Mehr als ein Jahr war seitdem verstrichen, ich selbst aber ganz in dem
Taumel einer Leidenschaft untergegangen, die bereits anfing, mich mit
all den Qualen zu erfüllen, welche ähnliche Beziehungen mit sich
bringen. Ich hatte damals Ginevra ganz kurz mitgeteilt, daß es mir
unmöglich sei, einen Urlaub anzutreten; die Gründe würde ich in meinem
nächsten Briefe ausführlich auseinandersetzen. Das verschob ich aber von
Tag zu Tag -- um es schließlich zu unterlassen. Was hätte ich auch
schreiben sollen? Zwei Briefe, die inzwischen von Ginevra eingetroffen
waren -- den Empfang des zweiten hatte ich auf einem Schein bestätigen
müssen -- fand ich gar nicht den Mut zu lesen, sondern schob sie
unerbrochen in ein Fach meines Schreibtisches und legte das Kreuz dazu,
auf daß es mich nicht länger an meine Treulosigkeit mahne. So gebärdete
ich mich wie der Vogel Strauß, und da nun auch aus Leitmeritz keine
weitere Kundgebung mehr eintraf, so hielt ich mit jenem Leichtsinn der
Unreife, der einem in späteren Jahren ganz unfaßlich vorkommt, die Sache
für wohl oder übel abgetan, und die Stimme des Gewissens sprach immer
seltener und schwächer.
Da, an einem strahlend kalten Januartage, als ich eben im Begriffe war,
an einer Schlittenpartie in den Prater teilzunehmen, welche Lodoiska,
die dieses Vergnügen sehr liebte, vorgeschlagen hatte, wurde mir -- ich
trat gerade aus meiner Wohnungstür -- ein Brief überbracht. Ein Blick
auf die Adresse genügte, um mich erkennen zu lassen, daß er von der
Mutter Ginevras war. Erschrocken schob ich ihn rasch in die Brusttasche
meines Mantels, entschlossen, mir durch diese unerwartete Mahnung die
Freude des Tages nicht verkümmern zu lassen. Als ich spät in der Nacht
nach Hause kam und den Brief hervorlangen wollte, fand er sich nicht
mehr vor; er mußte, da ich den Mantel inzwischen mehrmals abgelegt, der
Tasche entglitten sein. Dieser Verlust berührte mich höchst peinlich.
Wer konnte wissen, wem das Schreiben in die Hände gefallen war, und
während der nächsten Tage hegte ich die Erwartung, daß es in irgend
einer Weise an mich zurückgelangen würde. Aber das geschah nicht, und
ich glaubte endlich einen Wink des Schicksals darin zu erkennen. War mir
doch so die bittere Wahl erspart geblieben, ob ich den Brief hätte lesen
sollen oder nicht; zudem konnte ich mir ja leicht vorstellen, was er
enthalten haben mochte. Dennoch wurde durch diesen Zwischenfall mein
Gewissen wieder in Aufruhr gebracht, und ich mußte, trotz aller
Übertäubungsversuche, in einem fort an die blasse, hinfällige Frau
denken, die mir in ihrem mütterlichen Schmerze geschrieben. Mit der Zeit
freilich wurden auch diese Nachwirkungen schwächer und gingen endlich
ganz vorüber.
So war es, seit ich Theresienstadt verlassen, zum zweiten Male Karneval
geworden. Obgleich die Pariser Februarrevolution Europa in Bestürzung
versetzt hatte, tanzte man in Wien doch sorglos auf einem Vulkan, dessen
Ausbruch in allernächster Zeit bevorstand. Lodoiska, die keine Lust an
Bällen zeigte, wollte gleichwohl eine Redoute besuchen, wo damals die
Damen weniger durch ihre Toiletten, als vielmehr durch Geist und Witz zu
glänzen suchten und sich den Herren gegenüber unter der Larve gerne die
Zügel schießen ließen. Lodoiska, in einen rosenroten Domino gehüllt,
machte von der Maskenfreiheit den ausgiebigsten Gebrauch und umschwärmte
fortwährend einige junge Kavaliere, die sie zu kennen schien. Sie hatte
nämlich im verflossenen Sommer ein Landhaus in Hietzing bezogen und war
dort wieder mit den Kreisen in Berührung gekommen, denen sie angehörte.
Dabei hatten sich für mich bereits mehrfache Anlässe zu beschämender
Eifersucht ergeben, die ich um so peinlicher empfand, als ich mich auch
sonst mehr und mehr durch ein Verhältnis entwürdigt fand, das der Major,
nach Art gewisser Ehemänner, auffallend begünstigte.
Ich war also gegen Morgen höchst mißmutig von der Redoute nach Hause
gekommen und hatte dann weit in den Tag hinein geschlafen. Als ich eben
mit dem Ankleiden fertig war, erschien mein Diener und meldete, daß eine
junge Dame in Trauer mich zu sprechen wünsche.
Wie ein Blitz durchzuckte es mich: Ginevra! Aber schon hatte ich auch
diesen Gedanken mit der Annahme beschwichtigt, daß die Betreffende
möglicherweise eine ^pauvre honteuse^ sein könne, wie solche nicht allzu
selten die Offiziere in Anspruch zu nehmen pflegten. Ich sagte also
meinem Diener, er möge die Dame nur ins Nebenzimmer treten lassen.
Als ich, dennoch bangen Herzens, die Tür öffnete, stand sie -- stand
wirklich Ginevra aufrecht in der Mitte des Zimmers, die Arme, wie es
ihre Art war, an den Hüften hinabgesenkt, die Hände leicht
ineinandergeschlossen. Sie war auffallend größer geworden, und ihre
Formen zeigten sich erst jetzt vollständig entwickelt. Eine
elfenbeinartige Blässe lag über ihrem Antlitz, und die Augen hatten den
mir bekannten dunkel metallischen Glanz der Erregung. Ihr Haar
schimmerte noch goldiger als früher unter dem schwarzen Krepphute
hervor.
>Verzeihen Sie,< begann sie mit einem leichten Senken des Hauptes, >daß
ich Sie aufgesucht. Es würde nicht geschehen sein, wenn Sie den Brief
meiner Mutter einer Antwort gewürdigt hätten.<
>Den Brief Ihrer Mutter --< stammelte ich in atemloser Verwirrung. Und
mit einem Blick auf ihre schwarze Kleidung fuhr ich fort: >Ihre Mutter
--<
>Ist vor zwei Monaten gestorben,< sagte sie ernst.
>Mein Gott --< erwiderte ich tonlos.
>An einem Rückfall in jene Krankheit, von der Sie ja wissen.<
Es war, als wollte sie in diese Worte für mich eine Beruhigung legen.
>Mein Gott --< wiederholte ich, während sich jetzt ihre Augen langsam
mit Tränen füllten. >Aber ich bitte, setzen Sie sich doch --<
Sie drückte ihr Tuch an die Wimpern und machte eine kurz ablehnende
Bewegung. >Ich werde Sie nicht lange stören. Ich bin nur gekommen, um
eine Bitte auszusprechen, die ich durch meine Mutter an Sie richten
ließ. Ich ersuche Sie, mir das Kreuz zurückzustellen, das ich Ihnen
gegeben. Sie kennen den Wert, den es für mich hat -- und hoffentlich
befindet es sich noch in Ihrem Besitz.<
>Gewiß, gewiß<, entgegnete ich und wollte an meinen Schreibtisch treten.
Aber unwillkürlich hielt ich inne. >Und _Sie_, Ginevra -- was werden Sie
jetzt -- --<
>Ich folge dem Rufe von Verwandten, die in Graz leben; denn in
Leitmeritz mag ich nun nicht länger bleiben. Aber ich werde niemandem
zur Last fallen, sondern Unterricht im Italienischen erteilen, der in
jener Stadt sehr gesucht sein soll.<
Wie sie jetzt so vor mir stand, ungebrochen von allem, was da geschehen,
in mädchenhafter Selbständigkeit, im Vollbewußtsein ihrer Hoheit und
Würde, da überkam mich das ganze Gefühl meiner eigenen Erbärmlichkeit
und drohte mich zu ersticken. Wie aus einem Sumpfe blickte ich zu ihr
empor.
>Ginevra,< rief ich, >Sie verachten mich -- Sie _müssen_ mich aufs
tiefste verachten!<
>Ich verachte Sie nicht<, entgegnete sie ruhig. >Was können Sie dafür,
daß Sie mich nicht geliebt haben?<
>O! Nicht geliebt!<
>Nicht so, wie ich in törichter Zuversicht vorausgesetzt -- nicht so,
wie _ich_ Sie geliebt. Wie sehr ich durch diese allmähliche Erkenntnis
gelitten, werden Sie mir ohne weitere Versicherung glauben. Jetzt aber
habe ich überwunden und sehe ein, daß es nicht anders kommen konnte.
Daher hege ich auch keine Verachtung, keinen Groll gegen Sie; vielmehr
bin und bleibe ich Ihnen dankbar für die erste schöne Täuschung meiner
Jugend. Sie war trotz allem die glücklichste Zeit meines Lebens -- und
wird es wohl in meiner Erinnerung immer bleiben. Und so stelle ich Ihnen
auch< -- sie zog bei diesen Worten einen Handschuh halb ab -- >den Ring,
den Sie mir damals gaben, nicht zurück -- wie ich es vielleicht sollte.
Ich werde ihn tragen bis ans Ende meiner Tage.<
In mir wogten die unaussprechlichsten Gefühle.
>Ginevra!< rief ich leidenschaftlich und wollte, ihre Hand erfassend,
vor ihr niederknieen.
Sie trat rasch einige Schritte zurück. >Was soll das?!< rief sie mit
herber Stimme. >Es ziemt sich nicht zwischen uns.<
>Verzeihen Sie! Und doch, wenn Sie -- wenn Sie vergessen könnten -- --<