Der Stadtteil, in welchem Elsa Röber wohnte, war jenes alte, mehr oder
minder licht- und luftlose Gassengewirre, das sich in der nächsten Nähe
des Stephansdomes noch heute von allen Neuerungen fast unberührt
erhalten hat. Die Mietzinse sind dort in den meisten Häusern billiger
als anderswo, und so besteht auch ein großer Teil der Bewohner aus
Leuten, die in beschränkten, öfter auch zweifelhaften Verhältnissen
leben. In einer der engsten Gassen vor einem hohen, grau übertünchten
Hause mit vorspringendem ersten Stockwerk angelangt, traten wir -- es
war im September -- in eine dunkle, zugluftige Einfahrt. Dort lenkte
mich mein Führer gleich links über ein paar Stufen nach einem schmalen,
unbeleuchteten Seitengang, wo wir uns einer einzelnen Tür gegenüber
befanden. Er zog die Klingel und, da drinnen alles still blieb, nach
einer Weile ein zweites Mal. Endlich vernahm man ein Geräusch von
leichten Schritten, die sich zögernd der Tür näherten; ein kleines
Guckloch wurde geöffnet, und eine weibliche Stimme fragte in die
Dunkelheit hinaus: »Wer ist da?«
»Ich bin es, Frau Elsa!« rief Frauenlob eindringlich. »Machen Sie nur
auf!«
Drinnen klang, während sich das Guckloch schloß, ein leichtes »Ah!« Dann
sehr vernehmlich: »Bitte nur noch einen Augenblick! Ich habe das Mädchen
weggeschickt; ich muß erst den zweiten Schlüssel holen.«
Bald darauf drehte sich dieser im Schlosse, und eine nicht ganz deutlich
werdende Gestalt ließ uns, indem sie die Tür öffnete, in das trübe
Zwielicht einer nicht sehr geräumigen Küche treten.
»Ach, verzeihen Sie,« sagte sie, indem sie den Schlüssel wieder umdrehte
und abzog, »daß Sie sich so lange gedulden mußten. Ich hatte Sie so früh
nicht erwartet. Aber -- --«
Wie man bemerken konnte, verweilte jetzt ihr Blick befremdet und
forschend auf mir.
»Ja, gnädige Frau, ich habe einen Besuch mitgebracht«, rief mein
Begleiter feierlich. Dann vorstellend: »Mein hochverehrter Kollege, der
_berühmte_ --« er nannte meinen Namen. »Er hat Ihren Roman gelesen und
will Sie nun auch persönlich kennen.«
»O, ich bitte --« erwiderte sie verwirrt. »Aber treten Sie doch ins
Zimmer. Ich habe noch gar nicht Licht gemacht -- ich werde gleich --«
Und indem sie sich jetzt mit einer Petroleumlampe zu schaffen machte,
die in der Nähe des Herdes stand, traten wir in ein ziemlich
weitläufiges, niedrig gewölbtes Gemach, wie solche in den Erdgeschossen
alter Stadthäuser häufig anzutreffen sind. Da die Fenstervorhänge
geschlossen waren, herrschte in dem Raume solche Dunkelheit, daß man die
Einrichtungsstücke, außer einem runden Tische, der in der Mitte des
Zimmers stand und auf welchem bereits Vorbereitungen zum Abendtee
getroffen waren, kaum unterscheiden konnte.
Wir hielten uns, um nirgends anzustoßen, in der Nähe der Tür, und nun
trat auch Frau Elsa herein, das Gesicht von der hellschimmernden Lampe
beleuchtet, die sie vor sich her trug.
Wenn Frauenlob gesagt hatte, daß sie »wunderschön« sei, so konnte man
diesem Ausspruche jetzt ebenso wenig unbedingt beipflichten, wie der
überschwenglichen Anerkennung des Romans. Daß sie sehr schön gewesen,
das zeigte sich allerdings noch, und daß sie auch noch immer Anreiz
auszuüben vermochte, mußte zugegeben werden. Allein welche Veränderungen
waren da während der letzten drei Jahre vor sich gegangen! Sie war
überraschend schlank, ja mager geworden, und zwar wies sie jene
Magerkeit vorzeitig raschen Verfalles, welche Züge und Formen schlaff
und verkümmert erscheinen läßt. Ihr vormals so ungemein üppiges Haar war
auffallend gelichtet, und die hellen Goldaugen hatten sich zu einem
scharfen Braun abgedunkelt. Trotzdem waren es noch immer anziehende
Augen, die jetzt bei mangelnder Gesichtsfülle um so größer erschienen,
als sie von sichtlich geschwärzten Wimpern hervorgehoben wurden. Aber
sie waren auch von breiten, mißfarbigen Ringen umzogen, die als Zeichen
körperlicher -- vielleicht auch seelischer Erschöpfung gelten konnten.
Sie trug ein einfaches, nicht ganz passendes Kleid aus Wollenstoff, und
außer einer billigen, unechten Brosche in der Gegend des Halses
keinerlei Schmuck. Ihre Hände waren gerötet und ließen trotz der
peinlichen Sorgfalt, mit der sie offenbar gepflegt wurden, Spuren harter
häuslicher Arbeit erkennen.
Sie hatte die Lampe auf den Tisch gestellt und betrachtete mich
aufmerksam. »Darf ich noch einmal um den Namen dieses Herrn bitten; ich
hab' ihn vorhin nicht ganz --«
Frauenlob wiederholte ihn mit Emphase.
»Ach ja,« sagte sie, indem sie sich auf ein kleines Sofa niederließ und
uns gleichfalls zum Sitzen einlud -- »ach ja, diesen Namen hab' ich wohl
schon gehört. Aber es ist mir, als sollt' ich Sie auch persönlich kennen
--«
Nun war der peinliche Augenblick gekommen, den ich vorausgesehen und
trotz der Versicherungen Frauenlobs gefürchtet hatte. Ich erwiderte
daher etwas kleinlaut: »Allerdings haben wir einander schon öfter
gesehen -- und zwar in Döbling, wo ich seit einer Reihe von Jahren
wohne.«
»Ja, ja, gewiß -- in Döbling«, entgegnete sie hastig, während ihre etwas
gelbliche Gesichtsfarbe langsam in eine dunkle Röte überging. »Ich
entsinne mich sehr genau. Und da kennen Sie ja gewiß auch meine ganze
Geschichte und werden sich nicht wundern, mich in ganz anderen
Verhältnissen --«
Ich hatte mich inzwischen gefaßt und trachtete so rasch wie möglich über
dieses Thema hinwegzukommen, das sie allem Anscheine nach doch nicht so
vollständig gleichgültig ließ, wie Frauenlob behauptet hatte.
»Ich wundere mich über gar nichts, gnädige Frau,« sagte ich in
bestimmtem und dabei sehr ehrerbietigem Tone; »höchstens über das eine,
daß Sie unter die Schriftstellerinnen gegangen sind.«
»Mein Gott,« sagte sie aufatmend mit einem Lächeln; »weiß ich doch
selbst kaum, wie ich dazu gekommen bin. Ich hatte ja früher an so etwas
gar nicht gedacht und auch sehr wenig gelesen. Im vorigen Jahre sind mir
aber ganz zufällig ein paar Bücher in die Hand gekommen, die auf mich
großen Eindruck gemacht haben. Aber auch da fiel es mir nicht ein,
selbst zu schreiben; erst als mein -- Mann für einige Zeit verreisen
mußte und ich ganz allein blieb, erst da überkam es mich. Und zwar ganz
plötzlich; -- ohne vieles Nachdenken habe ich die Geschichte
hingeschrieben.«
Das entsprach ganz meinen Voraussetzungen, und ich freute mich über das
unbefangene Eingeständnis. Unwillkürlich fühlte ich mich versucht, auf
unsere allererste Begegnung anzuspielen und so zu erfahren, ob sie sich
meiner auch aus jener fernen Zeit noch erinnere. Wäre ich mit ihr allein
gewesen, würde ich es jedenfalls getan haben, so aber hielt mich die
Gegenwart meines Begleiters zurück, und ich schwieg.
»Ich legte auch anfangs gar kein Gewicht darauf,« fuhr sie nach
einer Pause fort; »es war mir eine bloße Zerstreuung -- eine
Herzenserleichterung gewesen. Später aber zeigte ich die Blätter einer
Bekannten, und diese meinte, ich sollte sie zu verwerten trachten; es
gäbe jetzt so viele Frauen, die mit derlei Geld erwerben. Sie bot mir
ihre Vermittelung an -- und Ihr -- Freund hier --« sie wies auf
Frauenlob -- »war so liebenswürdig, ein günstiges Urteil zu fällen.«
Dieser warf sich auf seinem Stuhle in die Brust. »Nur nach Verdienst,
Frau Elsa«, sagte er.
»Also auch _Sie_ meinen,« sprach sie langsam, indem sie schüchtern ihren
Blick auf mich richtete, »auch _Sie_ meinen, daß die Sache --«
»Sie haben es doch gehört!« unterbrach sie der andere, ungeduldig die
langen Haare schüttelnd.
Ich befand mich nun wieder in einiger Verlegenheit.
»Ihre Leistung ist jedenfalls eine sehr interessante,« hob ich
gewissermaßen zögernd an, »und mit einigen Änderungen, die daran
vorgenommen werden müssen --«
»Das werde ich alles besorgen!« rief Frauenlob. »Auch die Herausgabe!
Der Erfolg kann nicht ausbleiben, Frau Elsa, und wenn Sie sich fernerhin
meiner Leitung anvertrauen, so ist Ihnen eine bedeutende Zukunft gewiß.«
Sie blickte zweifelnd vor sich hin. »Glauben Sie wirklich?« fragte sie
dann nachdenklich, mehr gegen mich gewendet. »Ich hätte da so vieles zu
lernen. Und woher sollte ich die Zeit nehmen? Wir leben, wie Sie sehen,
in beschränkten Verhältnissen -- und mein Mann ist sehr verwöhnt; ich
habe alle Hände voll zu tun, um unsere Häuslichkeit seinen Bedürfnissen
gemäß einzurichten. Er würde es nicht besonders gerne sehen, wenn ich
mich anderweitig beschäftigte« --
»Danach haben Sie nicht zu fragen!« sagte Frauenlob in scharfem,
erzieherischem Tone. »Die Hörigkeit der Frau ist Gott sei Dank vorüber
-- und Sie müssen sich neben Ihrem -- Gemahl eine selbständige Stellung
schaffen.«
»Mein Gott, daran denk' ich ja gar nicht«, erwiderte sie zerstreut; es
war, als horche sie dabei aus dem Zimmer hinaus. »Und dann -- er hat nun
einmal eine Abneigung gegen schreibende Frauen.«
»Das müssen Sie ihm eben abgewöhnen -- müssen ihn eines Besseren
belehren!«
Sie erwiderte nichts und hatte offenbar die letzten Worte nur mehr mit
halbem Ohr vernommen. Dann rief sie plötzlich: »Da kommt er!«
Draußen war heftig an der Klingel gerissen worden, und durch die Küche,
wo sich schon früher die Anwesenheit einer Magd bemerkbar gemacht hatte,
trat jetzt Röber ein. Er mußte seine hohe Gestalt unter der Tür um so
mehr bücken, als er den Hut auf dem Kopfe behielt. Erst in der Mitte des
Zimmers nahm er ihn zögernd ab, wobei sein Blick überrascht und
befremdet auf mich gerichtet blieb.
Wir hatten uns erhoben.
»Der Herr Doktor hat uns einen angenehmen Besuch mitgebracht, Leo,«
sagte Elsa, und der Ton ihrer Stimme hatte dabei etwas flehend
Unsicheres, »einen berühmten Schriftsteller. Vielleicht kennst du den
Herrn vom Sehen.«
Er blickte mich unverwandt an und sagte, ohne eine Miene zu verziehen,
mit einer leichten Verbeugung: »Habe nicht die Ehre«. Hierauf machte er
eine halbe Wendung und fuhr, nach uns zurück sprechend, fort: »Die
Herren werden schon entschuldigen. Ich bin seit heute morgen auf den
Beinen und muß mir's bequem machen.« Er war bei diesen Worten auf eine
Seitentür zugeschritten, öffnete sie und verschwand in einem kleinen
Zimmer, das offenbar als Schlafgemach benützt wurde.
»Er ist wirklich sehr in Anspruch genommen«, bestätigte Elsa, die ihm,
wie ihn bedauernd, nachgeblickt hatte. Dann begab sie sich mit einer
kurzen Entschuldigung in die Küche, um, wie sie sagte, nach dem Tee zu
sehen.
Ich spürte nun großes Verlangen, fortzugehen und sah meinen Begleiter
fragend an. Dieser aber schien durchaus nicht gewillt, das Feld zu
räumen; er lehnte sich vielmehr mit einer Art verbissenen Trotzes in den
Stuhl zurück und streckte die Beine von sich.
Jetzt trat auch schon die Hausfrau wieder ein, in jeder Hand eine kalte
Schüssel tragend. Die Magd folgte mit allerlei Zubehör. Dann wurde der
kochende Teekessel gebracht; später folgte ein großer, mit Bier
gefüllter Glaskrug.
Inzwischen war Röber gleichfalls zum Vorschein gekommen. Er hatte sich
in einen langen, abgetragenen Schlafrock gehüllt, der Spuren früherer
Eleganz aufwies; an den Füßen trug er bequeme Hausschuhe.
»Die Herren werden es nicht übel nehmen,« begann er in herablassendem
Tone, als verzeihe er uns, daß wir möglicherweise an seiner Bekleidung
Anstoß nehmen könnten, »die Herren werden es nicht übel nehmen, daß ich
so vor ihnen erscheine. Allein wie gesagt, ich fühle mich
überangestrengt -- und zudem leide ich schon einige Zeit an den Füßen.«
»Ach ja!« fiel Elsa ein. »Und es will auch gar nicht besser werden. Hast
du heute vielleicht wieder stärkere Schmerzen?« forschte sie ängstlich.
»Nun, nicht gerade das. -- Aber,« fuhr er mit einer Wendung nach dem
Tische fort, »ich sehe, es ist alles bereit. Die Herren sind unsere
Gäste?«
»Gewiß werden sie uns das Vergnügen machen«, sagte Elsa einladend.
Was konnte ich tun? Um irgend eine stichhaltige Ausrede zu ersinnen, war
es zu spät und somit der günstige Augenblick, mich zu entfernen,
versäumt; ich mußte mich also mit an den Tisch setzen.
Elsa machte mit zuvorkommender Aufmerksamkeit die Wirtin, während Röber,
einem sichtlichen Bedürfnisse folgend, sehr ungezwungen den Schüsseln zu
Leibe ging. Erst jetzt konnte ich ihn mit voller Aufmerksamkeit
betrachten. Auch in _seinem_ Äußeren zeigte sich eine große Veränderung.
War Elsa in den letzten Jahren körperlich verfallen, so hatte er
hingegen verhältnismäßig zugenommen. Aber es war nicht die blühende
Überfülle der Gesundheit und Kraft, sondern jene blasse und weichliche
Aufgedunsenheit, welche so vielen Menschen anhaftet, die ein
unregelmäßiges und dabei sorgenvolles Leben führen. Dies konnte man
besonders in seinem Gesichte wahrnehmen, dessen Züge derart verquollen
waren, daß die früher so ungemein schönen dunkelgrauen Augen kaum mehr
zur Geltung gelangten. Er rasierte das Kinn nicht, sondern trug einen
sehr kurz gehaltenen Vollbart, der ihm übel ließ und in welchem sich
schon zahlreiche Silberfäden bemerkbar machten; auch zeigte sich über
der Stirn stark zunehmende Kahlheit. Der ganze Mann sah in der Tat sehr
verkommen aus.
Eben jetzt langte er eine Kartoffel auf seinen Teller und während er die
noch leicht dampfende in vier Teile zerlegte und verkühlen ließ,
eröffnete er, sichtlich in behaglicherer Stimmung, das Gespräch.
»Sie wollen also,« begann er, sich gleichsam an uns beide wendend, mit
ironischer Verziehung der Mundwinkel, »Sie wollen also meine El--sa--«
er sprach den Namen mit satirisch übertriebener Betonung aus -- »^à tout
prix^ zur Dichterin machen?«
»Machen?« rief Frauenlob mit scharfer Stimme. Er schien nur auf einen
Angriff gewartet zu haben, und seine kleinen, grünlichen Augen blitzten
kampflustig. »Machen? Wie sollte man das anstellen, wenn es nicht schon
wäre?«
»Ich weiß,« erwiderte der andere vornehm, indem er ein Kartoffelstück
aufnahm: »^poeta nascitur.^ Aber man kann auch jemanden in etwas
heineinreden.«
»Was hätte man davon?« entgegnete Frauenlob, geringschätzig das Haupt
zurückwerfend.
»Ganz richtig, was hätte man davon? Wenn auch Elsa Begabung besitzt --
woran ich übrigens gar nicht zweifeln will -- so bleibt doch das Ganze
eine höchst unnütze Sache.«
»Aber man kann doch damit verdienen, Leo«, warf Elsa schüchtern ein.