem Augenblicke gänzlich verschwunden war. Erst jetzt bemerkte ich,
daß die Haare einen starken Schimmer ins Rote aufwiesen, der offenbar
künstlich hergestellt war, wie man denn überall die verhüllende,
nachbessernde und verschönende Hand wahrnehmen und verfolgen konnte.
Dennoch lag über der ganzen Gestalt eine köstliche aromatische Frische,
an der man ebenso wenig zweifeln mochte, wie an der Echtheit der
Brillant-Boutons, die an den rosigen Ohren der schönen Frau gleich
großen Tautropfen funkelten.
Als gerader Gegensatz erschien Frau von Ramberg, obgleich auch sie sich
in den Gemächern der Hausfrau mit etwas Reispulver angefrischt und den
spärlichen Brauenwuchs über den wasserblauen Augen sorgfältig
nachgedunkelt hatte. Ihr Gesicht erwies sich nun ohne Schleier als nicht
unhübsch: kleine, gekniffene Züge, denen ein bedeutungsvoller Ausdruck
aufgezwungen war. Sie trug das fahlblonde Haar rund abgeschnitten und zu
einer kunstvollen Kräuselfülle aufgebauscht, was ihr im Verein mit der
stolzen Kopfhaltung und einem schwarz geränderten Kneifer, den sie
nunmehr, weiß Gott warum, auf die Stumpfnase gesetzt hatte, fast das
Aussehen eines jungen Mannes verlieh; auch der hagere, eckige und von
einem übertrieben einfachen Kleide bis an das Kinn hinauf umschlossene
Leib stimmte dazu. So hatte denn die ganze Erscheinung etwas
Zwiespältiges, das leicht ein Lächeln hätte hervorrufen können, aber der
scharfe, böse Zug um die schmalen, blutlosen Lippen der Dame mahnte zur
Vorsicht.
Elsa, ein prachtvolles Bukett von Rosen und Hyazinthen in der Rechten,
bot mir mit einem Blick der Befriedigung rasch die Linke zu flüchtigem
Drucke. »Schön, daß Sie Wort gehalten haben!« Dann begrüßte sie die
Gesamtheit der übrigen Herren mit einer anmutigen Kopfbewegung und trat
auf den Direktor zu. Dieser sagte unter zahllosen Bücklingen, er habe
seinen Sonntag benützt, um der großherzigen Gönnerin vor der Badereise
noch Kunde von ihren lieben Schützlingen zu bringen. Der Herr Gemahl sei
so liebenswürdig gewesen und habe ihn aufgefordert, beim Diner zu
bleiben.
»Sehr willkommen«, erwiderte Elsa, deren Züge einen innig ernsten, fast
andächtigen Ausdruck angenommen hatten. »Hoffentlich gedeihen die
Kleinen und sind zufrieden. Wir wollen bei Tisch weiter davon sprechen.«
Dann wandte sie sich, wie mir schien, mit etwas gezwungener
Liebenswürdigkeit an Conimor. »Und Ihnen, Baron Sigi, muß ich sehr
danken für das wundervolle Bukett -- sowie für die anderen Blumen, die
Sie mir neuerdings haben senden lassen. Es ist sehr lieb von Ihnen --
aber was wird Ihr Papa sagen, wenn Sie die Treibhäuser derart plündern?
Nicht wahr, Leo?« Sie blickte nach Röber; dieser aber zuckte bloß die
Achseln.
»Ach was, Papa!« lachte Conimor gedehnt. »Der tut's ja selbst -- wenn
auch mehr im geheimen.«
»Das muß wahr sein«, warf der Architekt ein, der als gutmütiger
Spottvogel bekannt war. »Conimor Vater und Sohn ersticken die Frauen
Wiens mit Blumen.«
»Nur die schönen, wenn ich bitten darf«, versetzte der Baron, Elsa,
indem er den Kopf leicht hin und her wiegte, mit den Augen
verschlingend. »Übrigens -- unsere Gärten vertragen es. Sie wissen doch,
daß wir zur Vergrößerung der Anlagen in Nußdorf wieder einige Joch
Terrain erworben haben?«
»Und einen Gartendirektor aus England«, warf der Maler ein.
»Ja -- aber auch der leistet nichts Besonderes, nichts
Außergewöhnliches. Rosen -- und immer wieder nur Rosen. Das wird am Ende
langweilig. Soll einer einmal eine ganz neue Blume erfinden!«
»Das dürfte freilich schwer halten«, sagte der Architekt. »Aber bringen
Sie selbst einmal Abwechselung in den Gegenstand. Geben Sie statt der
Rosen andere Gewächse, zum Beispiel Passifloren.«