V.

Der Oberst hielt inne und blickte eine Zeitlang schweigend vor sich hin.

»Ich möchte am liebsten meine Geschichte hier abbrechen,« sagte er dann;

»denn die Rolle, die ich nunmehr zu spielen beginne, ist nichts weniger

als glänzend. Aber ich will mir die Buße auferlegen und im Kontext

fortfahren.

Der Abschied war ein tief ergreifender gewesen. Ich hatte Ginevra beim

Scheiden ein Ringlein mit blauem Stein gegeben, welch letzterer im

Geschmack jener Zeit ein kleines Herz vorstellte. Sie selbst löste das

goldene Kreuz, das sie beständig trug, vom Halse los und reichte es mir.

>Nimm!< sagte sie. >Es ist ein Andenken meines Vaters; das einzige

Schmuckstück, das ich von ihm habe. Schon seine Mutter hat es getragen.

Trag' es jetzt _du_ als Erinnerung an mich, bis wir wieder vereint

sind.<

Ich kam mir damit wie gefeit vor und fühlte, wie siegreich das Bild

Ginevras, deren im Trennungsschmerz zitternde Gestalt, deren bleiches,

verweintes Antlitz ich während der Reise beständig vor Augen hatte,

allen neuen Eindrücken standhalten würde. Es waren anfänglich nicht

allzu viele. Denn fürs erste galt es, im Regiment, wo man den eben nicht

erwünschten Einschub mit mißtrauischer Zurückhaltung empfangen hatte,

festen Fuß zu fassen, was mir eine doppelt eifrige Diensteserfüllung zur

Pflicht machte. Auch hatte ich in Wien keine Anverwandten außer meinem

Onkel, und der war ein eingefleischter alter Hagestolz, welcher, trotz

seiner hochgestellten Verbindungen, der sogenannten Gesellschaft mit

barscher Rücksichtslosigkeit aus dem Wege ging. Seine Erholung war,

allabendlich ein vielgerühmtes Gasthaus in der innern Stadt aufzusuchen,

wo er sich im Kreise einiger Alters- und Gesinnungsgenossen nach des

Tages Mühen und Sorgen behaglich auslebte. Da hatte er nun seine Freude

daran, mich dort einzuführen und, so oft es anging, auf das köstlichste

zu bewirten, wobei der Champagner nicht gespart wurde. So war meine

freie Zeit fast ausschließlich von ihm in Anspruch genommen, höchstens,

daß ich hin und wieder einmal das Theater besuchte. Dabei war und blieb

aber meine größte Freude der Briefwechsel mit Ginevra. Wir schrieben

einander regelmäßig alle acht Tage, was unter den damaligen

Verhältnissen dem heutigen täglichen Schreiben gleichkam, und es läßt

sich nicht sagen, mit welcher Aufregung ich jeden Brief Ginevras

erbrach, mit welchem Entzücken ich ihn las -- und wieder las .....

So waren mehr als drei Monate verstrichen, als der Adjutant des

Bataillons, bei welchem ich stand, schwer erkrankte und ich beauftragt

wurde, einstweilen seine Dienstgeschäfte zu übernehmen. Der

kommandierende Major, ein Baron Dumont, stammte aus einer französischen

Emigrantenfamilie und galt als höchst unfähiger Mann, dem allerdings

eine gewisse Gutmütigkeit nachgerühmt wurde. Da er des deutschen Idioms

niemals ganz mächtig geworden, hing er gar sehr von seinem Adjutanten

ab, den er übrigens auch zu einer Art persönlichen Hofdienstes

heranzuziehen liebte. Als schlechter Reiter sah er es gerne, wenn man

seine schönen Pferde tummelte; bei Spaziergängen ließ er sich begleiten,

und abends war man ein für allemal zum Tee gebeten, wogegen man sich

freilich herbeilassen mußte, stundenlang mit ihm Pikett oder Ecarté zu

spielen, das einzige Vergnügen, das er kannte. Er war mit einer

polnischen Gräfin verheiratet, die zur Zeit meines Eintreffens beim

Regiment auf einem Gute in der Nähe Lembergs sich befand, nunmehr aber

eines Tages ganz plötzlich in Wien erschien. Beim ersten Anblick dieser

Frau hatte ich eine eigentümliche Empfindung; ich wußte nicht, war es

Schreck oder Wohlgefallen -- vielleicht beides zusammen. Die Gräfin

mochte ungefähr achtundzwanzig Jahre alt sein, und ihr Gesicht war

bereits leicht verwittert; bei näherer Betrachtung jedoch zeigte sich

ein reizendes Profil, und die blassen Lippen enthüllten im Lächeln zwei

Reihen der köstlichsten Zähne. Von nicht allzu hohem Wuchse, zeichnete

sie sich durch etwas langsame, aber ungemein graziöse Bewegungen aus;

Hände und Füße waren die schönsten, die ich je gesehen. Ihr reiches Haar

war von einem matten, glanzlosen Braun, und auch die grauen, von den

Lidern halb verdeckten Augen hatten etwas Erloschenes, das plötzlich in

ein überraschendes Aufleuchten übergehen konnte. Dazu die weiche,

fremdländische Aussprache, die vornehme Ungezwungenheit einer

vollendeten Weltdame -- und man mußte sich sagen, daß man sich hier

einer höchst verführerischen Erscheinung gegenüber befinde. Ihr Gatte

schien sich durch ihre Anwesenheit etwas beengt zu fühlen, und es war

ihm sichtlich recht, daß sie mich mit großer Liebenswürdigkeit

aufforderte, meine Abendbesuche nach wie vor fortzusetzen. So spielten

wir denn jetzt zu dreien Whist mit dem Strohmanne, und nach dem Tee

plauderten wir, wobei die Hausfrau es liebte, sich in träger

Behaglichkeit auf einer Chaiselongue auszustrecken und Zigaretten zu

rauchen, was damals noch etwas ganz Unerhörtes war. Dieses Gehaben

behielt sie auch bei, wenn zuweilen noch andere Herren geladen waren;

sie liebte es dann, in solch ungezwungener Weise Cercle zu halten. Damen

wurden niemals beigezogen; die Gräfin erklärte, sie sei noch nicht in

der Verfassung, eigentliche gesellschaftliche Beziehungen aufzunehmen.

Gegen mich erwies sie eine Art mütterlicher Vertraulichkeit, die sich

oft zu allerlei unbefangenen kleinen Zärtlichkeiten steigerte. Sie

strich mir, auch in Gegenwart ihres Gatten, das Haar zurecht, berührte,

nach polnischer Sitte, schmeichelnd meine Schulter oder ließ im Gespräch

ihre Hand wie unbewußt lange auf meiner ruhen, wobei mich stets heißer

Schauer durchrieselte.

Es wäre nun an der Zeit gewesen, öfter das goldene Kreuzchen zu

befühlen, das ich an mir trug. Nicht etwa, daß das Bild Ginevras durch

den intimen Verkehr mit der schönen Frau getrübt oder gar verwischt

worden wäre; nein, es leuchtete mir noch immer in voller Klarheit

entgegen, aber aus viel weiterer Entfernung als früher, wo es mich

sozusagen auf Schritt und Tritt begleitet hatte.

Eines Abends, als wir wieder beim Whist saßen und ich mir einige Fehler

im Spiel hatte zu schulden kommen lassen, sagte die Gräfin: >Aber

was treiben Sie denn, ^mon enfant^? Sie leiden ja an einer

unverantwortlichen Zerstreutheit. Sind Sie vielleicht gar verliebt?<

>Du stellst Gewissensfragen, Lodoiska<, bemerkte ihr Gatte mit seinem

stereotypen Lächeln.

>Und wenn dem so wäre, Gräfin?< entgegnete ich halb im Ernst, halb im

Scherz.

>So würd' ich es begreiflich finden<, antwortete sie. >Denn die Liebe

ist das Recht der Jugend. Und wo weilt der Gegenstand Ihrer Gefühle?

Hier in Wien?<

>Keineswegs. Weit -- sehr weit von hier entfernt.<

Sie erwiderte nichts und steckte hastig ihre Karten ineinander. >Ist es

ein junges Mädchen?< fragte sie nach einer Weile.

>Das versteht sich wohl von selbst<, sagte der Major.

>Schön?< fuhr sie kurz fort.

>Ungemein<, warf ich hin, den angeschlagenen Ton festhaltend.

>Brünett?<

>Blond.<

Sie schwieg und wendete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Spiele zu. Als

der Robber beendet war, stand sie auf und sagte, sie leide heute an

Migräne und wolle sich deshalb zeitig zur Ruhe begeben. So brach auch

ich früher als sonst auf, vom Major wie immer mit einem wohlwollenden

Händedruck verabschiedet.

Von jenem Abend an beobachtete sie gegen mich eine gewisse

Zurückhaltung. Sie nahm seltener am Spiele teil und zog sich

währenddessen in den anstoßenden Salon zurück, wo sie auf dem Klavier

phantasierte oder Stücke von Chopin spielte. Dann kam sie wieder herein

und nahm ihre gewohnte Lage auf der Chaiselongue ein. Wenn ich nach ihr

hinsah, konnte ich bemerken, daß ihr Blick mit einem ganz seltsamen

Ausdruck auf mich gerichtet war.

Dies alles verfehlte nicht, mich in eine gewisse Unruhe zu versetzen,

die auf den Briefwechsel mit der entfernten Geliebten nicht ohne Einfluß

blieb. Es war mir, als hätte ich etwas zu verschweigen, geheim zu

halten, und infolgedessen gerieten meine Briefe weniger rund und

fließend als früher; sie wurden gezwungener, fragmentarischer. Ginevra

aber schien nichts davon zu bemerken. Ihre Zeilen atmeten die gewohnte

gleichmäßig ernste Leidenschaftlichkeit, die sich in Worten jeder

Überschwenglichkeit enthielt, jedoch die reinsten und vollsten

Herzenstöne anschlug. Und immer kam die stets wachsende Freude darüber

zum Ausdruck, daß nun die Zeit näher und näher rücke, um welche ich auf

Urlaub in Leitmeritz erscheinen würde.

Das aber war es, was meine Unruhe nur noch steigerte. Denn je reiflicher

ich diese Angelegenheit erwog, desto deutlicher wurde mir, zu welch

unüberlegtem Versprechen ich mich damals hatte hinreißen lassen. Wie

konnte ich, nachdem ich mich kaum sechs Monate beim Regiment befand,

schon um einen Urlaub nachsuchen -- und das gerade jetzt, wo ich mich in

einer besonderen dienstlichen Verwendung befand, deren Ende sich gar

nicht absehen ließ; denn der Adjutant, obwohl schon auf dem Wege der

Genesung, bedurfte noch einer längeren Erholung. Und ganz abgesehen von

diesen so gewichtigen Bedenken: ich mußte mein Gesuch doch irgendwie

begründen. Womit? Mit Familienangelegenheiten? Man wußte ja, daß mein

Oheim in Wien lebte, und wie würde sich dieser, den ich jetzt ohnehin

selten genug sah, zu meiner Absicht verhalten? Gewiß verweigernd, um so

verweigernder, wenn ich ihn, wozu ich einen Augenblick schon

entschlossen gewesen, in den ganzen Sachverhalt einweihte. Ich war also

in der Tat ganz ratlos und wußte nicht, was ich beginnen sollte.

In dieser peinlichen Gemütslage begab ich mich an einem nebligen

Oktoberabende, nachdem ich einen einsamen und gedankenvollen Rundgang um

das Glacis gemacht, in die Wohnung des Majors, der ich nun schon drei

Tage ferngeblieben war. Im Spielzimmer brannte bereits die Astrallampe;

im Halbdunkel des Salons aber saß Gräfin Lodoiska am Flügel, dessen Töne

mir schon beim Eintritt entgegengeklungen hatten.

Als sie jetzt mein Erscheinen gewahr wurde, rief sie mir, ohne sich zu

unterbrechen, zu: >Kommen Sie nur da herein. Es ist mir draußen zu hell;

die Lampe tut meinen Augen weh.< Dann erhob sie sich und trat mir, von

dem Schein eines leichten Feuers, das im Ofen flackerte, phantastisch

beleuchtet, entgegen. Sie trug ein einfaches, knapp anliegendes

Tuchkleid, von dessen dunklem Blau sich ein weit ausgelegter weißer

Halskragen und hohe Manschetten glänzend abhoben. Ihr volles Haar, auf

welches sie scheinbar wenig Sorgfalt verwendete, umrahmte in losen

Scheiteln ihr schimmerndes Antlitz.

>Sie müssen heute mit mir allein vorlieb nehmen<, begann sie in

melancholischem Tone. >Dumont hat notgedrungen eine Einladung

angenommen. Ich selbst ließ mich entschuldigen; denn ich bin so gar

nicht gestimmt, in die Welt zu gehen.<

Sie hatte sich bei diesen Worten auf einen Pouf niedergelassen, der in

der Mitte des Salons stand, und lud mich mit einer Handbewegung ein,

neben ihr Platz zu nehmen.

>Ich bin seit einiger Zeit auch nicht in der besten Stimmung<, sagte

ich, mich setzend.

>Ich habe es wohl bemerkt<, erwiderte sie leise und nachdenklich.

>Vertrauen Sie mir doch an, was Sie drückt.<

Es wurde mir nicht leicht, darauf zu antworten. >Nun,< sagte ich

endlich, >vielleicht entsinnen Sie sich noch meiner Erklärungen -- oder

eigentlich Andeutungen über eine Herzensangelegenheit -- --<

>Jawohl; ich erinnere mich.<

>Ich hatte in dieser Hinsicht,< fuhr ich zögernd fort, >um einen Urlaub

einkommen wollen, sehe aber, daß sich unübersteigliche Hindernisse in

den Weg stellen --<

>Dann denken Sie nicht weiter daran,< warf sie leicht hin.

>Ja, wenn das nur so ginge. Ich habe eine bestimmte Zusage gemacht --

man erwartet mich -- --<

>Nicht jede Erwartung kann erfüllt werden. Aber beichten Sie mir, ^mon

enfant^,< fuhr sie im alten vertraulichen Tone fort, indem sie meine

Hand faßte, >wer ist denn eigentlich die junge Dame? Ist sie von guter

Familie? Haben Sie ernste Absichten?<

Es wurde mir wieder schwer, zu antworten. >Allerdings hege ich solche --

obgleich --<

>Sich auch in dieser Hinsicht Schwierigkeiten entgegenstellen?< fügte

sie rasch bei. >Ich verstehe. Es ist ein armes Mädchen, das Sie nicht

sofort zur Ihrer Frau machen können. Aber sagen Sie: haben Sie ein

bindendes Versprechen gegeben? Oder wäre<, fuhr sie, mir höchst

ausdrucksvoll in die Augen sehend, fort, >wäre das Verhältnis etwa schon

so weit gediehen, daß Sie durchaus nicht mehr zurücktreten könnten?<

Ich verstand, was sie meinte. >O nein!< rief ich; >das ist keineswegs

der Fall.<

>Dann ist es ja ein wahres Glück, daß Sie hier zurückgehalten werden,

lieber Freund! Bedenken Sie, wie gefährlich für Sie -- und auch für Ihre

Geliebte ein solches Wiedersehen wäre. Es könnte Ihnen dann wirklich die

Verpflichtung erwachsen, das Mädchen zu heiraten. Und wie wollten Sie

das anfangen? Sie wären vielleicht gezwungen, Ihre ganze Karriere

aufzugeben, wie schon mancher vor Ihnen -- zu ewiger Reue. Und das alles

schon in _Ihren_ Jahren! Nein, nein; schlagen Sie sich die Sache aus dem

Sinn!<

Ich vernahm schon eigentlich nicht mehr recht deutlich, was sie sprach.

Denn sie war mir ganz nahe gerückt; ihr warmer Odem, ihr duftiges Haar

streiften meine Wange. Ich fühlte, wie es sich wie ein schwerer,

betäubender Schleier über mich legte. Ich erwiderte nichts und seufzte

nur tief auf.

>Armes Kind,< sagte sie, indem sie mir das Haar aus der Stirn strich,

>armes Kind, lieben Sie sie denn wirklich so sehr?<

Sie mochte in dem Blick, mit dem ich sie jetzt ansah, ein ganz anderes

Geständnis lesen, und ein Ausdruck grausamen Triumphes überflog ihre

Züge.

>Sie werden alles vergessen, wenn Sie bei uns bleiben. Und Sie bleiben

bei uns -- nicht wahr?<

Sie hielt mir die Hand hin, die ich ergriff und mit leidenschaftlichen

Küssen bedeckte.

Sie ließ es lächelnd geschehen; dann drückte sie ihr Haupt fest an meine

Schulter, und flüsterte: >Endlich!<

Ich sank ihr zu Füßen.

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 26 / 53 题