Sie zog die Brauen zusammen. >Nun, nun, sprechen Sie weiter!<

>Es könnte noch alles gut werden<, hatte ich sagen wollen. Aber ich

brachte die Worte nicht mehr hervor. Denn ich empfand, wie hohl und

nichtig eine solche Versicherung aus meinem Munde klingen müsse, und die

unklare Vorstellung eines versöhnenden Ausgleiches, die sich meiner

bemächtigt hatte, ging unter in dem Bewußtsein vollständiger Unkraft.

Ich schwieg.

Sie betrachtete mich mit einem Blick des Mitleids. >Sehen Sie, Sie

wissen selbst nicht, was Sie sagen sollen, und fühlen, daß wir für immer

geschieden sind. Und nun bitte ich: das Kreuz.<

Keiner Erwiderung fähig, ging ich an den Schreibtisch, suchte es hervor,

und reichte es ihr. Sie nahm es und wickelte mit zitternder Hand die

Papierhülle los. In ihrem Antlitz zuckte es schmerzlich, als jetzt ihr

Blick auf das matt schimmernde Gold fiel. Ich sah, wie sie sich

gewaltsam beherrschte, um nicht in Tränen auszubrechen. Ein Schüttern

ging durch ihren ganzen Körper, sie mußte sich setzen. >Mein Gott! Mein

Gott!< sagte sie still. Dann stützte sie die Stirn mit der Hand und

begann leise zu weinen.

Ich wagte nicht zu atmen.

>Es ist vorüber<, sagte sie endlich, indem sie aufstand, und sich die

Augen trocknete. >Leben Sie wohl!<

Noch einmal war es mir, als sollte ich die Hand, die sie mir jetzt

reichte, nicht wieder loslassen, sollte die herrliche Gestalt an mich

ziehen, wie einst. Sie schien es zu fühlen, und rasch sich mir

entreißend, schritt sie der Tür zu.

>Ginevra!< stieß ich hervor und wollte sie zurückhalten. Aber sie winkte

mir heftig abwehrend zu und verschwand. Ich sank auf den Stuhl, den sie

eingenommen hatte, und blieb regungslos sitzen .....

Bald darauf folgten jene Märztage, deren stürmische Ereignisse auch mich

über mich selbst hinausrissen. Freilich in einem anderen Sinne als

diejenigen, die damals das Banner der Freiheit entfalteten. Wir waren

eben Soldaten und erfüllten unsere Pflicht. Ich selbst stand noch bei

den Truppen, die Wien belagerten. Dann kam der ungarische Feldzug mit

seinen wechselvollen Geschicken und blutigen Schlachtfeldern -- und als

spätere Jahre über so Vieles den Schleier der Vergessenheit breiteten,

war auch über meine jugendlichen Herzenskämpfe das Gras gewachsen.«

* * * * *

»Und haben Sie nichts mehr von Ginevra gehört?« fragte man nach einer

Weile.

»Allerdings; ich war in der Lage, Erkundigungen einzuziehen. Sie lernte

in Graz einen jungen Triestiner kennen, der sich im Laufe der Zeit eine

sehr glänzende Stellung in Ägypten gemacht. Sie hat ihn geheiratet. Auch

gesehen glaube ich sie zu haben -- und zwar während der Wiener

Weltausstellung in einem offenen Wagen vorüberfahren mit ihrem Mann und

einer bereits erwachsenen Tochter. Es ist jedoch möglich, daß ich mich

getäuscht.«

»Sie wird es wohl gewesen sein,« sagte die Hausfrau nachdenklich. »Und

so haben Sie wenigstens das Bewußtsein, daß sie glücklich geworden.«

»Daran habe ich nie gezweifelt. Denn sie war eine starke Natur;

unglücklich sind allein die Schwachen.«

»Und die Polin?« fragte eine andere Dame.

»Das wäre eine Geschichte für sich«, antwortete der Oberst, indem er

aufstand und den Rest seiner Zigarre in den Aschenbecher warf.

»Vielleicht erzähle ich sie Ihnen nächstens. Jetzt aber muß ich nach der

Stadt zurück; ich werde erwartet.« Er verabschiedete sich und ging.

Die anderen blickten ihm nach, bis seine hohe Gestalt im Abenddunkel

zwischen den Bäumen verschwunden war. Dann wandte sich der Hausherr zu

der Dame, welche nach der Polin gefragt hatte. »Sie sollen wissen, liebe

Freundin, daß er zu jener Frau noch immer in Beziehungen steht. Sie ist

zwar zehn Jahre älter als er -- also bereits eine Greisin --, aber er

konnte nicht mehr loskommen. Schade um ihn! Er hat sich seit jeher mit

Weibern geschleppt, und da wird man, wie Goethe sagt, zuletzt abgewunden

gleich Wocken.«

Geschichte eines Wienerkindes.

Vorwort des Herausgebers.

Die Novelle ist in den Jahren 1890/91 in Blansko und in Raitz

entstanden, die Handschrift in Raitz am 15. März 1891 abgeschlossen. Sie

ist eine Reinschrift mit so starken Korrekturen, daß der Text wiederholt

fast unleserlich geworden ist und daher von dem Verleger nochmals

abgeschrieben wurde. Sogar das »Wienerkind« auf dem Titelblatt steht

über einem unleserlich gemachten Wort und noch während des Druckes hat

der Dichter nicht bloß zahlreiche kleinere Änderungen angebracht,

sondern dem Manuskript eine Anweisung für drei größere Varianten

nachfolgen lassen, die auch Berücksichtigung gefunden hat. Nachdem die

Redaktion der Zeitschrift »Vom Fels zum Meer« die Novelle im Mai 1891

unter sehr anerkennenden Worten als unpassend für ein Familienblatt

zurückgeschickt hatte, scheint der erste Druck sogleich in Buchform, in

der vierten Novellensammlung »Frauenbilder« im Herbst des Jahres 1891

(1892, Seite 83-211) zustande gekommen zu sein. Hier hat die Novelle 10

Abschnitte; denn nach dem Diner in Hietzing wird der erzählende Dichter

von der Frau von Ramberg (die in der Handschrift Frau von Nathan hieß)

eingeladen, zu bleiben, und es folgt ein langes Gespräch mit der Heldin,

in dem sie ihm mitteilt, daß sie mit Röber nicht verheiratet sei, und

daß er sie nach vielfacher Untreue mit einer Summe Geldes loswerden

wolle, daß sie ihn aber dennoch grenzenlos liebe und die Gewissensbisse,

die sie im Gedanken an ihren Mann und an ihre Kinder empfinde, als Sühne

für ihre blinde und unterwürfige Liebe hinnehme. Der Dichter, der

unserer Novelle in einem Briefe an Necker auch den Vorwurf macht, daß

ihm der epische Faden halb ausgegangen sei, war mit dieser Fassung nicht

für immer zufrieden und schon am 3. April 1896 erbat er sich von dem

Verleger ein Exemplar zu Verbesserungen für eine etwaige zweite Auflage,

die dann der zweibändigen Ausgabe der »Novellen aus Österreich« 1897

(zweiter Band, Seite 233-307) zugute kamen. Hier ist das letzte Gespräch

des Dichters mit dem Wienerkind gestrichen, die Novelle hat daher nur

mehr 9 Abschnitte, auch im einzelnen hat der Dichter überall

nachgeholfen und aus dem Grafen X. einen Fürsten B... (Seite 270 unserer

Ausgabe) gemacht. Schon am 31. Januar 1898 erbat er sich die

Aushängebogen des letzten Druckes von neuem, und die zweite Ausgabe der

Novellen 1904 (a. a. O.) brachte außer der Auflösung der durchsichtigen

Chiffren D... in Döbling, N... in Nußdorf und Hotel V... in Hotel

Viktoria einige neue stilistische Änderungen. Diese Ausgabe letzter Hand

liegt auch dem Abdruck in Österreichs Illustrierter Zeitung (XV.

Jahrgang, Heft 14 ff., 31. Dezember 1905, Seite 333 ff.) zugrunde, der

sich aber willkürliche Kürzungen erlaubt.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 28 / 53 题