»Und nun,« fuhr der Oberst fort, »begann für mich eine selige Zeit. Ich
suchte, so oft es nur anging, das kleine Haus auf, dessen Stille und
Abgeschlossenheit den Reiz eines Verhältnisses erhöhte, das sich unter
dem sanften Auge der Mutter immer inniger entfaltete -- und dabei das
reinste und lauterste blieb, das sich denken läßt. Denn bei aller
Leidenschaftlichkeit, mit welcher mir Ginevra ihre junge Seele erschloß,
erwies sie doch eine jungfräuliche Hoheit und Würde, die mich mit
Ehrfurcht und heiliger Scheu erfüllte. Ich kam gewöhnlich in den frühen
Nachmittagsstunden. Dann saß Ginevra am Nähtisch und ich neben ihr,
plaudernd oder still in ihren Anblick versunken, und wenn die Lampe
angezündet war, lasen wir, während die Mutter zuhörte, in den Büchern
des Vaters: Sonette Petrarcas, leicht faßliche Gesänge aus der ^divina
commedia^, und hin und wieder ein Bruchstück von Meister Ludovicos
phantastischem Gedicht. Aber nicht lange mehr duldete es uns in den
Stubenräumen. Denn es war Frühling geworden und sonnige, warme Tage
lockten uns vor das Haus. Die Mutter ließ sich ihren Lehnstuhl in das
Gärtchen schaffen, wo bereits das erste Grün schimmerte und die Knospen
dem Aufbrechen nahe waren. Dort weilte sie, während wir anderen in das
Feld hinausschritten, nach den Lerchen empor spähten, die schmetternd
von den Schollen aufstiegen, und Ginevra die ersten Veilchen sowie
andere frühe Blumen zum Strauße pflückte, den sie mir beim Abschied
mitgab. So lebten wir wie in einem schönen Traum dahin und ahnten nicht,
daß die Tage des Glückes gezählt seien .....
Als ich einmal bei einbrechender Nacht nach Hause zurückkehrte, fand ich
einen Brief meines Oheims vor, worin mir dieser mitteilte, daß es seinem
Einflusse möglich geworden sei, meine Versetzung zu einem in Wien
befindlichen Regimente zu erwirken. Und zwar mit gleichzeitiger
Beförderung zum Leutnant; eine sprungweise Vorrückung, wie sie in jener
Zeit durch die Gunst eines befreundeten Regimentsinhabers nicht allzu
schwer zu erreichen war. Er hoffe daher, so schloß er, mich recht bald
umarmen zu können. Unter anderen Umständen wäre diese Nachricht eine
höchst erfreuliche gewesen; in diesem Augenblick aber fuhr sie wie ein
Blitz aus heiterem Himmel auf mich nieder. Was sollte mir jetzt eine
Beförderung? Was eine Versetzung nach Wien und das Wiedersehen meines
Oheims, wenn mich dies alles so rasch und plötzlich von der Geliebten
wegriß!? Ich verbrachte eine schlaflose Nacht, und schon am nächsten
Morgen wurde ich von der Angelegenheit auch dienstlich verständigt, mit
dem Beisatze, daß ich binnen dreier Tage an meinen neuen Bestimmungsort
abzugehen habe. Also nur drei Tage, drei kurze Tage waren mir noch
vergönnt -- und auch diese, wie ich bei näherer Überlegung erkannte, nur
in den allerkleinsten Bruchteilen. Denn gerade bei meinem Scheiden aus
dem Regiment war ich in dieser Spanne Zeit mehr als je an den
kameradschaftlichen Verkehr gebunden, ganz abgesehen von den sonstigen
Verpflichtungen, die mein so unerwarteter Abgang mir auferlegte. Ich
konnte also höchstens noch _einen_ vollen Abend für mich retten. Der
heutige war schon von einer gemeinsamen Fechtübung in Anspruch genommen,
welche allwöchentlich stattfand und mit einer Tafel im Kasino zu
schließen pflegte. Drüben war man davon unterrichtet und erwartete mich
daher nicht. Aber die Stunden, die knapp vor mir lagen, konnte ich
erhaschen und machte mich sofort auf den Weg nach Leitmeritz. Es war ein
schwerer Gang; mußte ich doch die Frauen von der so bald bevorstehenden
Trennung in Kenntnis setzen!
Ich traf die Mutter allein zu Hause. Sie war in letzter Zeit etwas zu
Kräften gelangt und schien eben beschäftigt, Verschiedenes im Zimmer zu
ordnen.
>Ah, Emilio!< rief sie überrascht, als sie mich eintreten sah. >Wie
schön, daß Sie wieder einmal vormittags kommen und uns für den
verlorenen Abend entschädigen. Ginevra besorgt eben ein paar kleine
Einkäufe in der Stadt; sie wird jedoch gleich wieder zurück sein. Aber
was haben Sie denn?< fuhr sie mit besorgten Blicken fort, da sie meine
ernste und niedergeschlagene Miene wahrnahm. >Ist vielleicht etwas
vorgefallen?<
>Allerdings, ^carissima madre^< -- ich pflegte sie stets so zu nennen --
>allerdings ist etwas vorgefallen. Etwas ganz Unerwartetes, Trauriges --
--< Und nun teilte ich ihr zögernd und mit aller Vorsicht mit, was nicht
verschwiegen bleiben konnte.
Sie mußte sich setzen. >Mein Gott,< brachte sie mühsam hervor, >so
rasch, so plötzlich! Und was wird Ginevra dazu sagen? Sie ist zwar ein
starkes Mädchen -- aber dennoch -- -- Ich glaube, da ist sie schon<,
setzte sie aufhorchend hinzu.
In der Tat waren draußen die leichten Schritte Ginevras zu vernehmen,
und gleich darauf kam sie selbst ins Zimmer geeilt, das Antlitz von der
Luft gerötet, ein Körbchen am Arm, das sie rasch beiseite stellte, um
mir dann, wie gewöhnlich, an die Brust zu fliegen.
>Da bist du ja!< rief sie. >Ich hab' es gewußt! Den ganzen Weg über ist
es mir im Geiste vorgegangen, daß ich dich beim Nachhausekommen hier
treffen würde!<
>Mit deinen Ahnungen!< sagte die Mutter. >Wenn du wüßtest, was ihn
hierher geführt --<
Sie erblaßte leicht. >Was willst du damit sagen, ^Mamma^?< fragte sie
mit stockender Stimme, indem sie uns beide mit atemloser Spannung ansah.
Und nun erfuhr auch sie, was da kommen sollte.
Bei jedem Worte, das sie vernahm, wurde sie bleicher, ihre Arme sanken
langsam an den Hüften hinab; so stand sie eine Weile wie erstarrt. Dann
aber strich sie mit der Hand langsam über die Stirn und sagte: >Wir
hätten darauf gefaßt sein können, daß dies früher oder später geschehen
würde. Und da es nicht zu ändern ist, so wollen wir es mit
Standhaftigkeit tragen. Wann mußt du schon fort?<
>In drei Tagen.<
>Das ist freilich bald, sehr bald. Aber gleichviel. Wien ist nicht aus
der Welt, und du wirst mich dort wie hier lieben.<
>Nun, wer weiß,< warf die Mutter mit erzwungener Scherzhaftigkeit ein,
>ob er uns in Wien nicht vergißt.<
>Wie kannst du nur so sprechen, ^madre^<, brauste sie auf. >Als ob du
nicht aus deinem eigenen Leben wüßtest, daß selbst die größte
Entfernung, die längste Trennung an Gefühlen, wie die unseren, nichts zu
ändern vermögen! Im Gegenteil werden sie dadurch nur gefestigt. Nicht
wahr?< -- wandte sie sich an mich und schlang den Arm um meine Schultern
-- >nicht wahr, wir gehören einander an fürs Leben?<
>Für ewig!< erwiderte ich und küßte sie auf die Stirn. >Und sieh',< fuhr
ich, plötzlich von einem tröstlichen Gedanken überkommen, fort,
>vielleicht reißt mich das Schicksal in bester Absicht von deiner Seite.
Ich treffe in Wien mit meinem Oheim zusammen, der ein vielvermögender
Mann ist. Er liebt mich wie einen Sohn und wird sich gewiß bestimmen
lassen, irgend etwas für unsere Zukunft zu tun. Wir sind ja beide noch
jung und können warten.<
>Ja,< erwiderte sie, >wir _können_ und _wollen_ warten.<
Aber schon hatte mich die Empfindung überkommen, eine grundlose Hoffnung
ausgesprochen zu haben. Gerade von meinem Oheim hatte ich, fürs erste
wenigstens, gar nichts zu erwarten; vielmehr hatte ich die Überzeugung,
daß er sich sofort feindselig gegen ein Verhältnis stellen würde, das
ihm bei seinen ehrgeizigen Plänen hinsichtlich meiner militärischen
Laufbahn durchaus nicht wünschenswert erscheinen konnte. Um dieses
unangenehme Bewußtsein zu übertäuben, sagte ich rasch: >Und wie es auch
sein möge, jedenfalls komme ich nach den Waffenübungen um einen Urlaub
ein, den man mir nicht verweigern kann. Ich kehre also ganz gewiß im
Spätherbst zurück und werde in der Festung bei einem Freunde oder hier
in einem Gasthofe wohnen. Dann können wir uns einige Wochen für die
Trennung schadlos halten.<
>Und uns um so inniger des Wiedersehens freuen<, setzte sie hinzu, mir
tief in die Augen blickend. >Aber heute bleibst du doch?<
>Du weißt, ich kann nicht; höchstens bis drei Uhr. Es wird uns überhaupt
nur _ein_ Abend mehr vergönnt sein -- der morgige. Ich werde so früh wie
möglich kommen -- zum Abschied.<
>Zum Abschied<, wiederholte sie still. >Aber heute kannst du wenigstens
mit uns zu Mittag essen. Ich werde gleich das Nötige veranlassen.< Und
sie erhob sich, um nach der Küche zu sehen, wo sich bereits die
Hauswirtin am Herde zu schaffen machte.
>Merkwürdiges Mädchen!< sagte die Mutter, als wir jetzt allein waren,
mit feuchten Augen. >Diese Seelenstärke! Man würde es nicht für möglich
halten. Ich selbst war bei gleichem Anlaß in Tränen aufgelöst und
vermochte mich tagelang nicht zu fassen. Und sie! Sie ist wirklich ganz
ihr Vater.<
Später deckte Ginevra, bleich zwar, aber ruhig wie sonst, den Tisch, und
wir setzten uns zum Mahle, von welchem unter einsilbigem Gespräch nur
wenig berührt wurde. Auch später blieb es ganz still in der vertrauten
Stube. Ich saß mit Ginevra Hand in Hand auf einem kleinen Sofa, der
Mutter gegenüber, die eine Strickarbeit vorgenommen hatte und uns dabei
von Zeit zu Zeit wehmütig betrachtete. Endlich war es drei Uhr und ich
erhob mich.
>Also _morgen_<, sagte Ginevra, indem sie mir die Hand drückte.
>Morgen -- zum letztenmal!<
>_Nicht_ zum letztenmal!< sprach sie kraftvoll.
Als ich aber jetzt der Mutter die Hand reichte und mich der Tür
zuwandte, da brach in ihr der zurückgedämmte Schmerz mit elementarer
Gewalt hervor. Laut aufweinend stürzte sie auf mich zu und umschloß mich
mit den Armen.
So standen wir lange, während sie mich krampfhaft festhielt und mit
ihren heißen Tränen benetzte; dann riß ich mich los.«