Die Neuvermählten mußten keine Hochzeitsreise angetreten haben -- keine
längere wenigstens, denn schon in nächster Zeit begegnete ich ihnen bei
einem Spaziergange an dem stillen, den Vorort abgrenzenden Donaugelände.
Es war ein milder, leicht bewölkter Abend, und die Ufer des Kanals,
tagsüber durch anlangende Frachtschiffe und Holzflöße reich belebt,
zeigten sich gänzlich verödet; nur ein geduldiger Angler saß an dem
sanft dahin fließenden Wasser. Ich war um diese Zeit oft hier zu finden,
denn ich liebte die stimmungsvolle Einsamkeit der Gegend, und auch die
beiden hatten sie wohl aufgesucht, um sich ungestört im Freien ergehen
zu können. Sie schritten Arm in Arm, dicht aneinandergeschmiegt das Ufer
entlang und blickten gemeinsam nach einem Eisenbahnzuge, der eben
jenseits, über eine frei ragende Brücke hinweg, ins Land hineinbrauste.
Als ich an ihnen vorüberkam, mußte ich einen Gruß darbringen, wobei mich
die Besorgnis anwandelte, daß mich die junge Frau vielleicht sofort
wieder erkennen würde. Aber wiewohl sie mich, den Gruß mit ihrem Gatten
erwidernd, rasch und aufmerksam betrachtete, so konnte ich doch ihrem
Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob dies der Fall gewesen;
wahrscheinlich hatte sie mich bereits vollständig aus dem Gedächtnisse
verloren. Ich konnte später nicht umhin, stehen zu bleiben und dem Paare
nachzublicken, bis es hinter einer hohen Baumgruppe, die, wie auf einem
holländischen Landschaftsbilde, ein altes, einzeln stehendes Gebäude
umdunkelte, verschwand. Trotz allem, was mir bekannt war, überkam mich
jetzt ein wehmütiges Gefühl der Verlassenheit -- ein fast an Neid
streifendes Nachempfinden des Glückes, das ich da vor Augen gehabt. --
Und dieses Glück schien in ungetrübter Dauer vorhalten zu wollen,
wenngleich die schöne Frau Stadler mit einem etwas herausfordernden
Benehmen ziemlich gewagte Toiletten zur Schau trug, und ihr, wenn sie
sich an gewissen Abenden der Woche mit ihrem Gatten in einem
vielbesuchten Gasthause einfand, am Stammtische alles aufs lebhafteste
den Hof machte. Da geschah es auch oft genug, daß sie noch in später
Nachtstunde, von einem lauten, angeheiterten Männerschwarme umringt, in
das nahe gelegene, menschenleere Kaffeehaus trat, wo man lärmend Platz
nahm und bei dampfenden Punschgläsern den erregten Lebensgeistern
vollends die Zügel schießen ließ. Dennoch verlautete nichts, was dem
Rufe der Dame zu nahe getreten wäre; sie schien vielmehr neben diesem
heiteren Lebensgenusse ihre Pflichten in jeder Hinsicht sehr
gewissenhaft zu erfüllen. Sie war, das sah man, eine vortreffliche
Hausfrau, besorgte alle Einkäufe selbst, zeigte sich jeden Sonn- und
Feiertag in der Kirche, und als sie im zweiten Jahre ihrer Ehe Mutter
geworden war, vollzog sich auch in ihrem Wesen ein sichtlicher Wandel.
Sie kleidete sich weit einfacher, erschien immer seltener am Stammtische
und war auf der Straße meistens nur, höchst aufmerksam und besorgt,
hinter einem netten Korbwägelchen sichtbar, das von einer Magd geschoben
wurde und in welchem ein rosiges Kindchen unter einem blauen Schleier
schlummerte. Ja, wenn man späterhin die einst so lebendige und
bewegliche Frau sah, wie sie mit zunehmender Leibesfülle und leicht
schwellendem Doppelkinn an schönen Sommerabenden sich aus dem Fenster
lehnte und mit einer Art von satter Zufriedenheit auf die belebte Straße
hinabblickte, da machte sie so recht den Eindruck des Soliden und
Altbürgerlichen. Dann war es mir auch immer, als hätte ich ihr etwas
abzubitten, und ich kam zur Einsicht, wie töricht und ungerecht es sei,
von Vergangenem stets auf das Zukünftige schließen zu wollen. Was lag
daran, daß sie als Mädchen, wie es im Volksmunde heißt, ihr Leben
genossen hatte? Wenn sie jetzt nur eine treue, sorgsame Gattin, eine
liebende Mutter war -- und ihren Mann beglückte. Und daß sie ihn
beglückte, das erkannte man an seinen heiteren Mienen, seinen
strahlenden Augen. Auch er hielt sich jetzt von Vergnügungen ziemlich
fern und schien sich mit Vorliebe auf sein trauliches Heim zu
beschränken, das nunmehr schon zwei heranwachsende Kinder belebten, ein
Knabe und ein Mädchen, schön und blühend, wie aus einem Gemälde von
Rubens herausgeschnitten.
Da begab es sich eines Winters, daß in dem Vororte eine Persönlichkeit
sichtbar wurde, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es
war dies ein hochgewachsener, noch ziemlich jugendlicher Mann von
überaus vornehmem Äußeren, der im ^Hôtel garni^ Wohnung genommen und
sich in das Meldebuch als Leo Röber, Fabrikdirektor, eingezeichnet
hatte. Gleichwohl schien er ohne jegliche Beschäftigung zu sein und
gehabte sich wie jemand, der in völliger Unabhängigkeit von seinen
Renten lebt. Er machte, wenn auch im stillen, ziemlichen Aufwand,
speiste im Kasino, das mit dem Hotel in Verbindung stand, an einem
eigens für ihn bereit gehaltenen Tische, und bei Fahrten nach der Stadt
bediente er sich, Omnibus und Pferdebahn verschmähend, stets eines
Mietwagens. Nach und nach verlautete indes, daß die Fabrik, deren
Direktor er sich nannte, erst im Entstehen begriffen, er selbst aber von
einer Aktiengesellschaft beauftragt sei, in der Umgebung des Ortes den
Anlageplatz zu ermitteln und Voranschläge zu entwerfen. Endlich schien
er dies auch in Angriff nehmen zu wollen und trat mit einigen
einheimischen Fachleuten -- worunter die Gebrüder Stadler -- in allerlei
Unterhandlungen, ohne sich jedoch mit einem von ihnen näher und
bestimmter einzulassen, wie er denn überhaupt jedem umgänglichen Verkehr
mit sehr hochmütiger Zurückhaltung auswich. Auch bei den Bällen, welche
im Laufe des Karnevals in dem großen Saale des Kasinos stattfanden,
erschien er bloß als steifer Zuschauer, in tadellosem Frack, eine weiße
Kamelie im Knopfloch. Ich selbst kümmerte mich um ihn begreiflicherweise
sehr wenig, wenn ich auch bei zufälligen Begegnungen auf der Straße
nicht umhin konnte, seine wirklich auffallend schöne und interessante
Erscheinung mit Wohlgefallen zu betrachten. Und er war, wie alle
unbeschäftigten Menschen, häufig genug auf der Straße anzutreffen. Vor
allem liebte er es, in der Lindenallee auf und nieder zu schreiten,
welche sich vom Eingang des Ortes bis zum Linienwalle erstreckte. Diese
Allee, im Sommer schattig und duftig, jetzt aber kahl und durchsichtig,
führte an dem freistehenden Stadlerschen Hause vorüber, von diesem durch
die breite Fahrstraße getrennt; auf der anderen Seite dehnten sich,
niedrig eingeplankt, weitläufige Felder aus. Als ich eines Tages -- es
war schon im März, und die Sonne schien hell und warm -- mit der
Pferdebahn aus der Stadt zurückkehrte, gewahrte ich ihn dort schon von
weitem und glaubte zu bemerken, daß er im Gehen nach den Fenstern des
Bürgerhauses emporspähte, dem wir uns jetzt beide näherten. Im
Vorüberfahren folgte ich unwillkürlich seinem Blicke und sah, daß Frau
Elise aufrecht dicht hinter den Scheiben stand. Wie ein Blitz
durchzuckte es mich, daß hier ein Einverständnis obwalte. Aber tat ich
den beiden nicht vielleicht unrecht? Konnte ich mich nicht täuschen?
Eine Zeitlang dachte ich darüber nach; zuletzt aber sagte ich mir, daß
mich ja die Sache ganz und gar nichts angehe, und ließ meine Vermutung
um so mehr auf sich beruhen, als ich eben mit Vorbereitungen zu einer
Reise nach Italien beschäftigt war, die ich bald darauf antrat.