V.

Das Jahr 66 war herangekommen, und sein Sommer brachte Sorge, Verwirrung

und tiefes Leid. Heute sind mehr als zwei Dezennien darüber hingegangen,

und die Einsicht, daß jene Ereignisse der Ausgangspunkt des großen

Germanischen Reiches gewesen, hat uns alle mit dem Schicksal, das uns

damals getroffen, ausgesöhnt, wenn sich auch seither die Deutschen in

Österreich, durch den Nationalitätenhader von allen Seiten bedrängt,

immer einsamer und verlassener fühlen. Aber ich gerate da in

Reflexionen, die nicht zu meiner Geschichte gehören.

Der Krieg hatte auch unsere Provinz gestreift und der Ort vordringende

preußische Truppen beherbergt. Als sie nach geschlossenen

Friedensverhandlungen abgezogen waren, schien auch wieder die frühere

Alltagsstimmung zurückgekehrt zu sein; die so folgenschweren Vorgänge

hatten keine äußeren Spuren hinterlassen. Bald aber machte sich viel

Schmerzliches geltend. Manche von den Einwohnern hatten ihre Söhne in

den blutigen Schlachten verloren, oder sahen sie verstümmelt im

elterlichen Hause eintreffen. Zu denen, welche Tote zu beweinen hatten,

gehörte auch der Bürgermeister. Der Junge hatte seinen Willen

durchgesetzt und sich assentieren lassen, oder vielmehr mochten die

Eltern, welche von dem bevorstehenden Kriege keine Ahnung hatten, in

einem kurzen Militärdienste ein willkommenes Heilmittel für ihren Sohn

vermutet haben. Dieser war also in das einheimische Regiment getreten,

wo er auch, dem Schutze eines bekannten Hauptmannes empfohlen, in der

Tat einigermaßen aufzuleben schien; der Krieg aber brachte ihm ein

rasches Ende. Er war zwar noch bei Königgrätz mit heiler Haut

davongekommen, nach dem hastigen und verworrenen Rückzug über die Elbe

jedoch wurde er vermißt, und seine Spur blieb für immer verloren; er

mußte in den Fluten des Stromes sein Grab gefunden haben. Die beiden

Alten lebten, ihrer reichen Habe unfroh, in öder Ergebung dahin und

nahmen schließlich eine junge verwaiste Anverwandte an Kindesstatt ins

Haus.

Auch in der Troglodytenfamilie hatte sich manches verändert. Der Vater,

endlich dem Schicksale des Säufers erliegend, war eines Tages im

^delirium tremens^ verendet, und die Mutter hauste nunmehr am Flusse

allein mit ihrem jüngsten Sohne. Dieser schien indes in sich gegangen zu

sein und hatte wenigstens annäherungsweise einen Beruf ergriffen: er war

Gänsehirt geworden. Und dieses Amtes waltete er mit überraschendem

Eifer, erstaunlicher Umsicht und ungeahnter Redlichkeit. So kam es, daß

ihm nach und nach fast die ganze Gemeinde ihr watschelndes Federvieh

anvertraute, das man früher vor den würgerischen Griffen der Kratochwil

nicht genug in acht hatte nehmen können. Eine unübersehbare Herde

schnatterte nun auf der frisch besämten Hutweide und verlieh der

Erdhütte, die sie umweidete, einen höchst idyllischen Charakter.

Zwischendurch bewegte sich der mächtig aufgeschossene, rothaarige Junge

und trieb mit einer langen, lustig geschwungenen Peitsche seine

Schutzbefohlenen zu Paaren, jedes einzelne Stück aus der Schar dem

Eigentümer nach heraus erkennend.

So ging das Jahr hin, und wohl nur wenigen kam es in den Sinn, daß die

Zeit herannahe, um welche Maruschka aus der Zwangsanstalt würde

entlassen werden. In mir selbst war fast jede Erinnerung an sie

erloschen; hatte ich doch inzwischen ein schönes, sanftes Mädchen, die

Tochter eines benachbarten Försters, kennen gelernt, die auch später

meine Frau geworden ist. Ich war also in der Tat höchlich erstaunt, als

ich die Zurückgekehrte an einem düsteren, stürmischen Novembertage auf

der Brücke stehen sah. Sie lehnte mit dem Rücken am Geländer und blickte

mir starr und ausdruckslos entgegen; endlich wendete sie sich langsam

ab. Ich aber war erschrocken über die Veränderung, die in ihrem Äußeren

vor sich gegangen. Die einst so kräftige, schlanke Gestalt hatte eine

ungesunde, formlose Fülle entwickelt, und in dem fahlen, aufgedunsenen

Gesicht lag jener unbeschreibliche Zug öden Stumpfsinns, der den meisten

Sträflingen eigen ist. Von ihren Haaren war nichts zu sehen, ein

schmutziges Kopftuch umhüllte das ganze Haupt bis tief in die Stirn

hinein. Ein unsägliches Grauen wandelte mich an, als ich jetzt an ihr

vorüberging, und später vermied ich es, auf demselben Wege

zurückzukehren.

Es gibt Tage, an welchen alles zusammentrifft, um kein Behagen im

Menschen aufkommen zu lassen. Ein solcher Tag war auch der heutige.

Schon am frühen Morgen hatte es Zwist und Ärgernis mit den Holzschlägern

im Walde gegeben; jetzt, nach der unerfreulichen Begegnung, mußte ich im

Auftrage der Herrschaft zu Gericht, eines Treibers wegen, den man auf

der Jagd angeschossen; im Forsthause lag der Alte mit seiner Gicht zu

Bette, was auch die Försterin um ihre Laune brachte. Nach hastig

eingenommenem Mittagessen mußte ich wieder zu den Holzschlägern hinaus,

und am Abend stand mir der Abschluß der Forstrechnungen bevor, welches

Geschäft ich stets so lange als möglich hinauszuschieben pflegte.

So hatte ich mich denn etwa gegen neun Uhr in meine Stube zurückgezogen,

um meine Arbeit in Angriff zu nehmen. Aber ich war zerstreut, unruhig,

und die verteufelten schwarzen Zahlen tanzten mir beim Lampenschein vor

den Augen. Mein Hund schien sich gleichfalls nicht behaglich zu fühlen;

er drehte sich wiederholt unter dem Tische um sich selbst herum und

konnte doch keine bequeme Lage finden. Auch das störte mich; ich legte

die Feder aus der Hand, brannte mir eine Pfeife an und ging eine

Zeitlang auf und nieder. Ich dachte dabei an gar nichts, und doch fühlte

ich mich von irgend etwas seltsam in Anspruch genommen. Aber die Zeit

drängte, ich setzte mich wieder und indem ich mich gewaltsam

zurechtrückte, begann ich zu addieren. Jetzt ging es, und mehr und mehr

kam ich in die Arbeit hinein. Auch Stop hatte endlich Ruhe gefunden; er

schlief.

Auf diese Art vergingen etwa zwei Stunden. Zuweilen hielt ich inne und

lauschte unwillkürlich auf den Novembersturm, der den Wald durchbrauste.

Stop schien ihn zu empfinden; er schauerte leicht und schlug hin und

wieder im Traume kurz und leise an.

Da war es mir, als geselle sich dem Rauschen mit einem Male ein

eigentümlicher Hall. Ich erhob mich und trat dicht an die Scheiben.

Horch! War das nicht Glockengeläute? Ich öffnete leise einen Flügel.

Jetzt ein eigentümlich langgezogener Ton. Das Feuerhorn! Feuer -- Feuer

im Ort! So rasch als möglich machte ich mich fertig und verließ, um

niemand vorzeitig zu wecken, das Haus durch das niedrig gelegene

Fenster; Stop folgte mir mit einem federleichten Satze. Nach einigen

hastigen Schritten blickte ich zum Himmel empor; tief schwarz kam er

über den Wipfeln der Fichten zum Vorschein, die das Haus nahe umstanden.

Also rasch vorwärts, um Ausblick zu gewinnen! Immer deutlicher vernahm

ich das dumpfe Glockengetön, während ein geheimnisvoller Weheruf mit dem

Sturm zu gehen schien. Nun bräunte sich auch schon das Firmament, dann

rötete es sich -- und als ich jetzt den Waldrand erreicht hatte, lag der

Ort vor mir, taghell beleuchtet von dem Flammengewoge eines brennenden

Hauses. Wie ich mich sofort orientierte, war es das des Bürgermeisters;

nahebei, nur durch ein anderes, niederes, aber langgestrecktes getrennt,

ragte das Gerichtsgebäude, das größte des Ortes, von der prasselnden

Lohe angestrahlt, fast blutrot empor. Zum Glück trieb die Windrichtung

die Flammen nicht in den Flecken hinein, sondern nach rückwärts, dem

freien Felde zu; auch war die Feuerwehr, die sich erst vor kurzem hier

gebildet hatte, schon in voller Tätigkeit begriffen.

Eine Minute lang betrachtete ich das furchtbar prächtige Schauspiel,

während unten, beim Geheul der angesammelten Menschen, die Spritzen über

den Platz rasselten und ihre Wasserstrahlen in die züngelnden Flammen

stäuben ließen. Dann überlegte ich, ob ich hinabeilen oder vorerst die

gewiß noch ahnungslosen Försterleute in Kenntnis setzen sollte. Dabei

machte ich unwillkürlich eine halbe Wendung und gewahrte hinter mir im

Gestrüpp eine zusammengekauerte weibliche Gestalt, die ich früher nicht

bemerkt hatte. Der Feuerschein umfunkelte ihr Antlitz, sowie die herben

roten Früchte eines dürren wilden Rosenstrauches, an welchem sie

unmittelbar saß. Es war Maruschka.

>Du!?< rief ich aus, während eine plötzliche Gewißheit in mir aufstieg.

>Ja, ich,< erwiderte sie ruhig.

>Was tust du hier?<

>Ich sehe zu. Schon seit zwei Stunden wart' ich, daß es anginge.<

>Du hast --!<

>Redet nur aus! Ich hab' das Feuer gelegt.<

>Elende!< stieß ich hervor, indem ich mein Gewehr erhob, unwillkürlich

versucht, mit dem Kolben auf ihr Haupt niederzuschmettern.

>Oho!< schrie sie, indem sie rasch emporsprang. >Kommt Ihr mir so! Ich

fürcht' Euch nicht samt Eurer Flinte. Denn wenn Ihr mich nicht gleich

niederschießt, könnt' es Euch schlecht ergehen!< Sie sah mich wild

drohend und dabei unsicher auf dem Boden fußend an. Aus der Tasche ihres

Kleides blinkte der dünne Hals einer Flasche hervor; sie hatte offenbar

Branntwein getrunken. >Aber was kümmert's denn Euch?< fuhr sie,

plötzlich einlenkend, fort; >Euch geschieht ja nichts, denn bis an den

Wald kommt das Feuer nicht.<

>Wer spricht davon? Aber die Leute da unten!<

>Die Leute da unten? Ihrer wegen hab' ich ja angezündet! Damals tat

ich's nicht, als sie mich anklagten. Jetzt sollen sie verbrennen, alle

miteinander!<

>Ruchlose! Aber der Himmel selbst läßt deine Absicht zuschanden werden.

Sieh nur, der Wind hat sich gelegt, und das Haus brennt schon

schwächer.<

Sie blickte mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin und sah, daß ich

recht hatte. Wie es oft bei heftigem Sturme zu geschehen pflegt, war in

der Luft momentane Ruhe eingetreten, und es schien, als wäre man des

Feuers bereits Herr geworden.

Sie krallte die Finger ineinander. >Nun, _das_ Haus wenigstens ist hin!<

keuchte sie krampfhaft.

>Was tut's? Der Bürgermeister läßt ein neues aufbauen. Und angenommen

selbst, daß er schweren Schaden genommen, stand dir eine solche Rache

zu? War er nicht ohnehin schon schwer genug bestraft für das Unrecht,

das er dir, wie du wohl meinst, angetan? Er hat seinen Sohn verloren.

Oder weißt du das nicht?<

>Wie sollt' ich's nicht wissen!< sagte sie verächtlich. >Aber was hab'

ich davon, daß er sich um seinen Jungen härmt? Was kümmert's mich, daß

der hin ist!<

>Du hast ihn doch gern gehabt!<

>Den? Der Aff' war mir immer zuwider. Ich hab' ihn genommen, weil er mir

Geld gab -- und weil _Ihr_ mich nicht mochtet!<

Im selben Augenblicke empfanden wir einen furchtbaren, heißen Windstoß,

der uns beide ins Wanken brachte; die Stämme hinter uns ächzten und

knarrten, und aus dem erstickenden Brande züngelten neue Flammen.

>Ha! Ha!< rief sie mit gellendem Gelächter. >Seht Ihr, der Himmel meint

es gut mit mir! Es brennt wieder -- es brennt! Jetzt geht auch das

Nachbarhaus an!< Sie jauchzte in wilder Freude auf, zog die Flasche

hervor und trank gierig mit zurückgeneigtem Haupte und hoch erhobenem

Arm. >Ja, jetzt werden sie braten -- alle -- alle -- die mich ins

Arbeitshaus gebracht. Oh, was hab' ich dort ausgestanden! Ich will nicht

arbeiten, ich mag nicht arbeiten, ich kann nicht arbeiten -- und wer

mich dazu zwingt, der ist mein Feind, den hass' ich und den bring' ich

um!< Sie begann, eine branntweintrunkene Mänade, mich mit plumpen,

häßlichen Sprüngen zu umtanzen.

Ich faßte sie rauh an und zwang sie still zu stehen. >Du kannst nicht

arbeiten?< rief ich. >Nun wirst du's erst recht müssen! Denn auf das

hin< -- ich wies nach dem Feuer -- >bekommst du wenigstens zehn Jahre

Zuchthaus. Und dort läßt man die Leute nicht feiern!<

>Zuchthaus!< rief sie mit tollem Gelächter. >Zuchthaus! Den möcht' ich

sehen, der mich ins Zuchthaus bringt!<

>Was? Glaubst du, man werde nicht sofort auf dich verfallen? Dich nicht

vor Gericht stellen?<

>Wenn man mich hat!<

>Meinst du zu entkommen? Wo willst du denn hin?<

Sie breitete die Arme weit auseinander, als wollte sie den unendlichen

Raum bezeichnen.

>Die Gendarmen werden dich überall finden!<

>Meint Ihr? Oder wollt _Ihr_ mich gleich fassen? Tut's! Ihr habt ja auch

ein Gewehr!< Sie langte rasch darnach, und ich hatte alle Mühe, es ihr

zu entringen. >Schießt mich nieder!< heulte sie plötzlich, >schießt mich

nieder!< Sie warf sich zu Boden und wand sich mir zu Füßen. >Oder nein,

küßt mich!< schrie sie, wieder rasch aufspringend. >Küßt mich! Meint

Ihr, ich weiß nicht, daß ich Euch gefallen habe? Daß Ihr in mich

verliebt wart? Ja, verliebt! Damals -- erinnert Ihr Euch? Ihr habt Euch

nur geschämt, sonst wäret Ihr mir nachgelaufen wie ein Hund, wäret mir

um den Hals gefallen. Tut's jetzt, da alles aus ist! Ihr müßt es tun!<

Gleich einer wilden Katze sprang sie an mir hinauf und umklammerte mich,

als wollte sie mich erwürgen, während ihre durstigen Lippen die meinen

suchten. Stop, der erbost zu bellen angefangen, verbiß sich in ihr Kleid

und zerrte daran; aber sie beachtete es nicht. >Komm',< keuchte sie,

>komm' mit mir in den Wald hinein! Dort ist es Nacht -- kein Mensch

sieht uns -- komm'! komm'!< Sie trachtete, mich in wütender Umklammerung

mit sich fortzuziehen.

Ich machte alle Anstrengungen, mich loszumachen -- es ging nicht; ich

hätte zur äußersten Gewalt schreiten müssen. Und trotz allen Ekels und

Abscheus, trotz der Furcht, die ich jetzt vor ihr empfand, fühlte ich

doch eine plötzliche Wallung des Blutes, meine Sinne drohten sich zu

verwirren; ich befand mich in einer entsetzlichen Lage ....

Doch da erschien die Rettung! Ein näher kommendes Rasseln ertönte; es

war die kleine Feuerspritze eines auswärtigen Maierhofes, die dem

bedrängten Orte zu Hilfe eilte. Um Zeit zu gewinnen, hatte sie einen

breiten Feldweg eingeschlagen, der unten am Walde vorüberführte; sie kam

jedoch, des stark ausgefahrenen Geleises wegen, nur langsam vorwärts.

Die Bedienungsmannschaft war abgesessen und eilte neben dem holpernden

Gefährt einher.

>He, Leute!< rief ich mit aller Kraft. >Hieher, ihr Leute! Hier ist die

Mordbrennerin! Faßt sie! Herauf ihr Leute!< Doch niemand kehrte sich

daran; meine Rufe schienen unvernommen im Winde zu verhallen. Die

Trunkene, Wahnwitzige aber schien zur Besinnung zu kommen und Bestürzung

zu empfinden. Sie ließ in ihrer Umschlingung nach, und so konnte ich sie

beiseite schleudern, die Hähne meines Gewehres spannen und rasch

hintereinander beide Läufe in die Luft abfeuern. Das wirkte. Die Männer

hielten an und blickten durch das Halbdunkel forschend empor. Maruschka,

die Gefahr erkennend, wandte sich eilig zur Flucht und verschwand

zwischen den Stämmen.

>Laufe du nur!< rief ich ihr, zitternd vor Aufregung, nach. >Man kennt

dich und wird dich zu finden wissen!<

Aber man fand sie nicht. Alle Nachforschungen, die man unverweilt nach

glücklich bewältigtem Brande im Revier sowohl als in der ganzen Gegend

anstellte, hatten keinen Erfolg. Sie war und blieb verschwunden. Erst im

Frühjahr, als der Schnee längst geschmolzen war, entdeckte man im Wald

unter dem Geröll eines schmalen und tiefen Wasserrisses eine weibliche

Leiche. Sie war bis zur Unkenntlichkeit entstellt; aber alle Anzeichen

sprachen dafür, daß es die der Troglodytin gewesen. Mir selbst blieb der

Anblick erspart, denn noch in demselben Winter war ich als Unterförster

auf ein Gut versetzt worden, das ein Schwiegersohn des Grafen in

Südsteiermark, nahe der kroatischen Grenze, besaß.«

Ginevra.

Vorwort des Herausgebers.

Auch in unserer Novelle hat Saar ältere Motive wieder aufgegriffen und

fortgesponnen. Das Motiv des mit Liebesschuld beladenen Offiziers hatte

er in der Umarbeitung von »^Vae victis^« wieder fallen gelassen (Band

VIII, Seite 9); und mit den Papieren zum »Haus Reichegg« stimmt nicht

bloß die Situation, die Teilnahme der Offiziere an dem Tanzvergnügen der

Städter, sondern auch die Schilderung Ginevras überein. Die Handschrift

unserer Novelle ist »Blansko, 4. März 1889« datiert. Es ist eine

Reinschrift, die aber noch so viele Korrekturen erfahren hat, daß sie

stellenweise nur schwer leserlich geworden ist. Sie liegt zunächst dem

ersten Abdruck in dem Wiener Jahrbuch »Dioskuren« 1890 (XIX. Jahrgang,

Seite 149-179) zugrunde, der freilich bei der Korrektur noch leise

Abänderungen erfahren hat; auf den Dioskuren beruht aber auch noch der

späte Abdruck in der Zeitschrift »Moderne Kunst« (XVII. Jahrgang,

1902/3, Seite 262 ff., 294 ff., 305 ff., 314 ff.). Für eine neue Ausgabe

hat der Dichter zunächst in einem Separatabdruck aus den Dioskuren

Änderungen angebracht, sie aber dann doch wieder in die Handschrift

eingetragen und diese zum zweiten Male dem Abdruck in der vierten

Novellensammlung »Frauenbilder« 1892 (Seite 1-82) zugrunde gelegt,

wodurch die Korrekturen so zahlreich geworden sind, daß der Verleger

wiederholt einzelne Stellen ins Reine schreiben mußte und sich bei

dieser Gelegenheit auch für ein paar Änderungen im Wortgebrauch die

Zustimmung des Dichters einholte. Trotzdem auch hier noch bei der

Korrektur nachgeholfen worden war, genügte auch diese Fassung dem

unermüdlich feilenden Dichter nicht. Er erbat sich am 3. April 1896 ein

Exemplar der »Frauenbilder« für eine etwa notwendige zweite Auflage und

unterzog sie im März des folgenden Jahres eingehenden Verbesserungen,

die dann der ersten zweibändigen Ausgabe der »Novellen aus Österreich«

1897 (zweiter Band, Seite 179-232) zugute kamen und nicht mehr bloß die

Form betrafen: denn die Mutter der Ginevra stammt nun nicht mehr aus

Conegliano, sondern aus Bassano, und der Satz am Schlusse, nach welchem

der Oberst zu der Polin immer noch in Beziehungen steht, ist erst hier

eingefügt. In der zweiten Ausgabe dieser Sammlung (a. a. O.) ist dann

neben geringen stilistischen Änderungen die Chiffre L... in Leitmeritz

aufgelöst worden. Dem Abdruck in Reclams Universalbibliothek (Nr. 4600

[1904]) scheinen noch nicht zu Ende korrigierte Druckbogen dieser

letzten Ausgabe zugrunde zu liegen; denn er stimmt an einigen wenigen

Stellen noch mit der vorletzten überein.

Das Diner war vorüber und die kleine Tischgesellschaft begab sich in den

Garten der Villa, um dort den Kaffee zu nehmen. Nachdem man sich auf

einer Terrasse niedergelassen, die den Ausblick auf die umliegenden

Höhen und einen Teil der Stadt eröffnete, sagte die Hausfrau: »Erzählen

Sie uns doch endlich von dieser Ginevra, lieber Oberst. Versprochen

haben Sie es längst. Jedenfalls muß sie etwas ganz Besonderes gewesen

sein, da Sie noch immer mit einer Art Andacht ihrer gedenken. Lassen Sie

sich daher nicht bitten. Wir sind ganz unter uns, und hoffentlich kommt

kein unerwarteter Besuch, der Sie unterbrechen könnte.«

Der Oberst, ein hochgewachsener, schlanker Mann in bürgerlicher

Kleidung, blickte nachdenklich auf die Glimmfläche der Zigarre nieder,

die er sich soeben angezündet. »Nun denn,« sagte er, »wenn Sie wollen,

soll es geschehen, obgleich ich befürchten muß, ein recht unüberlegtes

Versprechen gegeben zu haben. Denn was ich vorbringen kann, ist

eigentlich doch nur eine veraltete Liebesgeschichte, welche, wenn sie

heute gedruckt würde, vielleicht niemand mehr lesen möchte. Indes, wie

gesagt, wenn Sie es wirklich wünschen, bin ich bereit. Ist es doch ein

Genuß, wenn auch ein schmerzlicher, sich in die goldenen Tage der Jugend

zurückzuversetzen.«

Sämtliche Werke 9: Novellen aus Österreich III · 第 20 / 53 题