Der »Roman einer Frau« war in der Tat erschienen. Frauenlob hatte dafür
einen jungen, aufstrebenden Buchhändler gewonnen, der in pikanten
Verlagsartikeln sein Heil zu finden hoffte und auch ein verhältnismäßig
nicht unbedeutendes Honorar zahlte. Der Erfolg entsprach allerdings
nicht ganz den ausschweifenden Erwartungen der beiden Herren; aber es
war immerhin ein Erfolg, der fast ganz mit meinen Voraussetzungen
zusammentraf. Von der maßgebenden Kritik anfänglich gar nicht beachtet,
fand das Buch doch den Weg in das lesende Publikum und wurde vornehmlich
von Frauen, die in offenkundiger oder verheimlichter Mißehe lebten, mit
einer Art persönlicher Anteilnahme gepriesen. Infolgedessen drang es
denn allmählich auch in literarische Kreise; man prüfte, fand, was ich
gefunden, und hielt mit mehr oder minder einschränkender Anerkennung
nicht zurück. So kam es, daß der Name der Verfasserin ein mehrfach
genannter wurde, sie selbst aber hier und dort als interessante
Erscheinung auf der Bildfläche der Öffentlichkeit auftauchte. Wie weit
dies alles in ihr bisheriges Leben verändernd eingriff, blieb mir
unbekannt. Denn in meinen eigenen Verhältnissen war inzwischen ein
Umschwung eingetreten, welcher, seit längerem vorbereitet, mich zu dem
Entschlusse bestimmt hatte, Wien zu verlassen und einen anderen
Aufenthaltsort zu wählen; ich war abgereist, ohne Elsa Röber wieder
gesehen zu haben. Frauenlob, der mich seit jenem Abend auffallend
vernachlässigt hatte, war beim Abschiede sehr kühl und wortkarg, indem
er das schweigende Selbstbewußtsein eines Mannes hervorkehrte, der in
stolzer Zurückhaltung bloß die Tatsachen für sich sprechen läßt.
Ich würde also in meiner Abgeschiedenheit aller dieser Ereignisse und
Zusammenhänge immer weniger gedacht haben, wenn mich nicht jetzt ab und
zu die Zeitungen daran gemahnt hätten. Ich stieß auf Notizen über Elsa
Röber, auf literarische, sowie auf solche, welche bloß Persönliches
enthielten. So wurde sie auch in einer Schilderung des glänzenden
Festes, das während des Karnevals in den Atelierräumen eines berühmten
Malers stattgefunden, unter den Damen genannt, welche durch blendende
Erscheinung und prachtvolles Kostüm besonders aufgefallen waren.
Da erhielt ich im Frühling von Frauenlob ganz unvermutet ein Buch
zugesendet. Er war, wie sich zeigte, wieder einmal »schöpferisch« tätig
gewesen und hatte unter sehr verlockendem Titel einen Band Erzählungen
herausgegeben, welche in der Tat bewiesen, daß es ihm weit weniger an
Talent, als an Geschmack und innerer Reife gebrach. Eine dieser
Erzählungen, und zwar die längste von allen, konnte sogar als gelungen
bezeichnet werden, und ich war froh, ihm dies in warmen Worten mitteilen
zu können. Mich bei dieser Gelegenheit nach Elsa zu erkundigen,
unterließ ich nach einiger Überlegung, es gewissermaßen ihm selbst
anheimstellend, ob er mir in dieser Hinsicht Nachricht geben wolle oder
nicht. Ich empfing von ihm auch sofort ein längeres Schreiben, welches
nebst seinem Danke für meine Anerkennung folgendes enthielt:
»Und nach Elsa Röber fragen Sie nicht? Das ist mir ein Beweis, daß Sie
sich um diese Frau gar nicht mehr kümmern. Dennoch dürfte es Sie
interessieren, zu erfahren, daß ich meine Beziehungen zu ihr abgebrochen
habe. Und zwar vollständig und für immer. Denn sie ist infolge ihres
literarischen Debüts mit Kreisen in Berührung gekommen, die mir durchaus
nicht zusagen. Überdies hat sich merkwürdigerweise der Ausspruch, den
Sie, wie Sie sich noch erinnern werden, einst über Röber getan, insofern
bewahrheitet, als es diesem wirklich gelungen ist, die an jenem
denkwürdigen Abend aufs Tapet gebrachte Angelegenheit in Fluß zu
bringen. Er vermittelt jetzt, so heißt es, bedeutende Exporte nach allen
Balkanländern, und Sie begreifen, daß er sich bereits auf den kleinen
Krösus hinausspielt. Die enge Stadtwohnung ist aufgegeben, eine
weitläufige in einem vornehmen Neubau bezogen worden. Kleine Diners
finden dort statt, sowie größere Abendgesellschaften, an welchen neben
einigen fragwürdigen Geschäftsexistenzen auch gewisse Schmarotzer
teilnehmen, die den Ruhm der Hausfrau in die Welt posaunen. Dieses alles
würde übrigens noch hingehen, wenn nicht auch _sie_ angefangen hätte,
sich (wie lächerlich!) auf die große und vornehme Dame hinauszuspielen
-- und sogar _mir_, dem sie in schlimmer und schlimmster Zeit ihren
Erfolg (der ja auch ein pekuniärer war!) zu danken hatte, mit
Herablassung und Geringschätzung zu begegnen. Da ich aber keineswegs der
Mann bin, solches zu dulden, so habe ich ihr, nachdem sie mich einmal
über eine Stunde hatte antichambrieren lassen, meine Meinung rund heraus
gesagt und sie ihrem Schicksal überlassen. Dieses wird kein sehr
freundliches sein; denn Leuten wie Röber gegenüber bleibt das Sprichwort
aufrecht: Wie gewonnen, so zerronnen. Übrigens kann mir alles weitere um
so gleichgültiger sein, als ich selbst neue Wege einzuschlagen gedenke.
Hören und staunen Sie: auch ich verlasse Wien. Allerdings nicht, um
mich, gleich Ihnen, in beschauliche Einsamkeit zurückzuziehen. Ich will
mich vielmehr aus unseren stagnierenden, absterbenden Zuständen heraus
so recht ins Volle und Aufstrebende stürzen -- kurz: ich will trachten,
in der Hauptstadt des Deutschen Reiches Boden zu gewinnen. Für einen
Österreicher keine leichte Aufgabe, werden Sie sagen. Gewiß. Aber ich
schrecke vor Schwierigkeiten nicht zurück. Man hat in Berlin einen sehr
bezeichnenden Ausdruck erfunden: das Epitheton »schneidig«. Nun, einige
»Schneidigkeit« werden Sie mir, wie Sie mich kennen, wohl zugestehen
müssen -- und daraufhin will ich es wagen. Jedenfalls werde ich diesen
Sommer daran setzen, die dortigen literarischen Verhältnisse eingehend
zu studieren -- und mich überhaupt umzutun. Gelingt es mir nicht, feste
Anknüpfungspunkte zu finden -- dann erübrigt mir freilich nichts
anderes, als wieder zur alten Wiener Tretmühle zurückzukehren. Unter
allen Umständen aber erhalten Sie aus der deutschen Metropole Nachricht
von Ihrem usw.«
So also standen nunmehr die Dinge, deren Entwicklung ich bald wieder aus
den Augen verlor. Denn immer seltener wurde jetzt in den Blättern, die
mir zu Gesichte kamen, Elsa Röber erwähnt; es ließ sich erkennen, daß
man über sie, die ihrem ersten kein zweites Werk hatte folgen lassen,
bereits wieder zur Tagesordnung übergegangen war. Nur einmal noch, nach
ziemlich geraumer Zeit, stieß mir eine Notiz auf: Frau Elsa Röber habe
zur Errichtung eines Kinderasyls eine sehr namhafte Summe beigesteuert.
Ich stutzte. Wollte sie vielleicht mit dieser Spende Gewissensregungen
beschwichtigen und an fremden Kindern gutmachen, was sie einst an den
eigenen verbrochen? Fast schien es mir so. Es konnte indessen auch bloße
soziale Eitelkeit sein, was sie antrieb, als öffentliche Wohltäterin zu
glänzen. Eines aber war damit bewiesen: daß sich Röber noch immer im
Stadium des »Gewinnens« befand.
Was Frauenlob betraf, so hatte er mir zwar von Berlin aus voll stolzer
Zuversicht und weitgehender Erwartungen geschrieben, auch später unter
Kreuzband ein paar Artikel zugesendet, die in dortigen Blättern
erschienen waren; fernere Resultate jedoch ließen auf sich warten.