Röber lachte laut auf. »Verdienen? Mit der Schriftstellerei? Ha! Ha!«

»Erlauben Sie,« schrie Frauenlob heftig, während ich dem Mann im stillen

nicht unrecht gab, »das ist eine Behauptung, die nur beweist, wie sehr

Sie in Ihren Anschauungen zurück sind. Es ist ja wahr, früher einmal

mußten selbst die größten Geister darben; heutzutage jedoch kann man mit

der Feder sehr viel erwerben.«

»Als Journalist vielleicht. Übrigens ist das _viel_ oder _wenig_

Ansichtssache. Wenn ich Summen in Betracht ziehen soll, so müssen es

Hunderttausende sein.«

»Sie geben es nicht billig!« lachte Frauenlob mit giftigem Hohne. Er

hatte im Eifer eben das dritte Glas Bier hinuntergestürzt, und sein

knochiges, breites Gesicht, das stets ungesund gerötet war, begann

bläulich zu leuchten.

»Das ist meine Sache«, erwiderte Röber mit ruhigem Stolz, und zum ersten

Male glänzten seine Augen wieder hell und groß auf. »Die Herren Poeten

pflegen beständig von ihren Idealen zu sprechen; auch andere Leute haben

welche. Das meine ist ein sehr großes Vermögen, ein Ideal, das so

ziemlich jedes andere in sich schließt.«

»Aber auch um so mehr Ideal bleibt!« rief der Gegner bissig.

»Je nach Umständen. Das kann Ihnen schon die große Anzahl bedeutender

Kapitalisten zeigen, die es in der Welt gibt. -- ^A propos^, Lisi,« fuhr

er mit einem Blick auf die Hausfrau fort, »ich habe heute gute

Nachrichten mitgebracht. Die Sache in Bulgarien scheint endlich in Fluß

kommen zu wollen.«

»Wirklich! Wirklich!« rief sie, überrascht und vor Freude errötend, aus

der peinlichen Verlegenheit heraus, die sie bei diesem Wortwechsel

begreiflicherweise überkommen hatte. »Wirklich?« wiederholte sie jetzt,

wie von einem unwillkürlichen Zweifel ergriffen, etwas kleinlaut und

gedehnt.

Er hatte sich inzwischen den Mund gewischt und, ohne uns zum Rauchen

aufzufordern, eine Zigarette angezündet.

»Ja, wirklich, mein Kind. Gut Ding braucht eben Weile, und ich begreife,

daß es dir schon etwas zu lange dauert. Aber es sei dir vergeben. Und

wenn alles so kommt, wie ich hoffe, dann kannst du zu deinem Vergnügen

blaustrümpeln.«

»Es dürfte wohl beim Strümpfestopfen sein Bewenden haben«, sagte

Frauenlob mit unerbittlicher Grobheit.

»Immer eine nützlichere Beschäftigung als Romane schreiben. Übrigens

verspüre ich keine Lust, mich in eine weitere Behandlung dieses

Gegenstandes einzulassen. Die Herren sind ja auch nicht zu mir, sondern

zur -- Dichterin gekommen. Ich darf die literarischen Konferenzen nicht

länger stören.« Er erhob sich mit gemachtem Gähnen, trat schwerfällig

auf Elsa zu und küßte sie flüchtig auf die Stirn. »Gute Nacht, mein

Kind.«

»Du willst dich wirklich schon zurückziehen?« fragte sie. Man sah ihr

die innere Ratlosigkeit an, in der sie sich befand.

»Gewiß, ich bin müde und schläfrig. Recht gute Nacht, meine Herren!« Er

verbeugte sich dabei nur vor mir und schritt nach dem Nebenzimmer; Elsa

folgte ihm bis zur Tür.

Ich hatte genug, stand auf und suchte nach meinem Hute; Frauenlob, an

seinem Ingrimm würgend, blieb sitzen.

»Sie wollen schon fort?« fragte Elsa, zurückkehrend und in einem Tone,

der bewies, welche Erleichterung ihr dies wäre.

»Allerdings«, entgegnete ich, nach der Uhr sehend. »Die Stunde ist

vorgerückt, und Sie wissen, ich habe einen weiten Weg. Sie bleiben

noch?« wandte ich mich bedeutsam an meinen Begleiter.

Dieser sah unschlüssig vor sich hin, dann sprang er auf.

»Ich wollte allerdings noch einiges Wichtige mit Frau Elsa verhandeln,

allein in solcher Stimmung -- -- In der Tat, gnädige Frau,« -- er trat

vor sie hin -- »es bedarf des ganzen Umfanges meiner Verehrung und

Bewunderung für Sie -- --«

»Ach mein Gott, lieber Doktor,« unterbrach sie ihn, »Sie sollten Röber

doch schon ein wenig kennen. Er ist nun einmal so -- er hat den Kopf

voller Sorgen, die ihn übellaunig machen -- und da -- -- Allerdings hat

er sich heute unverantwortlich benommen. Und ich muß doppelt bedauern --

Ihretwegen --« Sie sah mich dabei ausdrucksvoll und gleichsam um

Nachsicht flehend an. »Was werden Sie von uns denken?«

»Besorgen Sie nichts, gnädige Frau«, erwiderte ich. »Ich bin nicht so

leicht verletzt. Vielmehr habe ich Sie recht sehr um Verzeihung zu

bitten. Denn gewiß war es mein so ganz unvorbereiteter Besuch, zu dem

ich mich nie und nimmer hätte entschließen sollen, was zur unliebsamen

Verstimmung dieses Abends wenigstens beigetragen hat.«

»O, glauben Sie das nicht«, sagte sie hastig. Dann, sich Frauenlobs

besinnend, fuhr sie einlenkend fort: »Wie immer auch, überzeugt können

Sie sein, daß es _mir_ sehr angenehm war, Sie kennen gelernt -- oder

besser gesagt, wiedergesehen zu haben. Und ich würde Sie jedenfalls

bitten, Ihren lieben Besuch zu erneuern, wenn ich das unter solchen

Umständen noch wagen dürfte.«

»Je nun, man wird ja im Leben immer wieder zusammengeführt. Für heute

nehmen Sie die Versicherung, daß ich, was mich selbst betrifft, den

verunglückten Abend keineswegs bedauere.«

Ich drückte die Hand, die sie mir reichte. Dann geleitete sie uns in die

Küche, wo sie die Magd weckte, die auf einem Stuhle eingeschlafen war

und sich jetzt anschickte, uns durch den dunklen Flur nach dem bereits

gesperrten Haustor zu leuchten.

»Ich komme morgen Nachmittag,« sagte Frauenlob im Fortgehen;

»hoffentlich finde ich Sie allein.«

Sie erwiderte nichts und rief uns nur mit gedämpfter Stimme »Gute Nacht«

nach.

Kaum auf die Gasse getreten, rief mein Begleiter, in welchem es noch

immer zu kochen schien: »Der Unverschämte! Und Sie, mein Bester, haben

mich mit keinem Worte unterstützt!«

»Was hätte ich sagen sollen? Ich begreife auch gar nicht, wie Sie sich

so ereifern konnten. Dem Manne sind eben die neuen Beziehungen seiner

Frau -- oder Geliebten unangenehm. Er hat sich im ganzen doch nur wie

ein Eifersüchtiger benommen.«

»Eifersüchtig? Er liebt sie gar nicht. Seine Eitelkeit ist verletzt,

weil er sich mit einem Mal von einer Frau geistig überragt sieht, die er

bis jetzt nur als eine willfährige Magd betrachtet hatte.«

»Möglich. Übrigens scheint er mir geistig durchaus nicht so tief

stehend.«

»Ach was! Ein Hohlkopf ist er, der obendrein an Größenwahn leidet. Haben

Sie gehört, wie er mit den Hunderttausenden herumwarf?«

»Je nun, er scheint sich mit weitgehenden geschäftlichen Spekulationen

zu befassen. Und da wäre es ja in unserer Zeit des raschen Gelderwerbes

immerhin denkbar, daß ihm irgend eine Kombination glückt.«

»Sagen Sie lieber irgend ein Schwindel. Der Mensch besitzt alle Anlagen,

um früher oder später mit dem Strafgerichte Bekanntschaft zu machen.«

»Auch das ist nicht ausgeschlossen. Es walten hier überhaupt

Verhältnisse ob, in welche man sich am besten gar nicht einmischt. Auch

Sie, denk' ich, sollten sich zurückziehen.«

»Zurückziehen? Ich? Nachdem ich schon so weit vorgedrungen? Nein, da

kennen Sie mich schlecht, Verehrter! Dieser Frau müssen die Augen

geöffnet, sie selbst auf die Bahn gebracht werden, die sie zu schreiten

berufen ist. Ich interessiere mich sehr für sie -- und zwar, wie ich

Ihnen ganz offen bekennen will, nicht bloß für die Schriftstellerin.«

»Wenn das der Fall ist, dann stehen Ihre Aussichten nicht sehr günstig.

Denn wenn Sie vielleicht auch recht haben, daß _er_ sie nicht liebt:

_sie_ liebt ihn gewiß leidenschaftlich.«

»Nun ja! Das mag sein!« rief er, ärgerlich über die Wahrheit, die mein

Ausspruch enthielt. »Aber das kann sich auch ändern. Die Hauptsache ist,

daß sie erkennt, an welchen Mann sie sich da gekettet hat. Daher muß man

ihr eine literarische Stellung schaffen; ist ihr Ehrgeiz einmal geweckt,

dann ergibt sich alles weitere von selbst.«

»Je nun, Sie sind Herr Ihrer Beschlüsse.«

Wir waren inzwischen auf der Freiung angelangt, wo die erleuchtete Uhr

der Schottenkirche eine halbe Stunde vor Mitternacht wies.

»Werden Sie noch auf einen Tramwaywagen stoßen?« fragte er kühl und

offenbar verletzt durch meine zweifelhafte Zustimmung.

»Ich denke wohl, daß es noch nicht zu spät wäre. Aber ich ziehe es

jedenfalls vor, zu Fuß zu gehen. Die Nacht ist hell und angenehm.«

»Nun, dann leben Sie wohl! Ich kehre um.«

Wir verabschiedeten uns ziemlich gemessen voneinander; dann trat ich

beim Schein des Halbmondes, an welchem, querüber, ein regungsloser

dunkler Wolkenstreif stand, den Heimweg an.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 36 / 53 题