I.

Im Frühling des Jahres 1870 fand in dem Wiener Vororte, wo ich damals

meinen Wohnsitz genommen hatte, eine festliche Hochzeit statt. Fast der

gesamten Einwohnerschaft waren zierlich gedruckte Anzeigen zugegangen,

und wer nur irgend abkommen konnte, der fand sich auch am festgesetzten

Tage zum feierlichen Trauungsakte in der geräumigen Pfarrkirche ein. Ich

konnte gleichfalls nicht umhin, zu erscheinen, denn ich war mit dem

Bräutigam persönlich bekannt, wenn auch nicht näher, als dies öftere

Begegnungen an öffentlichen Orten mit sich zu bringen pflegen. Er war

ein junger Mann in den ersten Dreißigern und so recht das Bild eines

Wiener Bürgersohnes von älterem Schlage. Nicht allzu groß, dabei leicht

zu körperlicher Überfülle neigend, hatte er ein hübsches, frisch

gefärbtes Gesicht und äußerst gutmütige blaue Augen, die in beständiger

Heiterkeit strahlten. Er kleidete sich nach neuestem Schnitte und hatte

eine Vorliebe für bunte Halsbinden, nahm sich aber keineswegs geziert

oder geckenhaft aus; vielmehr trat in seinem ganzen Wesen eine

gefällige, etwas sorglose Natürlichkeit zu Tage. Sein Vater, ein

wohlhabender Mann, hatte es aus kleinen Anfängen heraus zum

Stadtzimmermeister gebracht und am Eingange des Ortes ein ansehnliches

Familienhaus erbaut, an das sich ein großer Arbeitsplatz und weitläufige

Holzlager schlossen, zu welchen Liegenschaften sich im Laufe der Zeit

noch ausgedehnte Ziegeleien in der nächsten Umgebung gesellten. Als der

alte Stadler starb, teilten sich zwei Söhne in den wohlgegründeten

Besitz, so zwar, daß der ältere, welcher bereits verheiratet war, die

Zimmermeisterei weiter betrieb, der Jüngere aber das Holzgeschäft und

die Verwaltung der Ziegeleien übernahm, nebenher ein behagliches, jedoch

keineswegs lockeres Junggesellenleben fortführend. Jetzt aber war er,

wie sich zeigte, dessen überdrüssig geworden; im Stammhause war Raum

genug für eine zweite Familie -- und so hatte er eben nur die Braut zu

wählen gehabt.

Die Kirche, durch deren gotische Bogenfenster das Licht eines sonnigen

Maitages fiel, war überfüllt; wie natürlich, zeigte sich das weibliche

Geschlecht vorwiegend vertreten und harrte mit Spannung auf das

Erscheinen der Brautleute. Und als dieses jetzt endlich erfolgte und das

junge Paar mit einem zahlreichen Anhange in die Kirche trat, da ging ein

vernehmbares Murmeln der Bewunderung durch den stillen Raum, und aller

Augen folgten der Braut, die in der Tat einen entzückenden Anblick

darbot. Hohen Wuchses den Bräutigam etwas überragend, schritt sie an

seinem Arm, bleich vor innerer Erregung, mit gesenktem Haupte dem Altare

zu. Der wallende Schleier, der Myrtenschmuck im dunkelblonden Haar, das

matte Weiß des Hochzeitskleides gaben der kräftig schlanken Gestalt

etwas sanft Verklärtes, und als sie jetzt aufblickte, schimmerten ihre

Augen hell wie Gold. Man war erstaunt und atmete kaum; so viele, so

makellose Reize hatte man nicht zu sehen erwartet. Auch ich war

überrascht -- doppelt überrascht. Denn ich hatte das schöne Geschöpf,

das jetzt in reifer Mädchenhaftigkeit vor den Altar trat, in fast noch

knospender Entwicklung gekannt, und während nunmehr der Priester seine

Anrede hielt, das Brautpaar mit klangvollen Stimmen die Jaworte sprach

und die Ringe gewechselt wurden, erinnerte ich mich an folgendes.

Es war zu Anfang der Sechziger Jahre. Ich hatte den Soldatenrock noch

nicht lange ausgezogen und mich mit meinen literarischen Hoffnungen und

Entwürfen in einer stillen Vorstadtwohnung eingesponnen, die ich in der

Regel während der ersten Nachmittagsstunden verließ, um in einer nahe

gelegenen Gastwirtschaft mein Mahl einzunehmen. Auf dem Wege dahin mußte

ich an einem stattlichen Hause vorüber, an einer jener Neubauten, wie

sie damals allerorten emporwuchsen und hier der Hauptstraße der Vorstadt

ein immer vornehmeres Aussehen verliehen. Es gehörte, wie ich später

erfuhr, der Witwe eines Baumeisters, der die Herstellung auf eigene

Rechnung in Angriff genommen hatte, inzwischen aber mit dem Tode

abgegangen war. An einem Fenster des ersten Stockwerkes, in welchem die

Eigentümerin wohnte, gewahrte ich nun öfter das reizende Profil eines

Mädchens, das hinter einer Reihe wohlgepflegter Blumentöpfe saß. Die

noch sehr jugendliche Schöne wendete natürlicherweise den Kopf bisweilen

nach der Straße, und so kam es, daß sich eines Tages unsere Blicke

begegneten, wobei mir ihre hellen Goldaugen besonders auffielen. Seitdem

stellte sich zwischen uns eine Art stillen Einverständnisses her, so

zwar, daß sie mich jetzt immer zu erwarten schien und sich, wenn sie

mich kommen sah, hinter den Blumen erhob, mir auf diese Art auch den

Anblick ihrer zarten Büste zuteil werden lassend. Obgleich ich nun

keinerlei Absichten hegte, so spann ich doch den Faden des kleinen

Romans in anmutigen Träumen fort, indem ich es gewissermaßen dem

Schicksale überließ, ob es mich vielleicht ohne mein Zutun dem holden

Geschöpfe näher bringen wolle. Es durchzuckte mich daher ein freudiger

Schreck, als ich sie eines Tages, da ich gerade auf dem Heimwege

begriffen war, sehr zierlich gekleidet aus dem Haustor treten und in die

nächste, nur ein paar Schritte entfernte Seitengasse einbiegen sah. Im

ersten Augenblick war ich wie eingewurzelt stehen geblieben; dann aber

folgte ich ihr. Sie trug ein helles, blau gestreiftes Sommerkleid und

ein braunes Strohhütchen, das mit künstlichen Feldblumen geschmückt war.

Zum ersten Male hatte ich ihre hohe, schlanke Gestalt ganz vor Augen und

konnte die harmonischen Gliederbewegungen, die kräftig ausschreitenden

Füßchen und die dichte Fülle des Haares bewundern, das ihr, nach der

Mode jener Zeit, halbgelöst, in einem feinen Seidennetze weit über den

Nacken hinabhing. Sie mußte mich vorhin gleichfalls wahrgenommen haben,

denn sie wendete öfter den Kopf zur Seite, wie um zu spähen, ob ich ihr

gefolgt und in der Nähe sei.

Jetzt hatte sie die Gasse durchschritten, welche in eine breite, von

Menschen und Fuhrwerken sehr belebte Straße mündete. Dort blieb sie

einen Augenblick unschlüssig stehen, setzte dann behutsam auf den

Fußspitzen über den Fahrweg, der erst vor kurzem bespritzt worden war,

und ging jenseits, sich nach rechts wendend, noch ein Stück fort, um in

eine jener stillen, nach dem Südbahnhof führenden Gassen einzubiegen,

welche damals noch zum größten Teil von wipfelüberragten Gartenmauern

gebildet wurden. Tat sie das, um mir Gelegenheit zu ungescheuter

Annäherung zu bieten? Kaum konnte ich daran zweifeln, denn sie hatte ja

jetzt mit einer raschen Wendung nach mir zurückgeblickt. Dennoch und

obgleich ich nun ebenfalls die Gasse betrat, konnte ich einer gewissen

mutlosen Befangenheit nicht Herr werden und hielt mich noch immer in

einiger Entfernung. Endlich, da ich sah, daß sie langsamer zu gehen

anfing, faßte ich ein Herz und war bald an ihrer Seite, indem ich mich,

den Hut lüftend, in einem Gewirr von Worten verfing, wie man sie bei

ähnlichen Anlässen zur Entschuldigung zu stammeln pflegt.

Sie blickte mich leicht von der Seite an und brach dann in ein

klingendes Lachen aus.

»Entschuldigen Sie sich doch nicht gar so sehr«, sagte sie. »Wir sind ja

alte Bekannte, denn Sie gehen täglich an unserem Hause vorüber. Aber wer

sind Sie eigentlich?« fuhr sie nach einer Pause fort, indem sie mich

jetzt mit ihren hellen Augen eindringlich musterte.

Ich gestehe, daß mich nunmehr eine eigentümliche Verlegenheit überkam.

Der Berufstitel »Schriftsteller« diente zu jener Zeit noch nicht zu

besonderer Empfehlung; man war weit eher geneigt, einige Mißachtung

daran zu knüpfen. Überdies hatte ich noch keine öffentlichen Proben

meiner Tätigkeit abgelegt, war daher gewissermaßen weder Fleisch noch

Fisch. Dennoch mußte ich mich entschließen, mit einiger Beklemmung zu

sagen: »Ich bin Schriftsteller«.

»So«, erwiderte sie gedehnt. »Und was schreiben Sie denn?«

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 29 / 53 题