III.

Meinem Wanderaufenthalte im Süden war ein ziemlich langer und seßhafter

bei einem Freunde in Steiermark gefolgt, und so waren auch bis zu meiner

Rückkehr beinahe zwei Jahre vergangen. Meine Wohnung hatte ich

beibehalten, und als ich im Zwielicht eines frostigen Spätherbstabends

ankam, fand ich in dem mir so lieb gewordenen Vororte vieles verändert.

Gleich neben dem Stadlerschen Hause zeigten sich neue Bauten: arg

verschnörkelte, aber doch höchst stattliche und geräumige Villen,

zwischen denen sich der alte Bürgersitz, um einen sehr großen Teil

seines freiliegenden Grundes beschnitten, recht eng und gedrückt

ausnahm. Zudem wies er sich äußerlich sehr vernachlässigt; die Tünche

war verwittert, die Fenster dunkelten wie erblindet. Im weiteren Verlauf

der Straße überraschte mich eine Anzahl prunkvoll erleuchteter

Kaufläden; auch war der Verkehr viel lebhafter, als es sonst um diese

Stunde der Fall gewesen. Als ich am nächsten Morgen ausging, begegnete

ich fast lauter unbekannten Gesichtern, ein Zeichen, daß viele neue

Einwohner zugewachsen waren. Erhoben sich doch, wie ich jetzt sah,

überall neue Häuser; selbst die Querstraße, die man nicht lange vor

meiner Abreise durch eine weite Flucht verwüsteter Gärten abgesteckt

hatte, war in zwei Reihen kleiner Paläste fast ausgebaut. Ich trat, um

zu frühstücken, in das Kaffeehaus. Dort war alles beim Alten geblieben;

nur die Fenster hatte man vergrößert und mit hellen Spiegelscheiben

versehen. Im übrigen ebenfalls fremde Gäste, mit Ausnahme eines

bejahrten Mannes, der eine Brille mit dunklen Gläsern auf der stark

geröteten Nase trug. Er war mir von früher her als Gemeindesekretär

bekannt, und ich wunderte mich, ihn während der Amtsstunden hier zu

treffen. Als ich grüßend auf ihn zutrat, hatte er einige Mühe, mich zu

erkennen, freute sich aber dann sehr des Wiedersehens und teilte mir

mit, daß er vor zwei Monaten seine Pensionierung erhalten habe. Seines

zunehmenden Augenleidens wegen. Damit stehe es jedoch, Gott sei Dank,

noch immer nicht gar so schlimm; es wäre eben nur ein willkommener

Vorwand für den neuen Herrn Bürgermeister gewesen, um ihn, den alt

gedienten und verdienten Beamten, beiseite zu schieben. Der Mann wolle

nun einmal alles von Grund auf umwandeln. »Ja,« fuhr der Alte in

wehmütigem Tone fort, »die schönen, gemütlichen Zeiten sind vorüber, und

unser liebes Döbling nimmt eine andere Gestalt an. Schon heute ist es

kaum mehr zu erkennen -- geben Sie acht, in einigen Jahren wird es ganz

und gar mit der Stadt zusammengewachsen sein. Hoffentlich erleb' ich das

nicht mehr.«

Ich suchte ihn zu trösten und erkundigte mich nach diesem und jenem,

unter anderem auch nach den Stadlers.

»Die Stadlers? Wissen Sie denn nicht, daß der jüngere gestorben ist?«

»Gestorben?«

»Jawohl, -- es war eine recht traurige Geschichte.«

»Wieso?«

»Sie haben also gar nichts davon gehört? Seine Frau ist ihm

durchgebrannt. Mit diesem Herrn Röber, dem sogenannten Fabrikdirektor.

An den müssen Sie sich ja noch erinnern. Eines schönen Morgens war sie

fort, Mann und Kinder im Stiche lassend. Alle ihre Pretiosen hat sie

mitgenommen und auch eine Summe Geldes, die allerdings insoferne ihr

Eigentum war, als sie einige Mitgift ins Haus gebracht. Der arme gute

Ferdl -- Sie wissen ja, daß er Ferdinand geheißen hat -- war ganz außer

sich, dem Irrenhause nahe.«

»Er hat sie wohl sehr geliebt?«

»Und wie! Von Jahr zu Jahr mehr. Schön war sie, das muß man sagen. Er

hatte sie auf einem kostümierten Bauernballe kennen gelernt, der hier im

Kasino stattfand und zu dem sie aus der Stadt gekommen war -- als

Tirolerin. Er vernarrte sich sofort in sie und hat sie geheiratet,

obgleich ihm mancher, der wußte, daß ihr Ruf nicht der beste sei,

dringend davon abriet. Sonst aber erschien die Partie ganz passend. Das

Fräulein Schebesta war aus guter Familie, eines Baumeisters Tochter und,

wie gesagt, auch nicht ganz ohne Vermögen, obgleich auf dem Hause, das

ihr nach dem Tode der Mutter zugefallen, genug Schulden hafteten. Und

während ihrer Ehe hielt sie sich auch die längste Zeit ganz brav, wenn

sie auch eine flotte Frau war. Aber da mußte der Lump mit seiner stolzen

Haltung und dem interessanten Backenbart kommen -- und aus war's und

geschehen. Indes, nachdem der erste Schmerz sich ein wenig gelegt hatte,

suchte sich der verlassene Ehegatte so gut es ging zu fassen. Er hat

seinen Kindern zuliebe alles aufgeboten, sein schweres Schicksal mit

männlicher Kraft zu tragen -- und es war ihm auch so ziemlich gelungen.

Da, eines Tags -- sechs Monate ist es jetzt her -- steht er dort an

jenem Billard und spielt wie gewöhnlich nach Tisch. Plötzlich fällt ihm

die Queue aus der Hand, mit der andern fährt er nach der Stirn -- und

sinkt lautlos zu Boden. Der Schlag hatte ihn getroffen.«

»Und die Kinder?« fragte ich nach einer Pause.

»Mit denen ist es auch eigentümlich gegangen. Selbstverständlich hat sie

der Bruder zu sich genommen, dessen Frau ihm keine Nachkommenschaft

geschenkt hat. Da wären sie auch ganz gut aufgehoben gewesen. Aber bald

darauf erkrankten sie, fast gleichzeitig, am Scharlach. Als sie beinahe

schon genesen waren, trat Diphtheritis hinzu -- und beide starben in

einer Nacht.«

»Das ist wirklich sehr traurig.«

»Na, vielleicht war's zu ihrem Besten. Man soll keinen beklagen, wenn er

einmal da unten in der Erde liegt. Wer weiß, was die zwei Kleinen noch

alles hätten erleben müssen; jedenfalls aber blieb's ihnen erspart, sich

späterhin über ihre Mutter klar zu werden. Auch geht's ja -- im

Vertrauen gesagt -- schon seit Jahren mit den Stadlerschen abwärts. Der

Krach im Jahre 73 hat auch auf die Brüder gewirkt; es hieß, daß sie nur

mit Mühe den Konkurs abwehrten. Daher sind auch, als der Jüngere starb,

sofort die Ziegeleien samt den Holzlagern verkauft worden; und auch der

Johann treibt die Zimmermeisterei nur mehr recht notdürftig fort. Denn

mit der Ausschließlichkeit, die den Vater emporgebracht, ist's schon

lange vorbei, und die Konkurrenz, die auf jedem Gebiete herrscht, hat

den Sohn überflügelt. Sie werden das auch dem Hause anmerken, wenn Sie

vorüberkommen. Früher blickte es einem so hell, so einladend entgegen;

jetzt nimmt es sich neben den modernen Nachbarn ganz finster und

trostlos aus. So ist der Lauf der Welt,« schloß er seufzend: »das Neue

floriert, und das Alte geht zu Grunde.«

Er war aufgestanden, nahm Hut und Überrock vom Nagel und schickte sich

zum Fortgehen an.

»Und hat man nichts mehr von der Frau gehört?« fragte ich.

»Nichts Gewisses. Anfangs hieß es, das Paar habe sich nach Pest

gewendet. Dann wollte man erfahren haben, daß sie in Paris seien,

während andere behaupteten, sie wären gar nicht über Wien

hinausgekommen. Es ist auch jetzt ganz gleichgültig. Wer weiß, ob sie

überhaupt noch beisammen sind. Derlei Dinge halten nicht.«

Er reichte mir die Hand und empfahl sich. Ich aber blieb sitzen und sah

durch die neuen Spiegelscheiben auf die Straße hinaus, die in diesem

Augenblick wenig belebt war. Ein scharfer Nordwind hatte sich erhoben

und fegte welkes Laub von den Bäumen des Kaffeehausgartens über das

Pflaster. »Ja,« sagte ich still vor mich hin, »das ist der Lauf der

Welt.«

Ein Trupp von Kindern, die nach beendeter Schulstunde, die Bücherränzel

auf dem Rücken, lustig am Fenster vorbeitollten, weckte mich aus meinen

Gedanken.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 32 / 53 题