IV.

»Und nun,« fuhr der Oberst fort, »begann für mich eine selige Zeit. Ich

suchte, so oft es nur anging, das kleine Haus auf, dessen Stille und

Abgeschlossenheit den Reiz eines Verhältnisses erhöhte, das sich unter

dem sanften Auge der Mutter immer inniger entfaltete -- und dabei das

reinste und lauterste blieb, das sich denken läßt. Denn bei aller

Leidenschaftlichkeit, mit welcher mir Ginevra ihre junge Seele erschloß,

erwies sie doch eine jungfräuliche Hoheit und Würde, die mich mit

Ehrfurcht und heiliger Scheu erfüllte. Ich kam gewöhnlich in den frühen

Nachmittagsstunden. Dann saß Ginevra am Nähtisch und ich neben ihr,

plaudernd oder still in ihren Anblick versunken, und wenn die Lampe

angezündet war, lasen wir, während die Mutter zuhörte, in den Büchern

des Vaters: Sonette Petrarcas, leicht faßliche Gesänge aus der ^divina

commedia^, und hin und wieder ein Bruchstück von Meister Ludovicos

phantastischem Gedicht. Aber nicht lange mehr duldete es uns in den

Stubenräumen. Denn es war Frühling geworden und sonnige, warme Tage

lockten uns vor das Haus. Die Mutter ließ sich ihren Lehnstuhl in das

Gärtchen schaffen, wo bereits das erste Grün schimmerte und die Knospen

dem Aufbrechen nahe waren. Dort weilte sie, während wir anderen in das

Feld hinausschritten, nach den Lerchen empor spähten, die schmetternd

von den Schollen aufstiegen, und Ginevra die ersten Veilchen sowie

andere frühe Blumen zum Strauße pflückte, den sie mir beim Abschied

mitgab. So lebten wir wie in einem schönen Traum dahin und ahnten nicht,

daß die Tage des Glückes gezählt seien .....

Als ich einmal bei einbrechender Nacht nach Hause zurückkehrte, fand ich

einen Brief meines Oheims vor, worin mir dieser mitteilte, daß es seinem

Einflusse möglich geworden sei, meine Versetzung zu einem in Wien

befindlichen Regimente zu erwirken. Und zwar mit gleichzeitiger

Beförderung zum Leutnant; eine sprungweise Vorrückung, wie sie in jener

Zeit durch die Gunst eines befreundeten Regimentsinhabers nicht allzu

schwer zu erreichen war. Er hoffe daher, so schloß er, mich recht bald

umarmen zu können. Unter anderen Umständen wäre diese Nachricht eine

höchst erfreuliche gewesen; in diesem Augenblick aber fuhr sie wie ein

Blitz aus heiterem Himmel auf mich nieder. Was sollte mir jetzt eine

Beförderung? Was eine Versetzung nach Wien und das Wiedersehen meines

Oheims, wenn mich dies alles so rasch und plötzlich von der Geliebten

wegriß!? Ich verbrachte eine schlaflose Nacht, und schon am nächsten

Morgen wurde ich von der Angelegenheit auch dienstlich verständigt, mit

dem Beisatze, daß ich binnen dreier Tage an meinen neuen Bestimmungsort

abzugehen habe. Also nur drei Tage, drei kurze Tage waren mir noch

vergönnt -- und auch diese, wie ich bei näherer Überlegung erkannte, nur

in den allerkleinsten Bruchteilen. Denn gerade bei meinem Scheiden aus

dem Regiment war ich in dieser Spanne Zeit mehr als je an den

kameradschaftlichen Verkehr gebunden, ganz abgesehen von den sonstigen

Verpflichtungen, die mein so unerwarteter Abgang mir auferlegte. Ich

konnte also höchstens noch _einen_ vollen Abend für mich retten. Der

heutige war schon von einer gemeinsamen Fechtübung in Anspruch genommen,

welche allwöchentlich stattfand und mit einer Tafel im Kasino zu

schließen pflegte. Drüben war man davon unterrichtet und erwartete mich

daher nicht. Aber die Stunden, die knapp vor mir lagen, konnte ich

erhaschen und machte mich sofort auf den Weg nach Leitmeritz. Es war ein

schwerer Gang; mußte ich doch die Frauen von der so bald bevorstehenden

Trennung in Kenntnis setzen!

Ich traf die Mutter allein zu Hause. Sie war in letzter Zeit etwas zu

Kräften gelangt und schien eben beschäftigt, Verschiedenes im Zimmer zu

ordnen.

>Ah, Emilio!< rief sie überrascht, als sie mich eintreten sah. >Wie

schön, daß Sie wieder einmal vormittags kommen und uns für den

verlorenen Abend entschädigen. Ginevra besorgt eben ein paar kleine

Einkäufe in der Stadt; sie wird jedoch gleich wieder zurück sein. Aber

was haben Sie denn?< fuhr sie mit besorgten Blicken fort, da sie meine

ernste und niedergeschlagene Miene wahrnahm. >Ist vielleicht etwas

vorgefallen?<

>Allerdings, ^carissima madre^< -- ich pflegte sie stets so zu nennen --

>allerdings ist etwas vorgefallen. Etwas ganz Unerwartetes, Trauriges --

--< Und nun teilte ich ihr zögernd und mit aller Vorsicht mit, was nicht

verschwiegen bleiben konnte.

Sie mußte sich setzen. >Mein Gott,< brachte sie mühsam hervor, >so

rasch, so plötzlich! Und was wird Ginevra dazu sagen? Sie ist zwar ein

starkes Mädchen -- aber dennoch -- -- Ich glaube, da ist sie schon<,

setzte sie aufhorchend hinzu.

In der Tat waren draußen die leichten Schritte Ginevras zu vernehmen,

und gleich darauf kam sie selbst ins Zimmer geeilt, das Antlitz von der

Luft gerötet, ein Körbchen am Arm, das sie rasch beiseite stellte, um

mir dann, wie gewöhnlich, an die Brust zu fliegen.

>Da bist du ja!< rief sie. >Ich hab' es gewußt! Den ganzen Weg über ist

es mir im Geiste vorgegangen, daß ich dich beim Nachhausekommen hier

treffen würde!<

>Mit deinen Ahnungen!< sagte die Mutter. >Wenn du wüßtest, was ihn

hierher geführt --<

Sie erblaßte leicht. >Was willst du damit sagen, ^Mamma^?< fragte sie

mit stockender Stimme, indem sie uns beide mit atemloser Spannung ansah.

Und nun erfuhr auch sie, was da kommen sollte.

Bei jedem Worte, das sie vernahm, wurde sie bleicher, ihre Arme sanken

langsam an den Hüften hinab; so stand sie eine Weile wie erstarrt. Dann

aber strich sie mit der Hand langsam über die Stirn und sagte: >Wir

hätten darauf gefaßt sein können, daß dies früher oder später geschehen

würde. Und da es nicht zu ändern ist, so wollen wir es mit

Standhaftigkeit tragen. Wann mußt du schon fort?<

>In drei Tagen.<

>Das ist freilich bald, sehr bald. Aber gleichviel. Wien ist nicht aus

der Welt, und du wirst mich dort wie hier lieben.<

>Nun, wer weiß,< warf die Mutter mit erzwungener Scherzhaftigkeit ein,

>ob er uns in Wien nicht vergißt.<

>Wie kannst du nur so sprechen, ^madre^<, brauste sie auf. >Als ob du

nicht aus deinem eigenen Leben wüßtest, daß selbst die größte

Entfernung, die längste Trennung an Gefühlen, wie die unseren, nichts zu

ändern vermögen! Im Gegenteil werden sie dadurch nur gefestigt. Nicht

wahr?< -- wandte sie sich an mich und schlang den Arm um meine Schultern

-- >nicht wahr, wir gehören einander an fürs Leben?<

>Für ewig!< erwiderte ich und küßte sie auf die Stirn. >Und sieh',< fuhr

ich, plötzlich von einem tröstlichen Gedanken überkommen, fort,

>vielleicht reißt mich das Schicksal in bester Absicht von deiner Seite.

Ich treffe in Wien mit meinem Oheim zusammen, der ein vielvermögender

Mann ist. Er liebt mich wie einen Sohn und wird sich gewiß bestimmen

lassen, irgend etwas für unsere Zukunft zu tun. Wir sind ja beide noch

jung und können warten.<

>Ja,< erwiderte sie, >wir _können_ und _wollen_ warten.<

Aber schon hatte mich die Empfindung überkommen, eine grundlose Hoffnung

ausgesprochen zu haben. Gerade von meinem Oheim hatte ich, fürs erste

wenigstens, gar nichts zu erwarten; vielmehr hatte ich die Überzeugung,

daß er sich sofort feindselig gegen ein Verhältnis stellen würde, das

ihm bei seinen ehrgeizigen Plänen hinsichtlich meiner militärischen

Laufbahn durchaus nicht wünschenswert erscheinen konnte. Um dieses

unangenehme Bewußtsein zu übertäuben, sagte ich rasch: >Und wie es auch

sein möge, jedenfalls komme ich nach den Waffenübungen um einen Urlaub

ein, den man mir nicht verweigern kann. Ich kehre also ganz gewiß im

Spätherbst zurück und werde in der Festung bei einem Freunde oder hier

in einem Gasthofe wohnen. Dann können wir uns einige Wochen für die

Trennung schadlos halten.<

>Und uns um so inniger des Wiedersehens freuen<, setzte sie hinzu, mir

tief in die Augen blickend. >Aber heute bleibst du doch?<

>Du weißt, ich kann nicht; höchstens bis drei Uhr. Es wird uns überhaupt

nur _ein_ Abend mehr vergönnt sein -- der morgige. Ich werde so früh wie

möglich kommen -- zum Abschied.<

>Zum Abschied<, wiederholte sie still. >Aber heute kannst du wenigstens

mit uns zu Mittag essen. Ich werde gleich das Nötige veranlassen.< Und

sie erhob sich, um nach der Küche zu sehen, wo sich bereits die

Hauswirtin am Herde zu schaffen machte.

>Merkwürdiges Mädchen!< sagte die Mutter, als wir jetzt allein waren,

mit feuchten Augen. >Diese Seelenstärke! Man würde es nicht für möglich

halten. Ich selbst war bei gleichem Anlaß in Tränen aufgelöst und

vermochte mich tagelang nicht zu fassen. Und sie! Sie ist wirklich ganz

ihr Vater.<

Später deckte Ginevra, bleich zwar, aber ruhig wie sonst, den Tisch, und

wir setzten uns zum Mahle, von welchem unter einsilbigem Gespräch nur

wenig berührt wurde. Auch später blieb es ganz still in der vertrauten

Stube. Ich saß mit Ginevra Hand in Hand auf einem kleinen Sofa, der

Mutter gegenüber, die eine Strickarbeit vorgenommen hatte und uns dabei

von Zeit zu Zeit wehmütig betrachtete. Endlich war es drei Uhr und ich

erhob mich.

>Also _morgen_<, sagte Ginevra, indem sie mir die Hand drückte.

>Morgen -- zum letztenmal!<

>_Nicht_ zum letztenmal!< sprach sie kraftvoll.

Als ich aber jetzt der Mutter die Hand reichte und mich der Tür

zuwandte, da brach in ihr der zurückgedämmte Schmerz mit elementarer

Gewalt hervor. Laut aufweinend stürzte sie auf mich zu und umschloß mich

mit den Armen.

So standen wir lange, während sie mich krampfhaft festhielt und mit

ihren heißen Tränen benetzte; dann riß ich mich los.«

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 25 / 53 题