VI.

Mehr als ein Jahr war seitdem verstrichen, ich selbst aber ganz in dem

Taumel einer Leidenschaft untergegangen, die bereits anfing, mich mit

all den Qualen zu erfüllen, welche ähnliche Beziehungen mit sich

bringen. Ich hatte damals Ginevra ganz kurz mitgeteilt, daß es mir

unmöglich sei, einen Urlaub anzutreten; die Gründe würde ich in meinem

nächsten Briefe ausführlich auseinandersetzen. Das verschob ich aber von

Tag zu Tag -- um es schließlich zu unterlassen. Was hätte ich auch

schreiben sollen? Zwei Briefe, die inzwischen von Ginevra eingetroffen

waren -- den Empfang des zweiten hatte ich auf einem Schein bestätigen

müssen -- fand ich gar nicht den Mut zu lesen, sondern schob sie

unerbrochen in ein Fach meines Schreibtisches und legte das Kreuz dazu,

auf daß es mich nicht länger an meine Treulosigkeit mahne. So gebärdete

ich mich wie der Vogel Strauß, und da nun auch aus Leitmeritz keine

weitere Kundgebung mehr eintraf, so hielt ich mit jenem Leichtsinn der

Unreife, der einem in späteren Jahren ganz unfaßlich vorkommt, die Sache

für wohl oder übel abgetan, und die Stimme des Gewissens sprach immer

seltener und schwächer.

Da, an einem strahlend kalten Januartage, als ich eben im Begriffe war,

an einer Schlittenpartie in den Prater teilzunehmen, welche Lodoiska,

die dieses Vergnügen sehr liebte, vorgeschlagen hatte, wurde mir -- ich

trat gerade aus meiner Wohnungstür -- ein Brief überbracht. Ein Blick

auf die Adresse genügte, um mich erkennen zu lassen, daß er von der

Mutter Ginevras war. Erschrocken schob ich ihn rasch in die Brusttasche

meines Mantels, entschlossen, mir durch diese unerwartete Mahnung die

Freude des Tages nicht verkümmern zu lassen. Als ich spät in der Nacht

nach Hause kam und den Brief hervorlangen wollte, fand er sich nicht

mehr vor; er mußte, da ich den Mantel inzwischen mehrmals abgelegt, der

Tasche entglitten sein. Dieser Verlust berührte mich höchst peinlich.

Wer konnte wissen, wem das Schreiben in die Hände gefallen war, und

während der nächsten Tage hegte ich die Erwartung, daß es in irgend

einer Weise an mich zurückgelangen würde. Aber das geschah nicht, und

ich glaubte endlich einen Wink des Schicksals darin zu erkennen. War mir

doch so die bittere Wahl erspart geblieben, ob ich den Brief hätte lesen

sollen oder nicht; zudem konnte ich mir ja leicht vorstellen, was er

enthalten haben mochte. Dennoch wurde durch diesen Zwischenfall mein

Gewissen wieder in Aufruhr gebracht, und ich mußte, trotz aller

Übertäubungsversuche, in einem fort an die blasse, hinfällige Frau

denken, die mir in ihrem mütterlichen Schmerze geschrieben. Mit der Zeit

freilich wurden auch diese Nachwirkungen schwächer und gingen endlich

ganz vorüber.

So war es, seit ich Theresienstadt verlassen, zum zweiten Male Karneval

geworden. Obgleich die Pariser Februarrevolution Europa in Bestürzung

versetzt hatte, tanzte man in Wien doch sorglos auf einem Vulkan, dessen

Ausbruch in allernächster Zeit bevorstand. Lodoiska, die keine Lust an

Bällen zeigte, wollte gleichwohl eine Redoute besuchen, wo damals die

Damen weniger durch ihre Toiletten, als vielmehr durch Geist und Witz zu

glänzen suchten und sich den Herren gegenüber unter der Larve gerne die

Zügel schießen ließen. Lodoiska, in einen rosenroten Domino gehüllt,

machte von der Maskenfreiheit den ausgiebigsten Gebrauch und umschwärmte

fortwährend einige junge Kavaliere, die sie zu kennen schien. Sie hatte

nämlich im verflossenen Sommer ein Landhaus in Hietzing bezogen und war

dort wieder mit den Kreisen in Berührung gekommen, denen sie angehörte.

Dabei hatten sich für mich bereits mehrfache Anlässe zu beschämender

Eifersucht ergeben, die ich um so peinlicher empfand, als ich mich auch

sonst mehr und mehr durch ein Verhältnis entwürdigt fand, das der Major,

nach Art gewisser Ehemänner, auffallend begünstigte.

Ich war also gegen Morgen höchst mißmutig von der Redoute nach Hause

gekommen und hatte dann weit in den Tag hinein geschlafen. Als ich eben

mit dem Ankleiden fertig war, erschien mein Diener und meldete, daß eine

junge Dame in Trauer mich zu sprechen wünsche.

Wie ein Blitz durchzuckte es mich: Ginevra! Aber schon hatte ich auch

diesen Gedanken mit der Annahme beschwichtigt, daß die Betreffende

möglicherweise eine ^pauvre honteuse^ sein könne, wie solche nicht allzu

selten die Offiziere in Anspruch zu nehmen pflegten. Ich sagte also

meinem Diener, er möge die Dame nur ins Nebenzimmer treten lassen.

Als ich, dennoch bangen Herzens, die Tür öffnete, stand sie -- stand

wirklich Ginevra aufrecht in der Mitte des Zimmers, die Arme, wie es

ihre Art war, an den Hüften hinabgesenkt, die Hände leicht

ineinandergeschlossen. Sie war auffallend größer geworden, und ihre

Formen zeigten sich erst jetzt vollständig entwickelt. Eine

elfenbeinartige Blässe lag über ihrem Antlitz, und die Augen hatten den

mir bekannten dunkel metallischen Glanz der Erregung. Ihr Haar

schimmerte noch goldiger als früher unter dem schwarzen Krepphute

hervor.

>Verzeihen Sie,< begann sie mit einem leichten Senken des Hauptes, >daß

ich Sie aufgesucht. Es würde nicht geschehen sein, wenn Sie den Brief

meiner Mutter einer Antwort gewürdigt hätten.<

>Den Brief Ihrer Mutter --< stammelte ich in atemloser Verwirrung. Und

mit einem Blick auf ihre schwarze Kleidung fuhr ich fort: >Ihre Mutter

--<

>Ist vor zwei Monaten gestorben,< sagte sie ernst.

>Mein Gott --< erwiderte ich tonlos.

>An einem Rückfall in jene Krankheit, von der Sie ja wissen.<

Es war, als wollte sie in diese Worte für mich eine Beruhigung legen.

>Mein Gott --< wiederholte ich, während sich jetzt ihre Augen langsam

mit Tränen füllten. >Aber ich bitte, setzen Sie sich doch --<

Sie drückte ihr Tuch an die Wimpern und machte eine kurz ablehnende

Bewegung. >Ich werde Sie nicht lange stören. Ich bin nur gekommen, um

eine Bitte auszusprechen, die ich durch meine Mutter an Sie richten

ließ. Ich ersuche Sie, mir das Kreuz zurückzustellen, das ich Ihnen

gegeben. Sie kennen den Wert, den es für mich hat -- und hoffentlich

befindet es sich noch in Ihrem Besitz.<

>Gewiß, gewiß<, entgegnete ich und wollte an meinen Schreibtisch treten.

Aber unwillkürlich hielt ich inne. >Und _Sie_, Ginevra -- was werden Sie

jetzt -- --<

>Ich folge dem Rufe von Verwandten, die in Graz leben; denn in

Leitmeritz mag ich nun nicht länger bleiben. Aber ich werde niemandem

zur Last fallen, sondern Unterricht im Italienischen erteilen, der in

jener Stadt sehr gesucht sein soll.<

Wie sie jetzt so vor mir stand, ungebrochen von allem, was da geschehen,

in mädchenhafter Selbständigkeit, im Vollbewußtsein ihrer Hoheit und

Würde, da überkam mich das ganze Gefühl meiner eigenen Erbärmlichkeit

und drohte mich zu ersticken. Wie aus einem Sumpfe blickte ich zu ihr

empor.

>Ginevra,< rief ich, >Sie verachten mich -- Sie _müssen_ mich aufs

tiefste verachten!<

>Ich verachte Sie nicht<, entgegnete sie ruhig. >Was können Sie dafür,

daß Sie mich nicht geliebt haben?<

>O! Nicht geliebt!<

>Nicht so, wie ich in törichter Zuversicht vorausgesetzt -- nicht so,

wie _ich_ Sie geliebt. Wie sehr ich durch diese allmähliche Erkenntnis

gelitten, werden Sie mir ohne weitere Versicherung glauben. Jetzt aber

habe ich überwunden und sehe ein, daß es nicht anders kommen konnte.

Daher hege ich auch keine Verachtung, keinen Groll gegen Sie; vielmehr

bin und bleibe ich Ihnen dankbar für die erste schöne Täuschung meiner

Jugend. Sie war trotz allem die glücklichste Zeit meines Lebens -- und

wird es wohl in meiner Erinnerung immer bleiben. Und so stelle ich Ihnen

auch< -- sie zog bei diesen Worten einen Handschuh halb ab -- >den Ring,

den Sie mir damals gaben, nicht zurück -- wie ich es vielleicht sollte.

Ich werde ihn tragen bis ans Ende meiner Tage.<

In mir wogten die unaussprechlichsten Gefühle.

>Ginevra!< rief ich leidenschaftlich und wollte, ihre Hand erfassend,

vor ihr niederknieen.

Sie trat rasch einige Schritte zurück. >Was soll das?!< rief sie mit

herber Stimme. >Es ziemt sich nicht zwischen uns.<

>Verzeihen Sie! Und doch, wenn Sie -- wenn Sie vergessen könnten -- --<

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 27 / 53 题