»Gewiß«, bestätigte ich.
»Nun und was sagen Sie?« drängte er.
»Ich bin Ihrer Meinung«, erwiderte ich ohne jede Einschränkung, da ich
doch wußte, daß er keine einzige würde gelten lassen.
»Bravo!« rief er, indem er stolz das Haupt erhob. Dann fügte er
herablassend hinzu: »Welch ein Triumph für die Dichterin, daß auch Sie
-- --«
Ich überlegte einen Augenblick. Es konnte, wie gesagt, kein Zweifel mehr
obwalten, aber ich wünschte die vollständigste Überzeugung. Aus dem
Roman selbst konnte diese nicht unmittelbar gewonnen werden. Wie bei den
meisten Anfängerarbeiten waren die Lokalfarben absichtlich verwischt,
die Charaktere ziemlich allgemein gehalten, die Begebenheiten weit
hergeholt. Ich sagte also: »Ich will Ihnen nur gestehen, daß ich die
Verfasserin in der Tat zu kennen glaube. Das heißt, ganz oberflächlich
-- gewissermaßen bloß vom Sehen. Dennoch kann ich mich täuschen. Teilen
Sie mir also Genaueres über sie mit -- beschreiben Sie mir ihr Äußeres
--«
»Wozu auch? Sehen Sie sich die Dame an, und es wird sich zeigen, ob Sie
auf der richtigen Fährte waren.«
»Wie sollte das geschehen?«
»Ganz einfach. Man erwartet mich heute abend dort zum Tee -- und ich
nehme Sie mit. Das günstige Urteil, das Sie gefällt, wird die schöne
Frau doppelt freuen, wenn sie es aus Ihrem eigenen Munde vernimmt.«
Ich gestehe, dieser Vorschlag hatte etwas Verlockendes. Es reizte mich,
die Frau, deren Lebensgang ich so lange beobachtet hatte, in nunmehr
ganz veränderten Verhältnissen wiederzusehen. Dennoch fühlte ich das
Unstatthafte eines solchen Vorgehens, um so mehr, als ja meine
Anerkennung keineswegs eine so rückhaltlose war, wie der selbstbewußte
Protektor voraussetzte. Ich erwiderte daher: »Es wird doch wohl nicht
angehen -- so ganz ohne weiteres --«
»Welche Bedenklichkeiten, Verehrter! Sie können doch annehmen, daß Sie
unter allen Umständen willkommen sein werden. Und dann offen gestanden,
es kommt mir sehr erwünscht, wenn ich Sie dort einführen darf. Und zwar
dieses Röber wegen, der trotz seiner fatalen Lebensstellung ein äußerst
hochmütiger Geselle ist. Er schätzt die Begabung seiner Geliebten --
oder seiner Frau nicht im geringsten; vielmehr bespöttelt er ihr Streben
und betrachtet mich mit offen zur Schau getragenem Mißtrauen. Er glaubt
jedenfalls, daß ich mit -- Gott weiß welchen eigennützigen Absichten ins
Zeug gehe. Wenn er aber sieht, daß ein Mann wie Sie -- --«
»Ich wüßte nicht, warum gerade ich diesem Herrn Röber imponieren
sollte«, erwiderte ich, die jetzt so plötzliche Hochschätzung abweisend.
»Und dann noch eins. Es wäre doch eigentlich sehr unzart, wenn ich jener
Frau so ganz ohne jegliche Vorbereitung entgegentreten würde. Denn so
gut _ich_ sie im Gedächtnis zu haben glaube, wird auch _sie_ sich meiner
Person erinnern und könnte dadurch höchst unliebsam an die Vergangenheit
gemahnt werden.«
Er lachte laut auf. »Da irren Sie gewaltig, lieber Freund! Frau Elsa hat
mit allem, was hinter ihr liegt, gründlich abgerechnet. Das sollte Ihnen
doch schon der Roman beweisen; sie hat jetzt nur eines im Auge: daß
dieser zur Geltung gelangt. Also machen Sie sich keine Skrupel und
kommen Sie mit!«
Eine Zeitlang schwankte ich noch; dann aber gab die Neugierde den
Ausschlag. Ich machte mich fertig und fuhr mit Frauenlob nach der Stadt.