II.

Die Neuvermählten mußten keine Hochzeitsreise angetreten haben -- keine

längere wenigstens, denn schon in nächster Zeit begegnete ich ihnen bei

einem Spaziergange an dem stillen, den Vorort abgrenzenden Donaugelände.

Es war ein milder, leicht bewölkter Abend, und die Ufer des Kanals,

tagsüber durch anlangende Frachtschiffe und Holzflöße reich belebt,

zeigten sich gänzlich verödet; nur ein geduldiger Angler saß an dem

sanft dahin fließenden Wasser. Ich war um diese Zeit oft hier zu finden,

denn ich liebte die stimmungsvolle Einsamkeit der Gegend, und auch die

beiden hatten sie wohl aufgesucht, um sich ungestört im Freien ergehen

zu können. Sie schritten Arm in Arm, dicht aneinandergeschmiegt das Ufer

entlang und blickten gemeinsam nach einem Eisenbahnzuge, der eben

jenseits, über eine frei ragende Brücke hinweg, ins Land hineinbrauste.

Als ich an ihnen vorüberkam, mußte ich einen Gruß darbringen, wobei mich

die Besorgnis anwandelte, daß mich die junge Frau vielleicht sofort

wieder erkennen würde. Aber wiewohl sie mich, den Gruß mit ihrem Gatten

erwidernd, rasch und aufmerksam betrachtete, so konnte ich doch ihrem

Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob dies der Fall gewesen;

wahrscheinlich hatte sie mich bereits vollständig aus dem Gedächtnisse

verloren. Ich konnte später nicht umhin, stehen zu bleiben und dem Paare

nachzublicken, bis es hinter einer hohen Baumgruppe, die, wie auf einem

holländischen Landschaftsbilde, ein altes, einzeln stehendes Gebäude

umdunkelte, verschwand. Trotz allem, was mir bekannt war, überkam mich

jetzt ein wehmütiges Gefühl der Verlassenheit -- ein fast an Neid

streifendes Nachempfinden des Glückes, das ich da vor Augen gehabt. --

Und dieses Glück schien in ungetrübter Dauer vorhalten zu wollen,

wenngleich die schöne Frau Stadler mit einem etwas herausfordernden

Benehmen ziemlich gewagte Toiletten zur Schau trug, und ihr, wenn sie

sich an gewissen Abenden der Woche mit ihrem Gatten in einem

vielbesuchten Gasthause einfand, am Stammtische alles aufs lebhafteste

den Hof machte. Da geschah es auch oft genug, daß sie noch in später

Nachtstunde, von einem lauten, angeheiterten Männerschwarme umringt, in

das nahe gelegene, menschenleere Kaffeehaus trat, wo man lärmend Platz

nahm und bei dampfenden Punschgläsern den erregten Lebensgeistern

vollends die Zügel schießen ließ. Dennoch verlautete nichts, was dem

Rufe der Dame zu nahe getreten wäre; sie schien vielmehr neben diesem

heiteren Lebensgenusse ihre Pflichten in jeder Hinsicht sehr

gewissenhaft zu erfüllen. Sie war, das sah man, eine vortreffliche

Hausfrau, besorgte alle Einkäufe selbst, zeigte sich jeden Sonn- und

Feiertag in der Kirche, und als sie im zweiten Jahre ihrer Ehe Mutter

geworden war, vollzog sich auch in ihrem Wesen ein sichtlicher Wandel.

Sie kleidete sich weit einfacher, erschien immer seltener am Stammtische

und war auf der Straße meistens nur, höchst aufmerksam und besorgt,

hinter einem netten Korbwägelchen sichtbar, das von einer Magd geschoben

wurde und in welchem ein rosiges Kindchen unter einem blauen Schleier

schlummerte. Ja, wenn man späterhin die einst so lebendige und

bewegliche Frau sah, wie sie mit zunehmender Leibesfülle und leicht

schwellendem Doppelkinn an schönen Sommerabenden sich aus dem Fenster

lehnte und mit einer Art von satter Zufriedenheit auf die belebte Straße

hinabblickte, da machte sie so recht den Eindruck des Soliden und

Altbürgerlichen. Dann war es mir auch immer, als hätte ich ihr etwas

abzubitten, und ich kam zur Einsicht, wie töricht und ungerecht es sei,

von Vergangenem stets auf das Zukünftige schließen zu wollen. Was lag

daran, daß sie als Mädchen, wie es im Volksmunde heißt, ihr Leben

genossen hatte? Wenn sie jetzt nur eine treue, sorgsame Gattin, eine

liebende Mutter war -- und ihren Mann beglückte. Und daß sie ihn

beglückte, das erkannte man an seinen heiteren Mienen, seinen

strahlenden Augen. Auch er hielt sich jetzt von Vergnügungen ziemlich

fern und schien sich mit Vorliebe auf sein trauliches Heim zu

beschränken, das nunmehr schon zwei heranwachsende Kinder belebten, ein

Knabe und ein Mädchen, schön und blühend, wie aus einem Gemälde von

Rubens herausgeschnitten.

Da begab es sich eines Winters, daß in dem Vororte eine Persönlichkeit

sichtbar wurde, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es

war dies ein hochgewachsener, noch ziemlich jugendlicher Mann von

überaus vornehmem Äußeren, der im ^Hôtel garni^ Wohnung genommen und

sich in das Meldebuch als Leo Röber, Fabrikdirektor, eingezeichnet

hatte. Gleichwohl schien er ohne jegliche Beschäftigung zu sein und

gehabte sich wie jemand, der in völliger Unabhängigkeit von seinen

Renten lebt. Er machte, wenn auch im stillen, ziemlichen Aufwand,

speiste im Kasino, das mit dem Hotel in Verbindung stand, an einem

eigens für ihn bereit gehaltenen Tische, und bei Fahrten nach der Stadt

bediente er sich, Omnibus und Pferdebahn verschmähend, stets eines

Mietwagens. Nach und nach verlautete indes, daß die Fabrik, deren

Direktor er sich nannte, erst im Entstehen begriffen, er selbst aber von

einer Aktiengesellschaft beauftragt sei, in der Umgebung des Ortes den

Anlageplatz zu ermitteln und Voranschläge zu entwerfen. Endlich schien

er dies auch in Angriff nehmen zu wollen und trat mit einigen

einheimischen Fachleuten -- worunter die Gebrüder Stadler -- in allerlei

Unterhandlungen, ohne sich jedoch mit einem von ihnen näher und

bestimmter einzulassen, wie er denn überhaupt jedem umgänglichen Verkehr

mit sehr hochmütiger Zurückhaltung auswich. Auch bei den Bällen, welche

im Laufe des Karnevals in dem großen Saale des Kasinos stattfanden,

erschien er bloß als steifer Zuschauer, in tadellosem Frack, eine weiße

Kamelie im Knopfloch. Ich selbst kümmerte mich um ihn begreiflicherweise

sehr wenig, wenn ich auch bei zufälligen Begegnungen auf der Straße

nicht umhin konnte, seine wirklich auffallend schöne und interessante

Erscheinung mit Wohlgefallen zu betrachten. Und er war, wie alle

unbeschäftigten Menschen, häufig genug auf der Straße anzutreffen. Vor

allem liebte er es, in der Lindenallee auf und nieder zu schreiten,

welche sich vom Eingang des Ortes bis zum Linienwalle erstreckte. Diese

Allee, im Sommer schattig und duftig, jetzt aber kahl und durchsichtig,

führte an dem freistehenden Stadlerschen Hause vorüber, von diesem durch

die breite Fahrstraße getrennt; auf der anderen Seite dehnten sich,

niedrig eingeplankt, weitläufige Felder aus. Als ich eines Tages -- es

war schon im März, und die Sonne schien hell und warm -- mit der

Pferdebahn aus der Stadt zurückkehrte, gewahrte ich ihn dort schon von

weitem und glaubte zu bemerken, daß er im Gehen nach den Fenstern des

Bürgerhauses emporspähte, dem wir uns jetzt beide näherten. Im

Vorüberfahren folgte ich unwillkürlich seinem Blicke und sah, daß Frau

Elise aufrecht dicht hinter den Scheiben stand. Wie ein Blitz

durchzuckte es mich, daß hier ein Einverständnis obwalte. Aber tat ich

den beiden nicht vielleicht unrecht? Konnte ich mich nicht täuschen?

Eine Zeitlang dachte ich darüber nach; zuletzt aber sagte ich mir, daß

mich ja die Sache ganz und gar nichts angehe, und ließ meine Vermutung

um so mehr auf sich beruhen, als ich eben mit Vorbereitungen zu einer

Reise nach Italien beschäftigt war, die ich bald darauf antrat.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 31 / 53 题