IV.

Seitdem war fast ein Jahr verstrichen, als eines Vormittags an meine Tür

geklopft wurde und ein jüngerer Schriftsteller eintrat, der sich bei

seinen Berufsgenossen keiner besonderen Beliebtheit erfreute. Nicht ohne

Begabung schon sehr früh in die Literatur getreten, hatte er sich auf

allen möglichen Gebieten versucht und betätigte sich, da der Erfolg

seinen Erwartungen nicht entsprach, zuletzt fast nur mehr als Kritiker.

In dieser Eigenschaft hielt er -- gewissermaßen schon ein Vorläufer der

heutigen »neuesten Schule« -- als leitenden Grundsatz die Behauptung

aufrecht, daß alles bisher Geleistete veraltet sei und in unsere Zeit

nicht mehr passe. Er selbst fühlte sich durchaus »modern«, sprach stets

von einer Literatur der Zukunft und erwies sich infolgedessen gegen

Anfänger sehr nachsichtsvoll und ermunternd, besonders wenn diese dem

weiblichen Geschlecht angehörten. So stand er denn auch bei einigen

Schriftstellerinnen und solchen, die es werden wollten, in großem

Ansehen. Sie übersendeten ihm ihre Werke, zogen ihn zu Rate, wogegen er,

wie behauptet wurde, stets die Gelegenheit wahrnahm, mit der einen oder

der anderen dieser Damen, die er nach seinem Geschmacke fand, in

intimere Beziehungen zu treten. Nebenher aber wollte es ihm nicht

gelingen, sich eine feste und unbestrittene literarische Stellung zu

schaffen, was ihn, eitel und selbstbewußt wie er war, immer mehr in

einen schwarzgalligen Hochmut hineintrieb. Ich selbst hatte mich ihm bei

irgend einer Gelegenheit gefällig erwiesen, und seitdem besuchte er mich

öfter, als mir gerade erwünscht war. Denn trotz der Anerkennung, die er

mir gegenüber gnädigst an den Tag legte, konnte er doch nicht umhin,

beständig durchfließen zu lassen, wie sehr er sich mir und meinen

Leistungen überlegen fühle.

»Obgleich Sie sich gar nicht um mich kümmern, muß ich Sie doch wieder

einmal in Ihrer Einsiedelei aufsuchen«, sagte er jetzt, indem er mir die

Hand reichte und sich seines abgegriffenen Hutes entledigte. Dann

schüttelte er das lange, straffe Haar und blickte im Zimmer umher. »Mein

Gott! wie kann man sich nur so vergraben! Eine schöne Aussicht haben Sie

allerdings«, setzte er, ans Fenster tretend, hinzu. »Aber was nützt das

alles? Dabei bleibt man doch nur ein Romantiker, ein elegischer Lorenz

Kindlein. Heutzutage muß der Dichter mitten im Kampfe des Lebens stehen,

muß ein scharfes Auge, ein stets bereites Ohr haben für die Zeichen und

Forderungen der Zeit -- sonst wird er mit Recht beiseite liegen

gelassen.«

Da ich auf diese oft vernommenen Bemerkungen mit einem Schweigen

antwortete, das er auslegen konnte, wie er mochte, fuhr er, nach mir

zurückgewendet, in seinem Sermon fort: »Aber so seid Ihr nun einmal, Ihr

Herren von der alten Schule! Ihr könnt Euere überlieferten Ideale nicht

los werden. Da treffen es die Frauen wahrlich besser. Die haben den Mut,

mit der Vergangenheit zu brechen, und besitzen den richtigen Instinkt

für die Bedürfnisse der Gegenwart. Sehen Sie nur, was ich da wieder in

die Hand bekommen!«

Er zog bei diesen Worten ein ziemlich umfangreiches Heft, das in der

Mitte zusammengelegt war, aus der Tasche seines Überziehers und reichte

es mir hin. Ich bog es auseinander und las den Titel: »Der Roman einer

Frau, von Elsa Röber«.

Ich blickte sinnend auf.

Er bemerkte es nicht und warf sich in seinem Eifer auf den nächsten

Stuhl. »Grandios, sage ich Ihnen! Der Griff einer Löwin! Da wird mit dem

hergebrachten flauen Gefasel über die Heiligkeit der Ehe gründlich

aufgeräumt und das Evangelium der freien Liebe höchst eindringlich

gepredigt. Die betreffenden Stellen und Schilderungen sind um so

schlagender, als sie von der Feder einer Frau herrühren. Ganz so, wie

sie hier vorliegt,« fuhr er nach einer Pause fort, »ist die Geschichte

freilich nicht zu brauchen. Die Form ist sehr mangelhaft; auch steht die

Verfasserin mit der Grammatik und hin und wieder mit der Orthographie

noch auf ziemlich gespanntem Fuße. Aber mit der gehörigen Nachhilfe kann

der Roman, wenn er erscheint, Furore machen.«

»Und ist Ihnen die Verfasserin persönlich bekannt?« fragte ich aus

meinen Gedanken heraus.

»Selbstverständlich. Nachdem ich das Manuskript, das sie mir durch

zweite Hand übersenden ließ, geprüft hatte, habe ich mich auch sofort

bei ihr eingeführt. Eine wunderschöne Frau! Im interessantesten Alter --

so im Anfang der Dreißiger. Vielleicht ist sie Ihnen sogar nicht fremd;

denn wenn ich nicht irre, hat sie während der Ehe, die sie da schildert,

hier in Döbling gewohnt.«

»Und jetzt?« fragte ich weiter, während immer bestimmtere Vermutungen in

mir auftauchten.

»Jetzt? Jetzt lebt sie in der Stadt.«

»Allein?«

»Keineswegs. Mit ihrem Geliebten, den sie zwar ihren Mann nennt; aber

ich glaube nicht, daß sie verheiratet sind. Er ist Agent -- oder

ähnliches; es scheint ihnen nicht am besten zu gehen.« Er sah nach der

Uhr. »Teufel, schon Zwölf! Da muß ich Sie verlassen. Ich soll zu Tisch

nach Weinhaus hinüber, wo Verwandte von mir den Sommer zubringen. Habe

die Gelegenheit benützt, zu Ihnen einen Abstecher zu machen. Wissen Sie

was? Ich lasse das Manuskript hier. Sie erweisen mir einen Gefallen,

wenn Sie es durchsehen. Ich bin zwar meiner Sache sicher; allein es wäre

mir doch von großem Werte, auch Ihr Urteil zu vernehmen. Wenn es Ihnen

recht ist, hol' ich es gegen Abend bei Ihnen ab.«

Da meine Vermutungen inzwischen fast zur Gewißheit geworden waren, so

interessierte mich jetzt das Ganze sehr lebhaft, und ich sagte ihm, daß

er mich nach fünf Uhr ganz bestimmt zu Hause antreffen werde.

Kaum war er aus dem Zimmer getreten, als ich mich auch schon setzte und

das Heft zur Hand nahm. Elsa Röber! Es konnte kein Zweifel sein! Röber

hieß ja der Mann, um dessen willen Frau Stadler Heim und Familie

verlassen hatte. Alles traf zu: sie war die Verfasserin!

Ich begann zu lesen. Es wurde mir nicht ganz leicht; denn die Schrift

war ungleich und verworren, an manchen Stellen so flüchtig, daß ich

einzelne Wörter kaum entziffern konnte. Dennoch, je mehr Blätter ich

umwendete, je mehr mußte ich mich in gewissem Sinne mit der Ansicht des

begeisterten Entdeckers einverstanden erklären. Nicht, daß mir die

Arbeit so bedeutend wie ihm erschienen wäre. Sie erwies sich vielmehr

als ganz schülerhafte Nachahmung einer Erzählung, die unter dem Titel

»Die Geschiedene« vor einigen Jahren erschienen war und von einem

hochbegabten Autor herrührte, welcher als eigentlicher Eröffner dieser

Richtung eine stark naturalistische Erotik in die neuere deutsche

Literatur eingeführt hatte. Und die kurzen Gedichte, welche sich hin und

wieder eingestreut fanden, riefen sofort die genialen Lieder der Ada

Christen ins Gedächtnis. Trotzdem: neben vielem Platten und Gewöhnlichen

-- ergreifende Schilderungen; neben manchem Falschen und Verlogenen,

neben Rohem und Verletzendem -- Laute einer tiefen, eigentümlichen

Empfindung, erschütternde Schreie des Schmerzes und der Lust, welche

namentlich in unbefriedigten weiblichen Herzen mächtigen Widerhall

hervorrufen mußten. --

Ich ließ das Heft sinken. Seltsam! So war denn diese einst so behäbige,

jeder höheren geistigen Anregung fernstehende Frau, die, als echtes,

genußfrohes Wienerkind herangewachsen, vor Jahren verächtlich das

Näschen gerümpft hatte, als sie erfuhr, daß ich ein Dichter sei: zuletzt

auch von dem schriftstellerischen Drange der Zeit erfaßt worden, und die

Macht ihrer Schicksale hatte ihr die Feder in die Hand gedrückt!

* * * * *

Gegen sechs trat der neue Frauenlob (diesen Namen hatte ich dem

Erwarteten schon seit längerem so für mich im stillen beigelegt) wieder

bei mir ein.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 33 / 53 题