>Es freut mich, Sie kennen zu lernen<, erwiderte sie in ziemlich
gebrochenem Deutsch. >Bitte, nehmen Sie Platz.<
Ich zog einen Stuhl heran.
>Ich weiß nicht,< fuhr sie nach einigem Zögern fort, >ob ich recht
getan, Sie zu uns zu bitten; wohl die meisten Mütter würden Bedenken
getragen haben. Aber meine Tochter hat mir alles mitgeteilt, was auf dem
Balle vorgefallen, und so schien es mir doch am geratensten, einem
Wiedersehen keine Hindernisse in den Weg zu legen. Ihre liebenswürdige
Persönlichkeit< -- sie sagte diese Schmeichelei mit einem leichten
Senken des Hauptes und in jenem feinen, vornehm ausgleichenden Tone, wie
er nur in Italien zu hören ist -- >Ihre liebenswürdige Persönlichkeit
scheint einen tiefen Eindruck hervorgebracht zu haben, und es würde
vielleicht zu geheimen Zusammenkünften gekommen sein, die für ein junges
Mädchen immer höchst peinlich sind. Ich selbst war, als ich die
Bekanntschaft meines unvergeßlichen Gatten machte, durch die
Verhältnisse im elterlichen Hause dazu gezwungen und weiß, was ich dabei
gelitten habe. Denn trotz aller Liebe zu meinem Federigo empfand ich
einen solchen Verkehr doch stets als Verrat an meinen Angehörigen.<
Ich hatte, während sie so sprach, aufmerksam ihr Antlitz betrachtet, das
von der Erinnerung belebt wurde. In der ganzen Erscheinung lag
eigentlich nichts Südländisches, und wäre das Charakteristische der
Aussprache und mancher Bewegungen nicht gewesen, man hätte sie kaum für
eine Italienerin gehalten. Sanfte, weiche Züge, schlichtes
kastanienbraunes Haar und ebensolche Augen; mit ihrer Tochter hatte sie
nicht die geringste Ähnlichkeit.
Sie erriet meine Gedanken und sagte lächelnd: >Nicht wahr, Sie finden,
daß mir Ginevra gar nicht ähnlich sieht? Sie ist ganz nach ihrem Vater
geraten. Wenn Sie sich die Mühe nehmen und jenes Bild dort betrachten
wollen, so werden Sie das erkennen.<
Ich erhob mich und trat vor ein ziemlich verblaßtes Aquarell, das an
einem Fensterpfeiler hing. Es war etwas steif, aber nicht ohne
Empfindung ausgeführt und stellte einen beiläufig dreißigjährigen Mann
in Offizierstracht der Jägertruppe vor. Aus dem überhohen Frackkragen
ragte ein fein geschnittener, höchst ausdrucksvoller Kopf mit
lichtblonden Haaren und blauen Augen. Je länger ich das Bild bei dem
ungewissen Dämmerlichte des Abends betrachtete, desto deutlicher traten
mir die Züge Ginevras daraus entgegen.
>Und nicht bloß im Äußeren gleicht sie ihm,< fuhr die Frau auf meine
laute Beistimmung fort; >auch in allem und jedem, was den Charakter
betrifft, der bei ihr, obgleich sie erst vor kurzem sechzehn Jahre alt
geworden, bereits zu großer Festigkeit entwickelt ist.<
>Ja, Ihre Tochter ist ein ganz einziges Geschöpf!< rief ich aus.
>Nun, vielleicht sind wir beide bestochene Richter. Aber soviel glaube
ich wohl selbst sagen zu dürfen: sie ist ein vortreffliches Mädchen und
verdient glücklich zu werden.<
>Sie wird es auch gewiß!<
>Das steht in Gottes Hand.<
Ein Schweigen trat ein, währenddessen man aus der Küche herein das
Knistern des Herdfeuers, sowie leise Schritte und Hantierungen vernehmen
konnte.
>Ginevra bereitet den Kaffee<, sagte Frau Maresch. >Sie muß ja überall
mit angreifen. Eine Magd zu halten, sind wir nicht in der Lage; das
Gröbste verrichtet die Frau, bei der wir wohnen. Die kleine Pension, die
ich beziehe, reicht knapp zum Leben aus, und wären uns nicht vor einiger
Zeit ein paar hundert Lire zugefallen, die mir ein Verwandter in Italien
nachgelassen, wir würden vielleicht in Not -- und was noch schlimmer, in
Abhängigkeit von fremden Menschen geraten sein.<
>Sie haben gewiß noch mehrere Angehörige in Italien?< fragte ich.
>Nein -- wenigstens niemanden, der meinem Herzen nahe steht. Eltern und
ein Bruder, den ich hatte, sind schon vor Jahren rasch nacheinander
weggestorben. Man hatte meine Heirat nach langen Kämpfen widerwillig
zugegeben und mich dann in der Fremde mehr und mehr aus den Augen
verloren. Ich habe, wie Sie sich denken können, trotz meines ehelichen
Glückes sehr an Heimweh gelitten. Endlich jedoch verlor sich auch das,
und ich möchte jetzt eigentlich um keinen Preis mehr nach Italien
zurück. Und auch nicht anderswohin. In Graz leben noch Verwandte meines
Mannes, und diese haben mich wiederholt aufgefordert, mit Ginevra zu
ihnen zu kommen. Aber wir ziehen es vor, unabhängig zu bleiben, so
eingeschränkt wir leben müssen. Überdies sind wir, seit wir in diesem
Hause wohnen, sehr zufrieden. Es ist zwar nicht viel mehr als eine
Hütte, aber wir sind hier vollständig für uns, haben einen kleinen
Garten -- und mit ein paar Schritten ist man ganz im Freien. Ich sehne
mich schon nach dem Frühling, wo ich dies alles so recht werde genießen
können; es soll mich hoffentlich ganz wieder herstellen.<
So führten wir das Gespräch weiter, wobei nun auch ich einiges über
meine Lebensverhältnisse mit einfließen ließ, obgleich die feinfühlige
Frau in dieser Hinsicht jede Frage vermied. Sie hörte mit bescheidener
Aufmerksamkeit zu und sagte schließlich: >Ich sehe, daß Sie aus
vornehmer Familie sind. Und Emil heißen Sie -- Emilio. Ein schöner und
mir wohlbekannter Name; mein armer Bruder hat ihn gleichfalls geführt.<
In diesem Augenblick trat Ginevra ein, in der Hand eine kleine, grün
lackierte Schirmlampe, wie sie damals gebräuchlich waren, und deren
Schein das bereits stark verdunkelte Zimmer angenehm erhellte.
>Du wirst dich wohl schon mit ihm ausgesprochen haben, Mutter,< sagte
sie, die Leuchte niederstellend, >und ich kann den Kaffee bringen, der
eigentlich längst fertig ist -- und zu welchem Sie< -- sie wandte sich
mit einer Verbeugung an mich -- >eingeladen sind, wofern Sie dieses
Frauengetränk nicht verschmähen.<
Und nun begann sie rasch, ihre Anstalten zu treffen. Sie schob den Tisch
nahe an die Mutter heran und breitete ein frisches Tuch darüber. Dann
brachte sie aus der Küche Kanne und Tassen, welch letztere sie sorgsam
füllte und lächelnd kredenzte.
Nachdem das Vesperbrot eingenommen war, stand sie auf und zündete eine
Kerze an. >Nun aber will ich Ihnen auch mein Gemach zeigen<, rief sie.
>Es ist zwar ein ganz winziges Stübchen, aber ich herrsche darin
unumschränkt.<
Sie öffnete eine Seitentür, die ich schon mehrmals ins Auge gefaßt
hatte, und ließ mich, während sie voranleuchtete, eintreten. Der Raum
war allerdings verschwindend klein, so zwar, daß man sich wunderte, wie
das, was darin stand, dennoch hatte Platz finden können. In der
Mittelwand zeigte sich ein Fenster; rechts und links davon waren zwei
eingerahmte Tuschzeichnungen angebracht, welche südliche Landschaften
darstellten. Knapp am Fenster ein mit Weißzeug überhäufter Nähtisch,
nahe dabei ein anderes kleines Tischchen, auf dem zwischen einigen
Blumentöpfen ein Vogelbauer stand. Die eine Seitenwand deckte ein
Kasten, die andere ein Regal, das sich vollständig mit Büchern in
verblaßten Einbänden ausgefüllt zeigte.
>Nun, hab' ich es mir nicht hübsch eingerichtet?< fragte Ginevra. >Wenn
ich hier nähe, kann ich in unseren Garten blicken. Der ist freilich
jetzt noch ganz kahl und wüst; dafür blühen meine Blumen am Fenster. Und
das hier< -- sie näherte sich mit dem Lichte dem Vogelbauer, in welchem
ein Zeisig, den Kopf unter dem Flügel, bereits auf seinem Stängelchen
schlief -- >das ist mein ^piccino^! Er zwitschert bei Tag ganz lustig.
Und dort< -- sie beleuchtete das Regal -- >dort haben Sie den ganzen
italienischen Parnaß: Dante, Ariosto, Tasso und so weiter. Er rührt von
meinem Vater her, der seinen Stolz darein setzte, das Italienische zu
verstehen, wie ein Eingeborner -- oder eigentlich noch besser. Er las
gar nichts anderes, und Gott weiß, wie oft er diese Bände mag
vorgenommen haben. Er kannte kein anderes Vergnügen. In seinen jüngeren
Jahren war er auch Zeichner; jene Landschaften dort sind von ihm in
Neapel aufgenommen worden, denn er hat im Jahre Zwanzig die
österreichische Intervention mitgemacht.<
Ich hatte inzwischen einen der Bände herausgezogen und aufgeblättert.
>Lesen vielleicht auch Sie italienisch?< forschte sie.
>Ich sollte wohl; denn es wurde im Kadetteninstitute gelehrt. Aber ich
habe es nicht weit gebracht.<
>Wir wollen miteinander lesen, dann wird es schon gehen. -- Hast du
gehört, ^Mamma^,< rief sie ins Zimmer hinein, >daß ihm unsere Sprache
nicht fremd ist?<
>^Ho compreso; che piacere!^< ließ sich die Mutter vernehmen.
>Sie können sich übrigens denken,< fuhr Ginevra fort, >daß ich selbst
das meiste von dem nicht kenne, was in den Büchern steht; es ist eine
gar zu schwere Lektüre für ein junges Mädchen.<
Wir waren bei diesen Worten wieder aus dem Stübchen getreten, und da ich
wahrnahm, daß eine alte Standuhr im Zimmer bereits auf Acht wies, so
hielt ich es für angemessen, mich jetzt zu verabschieden.
>Auf Wiedersehen<, sagte die Mutter. >^Sia benedetta la sua intrata da
noi.^<
Ich zog die Hand, die sie mir reichte, ehrerbietig an die Lippen und
trat aus der Tür, von Ginevra mit dem Lichte begleitet. Draußen stellte
sie es nieder und folgte mir in den Flur. Dort blieb sie stehen und
breitete mit einer unaussprechlich schönen und edlen Bewegung die Arme
aus.
>Sie lieben mich also?< fragte sie mit einem innigen Blick.
Ich zog sie an mich, und unsere Lippen schlossen sich zu einem langen
Kusse zusammen.«