Der Oberst hielt inne und blickte eine Zeitlang schweigend vor sich hin.
»Ich möchte am liebsten meine Geschichte hier abbrechen,« sagte er dann;
»denn die Rolle, die ich nunmehr zu spielen beginne, ist nichts weniger
als glänzend. Aber ich will mir die Buße auferlegen und im Kontext
fortfahren.
Der Abschied war ein tief ergreifender gewesen. Ich hatte Ginevra beim
Scheiden ein Ringlein mit blauem Stein gegeben, welch letzterer im
Geschmack jener Zeit ein kleines Herz vorstellte. Sie selbst löste das
goldene Kreuz, das sie beständig trug, vom Halse los und reichte es mir.
>Nimm!< sagte sie. >Es ist ein Andenken meines Vaters; das einzige
Schmuckstück, das ich von ihm habe. Schon seine Mutter hat es getragen.
Trag' es jetzt _du_ als Erinnerung an mich, bis wir wieder vereint
sind.<
Ich kam mir damit wie gefeit vor und fühlte, wie siegreich das Bild
Ginevras, deren im Trennungsschmerz zitternde Gestalt, deren bleiches,
verweintes Antlitz ich während der Reise beständig vor Augen hatte,
allen neuen Eindrücken standhalten würde. Es waren anfänglich nicht
allzu viele. Denn fürs erste galt es, im Regiment, wo man den eben nicht
erwünschten Einschub mit mißtrauischer Zurückhaltung empfangen hatte,
festen Fuß zu fassen, was mir eine doppelt eifrige Diensteserfüllung zur
Pflicht machte. Auch hatte ich in Wien keine Anverwandten außer meinem
Onkel, und der war ein eingefleischter alter Hagestolz, welcher, trotz
seiner hochgestellten Verbindungen, der sogenannten Gesellschaft mit
barscher Rücksichtslosigkeit aus dem Wege ging. Seine Erholung war,
allabendlich ein vielgerühmtes Gasthaus in der innern Stadt aufzusuchen,
wo er sich im Kreise einiger Alters- und Gesinnungsgenossen nach des
Tages Mühen und Sorgen behaglich auslebte. Da hatte er nun seine Freude
daran, mich dort einzuführen und, so oft es anging, auf das köstlichste
zu bewirten, wobei der Champagner nicht gespart wurde. So war meine
freie Zeit fast ausschließlich von ihm in Anspruch genommen, höchstens,
daß ich hin und wieder einmal das Theater besuchte. Dabei war und blieb
aber meine größte Freude der Briefwechsel mit Ginevra. Wir schrieben
einander regelmäßig alle acht Tage, was unter den damaligen
Verhältnissen dem heutigen täglichen Schreiben gleichkam, und es läßt
sich nicht sagen, mit welcher Aufregung ich jeden Brief Ginevras
erbrach, mit welchem Entzücken ich ihn las -- und wieder las .....
So waren mehr als drei Monate verstrichen, als der Adjutant des
Bataillons, bei welchem ich stand, schwer erkrankte und ich beauftragt
wurde, einstweilen seine Dienstgeschäfte zu übernehmen. Der
kommandierende Major, ein Baron Dumont, stammte aus einer französischen
Emigrantenfamilie und galt als höchst unfähiger Mann, dem allerdings
eine gewisse Gutmütigkeit nachgerühmt wurde. Da er des deutschen Idioms
niemals ganz mächtig geworden, hing er gar sehr von seinem Adjutanten
ab, den er übrigens auch zu einer Art persönlichen Hofdienstes
heranzuziehen liebte. Als schlechter Reiter sah er es gerne, wenn man
seine schönen Pferde tummelte; bei Spaziergängen ließ er sich begleiten,
und abends war man ein für allemal zum Tee gebeten, wogegen man sich
freilich herbeilassen mußte, stundenlang mit ihm Pikett oder Ecarté zu
spielen, das einzige Vergnügen, das er kannte. Er war mit einer
polnischen Gräfin verheiratet, die zur Zeit meines Eintreffens beim
Regiment auf einem Gute in der Nähe Lembergs sich befand, nunmehr aber
eines Tages ganz plötzlich in Wien erschien. Beim ersten Anblick dieser
Frau hatte ich eine eigentümliche Empfindung; ich wußte nicht, war es
Schreck oder Wohlgefallen -- vielleicht beides zusammen. Die Gräfin
mochte ungefähr achtundzwanzig Jahre alt sein, und ihr Gesicht war
bereits leicht verwittert; bei näherer Betrachtung jedoch zeigte sich
ein reizendes Profil, und die blassen Lippen enthüllten im Lächeln zwei
Reihen der köstlichsten Zähne. Von nicht allzu hohem Wuchse, zeichnete
sie sich durch etwas langsame, aber ungemein graziöse Bewegungen aus;
Hände und Füße waren die schönsten, die ich je gesehen. Ihr reiches Haar
war von einem matten, glanzlosen Braun, und auch die grauen, von den
Lidern halb verdeckten Augen hatten etwas Erloschenes, das plötzlich in
ein überraschendes Aufleuchten übergehen konnte. Dazu die weiche,
fremdländische Aussprache, die vornehme Ungezwungenheit einer
vollendeten Weltdame -- und man mußte sich sagen, daß man sich hier
einer höchst verführerischen Erscheinung gegenüber befinde. Ihr Gatte
schien sich durch ihre Anwesenheit etwas beengt zu fühlen, und es war
ihm sichtlich recht, daß sie mich mit großer Liebenswürdigkeit
aufforderte, meine Abendbesuche nach wie vor fortzusetzen. So spielten
wir denn jetzt zu dreien Whist mit dem Strohmanne, und nach dem Tee
plauderten wir, wobei die Hausfrau es liebte, sich in träger
Behaglichkeit auf einer Chaiselongue auszustrecken und Zigaretten zu
rauchen, was damals noch etwas ganz Unerhörtes war. Dieses Gehaben
behielt sie auch bei, wenn zuweilen noch andere Herren geladen waren;
sie liebte es dann, in solch ungezwungener Weise Cercle zu halten. Damen
wurden niemals beigezogen; die Gräfin erklärte, sie sei noch nicht in
der Verfassung, eigentliche gesellschaftliche Beziehungen aufzunehmen.
Gegen mich erwies sie eine Art mütterlicher Vertraulichkeit, die sich
oft zu allerlei unbefangenen kleinen Zärtlichkeiten steigerte. Sie
strich mir, auch in Gegenwart ihres Gatten, das Haar zurecht, berührte,
nach polnischer Sitte, schmeichelnd meine Schulter oder ließ im Gespräch
ihre Hand wie unbewußt lange auf meiner ruhen, wobei mich stets heißer
Schauer durchrieselte.
Es wäre nun an der Zeit gewesen, öfter das goldene Kreuzchen zu
befühlen, das ich an mir trug. Nicht etwa, daß das Bild Ginevras durch
den intimen Verkehr mit der schönen Frau getrübt oder gar verwischt
worden wäre; nein, es leuchtete mir noch immer in voller Klarheit
entgegen, aber aus viel weiterer Entfernung als früher, wo es mich
sozusagen auf Schritt und Tritt begleitet hatte.
Eines Abends, als wir wieder beim Whist saßen und ich mir einige Fehler
im Spiel hatte zu schulden kommen lassen, sagte die Gräfin: >Aber
was treiben Sie denn, ^mon enfant^? Sie leiden ja an einer
unverantwortlichen Zerstreutheit. Sind Sie vielleicht gar verliebt?<
>Du stellst Gewissensfragen, Lodoiska<, bemerkte ihr Gatte mit seinem
stereotypen Lächeln.
>Und wenn dem so wäre, Gräfin?< entgegnete ich halb im Ernst, halb im
Scherz.
>So würd' ich es begreiflich finden<, antwortete sie. >Denn die Liebe
ist das Recht der Jugend. Und wo weilt der Gegenstand Ihrer Gefühle?
Hier in Wien?<
>Keineswegs. Weit -- sehr weit von hier entfernt.<
Sie erwiderte nichts und steckte hastig ihre Karten ineinander. >Ist es
ein junges Mädchen?< fragte sie nach einer Weile.
>Das versteht sich wohl von selbst<, sagte der Major.
>Schön?< fuhr sie kurz fort.
>Ungemein<, warf ich hin, den angeschlagenen Ton festhaltend.
>Brünett?<
>Blond.<
Sie schwieg und wendete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Spiele zu. Als
der Robber beendet war, stand sie auf und sagte, sie leide heute an
Migräne und wolle sich deshalb zeitig zur Ruhe begeben. So brach auch
ich früher als sonst auf, vom Major wie immer mit einem wohlwollenden
Händedruck verabschiedet.
Von jenem Abend an beobachtete sie gegen mich eine gewisse
Zurückhaltung. Sie nahm seltener am Spiele teil und zog sich
währenddessen in den anstoßenden Salon zurück, wo sie auf dem Klavier
phantasierte oder Stücke von Chopin spielte. Dann kam sie wieder herein
und nahm ihre gewohnte Lage auf der Chaiselongue ein. Wenn ich nach ihr
hinsah, konnte ich bemerken, daß ihr Blick mit einem ganz seltsamen
Ausdruck auf mich gerichtet war.
Dies alles verfehlte nicht, mich in eine gewisse Unruhe zu versetzen,
die auf den Briefwechsel mit der entfernten Geliebten nicht ohne Einfluß
blieb. Es war mir, als hätte ich etwas zu verschweigen, geheim zu
halten, und infolgedessen gerieten meine Briefe weniger rund und
fließend als früher; sie wurden gezwungener, fragmentarischer. Ginevra
aber schien nichts davon zu bemerken. Ihre Zeilen atmeten die gewohnte
gleichmäßig ernste Leidenschaftlichkeit, die sich in Worten jeder
Überschwenglichkeit enthielt, jedoch die reinsten und vollsten
Herzenstöne anschlug. Und immer kam die stets wachsende Freude darüber
zum Ausdruck, daß nun die Zeit näher und näher rücke, um welche ich auf
Urlaub in Leitmeritz erscheinen würde.
Das aber war es, was meine Unruhe nur noch steigerte. Denn je reiflicher
ich diese Angelegenheit erwog, desto deutlicher wurde mir, zu welch
unüberlegtem Versprechen ich mich damals hatte hinreißen lassen. Wie
konnte ich, nachdem ich mich kaum sechs Monate beim Regiment befand,
schon um einen Urlaub nachsuchen -- und das gerade jetzt, wo ich mich in
einer besonderen dienstlichen Verwendung befand, deren Ende sich gar
nicht absehen ließ; denn der Adjutant, obwohl schon auf dem Wege der
Genesung, bedurfte noch einer längeren Erholung. Und ganz abgesehen von
diesen so gewichtigen Bedenken: ich mußte mein Gesuch doch irgendwie
begründen. Womit? Mit Familienangelegenheiten? Man wußte ja, daß mein
Oheim in Wien lebte, und wie würde sich dieser, den ich jetzt ohnehin
selten genug sah, zu meiner Absicht verhalten? Gewiß verweigernd, um so
verweigernder, wenn ich ihn, wozu ich einen Augenblick schon
entschlossen gewesen, in den ganzen Sachverhalt einweihte. Ich war also
in der Tat ganz ratlos und wußte nicht, was ich beginnen sollte.
In dieser peinlichen Gemütslage begab ich mich an einem nebligen
Oktoberabende, nachdem ich einen einsamen und gedankenvollen Rundgang um
das Glacis gemacht, in die Wohnung des Majors, der ich nun schon drei
Tage ferngeblieben war. Im Spielzimmer brannte bereits die Astrallampe;
im Halbdunkel des Salons aber saß Gräfin Lodoiska am Flügel, dessen Töne
mir schon beim Eintritt entgegengeklungen hatten.
Als sie jetzt mein Erscheinen gewahr wurde, rief sie mir, ohne sich zu
unterbrechen, zu: >Kommen Sie nur da herein. Es ist mir draußen zu hell;
die Lampe tut meinen Augen weh.< Dann erhob sie sich und trat mir, von
dem Schein eines leichten Feuers, das im Ofen flackerte, phantastisch
beleuchtet, entgegen. Sie trug ein einfaches, knapp anliegendes
Tuchkleid, von dessen dunklem Blau sich ein weit ausgelegter weißer
Halskragen und hohe Manschetten glänzend abhoben. Ihr volles Haar, auf
welches sie scheinbar wenig Sorgfalt verwendete, umrahmte in losen
Scheiteln ihr schimmerndes Antlitz.
>Sie müssen heute mit mir allein vorlieb nehmen<, begann sie in
melancholischem Tone. >Dumont hat notgedrungen eine Einladung
angenommen. Ich selbst ließ mich entschuldigen; denn ich bin so gar
nicht gestimmt, in die Welt zu gehen.<
Sie hatte sich bei diesen Worten auf einen Pouf niedergelassen, der in
der Mitte des Salons stand, und lud mich mit einer Handbewegung ein,
neben ihr Platz zu nehmen.
>Ich bin seit einiger Zeit auch nicht in der besten Stimmung<, sagte
ich, mich setzend.
>Ich habe es wohl bemerkt<, erwiderte sie leise und nachdenklich.
>Vertrauen Sie mir doch an, was Sie drückt.<
Es wurde mir nicht leicht, darauf zu antworten. >Nun,< sagte ich
endlich, >vielleicht entsinnen Sie sich noch meiner Erklärungen -- oder
eigentlich Andeutungen über eine Herzensangelegenheit -- --<
>Jawohl; ich erinnere mich.<
>Ich hatte in dieser Hinsicht,< fuhr ich zögernd fort, >um einen Urlaub
einkommen wollen, sehe aber, daß sich unübersteigliche Hindernisse in
den Weg stellen --<
>Dann denken Sie nicht weiter daran,< warf sie leicht hin.
>Ja, wenn das nur so ginge. Ich habe eine bestimmte Zusage gemacht --
man erwartet mich -- --<
>Nicht jede Erwartung kann erfüllt werden. Aber beichten Sie mir, ^mon
enfant^,< fuhr sie im alten vertraulichen Tone fort, indem sie meine
Hand faßte, >wer ist denn eigentlich die junge Dame? Ist sie von guter
Familie? Haben Sie ernste Absichten?<
Es wurde mir wieder schwer, zu antworten. >Allerdings hege ich solche --
obgleich --<
>Sich auch in dieser Hinsicht Schwierigkeiten entgegenstellen?< fügte
sie rasch bei. >Ich verstehe. Es ist ein armes Mädchen, das Sie nicht
sofort zur Ihrer Frau machen können. Aber sagen Sie: haben Sie ein
bindendes Versprechen gegeben? Oder wäre<, fuhr sie, mir höchst
ausdrucksvoll in die Augen sehend, fort, >wäre das Verhältnis etwa schon
so weit gediehen, daß Sie durchaus nicht mehr zurücktreten könnten?<
Ich verstand, was sie meinte. >O nein!< rief ich; >das ist keineswegs
der Fall.<
>Dann ist es ja ein wahres Glück, daß Sie hier zurückgehalten werden,
lieber Freund! Bedenken Sie, wie gefährlich für Sie -- und auch für Ihre
Geliebte ein solches Wiedersehen wäre. Es könnte Ihnen dann wirklich die
Verpflichtung erwachsen, das Mädchen zu heiraten. Und wie wollten Sie
das anfangen? Sie wären vielleicht gezwungen, Ihre ganze Karriere
aufzugeben, wie schon mancher vor Ihnen -- zu ewiger Reue. Und das alles
schon in _Ihren_ Jahren! Nein, nein; schlagen Sie sich die Sache aus dem
Sinn!<
Ich vernahm schon eigentlich nicht mehr recht deutlich, was sie sprach.
Denn sie war mir ganz nahe gerückt; ihr warmer Odem, ihr duftiges Haar
streiften meine Wange. Ich fühlte, wie es sich wie ein schwerer,
betäubender Schleier über mich legte. Ich erwiderte nichts und seufzte
nur tief auf.
>Armes Kind,< sagte sie, indem sie mir das Haar aus der Stirn strich,
>armes Kind, lieben Sie sie denn wirklich so sehr?<
Sie mochte in dem Blick, mit dem ich sie jetzt ansah, ein ganz anderes
Geständnis lesen, und ein Ausdruck grausamen Triumphes überflog ihre
Züge.
>Sie werden alles vergessen, wenn Sie bei uns bleiben. Und Sie bleiben
bei uns -- nicht wahr?<
Sie hielt mir die Hand hin, die ich ergriff und mit leidenschaftlichen
Küssen bedeckte.
Sie ließ es lächelnd geschehen; dann drückte sie ihr Haupt fest an meine
Schulter, und flüsterte: >Endlich!<
Ich sank ihr zu Füßen.