Seitdem war fast ein Jahr verstrichen, als eines Vormittags an meine Tür
geklopft wurde und ein jüngerer Schriftsteller eintrat, der sich bei
seinen Berufsgenossen keiner besonderen Beliebtheit erfreute. Nicht ohne
Begabung schon sehr früh in die Literatur getreten, hatte er sich auf
allen möglichen Gebieten versucht und betätigte sich, da der Erfolg
seinen Erwartungen nicht entsprach, zuletzt fast nur mehr als Kritiker.
In dieser Eigenschaft hielt er -- gewissermaßen schon ein Vorläufer der
heutigen »neuesten Schule« -- als leitenden Grundsatz die Behauptung
aufrecht, daß alles bisher Geleistete veraltet sei und in unsere Zeit
nicht mehr passe. Er selbst fühlte sich durchaus »modern«, sprach stets
von einer Literatur der Zukunft und erwies sich infolgedessen gegen
Anfänger sehr nachsichtsvoll und ermunternd, besonders wenn diese dem
weiblichen Geschlecht angehörten. So stand er denn auch bei einigen
Schriftstellerinnen und solchen, die es werden wollten, in großem
Ansehen. Sie übersendeten ihm ihre Werke, zogen ihn zu Rate, wogegen er,
wie behauptet wurde, stets die Gelegenheit wahrnahm, mit der einen oder
der anderen dieser Damen, die er nach seinem Geschmacke fand, in
intimere Beziehungen zu treten. Nebenher aber wollte es ihm nicht
gelingen, sich eine feste und unbestrittene literarische Stellung zu
schaffen, was ihn, eitel und selbstbewußt wie er war, immer mehr in
einen schwarzgalligen Hochmut hineintrieb. Ich selbst hatte mich ihm bei
irgend einer Gelegenheit gefällig erwiesen, und seitdem besuchte er mich
öfter, als mir gerade erwünscht war. Denn trotz der Anerkennung, die er
mir gegenüber gnädigst an den Tag legte, konnte er doch nicht umhin,
beständig durchfließen zu lassen, wie sehr er sich mir und meinen
Leistungen überlegen fühle.
»Obgleich Sie sich gar nicht um mich kümmern, muß ich Sie doch wieder
einmal in Ihrer Einsiedelei aufsuchen«, sagte er jetzt, indem er mir die
Hand reichte und sich seines abgegriffenen Hutes entledigte. Dann
schüttelte er das lange, straffe Haar und blickte im Zimmer umher. »Mein
Gott! wie kann man sich nur so vergraben! Eine schöne Aussicht haben Sie
allerdings«, setzte er, ans Fenster tretend, hinzu. »Aber was nützt das
alles? Dabei bleibt man doch nur ein Romantiker, ein elegischer Lorenz
Kindlein. Heutzutage muß der Dichter mitten im Kampfe des Lebens stehen,
muß ein scharfes Auge, ein stets bereites Ohr haben für die Zeichen und
Forderungen der Zeit -- sonst wird er mit Recht beiseite liegen
gelassen.«
Da ich auf diese oft vernommenen Bemerkungen mit einem Schweigen
antwortete, das er auslegen konnte, wie er mochte, fuhr er, nach mir
zurückgewendet, in seinem Sermon fort: »Aber so seid Ihr nun einmal, Ihr
Herren von der alten Schule! Ihr könnt Euere überlieferten Ideale nicht
los werden. Da treffen es die Frauen wahrlich besser. Die haben den Mut,
mit der Vergangenheit zu brechen, und besitzen den richtigen Instinkt
für die Bedürfnisse der Gegenwart. Sehen Sie nur, was ich da wieder in
die Hand bekommen!«
Er zog bei diesen Worten ein ziemlich umfangreiches Heft, das in der
Mitte zusammengelegt war, aus der Tasche seines Überziehers und reichte
es mir hin. Ich bog es auseinander und las den Titel: »Der Roman einer
Frau, von Elsa Röber«.
Ich blickte sinnend auf.
Er bemerkte es nicht und warf sich in seinem Eifer auf den nächsten
Stuhl. »Grandios, sage ich Ihnen! Der Griff einer Löwin! Da wird mit dem
hergebrachten flauen Gefasel über die Heiligkeit der Ehe gründlich
aufgeräumt und das Evangelium der freien Liebe höchst eindringlich
gepredigt. Die betreffenden Stellen und Schilderungen sind um so
schlagender, als sie von der Feder einer Frau herrühren. Ganz so, wie
sie hier vorliegt,« fuhr er nach einer Pause fort, »ist die Geschichte
freilich nicht zu brauchen. Die Form ist sehr mangelhaft; auch steht die
Verfasserin mit der Grammatik und hin und wieder mit der Orthographie
noch auf ziemlich gespanntem Fuße. Aber mit der gehörigen Nachhilfe kann
der Roman, wenn er erscheint, Furore machen.«
»Und ist Ihnen die Verfasserin persönlich bekannt?« fragte ich aus
meinen Gedanken heraus.
»Selbstverständlich. Nachdem ich das Manuskript, das sie mir durch
zweite Hand übersenden ließ, geprüft hatte, habe ich mich auch sofort
bei ihr eingeführt. Eine wunderschöne Frau! Im interessantesten Alter --
so im Anfang der Dreißiger. Vielleicht ist sie Ihnen sogar nicht fremd;
denn wenn ich nicht irre, hat sie während der Ehe, die sie da schildert,
hier in Döbling gewohnt.«
»Und jetzt?« fragte ich weiter, während immer bestimmtere Vermutungen in
mir auftauchten.
»Jetzt? Jetzt lebt sie in der Stadt.«
»Allein?«
»Keineswegs. Mit ihrem Geliebten, den sie zwar ihren Mann nennt; aber
ich glaube nicht, daß sie verheiratet sind. Er ist Agent -- oder
ähnliches; es scheint ihnen nicht am besten zu gehen.« Er sah nach der
Uhr. »Teufel, schon Zwölf! Da muß ich Sie verlassen. Ich soll zu Tisch
nach Weinhaus hinüber, wo Verwandte von mir den Sommer zubringen. Habe
die Gelegenheit benützt, zu Ihnen einen Abstecher zu machen. Wissen Sie
was? Ich lasse das Manuskript hier. Sie erweisen mir einen Gefallen,
wenn Sie es durchsehen. Ich bin zwar meiner Sache sicher; allein es wäre
mir doch von großem Werte, auch Ihr Urteil zu vernehmen. Wenn es Ihnen
recht ist, hol' ich es gegen Abend bei Ihnen ab.«
Da meine Vermutungen inzwischen fast zur Gewißheit geworden waren, so
interessierte mich jetzt das Ganze sehr lebhaft, und ich sagte ihm, daß
er mich nach fünf Uhr ganz bestimmt zu Hause antreffen werde.
Kaum war er aus dem Zimmer getreten, als ich mich auch schon setzte und
das Heft zur Hand nahm. Elsa Röber! Es konnte kein Zweifel sein! Röber
hieß ja der Mann, um dessen willen Frau Stadler Heim und Familie
verlassen hatte. Alles traf zu: sie war die Verfasserin!
Ich begann zu lesen. Es wurde mir nicht ganz leicht; denn die Schrift
war ungleich und verworren, an manchen Stellen so flüchtig, daß ich
einzelne Wörter kaum entziffern konnte. Dennoch, je mehr Blätter ich
umwendete, je mehr mußte ich mich in gewissem Sinne mit der Ansicht des
begeisterten Entdeckers einverstanden erklären. Nicht, daß mir die
Arbeit so bedeutend wie ihm erschienen wäre. Sie erwies sich vielmehr
als ganz schülerhafte Nachahmung einer Erzählung, die unter dem Titel
»Die Geschiedene« vor einigen Jahren erschienen war und von einem
hochbegabten Autor herrührte, welcher als eigentlicher Eröffner dieser
Richtung eine stark naturalistische Erotik in die neuere deutsche
Literatur eingeführt hatte. Und die kurzen Gedichte, welche sich hin und
wieder eingestreut fanden, riefen sofort die genialen Lieder der Ada
Christen ins Gedächtnis. Trotzdem: neben vielem Platten und Gewöhnlichen
-- ergreifende Schilderungen; neben manchem Falschen und Verlogenen,
neben Rohem und Verletzendem -- Laute einer tiefen, eigentümlichen
Empfindung, erschütternde Schreie des Schmerzes und der Lust, welche
namentlich in unbefriedigten weiblichen Herzen mächtigen Widerhall
hervorrufen mußten. --
Ich ließ das Heft sinken. Seltsam! So war denn diese einst so behäbige,
jeder höheren geistigen Anregung fernstehende Frau, die, als echtes,
genußfrohes Wienerkind herangewachsen, vor Jahren verächtlich das
Näschen gerümpft hatte, als sie erfuhr, daß ich ein Dichter sei: zuletzt
auch von dem schriftstellerischen Drange der Zeit erfaßt worden, und die
Macht ihrer Schicksale hatte ihr die Feder in die Hand gedrückt!
* * * * *
Gegen sechs trat der neue Frauenlob (diesen Namen hatte ich dem
Erwarteten schon seit längerem so für mich im stillen beigelegt) wieder
bei mir ein.