V.

Der Stadtteil, in welchem Elsa Röber wohnte, war jenes alte, mehr oder

minder licht- und luftlose Gassengewirre, das sich in der nächsten Nähe

des Stephansdomes noch heute von allen Neuerungen fast unberührt

erhalten hat. Die Mietzinse sind dort in den meisten Häusern billiger

als anderswo, und so besteht auch ein großer Teil der Bewohner aus

Leuten, die in beschränkten, öfter auch zweifelhaften Verhältnissen

leben. In einer der engsten Gassen vor einem hohen, grau übertünchten

Hause mit vorspringendem ersten Stockwerk angelangt, traten wir -- es

war im September -- in eine dunkle, zugluftige Einfahrt. Dort lenkte

mich mein Führer gleich links über ein paar Stufen nach einem schmalen,

unbeleuchteten Seitengang, wo wir uns einer einzelnen Tür gegenüber

befanden. Er zog die Klingel und, da drinnen alles still blieb, nach

einer Weile ein zweites Mal. Endlich vernahm man ein Geräusch von

leichten Schritten, die sich zögernd der Tür näherten; ein kleines

Guckloch wurde geöffnet, und eine weibliche Stimme fragte in die

Dunkelheit hinaus: »Wer ist da?«

»Ich bin es, Frau Elsa!« rief Frauenlob eindringlich. »Machen Sie nur

auf!«

Drinnen klang, während sich das Guckloch schloß, ein leichtes »Ah!« Dann

sehr vernehmlich: »Bitte nur noch einen Augenblick! Ich habe das Mädchen

weggeschickt; ich muß erst den zweiten Schlüssel holen.«

Bald darauf drehte sich dieser im Schlosse, und eine nicht ganz deutlich

werdende Gestalt ließ uns, indem sie die Tür öffnete, in das trübe

Zwielicht einer nicht sehr geräumigen Küche treten.

»Ach, verzeihen Sie,« sagte sie, indem sie den Schlüssel wieder umdrehte

und abzog, »daß Sie sich so lange gedulden mußten. Ich hatte Sie so früh

nicht erwartet. Aber -- --«

Wie man bemerken konnte, verweilte jetzt ihr Blick befremdet und

forschend auf mir.

»Ja, gnädige Frau, ich habe einen Besuch mitgebracht«, rief mein

Begleiter feierlich. Dann vorstellend: »Mein hochverehrter Kollege, der

_berühmte_ --« er nannte meinen Namen. »Er hat Ihren Roman gelesen und

will Sie nun auch persönlich kennen.«

»O, ich bitte --« erwiderte sie verwirrt. »Aber treten Sie doch ins

Zimmer. Ich habe noch gar nicht Licht gemacht -- ich werde gleich --«

Und indem sie sich jetzt mit einer Petroleumlampe zu schaffen machte,

die in der Nähe des Herdes stand, traten wir in ein ziemlich

weitläufiges, niedrig gewölbtes Gemach, wie solche in den Erdgeschossen

alter Stadthäuser häufig anzutreffen sind. Da die Fenstervorhänge

geschlossen waren, herrschte in dem Raume solche Dunkelheit, daß man die

Einrichtungsstücke, außer einem runden Tische, der in der Mitte des

Zimmers stand und auf welchem bereits Vorbereitungen zum Abendtee

getroffen waren, kaum unterscheiden konnte.

Wir hielten uns, um nirgends anzustoßen, in der Nähe der Tür, und nun

trat auch Frau Elsa herein, das Gesicht von der hellschimmernden Lampe

beleuchtet, die sie vor sich her trug.

Wenn Frauenlob gesagt hatte, daß sie »wunderschön« sei, so konnte man

diesem Ausspruche jetzt ebenso wenig unbedingt beipflichten, wie der

überschwenglichen Anerkennung des Romans. Daß sie sehr schön gewesen,

das zeigte sich allerdings noch, und daß sie auch noch immer Anreiz

auszuüben vermochte, mußte zugegeben werden. Allein welche Veränderungen

waren da während der letzten drei Jahre vor sich gegangen! Sie war

überraschend schlank, ja mager geworden, und zwar wies sie jene

Magerkeit vorzeitig raschen Verfalles, welche Züge und Formen schlaff

und verkümmert erscheinen läßt. Ihr vormals so ungemein üppiges Haar war

auffallend gelichtet, und die hellen Goldaugen hatten sich zu einem

scharfen Braun abgedunkelt. Trotzdem waren es noch immer anziehende

Augen, die jetzt bei mangelnder Gesichtsfülle um so größer erschienen,

als sie von sichtlich geschwärzten Wimpern hervorgehoben wurden. Aber

sie waren auch von breiten, mißfarbigen Ringen umzogen, die als Zeichen

körperlicher -- vielleicht auch seelischer Erschöpfung gelten konnten.

Sie trug ein einfaches, nicht ganz passendes Kleid aus Wollenstoff, und

außer einer billigen, unechten Brosche in der Gegend des Halses

keinerlei Schmuck. Ihre Hände waren gerötet und ließen trotz der

peinlichen Sorgfalt, mit der sie offenbar gepflegt wurden, Spuren harter

häuslicher Arbeit erkennen.

Sie hatte die Lampe auf den Tisch gestellt und betrachtete mich

aufmerksam. »Darf ich noch einmal um den Namen dieses Herrn bitten; ich

hab' ihn vorhin nicht ganz --«

Frauenlob wiederholte ihn mit Emphase.

»Ach ja,« sagte sie, indem sie sich auf ein kleines Sofa niederließ und

uns gleichfalls zum Sitzen einlud -- »ach ja, diesen Namen hab' ich wohl

schon gehört. Aber es ist mir, als sollt' ich Sie auch persönlich kennen

--«

Nun war der peinliche Augenblick gekommen, den ich vorausgesehen und

trotz der Versicherungen Frauenlobs gefürchtet hatte. Ich erwiderte

daher etwas kleinlaut: »Allerdings haben wir einander schon öfter

gesehen -- und zwar in Döbling, wo ich seit einer Reihe von Jahren

wohne.«

»Ja, ja, gewiß -- in Döbling«, entgegnete sie hastig, während ihre etwas

gelbliche Gesichtsfarbe langsam in eine dunkle Röte überging. »Ich

entsinne mich sehr genau. Und da kennen Sie ja gewiß auch meine ganze

Geschichte und werden sich nicht wundern, mich in ganz anderen

Verhältnissen --«

Ich hatte mich inzwischen gefaßt und trachtete so rasch wie möglich über

dieses Thema hinwegzukommen, das sie allem Anscheine nach doch nicht so

vollständig gleichgültig ließ, wie Frauenlob behauptet hatte.

»Ich wundere mich über gar nichts, gnädige Frau,« sagte ich in

bestimmtem und dabei sehr ehrerbietigem Tone; »höchstens über das eine,

daß Sie unter die Schriftstellerinnen gegangen sind.«

»Mein Gott,« sagte sie aufatmend mit einem Lächeln; »weiß ich doch

selbst kaum, wie ich dazu gekommen bin. Ich hatte ja früher an so etwas

gar nicht gedacht und auch sehr wenig gelesen. Im vorigen Jahre sind mir

aber ganz zufällig ein paar Bücher in die Hand gekommen, die auf mich

großen Eindruck gemacht haben. Aber auch da fiel es mir nicht ein,

selbst zu schreiben; erst als mein -- Mann für einige Zeit verreisen

mußte und ich ganz allein blieb, erst da überkam es mich. Und zwar ganz

plötzlich; -- ohne vieles Nachdenken habe ich die Geschichte

hingeschrieben.«

Das entsprach ganz meinen Voraussetzungen, und ich freute mich über das

unbefangene Eingeständnis. Unwillkürlich fühlte ich mich versucht, auf

unsere allererste Begegnung anzuspielen und so zu erfahren, ob sie sich

meiner auch aus jener fernen Zeit noch erinnere. Wäre ich mit ihr allein

gewesen, würde ich es jedenfalls getan haben, so aber hielt mich die

Gegenwart meines Begleiters zurück, und ich schwieg.

»Ich legte auch anfangs gar kein Gewicht darauf,« fuhr sie nach

einer Pause fort; »es war mir eine bloße Zerstreuung -- eine

Herzenserleichterung gewesen. Später aber zeigte ich die Blätter einer

Bekannten, und diese meinte, ich sollte sie zu verwerten trachten; es

gäbe jetzt so viele Frauen, die mit derlei Geld erwerben. Sie bot mir

ihre Vermittelung an -- und Ihr -- Freund hier --« sie wies auf

Frauenlob -- »war so liebenswürdig, ein günstiges Urteil zu fällen.«

Dieser warf sich auf seinem Stuhle in die Brust. »Nur nach Verdienst,

Frau Elsa«, sagte er.

»Also auch _Sie_ meinen,« sprach sie langsam, indem sie schüchtern ihren

Blick auf mich richtete, »auch _Sie_ meinen, daß die Sache --«

»Sie haben es doch gehört!« unterbrach sie der andere, ungeduldig die

langen Haare schüttelnd.

Ich befand mich nun wieder in einiger Verlegenheit.

»Ihre Leistung ist jedenfalls eine sehr interessante,« hob ich

gewissermaßen zögernd an, »und mit einigen Änderungen, die daran

vorgenommen werden müssen --«

»Das werde ich alles besorgen!« rief Frauenlob. »Auch die Herausgabe!

Der Erfolg kann nicht ausbleiben, Frau Elsa, und wenn Sie sich fernerhin

meiner Leitung anvertrauen, so ist Ihnen eine bedeutende Zukunft gewiß.«

Sie blickte zweifelnd vor sich hin. »Glauben Sie wirklich?« fragte sie

dann nachdenklich, mehr gegen mich gewendet. »Ich hätte da so vieles zu

lernen. Und woher sollte ich die Zeit nehmen? Wir leben, wie Sie sehen,

in beschränkten Verhältnissen -- und mein Mann ist sehr verwöhnt; ich

habe alle Hände voll zu tun, um unsere Häuslichkeit seinen Bedürfnissen

gemäß einzurichten. Er würde es nicht besonders gerne sehen, wenn ich

mich anderweitig beschäftigte« --

»Danach haben Sie nicht zu fragen!« sagte Frauenlob in scharfem,

erzieherischem Tone. »Die Hörigkeit der Frau ist Gott sei Dank vorüber

-- und Sie müssen sich neben Ihrem -- Gemahl eine selbständige Stellung

schaffen.«

»Mein Gott, daran denk' ich ja gar nicht«, erwiderte sie zerstreut; es

war, als horche sie dabei aus dem Zimmer hinaus. »Und dann -- er hat nun

einmal eine Abneigung gegen schreibende Frauen.«

»Das müssen Sie ihm eben abgewöhnen -- müssen ihn eines Besseren

belehren!«

Sie erwiderte nichts und hatte offenbar die letzten Worte nur mehr mit

halbem Ohr vernommen. Dann rief sie plötzlich: »Da kommt er!«

Draußen war heftig an der Klingel gerissen worden, und durch die Küche,

wo sich schon früher die Anwesenheit einer Magd bemerkbar gemacht hatte,

trat jetzt Röber ein. Er mußte seine hohe Gestalt unter der Tür um so

mehr bücken, als er den Hut auf dem Kopfe behielt. Erst in der Mitte des

Zimmers nahm er ihn zögernd ab, wobei sein Blick überrascht und

befremdet auf mich gerichtet blieb.

Wir hatten uns erhoben.

»Der Herr Doktor hat uns einen angenehmen Besuch mitgebracht, Leo,«

sagte Elsa, und der Ton ihrer Stimme hatte dabei etwas flehend

Unsicheres, »einen berühmten Schriftsteller. Vielleicht kennst du den

Herrn vom Sehen.«

Er blickte mich unverwandt an und sagte, ohne eine Miene zu verziehen,

mit einer leichten Verbeugung: »Habe nicht die Ehre«. Hierauf machte er

eine halbe Wendung und fuhr, nach uns zurück sprechend, fort: »Die

Herren werden schon entschuldigen. Ich bin seit heute morgen auf den

Beinen und muß mir's bequem machen.« Er war bei diesen Worten auf eine

Seitentür zugeschritten, öffnete sie und verschwand in einem kleinen

Zimmer, das offenbar als Schlafgemach benützt wurde.

»Er ist wirklich sehr in Anspruch genommen«, bestätigte Elsa, die ihm,

wie ihn bedauernd, nachgeblickt hatte. Dann begab sie sich mit einer

kurzen Entschuldigung in die Küche, um, wie sie sagte, nach dem Tee zu

sehen.

Ich spürte nun großes Verlangen, fortzugehen und sah meinen Begleiter

fragend an. Dieser aber schien durchaus nicht gewillt, das Feld zu

räumen; er lehnte sich vielmehr mit einer Art verbissenen Trotzes in den

Stuhl zurück und streckte die Beine von sich.

Jetzt trat auch schon die Hausfrau wieder ein, in jeder Hand eine kalte

Schüssel tragend. Die Magd folgte mit allerlei Zubehör. Dann wurde der

kochende Teekessel gebracht; später folgte ein großer, mit Bier

gefüllter Glaskrug.

Inzwischen war Röber gleichfalls zum Vorschein gekommen. Er hatte sich

in einen langen, abgetragenen Schlafrock gehüllt, der Spuren früherer

Eleganz aufwies; an den Füßen trug er bequeme Hausschuhe.

»Die Herren werden es nicht übel nehmen,« begann er in herablassendem

Tone, als verzeihe er uns, daß wir möglicherweise an seiner Bekleidung

Anstoß nehmen könnten, »die Herren werden es nicht übel nehmen, daß ich

so vor ihnen erscheine. Allein wie gesagt, ich fühle mich

überangestrengt -- und zudem leide ich schon einige Zeit an den Füßen.«

»Ach ja!« fiel Elsa ein. »Und es will auch gar nicht besser werden. Hast

du heute vielleicht wieder stärkere Schmerzen?« forschte sie ängstlich.

»Nun, nicht gerade das. -- Aber,« fuhr er mit einer Wendung nach dem

Tische fort, »ich sehe, es ist alles bereit. Die Herren sind unsere

Gäste?«

»Gewiß werden sie uns das Vergnügen machen«, sagte Elsa einladend.

Was konnte ich tun? Um irgend eine stichhaltige Ausrede zu ersinnen, war

es zu spät und somit der günstige Augenblick, mich zu entfernen,

versäumt; ich mußte mich also mit an den Tisch setzen.

Elsa machte mit zuvorkommender Aufmerksamkeit die Wirtin, während Röber,

einem sichtlichen Bedürfnisse folgend, sehr ungezwungen den Schüsseln zu

Leibe ging. Erst jetzt konnte ich ihn mit voller Aufmerksamkeit

betrachten. Auch in _seinem_ Äußeren zeigte sich eine große Veränderung.

War Elsa in den letzten Jahren körperlich verfallen, so hatte er

hingegen verhältnismäßig zugenommen. Aber es war nicht die blühende

Überfülle der Gesundheit und Kraft, sondern jene blasse und weichliche

Aufgedunsenheit, welche so vielen Menschen anhaftet, die ein

unregelmäßiges und dabei sorgenvolles Leben führen. Dies konnte man

besonders in seinem Gesichte wahrnehmen, dessen Züge derart verquollen

waren, daß die früher so ungemein schönen dunkelgrauen Augen kaum mehr

zur Geltung gelangten. Er rasierte das Kinn nicht, sondern trug einen

sehr kurz gehaltenen Vollbart, der ihm übel ließ und in welchem sich

schon zahlreiche Silberfäden bemerkbar machten; auch zeigte sich über

der Stirn stark zunehmende Kahlheit. Der ganze Mann sah in der Tat sehr

verkommen aus.

Eben jetzt langte er eine Kartoffel auf seinen Teller und während er die

noch leicht dampfende in vier Teile zerlegte und verkühlen ließ,

eröffnete er, sichtlich in behaglicherer Stimmung, das Gespräch.

»Sie wollen also,« begann er, sich gleichsam an uns beide wendend, mit

ironischer Verziehung der Mundwinkel, »Sie wollen also meine El--sa--«

er sprach den Namen mit satirisch übertriebener Betonung aus -- »^à tout

prix^ zur Dichterin machen?«

»Machen?« rief Frauenlob mit scharfer Stimme. Er schien nur auf einen

Angriff gewartet zu haben, und seine kleinen, grünlichen Augen blitzten

kampflustig. »Machen? Wie sollte man das anstellen, wenn es nicht schon

wäre?«

»Ich weiß,« erwiderte der andere vornehm, indem er ein Kartoffelstück

aufnahm: »^poeta nascitur.^ Aber man kann auch jemanden in etwas

heineinreden.«

»Was hätte man davon?« entgegnete Frauenlob, geringschätzig das Haupt

zurückwerfend.

»Ganz richtig, was hätte man davon? Wenn auch Elsa Begabung besitzt --

woran ich übrigens gar nicht zweifeln will -- so bleibt doch das Ganze

eine höchst unnütze Sache.«

»Aber man kann doch damit verdienen, Leo«, warf Elsa schüchtern ein.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 35 / 53 题