Meinem Wanderaufenthalte im Süden war ein ziemlich langer und seßhafter
bei einem Freunde in Steiermark gefolgt, und so waren auch bis zu meiner
Rückkehr beinahe zwei Jahre vergangen. Meine Wohnung hatte ich
beibehalten, und als ich im Zwielicht eines frostigen Spätherbstabends
ankam, fand ich in dem mir so lieb gewordenen Vororte vieles verändert.
Gleich neben dem Stadlerschen Hause zeigten sich neue Bauten: arg
verschnörkelte, aber doch höchst stattliche und geräumige Villen,
zwischen denen sich der alte Bürgersitz, um einen sehr großen Teil
seines freiliegenden Grundes beschnitten, recht eng und gedrückt
ausnahm. Zudem wies er sich äußerlich sehr vernachlässigt; die Tünche
war verwittert, die Fenster dunkelten wie erblindet. Im weiteren Verlauf
der Straße überraschte mich eine Anzahl prunkvoll erleuchteter
Kaufläden; auch war der Verkehr viel lebhafter, als es sonst um diese
Stunde der Fall gewesen. Als ich am nächsten Morgen ausging, begegnete
ich fast lauter unbekannten Gesichtern, ein Zeichen, daß viele neue
Einwohner zugewachsen waren. Erhoben sich doch, wie ich jetzt sah,
überall neue Häuser; selbst die Querstraße, die man nicht lange vor
meiner Abreise durch eine weite Flucht verwüsteter Gärten abgesteckt
hatte, war in zwei Reihen kleiner Paläste fast ausgebaut. Ich trat, um
zu frühstücken, in das Kaffeehaus. Dort war alles beim Alten geblieben;
nur die Fenster hatte man vergrößert und mit hellen Spiegelscheiben
versehen. Im übrigen ebenfalls fremde Gäste, mit Ausnahme eines
bejahrten Mannes, der eine Brille mit dunklen Gläsern auf der stark
geröteten Nase trug. Er war mir von früher her als Gemeindesekretär
bekannt, und ich wunderte mich, ihn während der Amtsstunden hier zu
treffen. Als ich grüßend auf ihn zutrat, hatte er einige Mühe, mich zu
erkennen, freute sich aber dann sehr des Wiedersehens und teilte mir
mit, daß er vor zwei Monaten seine Pensionierung erhalten habe. Seines
zunehmenden Augenleidens wegen. Damit stehe es jedoch, Gott sei Dank,
noch immer nicht gar so schlimm; es wäre eben nur ein willkommener
Vorwand für den neuen Herrn Bürgermeister gewesen, um ihn, den alt
gedienten und verdienten Beamten, beiseite zu schieben. Der Mann wolle
nun einmal alles von Grund auf umwandeln. »Ja,« fuhr der Alte in
wehmütigem Tone fort, »die schönen, gemütlichen Zeiten sind vorüber, und
unser liebes Döbling nimmt eine andere Gestalt an. Schon heute ist es
kaum mehr zu erkennen -- geben Sie acht, in einigen Jahren wird es ganz
und gar mit der Stadt zusammengewachsen sein. Hoffentlich erleb' ich das
nicht mehr.«
Ich suchte ihn zu trösten und erkundigte mich nach diesem und jenem,
unter anderem auch nach den Stadlers.
»Die Stadlers? Wissen Sie denn nicht, daß der jüngere gestorben ist?«
»Gestorben?«
»Jawohl, -- es war eine recht traurige Geschichte.«
»Wieso?«
»Sie haben also gar nichts davon gehört? Seine Frau ist ihm
durchgebrannt. Mit diesem Herrn Röber, dem sogenannten Fabrikdirektor.
An den müssen Sie sich ja noch erinnern. Eines schönen Morgens war sie
fort, Mann und Kinder im Stiche lassend. Alle ihre Pretiosen hat sie
mitgenommen und auch eine Summe Geldes, die allerdings insoferne ihr
Eigentum war, als sie einige Mitgift ins Haus gebracht. Der arme gute
Ferdl -- Sie wissen ja, daß er Ferdinand geheißen hat -- war ganz außer
sich, dem Irrenhause nahe.«
»Er hat sie wohl sehr geliebt?«
»Und wie! Von Jahr zu Jahr mehr. Schön war sie, das muß man sagen. Er
hatte sie auf einem kostümierten Bauernballe kennen gelernt, der hier im
Kasino stattfand und zu dem sie aus der Stadt gekommen war -- als
Tirolerin. Er vernarrte sich sofort in sie und hat sie geheiratet,
obgleich ihm mancher, der wußte, daß ihr Ruf nicht der beste sei,
dringend davon abriet. Sonst aber erschien die Partie ganz passend. Das
Fräulein Schebesta war aus guter Familie, eines Baumeisters Tochter und,
wie gesagt, auch nicht ganz ohne Vermögen, obgleich auf dem Hause, das
ihr nach dem Tode der Mutter zugefallen, genug Schulden hafteten. Und
während ihrer Ehe hielt sie sich auch die längste Zeit ganz brav, wenn
sie auch eine flotte Frau war. Aber da mußte der Lump mit seiner stolzen
Haltung und dem interessanten Backenbart kommen -- und aus war's und
geschehen. Indes, nachdem der erste Schmerz sich ein wenig gelegt hatte,
suchte sich der verlassene Ehegatte so gut es ging zu fassen. Er hat
seinen Kindern zuliebe alles aufgeboten, sein schweres Schicksal mit
männlicher Kraft zu tragen -- und es war ihm auch so ziemlich gelungen.
Da, eines Tags -- sechs Monate ist es jetzt her -- steht er dort an
jenem Billard und spielt wie gewöhnlich nach Tisch. Plötzlich fällt ihm
die Queue aus der Hand, mit der andern fährt er nach der Stirn -- und
sinkt lautlos zu Boden. Der Schlag hatte ihn getroffen.«
»Und die Kinder?« fragte ich nach einer Pause.
»Mit denen ist es auch eigentümlich gegangen. Selbstverständlich hat sie
der Bruder zu sich genommen, dessen Frau ihm keine Nachkommenschaft
geschenkt hat. Da wären sie auch ganz gut aufgehoben gewesen. Aber bald
darauf erkrankten sie, fast gleichzeitig, am Scharlach. Als sie beinahe
schon genesen waren, trat Diphtheritis hinzu -- und beide starben in
einer Nacht.«
»Das ist wirklich sehr traurig.«
»Na, vielleicht war's zu ihrem Besten. Man soll keinen beklagen, wenn er
einmal da unten in der Erde liegt. Wer weiß, was die zwei Kleinen noch
alles hätten erleben müssen; jedenfalls aber blieb's ihnen erspart, sich
späterhin über ihre Mutter klar zu werden. Auch geht's ja -- im
Vertrauen gesagt -- schon seit Jahren mit den Stadlerschen abwärts. Der
Krach im Jahre 73 hat auch auf die Brüder gewirkt; es hieß, daß sie nur
mit Mühe den Konkurs abwehrten. Daher sind auch, als der Jüngere starb,
sofort die Ziegeleien samt den Holzlagern verkauft worden; und auch der
Johann treibt die Zimmermeisterei nur mehr recht notdürftig fort. Denn
mit der Ausschließlichkeit, die den Vater emporgebracht, ist's schon
lange vorbei, und die Konkurrenz, die auf jedem Gebiete herrscht, hat
den Sohn überflügelt. Sie werden das auch dem Hause anmerken, wenn Sie
vorüberkommen. Früher blickte es einem so hell, so einladend entgegen;
jetzt nimmt es sich neben den modernen Nachbarn ganz finster und
trostlos aus. So ist der Lauf der Welt,« schloß er seufzend: »das Neue
floriert, und das Alte geht zu Grunde.«
Er war aufgestanden, nahm Hut und Überrock vom Nagel und schickte sich
zum Fortgehen an.
»Und hat man nichts mehr von der Frau gehört?« fragte ich.
»Nichts Gewisses. Anfangs hieß es, das Paar habe sich nach Pest
gewendet. Dann wollte man erfahren haben, daß sie in Paris seien,
während andere behaupteten, sie wären gar nicht über Wien
hinausgekommen. Es ist auch jetzt ganz gleichgültig. Wer weiß, ob sie
überhaupt noch beisammen sind. Derlei Dinge halten nicht.«
Er reichte mir die Hand und empfahl sich. Ich aber blieb sitzen und sah
durch die neuen Spiegelscheiben auf die Straße hinaus, die in diesem
Augenblick wenig belebt war. Ein scharfer Nordwind hatte sich erhoben
und fegte welkes Laub von den Bäumen des Kaffeehausgartens über das
Pflaster. »Ja,« sagte ich still vor mich hin, »das ist der Lauf der
Welt.«
Ein Trupp von Kindern, die nach beendeter Schulstunde, die Bücherränzel
auf dem Rücken, lustig am Fenster vorbeitollten, weckte mich aus meinen
Gedanken.