Neue Verwirrung meinerseits. »Nun -- Dramen -- Novellen --«

Ich konnte bemerken, wie sich ihr Näschen, dessen feine Nüstern leicht

geschwellt waren, ein wenig rümpfte.

»Also ein Dichter!« sagte sie spöttisch. »Aber das tut nichts; Sie sehen

gar nicht danach aus. Für heute übrigens«, setzte sie kurzweg hinzu,

»müssen wir uns trennen. Bleiben Sie hier zurück; mein Weg führt mich

nach einer ganz anderen Richtung, und begleiten dürfen Sie mich nicht.

Wenn Sie aber wieder mit mir zusammentreffen wollen, so kommen Sie

einmal zu Schwott. Sie wissen doch --?«

»O ja, ich weiß --«

»Nun also. Jeden Samstag, manchmal auch an Donnerstagen bin ich abends

dort. Es ist sehr lustig. Und nun leben Sie wohl!« Sie streckte mir die

Hand entgegen, drückte die meine kurz und kräftig und eilte mit raschen

Schritten den Weg zurück, auf dem sie gekommen war.

Ich jedoch blieb mit sehr niederdrückenden Empfindungen in der verödeten

Gasse stehen. Schon das anfängliche Lachen und die ersten Worte des

jungen Mädchens hatten mich befremdet; die ungezwungene, gleichsam

überlegen leichtfertige Art und Weise, in der sie sich gab, hatte mich

mehr und mehr enttäuscht und ernüchtert; -- bei ihrer Aufforderung aber,

zu »Schwott« zu kommen, war ich vollends aus allen Himmeln gefallen.

Zu Schwott! Es war dies eine nach ihrem Besitzer benannte Tanzschule,

die sich in einem alten, heute nicht mehr bestehenden Häuserkomplex der

inneren Stadt befand. Sie wurde weit weniger des Unterrichtes wegen

besucht, den man dort erteilte: ihre Hauptanziehungskraft waren die

sogenannten »Gesamtübungen«, welche an drei Abenden der Woche

stattfanden. Nicht bloß ein Teil der ^jeunesse dorée^ in all ihren

Spielarten erschien dabei; es kamen auch ältere, ja selbst alte

Lebemänner, die hier im Trüben zu fischen gedachten. Denn es war

bekannt, daß man in den schwülen und überfüllten Räumen der Tanzschule

neben interessanten, vielumworbenen Erscheinungen aus der feineren

weiblichen Halbwelt auch den frischen Reizen von Beamten- und

Bürgerstöchtern begegnete, die sich, wie man annehmen konnte, ohne

Vorwissen ihrer Angehörigen hierher begaben, jugendlicher

Vergnügungssucht -- oder auch schlimmeren Antrieben folgend. Ich selbst

war in früherer Zeit einmal dort gewesen und hatte es, wie meine Schöne

gesagt, in der Tat sehr lustig gefunden. Aber auch sie war in diesem

ruchlosen Gewirre zu treffen -- _sie_, die mir hinter ihren Blumen als

Bild der Jungfräulichkeit erschienen war! Ich fühlte, wie sich mir jetzt

bei diesem Gedanken das Herz zusammenzog. Trotzdem wäre ich immerhin

genug Realist gewesen, um ein Stelldichein von seiten eines so reizenden

Geschöpfes unter allen Umständen willkommen zu heißen. Um aber mit einer

jungen Dame, die zu »Schwott« ging, in nähere Beziehung zu treten, dazu

waren meine Verhältnisse in keiner Weise angetan. So kam ich denn,

während ich langsamen Schrittes nach Hause ging, mehr und mehr zur

Einsicht, daß der Sache ein für allemal ein Ende zu machen und jeder

weitere Verkehr abzubrechen sei. Die Ausführung dieses Entschlusses

wurde mir auch durch äußere Umstände erleichtert. Denn, nachdem ich eine

Zeitlang vermieden hatte, mich in der Hauptstraße zu zeigen, mußte ich

infolge einer Kündigung meine Wohnung räumen. Ich mietete mich hierauf

in einem entlegeneren Teile der Vorstadt ein und sah die schöne Elise

Schebesta -- den Namen hatte ich später in Erfahrung gebracht -- in der

Tat nicht mehr. Einmal nur, als ich an einem nebligen Oktoberabende die

innere Stadt durchschritt, glaubte ich beim Scheine der Gasflammen

erkannt zu haben, daß sie an der Seite eines sehr vornehm aussehenden

Herrn in einem Fiaker an mir vorübergefahren war.

* * * * *

Und nun, nach einer Reihe von Jahren, stand sie, schöner denn je, mit

schimmernder Myrte geschmückt am Altar .....

Die Zeremonie war zu Ende, und die Menge drängte aus der Kirche in den

leuchtenden Tag hinaus, um die Teilnehmer der Hochzeit noch in die Wagen

steigen zu sehen. Diese aber fuhren jetzt, während sich der Schleier der

Braut in der wehenden Luft aufbauschte und leicht hin und her flatterte,

dem Bürgerhause zu, das am Eingange des Ortes mit blumengeschmückter

Pforte dem fröhlichen Einzug entgegen harrte.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 30 / 53 题