Ein Jahr später führten mich die Verhältnisse auf kurze Zeit wieder nach
Wien. Es war im Frühsommer, und die helle Stadt schimmerte in vollem
Blütenschmuck ihrer öffentlichen Anlagen. Dennoch hatten viele meiner
Bekannten sich bereits aufs Land begeben. Einer von ihnen stellte mir in
seiner verlassen stehenden Wohnung ein Zimmer zur Verfügung, welches ich
eigentlich nur zum Schlafen benützte. Ich empfing niemanden, ging
ziemlich unbeachtet meinen Geschäften nach und gab mich nebenher im
stillen den Genüssen hin, welche Wien und seine nächste Umgebung in
dieser schönen Jahreszeit darbieten.
So hatte ich mich auch an einem strahlenden Sonntagsmorgen zu einer
Fahrt nach Schönbrunn entschlossen. Ich wollte da draußen, etwa im
Jägerhause, frühstücken und hierauf wieder einmal den herrlichen Park
nach allen Richtungen durchstreifen, wollte mich später auf eine Bank
niederlassen, die sonnigen, rasenumsäumten Blumenbeete des Parterres,
die weißen Marmorgruppen in den Nischen der Laubwände, das freundliche
Schloß mit seinen grünen Jalousien vor Augen -- und mich dabei in längst
vergangene Zeiten, in alte teuere Erinnerungen zurückträumen ......
Das führte ich denn auch alles aus -- und darüber war es Mittag
geworden. Ich dachte nun bei »Dommayer« zu essen, nachmittags aber bei
Verwandten vorzusprechen, die in Penzig wohnten, und welche ich seit
einer Reihe von Jahren nicht mehr aufgesucht hatte.
Während ich mich jetzt dem nach Hietzing führenden Ausgang des noch
ziemlich menschenleeren Parkes näherte, kamen mir in der breiten
Doppelallee zwei hohe, vornehm aussehende Frauengestalten entgegen. Die
eine von ihnen schien mir sehr bekannt; unwillkürlich blickte ich sie
forschend an -- und sah, nun schon ganz in der Nähe, daß ich Elsa Röber
vor mir hatte.
Auch sie war, wie ich bemerken konnte, auf mich aufmerksam geworden, und
ungeheuchelte Freude des Wiedersehens malte sich jetzt in ihren Zügen.
»Ah, Sie sind in Wien!« rief sie, stehenbleibend und mir die Hand
entgegenstreckend, die ich mit einiger Verlegenheit ergriff. »Seit wann
sind Sie denn hier? -- Aber ich muß Sie bekannt machen«, fuhr sie mit
einem Blick auf ihre Begleiterin fort, die mich stolz und zurückhaltend
betrachtete. »Meine Freundin Frau von Ramberg -- Herr --.«
Ich hatte inzwischen herausgefunden, daß mir auch diese Dame, welche
eine Art Männerhut und einen leichten Halbschleier trug, nicht ganz
fremd war; denn sie gehörte zu jenen Erscheinungen, mit welchen mich die
weitläufigen gesellschaftlichen Beziehungen, die ich in früherer Zeit
noch unterhielt, hier und dort flüchtig zusammengeführt. Sie war die
Frau eines Konsulatsbeamten und mit diesem ziemlich weit in der Welt
herumgekommen; seit sie aber von ihm getrennt lebte, hatte sie Wien zu
ihrem ständigen Aufenthaltsorte gewählt, wo sie eine rege gemeinnützige
Wirksamkeit zu entfalten suchte. Sie beschäftigte sich viel mit der
Frauenfrage, war Mitglied mehrerer weiblichen Vereine; ja sie hatte
sogar an der Klinik eines berühmten Chirurgen einen Pflegerinnenkurs
durchgemacht, dessen Frucht eine kleine Broschüre über diesen Gegenstand
war. Sie galt für geistig sehr bedeutend, aber auch für hochmütig und
ränkesüchtig; die Männer behandelte sie mit kühler Herablassung und
schloß sich mit Vorliebe an Frauen an.
Sie erwiderte nunmehr meine Verbeugung mit einem gemessenen Kopfnicken.
»Und bleiben Sie jetzt hier?« fragte Elsa weiter.
»Keineswegs. Ich bin nur auf ganz kurze Zeit gekommen -- gleichsam
inkognito --«
»Das ist schade. Ich begreife übrigens, daß man es vorzieht, auf dem
Lande zu leben. Die Ruhe ist so wohltuend. Auch wir wollen jetzt
beständig in Hietzing wohnen, wo wir eine Villa gekauft haben. Wußten
Sie vielleicht davon?«
»Nein.«
»Weil Sie sich auch gar nicht um so alte Bekannte kümmern! Aber kommen
Sie doch ein wenig mit uns. Man hat mir Bewegung verordnet, und da laufe
ich denn die Alleen hier ab.«
Ich konnte nicht umhin, mich anzuschließen und fand mich allmählich in
die so unvermutete Situation. Hatte ich doch kaum mehr der Frau gedacht,
die jetzt neben mir herschritt! Sie war schlank geblieben und sah bei
näherer Betrachtung etwas gealtert aus; vor allem hatte ihr Teint und
der Schmelz der Zähne bedeutend gelitten. Aber ihre Züge waren feiner,
vergeistigter geworden, und ein schwermütiger, schmerzlicher Zug um
Augen und Mund verschönte sie eigentümlich. Ein Morgenkleid aus rot
gemustertem Foulard und ein großer weißer Spitzenhut vollendeten ihre
tadellose Erscheinung. Ja, sie war in Haltung und Miene, in Wort und
Gebärde wahrhaftig eine »Dame« geworden. Der Wiener Dialekt, der ihr
eigentlich niemals stark angehaftet und welchen sie im Verkehr mit
Röber, der ein sehr reines Deutsch sprach, schon früher so ziemlich
abgestreift hatte, war jetzt bis auf einige leichte und gemütliche
Anklänge aus ihrer Rede verschwunden. Was nicht das Geld bewirkt! So
dacht' ich im stillen, während ich das kostbare Parfüm einatmete, das in
einem feinen Hauche von ihr ausging.
»Wissen Sie,« begann sie nach einigen schweigend zurückgelegten
Schritten, »daß ich Ihnen schon schreiben wollte?«
»Mir? Gewiß in einer literarischen Angelegenheit?«
»O keineswegs!« erwiderte sie rasch mit leichtem Erröten, »Sie erinnern
sich doch -- ich sagte Ihnen ja, daß ich eigentlich keinen Beruf zur
Schriftstellerin in mir fühle.«
»Man muß es ihr glauben, da sie es behauptet«, warf Frau von Ramberg,
halb zu mir gewendet, mit ihrer etwas dünnen und knöchernen Stimme ein.
»Sie hat aber trotzdem einen neuen Roman zu schreiben begonnen.«
»Nun ja; ich bin jetzt wieder oft allein -- und da muß ich doch die Zeit
mit irgend etwas hinbringen. Aber es ist nur für mich; Sie wissen ja, es
macht denen, die mir am nächsten stehen, keine Freude.«
»Daran würde ich mich in der Tat nicht kehren«, sagte die andere scharf.
»Ach lassen Sie das jetzt, liebe Euphemie«, erwiderte Elsa mit einem
bittenden Blick. Und dann zu mir: »Aber sagen Sie doch, wohin wollten
Sie eben? Was haben Sie für heute vor?«
»Ich wollte zu Dommayer --«
»Zu Dommayer? Essen Sie doch lieber mit uns!«
»Wie könnt ich -- --«
»O ich verstehe. Sie haben noch jenen unseligen Abend im Gedächtnisse.
Aber Sie werden heute alles anders finden -- und auch ein paar Freunde
von uns -- eine ganz kleine Gesellschaft --«
»Die ich nicht kenne.«
»Der Architekt K.... und der Musiker H... werden Ihnen doch nicht fremd
sein?« sagte die Ramberg spitz, indem sie in die Luft sah.
»Und der junge Maler R... gewiß auch nicht«, setzte Elsa dringend hinzu.
»Er tritt jetzt ganz in die Fußtapfen Lenbachs und Fritz Kaulbachs. --
Und was den Hausherrn betrifft, so hatte er sich damals absichtlich so
schroff benommen -- und es auch gleich darauf bereut -- Ihretwegen. Nur
der Doktor war ihm äußerst verhaßt -- und wie ich jetzt zugeben muß,
nicht mit Unrecht.«
»Nun --«
»Ich weiß, was Sie sagen wollen. Er hat sich mit dem Roman sehr bemüht
-- hat mir, ich geb' es gerne zu, in böser Zeit einen großen Dienst
erwiesen. Und ich wäre ihm auch gewiß dankbar gewesen -- aber er wollte
sich sofort bezahlt machen.«
Sie erhob das Haupt und blickte wegwerfend zur Seite.
»Von wem ist die Rede?« fragte Frau von Ramberg.
»Ach von --« Elsa nannte den Namen.
»Das ist aber doch ein höchst geistvoller Mensch«, sagte die andere sehr
bestimmt. »Wie ich höre, lebt er jetzt in Berlin?«
»Ich glaube«, warf ich leicht hin, da ich nicht recht wußte, was ich
erwidern sollte.
»Also nicht wahr, Sie kommen?« wandte sich jetzt Elsa wieder an mich.
»Um drei Uhr. Hetzendorferstraße.« Sie fügte die Nummer bei.
Aber ich trug durchaus kein Verlangen, dort zu speisen, und brachte
meinen beabsichtigten Besuch in Penzig vor.
»Ach, den können Sie ja inzwischen abtun!«
»Nun ja, aber --«
»Kein aber! Bitte, kommen Sie! Ich hätte Ihnen so manches zu sagen --«
»Ich kann ja nach Tisch erscheinen.«
»Sie würden uns vielleicht nicht antreffen; denn wir fahren
wahrscheinlich nach Tisch aus.«
»Nun, wenn dieser Herr gar so viele Umstände macht --« sagte Frau von
Ramberg und zog die Schultern in die Höhe.
»Nein, nein! Ich habe ihn nun einmal und lasse ihn nicht wieder los. Wer
weiß, ob ich ihn sonst jemals wieder sehe, da er ja nicht hier bleibt --
und auch ich schon in den nächsten Tagen abreise. -- An die See -- oder
ins Gebirge«, setzte sie mit leiserer Stimme, zu mir gewendet, hinzu.
»Ich bin sehr leidend -- meine Nerven sind zerrüttet --«
Ich blickte sie an. In der Tat: der schmerzliche Zug in ihrem Antlitz
trat jetzt schärfer hervor, und ihr Blick hatte etwas Erloschenes.
»Nun denn,« sagte ich, unwillkürlich nachgebend, »ich werde erscheinen.«
»Schön!« rief sie. »Und nun machen Sie Ihren Besuch!«
Ich verabschiedete mich von den Frauen und begab mich über den
schwankenden Kettensteg nach Penzig. Dort traf ich, wie dies meistens in
ähnlichen Fällen zu geschehen pflegt, niemanden von der Familie, die ich
wieder sehen wollte, zu Hause. Man hatte vereint für den ganzen Tag
einen weiteren Ausflug unternommen.