In welcher Aufregung ich am folgenden Tage der vierten Nachmittagsstunde
entgegensah, läßt sich denken; ich zählte die Minuten und machte dabei
die Wahrnehmung, wie endlos lang solch ein minimaler Zeitabschnitt unter
Umständen erscheinen könne. Und wie das schon in ähnlichen Fällen zu
gehen pflegt, stellten sich meiner fieberhaften Ungeduld noch in der
letzten Stunde Hindernisse entgegen, ganz unvorhergesehene
Dienstobliegenheiten, die mich fast um das Stelldichein gebracht hätten.
Dennoch gelang es mir, knapp vor vier Uhr, abzukommen, und mich fast
laufend auf den Weg zu machen.
Das Wetter hatte sich in der Tat sehr günstig angelassen. Die schönste
Februarsonne strahlte vom blauen Himmel nieder und schuf einen wahren
Frühlingstag, wenn auch die Landschaft noch ihre ganze winterliche
Kahlheit aufwies.
Schon von weitem gewahrte ich die schlanke Gestalt Ginevras zwischen den
bezeichneten Baumreihen auf und nieder wandeln. Auch sie nahm mich
alsbald wahr und winkte mir mit dem Fächer, den sie statt eines
Sonnenschirms mitgenommen und ausgespannt hatte, grüßend zu. Sie trug
ihr Mäntelchen nur ganz leicht um die Schultern geworfen, und der
schwarze Schleier umwehte lose ihr blondes Haupt.
>Also sind Sie doch gekommen<, sagte sie lächelnd, als ich endlich
atemlos und erhitzt vor ihr stand. >Ich hatte schon angefangen, ein
wenig zu zweifeln.<
Ich wollte zu meiner Entschuldigung hastig die Gründe der Verspätung
auseinandersetzen, aber sie unterbrach mich. >Das tut ja nichts. Sie
sind jetzt da -- und was mich betrifft, so hätte ich gewiß noch weit
länger gewartet. Auch hab' ich Ihnen eine gute Nachricht mitzuteilen:
meine Mutter will Sie empfangen.<
>Welch ein Glück!< rief ich aus.
>Ich hatte es vorausgesehen,< fuhr sie ruhig fort. >Denn ich kenne meine
Mutter und weiß, daß sie mir keinen Wunsch abschlägt. Sie dürfen jedoch
nicht glauben, daß ich ein verzogenes Kind bin. Die Gute erfüllt meine
Wünsche, weil ich nur selten einen habe -- oder doch wenigstens
ausspreche. Geschieht dies aber, dann ist sie auch überzeugt, daß es ein
sehnlicher und wohlüberlegter ist, auf welchem ich, wenn es not tut,
bestehe. Als ich ihr von unserer Begegnung auf dem gestrigen Balle
erzählte, sagte sie daher bloß: wenn du glaubst, daß er es redlich
meint, so mag er kommen. -- Und Sie meinen es doch redlich?< setzte sie
hinzu, indem sie mir voll und tief in die Augen sah.
Ich gestehe, daß mich diese Frage einigermaßen betroffen machte. Denn
ich empfand, daß jetzt etwas Ernstes, feierlich Bindendes an mich
herangetreten war, darauf ich nicht vorbereitet gewesen. Aber schon
hatte ich mich über die schmale Hand gebeugt, die sich mir
vertrauensvoll entgegenstreckte, und sie mit stummer Beteuerung geküßt.
>Ich habe nicht daran gezweifelt<, sagte sie in festem Tone. >Die
Offiziere stehen zwar, was uns Mädchen betrifft, in keinem besonderen
Rufe. Aber ich glaube, es ist ein Vorurteil, das, wie manches andere,
gedankenlos nachgesprochen wird. Hatte ich doch an meinem Vater den
Beweis, daß gerade in Ihrem Stande die Ehre über alles geht. -- Aber
kommen Sie jetzt; meine Mutter erwartet Sie. Es ist zwar noch sehr schön
hier außen; allein der Tag neigt sich doch schon dem Ende zu, und in der
Dunkelheit sollen Sie unser Haus nicht betreten.<
So schritten wir denn auf die kleinen Wohnstätten zu, die in der
Entfernung vor uns lagen. Sie bildeten, von kunstlos umzäunten Gärtchen
und winzigen Grundstücken unterbrochen, eine Art Vorort, der im freien
Felde lag. Es wohnten sichtlich arme Leute hier; aber alles erschien
wohlgehalten und reinlich. In den blanken Scheiben spiegelten sich die
Strahlen der niedergehenden Sonne; hier und dort spielten Kinder
friedlich vor den Türen.
Das Haus, dem mich jetzt Ginevra entgegenlenkte, war etwas ansehnlicher
als die übrigen; zum Eingang führten mehrere Stufen empor. Als wir diese
hinanstiegen, zeigte sich am nächsten Fenster das derb gerötete,
neugierig blickende Antlitz einer bejahrten Frau, welche gleich darauf
im Flur an uns vorüberkam und in einer Seitentür verschwand.
>Das war unsere Hauswirtin,< sagte Ginevra; >die Witwe des Amtsdieners,
der unter meinem Vater gestanden und sich dieses kleine Anwesen im Laufe
der Jahre erwirtschaftet hatte. Sie selbst bewohnt eben nur eine Kammer;
alles andere haben wir um ein Billiges gemietet.<
Sie öffnete eine zweite Seitentür, durch welche wir in eine helle Küche
traten, und von da in eine nicht ungeräumige Wohnstube, wo die Mutter
Ginevras im Lehnstuhle saß, eine zarte, schmächtige Frau, die leidend
aussah, aber nicht viel über vierzig Jahre zählen konnte. Eine leichte
Röte flog über ihr Antlitz, als wir eintraten und sie mit einiger Mühe
sich erhob.
>Da ist er, ^Mamma^,< sagte Ginevra. >Ich lasse dich mit ihm allein.<
Sie legte rasch Fächer, Schleier und Mäntelchen ab und eilte wieder
hinaus.
Ich näherte mich der blassen Frau, die sich wieder gesetzt hatte, und
eine Pause gegenseitiger Verlegenheit trat ein.